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1 1. Einführung: Was ist/kann empirische (Sozial-)Wissenschaft sein?

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PD Dr. Volker Dreier
Forschungsinstitut für Soziologie
Universität zu Köln
VORLESUNG: Grundlagen und Methoden der empirischen Sozialforschung
Empirische (Sozial)forschung: Eine (mögliche!) Begriffsbestimmung
1. Einführung: Was ist/kann empirische (Sozial-)Wissenschaft sein?
Zur Problematik einer einheitlichen Definition
Eine Antwort auf die Frage zu geben, was Wissenschaft ist, scheint auf den ersten Blick ein sehr einfaches
Unternehmen zu sein, werden wir doch täglich mit ihren Ergebnissen konfrontiert. Dies kann sehr
unmittelbar der Fall sein, etwa in der Weise, daß wir im Fernsehen nach einer Bundestagswahl nicht nur
über die Wahlergebnisse, sondern auch über die Wählerwanderungen zwischen den Parteien informiert
werden oder in einer Tageszeitung mitgeteilt bekommen, daß ein weiterer subatomarer Baustein der
Materie entdeckt wurde. Sind wir prinzipiell in der Lage, solche Ergebnisse zu ignorieren bzw. nicht
wahrzunehmen, so können wir uns den mittelbaren Ergebnissen von Wissenschaft in unserem
Alltagsleben weniger leicht entziehen, bestimmen sie dieses doch in erheblicher Weise, sei es in Form von
industriellen Produkten (Autos, Kühlschränke, Personal-Computern, naturidentische Aromen), in der
Normierung individueller Verhaltensweisen (Benutzung von Kondomen wegen der Ansteckungsgefahr
durch AIDS, Benutzung FCKW-freier Deosprays zum Schutz der Ozonschicht) oder durch die
Veränderung unserer Umwelt und den daraus oftmals resultierenden sozialen und politischen Problemen
(Bau von Atomkraftwerken, Flughäfen und Kläranlagen).
Trotz dieser für unsere moderne Zivilisation omnipotenten Bedeutung und Einflußnahme von
Wissenschaft fällt es uns schwer, eine einheitliche Definition dessen anzugeben, was Wissenschaft denn
nun eigentlich ist. Ein erster Grund für diese Schwierigkeit mag wohl darin bestehen, daß wir mit dem
Terminus 'Wissenschaft' verschiedene, wenn auch miteinander zusammenhängende Entitäten assoziieren.
So kann Wissenschaft als eine bestimmte Institution (Wissenschaftler, Forschungsorganisation) aufgefaßt
werden, als Forschungsprozeß, als eine bestimmte Methode oder als eine bestimmte Organisation von
Wissen. Zweifellos haben alle angeführten Sichtweisen etwas miteinander gemeinsam bzw. lassen sich
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relationell zu einer möglichen Definition von Wissenschaft, wie etwa der folgenden, zusammenfassen
(NIINILUOTO 1984a:2f):
Wissenschaft ist eine Institution, welche mittels wissenschaftlicher Forschung wissenschaftliches
Wissen produziert. Wissenschaftliche Forschung meint dabei das systematische und
institutionalisierte Streben nach neuem Wissen unter Verwendung wissenschaftlicher Methoden.
Dabei stellen wissenschaftliche Methoden das von der wissenschaftlichen Gemeinschaft
akzeptierte Werkzeug für die Produktion von wissenschaftlichem Wissen dar. Wissenschaftliches
Wissen beinhaltet so die durch wissenschaftliche Methoden erzielten Resultate der Forschung.
Eine solche Definition mag auf den ersten Blick brauchbar erscheinen, erweist sich jedoch auf den
zweiten Blick als zirkulär, wird doch keiner ihrer Bestandteile unabhängig von den anderen bestimmt.
Eine zweite Möglichkeit der Definition von Wissenschaft könnte über die ihr zugeschriebenen
präskriptiven bzw. konnotativen Eigenschaften erfolgen. Nach LASTRUCCI (1967:5) ist Wissenschaft
bspw. für den einen nur ein prestigeträchtiges Unternehmen, für den anderen ein System "wahren"
Wissens und für wieder andere bedeutet Wissenschaft die "objektive" Untersuchung empirischer
Phänomene.
An allen diesen drei Positionen, die keineswegs erschöpfend sind, sondern nur eine Auswahl darstellen,
kann die Vieldeutigkeit des Terminus 'Wissenschaft' zum Ausdruck gebracht werden. Die Gründe für
diese Vieldeutigkeit sind mannigfach. Ein Grund besteht u.a. darin, daß wir oftmals den Inhalt von
Wissenschaft mit ihrer Methode verwechseln. Wir übersehen dabei, daß der Inhalt von Wissenschaft,
unter diachronen Gesichtspunkten betrachtet, einem permanenten Wandel unterzogen ist, denn was wir
heute als wissenschaftlich akzeptieren, kann sich morgen schon als unwissenschaftlich heraustellen.
Ebenso ist es verfehlt, anzunehmen, daß Wissenschaft ein spezifischer Objektbereich zukommt, denn
nicht jede Untersuchung bspw. empirischer Phänomene können wir mit dem Attribut 'wissenschaftlich'
belegen. So untersucht bspw. die Astrologie durchaus empirische Phänomene, nämlich die Position von
Himmelskörpern und ihre Beziehung zu Ereignissen des menschlichen Lebens, um daraus Beziehungen
zwischen diesen zu deduzieren, doch kann daraus nicht abgeleitet werden, daß Astrologie eine
Wissenschaft darstellt. Daß wir die Astrologie nicht als eine Wissenschaft bezeichnen, gründet deshalb
nicht in ihrem Untersuchungsbereich, sondern in ihrer Methode.
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Diese Feststellung könnte uns zu der Behauptung verleiten, daß Wissenschaft über die ihr
zugrundeliegende Methodologie definiert werden kann - eine Möglichkeit, die wir schon bei David
HUME antreffen, der dies sehr plastisch im Schlußteil seiner Enquiry (HUME 1984 [1748]:193)
formuliert:
"Sehen wir, von diesen Prinzipien durchdrungen, die Bibliotheken durch, welche Verwüstungen
müssen wir da nicht anrichten? Greifen wir irgend einen Band heraus, etwa über Gotteslehre oder
Schulmetaphysik, so sollten wir fragen: Enthält er irgend einen abstrakten Gedankengang über
Größe oder Zahl? Nein. Enthält er irgend einen auf Erfahrung gestützten Gedankengang über
Tatsachen und Dasein? Nein. Nun, so werft ihn ins Feuer, denn er kann nichts als Blendwerk und
Täuschung enthalten."
Definieren wir Wissenschaft jedoch über ihre Methode, so lassen wir dabei außer acht, daß
wissenschaftliche Methoden einem Veränderungsprozeß in der Zeit unterworfen sind. D.h. was heute als
wissenschaftliche Methode akzeptiert wird, kann in Zukunft wieder verworfen bzw. als
unwissenschaftlich bestimmt werden. Der Wissenschaftstheoretiker Paul FEYERABEND (1976) bspw.
zeigt anhand zahlreicher wissenschaftshistorischer Beispiele, daß es keine generellen wissenschaftlichen
Methoden für Wissenschaft gibt, gegen die wir nicht im Namen des wissenschaftlichen Fortschritts immer
wieder verstoßen.
Eine dritte hier anzuführende Möglichkeit, den Terminus 'Wissenschaft' definitorisch zu erfassen, könnte
in der Behauptung bestehen, Wissenschaft sei das, was Personen, die wir als Wissenschaftler bezeichnen,
in einer Forschungs- oder Lehranstalt tun. Doch was haben wir damit gewonnen? Letztendlich doch wohl
nur, daß Wissenschaft durch eine bestimmte Tätigkeit, d.h. durch ein bestimmtes Handeln, im Rahmen
einer bestimmten Organisationsform ausgezeichnet ist. Was Wissenschaft denn nun eigentlich ist, wird
jedoch auch durch diese Vorgehensweise nur unzulänglich beantwortet. So scheint es bspw. fragwürdig,
ob wir ein bestimmtes Handeln selbst schon als wissenschaftlich bezeichnen können, ohne die Zwecke,
Ziele und Ergebnisse eben dieses Handelns konstitutiv mitzuberücksichtigen.
