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350 Jahre Rechenschieber und was die Region Zürich dazu

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Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich (2001) 146/2-3: 75-82
350 Jahre Rechenschieber
und was die Region Zürich dazu beigetragen hat
Heinz Joss', Dällikon
350 years of slide rule history and the contributions made by the Zurich region
Zusammenfassung
Der Rechenschieber, meist in den Bauformen Rechenstab, -scheibe und -walze, war während rund 350
Jahren das verbreitetste Rechengerät, bis ihm in den
1970er-Jahren der Elektronenrechner ein abruptes
Ende bereitete. Der Artikel zeigt die Entwicklungsgeschichte des Rechenschiebers, seine Bauformen, seine
Skalensysteme und seine geographische Verbreitung
im Zeitverlauf, um dann die Beiträge der Region Zürich auf dem Gebiet des Rechenschiebers zu beschreiben.
Beides, die allgemeine Entwicklung des Rechenschiebers und die zürcherischen Beiträge in der Marktnische
der Rechenwalzen und -scheiben sind weitgehend unbekannt.
Key words: Abakus — Datenschieber — Gunter's scale —
Rechenstab — Rechentafel — Rechenwalze
1
The slide rule — in straight, circular and cylindrical
form — was the most widespread calculating device for
some 350 years, before being abruptly superseded in
the 1970s by the electronic calculator. This article begins by outlining the slide rule's development, its different forms, scale systems and geographical dissemination during this period. The second section then examines the role played by the Zurich region in the slide rule's evolution.
Little is known about either the general development of
the slide rule or the significance of Zurich-based manufacturers, specially in the market niche for cylindrical
and circular slide rules. Research and writing in this
fields are a passionate hobby of the author, who would
appreciate any information that might help him add to
his knowledge.
Logarithmen — Proportionalzirkel —
Rechenscheibe —
EINLEITUNG
Noch zur Zeit unserer Urgrosseltern war das Rechnen eine
Kunst, insbesondere das Multiplizieren oder gar das Dividieren. Um das Rechnen zu erleichtern, hat es in der Geschichte
der Menschheit bereits sehr früh Hilfsmittel gegeben.
Der Abakus («Zählrahmen») hat sich von Mesopotamien
aus über das alte Rom weiter nach Asien verbreitet, wo er in
Russland, China, Japan, Vietnam und Indonesien heute noch
in Gebrauch steht. Bei uns hat er in Form des Rechentisches
oder -tuches und losen Rechenpfennigen bis zum Übergang
vom Linienrechnen mit den römischen zum schriftlichen
Rechnen mit den arabischen Zahlen gedient.
Der Proportionalzirkel war ein Rechengerät der Renaissance. Skalen auf zwei gelenkig miteinander verbundenen
Schenkeln gestatten, mit Hilfe eines Stechzirkels Proportionsrechnungen durchzuführen.
An den Rechenschieber werden sich ältere Leser noch erinnern; Mitte der 1970er-Jahre wurde er abrupt vom Elektronenrechner verdrängt. Wer heute jünger als 40 Jahre ist, hat
vielleicht noch nie einen Rechenschieber gesehen. Beide
«Generationen» haben kaum eine Vorstellung von Geschichte und Bedeutung dieses gescheiten Recheninstruments, das
während 350 Jahren grösste Verbreitung hatte.
t Alle Abbildungen stammen vom Autor (Privatsammlung).
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Heinz Joss
2
DIE GESCHICHTE DES RECHENSCHIEBERS
Ein wesentlicher Schritt zu effizienterem Rechnen war die
Entdeckung der Logarithmen durch den schottischen Mathematiker JOHN NAPIER (1550-1617), oft latinisiert NEPER
genannt. Die Logarithmen erlauben es, den Schwierigkeitsgrad der Multiplikation aufj enen der Addition zu reduzieren,
den der Division auf jenen der Subtraktion. Das logarithmische Rechnen mit den umfangreichen Tafeln blieb aber eine
mühsame Tätigkeit und den mathematisch Gebildeten vorbehalten.
