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In Lappland gibt's, was bei uns längst Mangelware gewor - Freeride

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> ABENTEUER
In Lappland gibt’s,
was bei uns längst
Mangelware geworden ist: Einsamkeit,
viel Platz zum Atmen
und wohltuende
Leere. Hier schwingt
sich der Kungsleden
von Nord nach Süd.
Für die einen ist das
einer der schönsten
Trekking-Pfade. Für
Freerider ist es der
längste Singletrail
der Welt.
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Schwedisch Lappland ist so groß wie
Bayern und Baden-Würtemberg zusammen. Aber hier leben nur so viele Menschen wie in Freiburg. In Lappland ist
Biken immer Freeriden.
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>FREERIDEABENTEUER
ABENTEUER
Singletrail-Gekurve, bis der Arzt kommt. Doch hier kommt kein
Arzt. Außer ein paar kauzigen Nordland-Trekkern trifft man auf
dem 425 Kilometer langen Kungsleden niemanden.
TEXT Dimitri Lehner FOTOS Franz Faltermaier
W
ir hören ein leises Klopfen. Als würde
jemand mit den Fingerkuppen auf eine
Tischplatte trommeln. Mit einem Mal
explodiert das Geräusch und vor uns
klebt ein Helikopter in der Luft. Zum Greifen
nahe. Für Sekundenbruchteile erkennen wir
den Piloten hinter der Windschutzsscheibe.
Wummmmmmmm. Windböen schlagen uns
ins Gesicht. Die Turbine heult auf, als der Heli
senkrecht in den Himmel sticht, wendet und
wieder zu uns zurückpendelt. „Der filmt uns“,
schreit Stefan. Aus den Augenwinkeln kann ich
tatsächlich den Kameramann erkennen. Er lehnt
sich weit zur Türe hinaus. Wirklich hinschauen
will ich nicht, denn mein Blick hangelt sich über
eine handbreite Holzbohle in einem Meter Höhe.
Der Vorderreifen folgt dem Blick, zittert über
das schmale Brett. Meine Hände geben sanfte
Lenkimpulse, während um mich rum die Luft
brodelt. Jetzt nur nicht runterfallen. Unter mir
gluckert schwarzes Moorwasser.
Der Heli schießt über mich hinweg, meine Regenjacke knattert in den Windböen, dann verschwindet er hinter der Bergflanke und Stille
erobert das Tal zurück. Wir sind wieder alleine,
mitten in Lappland, balancieren über Holzbohlen auf Schwedens schönstem Wanderpfad.
Kungsleden, „der Königsweg“ – so heißt Schwedens Stolz – ist angeblich einer der schönsten
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IN LAPPLAND IST EUROPA NOCH WILD.
„FJÄLL“ NENNEN DIE SCHWEDEN IHRE
NORDISCHE EINSAMKEIT.
Trekkingpfade der Welt. Er sollte uns von Abisko
nördlich des Polarkreises nach Süden führen,
durch „Europas letzte Wildnis“, wie der Lappland-Reiseführer verspricht. Wildnis – deswegen
sind wir hier. Wir suchen, was es bei uns nicht
mehr gibt: unberührte Natur, einen Raum ohne
Zäune, das Wilde. Denn egal, wohin man daheim
flüchtet, die Zivilisation heftet sich einem an die
Fersen. Selbst wenn man in ein entlegenes Alpental kriecht, immer brummt ein Motorsegler
durch den Himmel, dröhnt eine Schnellstraße
in der Ferne oder kreischen Stimmen durch den
Wald. Sogar wenn man nachts um vier hinters
Trafo-Häuschen pinkelt, kriegt man ein „Also, so
geht’s nicht!“ zu hören. Regeln und Bestimmungen knebeln jeden Zentimeter Deutschland. Hier
oben, am Polarkreis, soll das anders sein. Und
jetzt bläst uns ein Helikopter vom Trail. Wildnis
Lappland – eine Illusion?
Wir warten auf einer Steinplatte unter hohem
Himmel. Franz, Andi, Hannes und Tom schließen
zu uns auf. „Habt ihr den Heli gesehen?“, ruft
Stefan den Freunden entgegen. „War ja nicht
zu übersehen und zu überhören“, kommt von
Hannes zurück, der sich Schlammspritzer aus
dem Gesicht reibt. „Anfangs wollte der Heli euch
filmen“, sagt Stefan. „doch als er uns Style-Minister erspäht hat, ist er abgedreht. Konnte
ja keiner mit ansehen, euer Gegurke.“ Selbst
Hannes lacht, obwohl er bei der Heli-Attacke
aus Schreck von den Holzbohlen gerutscht und
in die Sumpfwiese gestürzt ist. Die Holzbohlen
sind eine Besonderheit des Kungsleden. Immer
wenn das Gelände für Wanderer unwegsam
wird, führt der Trail über zwei handflächenbreite
Holzbretter. Manchmal mehrere hundert Meter
weit überbrückt der Pfad so Sümpfe, Steinfelder
oder tosende Bäche. Für uns sind diese „schwedischen Northshore-Trails“ ein Riesenspaß. Außer
man lenkt in den Spalt zwischen den Bohlen.