Was könnten die Zwecke, Ziele und Ergebnisse eines solchen Handelns sein? Nach PATZELT
(1993:49f) besteht der Zweck dieses spezifischen Handelns in der Produktion von Aussagen über einen
bestimmten Phänomenbereich mit der Zielsetzung, daß diese Aussagen in bezug auf ihren empirischen
und logischen Wahrheitsgehalt jenen Aussagen überlegen sind, welche schon allein mittels des gesunden
Menschenverstandes formuliert werden können. Die Ergebnisse eines solchen Handelns sind dann die
Zweckrealisierungen, d.h. Aussagen im oben angesprochenen Sinne.
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Doch auch diese Minimaldefinition von Wissenschaft als einem spezifischen Handeln ist nicht
allgemeiner Konsens. WOHLGENANNT (1969) bspw. orientiert seine Definition von Wissenschaft
explizit nicht an einer bestimmten Tätigkeit, sondern ausschließlich an den Ergebnissen. Seiner Definition
zufolge ist ein bestimmtes Handeln nur dann als wissenschaftlich zu bezeichnen, wenn die durch sie
erzielten Ergebnisse das Kriterium der Wissenschaftlichkeit erfüllen, d.h. daß "die Wissenschaftlichkeit
einer Haltung oder Tätigkeit [...] jeweils an der Wissenschaftlichkeit ihrer Resultate gemessen" werden
muß (WOHLGENANNT 1969:32).
Folgende Kriterien bzw. Postulate sind nach WOHLGENANNT Determinanten für Wissenschaftlichkeit:
1.
Ableitungsrichtigkeit und Widerspruchsfreiheit;
2.
Genauigkeit und intersubjektive Verständlichkeit; und
3.
die Feststellbarkeit des Wahrheitswertes, d.h. intersubjektive Prüfbarkeit.
Mit diesen Kriterien wird bei WOHLGENANNT ein absoluter Begriff von Wissenschaft begründet,
welche von ihm definitorisch in folgendem mehrstelligen Prädikat von Wissenschaft zum Ausdruck
gebracht werden (WOHLGENANNT 1969:197):
"Unter 'Wissenschaft' verstehen wir einen widerspruchsfreien Zusammenhang von
Satzfunktionen (Aussageformen) oder geschlossenen Satzformen (Aussagen), die einer
bestimmten Reihe von Satzbildungsregeln entsprechen und den Satzformationsregeln (logischen
Ableitungsregeln) genügen, oder aber wir verstehen darunter einen widerspruchsfreien
Beschreibungs- oder Klassifikations- und/oder Begründungs- und Ableitungszusammenhang von
teils generellen, teils singulären, zumindest indirekt intersubjektiv prüfbaren, faktischen
Aussagen, die einer bestimmten Reihe von Satzbildungsregeln entsprechen und den
Satzformationsregeln (logischen Ableitungsregeln) genügen".
WOHLGENANNTs Definition von Wissenschaft stellt das Resultat einer historischen Analyse der
innerhalb des Wissenschaftsbetriebs aufgestellten Forderungen für Wissenschaftlichkeit dar. Wie
BAUMGARTNER (1974:1753f) jedoch bemerkt, enthalten die in diesem Wissenschaftsbegriff
formulierten Kriterien der logischen Widerspruchsfreiheit, der Exaktheit und der intersubjektiven
Prüfbarkeit "einen Einschuß an Idealität, an idealer Normativität, der über ein bloßes Anerkanntsein in
Richtung auf eine allgemeine Gültigkeit der Forderungen hinaus zielt". Für diese Wissenschaftsdefinition
kann dies zu dem Urteil führen, daß wirkliche Erkenntnis nur unter strikter Befolgung oben angeführter
Postulate gewonnen werden kann. Dies führt aber zu allgemeinen erkenntnistheoretischen Fragen, wie
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nach der Rechtfertigung der (formalen) Logik zur Erkenntnisgewinnung überhaupt und nach der
empirischen Basis, aufgrund derer intersubjektive Überprüfung erfolgen soll.
Nach BAUMGARTNER impliziert dies sowohl das problematische Verhältnis von empirischer
Erfahrungsbasis und Theorie sowie das Verhältnis von singulären und generalisierenden Sätzen als auch
das Problem der Theoriendynamik und des wissenschaftlichen Fortschritts -
Fragen und
Problembereiche, die Gegenstand der Wissenschaftstheorie sind.
Stellen wir vor dem Hintergrund der bis jetzt erfolgten Reflexionen die erneute Frage "Was ist
Wissenschaft?", so ist das Ergebnis mehr als ernüchternd. Wir sind mit einer Vielzahl von
Definitionsmöglichkeiten konfrontiert, an denen allen sich berechtigte Kritikpunkte anbringen lassen.
Eine einheitliche Definition von 'Wissenschaft' in dem Sinn, daß sie notwendige und hinreichende
Kriterien für diese Entität beinhaltet, steht folglich noch immer aus. Was wir angeben können, sind primär
nur sehr allgemeine Kriterien als Voraussetzungen, um ein Unternehmen überhaupt erst als Wissenschaft
annäherungsweise bezeichnen zu können.
Das Ausstehen einer einheitlichen Definition des Wissenschaftsbegriffs liegt u.E. jedoch weniger in
einer vermuteten Unzulänglichkeit derer begründet, die sich um eine solche Definition bemühen, sondern
darin, daß Wissenschaft eine 'lebendige', dynamische Institution darstellt, die sich über die Jahrhunderte
hinweg entwickelt und verändert hat, wobei dieser Prozeß auch heute noch fortdauert. Dies ist auch der
wesentlichste Grund dafür, daß eine rein abstrakte Definition von Wissenschaft immer unzulänglich bzw.
unvollkommen bleiben muß und wird. Wir können nur graduell Kriterien dafür angeben, wie
Wissenschaft von Nicht-Wissenschaft oder Pseudo-Wissenschaft zu trennen ist oder zumindest, was 'gute'
Wissenschaft von 'schlechter' Wissenschaft unterscheiden kann (LAUDAN 1982, 1983).
Eine Arbeitsdefinition von Wissenschaft
Obwohl eine einheitliche, von der wissenschaftlichen Gemeinschaft konsensual akzeptierte Definition
von Wissenschaft immer noch aussteht, sollte uns dieser Tatbestand jedoch nicht zu der Annahme
verleiten, daß wir den Terminus 'Wissenschaft' je nach unserem Gutdünken und unseren individuellen
Erfordernissen multipel verwenden können. Denn sowohl was den Begriff der 'Wissenschaftlichkeit'
betrifft als auch den der Institution Wissenschaft sowie die sie konstituierenden Elemente lassen sich
notwendige formale (wenn auch normative) und empirische Kriterien angeben.
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Zum besseren Verständnis der Einordnung dieser noch anzuführenden Kriterien ist es hilfreich, auf die
von DIEMER (1989:392) vorgeschlagene Differenzierung des Wissenschaftsbegriffs in drei Leitbegriffe
zurückzugreifen. DIEMER zufolge kann 'Wissenschaft' als Kulturbegriff, als anthropologischer Begriff
und als propositionaler (Aussagen-)Begriff aufgefaßt werden.
Wissenschaft läßt sich wie Religion, Recht, Kunst, Wirtschaft etc. dem Bereich der Kultur zuordnen,
wobei Kultur als das System der verschiedenen Bereiche und Dimensionen menschlicher Weltgestaltung
verstanden wird. Unter dieser Perspektive betrachtet umfaßt Wissenschaft folgende Elemente: Personen
und Gruppen, Formen derer Vernetzung, deren Aktivitäten und Ideen, deren Organisationsformen, deren
Apparate und Methoden, sowie die Formen der Vermittlung des erzeugten Wissens an die Gesellschaft.
Wissenschaft als anthroplogischer Begriff wird dagegen enger gefaßt als Wissenschaft als Kulturbegriff.
Wissenschaft umfaßt dieser Perspektive zufolge insbesondere eine spezifische Aktivität (einen
Produktionsprozeß), der von bestimmten Personen ausgeht und getragen wird. Diese spezifische Aktivität
läßt sich als Forschung bestimmen, wobei diese sowohl empirisch als auch theoretisch sein kann.
Ergebnisse der Forschung sind dabei die produzierten wissenschaftlichen Aussagen oder Sätze über
spezifische Untersuchungsbereiche.
Gegenüber dem anthropologischen Begriff von Wissenschaft wiederum enger ist der propositionale
(Aussagen-)Begriff von Wissenschaft. Er beinhaltet das Gesamt der im Wissenschaftsprozeß erzeugten
Sätze und Aussagen, die am Kriterium der "Wahrheit" gemessen werden.