Der Englânder EDMUND GUNTER (1581-1626), Pfarrer, Mathematiker und Astronom, hat 1620 die Logarithmen
als Skala auf einer zwei Fuss langen hölzernen Zeichenschiene aufgetragen. Diese Gunter 's Scale erlaubte graphisches
logarithmisches Rechnen: Mit Hilfe eines Stechzirkels wurden die Zahlen auf der Skala abgegriffen. Der Gunter-Stab
war zwar noch kein Rechenschieber, aber doch dessen unmittelbarer Vorläufer.
Der Englânder WILLIAM OUGHTRED (1575-1660),
Pfarrer und Professor für Mathematik, war der Erfinder des
Rechenschiebers: Um das Jahr 1630 hat er die Erfindung
GÜNTERS weiterentwickelt, indem er die logarithmischen
Skalen auf zwei Stäbe aufgetragen hat, welche, lose nebeneinander gelegt und gegeneinander verschiebbar, den ersten
wirklichen Rechenschieber darstellten; der Stechzirkel erübrigte sich nun.
Noch eine nachträgliche Bemerkung zu NAPIER und der
Entdeckung der Logarithmen: Dass der Schweizer Uhrmacher, Mathematiker und Astronom JOST BÜRGI die Logarithmen schon fIüher entdeckt hatte, ist in Bezug auf die Geschichte des Rechenschiebers ohne Bedeutung, da BÜRGIS
Entdeckung weder NAPIER noch GUNTER und OUGHTRED bekannt war.
Zurück zum Rechenschieber: Er war nach seiner Erfindung rund 350 Jahre lang das wohl am stärksten verbreitete
Rechengerät; eIst in den 1970er-Jahren setzten ihm die elektronischen Rechner ein Ende. Seither werden nur noch ganz
ausnahmsweise Rechenschieber gebaut und verwendet.
3
DIE BAUFORMEN DES RECHENSCHIEBERS
Das Prinzip des Rechenschiebers besteht darin, dass zwei
oder mehr Skalen auf einem zwei- oder mehrteiligen Körper
so angebracht werden, dass sie aneinander verschiebbar sind.
In den meisten Fällen handelt es sich dabei um logarithmische und trigonometrische Skalen.
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Bereits OUGHTRED legte 1630 seine Erfindung des Rechenschiebers sowohl mit geraden als auch mit kreisförmigen Skalen vor und schuf damit die zwei Rechenschieberformen, die später vorherrschen sollten, den Rechenstab und die
Rechenscheibe.
Der Rechenstab war stets die verbreitetste Form. Er wur-
de meist, terminologisch nicht ganz konTekt, als Rechenschieber bezeichnet. Rechenschieber ist eigentlich der Oberbegriff sämtlicher Bauformen. Die VoIrangstellung des Rechenstabs hatte vorwiegend herstellungstechnische Gründe.
Gerade Bauteile, ein zweiteiliger Körper mit einer dazwischen laufenden verschiebbaren Zunge, waren leichter zu
bauen als kreisrunde Scheiben, und eine gerade Skala logarithmisch zu teilen war einfacher als das Teilen einer kreisförmigen Skala. Die Rechenscheibe hat sich erst viel später
einigermassen durchzusetzen vermocht, als die herstellungsbedingten Probleme technisch zu bewältigen waren. Die
Scheibe weist vor allem den Vorteil der in sich geschlossenen
Skala auf, die einem kontinuierlichen Rechnen entgegenkommt.
Neben Rechenstab und -scheibe gab es noch die Bauformen Rechenwalze, Rechenring und -rad sowie Rechenuhr
Auf die Walze ist wegen ihrer Bedeutung Mr den Raum Zürich noch näher einzutreten: Die Genauigkeit des Rechenschiebers ist zur Hauptsache Funktion seiner Skalenlänge;
deshalb wurde immer wieder versucht, bei gleicher Handlichkeit des Geräts längere Skalen zu verwirklichen. Die Rechenwalze kam dieser Zielsetzung am besten entgegen: Sie
beruht auf der Idee, einen sehr langen Rechenstab in Einzelabschnitte aufzuteilen, die parallel zueinander auf einem Zylindermantel angeordnet werden. Wâhrend Rechenstäbe in
der Regel Skalenlängen von 12,5 oder 25 cm aufwiesen, wurden Rechenwalzen mit Skalenlängen bis zu 24 m gebaut; sie
waren während längerer Zeit wegen ihrer Rechengenauigkeit in Banken, Börsen und Finanzabteilungen von Grossbetrieben verbreitet.