Der ist nämlich gerade so breit, dass der Reifen
hineinpasst und sich verkeilt. Eine Rolle vorwärts hat Hannes gerade hinter sich – für jeden
von uns sollte der Kungsleden noch jede Menge >
Als das Stichwort „Forellen“ fällt, zückt
Franz sofort seine Teleskop-Angel. Andi
dreht sich ein Zigarettchen, Tom sucht
Heidelbeeren, Stefan legt sich zum Nickchen ins Gras, Hannes wäscht seine Füße
im Bach (und verliert sein Minitool). Auch
heute werden wir kaum 30 Kilometer
schaffen.
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> ABENTEUER
Überschläge bereit halten.
Auf dem Weg nach Süden kreuzt der Kungsleden keine Straßen und keine Ortschaften. Nur
wenige bewirtschaftete Hütten liegen entlang
des Trails verstreut – beliebte Zufluchtsorte für
Wanderer.
Auf den Holzbohlen summen die Reifen fast
lautlos dahin. Erst unsere Begrüßung „Hej, hej“
– so macht man das auf Schwedisch – lässt die
wenigen Wanderer, die wir treffen, überrascht
herumkreiseln und ungläubig auf die Bikes
starren. Stefan genießt den Überraschungsmoment und trompetet sein „Hej hej“ den Wanderern so kraftvoll in den Rücken, dass sie oft
vor Schreck ins Moorwasser hüpfen. „Hier gilt
das Jedermanns-Recht“, rechtfertigt Stephan
sein Rüpelbenehmen. Das gibt es tatsächlich. Es
regelt das Leben im rauhen Norden anstelle der
Katalog-dicken Gesetzbücher bei uns, gestattet
Lagerfeuer, wildes Zelten und Beerensammeln.
Der Anstieg zum 1 160 Meter hohen Tjäktjapass
zieht unsere Gruppe weit auseinander. Immer
mehr Steinplatten schieben sich vor die Reifen.
Das Gelände wird steiler. Absteigen, schieben,
aufsteigen, fahren – in immer kürzerem Wechsel.
Wind rauscht in den Ohren. In der Ferne tost
ein Wasserfall über rabenschwarze Felsen, Woll-
Irren hinter mir abhängen. Selbst die Steine
scheinen aus ihrem Schlaf zu schrecken. Sie
murren und grollen, rufen und singen. Manche
bleiben auch stumm liegen, wenn ich drüber
rolle. Stumm wie seit Tausenden von Jahren.
Auch die Landschaft schlummert in Lappland
einen Märchenschlaf – jung und unverändert
über Jahrtausende.
Der Downhill vom Pass ist die schönste Abfahrt
bisher. Seen glitzern von unten, als seien sie
mit Diamanten gefüllt. Leider fehlt die Muse für
Panorama-Blicke, denn wie jede Abfahrt mutiert
auch dieser Downhill zum Rennen. Ein kleiner
Patzer, einmal nicht die Idealline getroffen oder
zu früh die Bremse angetippt – und die Freunde
ziehen vorbei. Jeder riskiert alles – als säße ihm
der Teufel im Nacken. Stefan hilft auch gerne mit
einem Rempler nach und plärrt: „JedermannsRecht“. Unglaublich, was die Bikes aushalten,
denke ich und rase durch ein Feld von Steinbrocken, groß wie Kinderköpfe, manche spitz
wie Haifischzähne. Mal schnellt der Lenker vor
die Brust, dann reißt er die Arme in die Länge.
Die Augen suchen nach einem Ausweg aus dem
Labyrinth. Unten im Tal tauchen die vertrauten
Holzbohlen auf. Die Erlösung vom Holterdipolter und den Verfolgern, denn auf den schmalen
EIN HESSE MIT KNITTERGESICHT UND GAMASCHEN WILL WISSEN: IST BIKEN HIER ÜBERHAUPT ERLAUBT?
blumen zittern verloren zwischen Steinbrocken,
wenn Böen über den Pass fegen. Hannes, unser
Orientierungsexperte, ist auf dem Kungsleden
arbeitslos. Fast verärgert starrt der langhaarige
Schwarzwälder auf die zahlreichen Wegmarkierungen. Seine Ersatzrolle in Schweden: Verlierer.
