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Denn sie wussten nicht, was sie tun? - Kreisjugendring München-Stadt

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Sexualität
Foto: sxc.hu
14
Jugendliche in der sexualisierten Medienwelt
Denn sie wussten nicht, was sie tun?
Besorgt und herausgefordert fragt sich die Kinder- und Jugendhilfe, was denn
Ursachen seien für die immer früher im Lebenslauf stattfindenden sexuellen
Aktivitäten1. Denn in den Massenmedien verfangen vor allem Nachrichten über
die Generation Porno 2 , über Teenagerschwangerschaften 3 und Sozialmilieus,
die sich durch gewohnheitsmäßiges sexuelles Risikoverhalten auszuzeichnen
scheinen. Wir sind angeblich Zeugen einer sexuellen Tragödie4.
Dabei ist die Sexualisierung der Gesellschaft nicht neu. Sie nahm vor etwa 40 Jahren
ihren Anfang. Das hieß damals notwendige
sexuelle Befreiung und überfällige Enttabuisierung. Und das war gut so. Wenngleich die
Entkrampfung im gesellschaftlichen Umgang
mit Sexualität nicht ohne die gleichzeitig
zunehmende Warenförmigkeit alles Sexuellen
zu haben war. So ging die von einer zunehmend liberalisierten Gesellschaft ersehnte
sexuelle Emanzipation zwangsläufig mit
Kommerzialisierungen und Instrumentalisierungen einher. „Sex sells“ und „anything
goes“ dominierte bald die Fortschritte auf
dem Feld der sexuellen Selbstbestimmung.
Die Sexwelle liberalisierte zwar individuelle
Konsum- und Verhaltensformen und lüftete
einen Gutteil des Muffs unter den Talaren
der Verbotsmoralisten. Was sie nicht hinwegzuspülen vermochte, waren jedoch genderspezifische Machtverhältnisse, sexuelle
Gewalttabus und sexistische Realitäten. Und
wie alle Phänomene sozialen Wandels, mündeten auch die sexuellen Revolutionen der
letzten 40 Jahre in schicht- und milieuspezifische Ungleichzeitigkeiten und ungleiche
Entwicklungen.
Heute läuten die sexualpädagogischen
Alarmglocken. Aber die Front verläuft deutlich anders, als es sensationsgierige Medien
bisweilen diagnostizieren und breite Teile
der Öffentlichkeit interpretieren 5 . Weller
(2009) weist auf den dominanten Diskurs
der Verfrühung hin, um ihn sogleich zu
entspannen: Die generelle Vorverlegung des
ersten Geschlechtsverkehrs fand in den 70er
1|10
Jahren statt. „Seit den 80ern gibt es (…)
nur noch partielle und unwesentliche Veränderungen“ (Weller 2009, S.14; vgl. auch
Schmidt u.a. 20006). Bemerkenswert ist auch,
dass wir zwar eine zunehmende Streuung des
Zeitpunkts des ersten Mals haben, nicht aber
ein massenhaftes „immer früher“ (vgl. BZgA
20067). Schon von daher empfiehlt es sich,
nicht von einem generellen Jugendproblem
auszugehen, sondern genauer hinzusehen,
unter welchen milieuspezifischen und sozialen Bedingungen sexuelle Sozialisationsprozesse heute stattfinden. Ein Blick zu
werfen wäre dabei auf die differenzierende
Wirkung von Bildungsniveaus und das damit
zusammenhängende Problem der ungleichen
Teilhabechancen an einem selektiven und
ausgrenzenden Bildungssystem. Ein Blick
zu werfen wäre dabei auch auf die differenzierende Wirkung von Sozialmilieus und
die damit zusammenhängenden Probleme
gesellschaftlicher, kultureller und politischer
Partizipationschancen.
Weller (2009) kommt zu dem Schluss:
„Verfrühung sollte als ein Hauptargument
sexueller Verwahrlosung in die Mottenkiste
gepackt werden. Es bleibt die Vermutung
anhaltender Polarisierung des Sexualverhaltens“ (S. 18). Als eindrucksvolles Beispiel
kann hier der Diskurs um den biografischen
Zeitpunkt von Elternschaft dienen: Öffentliche Horrorvorstellungen in Bezug auf die
quantitative Zunahme frühzeitiger Elternschaft gehen einher mit medienbegleiteter
Panik angesichts des Wandel generativen
Verhaltens. Mittlerweile erhöhte sich das
durchschnittliche Erstgebäralter auf 29
Jahre, während die Zahl der Teenagerschwangerschaften seit Jahren eher stabil blieb und
gegenüber den 70er Jahren sogar abnahm
(vgl. Weller 2009).
Der Diskurs der Verfrühung wird häufig
in biologischen Kategorien geführt. Aber
das Problem besteht nicht in einer zunehmenden Diskrepanz zwischen körperlicher
Reifung und mentaler Reife. Abgesehen
davon, dass Sexualverhalten natürlich nicht
biologisch veranlasst ist, haben biosoziale
„Erkenntnisse“ - zumindest in der vereinfachten Form, in der sie in ein öffentliches
Bewusstsein dringen - nicht selten eine
fatale Wirkung: Sie verlagern den Fokus der
Aufmerksamkeit und des Interesses weg von
der gesellschaftspolitischen Analyse hin zu
entwicklungspsychologischen und genetischen Erklärungen. Aber es sind immer noch
die gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen, die die Voraussetzungen für
mentale Reifungsprozesse darstellen. Diese
mögen sich in die Körper und die körperlichen Reifungsprozesse einschreiben, sie sind
aber allemal die Anknüpfungspunkte, an
denen die Kritik sexueller Tragödien anzusetzen hätte. Am deutlichsten lässt sich das
gegenwärtig in Bezug auf die Veränderungen
der Medienwelt feststellen.