Steigen wir vom Kulturbegriff von Wissenschaft über den anthropologischen Wissenschaftsbegriff zum
propositionalen Wissenschaftsbegriff hinunter, so involvieren diese Schritte eine zunehmende,
hierarchisch geordnete definitorische Verdichtung des Wissenschaftsbegriffs. Die erste und zweite Stufe
dieses
Verdichtungsprozesses
sind
Gegenstand
der
Wissenschaftswissenschaft
und
der
Wissenschaftsphilosophie, während die letzte Stufe den originären Gegenstandsbereich der
Wissenschaftstheorie darstellt.
Für unsere Arbeitsdefinition des Wissenschaftsbegriffs werden wir uns an den letzten beiden Stufen
orientieren, also am anthropologischen und propositionalen Wissenschaftsbegriff. Betrachten wir zunächst
den propositionalen Wissenschaftsbegriff.
Um die im Forschungsprozeß gewonnenen Aussagen und Sätze als 'wissenschaftlich' attributieren zu
können, müssen sie als Minimalforderung den formalen Kriterien der sprachlichen Klarheit und Präzision,
der Intersubjektivität und der Begründbarkeit genügen. Zusammengefaßt können diese Kriterien als
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"rationale Suche nach Wahrheit" (STEGMÜLLER 1973:5) bezeichnet werden bzw. als
Rationalitätspostulat (RP) für die Wissenschaftlichkeit von Forschung und deren Ergebnisse.
Das Kriterium der sprachlichen Klarheit und Präzision fordert, daß wissenschaftliche Aussagen, sei es in
Form von singulären oder generalisierenden Sätzen bzw. in Form von Hypothesen oder Theorien, in der
Art und Weise formuliert sein müssen, daß sie erstens klar und verständlich sind (sich also von der eher
vagen Alltagssprache absetzen) und daß sie zweitens widerspruchsfrei sind. Klarheit und Verständlichkeit
implizieren, daß die verwendeten Begriffe klar definiert sein müssen, Widerspruchsfreiheit, daß sie gemäß
den Regeln der Logik, d.h. gemäß den formalen Regeln korrekten Argumentierens formuliert sind.
Das Kriterium der Intersubjektivität bezieht sich sowohl auf die Kommunikation zwischen den
Wissenschaftlern als auch auf deren Resultate, die sie im Rahmen des Forschungsprozesses erzielen. Auf
die Kommunikation zwischen den Wissenschaftlern bezogen fordert das Kriterium der Intersubjektivität zu verstehen als intersubjektive Verständlichkeit-, daß die von einem Wissenschaftler produzierten Sätze
und Aussagen ihrem Sinn, nicht unbedingt auch ihrer Richtigkeit nach, verstehbar sein müssen. Auf die
Resultate des Forschungsprozesses bezogen fordert das Kriterium der Intersubjektivität -zu verstehen als
intersubjektive Nachprüfbarkeit-, daß die von einem Wissenschaftler erzielten Ergebnisse durch andere
Wissenschaftler prinzipiell nachprüfbar sein müssen.
Das Kriterium der Begründbarkeit schließlich fordert, daß die von einem Wissenschaftler aufgestellten
Sätze und Aussagen -zu verstehen als Behauptungen über einen bestimmten Untersuchungsbereich-,
begründet sein müssen, d.h. sie müssen sich auf rationale Argumente stützen und nicht auf etwaige
Autoritäten oder subjektive Überzeugungen.
Die im Rahmen dieses Rationalitätspostulats formulierten Kriterien für Wissenschaftlichkeit sind
allgemeiner Konsens in der wissenschaftlichen Gemeinschaft und können deshalb als konstitutive
Elemente für eine Definition von Wissenschaft verwendet werden.
Sätze und Aussagen bzw. Hypothesen und Theorien, die unter Befolgung des explizierten
Rationalitätspostulats als wissenschaftlich zu charakterisieren sind, werden, wir bereits angeführt, im
Rahmen eines Prozesses erzeugt, den wir als Forschung bezeichnet haben. Forschung, unabhängig davon,
ob sie empirisch oder theoretisch ist, stellt folglich den Rahmen dar, der wissenschaftliche Ergebnisse erst
möglich macht.
Soll der Begriff Wissenschaft so nicht nur auf die produzierten Ergebnisse beschränkt bleiben, so müssen
zu seiner Definition die diese Ergebnisse produzierenden Entitäten miteinbezogen werden. D.h., wir
müssen die Elemente, die unter den anthropologischen Wissenschaftsbegriff fallen, primär also den
Begriff 'Forschung', konkretisieren und in ihren Relationen zueinander explizieren. Eine auf dieser
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Grundlage entwickelte Definition von Wissenschaft erlaubt uns dann sowohl auf einer allgemeinen Ebene
anzugeben, welche Entität als 'Wissenschaft' gelten kann als auch eine mögliche Systematisierung der
unter einen so definierten Wissenschaftsbegriff fallenden Entitäten nach ihrem jeweiligen
Untersuchungsbereich.
Was erlaubt uns nun, eine bestimmte Tätigkeit als Forschung, genauer, als wissenschaftliche Forschung
zu bezeichnen? Wir postulieren für unsere Definition, daß eine solche Entität zumindest folgende fünf
Bestandteile enthalten muß, um als 'wissenschaftliche Forschung' bezeichnet werden zu können:
1.
Eine Menge von Personen oder Gruppen von Personen;
2.
eine Menge von Untersuchungsobjekten (Forschungsbereichen);
3.
eine Menge von Methoden;
4.
eine Menge von Forschungsinstitutionen; und
5.
eine Menge von Sätzen und Aussagen (Forschungsergebnisse).
Wissenschaftliche Forschung ist dieser Auffassung zufolge als ein relationell verbundenes Gesamt dieser
fünf Elemente definiert, wobei erweiternd noch das Rationalitätsposulat als das für die
Forschungsergebnisse konstitutive Element hinzugefügt werden muß.
Diese Definition von wissenschaftlicher Forschung ist in ihrer Formulierung noch sehr vage,
insbesondere werden in ihr die die Definitionselemente verbindenden Relationen nicht genauer
spezifiziert. Für einen ersten Eindruck, was wissenschaftliche Forschung eigentlich ist bzw. sein kann,
mag diese Definition genügen. Von einem formalen und präzisen Gesichtspunkt aus bleibt sie jedoch in
dieser Form noch ergänzungsbedürftig. Wir werden sie deshalb im folgenden im Rahmen eines mengentheoretischen Prädikats definieren und damit implizit verbunden auch weiter präzisieren und
konkretisieren.
In einem ersten Schritt ist es dazu notwendig, die oben angeführten Definitionselemente von
wissenschaftlicher Forschung mengentheoretisch zu präzisieren.
Eine Menge von Personen (Forschern) oder Gruppen von Personen bezeichnen wir als eine Menge P,
eine einzelne Person aus P mit pi. P beinhaltet die Personen, die wir in ihrer Gesamtheit auch als
wissenschaftliche Gemeinschaft bezeichnen. Diese Menge soll im Rahmen unserer Definition zwei
Bedingungen erfüllen: Sie soll endlich und nicht-leer sein.
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Verstehen wir unter 'Forschung' ein Suchen und Ermitteln von 'etwas', so muß diese Tätigkeit einen
Referenten besitzen, d.h. Forschung hat sich auf ein Untersuchungsobjekt zu beziehen. Die Menge aller
Untersuchungsobjekte bezeichnen wie als eine Menge B. Die Elemente von B stellen alle möglichen
Untersuchungsobjekte dar, denen wir suchend und ermittelnd (oder nachforschend) unsere
Aufmerksamkeit schenken können. Unter analytischen Gesichtspunkten betrachtet, kann B in die drei
Teilmengen BI, BII und BIII untergliedert werden (MENNE 1984:7). Die Teilmenge BI soll als Elemente
die Untersuchungsobjekte beinhalten, die ideale Strukturen zum Inhalt haben (Logik, Mathematik), BII die
Elemente, die vom Standpunkt des Forschers aus bewußtseinsunabhängige Gegebenheiten zum Inhalt
haben (Natur), und BIII die Elemente, die menschliches Handeln und Verhalten in einem weiteren Sinn
zum Inhalt haben, d.h. sowohl konkretes Handeln und Verhalten als auch die Hervorbringungen des
menschlichen Geistes. Die Menge B können wir folglich als Potenzmenge Pot(B) bestimmen, d.h. als
Menge der drei angeführten Teilmengen, symbolisiert: Pot(B) = {BI, BII, BIII} oder als Menge aller
Elemente von BI, BII und BIII, wobei b ein Element aus B darstellt, symbolisiert:
B ={bI1, bI2, bI3,...,bIl, bII1, bII2, bII3,..., bIIm, bIII1, bIII2, bIII3,...,bIIIn}
B soll zwei Bedingungen erfüllen: Sie soll endlich und nicht-leer sein.