Am vierten Tag hat er bereits Minitool, Handschuhe, Sonnenbrille und Badehose verloren.
Und das, obwohl er akribisch alles verzurrt. Andi
dagegen wirft seine Sachen in den Rucksack, als
sei es ein Müllschlucker. Offene Sardinen-Dosen
triefen, Schoko-Kekse schmieren, schweißige
Socken feuchteln. Mit Wucht knallt er in den
Pausen den Rucksack auf den Boden. Wenn es
im Inneren dann klirrt und knackt, zuckt er nur
mit den Achseln. Andi setzt andere Prioritäten.
Er will mit seinem Freerider überall durchkommen, egal ob dicke Wackersteine den Trail verblocken oder Felsstufen senkrecht nach unten
abbrechen: Wenn möglich will er der Schnellste
sein und gut aussehen will er dabei auch. Sein
Ehrgeiz peitscht ihn voran. Oben am Pass wird
er nervös, denn Stefan und ich liegen vorne. Wir
schieben die Bikes über die Kuppe und springen
auf. Minuten vergehen und schon sitzt mir Andi
mit wildem Gepoltere im Nacken. Wenn’s richtig
steil wird, auch mein Rucksack. Jetzt ist es richtig
steil. Steine klappern unter den Reifen und der
Lenker zuckt in den Fäusten. Ich muss diesen
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Brettern gibt es keine Chance zum Überholen.
Bis dahin muss ich es schaffen. Die Nerven behalten, die schnellste Linie treffen, hoffen, dass
diesmal der Hintermann patzt. Nochmal kräftig
in die Pedale treten, der Rucksack kippt nach
links, zieht nach rechts. Vorderrad hoch aufs
Brett, Hinterrad entlasten, antreten. Geschafft.
Die Reifen summen wieder übers Holz. Im nächsten Steinfeld verlassen mich die Kräfte, der Wille
knickt und Andi zieht mit irrem Gejohle vorbei,
später sogar Franz und das, obwohl er seinen
schweren Fotorucksack trägt. Der blaue Himmel
hat sich unterdessen eingetrübt. Wetterlaunen
halten jeden Nordland-Reisenden auf Trab.
Regen nieselt, Wolken wabern, huschen um
Felswände, kriechen über dunkle Steinhaufen,
als wir die Hütte Singi erreichen. Stefan betritt
die Hütte als Erster. Ein Pärchen sitzt am Holztisch, schaut auf vom Postkarten-schreiben. „Von
Abisko hierher mit dem Bike? Geht das überhaupt? Zu Fuß ist es uns schon schwer gefallen
bei all den Steinen.“ – „Zu Fuß wäre es uns auch
schwer gefallen“, sagt Stefan und kichert. Der
Wind weht den Regen um die Hütte. Ein dicker
Zwei-Meter-Mann mit Holzfällerbart und Entenschritt erwidert nicht einmal den Hej-hej-Gruß,
schaut nur missmutig auf die Bikes. Ein Hesse
mit Knittergesicht und Gamaschen will wissen,
ob Biken auf dem Kungsleden überhaupt erlaubt >
Northshore auf Schwedisch: Holzbretter führen
über Sümpfe, Bäche und Steinfelder – oft mehrere
hundert Meter. Tückisch: Manchmal passt der Reifen
genau in den Spalt zwischen den Brettern.
Jetzt fehlen nur noch Nils Holgerson
und der Michel aus Lönneberga und
die Chaostruppe ist perfekt.
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> ABENTEUER
sei. Komisches Volk, die Nordland-Trekker.
Sollen wir bleiben oder weiter? Hannes ist für
Bleiben und flirtet durchs Hüttenfenster mit
einer blonden Klischee-Schwedin, deren XXLBusen über einem dampfenden Suppenteller
schwebt. „Nee“, sagt Tom und schwingt sich
aufs Bike. Wir brausen zurück in die Wildnis.
Tom, Snowboardlehrer aus Oberstdorf, mag die
Momente am liebsten, wenn wir weit weg sind.