Sexuelle Verwahrlosung ist nicht durch
eine Diskrepanz zwischen sexuell reifen
Körpern und unreifen mentalen Persönlichkeiten verursacht. Sexuelle Verwahrlosung
ist auch nicht durch garstige Medien bedingt,
die nachweislich nur solche Konsum- und
Rezeptionsweisen provozieren und Inhalte bereitstellen, die ihre Marktgängigkeit
wiederholt unter Beweis stellen. Es ist wie
mit den Amokläufen: Eine Gesellschaft, die
ihre Geschäfte mit menschenverachtender
Unterhaltung machen will, nimmt billigend
in Kauf, dass sich die Konsument/innen he-
Sexualität
rausnehmen, sich dieser Unterhaltung nach
eigenem Gutdünken zu bedienen, um sich die
Welt auch selbstbestimmt anzueignen. Kurz
gesagt: Es bestehen keine Ursache-WirkungsZusammenhänge zwischen Medienkonsum und
Rezeptionsverhalten. Amokläufen ist nicht
mit nachholenden Verbotsdebatten wirksam
zu begegnen. Gleiches trifft für geistige und
sexualisierte Amokläufe zu. Die Herausforderung, vor der die Kinder- und Jugendarbeit
und - was die Sache natürlich verkompliziert
- die ganze Gesellschaft steht, ist eine Medienerziehungs- und Bildungsdebatte.
Im Grunde müsste die Sexualpädagogik
sich angesichts sexualisierter Medienwelten
und der Beobachtung sexualisierter Umgangsformen bei Kindern und Jugendlichen
an ihre politische Verantwortung erinnert
fühlen: Statt dem Ruf nach neuen Werten
(Wertedebatten verfangen sich allzu schnell
in den Fangstricken von Kulturalisierung
und Essentialisierung) oder gar der Selbstverpflichtung zur Führung 8 , sollten Wege
der gesellschaftspolitischen Einmischung
beschritten werden. Wie lernen wir, mit den
uns zur Verfügung stehenden Kommunikationsmitteln umzugehen? Wie lernen wir
Orientierung, Wichtiges von Unwichtigem zu
unterscheiden, autonome Interessen im Netz
zu entwickeln, souveräne Wahlentscheidungen zu treffen? Das Internet ist ein Handlungsfeld, in dem sich die pädagogischen
Bemühungen um Erziehung zur Mündigkeit9
zukünftig zu bewähren haben. Und in Bezug
auf das Bildungssystem wäre zu verdeutlichen, dass auch Phänomene wie die der
sexuellen Verwahrlosung soziale Phänomene
und mithin eine Ernte des Bildungssystems
darstellen. Selektion und Exklusion erzeugen
die pseudohomogenen Lernwelten, die wechselseitige Erfahrungen, soziales voneinander
Lernen weitgehend verhindern. Der Preis
exklusiver Bildungsteilhabe ist, dass sich
Milieus der Perspektiv- und Chancenlosigkeit
reproduzieren. Ihnen ist die hemmungslose
Nutzung des freien Zugangs zu Medienwelten
– wohl oft das einzige Feld, auf dem gewisse
Teilhabeoptionen realisiert werden können,
solange es die persönliche Verschuldungssituation noch zulässt – schlechterdings nicht
15
zu verdenken. Auch das wäre ein Aspekt
der Inklusionsdebatte, die gegenwärtig
im Zusammenhang mit den Konsequenzen
der Ratifizierung der UN-Konvention für
die Rechte von Menschen mit Behinderung
gezogen werden müssten: Inklusion zielt
auch auf sozial Benachteiligte, auf Kinder
und Jugendliche mit diagnostizierten Verhaltensoriginalitäten.
Prof. Clemens Dannenbeck
Fachhochschule Landshut
1 vgl. hierzu die Fachtagung Sex – Thema oder Tabu? Sexualität & Sexualisierung. Eine
Herausforderung für die Kinder- und Jugendhilfe, veranstaltet vom Stadtjugendamt der
Landeshauptstadt München am 07. Juli 2009. Eine Dokumentation der Veranstaltung ist
in Vorbereitung.
2 vgl. hierzu zum Beispiel Gernert, Johannes: Generation Porno: Jugend, Sex, Internet. Fackelträger Verlag, Köln 2010, Schirrmacher, Thomas: Internetpornografie … und was jeder
darüber wissen sollte. Scm Hänssler Verlag, Holzgerlingen 2008.
3 vgl. BZgA (Hg.): Teenagerschwangerschaften in Deutschland. Stellungnahme der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln 2007.
4 vgl. Siggelkow, Bernd / Büscher, Wolfgang: Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder nicht
mehr lernen, was Liebe ist. Gerth Medien, Asslar 2008.
5 vgl. beispielsweise Wüllenweber, Walter: Voll Porno! Stern.de 2007.
6 vgl. Weller: Raue Schale – romantischer Kern. Gibt es eine „sexuelle Verwahrlosung“ unter Jugendlichen? Vortrag anlässlich des Fachtags am 7. Juli 2009; Schmidt, Gunter: Kinder der sexuellen
Revolution. Kontinuität und Wandel studentischer Sexualität 1966-1996, Gießen 2000.