'Forschen' im Sinne von Suchen und Ermitteln von 'etwas' im Hinblick auf ein bestimmtes
Untersuchungsobjekt kann nun jedes Individiuum, unabhängig davon, ob es ein Element aus P ist.
Wissenschaftlich wird ein solches Forschen jedoch erst dann, wenn es mittels bestimmter Methoden
erfolgt, denn erst durch ein methodisches und systematisches Vorgehen wird ein bestimmtes Handeln zu
einem wissenschaftlichen Handeln und unterscheidet sich von der zufälligen, ungesicherten
Alltagserkenntnis. Ein weiterer definitorischer Bestandteil von wissenschaftlicher Forschung stellt
folglich die Menge der Methoden dar, die wir mit M bezeichnen wollen. Ebenso wie die Menge B läßt
sich M in Teilmengen zerlegen, und zwar in eine Teilmenge MI, die allgemeine Methoden wie bspw.
Logik und Mathematik umfaßt, und in eine Teilmenge MII, die spezielle Methoden bezüglich der
unterschiedlichen Untersuchungsobjekte umfaßt. Wie B können wir M so entweder als eine Potenzmenge
Pot(M) auffassen, symbolisiert: Pot(M) = {MI, MII}, oder als Menge der Elemente dieser zwei Teilmengen, wobei m ein Element aus M darstellt, symbolisiert:
M = {mI1, mI2, mI3,...,mIm, mII1, mII2, mII3,...,mIIn}
Auch die Menge M soll die Bedingungen erfüllen, endlich und nicht-leer zu sein.
Ein methodengeleitetes Forschen findet normalerweise im Rahmen einer Einrichtung statt, die wir
wissenschaftliche Institution nennen wollen. Die Menge aller möglichen Institutionen, die Forschung
ermöglichen, bezeichnen wir mit I. Unter diese Menge fallen sowohl die Universitäten, Akademien,
spezielle Forschungslabors, kommerzielle Forschungseinrichtungen als auch -als Grenzfall- die Institution
des Privatgelehrten. Die Menge I soll endlich und nicht-leer sein.
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Das für unsere Definition letzte Element bilden schließlich die Ergebnisse eines methodengeleiteten
Forschens innerhalb einer bestimmten Institution. Diese bestehen primär in Sätzen und Aussagen bzw.
Hypothesen und Theorien über ein bestimmtes Untersuchungsobjekt b. Wir bestimmen die Gesamtheit
solcher Ergebnisse als eine Menge ERG, wobei erg ein einzelnes Element dieser Menge bezeichnet. Von
ERG wird ebenso gefordert, daß sie endlich und nicht-leer ist.
Die Mengen P, B, M, I und ERG bilden die Grundbegriffe unseres zu formulierenden
mengentheoretischen Prädikats 'ist eine wissenschaftliche Forschung'.
Um aus diesen Mengen eine mengentheoretische Definition von wissenschaftlicher Forschung zu
formulieren, ist es jetzt noch notwendig, die zwischen diesen Mengen bestehenden Relationen anzugeben
und zu präzisieren bzw. weitere Definitionen zu formulieren.
Als erstes führen wir eine Zuordnungsfunktion f ein, die jedem Element aus P ein Untersuchungsobjekt
aus B zuordnet, symbolisiert:
f: P x B = {<p, b> ⏐ p ∈ P, b ∈ B}
Mit f soll ausgedrückt werden, daß jeder Person der Menge P, d.h. jedem Forscher bzw. jedem Mitglied
der wissenschaftlichen Gemeinschaft, ein Untersuchungsobjekt aus der Menge B zugeordnet ist.
Fassen wir Forschung als eine Tätigkeit, d.h. als Anwendung einer bestimmten Methode auf, so ist es
erforderlich, dieses Handeln unter Einbindung von M zu konkretisieren. Da die Anwendung einer
bestimmten Methode immer auch ein Handeln impliziert, nämlich die Realisierung der durch die Methode
vorgegebenen Handlungsanweisungen, führen wir die vierstellige Relation REAL ein mit REAL(p, m, b,
t). Diese Relation ist wie folgt zu lesen: "Zum Zeitpunkt t wendet der Forscher p die Methode m auf das
Untersuchungsobjekt b an." Weniger genau können wir auch sagen: "Der Forscher 'forscht'".
Mit der Relation REAL haben wir auch eine Variable eingeführt, die bis jetzt noch nicht angesprochen
wurde, nämlich die Zeit. Wir wollen diese als eine Menge T von Zeitpunkten einführen: symbolisiert T =
{t1, t2, t3,...,tn}. Die Elemente von T sollen durch eine Relation ≤ geordnet sein, so daß bspw. der
Ausdruck t ≤ t' bedeutet: "Zeitpunkt t ist früher als Zeitpunkt t'".
Die Relation REAL können wir auch als eine einzelne Forschungshandlung fh bezeichnen, so daß gilt:
fh = REAL(p, m, b, t). Die Menge solcher Forschungshandlungen bezeichnen wir mit FH. Diese Menge
soll nicht-leer sein.
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Wissenschaftliche Forschung soll in unserer Definition immer im Rahmen einer Institution stattfinden.
Um diese Forderung zu gewährleisten führen wir die Funktion g ein, die jedem Element aus P, also jedem
Forscher, ein Element aus I, also eine Institution, zuordnet, symbolisiert:
g: P x I = {<p, i> ⏐ p ∈ P, i ∈ I}
Unsere letzte Konkretisierung betrifft die von einem Forscher produzierten Ergebnisse in Form von
Sätzen und Aussagen bzw. Hypothesen und Theorien über sein Forschungsobjekt. Im Kern stellen diese
Ergebnisse das Resultat einer Forschungshandlung fh dar. Greifen wir auf unsere Relation REAL(p, m,
b, t) zurück, so können wir das Ergebnis erg einer Forschungshandlung fh als Funktion wie folgt
ausdrücken, wobei t' den Zeitpunkt der Beendigung einer Forschungshandlung bedeuten soll:
fh(erg) = REAL(p, m, b, t')
Ein Forschungsergebnis erg als Resultat einer Forschungshandlung fh hat, um als wissenschaftlich
gelten zu können, das oben angeführte Rationalitätspostulat RP zu erfüllen.
Damit haben wir jetzt alle definitorischen Bestandteile unserer Definition von 'wissenschaftlicher
Forschung' präzisiert und konkretisiert. Im Rahmen einer mengentheoretischen Definition lautet die
Definition für 'ist eine wissenschaftliche Forschung' dann wie folgt:
X ist eine wissenschaftliche Forschung genau dann, wenn es P, B, M, I, ERG, f, T, ≤, REAL, FH,
g, und RP gibt, so daß gilt:
(1)
X = <P, B, M, I, ERG, f, T, ≤, REAL, FH, g, RP>
(2)
P ist eine endliche und nicht-leere Menge von Personen
(3)
B ist eine endliche und nicht-leere Menge von Untersuchungsobjekten
(4)
M ist eine endliche und nicht-leere Menge von Methoden
12
(5)
I ist eine endliche und nicht-leere Menge von Institutionen
(6)
ERG ist eine nicht-leere Menge von Forschungsergebnissen
(7)
f: P x B = {<p, b> ⏐ p ∈ P, b ∈ B}
(8)
T ist eine nicht-leere durch ≤ geordnete Menge von Zeitpunkten
(9)
REAL(p, m, b, t) ist eine Realisierungsfunktion
(10)
FH ist eine endliche und nicht-leere Menge von Forschungshandlungen, wobei eine
Forschungshandlung mit (9) identisch ist
(11)
g: P x I = {<p, i> ⏐ p ∈ P, i ∈ I}
(12)
fh(erg) = REAL(p, m, b, t') ist das Ergebnis einer durchgeführten Forschungshandlung
(13)
∀ erg ∈ ERG gilt RP
Jede Entität bzw. jede menschliche Aktivität X, die diese Definition erfüllt, wollen wir allgemein als
'wissenschaftliche Forschung' bzw. als 'Wissenschaft' bezeichnen.
