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Die JOKER-MISSION "Ich soll das verstehen?! Ich will dir mal was

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Titel: Joker−Mission
Autor: Nangijala
eMail: Nangijala1@aol.com
Fandom: Starwars
Alter: PG 12
Inhalt: Das Leben eines Rebellen−Spions ist hart − manchmal zu hart.
Anmerkungen: Eine kleine Story über die Helden hinter den Kulissen.
Rechtehinweis: Dieses Werk basiert auf Figuren und Handlungen von Krieg der Sterne. Krieg der Sterne, alle
Namen und Bilder von Krieg-der-Sterne-Figuren und alle anderen mit Krieg der Sterne in Verbindung
stehenden Symbole sind eingetragene Markenzeichen und/oder unterliegen dem Copyright von Lucasfilm Ltd.
Die JOKER-MISSION
"Ich soll das verstehen?! Ich will dir mal was sagen, Gwynn - alles, was ich hier verstehe, ist, dass
du für diese Leute die Kastanien aus dem Feuer holst. Ich meine, seien wir doch mal ehrlich, was
riskieren die schon dabei? Gar nichts! Du bist es, Gwynn, du riskierst jedesmal dein Leben!"
Jeromes Stimme schien proportional zu seiner Erbitterung an Volumen zu gewinnen, bis jedes Wort
herauskam wie ein Fanfarenstoß, hell, durchdringend und vor allem unüberhörbar.
"Nicht so laut!" zischte Gwynn und schenkte dem von Kopf bis Fuß mit mitternachtsschwarzer
Seide und professioneller Würde gepanzerten Oberkellner, der gerade an ihrem Tisch
vorbeischwebte, ein um Entschuldigung bittendes Lächeln, das vollkommen ignoriert wurde. Der
Kellner, der mit der ganzen Ehrfurcht eines Priesters, der im Begriff war, einen Altar mit
Opfergaben zu schmücken, ein gigantisches silbernes Tablett auf seiner hoch erhobenen rechten
Hand balancierte, bedachte Jerome trotzdem mit einem indignierten Blick. Temperamentsausbrüche
und andere emotionale Entgleisungen wurden im Arcadia-Club, einem der vornehmsten
Restaurants von Delamere, der Hauptstadt von Devon, entweder überhaupt nicht zur Kenntnis
genommen oder nur mit majestätischer Missbilligung. Sogar die zarten blassblauen Köpfe der
Wiccalilien, die geschmackvoll arrangiert aus der schlanken Vase herauslugten, die unerbittlich das
Zentrum der schneeweißen Damasttischdecke beherrschte, schienen sich vor Entsetzen über diesen
Mangel an Lebensart regelrecht zu krümmen.
Jerome sah sich unwillkürlich um und schien erst jetzt zu merken, dass der Ecktisch, an dem sie
saßen, trotz der üppig wuchernden, fast zwei Meter hohen Phrinxpalmen, von denen sie praktisch
umzingelt waren, gar nicht so privat und vollkommen von der Öffentlichkeit abgeschirmt war, wie
er auf den ersten Blick aussah. Aber wenn Gwynn gehofft hatte, dass diese Diskussion, die sich nun
wirklich überhaupt nicht für die Augen und Ohren von Publikum eignete - und die sie noch dazu in
letzter Zeit schon viel zu oft geführt hatten -, damit endlich beendet war, dann hatte sie sich geirrt.
Zu Jeromes hervorstechendsten Charaktereigenschaften gehörte eine an Sturheit grenzende
Hartnäckigkeit, die ihn auch dann bei einem ganz bestimmten Thema verharren ließ, wenn sein
jeweiliger Gesprächspartner schon mehr als deutlich zu erkennen gegeben hatte, dass er nichts mehr
davon hören wollte. (Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass die Gewinnspanne von
Interstellar Flloyd, die Versicherungsgesellschaft, für die er arbeitete, um dreiundzwanzig Prozent
angestiegen war, was Jeromes Ernennung zum Kundenberater des Jahres, eine drastische
Gehaltserhöhung und seine Beteiligung am betriebseigenen Aktienfond nach sich gezogen hatte.)
Und deshalb ging es jetzt auch weiter, wenn auch nur noch sotto voce.
"Warum tust du das, Gwynn? Was versprichst du dir davon? Okay, okay ... ich gehöre ganz
bestimmt nicht zu denen, die damals den roten Teppich ausgerollt und den Sturmtruppen Blumen
vor die Füße geworfen haben, als sie zum erstenmal hier aufgekreuzt sind, das weißt du. Und du
weißt auch, wie ich über das Imperium denke. Ich halte gar nichts von dieser ... Neuen Ordnung
oder wie sie das nennen. Es gibt Augenblicke ... wenn ich mir die Nachrichten ansehe oder das, was
hier so abgeht ... und das stinkt manchmal wirklich zum Himmel ... ja, es gibt Augenblicke, da
möchte ich mich am liebsten auf den Boden werfen und laut schreien. Aber was können wir schon
dagegen tun, Gwynn? Ob es uns nun passt oder nicht - das Imperium ist unsere rechtmäßige
Regierung, und durch die ganze Geschichte der Galaxis hindurch haben Regierungen immer genau
das getan, was sie tun wollten, und kleine Leute wie du und ich mussten immer die Suppe
auslöffeln, die andere ihnen eingebrockt haben. Es gibt keine perfekte Regierung, es hat sie nie
gegeben, und es wird sie auch nie geben! Glaubst du vielleicht, unter der Alten Republik war immer
alles Friede, Freude, Eierkuchen? Das verlorene Paradies ... es wird immer erst dann zum Paradies
erklärt, wenn es verloren ist. Die gute alte Zeit ... sie wird immer erst dann als gute alte Zeit
bezeichnet, wenn alle wissen, dass sie endgültig aus und vorbei ist. Aber wir leben in der
Gegenwart, Gwynn, wir leben hier und heute ... Glaubst du wirklich, dass das, was du tust, irgend
etwas daran ändert?"
"Ja! Denn irgendwann muss sich schließlich irgend jemand irgendwo und irgendwie dazu
durchringen, irgend etwas zu tun - oder willst du, dass es immer so weitergeht? Mein Gott ... wenn
alle so denken würden wie du, könnte das Imperium ja wirklich bis in alle Ewigkeit treiben, was es
will, und niemand würde es aufhalten, weil niemand den Mut dazu aufbringen würde, etwas zu
unternehmen, statt auf allen Vieren mit dem Gesicht im Staub herumzukriechen und vor sich hin zu
jammern", sagte Gwynn scharf. Jerome hatte wie üblich mit bewundernswerter Zielsicherheit ihren
wunden Punkt getroffen - inzwischen hatte sie nämlich selbst mehr oder weniger leise Zweifel
daran, ob das Ergebnis ihres Einsatzes das Risiko wert war, und das schlechte Gewissen, das sie
sofort überkam, wenn ihre Gedanken in diese Richtung abwanderten, bewirkte automatisch, dass sie
wild um sich schlug ... wenigstens verbal.
"Wenn alle so denken würden wie ich, gäbe es das Imperium gar nicht", verteidigte sich Jerome,
aber er war verletzt - und genau das hatte Gwynn auch beabsichtigt. Plötzlich herrschte eisiges
Schweigen, was zum Teil auch daran lag, dass gerade ein anderer Kellner zu ihrem Tisch gesegelt
kam, um ihnen ihr Dessert zu servieren. Doch weder Gwynn noch Jerome schenkten nach seinem
Abgang dem garantiert köstlichen Mjollquarksoufflé, das den Abschluss ihres Drei-Gänge-Menüs
bilden sollte, auch nur die leiseste Beachtung - beiden war der Appetit inzwischen gründlich
vergangen.
Das ist alles meine Schuld, dachte Gwynn. Ich hätte es ihm nie erzählen dürfen, nie! Aber damals
hatte sie eben das Gefühl gehabt, keine andere Wahl mehr zu haben - nicht, nachdem Jerome damit
angefangen hatte, ihr nicht nur dramatische Eifersuchtsszenen zu machen, sondern auch noch hinter
ihr her zu spionieren, weil er herausfinden wollte, wo sie war und was sie trieb, wenn er sie abends
zu Hause anrief und niemand ans Kom ging, und das konnte Gwynn einfach nicht zulassen. Also
hatte sie sich Jerome eines Tages vorgeknöpft und die Katze aus dem Sack gelassen - weil es um
ihre Sicherheit und die Sicherheit von Cel und seiner Gruppe ging, wie sie sich eingeredet hatte,
aber in Wirklichkeit hatte sie dabei eher an Jeromes Sicherheit gedacht. Wer konnte schließlich
wissen, wie Cel reagieren würde, wenn er sich irgendwo mit Gwynn traf, um ihr neue Anweisungen
zu geben, und plötzlich Jerome hereinstolperte? Gwynn wollte auf gar keinen Fall die Probe aufs
Exempel machen. Also hatte sie Jerome die Wahrheit gesagt ... um ihn aus der Schusslinie
herauszuhalten ... und um ihre Ruhe zu haben, wenn sie ganz ehrlich war. Jetzt bereute sie das - und
von Ruhe konnte inzwischen sowieso nicht mehr die Rede sein, dafür sorgte schon Jerome, den der
Augenblick der Wahrheit in helle Panik versetzt hatte.
Gwynn seufzte. Wie auch immer ... ganz egal, was Jerome dazu sagte - und er hatte sehr viel zu
diesem Thema zu sagen, auch wenn sich seine Argumentation in ihrem Kernpunkt ständig
wiederholte -, irgend jemand musste schließlich irgend etwas tun. In diesen Zeiten konnte niemand
für immer und ewig den Kopf in den Sand stecken und einfach abwarten, wie sich die Dinge
weiterentwickelten. (Jerome sprach in diesem Zusammenhang gerne von überlebensbedingtem
Individualismus - er hatte eine Schwäche für psychologisch angehauchte Schlagworte.) Alle Wege
führten zum Imperium - und alle Umwege zur Allianz. Eines hatte Gwynn Jerome nicht erzählt und das würde sie ihm auch nie erzählen, soviel stand fest! -, dass es nämlich ausgerechnet seine
Schwester Larissa gewesen war, die Gwynn den Weg zur Allianz geebnet hatte ... na ja, eigentlich
war es eher Davvyd, einer von Larissas Freunden. Aber der eigentliche Auslöser war diese Sache
mit Alderaan. Ja, mit Alderaan hatte alles angefangen ...
War es wirklich erst zwei Jahre her, dass die von sämtlichen Medien breit aufgemachte
Sensationsnachricht von Alderaans Vernichtung eine Schockwelle durch die Galaxis gejagt hatte,
deren Ausläufer bis zum heutigen Tag den Widerstand zahlloser unendlich weit entfernter
Randsysteme gegen den unersättlichen Expansionshunger und die unerbittlich demonstrierte
Präsenz des Imperiums zersplittern ließ wie hauchdünnes Glas? Was Gwynn anging, so hätten es
inzwischen ebenso gut zweihundert Jahre sein können.
Schockwelle ... das war genau das richtige Wort. Denn das waren sie damals alle gewesen,
nachdem sie die Nachrichten gesehen hatten - geschockt. Eine ganze Welt, eine blühende, atmende,
lebende Welt ... in Sekundenbruchteilen zerstört, vernichtet, ausgelöscht ... Alle waren erschüttert.
Gwynn erinnerte sich daran, dass sogar die Offiziere ihrer Dienststelle, die von allen als
hundertprozentig linientreu eingestuft wurden - was im Klartext hieß, dass sie als Fanatiker
verschrien waren -, nach dieser Neuigkeit in einer bemerkenswert gedämpften Stimmung waren,
obwohl keiner von ihnen in irgendeiner besonderen Beziehung zu Alderaan stand, weder familiär
noch sonst wie. (Ganz im Gegensatz zu Rae Kelso, einer Kollegin, die gebürtige Alderaanerin war
und nach dieser Hiobsbotschaft einen Nervenzusammenbruch hatte, der bewirkte, dass sie nie
wieder gesehen wurde, weder in Gwynns Abteilung, wo sie gearbeitet hatte, noch sonst wo. Die
offizielle Version lautete, dass sie aus gesundheitlichen Gründen auf unbestimmte Zeit beurlaubt
war.) Ja, alle waren erschüttert - aber niemand wagte es, sich seine Erschütterung allzu sehr
anmerken zu lassen oder ihr mit Worten Luft zu verschaffen. Nicht in aller Öffentlichkeit. Nicht
nachdem das Imperium, das sich gerade selbst endgültig die Maske vom Gesicht gerissen hatte,
damit begonnen hatte, das Alderaan-Massaker als politisch vollkommen gerechtfertigte militärische
Maßnahme darzustellen und auch noch zu Propagandazwecken zu missbrauchen, ganz nach dem
Motto: Lang lebe das Imperium! Wer nicht für uns ist, ist gegen uns - und gnade Gott allen, die
gegen uns sind!
Ja, niemand machte in aller Öffentlichkeit den Mund auf, was auch nicht besonders klug gewesen
wäre, aber im privaten Rahmen sah die Sache natürlich ganz anders aus - was auch nicht besonders
klug und manchmal sogar fatal war. So standen die Dinge an jenem Abend wenige Wochen nach
der Katastrophe, an dem Larissa ihren Bruder und seine Dauerverlobte (Jerome und Gwynn hatten
irgendwie Schwierigkeiten damit, ihre Beziehung auf die offizielle Ebene von Standesamt und
Trauschein zu heben) zum Essen eingeladen hatte. Der Kreis war klein - außer Larissa, Davvyd,
Gwynn und Jerome waren nur noch zwei oder drei andere unbedingt zuverlässige Freunde
anwesend - und die Atmosphäre entsprechend vertraulich. Sie hatten zuviel getrunken und viel
zuviel geredet, vor allem Gwynn, die unter dem unausgesprochenen Schweigegebot litt, das wie
eine Gewitterfront über dem Großraumbüro hing, in dem sie ihren 9-Stunden-Arbeitstag mit
demselben Mangel an Begeisterung absaß, den auch ein Schulmädchen an den Tag legen mochte,
das von einem überstrengen Lehrer wegen fehlender Hausaufgaben zu schier endlosem Nachsitzen
verdonnert worden war.