7 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hg.): Jugendsexualität. Wiederholungsbefragung von 14- bis 17-Jährigen und ihren Eltern. Ergebnisse der Repräsentativbefragung aus 2005, Köln 2006.
8 vgl. hierzu etwa Bueb, Bernhard: Von der Pflicht zu Führen. Neun Gebote der Bildung. Ullstein,
Berlin 2008 oder Ders.: Lob der Disziplin. Eine Streitschrift. Ullstein, Berlin 2008, zuerst
2006 – kritisch hierzu: Brumlik, Micha (Hg.): Vom Missbrauch der Disziplin. Antworten der
Wissenschaft auf Bernhard Bueb. Beltz, Weinheim und Basel 2007.
9 möglicherweise aktueller denn je: Adorno, Theodor W.: Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge
und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt a.M.,
Neuauflage 2008.
Die BRAVO-Studie in Auszügen
„Liebe! Körper! Sexualität!“
Für Erwachsene ist die Sexualität Jugendlicher oft eine „Black Box“ oder
es existieren Ansichten („immer früher“), die es wert sind, überprüft zu
werden. Viele Aspekte der Sexualität
Jugendlicher sind dabei interessant.
Einmal: stimmt das eigentlich, dass
Jugendliche „immer früher“ ihre ersten
sexuellen Erfahrungen machen. Wie gut
sind Jugendliche „aufgeklärt“, wissen
also Bescheid über Vorgänge der körperlichen Reifung? Sind Jugendliche mit
ihrem Körper einverstanden? Wissen
sie Bescheid über Verhütung und die
Gefahr, sich mit HIV zu infizieren? Gibt
es Unterschiede zwischen Jungen und
Mädchen?
Die Jugendzeitschrift BRAVO legte jetzt zum
zweiten Mal eine Studie vor, die geeignet ist,
eine etwas klarere Vorstellung von der Sexualität Jugendlicher zu bekommen, einiges zu
bestätigen und anderes „zurechtzurücken“.
Die vorliegende Studie ist von 2009 (Vorgänger-Studie: 2006), und sie ist repräsen-
tativ. Befragt wurden 1.228 Jugendliche im
Alter von 11 bis 17 Jahren.
Informationen, Rat und Vertrauen
... Wer sind die Ansprechpartner/
innen?
Über Liebe und Sexualität sprechen die
Mädchen vor allem mit der Mutter (56 %),
mit Lehrer/in (52 %) und der besten Freundin
(32 %). Bei den Jungs ist es Lehrer/in (49
%), dann auch die Mutter (44 %), der beste
Freund (28 %) und erst dann der Vater (27 %).
Als Vertrauensperson in Sachen Liebe und
Sexualität nennen die Mädchen die beste
Freundin (87 %), dann die Mutter (57 %); bei
den Jungs ist es zu 60 % der beste Freund,
dann auch die Mutter (39 %) und – wieder
etwas abgeschlagen – der Vater mit 31 %.
Bei der Frage, mit wem über „das erste Mal“
gesprochen wurde, nannten die Mädchen
wiederum die beste Freundin (78 %) und
Freundinnen (28 %), gefolgt von der Mutter
(27 %). Bei den Jungs und ihrem „ersten
Mal“ waren Ansprechpartner zu 55 % der
beste Freund und Freunde (35 %), dann die
Mutter (15 %). Hier, beim Sprechen über das
„erste Mal“ kommt der Vater gar nicht mehr
vor. Und bei der Frage, „kannst du mit deinen
Eltern über Liebe und Sexualität sprechen?“
sagen 56 % der Jugendlichen „ja, wir reden
ganz offen darüber“; 23 % sagen, dass zwar
die Eltern reden wollten, nicht aber der/die
Jugendliche selbst.
Liebe und Sexualität – Themenfelder mit blinden Flecken
Mit zunehmendem Alter werden Sexualität
und Liebe spannende Themen: Während noch
ein großer Teil der 11- bis 13-Jährigen Liebe
und Sexualität „peinlich“ und „unangenehm“
findet, ist für die 14- bis 17-Jährigen das
Thema „sehr interessant“ (71 %) und „sehr
aufregend“ (56 %).
Wenn man nach der Selbsteinschätzung der
Jugendlichen über ihren eigenen Wissensstand zum Thema Liebe und Sexualität fragt,
bekommt man eine wohl ziemlich realistische
individuelle Sichtweise: Die Einschätzung,
1|10
16
Sexualität
„sehr gut Bescheid zu wissen“ oder „eher
gut Bescheid zu wissen“ steigt mit dem
Alter. Mit 17 Jahren finden 84 % (2009) der
Jugendlichen, dass sie gut Bescheid wissen;
dies ist gegenüber der Studie von 2006 ein
Zuwachs von 12 %.
„Bescheid wissen“ – stimmt das eigentlich
bei den Jugendlichen? Beim Thema Verhütung zeigen sich durchaus noch Mythen und
blinde Flecken. So sind 26 % der Jugendlichen der Meinung, die „Pille danach“ sei
ein „normales Verhütungsmittel“ und 21 %
denken, dass das „Aufpassen“ eine sichere
Verhütungsmethode ist. Auch bei der Frage,
wann ein Mädchen schwanger werden kann,
zeigen sich doch Unsicherheiten: z.B. denken
26 % der Jugendlichen, ein Mädchen könne
schwanger werden „nur beim ungeschützten
Sex direkt nach der Regelblutung“ und 18 %,
„nur bei ungeschütztem Sex während der
Regelblutung“. Das Wissen über das Ansteckungsrisiko im Hinblick auf HIV ist demgegenüber relativ groß und die Jugendlichen
wissen zu 78 % (2006: 55 %), dass Kondome
vor Ansteckung schützen.