4
DIE SKALENSYSTEME
Der spätere französische Artillerieoberst und Professor für
Mathematik AMEDEE MANNHEIM (1831-1906) hat um
1850 eine Skalenkombination und -anordnung für Rechenstäbe entwickelt, die als erste eine grosse und herstellerunabhängige Verbreitung erfuhr. Die Vorderseite wies Grund- und
Quadratskalen auf, die Rückseite der Zunge eine Sinus- und
eine Tangensskala, für welche die Zunge gewendet werden
musste. Das System Mannheim bildete einen ersten interna-
350 Jahre Rechenschieber
tionalen Standard und damit die Grundlage für die industrielle Rechenstabproduktion.
Der deutsche Ingenieur MAX RIETZ (1872-1956) ergänzte 1902 die MANNHEIMschen Skalen mit einer Kuben- und einer MaHtissenskala; Indexlinien auf der Körperrückseite gestatteten, die Sinus- und Tangensskalen ohne
Umdrehen der Zunge anzuwenden. Das System Rietz war bis
zum Ende der Rechenschieberproduktion eine der meistangewendeten Skalenanordnungen und hat das System Mannheim völlig verdrängt.
1934 wurde das System Rietz nochmals weiterentwickelt:
Die Technische Hochschule Darmstadt erarbeitete eine neue
Skalenauswahl und -anordnung; die Vorderseite wurde mit
einer pythagoreischen Skala (41-x 2) ergänzt, die Mantissenskala auf die hintere Längskante verschoben, die Sinus- und
Tangensskalen auf die vordere, so dass die Zungenrückseite
für drei Exponentialskalen frei wurde. Diese Verbesserungen
kamen den Bedürfnissen der Ingenieure entgegen; dem Vater
des Systems Darmstadt, Prof. ALWIN WALTHER (18981967), haben seine Mathematikerkollegen deshalb vorgeworfen, die Mathematik an die Ingenieure verraten zu haben.
Das System setzte sich aber durch und blieb bis zum Ende der
Rechenschieberära neben dem System Rietz im Angebot der
Hersteller.
5
LÄNDER UND HERSTELLER
Nach deren Erfindung nahm sich in England eine Vielzahl
von InstIumentenmachern des Baus von Rechenschiebern
an. Buchsbaumholz war der Hauptwerkstoff; bei teureren
AusfühIungen trat Elfenbein an die Stelle des Holzes, da der
Abb. l. Früher Rechenstab, England, doppelseitig, zwei Zungen,
acht Skalenpaare; Elfenbein und Messing, Mitte 19. Jh.
Fig. 1. Early slide rule, England, double-sided, two slides, eight
pairs of scales; ivory and brass, mid-19`h century.
Kontrast zur schwarzen Skalengravur die Lesbarkeit verbesserte (Abb. 1). Neben den mathematischen Skalen gab es anwendungsbezogene Spezialskalen. Es war die Epoche der
Einzelanfertigungen und der Kleinstserien. – Ausserhalb
Englands wurden Rechenschieber bis zum Beginn des
19. Jahrhunderts kaum bekannt.
Nach dieser englischen Periode folgte eine französische
(ca. 1800-1880). Die Firmen BARBOTHEU, LENOIR und
später TAVERNIER-GRAVET erlangten mit ihren Produkten Weltruf. Auch der erwähnte Entwicklungsbeitrag
MANNHEIMS dürfte zum Ansehen der französischen Rechenschieber wesentlich beigetragen haben (Abb. 2).
Abb. 2. Rechenstab System MANNT I F. I M. von TAVERNIER-GRAVET, Paris, uIn 1890.
Fig. 2. MANNHEIM system slide rule, made by TAVERNIER-GRAVET, Paris, around 1890.
77
Heinz Joss
Die Importsperre des deutsch-französischen Krieges gab
der deutschen Industrie den Impuls, ab 1870 eine eigene Rechenschieberproduktion aufzuziehen. Die Hersteller DENNERT & PAPE (ab 1936 unter der Marke ARISTO), FABER-CASTELL und NESTLER gehörten in der Folge weltweit zu den bedeutendsten Produzenten. DENNERT &
PAPE entwickelte gegen 1890 den dann für Jahrzehnte vorheIrschenden Holzstab mit Zelluloidauflage. Ab 1936 kamen sehr langsam Vollkunststoff-Rechenstäbe auf.