Später dann, als die Dinge längst in Bewegung gekommen waren, unaufhaltsam wie eine Lawine,
die sich von einer Bergflanke in ein ungeschütztes Tal hinabwälzt, war Gwynn über ihren eigenen
Leichtsinn entsetzt - sie hatte an diesem Abend genug geredet, um in einem Gefängnis zu enden
oder einfach spurlos zu verschwinden, wie es immer häufiger mit Leuten geschah, die nicht den
Mund halten konnten und sich um Kopf und Kragen redeten, Leute wie Rae Kelso zum Beispiel.
Und genau das war es, was Cel ihr schon bei ihrem allerersten Treffen eingeschärft hatte und
ihr wieder und wieder einschärfte - sie musste vorsichtig sein, konnte niemals vorsichtig
genug sein, denn ...
"... du weißt nie, wer dir zuhört. Du kannst niemandem vertrauen, du darfst niemandem vertrauen dein Leben hängt davon ab! Jeder kann ein imperialer Agent sein ... Menschen, die dir nahe stehen
... ein Freund, sogar ein Familienmitglied, einfach jeder. Niemand ist so einsam wie ein Spion ..."
Aber an jenem Abend bei Larissa ritt Gwynn noch auf einem Surfbrett aus EriwennbrandyCocktails ganz oben auf einer Welle von Sorglosigkeit, ohne auch nur zu ahnen, dass die Brandung,
die sie trug, schon dabei war, sie an den Strand einer unbekannten Insel voller unbekannter
Gefahren zu spülen. Neben Jerome auf Larissas gemütliche Ledercouch gekuschelt, redete sie sich
einfach ihren Frust von der Seele, genau wie alle anderen auch ... bis Davvyd, der ihr die ganze Zeit
aufmerksam zugehört hatte, sich plötzlich aus den Tiefen seines voluminösen Konturensessels zu
ihr vorbeugte, sie durch die kleinen, runden Gläser seiner ausgesprochen intellektuell aussehenden
Nickelbrille musterte - eine Brille, die er, wie Gwynn wußte, aus optischen Gründen trug, die gar
nichts mit seinen Augen, aber sehr viel mit Eitelkeit zu tun hatten - und sagte: "Ja, ja, das ist ja alles
gut und schön, aber das sind nur Worte. Was würdest du wirklich tun, wenn du die Gelegenheit
dazu hättest?"
Und Gwynn, von Eriwennbrandy, ihrer eigenen blühenden Rhetorik und der Größe des
Augenblicks überwältigt, sagte sehr laut und so deutlich, dass es an die geschliffene Artikulation
einer ausgebildeten Schauspielerin erinnerte: "Alles, was in meiner Macht steht ... und wenn ich
könnte, noch sehr viel mehr!"
Und damit waren die Würfel gefallen - auch wenn Gwynn es noch nicht wußte. Denn Davvyd hatte
einen Freund, der eine Freundin hatte, die jemanden kannte, der seinerseits jemanden kannte, der
rein zufällig über einen Stiefbruder oder Cousin oder irgend etwas in dieser Art verfügte - der
genaue Grad ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen war nie völlig geklärt worden -, der
wiederum aktives Mitglied in einer eher anarchistisch ausgerichteten Studentenbewegung war,
deren Aktivitäten sich darauf beschränkten, in zahlreichen chaotischen Nacht-und-Nebel-Aktionen
antiimperiale Parolen zu verbreiten, indem sie sie in Form von ziemlich farbenfrohen Graffities auf
die Hauswände sprühten, was zwar nicht besonders effektiv war, aber immerhin ihren Standpunkt
demonstrierte.
Und es war diese Gruppe, die eine ziemlich lose, aber nie ganz abreißende Verbindung zu einem
überaus geheimnisvollen Mann aufrechterhielt, den offenbar noch niemand je zu Gesicht
bekommen hatte. Ein Mann, der nur aus einer heiseren Flüsterstimme zu bestehen schien, die
beinahe von dem typischen verkehrslärmbedingten Geräuschpegel einer öffentlichen Komzelle
übertönt wurde, als er wenige Tage nach dem denkwürdigen Abend bei Larissa mitten in der Nacht
anrief und eine Uhrzeit und einen Treffpunkt in das Ohr der schlaftrunkenen Möchtegern-Rebellin
am anderen Ende der Leitung raunte, die bei dieser unerwarteten - aber wenigstens nicht ganz und
gar unerwünschten - Kontaktaufnahme aus allen Wolken fiel.
Niemand wusste besser als Gwynn, was es bedeutete, sich zu einem Entschluss durchzuringen, der
allem widersprach, was Jerome als gesunden Menschenverstand bezeichnete. Wenn sie heute daran
zurückdachte, dann wußte sie wirklich nicht mehr, woher sie damals den Mut genommen hatte,
tatsächlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu erscheinen, einer vor Jahren stillgelegten Fabrik
am Rande der Stadt, wo ein richtiger, echter, leibhaftiger Rebell in voller Lebensgröße auf sie
warten sollte. Aber eines wußte Gwynn noch ganz genau ... als sie buchstäblich auf Zehenspitzen
aus der windgepeitschten Dunkelheit dieses Herbstabends in das spinnwebenverhangene Dunkel
der baufälligen alten Werkshalle hineinschlich, in der das Treffen stattfinden sollte, rechnete sie
jeden Augenblick damit, grelles Scheinwerferlicht aufflammen und mindestens ein Dutzend
uniformierte Männer mit ihren Blastern auf sie zielen zu sehen, während eine befehlsgewohnte
Stentortimme im Hintergrund triumphierend bellte: "IM NAMEN DES IMPERIUMS - SIE SIND
VERHAFTET!" oder etwas ähnlich Schreckliches.
Doch statt der gleißenden Lichtflut eines Scheinwerfers blitzte nur der schmale Strahl einer
Taschenlampe auf, der den Raum unmittelbar vor Gwynn in ein diffuses Dämmerlicht tauchte, und
als sich ihre Augen daran gewöhnt hatten, entdeckte sie zwischen den undefinierbaren Schatten der
von Staubflocken überzogenen Maschinen einen Mann, der im Schneidersitz neben einem vor
langer Zeit demontierten Fließband hockte und ihr entgegensah, so ruhig, als würde er an einem
sonnigen Frühlingsnachmittag auf einer Bank im Stadtpark sitzen und einen Schwarm Flarishtauben
mit Brotresten füttern. Das war das erste, was ihr an ihm auffiel - seine Gelassenheit.
Erst später, als sie wieder zu Hause und in Sicherheit war und die Aufregung über ihr gefährliches
Abenteuer beim Anblick der freundlichen hellen Kifarholzmöbel ihres kleinen Appartements
langsam abebbte, wurde Gwynn klar, dass der Mann, der sich ihr mit den Worten: "Hallo, mein
Name ist Cel ... und das ist im Augenblick alles, was du über mich wissen musst." vorgestellt hatte,
ebenso wie sie das Risiko eingegangen war, einer Kommandoeinheit des imperialen
Geheimdienstes direkt in die Arme zu laufen. Und noch später, als Gwynn in ihrem cremefarben
gefliesten Badezimmer in der Wanne und bis zum Kinn in heißem, nach Verbennaöl duftenden
Wasser lag und gerade dabei war, sich wirklich zu entspannen, ging ihr plötzlich auf, dass der
Begriff "Sicherheit" für sie von jetzt an nur noch eine sehr relative Bedeutung hatte. Für einen
Lieutenant der imperialen Nachrichtendienstzentrale auf Devon, der sich gerade von der Allianz als
Spionin hatte anwerben lassen und im Begriff war, Hochverrat zu begehen, indem er Top-secretInformationen über Truppenbewegungen an die Rebellen weiterleitete, gab es so etwas wie
wirkliche Sicherheit nicht mehr - nie wieder!
Das zweite, was Gwynn an dem Mann namens Cel auffiel, waren seine Augen. Ansonsten sah er
ganz ... na ja ... normal aus, er war weder jung noch alt, sondern irgendwo dazwischen, schlank,
mittelgroß, ein Durchschnittstyp, in jeder Beziehung. Aber seine Augen ... die waren irgendwie
anders. Dunkel, leuchtend und seltsam intensiv ... irgendwie magnetisch ... beinahe hypnotisch. Als
er sie zum erstenmal mit diesen Augen ansah, prüfend, forschend, durchdringend, hatte Gwynn das
Gefühl, dass er bis auf den Grund ihrer Seele blicken konnte. Sie fragte sich unwillkürlich, was er
dort sah und was er davon hielt.
Cel stellte ihr eine Menge Fragen. Er wollte wissen, wer sie war, woher sie kam, wo und wie sie
lebte, wo und was sie arbeitete, alles, was mit ihr, ihrer Familie und ihrem ganzen Hintergrund
zusammenhing. Ihre Antworten quittierte er nur mit einem kommentarlosen Nicken. Und erst als
diese Präliminarien abgeschlossen waren, kam endlich die Kardinalfrage, auf die Gwynn schon die
ganze Zeit gewartet hatte. "Warum willst du dich unbedingt der Allianz anschließen?"
Diese eine Antwort beanspruchte mindestens doppelt soviel Zeit wie alle vorangegangenen
Antworten zusammen. Gwynn sprudelte beinahe über, und vielleicht war es ihr leidenschaftlicher
Eifer, ihre naive Begeisterung, gepaart mit einem nicht weniger naiven Idealismus, die Cel zum
erstenmal lächeln ließen. Aber es war eine Spur von Traurigkeit in seinem Lächeln, die Gwynn
damals nicht verstanden hatte. Heute verstand sie sie. Heute fragte sie sich, wie oft er genau die
gleiche Antwort aus dem Mund wie vieler junger Menschen gehört hatte, die ihre Leidenschaft, ihre
Begeisterung und ihre Ideale längst mit ihrem Leben bezahlt hatten.
Als Gwynn schließlich mit allem, was sie zu sagen hatte, fertig war, begann Cel zu sprechen. Er
hatte ihr nie etwas vorgemacht. Er hatte ihr von Anfang an gesagt, wie es sein würde - und er hatte
dabei kein Blatt vor den Mund genommen.
"Wenn du dir irgendeinen romantischen Kleister zusammenphantasiert hast und dich in deinen
Tagträumen gerne als Heldin oder Märtyrerin oder irgend etwas in dieser Art siehst, dann vergessen
wir die ganze Sache lieber gleich. Die Wirklichkeit sieht anders aus, ganz anders. Leute wie du
arbeiten immer hinter den Kulissen. Niemand sieht dich, niemand hört dich, niemand kennt dich.
Die Orden, das Hurrageschrei, die ganze gegenseitige Beweihräucherung und die hübschen kleinen
Gedenktafeln für tote Helden - das alles hat mit dir überhaupt nichts zu tun. Lorbeerkränze gibt es
nur für die, die mitten auf der Bühne im Rampenlicht stehen. Für dich gibt es in neun von zehn
Fällen nicht mal jemanden, der dir auf die Schulter klopft und 'Gut gemacht, Gwynn Tolkian!' sagt.
Aber dafür gibt es die Angst, die dir vierundzwanzig Stunden am Tag im Nacken sitzt, das ewige
Versteckspiel, die Lügen, das Misstrauen ... Glaub ja nicht, dass du dich daran gewöhnst. An sowas
gewöhnt man sich nie."
Gwynn schrak unwillkürlich zusammen, als Jeromes Hand sich über den Tisch schob, ihre Finger
umschloss und damit ihre Reminiszenzen unterbrach, sie in den Arcadia-Club und in die Gegenwart
zurückholte.
"Ich liebe dich. Ich habe Angst um dich", sagte er leise. "Ich habe Angst vor dem Tag, an dem ich
dich anrufe und ein fremder Mann an dein Kom geht, der mich erst fragt, wer ich bin und was ich
von dir will, bevor er mir sagt, dass ich im Moment leider, leider nicht mit dir sprechen kann, weil
du einen kleinen Unfall gehabt hast oder ... ach, was weiß ich! Ich habe Angst vor dem Tag, an dem
ich zu dir komme und sehe, dass deine Tür aufgebrochen und deine ganze Wohnung von oben bis
unten durchwühlt worden ist, während deine Nachbarin - diese grässliche alte Schachtel mit diesem
fetten, krummbeinigen, verblödeten Köter von einem Dasset - um mich herumschleicht und mir
erzählt, dass du schon seit Tagen nicht mehr nach Hause gekommen bist und dass stattdessen die
Polizei da war und alle Leute über dich ausgefragt hat. Gwynn, hörst du mir überhaupt zu? Wir
wollen doch irgendwann heiraten, Kinder haben, glücklich sein ... Willst du wirklich all das aufs
Spiel setzen für ... nichts und wieder nichts?"
"Es geht hier ganz und gar nicht um ... nichts und wieder nichts, wie du dich auszudrücken beliebst.
Und es geht auch um weit mehr als nur um uns beide, Jerome!" sagte Gwynn fest, aber ohne große
Überzeugungskraft. Es war spät, viel zu spät, wenn sie daran dachte, wie früh sie morgen aufstehen
musste, aber es lag nicht nur an der Uhrzeit, dass sie so müde war wie noch nie zuvor in ihrem
Leben. Sie hatte mehr und mehr das Gefühl, zu einer lebenslänglichen Sitzung in einem
Holokinofilm verurteilt worden zu sein, den sie in- und auswendig kannte. Immer und immer
wieder dieselben Schauspieler, die erbarmungslos immer und immer wieder dieselben längst
sinnlos gewordenen Dialoge abspulten. Sie wußte haargenau, was für ein Text jetzt kam. Es war
zum Schreien.
"Hast du eine Ahnung ... hast du auch nur eine vage Vorstellung davon, was die mit dir machen,
wenn sie dich schnappen?" fragte Jerome mit filmgerechtem Pathos. Er hielt sich an das Drehbuch,
darauf konnte man sich verlassen.
Großaufnahme, Kameraschwenk ... und Schnitt! Jeder Regisseur wäre begeistert, dachte Gwynn
mit einem Anflug von Galgenhumor - aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie sehr viel
mehr als nur eine vage Vorstellung davon hatte, was mit ihr geschehen würde, wenn sie geschnappt
wurde. Sie wußte es - und dieses Wissen spielte die Hauptrolle in all ihren Alpträumen. Auch in
dieser Beziehung hatte Cel ihr nie etwas vorgemacht ...