Homosexualität:
Mädchen toleranter
Gleichgeschlechtliche Liebe wird von
den Jugendlichen überwiegend nicht als
selbstverständlich und normal angesehen.
Da gibt es noch viel Aufklärungsarbeit durch
Pädagog/inn/en, aber auch Eltern und sonstige Bezugspersonen zu leisten. Die meisten
Jugendlichen können dies „nicht nachvollziehen“ (53 % Jungen, 48 % Mädchen), „ist
für mich OK, so lange keiner was von mir will“
(38 % Jungen, 37 % Mädchen), ist befremdlich (37 % Jungen, 23 % Mädchen). Bei dem
Statement „ist was ganz Normales“ finden wir
36 % Mädchen gegenüber 16 % Jungen.
ein leichter Rückgang also. Ein auffälliger
Befund hingegen bei den Mädchen: Mädchen
aller Altersgruppen bewerten ihr Aussehen
wesentlich kritischer und ihre Zufriedenheit
sinkt mit dem Alter. So ist bspw. die Zufriedenheit der 11- bis 13-jährigen Mädchen von
65 % (2006) auf 58 % (2009) und bei den 16bis 17-jährigen Mädchen von 70 % (2006) auf
55 % (2009) gesunken. Bei der Frage, was sie
denn gerne verändern würden, ist es bei den
Jungen „mehr Muskeln/sportlicher“ und bei
denen Mädchen „wäre lieber schlanker“. Der
Wunsch nach mehr Schlankheit ist bei den
Mädchen (alle Mädchen) von 18 % (2006)
auf 27 % (2009) gestiegen. – Man liegt sicher nicht falsch, wenn man vermutet, dass
Schlankheitswahn und das Idealbild der
Modeindustrie als Motivation hinter dieser
Haltung steckt. Nicht weiter überraschend
ist dann, dass bei den 16- bis 17-jährigen
Mädchen die Zufriedenheit mit dem eigenen
Gewicht von 69 % in 2006 auf 48 % (!) in 2009
gesunken ist. Auch in den Altersklassen der
11- bis 13-jährigen und der 14- bis 15-jährigen Mädchen ist die Zufriedenheit mit dem
eigenen Gewicht stark gesunken. Legt man
aber den Body-Mass-Index (BMI) zugrunde,
sind 80 % (!) der befragten Mädchen normalgewichtig.
Nicht weiter verwunderlich, dass schon
bei den 11-jährigen Mädchen 16 % angeben,
schon mal eine Diät gemacht zu haben, bei
den 17-jährigen Mädchen sind es 49 % (!).
Und bei der Frage, ob sie eine Schönheits-OP
als Geschenk annehmen würden, antworten
24 % der Mädchen mit ja. – Eine Aufgabe also
für Elternhaus und Jugendarbeit, Mädchen
dabei zu unterstützen, dass sie ein selbstbewusstes und positives Verhältnis zum eigenen
Körper entwickeln und beibehalten.
Das „erste Mal“: immer früher?
Nach wie vor erleben die meisten Jugendlichen ihr „erstes Mal“, also den ersten Geschlechtsverkehr, im Alter zwischen 16 und
17 Jahren. Im Alter von 11 Jahren kommt dies
praktisch nicht vor (0 % bei den Jungen, 5
% bei den Mädchen), im Alter von 17 hatten
zwischen 61 % und 73 % ihr „erstes Mal“, und
die Zahlen sind sogar seit 2006 etwas gefallen. Zumindest in der Zeitspanne zwischen
2006 und 2009 trifft also die Vermutung
oder Behauptung, „das“ (erste Mal) passiere
immer früher, nicht zu. Interessant sind die
Gefühle nach dem „ersten Mal“: Während
64 % der Jungen „Glücksgefühle“ hatten,
waren es nur 36 % der Mädchen. „schrecklich/
unwohl“ hingegen fühlten sich 25 %.
In der Tat etwas nach vorne verlagert
hat sich die Geschlechtsreife der Mädchen,
allerdings nur marginal. Die meisten Jugendlichen werden im Alter zwischen 12 und 13
Jahren geschlechtsreif, d.h. die Mädchen
haben die erste Periode, die Jungen den
ersten Samenerguss.
Zufrieden mit sich selbst? Das
Verhältnis zum eigenen Körper
Große Unterschiede zeigen sich zwischen
Jungen und Mädchen, wenn es um die Zufriedenheit, das Einverstandensein mit dem
eigenen Körper geht. Die Jungen sind generell zufriedener mit ihrem Körper als
die Mädchen. Im Alter zwischen 16 und 17
Jahren waren 2006 74 % der Jungen zufrieden mit dem Aussehen, 2009 waren es 72 %,
Foto: Hermann-B./pixelio.de
Selbstbefriedigung – ein schönes
Gefühl, aber auch Unsicherheiten
1|10
Die allermeisten Jugendlichen haben ein
unkompliziertes und entspanntes Verhältnis
zur Selbstbefriedigung: 88 % der Mädchen
und 89 % der Jungen gibt diese Form der
lustvollen Selbsterfahrung „ein schönes
Gefühl“. Allerdings gibt es Unsicherheiten.
