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+ Mehr - Die Nachfolge-Unternehmer

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– Wirtschaft –
Tobias Raeber und Till Bossert sind überzeugt vom Unternehmertum. Was ihnen noch fehlt, ist das Unternehmen,
das sie leiten könnten. Eine Suche nach der Nadel im Heuballen mit offenem Ausgang.
VORGÄNGER
GESUCHT
Text DAVID FEHR Bild BORIS GASSMANN
Für Tobias Raeber war die Arbeitswelt
der sich langfristig ein rentables Unterneh-
gesehen ist es nicht. Anders als im amerika-
schon immer mit Selbständigkeit verbun-
men aufbauen liesse, war es nicht. Die Idee
nischen Modell, wo die Nachfolger oft bereits
den. Sein Vater arbeitete selbständig, seine
hatte er auch nach zwei Jahren der Berater-
nach fünf bis sieben Jahren einen Weiterver-
Brüder tun es – dass dies früher oder später
tätigkeit nicht.
kauf anstreben, setzt die europäische Varian-
auch sein Weg sein würde, stand für den heu-
Der Anstoss, der Raebers Leben grund-
te auf Kontinuität mit dem Ziel einer länger-
te 30-jährigen Basler schon lange vor Studi-
legend verändern sollte, kam von seiner
fristigen Nachfolge: Ein schneller Ausstieg
enbeginn fest. Nach Abschluss seines Wirt-
Freundin, die damals an der London Business
ist nicht geplant. Um sprachliche Nähe zu
schaftsstudiums mit Fokus Innovations- &
School studierte und in einer Vorlesung von
Private-Equity-Firmen zu vermeiden, spricht
Technologiemanagement betreute er für ei-
einem ihr bis anhin unbekannten Nachfolge-
Raeber denn auch nicht von Search Funds,
ne internationale Unternehmensberatung
modell hörte, dem Search Fund.
sondern von Nachfolge-Unternehmern.
mobil- und Telekommunikationsbranche.
Das etwas andere Nachfolgemodell Das Mo-
den USA schon lange praktiziert wird, zu je-
«Eine spannende Zeit», resümiert er, «doch
dell hat einen gewichtigen Unterschied zu
ner Zeit völlig unbekannt – und ist es bis
dem Wunsch nach Selbständigkeit tat das Be-
anderen Nachfolgemodellen: Während nor-
heute weitgehend geblieben. Doch Raeber
raterdasein keinen Abbruch.» Raeber wollte
malerweise der Unternehmer für seine Fir-
war fasziniert: Warum nicht dieses Modell
nicht einfach irgendwo einsteigen und dar-
ma einen Nachfolger sucht, macht sich im
in der Schweiz umsetzen? Mit an Bord ha-
auf hoffen, irgendwann vielleicht zum Zug
Search-Fund-Modell der Nachfolger auf die
ben wollte er seinen Arbeitskollegen Till Bos-
zu kommen. Er wollte Verantwortung tra-
Suche nach einem Unternehmen, das er über-
sert, mit dem er seit zwei Jahren immer wie-
gen, Menschen führen, Visionen umsetzen
nehmen und künftig führen könnte. Dazu
der gemeinsam Kunden betreut hatte und der
mit seinem technischen Hintergrund einen
über zwei Jahre lang Kunden aus der Auto-
In der Schweiz war das Modell, das in
und Wert schöpfen – und zwar jetzt, nicht
sucht er in einem ersten Schritt nach Geldge-
erst in ferner Zukunft. Nur: Wie kommt man
bern, die ihm diese Suche finanzieren. Falls
wichtigen Faktor in ihre Partnerschaft ein-
in diesem jungen Alter an ein eigenes Unter-
diese innert der gesetzten Frist erfolgreich
bringen könnte. Bossert, der vor seiner Be-
nehmen?
verläuft und das passende Unternehmen ge-
ratertätigkeit in Karlsruhe und Hongkong
Naheliegend ist, selber eines zu grün-
funden wird, kommt der Kauf zustande. Einen
Wirtschaftsingenieurwesen studiert hatte,
war anfangs skeptisch. «Schliesslich hatten
den. Mit Kommilitonen hatte Raeber das zu
Teil des dazu nötigen Eigenkapitals steuern
Studienzeiten auch getan. Die Gründung
der Nachfolger, Freunde und Bekannte bei.