"... und über eines musst du dir im klaren sein - wenn sie dich schnappen, ist es vorbei! Vorbei,
verstehst du? Der imperiale Geheimdienst wird einen von seinen Bluthunden von der Kette und auf
dich loslassen, einen von diesen ganz speziellen Spezialisten. Und wenn der mit dir fertig ist - und
damit wird er sich sehr viel Zeit lassen, das kannst du mir glauben -, dann wartet nur noch das
Erschießungskommando auf dich. Tja, so sieht's aus. Man muss schon sehr von seiner Sache
überzeugt sein, um all das auf sich zu nehmen." Wieder dieser prüfende dunkle Blick, der wie ein
Laserskalpell in ihre Gedanken hineinzuschneiden und sie zu sezieren schien. "Willst du immer
noch bei uns mitmachen?"
"Ja!" sagte Gwynn laut. Hätte man sie gefragt, sie hätte selbst nicht genau sagen können, wem
dieses Ja eigentlich galt, aber Jerome bezog ihre Antwort natürlich auf sich. Abrupt ließ er ihre
Hand los, griff nach seinem Glas, trank einen Schluck und stellte es mit einem Schwung auf den
Tisch zurück, der den restlichen Wein - einen Brionn aus einem sehr, sehr edlen und sehr, sehr
teuren Jahrgang - in seinem in allen Regenbogenfarben schillernden Gefängnis aus Bleikristall hin
und her schwappen und im samtigen Licht der Leuchtpaneele rubinrot auffunkeln ließ. Rot wie Blut,
dachte Gwynn und fröstelte plötzlich.
"Du bist verrückt, übergeschnappt, vollkommen ausgeklinkt! Du hast dich so in diese ganze
verdammte Geschichte hineingesteigert, dich so verrannt, dass man dir mit Vernunft überhaupt
nicht mehr beikommen kann. Ich hab's versucht, immer wieder versucht, aber auf mich hörst du ja
nicht. Gut ... schön ... mach doch, was du willst ... ich kann dich sowieso nicht davon abhalten.
Aber eines sage ich dir, du ... glaub ja nicht, dass ich ewig wie auf glühenden Kohlen sitzen und
darauf warten werde, dass der Blitz einschlägt, nur weil du davon besessen bist, deinen ganz
privaten kleinen Kreuzzug zu führen! Das tue ich mir nicht an, hörst du? Da mache ich nicht mit!"
Aber alles, was Gwynn hörte, war Verzweiflung - ein Unterton, der in jedem Wort mitschwang, das
Jerome sagte. Und das war auch gut so, denn das war etwas Neues, etwas, das es ihr erlaubte, über
das unmissverständliche Ultimatum hinwegzusehen, das ihr gerade gestellt worden war, und jetzt
ihrerseits über die Barriere der viel zu weißen Damasttischdecke hinweg nach seiner Hand zu
greifen und sie festzuhalten.
"Tut mir leid, Jerry. Du wirst es mir vielleicht nicht glauben, aber ... ich weiß, wie schlimm das
alles für dich ist. Ich weiß, dass du dir die ganze Zeit Sorgen machst und dir dauernd den Kopf
darüber zerbrichst, was mir alles passieren könnte. Und deshalb ...", Gwynn zögerte einen
Herzschlag lang, dann sagte sie hastig, " ... und deshalb verspreche ich dir jetzt auch etwas, Jerry.
Es ... wird nicht mehr lange dauern ... gar nicht mehr lange. Ich ... höre damit auf. Definitiv. Bald."
"Und was verstehst du unter bald?"
"Ziemlich bald", erwiderte Gwynn, aber sie konnte ihm dabei nicht in die Augen sehen.
Jerome starrte sie an, dann schüttelte er langsam den Kopf - eine Geste, in der mehr Resignation
lag, als er durch Worte zum Ausdruck bringen konnte. "Du spielst mit dem Feuer, Gwynn. Ich hoffe
nur, dass du wirklich damit aufhörst, bevor es zu spät ist."
Vielleicht ist es ja schon zu spät, dachte Gwynn und schloss die Augen, nur um Finn Tintagel vor
sich zu sehen, der ihr heute in der Mittagspause etwas erzählt hatte, das ihre Gedanken immer noch
Purzelbäume schlagen ließ. Viel zu spät ... "Lass uns gehen, ja? Ich muss morgen früh raus."
Jerome stand sofort auf und zückte seine Kreditkarte. "Ja, sicher. Ich bring dich nach Hause."
Sie sprachen kein Wort mehr miteinander, während sie zur Rezeption gingen, wo Jerome die
Rechnung beglich, und dann zur Garderobe, um ihre Mäntel zu holen. Auch während der ganzen
Fahrt herrschte Schweigen - jeder hing seinen Gedanken nach -, aber als Jerome seinen Gleiter vor
Gwynns Haus anhielt, fragte er beinahe schüchtern: "Kann ich noch mit reinkommen?" und das war
ein eindeutiges Friedensangebot.
Gwynn lächelte, beugte sich zu ihm vor und gab ihm einen Kuss. "Natürlich."
Als sie ausgestiegen waren und auf das Haus zugingen, Hand in Hand, sagte Jerome betont
beiläufig: "Ich fliege morgen abend nach Rengeti. Wir haben dort einen Klienten, eine
Speditionsfirma, die es irgendwie geschafft hat, ihre ganzen Lagerhallen in Flammen aufgehen zu
lassen. Aber die Sache ist ziemlich heiß ... unser Versicherungsnehmer ist nämlich so gut wie
bankrott, und deshalb glauben sie jetzt bei Flloyd, dass es vielleicht Brandstiftung war. Ich soll mir
ein Bild von der Lage und eine vorläufige Schadensaufstellung machen. Das wird schon eine Weile
dauern ... ich komme bestimmt nicht vor nächster Woche zurück. Aber wenn ich wieder hier bin, du
... dann gehen wir beide sofort auf die Jagd nach einer 3- oder 4-Zimmer-Wohnung, und wenn wir
eine gefunden haben, dann ziehen wir endlich zusammen. Und wir heiraten noch dieses Jahr.
Einverstanden?"
Gwynn schwieg, erwiderte nur den zärtlichen Druck seiner Hand, und das war für beide Antwort
genug.
*
Die Uhr auf der Kifarholz-Kommode gab jedesmal ein leises Klicken von sich, wenn ihre
Leuchtdiodenanzeige auf eine volle Stunde umschaltete, ein winziges Geräusch, ein fast unhörbarer
Kontrapunkt in der Melodie der Nacht, die von Gwynns eigenem rhythmischen Herzschlag und den
gleichmäßigen Atemzügen an ihrer Seite widerhallte. Zwei Uhr morgens ... und sie war immer noch
hellwach. Regungslos lag sie da, starrte mit weitgeöffneten Augen in die Dunkelheit hinein und
wartete auf den Schlaf wie auf einen Gast, der einfach nicht kommen wollte. Nicht zu ihr. Zu
Jerome schon ... Jerome, der oft behauptete, vor lauter Angst um sie kein Auge mehr
zuzubekommen, und der trotzdem hier und jetzt auf dem Kissen neben ihr den Schlaf des Gerechten
schlief ...
Gwynn drehte sich zu ihm um, stützte sich auf den Ellbogen und betrachtete ihn. Jerome sah ganz
anders aus, wenn er schlief. So unschuldig ... beinahe kindlich ... und irgendwie rührend mit seinem
zerzausten weizenfarbenen Haarschopf und dem halboffenen, atmenden Mund in seinem
schlafenden Gesicht. Es tat weh, ihn anzulügen. Hatte sie ihn denn angelogen? Ja. Nein. Jein ...
Sie würde nicht aufhören. Sie konnte nicht aufhören, nicht jetzt, nicht einfach so - von heute auf
morgen alles stehen und liegen lassen und ... ja ... und die Allianz im Stich lassen. Aber sie wollte
aufhören ...
Dann tu es! schrie eine kleine Stimme irgendwo tief in ihr, eine Stimme, die sich in letzter Zeit
immer öfter ungefragt zu Wort meldete - vor allem nachts, wenn Gwynn dalag, wie sie heute dalag,
und auf die erlösende Bewusstlosigkeit eines Schlafes wartete, der entweder überhaupt nicht kam
oder von Alpträumen bevölkert war, die sie nur allzu bald schweißgebadet und mit fliegendem Puls
hochfahren ließen.
Gwynn kuschelte sich an Jerome. Es tat gut, seine Nähe zu spüren, seine Wärme zu fühlen. Sie
fragte sich, ob er seine unausgesprochene Drohung wahrmachen und sie wirklich verlassen würde,
wenn er merkte, dass sie ihn hinhielt. Jedes Ding hatte seinen Preis. Aber sich gegen das Imperium
zu stellen, hatte einen Preis, der so hoch war, dass Gwynn sich allmählich fragte, ob ihn überhaupt
jemand bezahlen konnte.
Sie stellte sich in letzter Zeit viel zu viele Fragen - aber sie fand keine Antworten ...
*
Cel sah sie aufmerksam an. Ihm entging nichts ... weder die durchscheinende Blässe ihres
Gesichtes, das mit seinen hohen Wangenknochen und seinem spitzen kleinen Kinn wie eine
dreieckige, aus Mondstein geschnittene Kamee aussah, noch die bläulichen Schatten unter ihren
rauchgrauen Augen ... weder die Art, wie sie dasaß - jeder einzelne Muskel angespannt, fluchtbereit
-, noch die fahrige, unruhige Handbewegung, mit der sie sich immer wieder eine helle Haarsträhne
aus der Stirn wischte. Cel kannte die Symptome - er hatte sie oft genug beobachtet -, aber dass
Gwynns Nerven wirklich am Boden schleiften, wurde ihm spätestens in dem Augenblick klar, als
sie es schaffte, ihre Teetasse zum zweitenmal umzuwerfen.
Er warf seine Serviette auf die lauwarme, grünbraune Miniatursintflut, bevor sie sich erneut über
den Tischrand und auf den mit Korkmatten ausgelegten Boden ergießen konnte. Die Kellnerin, die
das Fiasko beobachtet hatte, runzelte die Stirn, verschwand kurz hinter der Theke, förderte dort
wieder einen Putzlappen von undefinierbarer Farbe zutage und kam zu ihnen herüber, um noch
einmal mit spitzen Fingern eine durchweichte Papierserviette aufzuheben und das billige
Kunststoffset, das auf dem Tisch lag, flüchtig trockenzuwischen. Ihr Gesichtsausdruck gab deutlich
zu erkennen, dass sie Gäste, die mit ihren Getränken offenbar nichts Besseres anzufangen wussten,
als sie wieder und wieder zu verschütten, nicht nur als Zumutung, sondern auch als lebende
Symbole für die allgemeine Ungerechtigkeit des Universums betrachtete. Cel fragte sich, ob es eine
Gewerkschaft gab, die sich um die Sorgen und Nöte von überarbeiteten und unterbezahlten
Straßencafé-Bedienungen kümmerte. Wenn ja, dann würde diese Frau wahrscheinlich in nächster
Zukunft einen Sitzstreik oder einen Protestmarsch organisieren - und wenn nicht, dann würde sie
ihren Gästen zusätzliche Dienstleistungen wie diese hier einfach auf die Rechnung zu setzen. Er
beschloss, ihr trotzdem ein großzügig bemessenes Trinkgeld zu geben.
Bross, der den Tisch neben ihnen mit Beschlag belegt hatte, um sie vor der unerwünschten
Aufmerksamkeit der anderen Gäste abzuschirmen, konzentriert in die Tagesausgabe der Imperial
News starrte und sich grenzenlose Mühe gab, ganz, ganz unauffällig auszusehen - was wirklich
nicht einfach war, wenn man ein 1,95-Meter-Hüne mit den ehrfurchtgebietenden Muskelpaketen
eines Tsumo-Ringers war -, begann zu grinsen wie ein Honigkuchenpferd.
Cel fand die Situation gar nicht komisch. Aber das lag vielleicht auch an dem Duell, das ihm jetzt
bevorstand. Er dachte einen Augenblick lang nach, während er sich seine Taktik zurechtlegte und
seine Argumente sortierte wie ein Arsenal aus scharfgeschliffenen Degen und Floretten. Er zog es
vor, seine Kämpfe offen auszutragen, und deshalb warf er Gwynn auch gleich mit dem allerersten
Satz, den er von sich gab, den Fehdehandschuh vor die Füße.
"Du willst aussteigen." Seine Stimme war so ruhig und beherrscht wie immer, enthielt weder einen
Vorwurf noch eine Anklage - nur eine Herausforderung.
"Nein!" sagte Gwynn hastig - viel zu hastig, viel zu verteidigend. "Nein, das nicht. Ich will nicht
aussteigen, Cel. Aber ich brauche einfach eine ... Auszeit, eine kleine Atempause. Ich ... ich war in
den letzten sechs Monaten so oft aktiv und jetzt ... Es wäre besser, wenn ich mich eine Zeitlang ein
bisschen zurückhalte."
"Was ist mit dir los, Gwynn? Wo liegt das Problem? Ist irgend etwas passiert?"
Gwynn sah aus dem Fenster, starrte in den flirrenden Sonnenschein hinaus. "Sie sind mir auf der
Spur, Cel", sagte sie leise. "Ich fühle es. Ich weiß es."
Paranoia - die Berufskrankheit der Spione, dachte Cel. Aber immerhin wußte er jetzt, wo er den
Hebel ansetzen musste. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme über der Brust
und sagte betont leichthin: "Aha. Du fühlst es! Du weißt es! Ist das jetzt nur die berühmte weibliche
Intuition oder hast du auch etwas Konkretes in der Hand? Wie kommst du darauf?"
"Einer von meinen Kollegen hat mir erzählt, dass unsere Finanzabteilung die Girokonten von allen
Mitarbeitern überprüft hat - und das ist noch keine Woche her!"
"Na, wenn das kein alarmierendes Zeichen ist!" Cel lächelte ein wenig. "Ich bitte dich, Gwynn - die
haben sich wahrscheinlich bei der Überweisung eurer letzten Soldzahlung um ein paar Credits zu
euren Gunsten verrechnet und sind gleich in Panik geraten, dass sie bei der nächsten Revision
vielleicht in den roten Zahlen stehen, wenn sie euch das Geld nicht ganz schnell wieder abknöpfen.
Ist das alles?"
"Was ist, wenn sie die Konten überprüft haben, weil sie glauben, dass irgend jemand bei uns die
Hand aufhält, dass sich jemand bestechen lässt? Was ist, wenn sie schon längst gemerkt haben, dass
sie einen Maulwurf im System haben ... und dass dieser Maulwurf hier auf Devon sitzt?"
