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Ganz schön Scholle, oder was? - Archiv - Hamburger Abendblatt

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Donnerstag, 8. April 1999
Maischolle im April −
der milde Winter
macht’s möglich.
Als Vorspeise lesen
Sie hier ein Porträt
dieses seltsamen
Plattfisches.
Men£ch und Umwelt
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v
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Hamburger Abendblatt − Nr. 81 − Seite 35
Ganz schön Scholle, oder was?
1 Ein genauer Blick
verrät, daß die
Scholle zu Beginn
ihres Lebens wie ein
„normaler“ Fisch
durchs Wasser
schwamm: Unten
sind die Überreste
des Bauchflossenpaares zu erkennen,
hinter dem Kiemendeckel sitzt die ehemalige Brustflosse.
Von ANGELIKA HILLMER
Wenn die Scholle, auch Goldbutt
genannt, appetitlich auf dem Teller liegt, wirkt sie recht unspektakulär, denn der Küchenchef
hat ihre Eigentümlichkeiten
längst entfernt. Von Natur aus ist
das Tier völlig asymmetrisch,
Flossen und Augen sind ebenso
ungleich auf dem Schollenkörper verteilt wie das schiefe Maul.
Dies ist das Ergebnis einer erstaunlichen Verwandlung von
einer freischwimmenden Fischlarve zum Plattfisch, der auf dem
Boden lebt.
Die Nordseescholle laicht von
Dezember bis April. Die Eier von
der Größe eines Stecknadelkopfes schweben frei im Wasser umher. Nach etwa drei Wochen
schlüpfen sechs Millimeter kleine Larven, die sich von der Strömung umhertreiben lassen. Der
Schollennachwuchs hat jetzt
noch die Gestalt kleiner Heringe
oder Kabeljaue.
Gelaicht wird von
Dezember bis April
Im Inneren der Fischlarven
beginnen nun merkwürdige
Veränderungen: Zuerst verlagert sich der Darm zu einer Seite. Als Folge verschieben sich
die zarten Schädelknochen und
das Maul. Das wiederum beeinflußt die Augenstellung.
Nach etwa zwei Wochen beginnt das linke Auge auf die
arg mitgespielt. Dort hat der Fischereidruck in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter
zugenommen und ein bestandsgefährdendes Niveau erreicht.
1997 gingen nach Erhebungen
des Internationalen Rates für
Meeresforschung (englisch abgekürzt ICES) etwa 223 Millionen Tiere in die Grundschleppnetze. Der Bestand der Nordseescholle lag 1997 bei 212 000 Tonnen. Der Mindestwert für einen
sicheren Bestand beträgt jedoch 300 000 Tonnen. Der Fang
müsse drastisch reduziert werden, um dem Bestand die Chance zur Erholung zu geben, warnen die Fischerei-Experten des
ICES.
Eine Zone im Wattenmeer
schützt den Nachwuchs
Schollenlarven 0
unterliegen einer
seltsamen
Wandlung. Wenn sie
aus dem Ei
schlüpfen, ähneln sie
jungen Heringen.
Innerhalb von sieben
Wochen werden
sie zu Plattfischen.
Die Scholle stammt aus dem Buch „Dausien’s Grosses Buch der Fische“, Verlag
Werner Dausien, Hanau.
Die Entwicklung ist dem Naturführer „Fische − Die heimischen Süßwasserfische
sowie Arten der Nord und Ostsee“, BLV Verlag, München, entnommen.
rechte Körperseite zu wandern.
Die kleine Scholle muß nun immer stärker in Schieflage
schwimmen. Im Alter von 35 bis
40 Tagen ist das Auge neben
dem festsitzenden rechten Auge
angelangt, und die linke Körperseite ist endgültig zur Unterseite geworden.
Im Alter von etwa sieben Wochen begibt sich die Minischolle
ins seichte Wattenmeerwasser
und legt sich auf den Meeresboden. Ihre ehemals rechte, jetzt
obere Körperhälfte nimmt die
braune Tarnfarbe an, so daß der
Fisch auf dem Wattboden „verschwindet“. Die Unterseite wird
weiß und erst Jahre später im
Restaurant zur goldbraun gebratenen Oberseite.
Doch nicht alle jungen Schollen legen sich auf ihre linke Körperseite, vereinzelte Exemplare
enden auf rechts. Deutlich größer ist die Unordnung allerdings bei nahen Verwandten,
den Flundern. Hier liegen 70 bis
75 Prozent der Tiere auf der ehemals linken Körperseite, der
Rest auf der rechten.