Ein Systematisierungsvorschlag wissenschaftlicher Forschung
Die Entitäten, die die mengentheoretische Definition von wissenschaftlicher Forschung erfüllen, können
in bezug auf ihre Untersuchungsobjekte wie folgt systematisiert werden:
13
1.
Bestehen die Untersuchungsobjekte aus idealen Strukturen, so bezeichnen wir solche
Entitäten als formalwissenschaftliche Forschung. Darunter fallen bspw. primär die Logik
und Mathematik;
2.
bestehen die Untersuchungsobjekte aus bewußtseinsunabhängigen Gegebenheiten, so
bezeichnen wir solche Entitäten als naturwissenschaftliche Forschung. Darunter fallen
bspw. primär die Physik, Chemie, Astronomie, Geologie und Biologie;
3.
bestehen die Untersuchungsobjekte aus menschlichem Handeln und Verhalten in einem
weiteren Sinn, so bezeichnen wir solche Entitäten als kulturwissenschaftliche Forschung.
Die kulturwissenschaftliche Forschung können wir weiter differenzieren in geisteswissenschaftliche
Forschung und sozialwissenschaftliche Forschung.
Die Untersuchungsobjekte geisteswissenschaftlicher Forschung bestehen in den Hervorbringungen des
menschlichen Geistes. Hierunter fallen bspw. primär die Sprachwissenschaften, Kunstwissenschaften etc.
Die Untersuchungsobjekte sozialwissenschaftlicher Forschung bestehen dagegen in den konkreten
Abläufen und Ergebnissen menschlichen Handelns und Verhaltens. Hierunter fallen bspw. primär die
Psychologie, Soziologie, Politikwissenschaft.
Sozialwissenschaftliche und naturwissenschaftliche Forschung bezeichnen wir deshalb auch als
erfahrungs- oder realwissenschaftliche bzw. empirische Forschung, da sie ihre Untersuchungsobjekte in
einem strengen Sinne empirisch, d.h. 'sinnlich', erfassen, beschreiben und analysieren.
Diese Systematisierung ist nun jedoch nicht in dem Sinn zu interpretieren, daß die unterschiedlichen
Typen von Forschung eindeutig jeweils einer wissenschaftlichen Disziplin zugeordnet werden können.
Unsere Zuweisung von wissenschaftlichen Disziplinen zu den einzelnen wissenschaftlichen
Forschungstypen, wie eingangs vorgenommen, stellt nur eine heuristisch zu verstehende Möglichkeit für
eine erste Orientierung dar. Die Soziologie bspw. läßt sich nicht eindeutig der sozialwissenschaftlichen
und damit (implizite) der empirischen Forschung zuordnen, sondern in Teilbereichen ebenso der
geisteswissenschaftlichen Forschung, nämlich dann bspw., wenn sie im Kontext historisch-genetischer
Ansätze betrieben wird. Auf der anderen Seite kann auch eine genuin geisteswissenschaftliche Disziplin,
wie bspw. die Literaturwissenschaft, teilweise als empirische Forschung betrieben werden (HAUPTMEIER, SCHMIDT 1985).
Diese Feststellung rechtfertigt u.E. nach auch die Systematisierung von Wissenschaft nach dem Kriterium
'wissenschaftliche Forschung' anstatt nach den bestehenden, universitär verorteten Disziplinen.
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Was ist empirische Forschung?
Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Vorentscheidungen
Beziehen wir uns auf den oben angeführten Systematisierungsvorschlag wissenschaftlicher Forschung,
so ist jede wissenschaftliche Forschung, deren Ergebnisse, d.h. Sätze und Aussagen bzw. Hypothesen und
Theorien über ihre Untersuchungsobjekte, auf der Grundlage 'sinnlicher' Erfahrung erzielt als auch durch
diese auf ihre Richtigkeit ('Wahrheit') überprüft werden (können), empirische Forschung. Diese Bestimmung von empirischer Forschung ist nun jedoch in allen ihren Charakterisierungselementen erläuterungsbzw. klärungsbedürftig, berühren diese doch erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Grundfragen, über
die innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft keineswegs ein Konsens besteht.
Grundlegend ist zunächst einmal die Bestimmung der Referenten, über die wir mittels 'sinnlicher'
Erfahrung überhaupt begründetes Wissen erzielen können. Diese Bestimmung kann aus
erkenntnistheoretischer Sicht von vier Positionen aus erfolgen (WESTERMANN 1987:3): aus einer
realistischen, einer idealistischen, einer empiristischen und einer rationalistischen.
Die Vertreter der realistischen Erkenntnistheorie vertreten die Ansicht, daß eine von uns als Subjekten
unabhängige Wirklichkeit existiert und wir diese durch 'sinnliche' Wahrnehmung und Denken erkennen
können.
Die idealistisch orientierten Erkenntnistheoretiker vertreten dagegen die Auffassung, daß es nur eine
geistige Wirklichkeit gibt und keine von uns unabhängige Außenwelt. Die empiristische Variante der
Erkenntnistheorie geht davon aus, daß allein die 'sinnliche' Erfahrung Quelle der Erkenntnis sein kann.
Für die Vertreter der rationalistischen Erkenntnistheorie wiederum ist alles Wissen primär durch Vernunft
und Verstand und nicht in der 'sinnlichen' Erfahrung begründet.
Diese vier erkenntnistheoretischen Positionen werden in der Forschungspraxis jedoch nicht in der von
uns angeführten reinen Form vertreten, sondern zumeist in Kombinationen. Für unsere Bestimmung von
empirischer Forschung entscheiden wir uns für eine Kombination aus realistischer, empiristischer und
rationalistischer Erkenntnistheorie, welche auch als 'wissenschaftlicher Realismus' bezeichnet wird. In der
Literatur wird diese erkenntnistheoretische Position nun jedoch wiederum mit den unterschiedlichsten
Konnotationen belegt. Wir wollen uns hier deshalb nur auf den gemeinsamen Minimalnenner dieses
Ansatzes beziehen, der in der Formulierung von SNEED (1983:346ff) und STEGMÜLLER (1986:316ff)
aus folgenden Thesen besteht:
15
1.
Die Fachliteratur, die mit empirischen Theorien verbunden ist, enthält (ausdrücklich oder
implizit) deskriptive Aussagen über die von den Theorien behandelten Gegenstände.
2.
Alle in präzise formulierten deskriptiven Aussagen empirischer Theorien erwähnten
Individuen und Eigenschaften haben denselben ontologischen Status.
3.
Die Referenz bestimmter Terme, die in empirischen Wissenschaften verwendet werden,
bleibt unverändert, während sich die Behauptungen, die empirische Theorien mit Hilfe
dieser Terme formulieren, ständig ändern.
Zum besseren Verständnis sollen diese drei Thesen kurz erläutert werden. In These 1 wird zum
Ausdruck gebracht, daß die Wissenschaftler einer bestimmten empirischen Disziplin darin
übereinstimmen, daß die Objekte und Eigenschaften, über die sie reden, auch wirklich 'existieren'. Unter
diese Objekte und Eigenschaften fallen dabei nicht nur solche, die in einem strengen Sinne direkt
'sinnlich' erfaßbar sind, sondern auch solche, die direkter 'sinnlicher' Erfahrung nicht zugänglich sind, wie
bspw. 'Quarks' und 'Elektronen' in der Physik oder 'Macht' und 'sozioökonomischer Status' in der
Soziologie.
In These 2, die eng mit These 1 zusammenhängt, wird der ontologische Bezug einer empirischen Theorie
angesprochen, d.h. eine Theorie muß die Existenz dessen voraussetzen, was ihre singulären Terme
bezeichnen oder was ihre Referenz ausmacht.
Mit These 3 wird verkürzt ausgedrückt, daß sich nicht die durch singuläre Terme denotierten Entitäten
ändern, sondern nur unsere Aussagen über diese, bspw. im Rahmen der historischen Entwicklung einer
Theorie.
Nehmen wir den wissenschaftlichen Realismus in dieser Minimalformulierung als erkenntnistheoretische
Grundlage an, so lassen sich auf dieser auch die folgenden weiteren Charakterisierungsmerkmale
empirischer Forschung konkretisieren: 'sinnliche' Erfahrung, empirische Theorie und deren empirische
Überprüfung.