Cel stieß einen tiefen und theatralischen Seufzer aus. "Na schön. Gehen wir die Sache doch mal mit
Logik an. Sämtliche Geheimdienstaktivitäten in diesem Sektor werden über die Zentrale auf Vardiss 3 gesteuert, nicht wahr?" Gwynn nickte nur. "Na also. Du brauchst das eigentlich nicht zu
wissen, aber wenn es dich beruhigt ... Vor ein paar Monaten hat es die Allianz geschafft, in die
Analyseabteilung auf Vardiss einen V-Mann einzuschleusen. Und der ganze Job von diesem
Burschen besteht darin, Augen und Ohren offenzuhalten, damit wir hier auf Devon rechtzeitig
gewarnt werden, wenn uns irgend jemand in die Quere kommt. Rückendeckung, verstehst du? Und
weißt du was? Die haben keine Ahnung auf Vardiss! Und wenn sie sich in letzter Zeit überhaupt je
Gedanken gemacht haben - vielleicht wegen dieser Sache im Canbalic-System oder meinetwegen
auch wegen Soraya 8, weil du dir ausgerechnet über die letzten sechs Monate Sorgen machst -,
dann würden sie eher irgendein hohes Tier im Flotten-Oberkommando verdächtigen als den
Nachrichtendienst hier auf Devon, sagt unser V-Mann. Alles ruhig an der Vardiss-Front. Fühlst du
dich jetzt besser?"
"Vielleicht ist euer V-Mann längst enttarnt worden. Vielleicht führen sie gerade jetzt ... in diesem
Augenblick ... eine verdeckte Ermittlung durch."
"Und vielleicht fällt dem Imperator heute Nacht einer von seinen eigenen Sternzerstörern aufs
Dach. Weißt du, Gwynn, wenn du dich selbst verrückt machen willst, dann kann ich dir auch nicht
helfen." Auf Gwynns Stirn erschien eine steile Falte. Cel wartete, aber sie schwieg. "Niemand weiß
besser als ich, unter was für einem Druck du stehst, Gwynn. Es ist hart, aber was sollen wir
machen? Das Imperium steht uns allein, was seine Flotte angeht, in einem Verhältnis von zehn zu
eins gegenüber - und das ist nur eine grobe Schätzung! -, von seinen Ressourcen ganz zu
schweigen. Wir brauchen die Informationen, wenn wir überhaupt eine Chance haben wollen. Wir
brauchen dich, Gwynn. Du bist der Joker in diesem Spiel."
Cel legte eine Kunstpause ein und atmete tief durch. Als er weitersprach, wurde seine Stimme
weich und werbend. "Erinnerst du dich noch daran, was ich dir damals, ganz am Anfang, gesagt
habe? Das mit den Orden und den Lorbeerkränzen, weißt du noch? Damit habe ich nicht gemeint,
dass die Allianz nicht anerkennt, was du leistest und wie viel sie dir zu verdanken hat. Und
irgendwann, wenn dieser Krieg vorbei ist und alles endlich wieder so ist, wie es auch sein soll, dann
wirst nicht nur du wissen, dass dazu wesentlich mehr nötig war als der Einsatz von ein paar XFlügler-Staffeln. Aber bis dahin müssen wir noch einen weiten Weg zurücklegen, und das schaffen
wir nur, wenn wir zusammen durchhalten. Lass uns jetzt nicht im Stich, Gwynn ..."
Gwynn senkte den Kopf ... und Cel wußte, dass er gewonnen hatte. Er wußte, wie man die Leute
inspirierte, motivierte und - wenn es sein musste - auch manipulierte.
"Vielleicht habe ich nur zuviel Phantasie", sagte Gwynn widerstrebend.
"Du stehst unter Stress", sagte Cel mit einer sorgfältig dosierten Mischung aus Fürsorge und
freundlicher Aufmunterung. Er sah sie forschend an. "Hör mal, wenn du einfach nur ein bisschen
kürzertreten willst ... für eine Weile ... dagegen sagt ja niemand was. Vielleicht gönnst du dir
zwischendurch mal einen kleinen Urlaub. Aber vorher hätten wir da noch eine Kleinigkeit für dich.
Einer unserer Leute auf Arden hat herausbekommen, dass die Imperialen vorhaben, in irgendeinem
Randsystem im Nachbarsektor ein bisschen Randale zu machen. Sie scheinen dafür
Flotteneinheiten aus unserem Sektor abziehen zu wollen, damit die auch mal wieder ihren Spaß
haben. Der springende Punkt ist, dass es sich bei dem Ziel wahrscheinlich nur um eine Welt mit ein
paar mittelprächtigen Kolonistensiedlungen handelt, die sich kaum verteidigen können und bei
einem Angriff ziemlich alt aussehen würden. Wir müssen unbedingt herausbekommen, wann und
wo die Imperialen ihre Show abziehen wollen, damit wir die Kolonisten vorher warnen und ihnen
ein bisschen unter die Arme greifen können. Evakuierung, wenn das überhaupt möglich ist ...
medizinische Erstversorgung und solche Sachen ... du weißt schon."
"Ja, ich weiß", seufzte Gwynn.
Cel sah sie an. "Denk daran, was auf dem Spiel steht, Gwynn", sagte er ernst. "Tausende,
Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende von Leben."
Tausende, Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende von Leben ... und was ist mit mir?
dachte Gwynn. "Natürlich. Ich werde sehen, was ich tun kann", sagte sie und stand auf. Es war Zeit
zu gehen. "Und wenn ich es habe? Dieselbe ... Prozedur wie immer?"
Cel nickte und lächelte ein wenig. "Dieselbe Prozedur wie immer."
Er sah ihr nach, als sie auf die Tür zuging, schmal und aufrecht wie eine Lanze, trotz der Müdigkeit
in ihren Augen. Sie würde sich zusammenreißen und tun, was sie konnte, das wußte er. Sie würde
weitermachen, weil er sie bei der Stange hielt - aber wie lange noch? In diesem Job musste man in
jeder Situation kaltes Blut und einen klaren Kopf bewahren. Ein Spion, der die Nerven verlor, war
verloren. Nervöse Spione machten Fehler - und Spione, die Fehler machten, wurden geschnappt.
Cel seufzte. Ja, er wußte, wie man die Leute inspirierte, motivierte oder auch manipulierte - und
manchmal hasste er sich selbst dafür ...
*
"... und ich komme an dieser Boutique vorbei, und da hängt es einfach im Schaufenster ... ein
Traum aus moosgrünem Samt, und du weißt ja, wie gut mir Grün steht. Natürlich sündhaft teuer,
das Ding, aber einfach hinreißend ... Und da habe ich zu mir gesagt, na ja, Herzchen, das Leben ist
kurz ... und man gönnt sich ja sonst nichts ... Und dann habe ich es mir gekauft!" zwitscherte
Marcia und holte ungefähr zum hundertstenmal einen kleinen Taschenspiegel aus ihrer
Schreibtischschublade, um ihre gelgestylte kurzlockige Sturmwindfrisur, die seit ihrem gestrigen
Friseurbesuch in einem atemberaubend exotischen - und ziemlich auffälligen - Kupferrotgoldton
schimmerte, noch einmal einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen. (Die offenbar poetisch
angehauchte Werbeabteilung der Herstellerfirma bezeichnete die Farbe voller Enthusiasmus als
'Magisches Herbstfeuer'.)
Gwynn unterdrückte nur mit Mühe ein Gähnen. Ihre Lider waren schwer wie Blei - ganz zu
schweigen vom Rest ihres Körpers -, und ihre Augen brannten vor Übermüdung, als sie von ihrem
Computerbildschirm wegsah und geistesabwesend auf die kränklich aussehenden HydrokulturTopfpflanzen starrte, die dem tristen, fensterlosen, ganz in Grau gehaltenen Großraumbüro
angeblich eine freundlichere Note verleihen sollten. Der Tag lag vor ihr wie ein endloser
Marathonlauf durch einen glutheißen Großstadtdschungel, ein verdächtiges Pochen in ihren
Schläfen drohte ihr mit hämmernden Kopfschmerzen - und es gab nichts, was sie im Augenblick
weniger interessierte als Marcia Fandorins neues Kleid.
Aber es gab jemanden, der sich brennend dafür interessierte - und schon lugte Finn Tintagels
schmales, kluges Windhundgesicht über die niedrige transparente Trennwand, die seine
Computerkonsole von Gwynns und Marcias Plätzen separierte.
"Guten Morgen, guten Morgen ... und herzlich willkommen zu einem neuen ausgefüllten und
erfüllenden Arbeitstag in diesen heiligen Hallen", trompetete er, und sein fröhliches Grinsen, in
dem eine gesunde Portion Selbstironie lag, brachte Gwynn zum Lächeln und ließ sie ihre
Kopfschmerzen und alles andere beinahe vergessen. Aber Marcia zog nur indigniert eine sorgfältig
gezupfte Augenbraue in die Höhe, und Finns Grinsen verlor sofort neun Zehntel von seiner
Fröhlichkeit.
Vor kurzem hatte Finn zu seinem Unglück entdeckt, dass er bis über beide Ohren in Marcia verliebt
war, die ihm energisch die kalte Schulter zeigte. Er warb um sie mit dem ganzen Einfallsreichtum
seines jungenhaften Charmes, hatte aber nicht die leiseste Chance, bei ihr zu landen, denn
Marcia, die nur auf Männer mit Macht stand und sich zu höheren Dingen berufen fühlte, ignorierte
ihn vollständig. Worin genau diese höheren Dinge eigentlich bestanden, wußte Marcia
wahrscheinlich selbst nicht genau, aber der Mann mit Macht wurde im Augenblick überaus
erfolgreich durch Colonel Sirakin, den leitenden Offizier ihrer Dienststelle, verkörpert, in dessen
schnelle und totale Eroberung sie ihre Zeit, ihre Kraft und ihr ganzes unbestreitbar reizvolles
Persönchen investierte. Aber obwohl Marcia sämtliche Register zog und ihre Beute mit der
Raffinesse und Entschlossenheit einer erfahrenen Jägerin belauerte und in die Enge zu treiben
versuchte, legte Colonel Sirakin ihr gegenüber eine beklagenswerte und völlig unerklärliche
Zurückhaltung an den Tag. Das war der aktuelle Stand der Dinge - und Marcia und Finn litten beide
schrecklich darunter.
Finn, abgeblitzt und für den Moment geschlagen, schnitt eine kleine Grimasse. "Na ja ... ich mach
mich dann mal wieder an die Arbeit", murmelte er und trollte sich lustlos an seinen Computer
zurück. Sogar von hinten sah er enttäuscht aus.
"Der arme Junge", sagte Gwynn kopfschüttelnd. "Also wirklich, Marcia ... du bist grausam!"
Marcia nahm das mit einem Achselzucken hin. "Das Leben ist grausam, Herzchen." Und diese
weise Erkenntnis brachte sie automatisch auf ihr Lieblingsthema zurück - Colonel Sirakin. "Der
Mann ist ein Gletscher, Herzchen", seufzte sie. "Sowas von reserviert und zugeknöpft bis oben hin.
Aber ich werde ihn schon noch auftauen!"
"Lass lieber die Finger von ihm", warnte Gwynn. "Glaub mir, es bringt nur Ärger, wenn man sich
mit einem Vorgesetzten einlässt."
"Ach was", sagte Marcia leichthin. Und damit ging sie dazu über, Gwynn über ihre neueste Taktik
im Feldzug Fandorin gegen Sirakin zu informieren, wobei sie tatsächlich einen gewissen Sinn für
Strategie unter Beweis stellte.
Deine Sorgen möchte ich haben, dachte Gwynn mit einer Mischung aus Belustigung und Bitterkeit.
Ihr Blick schweifte durch das Büro, und ihre Kopfschmerzen gewannen an Intensität, als sie ihre
Kollegen beobachtete, die an ihren Computerkonsolen arbeiteten, Komgespräche führten, Befehle
empfingen und weitergaben und überhaupt sehr, sehr beschäftigt waren, während sie selbst gar
nichts tat und Marcia sich in erfreulichen Zukunftsplänen erging. Eine Bewegung, die sie aus dem
Augenwinkel wahrnahm, erregte ihre Aufmerksamkeit, sie sah genauer hin ... und plötzlich war sie
hellwach und ganz da.
"Sag mal, Herzchen, hörst du mir überhaupt zu?" erkundigte sich Marcia leicht gekränkt.
"Die ganze Zeit. Jedes Wort!" schwor Gwynn, was eine glatte Lüge war, und starrte mit wachsender
Faszination auf das vertraute asymmetrische Muster, das gerade langsam über den Monitor von
Marcias Terminal wanderte. Ihr Herz begann hart und unregelmäßig gegen ihre Rippen zu schlagen.
Hochsicherheitscode. Absolute Priorität. Das musste es sein. Das war es! "Marcia? Ich glaube, da
kommt gerade was für dich rein."
Marcia warf einen flüchtigen Blick auf ihren Bildschirm. "Ach nein, das geht mich nichts an ... das
ist nur für Nummer zwei", sagte sie geringschätzig, womit Captain Thoran, Colonel Sirakins
Stellvertreter, gemeint war. Thoran rangierte auf Marcias Beliebtheitsskala ganz weit unten, und sie
machte nicht gerade ein Geheimnis daraus. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Marcia
bezeichnete Thoran gerne als größenwahnsinnigen Papiertiger mit dem unterentwickelten Humor
einer an Blutarmut leidenden Dendria-Waldzecke, und sie war, was ihr Temperament anging,
durchaus dazu fähig, ihm das eines Tages auch ins Gesicht zu sagen - koste es, was es wolle.
"Bist du sicher?" fragte Gwynn und schaffte es dabei irgendwie, völlig gleichgültig zu klingen,
obwohl sie alles andere als gleichgültig war.
"Sicher bin ich sicher", erwiderte Marcia ein wenig spitz. "Das ist mein Job, oder nicht?" Sie
musterte Gwynn nachdenklich. "Weißt du, Herzchen, du siehst zur Zeit wirklich ein bisschen
mitgenommen aus. Du hast ja einen Teint wie ein marinierter Klippfisch, ganz weiß und fahl. Ein
kleiner Solariumbesuch ab und zu würde dir ganz gut tun. Und ein ganz kleines bisschen Make-up
wirkt nicht nur wahre Wunder, sondern stärkt auch noch dein ..."