Wenn
der
Schollennachwuchs sich auf die Seite legt, hat
er knapp die Größe einer Briefmarke. Die „Maischolle“ ist also
keinesfalls ein Fisch, der in die-
sem Winter das Licht der Meereswelt erblickte. Der Begriff
stammt aus einer Zeit, als die
Kutter noch aus Holz waren und
im Winter auf dem Trockenen
lagen. „Damals konnten die Fischer wegen des schlechten
Wetters monatelang nicht rausfahren“, erzählt Beate Quast, die
in Finkenwerder in vierter Generation das Fischrestaurant
„Tante Anna“ betreibt. „Wenn
Eisgang war, bestand die Gefahr, daß das Eis die Bootsplanken durchstieß, deshalb gab es
im Winter und im zeitigen Frühjahr keinen frischen, sondern
nur gesalzenen Fisch. Im April
brachen
die
Finkenwerder
Fischer dann Richtung Nordsee
auf und brachten etwas später
den frischen ‚Maifisch‘ nach
Hause.“
Die ideale Fangzeit ist
der Spätsommer
Beim Schollenfang deckt
sich die witterungsbedingte
Zwangspause mit den biologischen Gegebenheiten: Schollen, die noch nicht oder gerade
erst abgelaicht haben, schmekken nicht so gut wie Artgenossen, die sich von den Strapazen
des Laichens einige Wochen in
den Weidegründen der Nordsee
erholt haben. Erst wenn sie wieder zu Fleisch gekommen sind,
lohnt sich der Fang. Dies ist normalerweise im Mai der Fall, in
diesem Jahr jedoch schon jetzt,
da die Meerestemperatur aufgrund des milden Winters in diesem Frühjahr außergewöhnlich
hoch ist und daher zeitiger als
üblich gelaicht wurde. Manche
Kenner behaupten allerdings,
daß die ideale Schollen-Fangzeit der Spätsommer ist.
Die Scholle ist weltweit die
meistgefischte
Plattfischart.
Auch in der Nordsee wird ihr
Viele Schollen landen bereits
in der Pfanne, bevor sie für
Nachwuchs sorgen können, moniert der WWF. Die männlichen
Tiere erreichen im Alter von drei
bis sechs Jahren die Geschlechtsreife, die Weibchen etwas später. Ohne Fischerei
könnten Schollen 25 bis 30 Jahre
alt werden, vereinzelte Methusalems sogar bis zu 50 Jahre. Sie
wären dann fast einen Meter lang
und sieben Kilo schwer. Doch
große, alte Schollen gehen heute
kaum noch ins Netz. Dort überwiegen sechs- bis zwölfjährige
Tiere, das mittlere Fanggewicht
betrug 1997 magere 370 Gramm.
Zum Schutz des Nachwuchses
gibt es im Wattenmeer ein Gebiet, die sogenannte Schollenbox, in dem große Fischkutter
nicht fangen dürfen. Außerdem
sollte ein Mindestmaß von 25
Zentimetern nicht unterschritten werden.
Der beste Schollenschutz ist
jedoch eine leichte Umstellung
der kulinarischen Gewohnheiten: „Die Kliesche ist eine nahe
Verwandte der Scholle, ihr im
Geschmack ebenbürtig und
nicht im Bestand bedroht“, sagt
Werner Münkner von der Bundesforschungsanstalt für Fischerei. „Sie wird in Deutschland bislang stiefmütterlich behandelt.“
Vielleicht ist das ihr Glück.
PVC im Abwärtstrend
Baseler Institut untersuchte vier Produktgruppen
Ist PVC ein Baustoff der Zukunft oder aufgrund seiner ökologischen, ökonomischen und
sozialen Eigenschaften eher ein
Auslaufmodell? Diese Frage untersuchte das Baseler PrognosInstitut an vier Produktgruppen:
Fenster, Rohre, Verpackungsfolien und Kabel.
Fenster aus PVC schneiden im
Vergleich zu Holz- oder Aluminiumprodukten kurz- und mittelfristig besser ab. Langfristig seien jedoch Holzfenster die bessere Alternative, da sie aus einem
nachwachsenden Rohstoff hergestellt sind, während PVC aus
Erdöl produziert wird.
Ein ähnliches Bild ergibt sich
für die Trink- und Abwasserrohre: Die Kunststoffe PVC und Polyethylen (HDPE) seien kurzund mittelfristig der Konkurrenz
aus Steinzeug und Gußeisen
überlegen, langfristig gäbe es jedoch auch hier nur „gedämpfte
Perspektiven“.
Bei Folien sei PVC bei einigen
Spezialanwendungen aufgrund
seiner Eigenschaften nahezu
konkurrenzlos. Allgemein sehen
die Wissenschaftler jedoch einen
Trend zu anderen Kunststoffarten (PP, PET). Doch auch sie haben durch die tendenziell zu erwartende Verknappung des Ausgangsstoffes Erdöl langfristig
eher eine negative Perspektive.