Zu den genannten deutschen Firmen gesellten sich die
US-amerikanischen Firmen DIETZGEN, KEUFFEL & ESSER und PICKET & ECKEL sowie die japanische Firma
HEMMI mit der Marke SUN, alle mit Weltruf. Die Japaner
haben übrigens als Einzige Rechenstâbe aus Bambus gebaut,
einem dazu ganz hervorragend geeigneten Material.
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SCHWEIZERISCHE RECHENSCHIEBER AUF DEM
WELTMARKT
In der Schweiz haben nur wenige Marken internationale Bedeutung erlangt: Die Finnen BILLETER, DAEMENSCHMID, später in LOGA umbenannt, und NATIONAL.
Bei allen stellten die Rechenwalzen, bei BILLETER und
LOGA auch die Rechenscheiben, SchweIpunkte von Produktion und Export dar; mit diesen zwei Bauformen besetzten sie eine Marktnische und behaupteten slch so gegen die
grossen ausländischen Hersteller, deren Schwergewicht bei
der Produktion von Rechenstäben lag. Allein LOGA hat nach
eigenen Angaben Zehntausende von Rechenwalzen hergestellt und in alle Welt verkauft. War es ein Zufall, dass diese
Hersteller alle ihren Standort im Raum Zürich hatten, oder
war es eine Folge der Bedeutung Zürichs in den Bereichen
Handel, Technik und Wissenschaft?
Meine Sammler- und Forschertätigkeit der letzten Jahre
hat dazu geführt, dass tnir heute Dutzende von Namen
schweizerischer Personen und Firmen bekannt sind, die Rechenschieber entwickelt oder hergestellt haben. Von internationaler Bedeutung waren jedoch nur die erwähnten Zürcher
Marken.
7
-walzen erwâhnt, wobei diese Erfindungen in die Zeit von
1879 bis 1885 datiert werden.
Rechentafeln sind eine heute kaum mehr bekannte weitere Form des Rechenschiebers: Über einer logarithmischen
Skala, angeordnet in vielen kurzen, parallelen und einander
überlappenden Abschnitten, wird zum Rechnen eine Glasplatte mit denselben logarithmischen Skalenteilen horizontal
und vertikal verschoben. Die Rechentafel ist der direkte Vorläufer der Rechenwalze. Rechentafeln aus BILLETERs Produktion sind meines Wissens nur zwei erhalten geblieben; ihr
Aussehen und ihre Funktionsweise ist auch aus Patentschriften bekannt.
JULIUS BILLETER gründete 1888 in Zürich eine Rechenwalzenfabrik, die erste schweizerische Fabrik, die sich
auf Rechenschieber spezialisierte. Julius' Sohn ERNST BILLETER (1858-1941) liess im Jahre 1912 die Firma ins Handelsregister eintragen; er leitete damals diese Firma zusammen mit seinem BIuder Max. 1917 wurde sie aufgelöst.
1916 gründete BERNHARD RUBINSTEIN in Zürich die
Firma «National Rechenwalzen Aktien-Gesellschaft»; über
ihn ist nichts bekannt. Bereits 1917 schied er aus der Firma
aus; verantwortlich für die NATIONAL war nun MAX BILLETER (1890-1967). 1934 wurde sie, nach 18-jähriger Tätigkeit, geschlossen.
1921, vier Jahre nach der Auflösung der ERNST BILLETER & Co., der Firma seiner Söhne Ernst jun. und Max, und
fünf Jahre nach der Gründung der NATIONAL RECHENWALZEN AG, die nun vom Sohn Max betrieben wurde,
wagte der 63-jährige Vater ERNST BILLETER nochmals einen Neubeginn: Er gründete die Firma «Ernst Billeter-Bossert, Fabrikation von Rechenwalzen und Blitzrechnern»; die
Firma bestand bis 1942 (Abb. 3).