wir spannende Aufgaben, gute Qualifikatio-
und Führung ihres Online-Bewertungspor-
Der Löwenanteil aber stammt von den Inves-
nen und vielversprechende Karriereaussich-
tals für Dienstleistungen im Gesundheitswe-
toren, die die Suche finanziert haben und da-
ten.» Doch auch er, damals 28-jährig, war
sen sei eine «extrem lehrreiche und interes-
für ein Vorkaufsrecht erhalten. Fremdkapital
nicht nur glücklich in seinem Job und lieb-
sante Erfahrung» gewesen. Aber die Idee, auf
wird nur im Bedarfsfall aufgenommen, vor-
äugelte mit der Selbständigkeit. «Während
28
WIRTSCHAFT
PUNKTmagazin TEMPO
WIRTSCHAFT
29
meines Studiums habe ich Entrepreneur-
ship-Vorlesungen bei Professor Götz Werner
besucht – dem Gründer der Drogeriemarktkette dm. Schon damals hat mich die Lebensleistung dieser Generation von Unternehmern beeindruckt und in mir den Wunsch
geweckt, selber unternehmerisch tätig zu
sein.» Nach ein paar Wochen Zögern gab Till
Wunsch und Realität bei der Nachfolgeregelung
Bossert seine Zusage.
Sie kündigten ihre Festanstellungen,
ÜBERGABEPLÄNE*
rechneten aus, was die Suche kosten würde:
REALITÄT
zwei Jahre einen moderaten Lohn, ein kleines
Büro, Praktikanten zur Unterstützung und vor
41%
40%
40%
allem Budget für zu erwartende Kosten für
Prüfung und Abwicklung des Firmenkaufs
– einen «namhaften sechsstelligen Betrag»
mussten sie auftreiben. Und wie gesagt: Das
27%
26%
ist nur der Betrag, den sie für die Suche brauchen. Eine Art Vorschuss, der nur im Erfolgs-
21%
fall vergütet wird. Aber eben nicht in monetä-
19%
rer Form, sondern durch ein Vorkaufsrecht an
den Unternehmensanteilen. Endet die Suche
erfolglos, ist auch das Geld der Investoren verloren – im wahrsten Sinne des Wortes eine Risikoinvestition also. Wer investiert in ein sol-
0,5%
ches Projekt, sozusagen auf gut Glück?
«Die Suche nach Investoren gestaltete sich in unserem Fall tatsächlich nicht einfach. Erst nach knapp fünf Monaten fanden
wir unsere Geldgeber», sagt Bossert, «allesamt
FamilyBuy-Out
ManagementBuy-In
ManagementBuy-Out
(Übergabe in
der Familie)
(Verkauf an
Externe)
(Verkauf an
Interne)
Unbekannt
Unternehmer oder unternehmerisch denkende Menschen.» Einer der (ausschliesslich
männlichen) Investoren ist Martin Steber, der
bereits mehrjährige Erfahrung mit dem Modell besitzt und selber schon Nachfolger begleitete. «Ich investiere, weil sie überzeugte
Zeit vom Erstkontakt bis zur Verantwortungsübertragung
6,5
JAHRE
1,6
JAHRE
3,3
JAHRE
Unternehmer sind, die sich vollständig mit
ihrem Ziel und ihrer Aufgabe identifizieren,
und ihre berufliche Zukunft mit diesem mutigen Schritt verbinden», sagt Steber. Doch bei
allem Wohlwollen ist es vor allem ein Investment, keine wohltätige Gabe. «Natürlich beabsichtige ich, mit dieser Investition langfristig
Geld zu verdienen. Niemand investiert Kapital, ohne dafür einen Gewinn zu erwarten.»
Die Nadel im Heuballen Die Nachfolgepro-
*Mehrfachnennungen möglich
Quelle: KMU-Studie 2013,
Credit Suisse und
Universität St. Gallen
blematik ist in den letzten Jahren stärker in
den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt.