Dass Selbstbefriedigung „hoffentlich nicht
schädlich“ ist – der alte Mythos der schwarzen Pädagogik – fragen sich bei den Jungen
immerhin 12 %, bei den Mädchen 10 %. „Unnormal“ finden es 7 % der Mädchen und 5 %
der Jungen und mit „hoffentlich macht das
nicht süchtig“ antworten 14 % der Mädchen
und 15 % der Jungen.
Dieses und noch einige andere Ergebnisse
– so zur Pornografie, zum Alkoholkonsum,
zum Petting, zur ersten Verliebtheit, zum
Schwangerschaftsabbruch usw. – finden sich
in dieser interessanten Studie, deren Lektüre
zum Verständnis der Einstellungen und des
Handelns Jugendlicher hilfreich ist.
Elly Geiger
Leiterin Referat Grundsatzfragen, KJR
Sexualität
17
Sexuelle Orientierung und Coming-out
… aber wer ist denn Paul?
Was man nicht gleich sieht: Paul ist einen
langen und zuweilen schwierigen Weg gegangen, um heute sagen zu können: „Ich bin mit
mir und meinem Leben zufrieden“.
Wir leben im 21. Jahrhundert und man
sollte meinen, dass es in unserer Gesellschaft
kein großes Aufsehen erregt, wenn Frauen
mit Frauen zusammenleben und Männern mit
Männern. In einer Zeit, in der man winzige
Bakterien benutzen kann, um Insulin herzustellen, und die ganze Erde per Mausklick
erreichbar scheint und zusammenrückt.
Homosexuelle leiden immer noch unter
Tabuisierung in der Familie, Anfeindungen
am Arbeitsplatz, unter Verfolgung und Hinrichtung in Staaten wie dem Iran.
Doch zurück zu Paul. Wie hat alles angefangen, woher weiß Paul, dass er homosexuell
ist?
Coming-out
Irgendwann beginnen Jugendliche, ihre
Sexualität zu entdecken, d.h. sie nehmen
bestimmte Gefühle und Bedürfnisse wahr,
die sie vorher nicht bemerkt hatten. Dazu
gehört auch das allmähliche Bewusstwerden
der sexuellen Orientierung, wobei Vorbilder
eine wichtige Rolle spielen. Von Anfang an
nehmen Kinder Rollenbilder wahr: Der Vater,
die Mutter und die Kinder zusammen bilden
die Familie. Mann und Frau gehören also
irgendwie zusammen. Gleiches sehen Kinder
und Jugendliche in der Werbung und in
Filmen. Dabei ist ein Merkmal von Männern
scheinbar, „hart“ zu sein und das von Frauen
fürsorglich und „weich“. Männer suchen sich
irgendwann eine Frau und umgekehrt. Diese
Rollenbilder sind wie Ordnungen, in die
Kinder hineinwachsen.
Schwierig wird es nur, wenn Kinder merken, dass sie diesem Rollen- und Ordnungsmuster nicht ganz entsprechen. Bei Paul kam
das ganz schleichend: Die Bilder von Jungen
und Männern im Biobuch hat er sich lieber
angeschaut als die von Mädchen. Beim Fernsehen fand er die Sportler viel interessanter
als die Sportlerinnen. Später hat er gemerkt,
dass er ein Kribbeln im Bauch hatte, wenn er
mit Thomas aus seiner Klasse zusammen war
und sogar Herzklopfen bekam, wenn Thomas
ihn ansah.
Foto: pixelio.de
Was haben Klaus Wowereit, Anne Will
und Paul Meier gemeinsam? Sie sind alle
drei homosexuell. Moment..., aber wer
ist denn Paul? Paul Meier ist der Mann,
der in der Wohnung nebenan wohnt. Er
ist um die dreißig und Verkäufer, eigentlich überhaupt nichts Ungewöhnliches;
er ist schlicht ein Nachbar wie viele −
nur eben homosexuell. Paul ist zufrieden, weil er im Leben „angekommen“
ist. Weil er einen Job hat, einen Freund
und ein schönes Zuhause.
Das sind Momente, in denen Jugendliche
langsam erfahren, dass sie anders sind. Mit
diesem Anderssein muss sich jeder und jede
Homosexuelle im Laufe seiner bzw. ihrer
sexuellen Orientierung auseinandersetzen.
Da für Paul die traditionelle Rolle nicht
in Frage kam, musste er sich nach neuen
Identifikationsmodellen umsehen. Genauso,
wie eine Gesellschaft Rollenangebote zum
„Mann-Sein“ oder „Frau-Sein“ pflegt, hat
eine Gesellschaft Vorstellungen darüber, was
„Homosexuell-Sein“ bedeutet. Nur passen
die leider nicht immer genau. Zum Beispiel
gibt es da Vorbilder wie Klaus Wowereit. Er
ist berühmt und ein einflussreicher Politiker.
Anne Will z.B. ist auch sehr bekannt und eine
erfolgreiche Moderatorin. Ein anderes Bild,
das viele von Schwulen haben, ist, dass sie
immer topmodisch gekleidet sind und die
besten Freunde ihrer Freundinnen sind. Bei
Lesben gibt es das Bild, dass diese ja „eh
keine richtigen Frauen“ sind und am liebsten
raufen und Autos reparieren. In Pauls Fall
musste er sich also nicht nur darüber klar
werden, dass er Jungs liebt. Er musste auch
für sich erkennen, dass er deshalb nicht genauso ist, wie alle sich einen homosexuellen
Jungen vorstellen.
Den Weg also vom ersten Wahrnehmen des
Anders-Seins bis hin zu der Feststellung: „Ich
bin homosexuell“, nennt man das innere
Coming-out. Aber es sind zwei Dinge, ob
ich es nur wahrnehme oder ob ich es auch
annehme!