AUS DER GESCHICHTE DER ZÜRCHERISCHEN
RECHENWALZEN-HERSTELLER
7.1 Die Zürcher Firmen BILLETER und NATIONAL
In nachgelassenen Schriften aus dem Besitz der Familie
BILLETER wird der Seidenfabrikant JULIUS BILLETER
(1828-1914) als Erfinder von Rechenscheiben, -tafeln und
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Abb. 3. «ERNST BILLETERs Blitzrechner», um 1925.
Fig. 3. «ERNST BILLETER's Lightning Calculator», around 1925.
350 Jahre Rechenschieber
Abb. 4. Zwei kleine LOGA-Rechenwalzen von HEINRICH DAEMEN- SCHMID, um 1935, Skalenlänge l,2 bzw. 2,4 m.
Fig. 4. Two small LOGA cylindrical slide rules by HEINRICH DAEMEN-SCHMID, around 1935, scale lengths 1,2 and 2,4 m respectively.
Von der Geschäftstätigkeit der BILLETER-Firmen und
der NATIONAL ist wenig bekannt. Lediglich aus den Jahren
1937 bis 1941 sind handgeschriebene Briefentwürfe von
ERNST BILLETER erhalten, die vom Verkauf von Rechenscheiben und -walzen in viele Länder zeugen: Belgien, Dänemark, Deutschland, England, Frankreich, Irland, Italien, Jugoslawien, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen,
Schweden, Tschechoslowakei, Ungarn und die USA sind erwähnt. Unter den Stammkunden dominierten Firmen der
Textilindustrie (aus der die BILLETER ja selber stammten);
aber auch Banken, öffentliche Verwaltungen, Versicherungen u.a. haben sich der Rechenscheiben und -walzen bedient,
und Büromaterialhändler wurden als Zwischenhändler beliefert. Ab 1941 gingen die Auslandsbeziehungen zufolge des
2. Weltkriegs verloren, und die Geschäftstätigkeit schlief ein.
Von den Produkten der Firmen BILLETER und NATIONAL sind nur wenige Exemplare erhalten geblieben. Bekannt sind Rechentafeln, -scheiben und -walzen von BILLETER, von NATIONAL dagegen nur Rechenwalzen.
7.2 Die Zürcher Firmen DAEMEN-SCHMID und
LOGA
Im Jahre 1896 wanderte der Textilkaufmann HEINRICH
DAEMEN-SCHMID (1856-1934) aus dem damals preussischen Rheinland in die Schweiz ein und liess sich in ZürichUnterstrass nieder. In einer Mansarde in Zürich baute er ab
1900 Rechenwalzen; die ältesten erhaltenen Exemplare tragen neben seinem Namen den Vermerk «Rekonstruktion
nach Julius Billeter», es wurde also offenbar geistiges Eigentum von JULIUS BILLETER in DAEMEN-SCHMIDS Produktion eingebracht.
1903 zog DAEMEN-SCHMID nach Zürich-Oerlikon,
wo er eine spezialisierte Konstruktionswerkstâtte mit eigener Lithographie- und Gravierabteilung einrichtete, wie er
stolz verkündete. 1911 verlegte er seinen Firmenstandort
nach Uster, mit einer nochmaligen Erweiterung der Fabrikationsstätte. Der Firmenname HEINRICH DAEMENSCHMID wurde 1915 im Handelsregister in LOGA geändert; die Bezeichnung LOGA ist allerdings auf den Produkten bereits ab ca. 1903 benutzt worden.
HEINRICH DAEMEN-SCHMID ha tte neun Kinder; die
meisten von ihnen waren entweder in der Firma LOGA oder
79
Heinz Joss
auf verwandten Gebieten tätig (Handel mit Rechengerâten aller Art). Ständige Familienzwistigkeiten führten aber zu immer wieder neuen Konstellationen in den Beziehungen der
Daemen untereinander sowie in und zu der Firma LOGA.
HEINRICH DAEMEN-SCHMID war der alles beherrschende Stammvater sowohl der Familie als auch der Firma.