Wie einige Tage später in einem Seitental abseits
des Kungsleden. Auf der Karte wird es „grüne
Hölle“ genannt, denn in feuchten Sommern sollen
hier Schwärme von Stechmücken den Himmel
verdunkeln. Wir haben Glück: Der Sommer ist
trocken, der Himmel blau. Schneebedeckte Berge
leuchten in der Ferne. Einer davon ist Schwedens
höchster, der Kebnekaise. Dort oben standen wir
vor zwei Tagen, guckten runter in die grüne
Hölle. Wir folgen dem Fluss auf einem kaum
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sichtbaren Pfad. Die Reifen mahlen durch Sand,
Birkenblätter schillern in der Sonne und der Fluss
funkelt durch die Bäume. Tom atmet tief ein, füllt
die Lungen mit Lapplandluft und ist glücklich.
Erst gegen Mitternacht stellen wir die Zelte in
Orange und Grün zwischen die Birken. Es wird
schnell kalt und feucht, wenn die Mitternachtssonne für ein paar Stunden hinter den Bergen
verschwindet. Wir rücken näher ans Lagerfeuer.
Rauch säuselt in den klaren Himmel. Wir löffeln
Beef Stroganov oder Jägereintopf aus Alutüten.
Franz verteilt Marmeladenkekse als Nachtisch
und wir erzählen Männergeschichten, wie man
sie nur an Lagerfeuern erzählt: „Wusstet ihr,
dass man mit einem fingerdicken Seil aus Spinnenfäden einen Jumbo im Flug stoppen könnte?
Erinnert ihr euch an den verrückten Wanderer
in Grönland? Tom, weißt du noch, als du am
Mont Blanc in den gefährlichen Eistürmen zum
Kacken musstest?“
Andi furzt, Franz pierct Toms Isomatte versehentlich mit dem Taschenmesser, Hannes sucht
seine Fleecejacke („Oh Gott, hab ich die verloren?“) und Stefan grapscht den letzten Keks
und schreit mir „Jedermanns-Recht“ ins Ohr,
dass ich zusammenzucke. Dann kommt Ruhe in
die Truppe. Birkenäste knistern im Feuer – wir
starren in die orangerote Glut und beobachten,
wie’s knackt und zischt. Franz schmaucht seine
Pfeife und die ersten Moskitos surren durch den
Abendhimmel.
Da sitze ich also mit meinen Freunden am Lagerfeuer, in irgendeinem Tal in Lappland, dessen
Namen ich nicht aussprechen kann. Höre den
Wind rauschen, sehe die einsamen Berge und
könnte meinen, wir seien die einzigen Menschen
auf der Welt. Wildnis – hier in Lappland ist das
keine Illusion.
Fotos: Franz Faltermaier
Die Marlboro-Männer haben Recht:
„An open campfire, a hot cup of
coffee and a good smoke – this is
what makes a hard riding day go by.“
Nur unsere Mustangs muss
man nicht anbinden.
>>INFO KUNGSLEDEN/LAPPLAND
Tundra-Landschaft mit Permafrostboden, der mit Heide, Gras und
Krüppelbirken bewachsen ist. Entlang des Wegs: Sumpfgebiete,
Seen, Flüsse, Berge (Höhen bis über 2 000 Meter).
>> ANREISE
Die SAS fliegt von vielen deutschen Flughäfen nach Kiruna in
Lappland.
>> WEITERE INFOS
Im Internet findet Ihr eine Vielzahl von Info-Seiten über den
Kungsleden, z.B. www.kungsleden.de
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auf dem Kungsleden erlaubt. Wir
Freeridern um die 16 Kilo. Entweder
bewirtschafteten Hütten oder bewegt
dem Zelt. Ideal sind Leichtgewicht-
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Mountainbikes sind
fuhren mit leichten
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>> BIKEN/AUSRÜSTUNG
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Ende Juni bis Mitte September. Tagsüber Temperaturen bis über
20 Grad. Nachts um den Gefrierpunkt. Mitternachtssonne: Im
Sommer wird es nur einige Stunden dämmerig.
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>> REISEZEIT
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>> LANDSCHAFT
Zelte. Wir benützten das Vaude „Hogan Ultralight“ mit nur
1,4 kg. Als Nahrung verwendeten wir gefriergetrocknete Trekkingmahlzeiten (www.trekking-mahlzeiten.de). Die genaue Ausrüstungsliste gibt’s unter: www.bike-freeride.de
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Lappland bezeichnet das frühere Siedlungsgebiet der Lappen.
Es zieht sich von Norwegen über Schweden, Finnland bis nach
Russland. Der Kungsleden (übersetzt: Königsweg) gehört zu den
schönsten Trekkingrouten der Welt. Er startet in Abisko (Schweden) und schlängelt sich 425 Kilometer durch den schwedischen
Bezirk Lappland (Fläche von der Größe Bayern und BadenWürtemberg bei nur 150 000 Einwohnern).
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>> LAGE
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