Am schlechtesten schneiden
die PVC-Kabel ab, von denen
jährlich Millionen von Kilometern verlegt werden: Schon mittelfristig dürften sich die ökologischen Nachteile von PVC- im
Vergleich zu Polyethylen-Kabel
bemerkbar machen.
hi
Energie, die
aus der Tiefe kommt
Unsere Umwelt-Beraterin Angela Grosse beantwortet Fragen
zum Umweltschutz im Alltag.
Herr J. Noelle aus HamburgWohldorf fragt:
Bereits in der Schule lernen
wir, daß sich die Temperatur
der Erde mit zunehmender Tiefe
erhöht. Warum kann die Atomenergie nicht auch durch diese
Energie ersetzt werden?
Noch kann in Deutschland kein
Strom aus der Erdwärme Atomstrom ersetzen. Denn es gibt unter der Erdkruste hierzulande
keine so heißen Dampfquellen,
Die Umwelt-Frage
daß Turbinen zur Stromerzeugung angetrieben werden könnten. Allerdings arbeiten Forscher
an einem neuen Verfahren, dem
„Hot-Dry-Rock-Verfahren“, mit
dem Strom aus Erdwärme zumindest in bestimmten Regionen erzeugt werden soll. Es bleibt abzuwarten, ob das ökologisch und
ökonomisch sinnvoll ist.
Dennoch kann die Erdwärme
einen wertvollen Beitrag liefern:
Sie kann Heiz- oder Prozeßwärme liefern, deren Bedarf in
Deutschland etwa 60 Prozent des
Endenergieverbrauchs
ausmacht. Damit würde zwar kein
Atomstrom ersetzt, es würden
aber weniger Treibhausgase frei.
Denn der Bedarf an Heiz- und
Prozeßwärme wird überwiegend
mit fossilen Energieträgern gestillt. Könnten diese zumindest
teilweise durch Erdwärme ersetzt werden, so erleichtert das
den Ausstieg aus der Atomkraft.
Denn dieser muß so vollzogen
werden, daß nicht mehr Treibhausgase freigesetzt werden.
Besonders Gebiete, in denen
die Erdtemperatur schon in geringen Tiefen sehr hoch ist, können angezapft werden. Zu diesen
gehört neben dem Oberrheingra-
LL
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Nr. 81
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ben und einer Region zwischen
Donau und den Alpen auch das
Norddeutsche Becken. Hier ist
die Erde in einem Kilometer Tiefe bis zu 60 Grad warm.
Geothermie-Anlagen können
in diesen Regionen das heiße
Wasser aus der Tiefe an die Oberfläche pumpen, wo es in ein
Fernwärmenetz eingespeist würde. Hat das Wasser seine Wärme
abgegeben, wird es wieder in die
Tiefe
zurückgepumpt.
In
Deutschland gibt es derzeit rund
20 solcher Anlagen.
Mit Hilfe von Wärmepumpen
läßt sich auch oberflächliche
Erdwärme nutzen. Eingesammelt wird sie entweder durch
Erdkollektoren, die großflächig
in etwa einem Meter Tiefe verlegt
werden, oder durch Sonden, die
senkrecht bis zu etwa sechzig
Meter Tiefe ins Erdreich geführt
werden. Durch Röhren zirkuliert
frostgeschütztes Wasser, das die
Wärme aufnimmt und zur Wärmepumpe im Haus leitet. Dort
nimmt ein Gas die Erdwärme
auf. Eine strombetriebene Pumpe verdichtet das Gas, das somit
heißer wird und anschließend
seine Wärme an den Heizstrang
abgibt.
Das ist aber ökonomisch und
ökologisch nur sinnvoll, wenn
ein relativ geringer Heizwärmebedarf wie bei Niedrigenergiehäusern zu stillen ist und die
elektrische Wärmepumpe einen
gewissen Wirkungsgrad erreicht.
Dieser wird aus dem Verhältnis
von benötigtem Strom zur abgegebenen Wärmemenge errechnet und als Jahresarbeitzahl angegeben. Sie sollte mindestens
3,8 betragen.
Die CO2-Einsparpotentiale dieser Technik errechneten Mitarbeiter der Rheinisch-Westfälischen Kraftwerke (RWE) und der
Forschungsstelle für Energiewirtschaft (München) an einem
konkreten Beispiel. Sie kamen
zu dem Ergebnis, daß elektrische Wärmepumpen während eines zwanzigjährigen Betriebs 21
Prozent CO2 gegenüber eines
Erdgas-Brennwertkessels
einsparen würden.
Haben Sie eine Umweltfrage? Dann
schreiben Sie an: Hamburger Abendblatt,
Mensch und Umwelt, Brieffach 2110,
20350 Hamburg oder per E-Mail an:
umweltfrage@abendblatt.de.
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