Nach seinem Tod 1934 übernahmen einige der mit dem Vater
völlig entzweiten Söhne die Firma, welche in einer schweren
wirtschaftlichen Krise steckte. Eine Treuhandfirma, die zuhanden der Aktionäre – alles Mitglieder der Familie DAEMEN – die Lage zu beurteilen hatte, bezifferte den Firmenwert auf den Alteisenwert der Maschinen. Anfangs der
1970er-Jahre, nach einem kurzen Höhenflug, geriet die
LOGA aber e rn eut in wirtschaftliche Schwierigkeiten. 1979
kam das endgültige Aus: Das Fehlen eines zweiten Standbeins wurde der Firma zum Verhängnis.
Die Produktion der Firmen HEINRICH DAEMENSCHMID und LOGA umfasste Rechenstäbe, Rechenwalzen
und Rechenscheiben. Die Rechenwalzen waren bis in die
1930er-Jahre das vorherrschende Geschäft. In einem alten
Prospekt wird erwähnt, dass bereits 30 000 Logawalzen im
Einsatz stünden, in einem anderen steht: «So gibt es wohl 1922
kaum eine wichtige Bank in Budapest, Wien, Berlin, Paris,
London und New York, welche sich nicht der Usterer Devisenwalze bedient.» Es hat in den 1920er-Jahren sogar eine
Fabrikations- und Verkaufsniederlassung in Berlin gegeben.
In den 1930er-Jahren begann die Umstellung der Produktion
von Rechenwalzen auf Rechenscheiben (Abb. 4 und 5).
7.3 BILLETER/NATIONAL und HEINRICH DAEMEN-
SCHMID/LOGA: Gemeinsamkeiten und Beziehungen
Bis heute besteht keine Klarheit darüber, ob zwischen den beiden Firmenpaaren überhaupt eine Beziehung bestanden hat.
Auffallend sind aber gewisse Gemeinsamkeiten. So waren beide Firmengründer (JULIUS BILLETER bzw. HEINRICH DAEMEN-SCHMID) Textilfachleute. Beide Seiten
haben spâter behauptet, der Beginn der Tätigkeit auf dem
Gebiet der Rechenschieber sei das Jahr 1888 gewesen, was in
beiden Fällen nicht nachgewiesen werden kann. Beide waren
in der Region Zürich tätig. Während man sich in der Familie
BILLETER zu erinnern meint, HEINRICH DAEMENSCHMID sei einmal Angestellter bei BILLETER gewesen,
ist davon bei der Familie DAEMEN nichts bekannt.
Sowohl JULIUS BILLETER als auch HEINRICH DAEMEN-SCHMID haben sich als Erfinder der Rechenwalze
ausgegeben und sind später auch von ihren Nachkommen als
solche bezeichnet worden. Auch ERNST BILLETER hat
sich mit diesem Attribut geschmückt. Offenbar genügte allen
ein Patent auf eine Rechenwalzeneinzelheit, um sich grad als
Erfinder der Rechenwalze als solcher zu empfinden.
Zylindrische Rechenschieber sind aber in der Literatur
schon vor 1888 erwähnt, so dass weder DAEMEN-SCHMID
noch BILLETER als Erfinder der Rechenwalze gelten können, sie haben aber zu Verbesserungen dieses Geräts beigetragen.
Der damals wohl bestinformierte Kenner der Rechenschieberszene, der Schweiz-Amerikaner FLORIAN CAJORI (ursprünglich CAJÖRI), Professor für Geschichte der
Mathematik und Dekan an der University of CalifoInia, hat
1919 sowohl JULIUS BILLETER als auch HEINRICH
DAEMEN-SCHMID und deren Rechenwalzen erwâhnt. Auf
allfällige Beziehungen zwischen den beiden weist CAJORI
jedoch nicht hin; als Zeitgenosse hätte er wohl Kenntnis davon gehabt.
7.4 Weitere Rechenschiebernamen aus dem
t1 DAEM
7
p
Abb. 5. LOGA-Rechenscheibe, um 1930 (Ausschnitt); links der
Ziffer 1 gestaffelte Skalenstriche, die es erlaubten, trotz ungleicher
Abstände der logarithmischen Skalen zwischen den ganzen Zahlen
je 20 Unterteilungen anzubringen.
Fig. 5. LOGA circular slide rule, around 1930 (detail); to the left
of number 1, staggered scale graduations that permitted subdivision into 20 parts of the space between integers on the unequally
spaced logarithmic scales.