In diesem Augenblick öffneten sich die Lifttüren mit einem bedrohlich klingenden Zischen und
gaben den Blick auf eine hochgewachsene schlanke Gestalt in einer hellgrauen Uniform frei - ein
Anblick, der alle, die in den letzten zehn Minuten tollkühn genug gewesen waren, ihre Plätze zu
verlassen, um sich eine Kaffeepause zu gönnen oder mit ihren Kollegen zu schwatzen, mit
derselben panischen Entschlossenheit an ihre Schreibtische zurückjagen ließ, mit der auch die
Bewohner eines Korallenriffs in ihre Schlupflöcher flüchteten, sobald sie die tödlich elegante
stromlinienförmige Silhouette eines Hais sichteten.
Marcia griff geistesgegenwärtig nach ihrem Taschenspiegel und warf einen letzten schnellen,
kritischen Blick hinein, bevor sie ihn achtlos in ihre halboffene Schreibtischschublade hineinwarf,
die sie sofort zuknallte. Als Sirakin langsam und gemessen auf sie zukam und schließlich vor ihrem
Schreibtisch stehenblieb, war sie bereit - bereit, den größten Fisch ihres Lebens zu fangen. Alle
Schleppnetze, Angeln und Köder waren ausgelegt, und sie stand im Bug, die Harpune in der Hand.
Gwynn konnte sich ein Schmunzeln nicht ganz verkneifen.
Sirakin räusperte sich. Er sah aus wie die Reinkarnation eines Fürsten aus der seit Jahrhunderten
ausgestorbenen Tiol'Stoi-Dynastie - und wenn er wirklich schlechte Laune hatte, was zum Glück
nur selten vorkam, dann benahm er sich auch so. "Irgendwelche Nachrichten für mich, Lieutenant
Fandorin?" sagte er knapp.
Marcia beugte sich ein wenig vor, um ihre weiblichen Attribute, die durch die enganliegende
Uniformjacke eher betont als verborgen wurden, möglichst vorteilhaft zur Geltung zu bringen, und
sah großäugig zu ihm auf. Ihr Blick hätte Durastahl zum Schmelzen gebracht. "Nein, Sir. Soll ich
Ihnen jetzt ein Tässchen Tee bringen, Sir?" säuselte sie.
"Nein danke, Lieutenant", sagte Sirakin. Seine Stimme war völlig ausdruckslos, aber seine Augen,
die eisgrün und durchdringend wie TIE-Jäger-Laserstrahlen waren, ruhten einen Augenblick lang
ungläubig auf Marcias 'Magischem Herbstfeuer', als könnte er es nicht fassen, dass so eine Farbe
überhaupt existierte. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und ging mit raumgreifenden Schritten
auf und davon, um in seinem riesigen Büro zu verschwinden, das immer seltsam kahl wirkte,
obwohl es mit gigantischen, aggressiv-modernen Acrylglasmöbeln vollgepfercht war.
"Dann eben nicht", murmelte Marcia schmollend.
Sie wandte sich trostsuchend an Gwynn, um die zerzausten Flügel ihres angeknacksten
Selbstbewusstseins wieder glattstreichen zu lassen, aber bevor sie dazu kam, auch nur ein Wort zu
sagen, tauchte plötzlich Captain Thoran wie ein Schachtelteufelchen vor ihnen auf. Seine rosige
Frettchennase zuckte vor Erregung, und seine Fistelstimme überschlug sich fast, als er schrillte:
"Und das nennen Sie einen Bericht, Lieutenant Fandorin?!" Er knallte einen Datenblock auf
Marcias Tisch und erging sich in einer langen, wortgewaltigen Strafpredigt. Als er endlich fertig
war - aber nur, weil ihm langsam der Atem ausging -, wirbelte er herum und schoss davon wie ein
zu klein geratener Protonentorpedo, um auch den Rest der Abteilung mit seiner tyrannischen
Zwergpinscherpräsenz in Angst und Schrecken zu versetzen.
Marcia, tödlich beleidigt, was das einzige war, was sie für eine Weile zum Schweigen bringen
konnte, machte sich daran, den unglückseligen Bericht zu ergänzen. Gwynn schloss die Augen und
dachte an das, was ihr heute noch bevorstand. Es würde ein sehr, sehr langer Tag werden ...
*
"Na, noch kein Feierabend in Sicht?"
Gwynn drehte sich um, versuchte es mit einem Lächeln und hatte sogar Erfolg damit. "Verdammte
Gleitzeit!" sagte sie mit soviel Überzeugungskraft, wie sie nur aufbringen konnte. "Verführt mich
doch immer wieder dazu, ein bisschen früher nach Hause zu gehen ... und am Monatsende kann ich
dann sehen, wie ich meine Minusstunden wieder los werde."
"Ja, man hat's nicht leicht", seufzte einer der beiden Wachposten, die auf ihrem abendlichen
Routinerundgang durch die Abteilung waren, während sein Kollege durch den jetzt menschenleeren
Raum ging und überprüfte, ob auch wirklich bei allen Computerkonsolen ordnungsgemäß der
Energiesparmodus aktiviert worden war. "Also dann, viel Spaß noch, Lieutenant. Überarbeiten Sie
sich bloß nicht ... und dass Sie uns hier ja nichts anstellen!" Er drohte Gwynn scherzhaft mit dem
Zeigefinger und lachte noch über seinen eigenen Witz, als er schon wieder draußen auf dem
Korridor war.
Sein Kollege, der jetzt mit seiner Kontrolle fertig war, fragte mürrisch: "Und wie lange bleiben Sie
noch, Lieutenant?" "Sie brauchen meinetwegen nicht extra noch einmal hierherzukommen,
Sergeant", sagte Gwynn rasch. "Ich vergesse bestimmt nicht, meinen Terminal und das Licht
abzuschalten."
Der Mann verzog ein wenig das Gesicht. "Kann schon sein, Lieutenant, aber ich muss trotzdem
nachsehen. Vorschrift ist Vorschrift", brummte er. "Ich schaue nachher noch mal bei Ihnen
rein."
Auch das noch! stöhnte Gwynn innerlich, als er hinausging. Unter Zeitdruck zu stehen, war genau
das, was sie jetzt am allerwenigsten brauchen konnte. Sie dachte fieberhaft nach. Sollte sie es
riskieren? Es kam so gut wie nie vor, dass jemand nach Dienstschluss freiwillig hier blieb, um
Überstunden zu machen. Auch der Abbau von Minusstunden war eine eher flaue Ausrede und alles
andere als ein perfektes Alibi. Wenn sie allzu lange hier herumsaß, würden die Wachen
wahrscheinlich misstrauisch werden und versuchen herauszufinden, was sie eigentlich trieb. Sollte
sie es auf morgen verschieben? Aber sie stand ja jetzt schon unter Zeitdruck! Cel hatte ihr
ausdrücklich gesagt, wie wichtig es war, dass die Allianz so schnell wie möglich an diese
Information herankam. Wenn die chiffrierte Order, die heute morgen über Marcias Terminal
hereingekommen war, wirklich diesen geplanten Angriff betraf, dann konnten wenige Stunden über
Leben und Tod entscheiden.
Verdammt! Verdammt! Verdammt noch mal! dachte Gwynn. Hätte ich es doch nur heute mittag
versucht!
Aber das hatte sie einfach nicht gewagt. Nicht während eine von Liebeskummer gebeutelte Marcia
die ganze Zeit um sie herumschwirrte und einen Frontalangriff auf Colonel Sirakin, diese Festung
an männlicher Tugend, plante. Nicht während Finn, der sich im selben Zustand befand, jede
Minute, in der er sich von Captain Thoran unbeobachtet glaubte, ausnutzte und sich zu Gwynn
setzte, um ihr sein Leid zu klagen und sie um Rat zu fragen, wie er doch noch Marcias
Aufmerksamkeit auf sich lenken konnte. Ähnlich wie seine desinteressierte Angebetete war Finn
inzwischen mit seiner Weisheit am Ende und stand kurz vor einer Verzweiflungstat - er erwog
bereits, vor Marcia auf die Knie zu fallen (wenn es sein musste, auch vor den Augen der ganzen
Abteilung) und sie mit Schwüren ewiger Liebe und Treue und ganzen Regenschauern von
karmesinroten Baccarai-Rosen zu überschütten.
Es gab Augenblicke, in denen Gwynn die hormonell bedingten Gefühlswallungen ihrer Kollegen
und die daraus resultierende Ablenkung ziemlich anstrengend fand. Aber die Ablenkung war nicht
das Problem. Das Problem bestand darin, dass sowohl bei Finn als auch bei Marcia - obwohl sie
momentan geistig stark von ganz anderen Dingen in Anspruch genommen waren - im Fall der Fälle
ein einziger zufälliger Blick auf den Bildschirm von Gwynns Computerkonsole genügt hätte, um sie
erkennen zu lassen, dass Gwynn mitten in einem Programm steckte, zu dem sie offiziell ganz
bestimmt keine Zugangsberechtigung hatte. Nein, auf so ein Vabanquespiel konnte Gwynn sich
unmöglich einlassen.
Und deshalb saß sie jetzt hier und wünschte sich weit weg. Sie hatte es noch nie auf diese Tour
durchgezogen ... ganz allein und unter den Argusaugen von Wachposten, die jederzeit
hereinschneien und ihr über die Schulter sehen konnten. Es hörte sich verrückt an, aber es war
tatsächlich viel sicherer, wenn das ganze Büro voller Menschen war, ob sie nun auf ihren Plätzen
saßen und ihrer Arbeit nachgingen, oder ob sie durch die Gegend liefen und den neuesten Klatsch
austauschten - egal was, Hauptsache, sie waren da und brachten Leben in die Bude. Es war sicherer,
weil es unauffälliger war. Es war sicherer, weil niemand damit rechnete, dass ein Spion der Allianz
die Frechheit besaß, am helllichten Tag in Aktion zu treten und direkt vor den Nasen von fast
siebzig Leuten eine Information aus dem Computer zu holen wie ein Varietézauberer ein weißes
Kaninchen aus seinem Zylinder. Aber heute hatte Gwynn ihren kleinen Zaubertrick nicht vorführen
können - wegen Marcia und Finn. Und ob es ihr nun gefiel oder nicht - sie musste es jetzt tun!
Gwynn atmete tief durch, beugte sich über die Tastatur ihres Terminals und begann langsam und
unendlich vorsichtig die erforderlichen Perimeter einzugeben. Nur kein Fehler jetzt! Feine
Schweißperlen erschienen auf ihrer Stirn und sickerten an ihren Schläfen und ihrem Jochbein
hinunter. Ihre Finger waren eisig, fühlten sich ganz steif und ungelenk an. Wenn sie sich jetzt nur
einmal vertippte, nur ein einziges Mal ... nein, daran durfte sie nicht einmal denken.
Als das Eingangsmenü des Programms, zu dem sie sich gerade unerlaubterweise Zutritt verschafft
hatte, vielfarbig auf dem Monitor aufflammte, legte Gwynn eine Pause ein, massierte ihre kalten
Hände und versuchte sich zu entspannen. Ruhig, ganz ruhig ... Sie glaubte hinter sich eine
Bewegung wahrzunehmen, sprang auf und wirbelte herum - aber da war nichts. Gar nichts. Sie sank
in ihren Schalensessel zurück und lauschte auf ihren hämmernden Herzschlag. Ich kann nicht mehr,
dachte sie. Ich bin fertig ... fix und fertig. Das ist das letzte Mal, dass ich mich darauf einlasse ...
das allerletztemal, das schwöre ich ...
Aber hier und jetzt musste sie weitermachen. Schritt für Schritt tastete sie sich vorwärts. Zuerst
brauchte sie Thorans aktuelles Passwort, um überhaupt an die Information heranzukommen, hinter
der sie her war. Es hatte Monate gedauert und alle Beteiligten viel Geduld und Nerven gekostet, bis
Satchel, der völlig durchgeknallte, aber geniale Hacker von Cels kämpfender Truppe, es endlich
geschafft hatte, den Zugangscode zum Passwortkontrollprogramm zu knacken. Aber die Mühe hatte
sich gelohnt. Alles, was Gwynn zu tun hatte, wenn eine mit Hochsicherheitscode verschlüsselte
Datenübertragung hereinkam, war, sich mit Hilfe von Satchels Hackercode das aktuelle, beinahe
stündlich wechselnde Passwort eines hochrangigen Stabsoffiziers ihrer Dienststelle zu holen, damit
in das System einzusteigen, in dem Datenwirrwarr ein bisschen herumzukramen ... und sich zu
nehmen, was sie haben wollte. Und wenn sie sogar wußte, an wen genau die codierte Übertragung
adressiert war, wie es heute dank Marcia, der unbezahlbaren Plaudertasche, und ihrem Rochus auf
Nummer zwei der Fall war ... na, dann umso besser.
Ja, das war alles, was Gwynn zu tun hatte. So wenig ... und doch so viel. Die Sicherheitsabteilung
konnte das Computersystem jederzeit überprüfen und dabei Satchels kleinen Schleichpfad
entdecken ... und den Terminal, der von diesem Hintereingang Gebrauch machte.
Gwynn rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her, bis das gesuchte Passwort endlich über ihren
Monitor flimmerte und sie das Programm verlassen konnte. Sie rief das nächste Menü auf und gab
das benötigte Passwort ein. Dieses Mal fand sie die gesuchte Datei fast sofort, und das war auch gut
so. Je schneller sie hier wieder rauskam, desto besser. Mit fliegenden Fingern tippte sie erneut das
Passwort ein und drückte auf die Taste, die die Daten freigab. Und jetzt kam das Schlimmste von
allem - die endlose Warterei, bis sich die unverständlichen alphanumerischen Reihen und abstrakten
Zeichenfolgen auf dem Bildschirm durch die große und doch so alltägliche Magie elektronischer
Datenverarbeitung selbständig in einen sinnvollen Text auflösten. Kleine Leuchtdioden blinkten auf
und erloschen wieder, der Prozessor surrte und klackte.
Gwynn, inzwischen so angespannt, dass sie überall und nirgendwo Geräusche zu hören glaubte,
warf immer wieder einen schnellen, nervösen Blick über ihre Schulter, dann starrte sie mit
gerunzelter Stirn wieder auf den Monitor, der immer noch mit grellgrünem chiffrierten
Durcheinander bedeckt war. Das dauerte und dauerte ...
"Mach schon, verdammt noch mal!" schimpfte sie leise vor sich hin. Wie auf Stichwort kam
plötzlich Bewegung auf den Bildschirm. Gwynn beugte sich vor und las mit, während sich der Text
entschlüsselte, Zeile für Zeile. Da stand es, grün auf schwarz, genau das, was Cel befürchtet hatte.
