close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

"Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß"

EinbettenHerunterladen
von Dipl.-Ing Ulrich Skubsch
Jamming:
Die Störanfälligkeit
des Digitalfunks
wird unterschätzt
"Was ich
nicht weiß,
macht mich
nicht heiß"
s herrscht Ruhe! Stille kann so schön sein, so erholsam - nicht aber, wenn es
um dringend notwendige Kommunikation geht, wenn es um Bereiche des
behördlichen Einsatzes, der Sicherheit und den allerorts diskutierten Schutz
Kritischer Infrastrukturen geht. Dann ist Kommunikation das Essentielle, die Basis
aller Maßnahmen.
E
Beim Thema Funk ist häufig zu hören: "Das
hatten wir schon immer so, das funktioniert das ist immer so und das wird immer so sein!"
Damit dies dann aber auch der Zeit entspricht
und sich auf neuestem Stand der Technik bewegt, leisten wir uns auch mal eben 14 Jahre
Planungs- und Entwicklungszeit und sind dann
auf so ein Produkt wie den "Digitalen Behördenfunk" mächtig stolz. Wen wundert es, wir haben doch eine Bundesanstalt extra dazu eingerichtet, dass alles im wahrsten Sinne regelge38
PUBLIC SECURITY 2-2012/1-2013
recht eingerichtet wird und natürlich funktioniert. Nein, wir schauen nicht zurück: "in den
Streifenwagen werden Sie das Bild des Bankräubers übertragen bekommen, auf Einsatzfahrt zur Bank werden Sie über die Räumlichkeiten informiert worden sein ... u
Lange übertriebene Versprechen
Solche Industrie-Werbeaussagen aus dem
Jahr2002, solche Erinnerungen führen wir nun
nicht an, denn lange schon wissen wir: es wird
technisch nicht möglich sein, derartige Ziele zu
verwirklichen. Es heißt nun stattdessen: die Einrichtung diene der Sprachübertragung, maximal
15 Prozent Datenübermittlung ist in der zur Verfügung stehenden Bandbreite hierfür reserviert.
Wir fragen nun auch nicht danach, wie z.B. der
unter Vollschutz eingesetzte Feuerwehrmann
die dringend benötigte Unterstützung anfordern
kann, wenn sich sein neues Digital Gerät gerade - mangels Feldstärke - ausgebucht hat und
zum erneuten Einloggen etwa zwei Minuten
wertvolle, evtl. lebensrettende Zeit verstreicht.
Der Überbegriff .Trunked Radio", eine Art
Bündelfunk, die technologische Familie unseres
Digitalen BOS-Funks, ist weltweit bewährt, lange
im Einsatz und lebt von der Robustheit und Funk-
Bild oben:
Oie Zeiten wandeln sich rasant: Franz-Josef Strauß fuhr noch unter
Ausnutzung erheblichen Kofferraum-Volumens autotelefonierend
durch die Gegend.:
Der Aktentaschenraum (von Kofferraum bewusst nicht gesprochen)
eines smarten 2 Sitzer Kleinfahrzeugs reicht vollkommen aus, um einen Radius von 5 Km um eine Funk-Basisstation herum jeglichen
Kommunikationsnetzes
zu blockieren.
Um eine ganze Stadt mit mehreren Basisstationen zu beeinflussen
geht:» dann auch mit etwas größerem Aufwand weiter.
Bild links:
Auszug der technischen Beschreibung eines Störsenders: "Portable
Pelican etteche cese, Wide frequency coverege (800-2500)MHz,
10
- 20 Watts per band, Blocks all Cellular and SMS communication ....
Excellent Blocking Range of nearby Base-stations ... Easy, intuitive
operation ... Weight: approximately 6Kg (without battery)"
tionalität. Haben wir stattdessen nach 14 Jahren
mit einem speziellen deutschen Entwurf des
Trunked Radio immer noch Startprobleme? Mit
diesem Fingerzeig auf die Baustelle und die Kommunikationsbeeinträchtigung an wichtiger Schaltsteile sei des Chronisten Pflicht Genüge getan.
Vielmehr soll hier der Hinweis auf ein Problem,
viel unangenehmer in der Auswirkung, aber gleich
im Sachzusammenhang gegeben sein.
Der BOS-Funk wird bereits gestört
Vergleicht man diese Problematik mit den
system ischen Startschwierigkeiten des Digitalen BOS-Funks, die vermutlich irgendwann behoben sein werden, so ist die Beeinträchtigung
des Funkverkehrs durch Jamming um ein Vielfaches bedrohlicher. Handelt es sich doch um
dahinter steckende kriminelle Energie, mit unkalkulierbaren Intensitäten und Auswirkungen.