Es gibt nämlich eine Menge Probleme, mit
denen sich Homosexuelle während ihres
Coming-outs beschäftigen müssen. Zunächst
sind sie mit ihrer Homosexualität alleine.
Heterosexuelle müssen sich nicht outen;
man scheint ja davon auszugehen, dass alle
heterosexuell sind – bis man sich outet. Wie
genau die eigenen Eltern (die in der Regel
ja heterosexuell sind) auf ein Coming-out
ihrer Kinder reagieren, sieht man erst, wenn
sie es tun. Leider ist es kein Einzelfall, dass
geoutete Kinder von ihren Eltern regelrecht
verstoßen werden oder starke Ablehnung
erfahren. Das Risiko, den Halt in der eigenen
Familie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zu verlieren, tragen Heterosexuelle
nicht. Schon die Angst vor Ablehnung im
nächsten Umfeld kann die eigene Akzeptanz
der Homosexualität stark beeinflussen. Was
schwul ist, wusste Paul im Kindergarten und
in der Schule zwar noch nicht, aber dass es
etwas Schlimmes ist, ahnte er schon. Immerhin beschimpfte man sich damit. Auch
kommt es immer wieder zu Gewalt gegen
Homosexuelle. Diese kann sich in Form von
körperlicher Gewalt oder in Form von Mobbing
ausdrücken. All das ging in Pauls Kopf herum,
als er sich darüber Gedanken machte, was es
nun heißt, dass er schwul ist.
Wenn sich ein junger Mensch dazu entschließt, seine sexuelle Orientierung anderen mitzuteilen, spricht man vom äußeren
Coming-out. Für Paul war dieser Schritt wie
eine riesige Befreiung – auch wenn negative
Erfahrungen nicht ausblieben. Plötzlich ist
man selbst einer dieser Homosexuellen und
man wird von der Außenwelt als solcher
wahrgenommen.
Wo ein Paul ist, da gibt es
garantiert noch einen zweiten!
Das Natürlichste der Welt ist es, dass ein
Jugendlicher, der homosexuell ist, gerne
andere homosexuelle Jugendliche kennenlernen möchte. Dabei steht nicht nur das Finden
1|10
18
Sexualität
eines Partners im Mittelpunkt, sondern auch
ganz einfach der Kontakt mit Menschen,
denen es ähnlich geht.
Paul hatte das Glück in einer großen Stadt
wie München zu wohnen. In München gibt es
ein eigenes Jugendzentrum, das von der Stadt
unterstützt wird. Dort treffen sich lesbische,
schwule und bisexuelle Jugendliche, um gemeinsam ihre Freizeit zu verbringen.
Aber auch das Internet wird zunehmend
wichtiger. Auf verschiedenen Plattformen ist
es möglich, die Fühler das erste Mal auszu-
strecken – und das mit einer gewissen Anonymität, die das Internet ja gewährleistet.
In Chatrooms und auf eigenen Themenseiten
erfahren Jugendliche etwas darüber, welche
Erfahrungen andere beim Coming-out hatten,
und sie können sich über Prävention und
Risiken beim Sex informieren.
Diesen langen Weg ist Paul Meier gegangen.
Vom ersten Anzeichen seines Anders-Seins
dem ersten Coming-out bei seiner besten
Freundin, das erste Mal im Jugendzentrum,
in dem plötzlich 20 Jungs waren und wo
Schwulsein auf einmal nichts anderes, sondern ganz normal war, sein erster Freund
und schließlich die gemeinsame Wohnung
nebenan.
Das alles sieht man Paul nicht an. Was man
sieht, ist, dass er um die dreißig ist, Verkäufer, ab und zu Klavier spielt und mit seinem
Freund in der Wohnung nebenan wohnt.
Eigentlich nichts Ungewöhnliches.
Diversity – LesBiSchwules Jugendzentrum
Das MFM-Projekt® begleitet Mädchen, Jungen und ihre Eltern in die Pubertät
„Nur was ich schätze, kann ich schützen“
Wie Mädchen und Jungen ihren Körper
erleben und bewerten, hat großen
Einfluss auf ihr Selbstbild und ihr
Selbstwertgefühl. Sich als Frau oder
Mann zu bejahen und die körperlichen
Veränderungen in der Pubertät in positiver Weise zu erleben, ist eine wichtige
Entwicklungsaufgabe. Das „MFM-Projekt®“ will sie dabei begleiten.
Das ganzheitlich angelegte sexualpädagogische Angebot wurde 1999 von der
Erzdiözese München-Freising in Kooperation
mit der Bayerischen AIDS-Stiftung, Verein
zur Gesundheitsförderung e.V., entwickelt.
Zunächst als Mädchenprojekt unter dem
Titel „Mädchen Frauen Meine Tage“ („MFM“)
gestartet, wurde es 2003 um das für Jungen
konzipierte Zwillingsprojekt „MFM – Männer
für Männer“ erweitert. Die standardisierten
Workshops für Mädchen und Jungen, die
noch ganz am Anfang der Pubertät stehen,
finden meist ergänzend zum Schulunterricht statt. Aber auch andere Einrichtungen
veranstalten MFM-Projekttage, wie etwa
Jugendzentren, Beratungsstellen, Pfarreien
oder Volkshochschulen – mit großem Erfolg
und unverändert steigender Nachfrage.