Es ging tatsächlich um einen Angriff imperialer Einheiten auf Demeter, einen fruchtbaren kleinen
M-Klasse-Planeten im Lahir-System, dessen Bewohner sich mit bewundernswerter Hartnäckigkeit
weigerten, die großmütig angebotene Freundschaft des Imperiums in Anspruch zu nehmen, wofür
ihnen eine Lektion erteilt werden sollte, die sie ganz bestimmt nie wieder vergessen würden - und
das bald. Die ganze Aktion lief unter einem Codewort, dessen Zynismus kaum noch zu überbieten
war. Aktion Butterblume ... ist das zu glauben? dachte Gwynn. Irgend jemand in der Chefetage der
imperialen Flotte schien über einen ziemlich finsteren Sinn für Humor zu verfügen.
Na schön ... was Gwynn anging, so hatte sie für Demeter jetzt schon fast alles getan, was sie tun
konnte. Sobald sie die Information an Cel weitergeleitet hatte, lagen die Dinge nicht mehr in ihrer
Hand. Das Oberkommando der Allianz würde sich darüber den Kopf zerbrechen müssen, wie man
einen Agrarplaneten, der offenbar nicht einmal über ein planetares Verteidigungssystem verfügte,
vor einem massiven imperialen Angriff schützte. Cel jedenfalls würde zufrieden sein, wenn sie sich
nachher in der Jade-Grotte trafen.
Die Prozedur ... Gwynn erinnerte sich noch gut daran, wie Cel ihr das System erklärt hatte.
Natürlich war es viel zu gefährlich, einen einzigen regulären Treffpunkt zu bestimmen, den man bei
allen Rendezvous beibehielt. Sie trafen sich jedesmal an einem anderen Ort. Alles, was Gwynn
brauchte, um herauszufinden, wo das nächste Treffen stattfinden sollte, war die Tagesausgabe der
Imperial News, den ersten Buchstaben der ersten Schlagzeile im Sportteil dieser Zeitung und das
Branchenverzeichnis von Delamere, in dem alle Restaurants, Bars, Kneipen, Cafés und ähnliche
Lokalitäten der Stadt fein säuberlich in ihrer alphabetischen Reihenfolge aufgelistet waren. Heute
war es der Buchstabe J (die Schlagzeile hatte "JANKINS GEWINNT DEN SUPERCUP" gelautet),
und der erste akzeptable Eintrag unter J war die Jade-Grotte. Als Jankins, ein bekannter
Smashballspieler, es das letzte Mal in die Schlagzeile der Imperial News-Sportnachrichten geschafft
hatte, hatten Gwynn und Cel sich in Jabbys Frühstücksbar getroffen. Das System war ebenso
einfach wie genial. Es war Gwynn, die das Verfahren zum erstenmal als Prozedur bezeichnet
hatte, und dieser Name war ihm bis heute erhalten geblieben und ein stehender Witz
zwischen ihr und Cel.
Gwynn lächelte beinahe, als ihre Anspannung unmerklich nachließ. Sie hatte es wieder einmal
geschafft ... und wieder einmal war sie mit heiler Haut davongekommen. Jetzt musste sie nur noch
in das Passwortprogramm zurück und sich abmelden ... So, das war's ... Und jetzt war es endgültig
überstanden, aus und vorbei. Ich werde nie wieder ...
Das Aufkreischen der Alarmsirene traf Gwynns Nervensystem mit der unmittelbaren Wucht eines
Fausthiebes. Sie blieb sitzen wie zu Stein erstarrt, von dem schrillen, auf- und abschwellenden
Heulen auf ihrem Platz festgehalten, gebannt - wie ein wildes kleines Tier, das mitten in der Nacht
eine Straße überquerte und vom hypnotisch grellen Scheinwerferstrahl eines sich nähernden
Gleiters gebannt und festgehalten wurde -, gelähmt, panikstarr, außerstande, sich zu bewegen ... bis
es zu spät war. Kostbare Sekunden vertickten ungenutzt, waren unwiderruflich verloren, während
Gwynns Verstand jede Funktion verweigerte, vollkommen paralysiert war.
Sie saß immer noch so da, als ein vor Waffen starrender Trupp Soldaten in organisiertem Chaos
hereinstürzte. Erst als sie sie aus ihrem Schalensessel hochrissen, ihr Handschellen anlegten und sie
hinauszerrten, begriff Gwynn, dass es wirklich geschah. Dieses Mal war es kein Alptraum, es war
... real. Und mit schneidender Klarheit formte sich ein einzelner Gedanke in ihr: Warum? Warum
ausgerechnet heute? DAS IST NICHT FAIR!!!
*
Irgendwann in den darauffolgenden Stunden, während rasender weißglühender Schmerz in Wellen
durch jede Faser, jede Fiber, jede Zelle ihres Körpers brandete, während Begriffe wie Freiheit,
Gerechtigkeit, Loyalität, Freundschaft und Ideale ihren Sinn, ja sogar ihre Daseinsberechtigung an
einen blinden, verzweifelten Selbsterhaltungstrieb verloren ... irgendwann in dieser Zeit schrie sie
alles heraus, was sie wußte ... und hätte sie noch mehr gewusst, sie hätte ihnen auch das gesagt,
damit sie endlich aufhörten, damit sie sie endlich in Ruhe ließen. Aber sie hörten nicht auf, sie
ließen sie nicht in Ruhe. Sie wollten mehr, sie wollten sehr viel mehr, sie wollten ALLES wissen.
Und sie machten weiter und immer weiter ...
"Hören Sie auf! Sehen Sie nicht, dass alle ihre Bioanzeigen schon im Rotbereich sind?" Dr. Ozark
fühlte sich krank, wirklich krank - aber er war offenbar nicht der einzige, der das Gefühl hatte, dass
sein Magen gleich aus seiner Speiseröhre herauskriechen würde. Das Gesicht des jungen
Lieutenants, der im Hintergrund an der Wand lehnte, hatte inzwischen einen alarmierend fahlen
Grünton angenommen, und er gab ein schwaches, aber unüberhörbares Würgen von sich.
"Halten Sie den Mund, Doktor!" Major Daimon vom imperialen Geheimdienst, der das Verhör der
Gefangenen leitete, schnippte ungeduldig mit den Fingern, als seine beiden Assistenten innehielten
und ihn fragend ansahen.
"Was wollen Sie denn noch von ihr? Sie hat Ihnen doch schon alles gesagt, was sie weiß ... oder
glauben Sie im Ernst, dass sie noch dazu in der Lage ist, irgendwelche Informationen
zurückzuhalten, in dem Zustand, in dem sie ist?" ... du Barbar, du Schlächter! fügte Dr. Ozark in
Gedanken hinzu.
"Doktor, ich warne Sie! Wenn Sie nicht sofort ..."
... weiter und immer weiter ... aber plötzlich war Schmerz nur noch eine verblassende Erinnerung
im Hintergrund ihres erlöschenden Bewusstseins, das wirbelnder Dunkelheit entgegentaumelte und
darin versank, in einer persönlichen Sonnenfinsternis versank ...
"Sie ist bewusstlos, Sir", sagte einer der Assistenten ausdruckslos.
"Verdammt noch mal! Los, Doktor, hören Sie auf, hier herumzulamentieren wie ein altes Weib und
machen Sie Ihren Job, so wie ich meinen Job mache! Sorgen Sie dafür, dass sie wieder zu sich
kommt - und beeilen Sie sich gefälligst ein bisschen! Ich habe nicht die Absicht, die ganze Nacht in
diesem Loch hier zu verbringen."
Dr. Ozark war kein Held - trotzdem traf er jetzt eine Entscheidung, vielleicht die wichtigste
Entscheidung seines Lebens. Als er die Kanüle durch den Gummiverschluss der Ampulle stieß und
die Injektionsspritze mit dem wasserklaren Herz-Kreislauf-Stimulans füllte, zitterten seine Hände
ein wenig. Er hoffte, dass niemand es merkte. Langsam ging er wieder zu der Gefangenen hinüber,
beugte sich über sie, die Spritze in der Hand ...
"Doktor Ozark!" Der junge Lieutenant stand plötzlich nicht mehr hinten an der Wand, sondern
direkt neben ihm. "Sie haben vergessen ..."
"Gehen Sie mir aus dem Weg, Lieutenant", sagte Ozark scharf.
"Ja, Laurin, gehen Sie dem Doktor aus dem Weg, und zappeln Sie nicht hier herum wie ein
Hampelmann! Wenn Sie nicht genug Mumm in den Knochen haben, um das hier durchzustehen,
dann gehen Sie gefälligst raus!" donnerte Daimon.
"Aber, Sir", sagte Lieutenant Laurin zaghaft, "der Doktor hat vergessen ..."
"Stehen Sie auf Ihren Ohren oder brauchen Sie eine schriftliche Einladung? Raus mit Ihnen, habe
ich gesagt!"
"Aber, Sir, ich wollte doch nur ..."
"RAUS! SOFORT!" schrie Daimon.
Lieutenant Laurin flüchtete auf den Gang hinaus. Ozark stieß die Nadel in die Halsschlagader der
Gefangenen und drückte den Kolben der Spritze herunter. Das Herz-Kreislauf-Stimulans sickerte
langsam in die Vene hinein, in ihren Blutkreislauf hinein ...
Wie in Zeitlupe, dachte Ozark, der sich seltsam benommen fühlte. Er hörte Daimon, der sich im
Hintergrund mit seinen Assistenten unterhielt, wie durch eine dicke Watteschicht. Gebannt starrte
er auf die Displays der EKG- und EEG-Geräte, die mit Elektroden an Brust und Schläfen der
Gefangenen befestigt waren und ihren Herzschlag und ihre Gehirnströme maßen. Er starrte auf die
steil ausschlagenden, wild gezackten roten Kurven, die sich wie zerklüftete Gebirge auf den
Bildschirmen ausbreiteten. Plötzlich wurden diese Gebirge von einem lautlosen Erdbeben
erschüttert... sie kollabierten, fielen in sich zusammen. Ozark hielt den Atem an, als er sah, dass die
rot gezackten Kurven immer mehr abflachten ... und schließlich mit tödlicher Endgültigkeit in zwei
langen, schwach gekräuselten Linien verebbten ...
Nur zwei Minuten, betete Ozark zu einem unsichtbaren Gott, dessen Existenz er schon zu lange
verleugnete. Eine Minute ...
"Was ist denn, Doktor?" Major Daimon wurde allmählich wirklich ungeduldig. "Dauert das noch
lange?"
Ozark atmete tief durch, wappnete sich. Es war soweit. "Sie ist tot", sagte er tonlos.
"WAS?!"
"Sie ist tot ..." Ozark drehte sich um und sah Daimon direkt in die Augen - was vielleicht mehr Mut
erforderte als das, was er gerade getan hatte. "Ein Kreislaufkollaps. Es war zuviel für sie ... Ich habe
es Ihnen ja gesagt ..."
"Holen Sie sie zurück, Doktor!"
"Es ist zu spät. Ich kann nichts mehr machen ... sie ist schon hirntot."
"Reanimieren Sie sie! Verpassen Sie ihr Elektroschocks! Pumpen Sie sie meinetwegen bis zum
Kragen mit Stimulantia voll, ABER HOLEN SIE SIE ZURÜCK, DOKTOR!"
"Sie ist tot, verstehen Sie das nicht? Tot ... tot ... tot!"
"SIE INKOMPETENTER, SCHWACHSINNIGER, FEIGER, MIESER KLEINER ... KURPFUSCHER!" Einen Augenblick lang fürchtete Ozark wirklich, dass Major Daimon ihn anspringen und
niederschlagen würde, aber er beherrschte sich im letzten Augenblick. "Das wird noch Folgen
haben, Doktor", fauchte er. "Darauf können Sie Gift nehmen!" Er rauschte hinaus, gefolgt von
seinen beiden Assistenten.
Ozark sank auf einen Stuhl. Ihm war übel. Ein vertrauter brennender Schmerz verriet ihm, dass sein
Magengeschwür dabei war, in das nächste Stadium überzugehen. Dieser Job ruinierte seine
Gesundheit und würde eines Tages noch sein Tod sein. Nein, soweit würde er es nicht kommen
lassen. Er würde bei der nächstbesten Gelegenheit kündigen und irgendwo eine kleine Praxis
aufmachen, irgendwo auf dem Land vielleicht ...
"Mein Gott ... Sie haben es wirklich getan", flüsterte eine Stimme hinter ihm.
Ozark drehte den Kopf und entdeckte Laurin, dessen Gesicht jetzt kreideweiß war. Verglichen mit
vorher eine Verbesserung, entschied Ozark. Wahrscheinlich hatte der Junge sich in die nächstbeste
Toilette geflüchtet und sich übergeben. "Was habe ich getan, Lieutenant?"
Laurin ging zu der Gefangenen hinüber, die jetzt nur noch totes Fleisch war, und sah sie lange an.
In seinem Gesicht arbeitete es. Ozark sagte sich, dass es wahrscheinlich das erstemal war, dass er
überhaupt eine Leiche sah. Er hatte noch so etwas Unschuldiges an sich, dieser Junge. Aber er
würde seine Unschuld schnell genug verlieren. Vielleicht hatte er sie gerade eben verloren. Laurin
drehte sich wieder zu ihm um - und jetzt war sein Gesicht hart.
"Sie haben sie wirklich umgebracht ... Sie Mistkerl!"
"Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie reden, Lieutenant", erwiderte Ozark steif, aber sein Herzschlag
beschleunigte sich ein klein wenig.
"Sie wissen ganz genau, wovon ich rede ... Ich hab's gesehen!"
"Was wollen Sie gesehen haben?"
"Die Luftblase ... jedesmal, wenn eine Spritze gefüllt wird, bildet sich eine Luftblase im Kolben ...
Sie hätten sie aus der Spritze herausdrücken müssen - aber das haben Sie nicht getan! Sie haben der
Frau dieses Zeug zusammen mit der Luftblase in irgendeine Vene hineingespritzt! Man muss kein
Arzt sein, um zu wissen, dass das reicht, um einen Menschen umzubringen ... und genau das haben
Sie getan! Sie haben sie umgebracht! Mit Absicht!"
Ozark fühlte sich plötzlich sehr alt und sehr müde, aber er konnte der Anklage in diesem jungen
Gesicht nicht ausweichen. "Sie hätten sie doch sowieso erschossen ... später, wenn sie endlich mit
ihr fertig gewesen wären. Und sie hatte ihnen doch schon alles gesagt ... Warum mussten sie sie
noch weiterquälen? Warum hätte ich sie noch weiterleiden lassen sollen? Ich bin Arzt,
gottverdammt ... kein Folterknecht! Verstehen Sie das nicht?" Aber Laurin schwieg, sah ihn nur an.