Da die Babyboomer ins Rentenalter kommen,
sollen in den nächsten fünf Jahren allein in
der Schweiz zwischen 50 000 und 70 000 Unternehmen einen Eigentümer- oder Füh-
Was Bossert und Raeber suchen, ist
sowie Transport und Verkehr. Wir schlie-
rungswechsel planen – eine ziemlich grosse
ein profitables mittelständisches Unterneh-
ssen jedoch keine Branche aus», sagt Bossert.
Auswahl also. Doch von diesen sind die meis-
men mit zirka 20 bis 100 Mitarbeitern, ei-
So werden aus den Zehntausenden von Un-
ten Kleinunternehmen mit bis zu zehn Mitar-
nem Umsatz von 3 bis 20 Millionen Franken
ternehmen plötzlich ein paar hundert, die
beitern, die häufig an der Rentabilitätsgrenze
und Wachstumspotenzial. Der Kaufpreis soll-
tatsächlich in Frage kommen. Nicht die Su-
operieren und somit nicht in Frage kommen.
te 20 Millionen Franken nicht überschreiten.
che nach der Nadel im Heuhaufen, aber zu-
Ebenfalls ausgeschlossen werden Firmen mit
«Den Fokus setzen wir vor allem auf das Ge-
mindest «die Suche nach einer von wenigen
deutlich mehr als 100 Mitarbeitern.
sundheitswesen, IT und IT-Dienstleistungen
Nadeln in einem Heuballen», formuliert es
30
WIRTSCHAFT
zu erhalten. Solche Prüfungen erstellen nor-
Unternehmern, die mit zu hohen Preisen in
malerweise Anwälte, Wirtschaftsprüfer und
den Markt gehen.» Nicht selten werde der
andere Fachleute – das kostet Zeit und Geld.
Verkauf darum zurückgestellt und der Un-
Ressourcen, über die Raeber und
ternehmer mache noch ein paar Jahre wei-
Bossert nicht im Übermass verfügen. Sie müs-
ter. Till Bossert und Tobias Raeber kennen
sen jeweils im Eiltempo herausfinden, ob sich
die Risiken des Nachfolgemodells durchaus.
die Weiterverfolgung eines bestimmten Un-
Doch sie vertrauen sich und ihrer Fähigkeit,
ternehmens wirklich lohnt. Hier kommen
den Verkäufer auf der persönlichen Ebene
die Investoren ins Spiel. Sie sind nicht nur
von ihrem Ansatz zu überzeugen. Dass für
Geldgeber, sondern fungieren auch als eine
den von ihnen gewählten Weg keine Erfolgs-
Art Weisenrat. «Wenn wir auf ein interessan-
garantie besteht, ist ihnen klar – wie auch al-
tes Unternehmen stossen, besteht eine grosse
len anderen Beteiligten.
Wahrscheinlichkeit, dass sich einer unserer
Geldgeber in der Branche auskennt. Oder er
Eine Suche mit offenem Ausgang Seit An-
kennt jemanden, der über die nötige Exper-
fang Juni dieses Jahres sind die Unterneh-
tise verfügt. Ohne dieses Netzwerk wäre das
mer in spe mit den Vorbereitungen beschäf-
Modell nicht umsetzbar», sagt Bossert. Inves-
tigt, offizieller Kick Off für die Suche war
tor Steber schätzt genau dieses aktive Mitwir-
der 1. August. Doch bereits in den zwei Mo-
ken, ohne selber im Rampenlicht zu stehen.
naten davor haben sie, während sie die letz-
«Ich kann meine Expertise weitergeben, blei-
ten Verträge mit Investoren unterzeichneten
be jedoch weitgehend im Hintergrund.»
und sonstige Formalitäten erledigten, bereits
etwa 25 Unternehmen angeschaut. Die Nadel
Nur ein Mosaikstein Auf der einen Seite ste-
im Heuballen war nicht darunter.