Das Projekt hat derzeit etwa 500 aktive
Referentinnen und Referenten, es ist bundesweit verbreitet, mit Schwerpunkten in
Bayern und Baden-Württemberg und hat
bislang rund 225.000 Mädchen, Jungen
und Eltern erreicht. Inzwischen werden
Im Internet können die nationalen und
internationalen regionalen Projektzentralen und Anprechpartner/innen abgerufen
werden.
Projektleitung: Dr. med. Elisabeth RaithPaula, Rotwandstr. 14, 82178 Puchheim
bei München, Tel. 089-89026168, Fax: 08989026169, E-il: info@mfm-projekt.de
Buchtipp: Was ist los in
meinem Körper? Alles
über Zyklus, Tage, Fruchtbarkeit (12,95 Euro),
Pattloch-Verlag, ISBN:
978-3-629-01431-3
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Die Siegerspermie hat ihr Ziel gefunden.
auch MFM-Workshops in Österreich, in der
Schweiz, in Frankreich, Belgien und Ungarn
veranstaltet.
2002 wurde es mit dem bayerischen Gesundheitsförderungs- und Präventionspreis
ausgezeichnet, 2003 wurde es von der Europäischen Union in die Reihe der „bestpractice-projects“ zur Prävention von AIDS
und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten aufgenommen.
Wertschätzung als Grundprävention
Die schulische Sexualerziehung verläuft
üblicherweise koedukativ, im Vordergrund
steht die Vermittlung biologischer Fakten.
Durch die Ansprache der emotionalen Ebene
bietet das MFM-Projekt eine ideale Ergänzung
zum Sexualkundeunterricht: Von jeweils
weiblichen bzw. männlichen Referenten
geleitet, werden die Mädchen und Jungen in
geschlechtsgetrennten Workshops auf eine
Entdeckungsreise durch den weiblichen bzw.
männlichen Körper geschickt. Sie erfahren
die Vorgänge rund um Pubertät, Zyklusgeschehen, Fruchtbarkeit und wie ein neues
Leben entsteht nicht theoretisch, kurz und
bündig oder hinter vorgehaltener Hand,
sondern ihrem Alter entsprechend, liebevoll
und im geschützten Rahmen. Stets werden
dabei die biologischen Fakten mit spielerischen Elementen und positiven Bildern und
Vergleichen verknüpft. Mit einer wertschätzenden, respektvollen Sprache, einer Fülle
von farbenfrohen, ästhetischen Materialien,
mit Musikuntermalung und aktivem „Mitmachen-Können“ wird ganzheitlich, d.h. mit
allen Sinnen gelernt, das Staunen angeregt
und dabei Herz und Emotionen angesprochen. Dem Leitgedanken des MFM-Projekts
entsprechend „Nur was ich schätze, kann ich
schützen“, gilt:
„Die Wertschätzung des eigenen Körpers
ist Grundlage jeglicher Prävention und Voraussetzung für einen verantwortlichen
Umgang mit Gesundheit, Sexualität und
Fruchtbarkeit“.
Körperkompetenz steigern
Durch die ganzheitliche Wissensvermittlung erlangen die Mädchen und Jungen
bereits nach einem Workshoptag eine erstaunliche Körperkompetenz. Sie wissen
nun wirklich Bescheid, ihre Unsicherheit
nimmt ab, sie können über das Thema in
einer angemessenen Sprache reden, lassen
sich nicht mehr so leicht verunsichern und
entwickeln so ein gesundes Selbstvertrauen
in ihren eigenen Körper.
Sexualität
„Die Zyklusshow - Dem Geheimcode meines Körpers auf der Spur“
Im Mittelpunkt des Mädchen-Workshops
steht der weibliche Zyklus. In einer „Zyklusshow“ erfahren die 10- bis 11-jährigen
Mädchen zunächst, wie ein Mensch entsteht.
Dabei schlüpfen sie selbst in die Rolle der
Hormone, die als „Frühlingsboten“ vom
Gehirn ausgesandt werden und im Eierstock
Eizellen aus ihrem „Winterschlaf“ erwecken,
oder sie treten als „Östrogenfreundinnen“
auf, die in der Gebärmutter Vorbereitungen
treffen für den Fall, dass ein neues Leben
entsteht. Kommt es zu einer Befruchtung,
endet die Zyklusshow mit dem „großen
Finale“, der Geburt eines Kindes, oder - wie
im Hauptteil des Workshops - mit einem
„kleinen Finale“, der Menstruationsblutung.
Hier geht es um ihren eigenen Körper, um die
Veränderungen in der Pubertät mit seltsamen
Symptomen und vielen „Geheimcodes“, um
die erste Blutung, um Menstruationshygiene
und ähnliche Themen.
„Agenten auf dem Weg“
Im Workshop „Agenten auf dem Weg“
übernehmen die Jungen als Spezialagenten
die Rolle der Spermien und machen sich in
einem Stationenspiel auf die Reise durch den
männlichen Körper. Die Jungen erleben, wie
die Spermien im Hoden heranwachsen, im
„Ausbildungscamp“ Nebenhoden ausreifen,
sich von dort auf die Reise machen, schließlich „in das Land des Lebens“, den Körper
der Frau gelangen, Hier kann am Ende eine
Siegerspermie eine Eizelle befruchten und
ein neues Leben entsteht. In diesem Zusammenhang werden sie auch mit dem Zyklusgeschehen der Frau bekannt gemacht und
verstehen die Bedeutung der Regelblutung.
Im Anschluss werden die Jungen beim „Happy
Die Einnistung der Eizelle.