Man sollte dies nicht als Horrorszenario abtun.
Das Problem existiert schon heute.
1. Mai 2012, Kundgebung in Berlin-Kreuzberg: Der Digitalfunk ist derart mit "Artefakten"
(zerhackten Sprachfetzen bis zum Übertragungsabbruch) versehen, dass eine PolizeiKommunikation zur brisanten, jährlich stattfindenden DEMO der Alternativen gefährlich und
"wirkungsvoll" außer Kraft gesetzt wird. Vorbereitet auf die Störung ist niemand, weder mit
Technik oder mit irgendeinem Plan B für den
eventuellen Gesamt-Ausfall der Kommunikation. Es bedarf wenig Phantasie, um andere
Szenarien zu beschreiben. Die Technik wird weltweit angeboten - und gekauft. Nach eigener Befragung eines Herstellers vor Ort in Israel gehen
nicht alle Geräte an Kunden, die in einer Kundendatei dokumentiert sind. Ware gegen Geld und das Gerät ist irgendwo einsatzbereit.
Sender im Westentaschenformat
Sogar der Aktentaschenraum (vom Kofferraum zu schweigen) eines smarten zweisitzigen
Kleinfahrzeugs reicht vollkommen aus, um in einem Radius von fünf Kilometern um eine FunkBasisstation herum jegliches Kommunikationsnetz zu blockieren. Um eine ganze Stadt mit
mehreren Basisstationen zu beeinflussen, bedarf es eines etwas größeren Aufwandes. Aber
auch schon das Gerät in der Jackentasche lässt des Polizisten Diensthandy und alle weiteren
Handgeräte im Nahbereich verstummen.
Man sollte nun nicht glauben, der Störer
ließe sich peilen und in extremer Schnelle dingfest machen. Die hier anzusprechende Bundesnetzagentur ist zwar technisch darauf vorbereitet, hat nach aktuellem Wissensstand aber keine ad hoc-Möglichkeit und erst recht keine personellen Ressourcen,
mit ihrer sowieso
überfrachteten Aufgabenstruktur schnell tätig
zu werden. Die einzige zivile Institution, die dazu perfekt in der Lage wäre, ist die ganz anders
gelagerte und spendenfinanzierte Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger mit ihren
PUBLICSECURITY2-2012/1-2013
39
Störsender - JAMMER
Eine unter SecuPedia, der Plattform für
Sicherheits-Informationen,
zu findende Defi-
nition lautet: "Die oft auch mit dem englischen
Fachbegriff
Jammer bezeichneten
Störsender geben ein meist breitbandiges
Hochfrequenzsignal
ab. mit dem Ziel, den
Empfang von Funkübertragungen zu verhindern, indem sie deren elektromagnetische
Wellen überlagern. Die Funktionsweise beruht darauf, dass das Störsignal einen potenziellen Empfänger auf seiner Betriebsfrequenz mit einer höheren Feldstärke erreicht
als das zu unterdrückende
Nutzsignal. Die
Zulässigkelt einer Inbetriebnahme von Störsendern ist jeweils von der landesspezifischen Rechtslage abhängig. In den meisten
Ländern ist der Öffentlichkeit eine legale Nutzung nicht möglich. Der praktische Einsatz erstreckt sich vom Personenschutz (z.B. zur
Absicherung
von Fahrzeugkonvois
gegen
funkferngezünde e Sprengsätze) über Abhörschutz (zur Überlagerung illegaler Funkübertragungen, Abhörsicherheit)
Störsender aller Art sind weitgehend verboten, auf dem Weltmarkt aber relativ frei erhältlich.
Schon das Gerät in der Jacken tasche lässt des Polizisten Diensthandy und alle weiteren Handgeräte im Nahbereich verstummen
Frequenzbändern im taktischen Bereich. Neben der Nutzung a s Sicherheitseinrichtung
werden Störsender
diversen Küsten-/Schiffs-Peilstellen.
auch zur Beeinträchti-
Sie wer-
Volumens autotelefonierend durch die Gegend.
gung der Verfügbarkeit von Sprach-, Daten-
den ergänzt durch ein gut durchdachtes Ortungssystem von Hilfsbedürftigen per GMDSS
Heute passen intelligentere Geräte mit besserer Leistung und explodierender Nutzungsviel-
GSM-, UMT8-.
(Global Maritime Distress and Safety System).