hen zahlreiche Unternehmer, die eine Nach-
Und so hat die Geschichte von Tobias
folge suchen, auf der anderen Seite gibt es
Raeber und Till Bossert drei mögliche Aus-
junge, motivierte und gut ausgebildete Men-
gänge. Der schlechteste Fall: Sie finden und
schen, die Verantwortung für einen Betrieb
kaufen ein Unternehmen – und merken spä-
übernehmen wollen. Kann das Nachfolge-
ter, dass es ein Fehlkauf war. Dass es nicht so
unternehmermodell allenfalls das laten-
gut aufgestellt ist, wie es ihre Analysen er-
te Nachfolgeproblem lösen? Investor Jürgen
geben haben – Verluste, Einkommensein-
Rilling – auch er beschäftigt sich seit Jahren
bussen und unzufriedene Investoren wären
mit Nachfolgen – ist skeptisch. «Nur wenige
die Folgen. Diese Möglichkeit besteht in der
haben entsprechende Ausbildung, Erfahrung
Theorie, doch es ist schwer vorstellbar, dass
sowie unternehmerischen Drive und sind be-
ein derart kompetentes Gremium einen
reit, sich unter erheblichen finanziellen Ein-
Fehlkauf absegnen würde.
bussen mehrere Jahre der Suche nach einem
Der Optimalfall: Die Suche verläuft er-
Unternehmen zu verschreiben.» Auch Geld-
folgreich und sie übernehmen ein gut aufge-
geber Jan Woitschätzke, der das Modell in
stelltes Unternehmen als operative Geschäfts-
ähnlichem Rahmen in Deutschland beglei-
führer vor Ort. Mit den Jahresgewinnen hätten
tete, macht es von der Person abhängig. «Es
sie die Investoren in vielleicht zirka fünf bis
kommt aus meiner Sicht sehr auf die han-
acht Jahren ausbezahlt. Und in 30 Jahren fra-
delnden Personen an, denn mit diesen steht
gen sie sich selber, wie sie die Nachfolge ihres
und fällt die erfolgreiche Nachfolge.»
gut laufenden Betriebs regeln können.
Paul Stämpfli, der mit nachfolgepool.ch
Es könnte aber auch passieren, dass die
einen Marktplatz für Unternehmen mit un-
Suche ergebnislos endet. Da kann die Zeit
geklärter Nachfolge betreibt, warnt vor mög-
noch so spannend und der Beirat noch so
lichen internen Konflikten. «Doppelfüh-
kompetent sein: Wenn nach der mehrjähri-
rungsstrukturen sind schwierig umzusetzen
gen Suche kein Unternehmen gefunden ist,
und bergen Konfliktpotenzial.» Er rät da-
stehen die beiden mit leeren Händen da und
zu, die Schnittstellen und Exitklauseln vor-
das Geld der Investoren ist weg. Aufgebraucht
gängig zu definieren. Auch das Finden ei-
durch eine Suche, die viel Mühe und keinen
nes geeigneten Unternehmens sei nicht
Erfolg gebracht hat. «Wir sind uns durch-
Raeber. 400 bis 600 Firmen wollen sie sich
ohne, meint Stämpfli. «Die meisten KMU
aus bewusst, dass wir scheitern können», sagt
genauer anschauen. Doch auch das ist kaum
sind in gesättigten Märkten tätig, Branchen
Raeber, «aber genau das macht ja unterneh-
zu bewältigen, wenn man sich den Ablauf ei-
mit Wachstumschancen gibt es nicht vie-
merisches Handeln aus.» Es wäre aber nicht
ner Risikoprüfung vor Augen führt. Bei der
le.» Häufig scheitere die Übergabe an den
das Ende ihrer Unternehmerambitionen. Mit
sogenannten Due Diligence werden Ist-Situ-
finanziellen Vorstellungen. «Das Problem
vielen neuen Kontakten und Erfahrungen
ation, Stärken und Schwächen sowie Chan-
für nicht zustande gekommene Generati-
würden sie ihren Weg in die Selbständigkeit
cen und Risiken des Unternehmens analy-
onenwechsel liegt nicht in erster Linie bei
weiterverfolgen. Eine Rückkehr in die Bera-
siert, um ein Bild von dessen Marktsituation
fehlenden Nachfolgern, sondern bei den
tung kommt für beide nicht in Frage.
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