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Raum Zürich
Der Zürcher Astronom, Physiker und Mathematiker JOHANN KASPAR HORNER (1774-1834) entwickelte einen
Rechenstab mit doppelter Skalenlänge, vermutlich einer geteilten Skala. Davon ist bisher kein Objekt gefunden worden.
– HORNER war auch bewundernswerter Förderer des
Schwyzers FELIX DONAT KYD (1793-1869), der als Autodidakt wohl als erster Schweizer serienmässig Rechenstäbe hergestellt hat; von ihnen sind ebenfalls keine erhalten,
wohl aber eine ausführliche Beschreibung.
350 Jahre Rechenschieber
LEONHARD PESTALOZZI (1786-1864), Bankfachmann, Finanz- und Währungspolitiker, hat sich für persönliche Bedürfnisse einen Rechenstab zur WähIungsumrechnung gebastelt. Obwohl dieses Gerät nur ihm selber gedient
hat, ist es in die Rechenschieberliteratur eingegangen. Auch
dieser Stab ist nicht erhalten.
KARL CULMANN (1821-1881), Professor an der ETH
in Zürich, widmete in seiner beIühmten «Graphischen Statik» ein Kapitel dem Rechenschieber, der offenbar damals in
der Schweiz noch wenig gebräuchlich war.
LUDWIG VON TETMAJER, auch er Professor an der
ETH, war Initiant eines Nachdrucks von CULMANNs «Graphischer Statik»; er ergänzte dabei das Rechenschieber-Kapitel und ging damit ebenfalls in die Rechenschiebergeschichte ein.
HANS HEINRICH PETER (1875-1931) war Erfinder eines doppelt logarithmischen Rechenstabs mit tachymetrischen Skalen, den er zuerst selber fertigen liess, der später
aber als System Peter im Angebot von NESTLER figurierte.
SILVIO MASERA aus Winterthur erhielt 1902 ein Patent
auf einen Rechenstab mit Endlos-Skalenband; er wollte dem
Rechenstab die Vorteile der Rechenscheibe verleihen, die in
sich geschlossene Skala. Ob sein Rechenstab je gebaut wurde, ist nicht bekannt; jedenfalls wurde kein solcher Stab gefunden.
WILHELM G.G. WEBER, Zürich, war Hersteller eines
topographischen Rechenschiebers System Hofer & Brönnimann.
WALTER SCHAAD, Zürich, erhielt 1921 ein Patent auf
einen Rechenstab mit zwei Mantissenskalen, mit deren Hilfe
auch addiert und subtrahiert werden kann, was logarithmische Rechenstäbe sonst eigentlich nicht können.
Eine Firma EMIL PFENNINGER & Co. in Zürich war
entweder selber Hersteller von Rechenstäben oder hat mit
solchen eines noch nicht identifizierten Herstellers gehandelt.
JAKOB HUBER, Winterthur bzw. Zürich, erhielt 1923
ein Patent auf Datenschieber. Seine Firma NORMUS ist für
ihre Schiebetabellen international bekannt geworden. Sie
waren nicht eigentliche Rechner, sondern boten für ganz spezifische Zwecke an sich bekanntes Zahlenmaterial als systematisierte Arbeitshilfe an.
Ungefähr aus der selben Zeit stammt eine kleine Rechenscheibe AUTOMETER von P. LANDIS, Automobiles, in
Zürich. Sie diente der Umrechnung zwischen den die Leistung bestimmenden Grössen von Automotoren (Abb. 6).
Zu Ende des 2. Weltkriegs, als man annehmen durfte, die
technische Entwicklung des Rechenstabes und der Rechen-
scheibe sei abgeschlossen, kam der Zürcher Ingenieur WALTER HILTPOLD mit einer neuen Bauform, einer halbrunden
Scheibe, auf den Markt (Abb. 7). Seinem tragischen frühen
Tod ist es wohl zuzuschreiben, dass sich die Idee nicht durchzusetzen vermochte.
Ein Textilrechenstab der Firma RIETER, Winterthur, ist
bekannt.
Abb. 6. Rechenscheibe von P. LANDIS für Automotoren, um
1920.
Fig. 6. Circular car engine slide rule by P. LANDIS, around 1920.