Unter 'sinnlicher' Erfahrung wollen wir zunächst einmal ein Erkenntnisverhältnis verstehen, in dem
Gegenstände und Beziehungen zwischen ihnen wahrgenommen werden. D.h. 'sinnliche' Erfahrung ist die
Erkenntnis dessen, was unmittelbar gegeben ist. Darüber hinaus umfaßt 'sinnliche' Erfahrung aber auch
den Prozeß der Synthese von unmittelbar Gegebenem zu gesetzesförmigen Feststellungen wie bspw.
"Wenn a ein Mensch ist, dann stirbt er zu einem bestimmten Zeitpunkt t".
16
Diese Leistung der Synthese ist ein primäres Merkmal von empirischer Forschung, begründet sich darin
doch erst ihre Erklärungs- und Prognosefähigkeit. Gemäß unserer erkenntnistheoretischen Position setzen
wir auch die Existenz von nicht unmittelbar gegebenen Entitäten wie bspw. 'Macht' voraus. 'Sinnliche'
Erfahrung bezieht sich deshalb auch auf diese Entitäten, die nur mittelbar erfahrbar sind. Sie bezeichnen
ein weiteres primäres Merkmal empirischer Forschung, indem sie diese als eine Aktivität bestimmen, die
das unmittelbar Gegebene transzendiert und somit auch den Prozeß der Wissensvermehrung über ihre
Objektbereiche induziert.
'Sinnliche' Erfahrung dieser Form muß, um nicht subjektivistischer Natur zu bleiben, in Form von Sätzen
und Aussagen bzw. Hypothesen und Theorien, d.h. in Form einer Sprache, objektiviert werden. Eine
empirische Theorie macht so sprachlich formulierte Aussagen über die durch 'sinnliche' Erfahrung
ermittelten Wahrnehmungen, sie bezieht sich dabei sowohl auf unmittelbar Gegebenes als auch auf nur
mittelbar Gegebenes.
Eine empirische Theorie stellt folglich, analytisch betrachtet, Behauptungen über etwas von uns
unabhängig 'Existierendes' auf.
Es ist nun jedoch nicht so, daß die im Rahmen empirischer Forschung aufgestellten Sätze und Aussagen
bzw. Hypothesen und Theorien immer mit der durch sie beschriebenden Wirklichkeit übereinstimmen,
d.h. diese 'korrekt' wiedergeben. Es ist sogar fraglich, ob wir überhaupt definitiv die Übereinstimmung
dieser Gebilde mit der Wirklichkeit ermitteln können. Damit haben wir auch das dritte Element unser
Charakterisierung von empirischer Forschung angesprochen, das der Überprüfung.
Die Überprüfung unserer Sätze und Aussagen bzw. Hypothesen und Theorien über die Wirklichkeit hat
an eben dieser und durch diese zu erfolgen. Die durch 'sinnliche' Erfahrung erfaßbare Wirklichkeit ist
folglich Ausgangs- und Endpunkt empirischer Forschung.
Sowohl die Erfassung als auch die Überprüfung von Gebilden wie Aussagen und Theorien sind jedoch
erkenntnistheoretischen Restriktionen ausgesetzt. Es wäre vermessen anzunehmen, daß wir die
Wirklichkeit korrekt wiedergeben könnten und zwar aus folgenden Gründen: Zunächst einmal können wir
immer nur Wirklichkeitssegmente erfassen und nie die Wirklichkeit in toto, bspw. die der Natur oder die
politische, zum anderen ist jede 'sinnliche' Erfahrung immer vermittelt, bspw. durch Sprache, und in
einem strengen Sinne nie Ergebnis einer direkten Wahrnehmung. Dies vor allem deshalb nicht, weil jeder
Akt der Wahrnehmung immer theoriegeleitet ist, d.h. ihm eine transzendentale Vorleistung als auch
segmentorientierte Vorentscheidung zugrundeliegt (POPPER 1982).
Empirische Forschung und ihre Ergebnisse sind folglich auch nie abgeschlossen in dem Sinn, daß sie sich
nicht zu einem späteren Zeitpunkt als falsch erweisen könnten. Wenn überhaupt, dann kann empirische
17
Forschung nur annäherungsweise richtig ihre Untersuchungsobjekte erfassen und beschreiben, ihre
Ergebnisse können so auch immer nur hypothetischer Natur sein.
Betrachten wir nach diesen dargelegten erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Reflexionen erneut
unsere eingangs getroffene Bestimmung von empirischer Forschung, so zeigt sich, daß diese eine
Aktivität darstellt, die ohne Vorannahmen bzw. Vorentscheidungen bezüglich sowohl ihrer
Untersuchungsobjekte als auch deren Erfassung und Kontrolle nicht möglich ist. Diese Feststellung läßt
empirische Forschung jedoch nicht zu einem beliebig vorzunehmenden Unternehmen werden, zumal die
in unserer obigen Arbeitsdefinition von wissenschaftlicher Forschung angeführten Kriterien erfüllt sein
müssen, sondern nur, daß sie mit jeder anderen menschlichen Tätigkeit das Kriterium der Ungewißheit
und des Irrtums gemeinsam hat.
Ontologische Grundvoraussetzungen empirischer Forschung
Empirische Forschung ist, wie wir gesehen haben, ein höchst theoretisches Unternehmen und kommt
ohne Setzungen bzw. Annahmen bezüglich ihrer Untersuchungsobjekte und deren Erfassung nicht aus.
Diese Setzungen und Annahmen sind dabei oftmals nicht überprüfbar bzw. werden als ungeprüft
vorausgesetzt (SJOBERG, NETT 1968:23ff). Folgende Annahmen können als zentrale Voraussetzungen
empirischer Forschung angeführt werden (DREIER 1994b:7):
1.
Die physikalische und soziale Welt ist geordnet und folgt bestimmten Regularien;
2.
als menschliche Wesen sind wir in der Lage, die physikalische und soziale Welt zu
erkennen. Dies bedeutet, daß eine auf Sinneswahrnehmung beruhende Kommunikation
zwischen
3.
dem
Forscher
und
der
ihm
externen
Welt
besteht;
unser Wissen über die physikalische und soziale Welt ist immer unvollkommen und kann
keinen absoluten Wahrheitsanspruch genießen;
4.
innerhalb der physikalischen und sozialen Welt bestehen 'Ursache-Wirkungs'Beziehungen, d.h. alle Phänomene besitzen eine 'natürliche' Ursache;
5.
unser Wissen über die physikalische und soziale Welt kann nie selbstevident sein,
sondern muß immer intersubjektiv vermittelbar sein; und
6.
jedes Wissen über die physikalische und soziale Welt kann nur auf empirische Weise
begründet werden.
18
Zweck und Ziel empirischer Forschung
Eine Aktivität wie empirische Forschung kann nicht ohne eine Zweck- und Zielsetzung betrieben
werden - allein schon deshalb nicht, weil empirische Forschung auf finanzielle Ressourcen, seien diese
privater oder staatlicher Art, angewiesen ist. Diese Zwecksetzung kann mit SELLTIZ et.al. (1972:9)
bspw. wie folgt formuliert werden:
"Der Zweck von [empirischer] Forschung ist es, durch die Anwendung wissenschaftlicher Verfahren
[Methoden] sinnvolle Antworten auf sinnvolle Fragen zu finden".
Was sinnvolle Fragen sind, kann jedoch nicht definitiv beantwortet werden. Das Problem, das jeweils zum
Gegenstand empirischer Forschung gemacht wird, kann nicht nach bestimmten Regeln bestimmt werden.
Als eine sinnvolle Maxime kann höchstens die angeführt werden, derzufolge das Problem nicht nur
interessant sein sollte, sondern auch bedeutend genug, um empirisch analysiert zu werden. Aber, so ist die
Frage anzuschließen, wie lassen sich bedeutende Probleme von unbedeutenden bzw. trivialen
unterscheiden? Auf diese Frage gibt es ebenso keine definitive Antwort bzw. eine Entscheidungsregel, die
es erlaubt, eine solche Unterscheidung vorzunehmen. Es kann sich jedoch bei der Problemauswahl als
hilfreich erweisen, zuerst danach zu fragen, 'Was' analysiert werden soll und erst dann, 'Warum' sich das
'Was' ereignen konnte bzw. 'Warum' das 'Was' existiert.
Mit anderen Worten, zuerst sollte die Beschreibung des Untersuchungsbereichs im Vordergrund stehen,
und dann erst die wissenschaftliche Erklärung des 'Warum'.
Jeder empirischen Forschung sind folglich zunächst einmal nicht-empirische Überlegungen vorgeschaltet.