Diese technischen Einrichtungen, Dienststellen und Regeln wurden über Jahre eingerichtet und sogar in Sportbooten installiert. Sie
sind extrem funktionell und haben sich bewährt.
falt in das Jacken-Täschchen, welches einst für
Münz-Geld in die rechte Anzug-Tasche integriert
worden ist.
Aber sie dienen der Hilfe auf See bei manchmal
ausbleibender Informationsübermittlung und einem eventuell noch übermittelten Burst aus ei-
auch nur noch der Stör-Sender. Ein Ausweg ist
durch die Frequenz vorgegeben. Die Vielfältigkeit der Frequenzwahl unterhalb 30 MHz er-
nem Seefunkgerät - also einem kurzen Sendeimpuls, der zur Peilung und Ortung ausreicht,
möglicht zum Einen Reichweiten, die gerade im
Einsatzfall alles momentan Übliche übertreffen.
Zum Anderen kann der Störanfälligkeit automatisiert mit intelligentem Frequenzwechsel begegnet werden, sodass Kommunikation immer
gewährleistet ist.
außerdem zu Wasser und nicht an Land. Kann
das also wirklich damit enden, im Krisenfall den
bewährten KRAD-Melder wieder zu reaktivieren?
Aus jetziger Sicht ist diese Frage zunächst eindeutig mit ja zu beantworten.
Ausweg Niederfrequenzen
Allerdings gibt es doch eine weitere, schnell
verfügbare und zeitgemäße technische Lösung.
Bereits seit Jahren gibt es die allgemein formulierten Bestrebungen Militärtechnik in die zivile
Nutzung zu migrieren. Für das hier einschlägige
Beispiel ist ein kleiner Exkurs in die Technik notwendig: Die o.a. im Fokus befindlichen Kommunikationssysteme werden allgemein in einem
Frequenzbereich weit über 30 MHz betrieben.
Die Antennen sind von handhabbarer Länge, die
Geräte klein und portabel und alles ist kontinuierlich enormen Innovationszyklen unterworfen.
Die Größenentwicklung des Handys sei an dieser Stelle zitiert: Ein Franz-Josef Strauß fuhr
noch unter Ausnutzung erheblichen Kofferraum40
bis zur selekti-
ven Unterdrückung von Funkfrequenzen oder
PUBLIC SECURITY 2-2012/1-2013
Der unvermeidliche Nachteil aus aktueller
Sicht dabei ist: Diese minimierte Größe hat
Es fehlt an Problembewusstsein
Selbst der Schutz Kritischer Infrastrukturen
hat synergetische Effekte. Stromausfälle in regionalen Bereichen lassen sich durch Kommunikationsversorgung aus überregionalen Bereichen ad hoc kompensieren. Die hierzu notwendige Energie bezieht sich dabei nicht auf die
Netz-Existenz, deren Betrieb und Struktur, sondern nur lokal auf das jeweilige Gerät. Diese Versorgungs-Infrastruktur bringen die Gerätschaften aber vom Akku bis zum Solarpaneel bereits
komplett mit.
Um unter solchen Bedingungen mobile
Störungen zu ermöglichen, ist auch heute noch
der aufgerüstete LKW erforderlich - und der ist
nicht so eben im Internet zu bestellen. Kleine
handliche Geräte in falscher Hand haben kein-
und Videoübertragungen
DECT-Infrastru
eingesetzt.
Bei
bzw. VoWLAN) und
ure
DECT=Digital Enhan-
ced Cordless Telecommunications)
GPS- (Satellitenortungssystem),
sowie
Bluetooth
und Telemetrie-An .endungen wurden bereits
Fälle geziel er Deniaklf-Service-Attacken
(DoS) bekann .-
•••.secupedia.info)
erlei Auswirkung. die Kommunikation bleibt sichergestellt und stabil. Entsprechende Geräte
sind bereits verfügbar. das Konzept präsentatonsreif. Es fehlen die richtigen Ansprachpartner. Viel schlimmer ist. dass die potenziellen Ansprechpartner davon oft noch gar nicht wissen
oder wissen wollen: _Was ich nicht weiß, macht
mich nicht heiß." Doch die Bedrohung ist vorhanden, intensiver und näher, als manche glau~n.
~
Der Autor:
DipLlng.
Elektrotechnik
Ulrich Skubsch
ist öffentlich
bestellter
Sachverständiger für elektronische Alarmsysteme und
Funkübertragung sowie Sicherheitsberater seit 1917.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
15
Dateigröße
4 732 KB
Tags
1/--Seiten
melden