Ozark stand auf - und plötzlich war seine Haltung so straff wie die des jungen Mannes vor ihm.
"Wenn Sie das Gefühl haben, dass es hier irgend etwas gibt, was Sie Major Daimon unbedingt
erzählen müssen, Lieutenant Laurin, dann gehen Sie und erzählen Sie es ihm - jetzt gleich!"
Einen Augenblick lang war es so still, dass Ozark das Summen der Leuchtröhren an der Decke
hören konnte. Auf Laurins Gesicht erschien plötzlich ein trotziger Zug, der erkennen ließ, wie er als
Kind ausgesehen haben musste - oder als aufmüpfiger Teenager, was noch nicht allzu lange her sein
konnte. "Ich muss Major Daimon gar nichts erzählen", schnappte er, drehte sich auf dem Absatz um
und marschierte hinaus - sehr aufrecht und mit der ganzen Würde seiner noch nicht allzu vielen
Jahre.
Ozark atmete tief durch. Die Erleichterung war so groß, dass sie fast wehtat. Er ging zu der toten
Frau hinüber und sah auf sie hinunter. Sie war jung ... nicht ganz so jung wie Laurin, aber auch
nicht viel älter. Die großen rauchgrauen Augen in ihrem feingeschnittenen Gesicht waren weit
geöffnet und hatten einen seltsam friedlichen Ausdruck ... wenn man bedachte, wie sie gestorben
war. Ozark fragte sich, wer sie gewesen sein mochte, warum sie getan hatte, was sie getan hatte, ob
sie sich über die Konsequenzen im Klaren gewesen war und sich davor gefürchtet hatte, ob es
jemanden gab, der um sie weinte, wenn er von ihrem Ende erfuhr, und noch vieles andere mehr ...
Fragen, auf die er nie eine Antwort bekommen würde. Er legte seine Hand auf ihre Augen und
schloss sie behutsam. Das war alles, was er jetzt noch für sie tun konnte ... nein, nicht ganz. Eines
konnte er noch tun.
Als Dr. Ozark den Kellerraum, in dem das Verhör stattgefunden hatte, verließ, schaltete er das Licht
aus - die Dunkelheit schien irgendwie angemessener zu sein als das helle harte Licht der
Leuchtröhren. Er ging den Korridor hinunter und dachte dabei an die tote Frau, an Major Daimon,
an Lieutenant Laurin, an das Imperium, an die Allianz ... und an eine kleine Arztpraxis irgendwo
auf dem Land. Morgen früh würde er kündigen ...
*
In seinem eleganten Büro siebenundzwanzig Stockwerke über dem Kellerraum, wo der Anblick von
Gwynn Tolkian soeben die Leben eines desillusionierten alten Arztes und eines vielversprechenden
jungen Lieutenants für immer - und auf eine für ihre Vorgesetzten unvorhersehbare Weise -
verändert hatte, legte Colonel Sirakin den Datenblock, auf dem er gerade Major Daimons
vorläufigen Bericht gelesen hatte, aus der Hand und sagte: "Das glaube ich einfach nicht.
Ausgerechnet Tolkian. So etwas hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Sie ist so ein ... na ja, so ein
richtiges Rühr-mich-nicht-an, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wird immer gleich rot, wenn
man sie nur scharf ansieht, und all das. Ich glaube es einfach nicht."
"Wenn man einen Rebellenspion an seiner Nasenspitze erkennen könnte, dann hätten wir es
natürlich sehr viel leichter, Colonel", erwiderte Major Daimon kühl.
Sirakin rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her. "Und was wird jetzt aus ihr? Ich meine,
wird sie ..." Er stockte.
Daimon betrachtete seine Fingernägel. "Bedauerlicherweise war Tolkian nicht gerade kooperativ.
Wir mussten unsere ganzen ... Überredungskünste aufbieten, um sie zur Mitarbeit zu bewegen. Sie
weilt nicht mehr unter uns."
Sirakin schluckte ein wenig. "Ich bin nur froh, dass Sie Tolkian sozusagen auf frischer Tat ertappt
haben. Wenn ich daran denke, dass Sie um ein Haar jemand anderen verhaftet hätten, nur weil
ich ..."
"Ah ja, natürlich. Ihr Verdacht ging ja in eine ganz andere Richtung, nicht wahr, Colonel? Wie sind
Sie eigentlich auf Lieutenant Fandorin gekommen?"
"Als Sie mich darüber informiert haben, dass Sie einen Rebellenspion in Ihrer Zentrale auf Vardiss
gefasst haben und dass hier auf Devon mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch ein
Spion aktiv ist, habe ich mir natürlich meine Gedanken gemacht. Ich muss zugeben, auf Tolkian
wäre ich nie gekommen. Sie wäre die letzte auf meiner Liste gewesen. Aber was Fandorin angeht ...
nun ... sie war so offensichtlich hinter mir her ... Ich dachte ... ich habe wirklich gedacht ..."
"Sie haben gedacht, dass so ein hübsches kleines Ding mit soviel Sex-Appeal wie Fandorin erst
einmal versuchen würde, Sie in ihr Bett zu lotsen, um an Informationen heranzukommen, bevor sie
mit Hackercodes und solchen Sachen anfängt", sagte Daimon in aller Ruhe.
Sirakin errötete, was ihm nicht oft passierte. "Ja ... so ungefähr. Ich fürchte, ich habe Lieutenant
Fandorin völlig falsch eingeschätzt."
"Na, so falsch nun auch wieder nicht. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Colonel, würde ich die Gunst
der Stunde nutzen. Das Leben ist kurz und voller unvorhersehbarer Wendungen, wie ich immer
wieder feststellen muss." Daimon lächelte... und Sirakin wurde sich plötzlich bewusst, dass er
diesen Geheimdienstmenschen nicht ausstehen konnte und froh sein würde, ihn von hinten zu
sehen. Aber es würde wahrscheinlich noch eine Weile dauern, bis es soweit war.
"Und was haben Sie als nächstes vor, Major?" fragte er steif.
"Als nächstes? Oh, als nächstes werde ich einen wirklich großen Coup landen." Daimons Lächeln
erlosch, und seine eben noch trügerisch sanfte Stimme wurde plötzlich wieder rasiermesserscharf.
"Als nächstes werde ich die ganze Untergrundbewegung hier auf Devon mit einem einzigen Schlag
zerschmettern, Colonel!"
*
Sie warteten in einem engen, zugigen Hinterhof, umzingelt von überquellenden Biomülltonnen, die
wenig liebliche Gerüche ausströmten, ihnen dafür aber Deckung gewährten, und starrten über die
Straße auf den diffus beleuchteten Eingang der Jade-Grotte. Bross vertilgte gerade das letzte der
vier reichlich mit Garlicazwiebeln verzierten Tirami-Sandwiches, die er bei einem Straßenhändler
gekauft hatte, bevor sie in ihrem Hinterhof Stellung bezogen, und beschwerte sich immer noch.
Seine langatmigen Tiraden, gewürzt mit ganzen Schwaden des ausgesprochen kräftigen
Garlicazwiebelaromas, veranlassten Cel dazu, ein wenig auf Abstand zu gehen und philosophische
Betrachtungen über die unerwarteten, aber offenbar unvermeidlichen Schattenseiten eines Lebens
als Rebell anzustellen.
"Ach, komm schon, Cel! Müssen wir wirklich in diesem stinkigen Loch herumhocken und uns den
Hintern abfrieren? Wir können doch drinnen auf sie warten ... bei einem netten Drink vielleicht
oder ... Es ist verdammt kalt hier draußen, Mann!" Bross schielte misstrauisch zu dem
schieferschwarzen Himmel hinauf, an dem sich nicht ein einziger Stern sehen ließ. "Ich verwette
meinen rechten Arm darauf, dass es gleich regnet - und zwar in Strömen!" Wie auf Stichwort fielen
die ersten schweren Tropfen auf die schmierigen Pflastersteine. "Ha!" stieß er triumphierend hervor.
"Gehen wir jetzt endlich rein?"
"Wir bleiben hier", sagte Cel fest.
"Zu Befehl, Chef", murrte Bross, stand auf, streckte sich und schlurfte missmutig zu einer der
Mülltonnen, um eine ebenfalls nach Garlicazwiebeln duftende fettige Papiertüte hineinzustopfen.
Der Satz, den er machte, als eine Ratte von der Größe eines Terriers über seine Füße huschte, war
hochsprungrekordverdächtig. Der Deckel des Müllcontainers fiel mit einem Klirren zu Boden, das
noch drei Häuserblocks weiter zu hören sein musste, und Bross' Flüche waren nicht viel weniger
lärmintensiv.
"Herzlichen Glückwunsch! Das war absolut zirkusreif. Bist du mit der Nummer noch frei?" fragte
Cel sarkastisch aus dem Dunkel.
"Ich wusste es - heute ist wieder mal mein Tag!" fauchte Bross.
Cel verkniff sich jeden weiteren Kommentar. Die vereinzelten Regentropfen verwandelten sich
abrupt in einen heftigen, gewitterartigen Schauer. Von dieser meteorologischen Rücksichtslosigkeit
überraschte Passanten hasteten schimpfend an der Hofeinfahrt vorbei. Ein paar junge Leute, die die
Jade-Grotte gerade hatten verlassen wollen, zögerten in der Tür, starrten unschlüssig in den
prasselnden Regen hinaus, steckten tuschelnd die Köpfe zusammen und machten wieder kehrt. Die
Minuten krochen wie fußwunde Tausendfüßler dahin. Bross wickelte sich fester in seine triefende
Windjacke, gab Märtyrerseufzer von sich und erwähnte unter demonstrativem Schniefen betont
beiläufig den desolaten Zustand seiner Stirnhöhlen und den ausgesprochen negativen Einfluss von
feuchter Witterung plus durchnässter Kleidung auf dieselben. Als Cel den Wink mit dem Zaunpfahl
entschlossen ignorierte, wurde Bross noch ein wenig direkter und ließ ein paar unfreundliche
Bemerkungen über Widerstandsgruppenchefs im allgemeinen und Cel im besonderen fallen.
Cel sah noch einmal auf sein Armbandchrono, was er an diesem Abend schon viel zu oft getan
hatte, und überlegte, was er jetzt machen sollte. Es war fast Mitternacht - und von Gwynn war weit
und breit nichts zu sehen. Er sah die Straße hinunter. Seine Entscheidung, hier in diesem Hinterhof
zu warten, war richtig gewesen. Von hier aus konnten sie die ganze Straße überblicken, ohne selbst
gesehen zu werden. Es war besser so, sicherer - und zum Teufel mit Bross!
Aber Bross, der jetzt auch noch von einem dringenden Bedürfnis heimgesucht wurde, hatte
endgültig genug. "Okay, Mann, das reicht. Es ist spät. Wir sitzen jetzt seit fast fünf Stunden in
diesem Rattenloch, und ich habe keinen trockenen Faden mehr am Leib. Lass uns gehen, Cel. Sie
kommt heute sowieso nicht mehr. Wir sollten umffh ...", machte er, als sich eine Hand fest über
seinem Mund schloss.
"Ssscht!" zischte Cel und zog seine Hand wieder zurück, als Bross durch ein Nicken zu verstehen
gab, dass er verstanden hatte. Sie kauerten regungslos in ihrem Versteck und spähten auf die Straße
hinaus. Der Militärtransporter schwebte mit abgeblendeten Scheinwerfern langsam und gravitätisch
um die Ecke; das dumpfe, pulsierende Summen des Suborbital-Triebwerkes wurde fast vollständig
vom theatralischen Rauschen des Regens übertönt. Nur Sekundenbruchteile, nachdem der
Transporter sanft aufgesetzt hatte, stürzten Sturmtruppensoldaten in die Jade-Grotte hinein. Bross
verlor sofort jedes Interesse an gegenwärtigen und zukünftigen Stirnhöhlenkatarrhen und hielt dafür
plötzlich seinen Blaster in der Hand.
"Steck das Ding wieder ein", murmelte Cel nach einem Seitenblick.
"Aber, Chef, wir ..."
"Es sind zu viele ... wir hätten überhaupt keine Chance", fiel Cel ihm ins Wort. Er dachte fieberhaft
nach. Gwynn? Nein, nicht jetzt! Sie mussten erst zusehen, dass sie aus diesem Schlamassel
herauskamen. "Hör zu, die glauben, dass wir da drinnen sind. Wenn wir jetzt Ruhe bewahren und
ein bisschen abwarten, dann können wir einfach hier rausschlendern ... zwei harmlose Burschen auf
der Pirsch, die sich ein bisschen in einem Nachtclub amüsieren wollen." Bross steckte wortlos
seinen Blaster ein, und Cel war froh darüber.
Die Jade-Grotte hatte sich inzwischen in einen Hexenkessel verwandelt. Das allgemeine Geschrei,
Geklirr und Gepolter, das durch die offene Tür auf die Straße hinausdrang, ließ darauf schließen,
dass eine Prügelei im Gange war, bei der nicht nur Geschirr zu Bruch ging und nicht nur Möbel in
Mitleidenschaft gezogen wurden. Eine Razzia durchführen zu dürfen, sorgte bei
Sturmtruppensoldaten immer so richtig für Stimmung. Als sie nicht fanden, was sie auftragsgemäß
in der Jade-Grotte hätten finden sollen, trieben sie wahllos ein paar Leute zusammen, die
unvorsichtig genug gewesen waren, renitent zu werden.
Sie wollen nicht mit ganz leeren Händen zurückkommen, dachte Cel, als er beobachtete, wie die
Soldaten ihre Gefangenen mit gezogenen Waffen vor sich herscheuchten. Unter ihnen befand sich
auch ein großer stämmiger Bursche, der viel zu viele Drinks intus zu haben schien, was nicht nur
seine klare Aussprache, sondern ganz offensichtlich auch seinen elementaren Überlebensinstinkt
beeinträchtigt hatte. Er begann zu randalieren. Die Gelegenheit war zu günstig, um nicht genutzt zu
werden.
"Los, komm", flüsterte Cel Bross zu. "Lass uns von hier verschwinden, solange der Typ sie
ablenkt."