Neben dieser nicht-empirischen Vorüberlegung besteht der Zweck empirischer Forschung in einem
engeren Sinne in der Feststellung dessen, was ist, und gegebenenfalls darin, wie sich durch die
Forschungsergebnisse "Problemstellungen entscheiden und praktische Strategien zur Beeinflussung
relevanter Prozesse entwickeln lassen" (HÜLST 1975:14).
Mit dieser Zwecksetzung eng verbunden ist das Ziel von empirischer Forschung, das genau diese oben
angesprochenen Zwecke mittels der Konzeption von Theorien zu erfüllen versucht. Ihre Funktion besteht
im Idealfall in der Erbringung folgender Leistungen: sie sollen ein ausgewähltes Realitätssegment präzise
zu verstehen und zu beschreiben, zu erklären und zu prognostizieren gestatten.
19
Theorien stellen innerhalb der empirischen Forschung folglich die Hauptinformationsträger
wissenschaftlicher Erkenntnis dar, wobei ihre Konzeption sowohl Ziel (CARNAP 1946:50) als auch
Voraussetzung (POPPER 1982:31,224) von empirischer Forschung ist.
Empirische Forschung als infiniter Interaktionsprozeß zwischen Theorie und Empirie
Da nach unseren Feststellungen jegliche 'sinnliche' Erfahrung immer schon theoriegeleitet und somit
eine vollständige Erkenntnis empirisch zugänglicher Objekte prinzipiell auszuschließen ist, ist empirische
Forschung als ein infiniter Interaktionsprozeß zwischen Theorie und Empirie aufzufassen. Empirische
Forschung konstituiert sich durch die fortwährende Entwicklung von Theorien, deren Überprüfung an der
'Realität', ihrer daraus resultierenden vorläufigen Annahme, Modifizierung oder Verwerfung, erneuter
Konstruktion, Überprüfung usw. Empirische Forschung garantiert uns folglich keine letzten Wahrheiten,
sondern nur vorläufige, kontingente - die, und das sollte nicht vergessen werden, dabei sehr wohl zu
einem Erkenntnisfortschritt beitragen können.
Empirische Forschung und wissenschaftlicher Fortschritt
Ohne jemals endgültige Wahrheiten präsentieren zu können, können wir von empirischer Forschung
berechtigterweise nur dann sinnvoll sprechen, wenn ihre Resultate und damit eo ipso ihre Theorien, in
einem zeitlichen Kontinuum betrachtet, mehr über ihren Objektbereich aussagen als zu früheren
Zeitpunkten, d.h. zu einem wissenschaftlichen Fortschritt beitragen. Empirische Forschung, die nur auf
einem einmal erreichten status quo verharrt und über ihre Untersuchungsobjekte keine neuen Resultate
mehr erzielen kann, wird obsolet.
Die Relation zwischen empirischer Forschung und wissenschaftlichem Fortschritt läßt sich nicht nur auf
dieses zeitlich betrachtete 'mehr an Information über das Untersuchungsobjekt' reduzieren. Die Frage, was
'wissenschaftlicher Fortschritt' ist oder sein kann, wird innerhalb der Wissenschaftstheorie sehr
unterschiedlich diskutiert. Ein kurzer Abriß dieser Diskussion soll dies im folgenden verdeutlichen.
Unterstellen wir, daß mit der jeweiligen wissenschaftstheoretischen Auffassung von 'wissenschaftlichem
Fortschritt' eine jeweilige andere Auffassung von wissenschaftlicher Entwicklung verbunden ist, so muß
eine Analyse des Terminus 'wissenschaftlicher Fortschritt' auf der Grundlage einer Analyse des
Verständnisses von 'wissenschaftlicher Entwicklung' erfolgen. Erschwert wird diese Analyse jedoch noch
zusätzlich durch die Tatsache, daß in Fragen über Konstitutionsbedingungen oftmals semantische,
epistemologische (erkenntnistheoretische) und faktische Gesichtspunkte nicht streng genug
auseinandergehalten werden (NIINILUOTO 1980:427).
20
Wir können drei grundlegende Verläufe wissenschaftlicher Entwicklung unterscheiden: Die klassische
Form der Kumulation, die wissenschaftliche Revolution und die wissenschaftliche Evolution.
Der sogenannte klassische Empirismus (BACON 1966) vertrat ein lineares Akkumulationsmodell von
Wissenschaft, in dem der wissenschaftliche Fortschritt schon implizit enthalten war. Wissenschaftlicher
Fortschritt ist dieser Auffassung zufolge ein gesteuerter Prozeß von Erfindungen und Entdeckungen mit
dem Ziel, 'wahres' Wissen zu erlangen. Die Methode dieses Prozesses ist die der Induktion:
Einzelbeobachtungen werden zu Gesetzen generalisiert.
Der Logische Empirismus griff diesen kumulativen Aspekt wissenschaftlichen Fortschritts wieder auf
und sah in der wissenschaftlichen Methode eine Art 'Logik', eine von Regeln bestimmte Aktivität, die es
dem Forscher erlaubt, von als gesichert angesehenen Beobachtungsaussagen induktiv auf Gesetze und
Theorien zu schließen. Innerhalb der wissenschaftstheoretischen Überlegungen des Logischen
Empirismus wurde von einem 'statischen' Wissenschaftsmodell ausgegangen, dessen Hauptanalysepunkt
in der rationalen Rekonstruktion schon abgeschlossener Theorien lag. Wissenschaftlicher Fortschritt zeigt
sich dieser Auffassung zufolge im sukzessiven Aufdecken der durch die 'wahren' Theorien beschriebenen
Ordnung der Natur.
Eine radikale Kritik erfuhr diese Auffassung durch POPPER, der das Wissenschaftsmodell der
Logischen Empiristen durch ein fallibilistisches ersetzte, welches in einer Falsifikationstheorie begründet
ist. Dieser Theorie zufolge können Theorien nicht verifiziert (als wahr bewiesen), sondern nur falsifiziert
(als falsch bewiesen) werden. Der kumulative Aspekt von empirischer Forschung wird bei POPPER zwar
beibehalten, so zeigt sich wissenschaftlicher Fortschritt im Fortschreiten von weniger allgemeinen zu
allgemeineren Theorien (POPPER 1982:221), doch wird damit kein Gewißheitsanspruch mehr verbunden:
"Unsere Wissenschaft ist kein System von gesicherten Sätzen, das in stetem Fortschritt einem Zustand der
Endgültigkeit zustrebt. Unsere Wissenschaft ist kein Wissen (episteme): Weder Wahrheit noch
Wahrscheinlichkeit kann sie erreichen" (POPPER 1982:223).
In späteren Jahren gibt POPPER (1965a:215ff) diese Einschätzung von wissenschaftlichem Fortschritt
zugunsten einer Methodologie des 'trial and error' teilweise wieder auf. Mit dieser Methodologie ist ein
theoriendynamischer Aspekt verbunden, der eine Modifikation des Terminus 'wissenschaftlicher
Fortschritt' beinhaltet. Dieser erschöpft sich nun nicht mehr ausschließlich im Widerlegen von Theorien,
sondern besteht in einer zunehmenden Wahrheitsapproximation konkurrierender Theorien. Damit wird in
gewisser Hinsicht der naive kumulative Charakter von Wissenschaft aufgegeben.
Obwohl nach POPPER wissenschaftliche Theorien potentiell widerlegbar sind und nicht als wahr
bewiesen werden können, so können sie doch bezüglich ihres empirischen Gehalts im Hinblick auf ihre
Wahrheitsnähe verglichen werden. Diese Wahrheitsnähe bestimmt sich aus der Differenz von
Wahrheitsgehalt und Falschheitsgehalt einer Aussage.
21
Bezeichnen wir das Maß der Wahrheitsnähe mit Vs(a), das des Wahrheitsgehalts mit CtT(a) und das des
Falschheitsgehalts mit CtF(a), wobei a die betreffende Aussage (Theorie) bezeichnet, so kann die
Wahrheitsnähe (versimilitude) wie folgt dargestellt werden (POPPER 1965a: 234):
Vs(a) = CtT(a) - CtF(a)
Mit Hilfe dieses Kriteriums können zwei konkurrierende Theorien T1 und T2 bezüglich ihrer
Wahrheitsähnlichkeit bzw. Wahrheitsnähe verglichen werden. T2 ist dabei gegenüber T1 dann in höherem
Maße als empirisch zu werten, wenn sie eine Theorie ist, die bisher unverbundene Sachverhalte
zusammen zu erklären gestattet, in der Lage ist, neue und bisher nicht beobachtbare Sachverhalte zu
prognostizieren, und eine Reihe neuer und ernsthafter empirischer Tests positiv übersteht.