Abb. 7. HalbIunde Rechenscheibe von WALTER HILTPOLD, um
1945.
Fig. 7. Semi-circular slide rule by WALTER HILTPOLD, around
1945.
81
Heinz Joss
Die Firma ZELLWEGER USTER AG hat eine Rechenscheibe nach dem sog. Smith-Diagramm herausgebracht.
ZELLWEGER, heute USTER genannt, hat weiter Textilrechenstäbe und -scheiben für die Kunden hergestellt.
Heute noch erhältlich ist die Hydro-Rechenscheibe von
GEORG KISSELEFF in Küsnacht/ZH (Abb. 8).
8
AUFFORDERUNG FÜR HINWEISE
Die Erforschung und Dokumentier ung des Rechenschiebers
sind Hobbytâtigkeiten des Autors. Er ist für jeden Hinweis
dankbar, der ihm hilft, seine Kenntnisse auf diesen Gebieten
zu ergänzen.
9
LITERATUR
JEZIERSKI, D. VON. 1997 und (2. Aufl .) 2000. Rechenschieber, eine
Dokumentation - Selbstverlag, Stein b. Nürnberg, 110 pp.
JOSS, H. 1998. Messrechnen: 350 Jahre Rechenschieber. - Elem.
F
HYDRO
RECHENSCHEIBE
System
G KisEetYtt,'-
KJsxaeet -Zn
Wasserflihrung in
Rohrleitungen
v=k 3 1/2 Feh ;Q=F«v
at
8
Abb. 8. «Hydro-Rechenscheibe für Rohrleitungen» von GEORG
KISSELEFF, um 1980.
Fig. 8. «Hydro circular slide rule for piping» by GEORG KISSELEFF, around 1980.
Die Uhrenfirma VENTURA DESIGN ON TIME in Volketswil dürfte die einzige Zürcher Firma sein, die heute noch
Rechenschieber herstellt, nämlich Rechenuhren, entworfen
vom Zürcher Designer HANNES WETTSTEIN.
Math., Bd. 53, 73-78.
JOSS, H. 1998 und (2. Aufl .) 2000. Schweizerische Rechenschieber
auf dem Weltmarkt: Die Finnen Billeter und National sowie Daemen-Sclunid und Loga. In: «4. Internationales Treffen der Rechen
Tagungsbericht», H. JOSS, pp. 49-58. - Selbst--schiebraml,
verlag, Dällikon, 90 pp.
H. 1998 und (2. Aufl.) 2000. Schweizerische Personen, Firmen
und Marken aus Geschichte und Gegenwart des Rechenschiebers. In:
«4. Internationales Treffen der Rechenschiebersannnler, Tagungsbericht». H. JOSS, pp. 59-66. - Selbstverlag, Dällikon, 90 pp.
JOSS,
JOSS, H. 2000. Geschichte des Rechenschiebers - SI+A, 116. Jg.,
pp. 356-363.
JOSS, H. 2000. Rechenwalzen, die Rechenschieber mit den langen
Skalen. In: «l. Symposium zur Entwicklung der Rechentechnik».
W.H. SCHMIDT und W. GIRBARDT, pp. 11-33. -Ernst Moritz Arndt
Universität, Greifswald, 120 pp.
JOSS, H. 2000. A Tablet Slide Rule by Julius Billeter- Journal of the
Oughtred Society, 9, (2), p. 27.
SCHOECK-GRÜEBLER, E. 1998 und (2. Aufl .) 2000. Felix Donat
Kyd, ein schweizerischer Protagonist des Rechenschiebers. In: «4.
Internationales Treffen der Rechenschiebersannnler, Tagungsbericht». H. JOSS, pp. 23-30. - Selbstverlag, Dällikon, 90 pp.
WIRZ, P. 1998 und
(2. Aufl.) 2000. Die halbIunden Rechenscheiben
von Walter Hiltpold. In: «4. Internationales Treffen der Rechen
Tagungsbericht». H. JOSS, pp. 39-48. - Selbst--schiebraml,
verlag, Dällikon, 90 pp.
Heinz Joss, dipl. Architekt ETH/SIA, Rainring 4, CH-8108 Dällikon, e-mail: analog@econophone.ch
82
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