Sie schlichen sich aus dem Hof. Sobald sie auf der Straße waren, gaben sie sich alle Mühe, wie
ganz normale Passanten auszusehen, rechtschaffene, gesetzestreue Bürger, die rein zufällig und mit
der ganzen Sorglosigkeit von Menschen, die überhaupt nichts zu befürchten hatten, an einer
Sturmtruppenpatrouille vorbeispazierten - denn vorbei mussten sie an ihnen, da half nichts!
"W...was glaubt ihr eigentlich, w...wer ihr seid, ihr b...blöden, sturen Kommissköpfe!" stieß der
betrunkene Kampfhahn hervor. "S...sucht ihr etwa Streit? D...den könnt ihr haben! Hicks! Mit euch
nehme ich es noch alle...malle...allemal auf, ihr imperialen Schei..."
Was auch immer er sonst noch zu sagen hatte, ging in einem tonlosen Aufstöhnen unter, als ihn der
Kolben eines Sturmtruppen-Blastergewehrs mit militärischer Präzision genau in den
empfindlichsten Teil der männlichen Anatomie traf. Der nächste Hieb landete in seinem Magen und
schickte ihn endgültig zu Boden, wo er sich vor Schmerzen krümmte, keuchend nach Luft
schnappte ... und sein Abendessen plus allem, was er danach noch zu sich genommen hatte, in
festen und flüssigen Bestandteilen direkt auf ein Paar blankpolierte Offiziersstiefel erbrach.
Sie waren jetzt ganz nahe, so nahe, dass Cel das Gesicht des Offiziers im Widerschein einer
Straßenlaterne deutlich erkennen konnte. Er war noch jung, Ende Zwanzig vielleicht ... aber der
Zorn, der seine Augen mit einem kalten Licht füllte, und dieser Zug von abgrundtiefer, grenzenloser
Verachtung, der seinen Mund zu einer schmalen, harten Linie zusammenpresste ... das war viel,
viel älter. Einen endlosen Augenblick lang starrte er auf seine besudelten Stiefel hinunter ... dann
huschte ein Ausdruck von Ekel über sein Gesicht, gefolgt von einem so plötzlich und so wild
aufflammenden Hass, dass sogar der Mann, der immer noch blubbernd und spuckend vor ihm auf
dem Boden lag, endlich merkte, dass Gefahr im Verzug war. Aber in dem Augenblick, als er sich
aufzurichten versuchte, trat ihn der Offizier auch schon mit aller Kraft in die Seite. Er trat wieder
und wieder zu, während der Mann zu seinen Füßen sich vor Schmerzen wand, ihm zu entkommen
versuchte.
Cel konnte sein Stöhnen hören, konnte sehen, wie er auf allen Vieren davonzukriechen versuchte,
verfolgt von seinem Peiniger, und er fühlte dieselbe hilflose, ohnmächtige Wut in sich brodeln, die
ihn vor Jahren dazu veranlasst hatte, etwas zu tun, was seinen Namen - seinen richtigen Namen und sein Gesicht in das obere Drittel der imperialen Fahndungsliste gebracht hatte. Bross, der
spürte, dass er kurz vor der Explosion stand, packte seinen Arm.
"Cel, nicht!" flüsterte er erschrocken.
Von einem Augenblick auf den anderen war alles vorbei. Der Offizier stand wie ein uniformierter
Racheengel über seinem Opfer, das sich nicht mehr rührte. Die Hände in die Seiten gestützt, die
Beine leicht gespreizt, sein Gesicht jetzt wieder völlig unbewegt - so stand er da und begutachtete in
aller Ruhe sein Werk. Er schien mit dem, was er sah, zufrieden zu sein, denn er winkte seine
Soldaten zu sich und befahl: "Schafft das da weg!"
Die Soldaten zerrten den Mann hoch, der ein leises Wimmern von sich gab, und schleppten ihn zu
ihrem Transporter hinüber. Keiner von ihnen schenkte Cel und Bross auch nur einen Blick. Eine
Minute später waren sie alle im Transporter verschwunden, die Soldaten, der Offizier und ihre
Gefangenen, und der Tranporter hob ab und schwebte davon.
"Komm schon, Cel!" drängte Bross. Dieses Mal waren sie nur um Haaresbreite davongekommen,
und er wollte ihr Glück nicht überstrapazieren. Er war froh, als sie ihren Gleiter erreichten, den sie
einen Block weiter geparkt hatten, ohne auf eine Straßensperre oder eine andere Sturmtruppeneinheit zu stoßen. Sie sprachen kein Wort, bis Bross den Gleiter auf die vorgeschriebene Flughöhe
gelenkt hatte. Dann sagte er zögernd: "Das ist 'ne schlimme Geschichte, Cel, 'ne verdammt
schlimme Geschichte. Glaubst du, sie haben Gwynn ..." Er konnte nicht weiter sprechen.
"Ohne jeden Zweifel", sagte Cel leise. Er schüttelte langsam den Kopf. "Es gibt nichts, was wir für
sie tun können ... außer beten, dass sie es bald hinter sich hat." Er dachte an gewisse Details
bezüglich der etwas blutrünstigeren Verhörmethoden des Imperiums, von denen er gehört hatte, und
schauderte. Entschlossen lenkte er seine Gedanken in eine andere Richtung. Er war der Anführer
einer Widerstandsgruppe, einer Zelle der Allianz, und seine Gedanken hatten den Lebenden zu
gelten, nicht den Toten. Und Gwynn war tot, für die Allianz, für Cel und für seine Gruppe - und
wenn sie es physisch noch nicht war, dann würde sie es bald sein.
"Wenigstens kann sie ihnen nichts sagen, was uns wirklich schaden könnte", murmelte er. "Sie
kennt weder unser Hauptquartier noch eines unserer Schlupflöcher." Bross schwieg.
Es regnete immer noch. Cel konnte die Tropfen sehen, die im Scheinwerferlicht glitzerten wie
Silberstaub. Die Scheibenwischer bewegten sich rhythmisch auf der Windschutzscheibe hin und her
und verursachten ein ganz eigenes, unverwechselbares Geräusch, das seltsam beruhigend wirkte.
Swusch ... swusch ... swusch ... Cel lauschte auf das beinahe hypnotische Zischeln und starrte in den
silbernen Regen hinaus. Aber nichts wird vergessen, Gwynn, dachte er, gar nichts ...
In diesem Augenblick sagte Bross: "Du, Chef?"
"Ja?"
"Es gibt da etwas, was ich dir schon lange sagen wollte, aber irgendwie ... na ja, irgendwie ist
immer was dazwischengekommen ... oder es war einfach nicht der richtige Moment ... und
irgendwann, tja, da hab ich's dann einfach vergessen ..."
Cel, der sich in seinem Sitz zurückgelehnt hatte, setzte sich auf, plötzlich alarmiert. "Was hast du
vergessen?"
"Na ja ... wie soll ich es sagen? Also ... es stimmt nicht ganz, dass Gwynn keines von unseren
Schlupflöchern kennt. Sie kennt das Studio."
"Was?!"
"Weißt du noch, wie du damals bei der Konferenz mit den Allianz-Häuptlingen warst? Du hast
gesagt, dass einer von uns zum Treffpunkt gehen soll, für den Fall, dass Gwynn auftaucht und etwas
für uns hat."
"Ich habe gesagt, dass du zum Treffpunkt gehen sollst, Bross!"
"Ja, ja, das ist wahr ... aber ich hatte an dem Tag eben keine Zeit. Ich war mit Satchel unterwegs,
wegen der neuen Mikrochips, die wir dringend gebraucht haben. Und da hab ich Iarwain gesagt,
dass er hingehen soll."
"Und?" Cels Stimme war eine einzige Drohung.
"Na ja, du weißt ja, wie Iarwain ist ... steht immer ein bisschen auf der Leitung, eh? Also ... wie
Satchel und ich damals nach Hause kommen, ist sie eben da ... Gwynn, meine ich. Iarwain hat sie
mitgebracht, weil sie neue Instruktionen haben wollte und er nicht wußte, was er sonst mit ihr
anfangen soll. Also hat er sie mitgebracht."
Cel schloss die Augen. Wie oft hatte er seinen Leuten gesagt, dass alle Treffen mit Gwynn
außerhalb der Gruppe stattfinden mussten und dass sie auf gar keinen Fall in eines der Quartiere
mitgenommen werden durfte? Zehnmal? Hundertmal? Tausendmal? Er zwang sich dazu, ruhig zu
bleiben.
Das Studio, wie sie es immer noch nannten, war eine ehemalige Ballettschule im obersten
Stockwerk eines heruntergekommenen Miethauses in einem heruntergekommenen Viertel von
Delamere und hatte einigen Mitgliedern der Gruppe eine Zeitlang als Wohnung gedient, bis Cel
irgendwann gemerkt hatte, dass das alte Ehepaar, das in der Etage unter ihnen lebte, ihrem
Kommen und Gehen wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenkte, als ihm lieb war. Er hatte schon
oft die Erfahrung gemacht, dass neugierige Zivilisten fast genauso schlimm waren wie ausgebildete
Ermittlungsbeamte des imperialen Geheimdienstes - oder sogar noch schlimmer! Seither benutzten
sie das Studio, dessen Wände immer noch mit den halbblinden Spiegeln verkleidet waren, vor
denen sich früher schwitzende Kinder in Gymnastikanzügen abgeplagt hatten, nur noch als
Lagerraum für eher unwichtige Ausrüstungsgegenstände, die sie aus Platzmangel nicht im
Hauptquartier aufbewahren wollten und deren Verlust zu verschmerzen war. Sollten sich die
Imperialen damit amüsieren.
"Ist halb so wild", sagte er gepresst. "Aber in Zukunft macht ihr gefälligst das, was ich euch sage.
Und Iarwain werde ich mir nachher mal vornehmen."
"Ja, Chef. Aber der springende Punkt ist ... es kann sein, dass Orry und Satchel jetzt gerade dort
sind."
"WAS?!"
"Orry hat heute morgen gesagt, dass er sich heute vielleicht mal für ein paar Stunden ins Studio
verkrümelt, um in Ruhe an seinem Zeug herumzutüfteln. Er hat gesagt, dass es im HQ zugeht wie
in einem Taubenschlag und dass er sich bei dem ganzen Betrieb nicht mehr denken hören kann.
Und außerdem braucht er Platz für seine Spielsachen, hat er gesagt... und in dem Durcheinander bei
uns könnte eine Katze ihre Jungen nicht wiederfinden. Das hat er gesagt, und dann hat Satchel
gesagt: 'Okay, Orry, wenn du heute ins Studio gehst, dann komme ich mit.' Und das heißt ..."
"Halt an!"
"Was?"
"HALT AN!" schrie Cel. Bross warf sich auf die Steuereinheit, und der Gleiter schoss in die Tiefe.
Er hatte kaum auf der Straße aufgesetzt, da stieß Cel auch schon die Tür auf, sprang hinaus und
rannte auf die Komzelle zu, die er von oben erspäht hatte. Mit fliegenden Fingern wählte er eine
Nummer auf dem Tastenpaneel, die offiziell gar nicht existierte und für die niemand je Gebühren
zahlte - eine kleine Annehmlichkeit, die sie Orry zu verdanken hatten, der alles anzapfen konnte,
was überhaupt anzapfbar war. Orry, der vielleicht gerade jetzt in diesem Augenblick verhaftet
wurde ...
Das eintönige, sich ständig wiederholende Pfeifsignal, das verkündete, dass irgendein Satellit
versuchte, die Verbindung herzustellen, machte Cel verrückt. Als er kurz davor war, die Komzelle
mit bloßen Händen auseinanderzunehmen und seinen Zorn und seine Hilflosigkeit in die Nacht
hinauszuschreien, flammte der Vid-Schirm auf und zeigte Iarwains verschlafenes Gesicht.
"Was'n los?" brummte er undeutlich, als er Cel erkannte.
"WO SIND ORRY UND SATCHEL?"
Iarwain gähnte und brach dabei sämtliche Rekorde. Gerade als Cel glaubte, sofort den Verstand
verlieren zu müssen, war er damit fertig.
"Alsooo ... Orry sitzt mit ein paar von den anderen Jungs da und spielt Sabacc. Und Satchel ... keine
Ahnung, Cel, ehrlich."
"FIND ES RAUS! SOFORT!"
"Warum schreit er denn so?" fragte eine vertraute Stimme im Hintergrund ... und dann tauchte
Satchels genialer Strubbelkopf auf dem Vid-Schirm auf. Cel musste sich hinsetzen - hätte er es
nicht getan, wäre er hingefallen. "Was ist denn?" erkundigte sich Satchel.
"Niemand ... ich wiederhole: niemand geht ins Studio, weder heute noch morgen noch irgendwann
sonst! Nie wieder! Das ist ein Befehl - ist das klar?" sagte Cel heiser.
"Glasklar ... wenn du es sagst."
"Sag's den anderen! Jetzt gleich!"
"Klar."
Cel unterbrach die Verbindung, blieb aber sitzen, wo er war, halb in der Komzelle, halb auf dem
Gehweg außerhalb der Komzelle. Erst jetzt merkte er, dass es aufgehört hatte zu regnen. Er sah zum
Himmel hinauf und sah Myriaden von Sternen, die durch die Risse in der Wolkendecke flimmerten.
Es war ein Symbol für diese Nacht ... vielleicht sogar ein Symbol für sein ganzes Leben. Er stand
auf und ging wieder zu dem Gleiter hinüber, wo Bross auf ihn wartete.
"Alles in Ordnung?" fragte er besorgt.
"Ja. Alles in Ordnung", sagte Cel. Er ließ sich auf seinen Sitz fallen und während Bross den Gleiter
startete, lehnte er sich zurück und schloss die Augen. Auf dem Schirm seiner Lider formten sich
Bilder: Eine mit Erbrochenem bedeckte Stiefelspitze, die sich hob und senkte ... hob und senkte ...
hob und senkte ... ein Gesicht, das auf seltsame Weise jung und alt zugleich war ... ein anderes
Gesicht, bleich und verwischt, eine Momentaufnahme der Erschöpfung ...
"... eine kleine Atempause", schien Gwynns Stimme aus weiter Entfernung zu sagen.
Aber es gibt keine Atempause, Gwynn, dachte Cel, weder für dich noch für mich. Für keinen von
uns ... nie ... Nicht solange es noch ganze Schiffsladungen voller junger Männer mit alten
Gesichtern gibt, die ein lebendes, denkendes, fühlendes Wesen als "das da" bezeichnen ...
ENDE
© 1997 by Nangijala
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Seele and Geist
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