Wissenschaftlicher Fortschritt zeigt sich dieser Auffassung zufolge im Ersetzen einer früheren Theorie
durch eine neuere, wobei die neuere Theorie die Probleme ihrer Vorgängerin lösen und Ableitungen von
Voraussagen ermöglichen muß, die sich aus der früheren Theorie nicht ergeben bzw. dieser
widersprechen.
Dem POPPERschen Wissenschaftsmodell diametral entgegengesetzt sind die wissenschaftshistorisch
begründeten Thesen von KUHN (1981). Seiner Auffassung zufolge ist die wissenschaftliche Entwicklung
durch einen Prozeß alternierender Paradigmen gekennzeichnet, die infolge ihrer Inkommensurabilität
(Unvergleichbarkeit) einen linearen Akkumulationsfortschritt unmöglich machen (KUHN 1981:107-115).
Wissenschaftlicher Fortschritt ist immer nur relativ zu einem die empirische Forschung leitenden
Paradigma möglich, d.h. im Rahmen der von ihm als 'Normalwissenschaft' bezeichneten
Forschungsaktivität, nicht aber beim Übergang von einem Paradigma zu einem anderen, welchen er als
'wissenschaftliche Revolution' bezeichnet.
Sozusagen als vermittelnde Instanz zwischen den Wissenschaftsmodellen von POPPER und KUHN
können wir den POPPER-Schüler LAKATOS auffassen. Im Rahmen seiner Methodologie
wissenschaftlicher Forschungsprogramme (LAKATOS:1982a) versucht er zu zeigen, daß der Wechsel
von einem Forschungsprogramm zu einem anderen, oder in den Worten von KUHN, von einem
Paradigma zu einem anderen, einen linearen wissenschaftlichen Fortschritt beinhaltet. Dieser ergibt sich
aus dem Wettbewerb konkurrierender Forschungsprogramme, welcher dem Kriterium wissenschaftlicher
Rationalität unterliegt. Ein neues Forschungsprogramm steht, gleich der POPPERschen Auffassung von
Theorieabfolgen, in einem deduktiven Ableitungsverhältnis zu einem vorherigen Forschungsprogramm.
Neben dem akkumulativen Modell wissenschaftlichen Fortschritts (BACON, POPPER, LAKATOS) und
dem wissenschaftlicher Revolutionen (KUHN) ist in den letzten Jahren verstärkt die Ansicht in den
22
Vordergrund getreten, wissenschaftlichen Fortschritt unter systemtheoretischen Gesichtspunkten als einen
evolutionären Prozeß aufzufassen. Das zur Zeit ausgereifteste Modell einer solchen Bestrachtungsweise
liegt in OESERs (1976) Konzeption einer evolutionären Wissenschaftsdynamik vor. In OESERs Modell
wird
davon
ausgegangen,
daß
Theorienwechsel
(Paradigmenwechsel,
Wechsel
von
Forschungsprogrammen etc.) weder inkommensurabel (KUHN) noch voneinander abzuleiten sind
(POPPER, LAKATOS), sondern unter einem evolutionären Gesichtspunkt betrachtet werden müssen.
Eine evolutionäre Betrachtung von wissenschaftlicher Entwicklung unterscheidet sich von einer
revolutionären im Sinne KUHNs dadurch, daß trotz des Zusammenbruchs der Struktur die Funktion
erhalten bleibt.
D.h. die wissenschaftliche Entwicklung verläuft linear und stetig im funktionalen Sinn und
diskontinuierlich bezüglich ihrer Strukturierung (OESER 1976:23,127). Strukturzusammenbrüche
verhindern folglich nicht eine evolutionäre Weiterentwicklung, sondern führen zu einem höheren Grad an
Informationskapazität.
In OESERs Modell ist Wissenschaft [empirische Forschung] als ein Informationssystem bestimmt, das
durch vier unterschiedliche Strukturen zunehmender Informationsverdichtung bestimmt ist:
systemrelative Elementarinformation, Begriffsbildung, Hypothesen- und Theoriebildung.
Die systemrelativen Elementarinformationen bilden die Basis empirischer Erkenntnis und sind durch
drei
Aspekte
ausgezeichnet:
durch
den
ratiomorphen
Apparat,
der
mit
angeborenen
Verhaltensmechanismen die Wahrnehmung und damit die Erfahrung steuert; durch die Sozialisationsbzw. Kulturabhängigkeit von Information; und durch die disziplinspezifischen Untersuchungsobjekte.
Die Begriffsbildung stellt die erste Stufe der Informationsverdichtung dar und bildet die Voraussetzung
für alle weiteren Erkenntnisprozesse. Methodisch gesehen beruht sie auf einer Abstraktion der Realität
nach bestimmten, dem Ursprung nach biologischen Kriterien.
Die zweite Stufe der Informationsverdichtung bildet die Formulierung wissenschaftlicher Hypothesen
mittels Induktion, wobei zwischen Hypothesenbildung und Hypothesenbeurteilung unterschieden werden
muß. Die Hypothesenbeurteilung bezieht sich nur auf die Konsistenz der Hypothese, nicht aber auf deren
Überprüfung.
Die dritte Stufe der Informationsverdichtung stellt die Formulierung und Überprüfung wissenschaftlicher
Theorien mittels Konstruktion und Deduktion dar.
Die Struktur empirischer Forschung ist durch verschiedene Stufen der Informationsverdichtung
zusammengefaßt, die in der wissenschaftlichen Entwicklung ineinandergreifen. Ein auf dieser Grundlage
23
konzipiertes Modell einer evolutionären wissenschaftlichen Entwicklung ist demgemäß durch einen
empirischen Informationszuwachs (im Sinne von kumulativ) und durch einen Strukturwandel, der sich vor
allem in einem Theorienwandel niederschlägt, bestimmt. Dieser Theorienwandel (Theoriendynamik)
bildet den Kern wissenschaftlicher Entwicklung und bestimmt den evolutionären Verlauf
wissenschaftlicher Entwicklung: "Sie [die wissenschaftliche Theorie] verliert ihre Funktion oder muß
diese ganz oder teilweise an eine andere Theorie abgeben, wenn sie die aus der Außenwelt zufließenden
Informationen nicht mehr bewältigen kann. Dennoch bricht das Informationssystem der Wissenschaft bei
einem derartigen Wechsel von Theorien, der eine innere Strukturveränderung bedeutet, nicht zusammen.
Es tritt vielmehr nur eine Phase geringerer struktureller Stabilität ein, die sich durch eine größere
funktionelle Effektivität auszeichnet. Denn trotz des instabilen Zustandes des Gesamtsystems, in dem nun
verschiedene, nicht widerspruchsfrei total aufeinander reduzierbare Strukturen enthalten sind, werden
darin doch mehr neue Informationen über neue Erfahrungsbereiche verarbeitet" (OESER 1976:118).
Dieses Modell ist dadurch gekennzeichnet, daß es über keinen Anfang und kein Ende verfügt, weder
Verifikation noch Falsifikation zuläßt. Neu zufließende Informationen führen jedoch zu
Zustandsveränderungen, wodurch Theorien instabil werden und neue entstehen. Wissenschaftliche
Entwicklung und damit eo ipso auch wissenschaftlicher Fortschritt kann gemäß dieses Modell als ein
interdependenter Prozeß interpretiert werden, der durch Zunahme der Komplexität und Effizienz sowie
Steigerung der Umwelt-Abhängigkeit gekennzeichnet ist.
Ein evolutionstheoretisch konzipiertes Modell wissenschaftlicher Entwicklung, in dem im Rahmen einer
Theoriendynamik neue Theorien alte verdrängen, suspendiert das KUHNsche Modell ein revolutionären
Wissenschaftsentwicklung und die mit dieser verbundenen Inkommensurabilität aufeinanderfolgender
Paradigmen. Es kommt zwar in OESERs Modell zu permanenten Strukturveränderungen, doch bleibt die
Funktionsfähigkeit des gesamten Informationssystems davon unberührt. Dies legt die These nahe, die
wissenschaftliche Entwicklung als gleichzeitig kontinuierlich und diskontinuierlich zu bezeichnen, als
permanente Neuorganisation im Rahmen eines Wechselwirkungsprozesses zwischen Realität und Theorie.
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