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Man“ mit den körperlichen und psychischen
Veränderungen vertraut gemacht, die in der
Pubertät auf sie zukommen.
Die Angebote des MFM-Projekts
Das standardisierte Projektangebot beinhaltet den 6-stündigen Workshop für
10- bis 11-jährige Mädchen bzw. Jungen,
Hauptzielgruppe ist dabei die 5. Klasse. Die
Workshops finden entweder innerhalb des
Schulunterrichts von 8 bis 13 Uhr statt oder
außerschulisch als freiwilliges Angebot in
verschiedenen Bildungseinrichtungen (10 bis
16 Uhr). Die maximale Gruppengröße beträgt
16 Teilnehmende.
Der Workshop ist kostenpflichtig und
kostet in der Region München derzeit 210
Euro während des Schulunterrichts, 250
Euro außerschulisch am Samstag oder in
den Ferien. Zusätzlich kann ein Elternabend
angeboten werden.
Dr. med. Elisabeth Raith-Paula
Kontaktaufnahme und weitere Informationen:
www.mfm-projekt.de
International: www.mfm-projekt.eu
Interview
„Da müssen wir ran“
Lassen Sie uns über Sex reden. Erinnern
Sie sich an Ihren ersten Kuss?
Karin Feige: Oha!
Heiko Neumann: Sehr gut. Ich weiß auch
noch wie sie geheißen hat.
Feige: Ich auch. Ich war vielleicht 10 oder
11. Es war der Nachbarsjunge und wir haben
uns im Keller geküsst. In unseren ehemaligen
verwinkelten Luftschutzkellern haben wir
uns Risikoaufgaben gestellt. Ich war das einzige Mädchen unter lauter Jungs und wollte
nicht kneifen. Und irgendwann haben Peter
und ich uns angenähert…
Neumann: Ich war mit etwa 13 auf einer
Feier, sie hatte sich mir zugewandt und
es praktisch provoziert. Und es kam recht
willkommen.
Der erste Kuss, das erste Mal – ist das ein
Thema, über das Jugendliche mit Ihnen
reden?
Neumann: Bei uns auf jeden Fall, das stelle
ich in letzter Zeit vermehrt fest. Wir haben
sehr viele Mädchen im Haus, unter ihnen gibt
es viele Konflikte und etwa beim Mittagessen
wird das en detail erzählt: Wer mit wem,
warum, wo es Ärger gab, warum wer mit wem
Schluss machen muss und so fort. Ich frage
auch nach, weil ich merke, dass das Thema
viele Konflikte auslöst.
Feige: Der erste Kuss ist bei uns kein Thema,
mit dem Jugendliche an uns herantreten.
Aber für die Mädchen ist die erste Periode ein
wichtiges Thema, da kommen sie auf uns zu,
für Jungs sind es eher die Themen, die sie in
den Medien sehen.
Im Videoclip oder in der Werbung, Sexualität ist überall. Ist das Thema für Jugendliche ganz normal oder eher verschämt?
Neumann: Bei uns ist auffällig, dass vor
allem manche Jungs eine sehr sexistische
Sprache haben. Ausdrücke wie „fick dich“
oder „Schlampe“ sind bei ihnen Umgangssprache. Aber auch angrabschen ist für sie
alltäglich, auch wenn sie damit nur - ziemlich unbeholfen - körperliche Nähe suchen.
Sie wollen sich ausprobieren und sind dabei
teilweise belästigend. Da muss man sie immer
wieder anmahnen. Aus der Bravo kennen sie
oberflächlich alles. Im Gespräch merkt man
aber, dass sie vieles nur wiedergeben, was sie
Foto: Gecko Wagner
Sexualität ist zwar kein Tabu mehr,
doch für Jugendliche immer noch das
alles überragende Thema. Wie sollen,
wie müssen Pädagogen und Pädagoginnen darauf antworten? Sexualpädagogik ist weitgehend aus der Fachdebatte
verschwunden, sagen Karin Feige,
Leiterin des Jugendtreffs „Mooskito“ in Moosach und Heiko Neumann,
Leiter des Jugendtreffs „Intermezzo“
in Fürstenried. Gecko Wagner hat mit
ihnen über die Bedeutung von Bravo,
Beziehung und Paris Hiltons Höschen
gesprochen.
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Sexualität
gelesen oder gesehen haben. Sie stehen unter
einem Erfolgsdruck und fragen lieber nicht,
denn eigentlich müsste man ja schon alles
wissen. Jungs tun da sehr cool. Auch Mädchen fragen bei uns nicht so offen. Aber wenn
darüber gesprochen wird, haben viele große
Ohren, ihr Interesse ist riesig. Und wenn
sie sich den Schlüssel fürs Mädchenzimmer
holen, ist der Stapel mit Aufklärungsmaterial
danach mitunter deutlich kleiner.
Wer weiß besser Bescheid – Mädchen
oder Jungs?
Feige: Ich erlebe, dass Jungs wie Mädchen
ein sehr vordergründiges Wissen haben. In
unseren sexualpädagogischen Workshops
„Mädchen - Frauen - Meine Tage“ für Mädchen oder „Agenten auf dem Weg“ für Jungs
im Alter von elf, zwölf Jahren offenbaren
manche ein fast schon medizinisches Wissen,
während bei vielen das überwiegt, was aus
den Medien rüberschwappt. Fragt man aber
nach den Vorgängen beim Samenerguss, beim
Zyklus oder bei der Schwangerschaft, dann
wissen sie kaum etwas. Jungs interessieren
sich auch deutlich weniger dafür. Sie finden
es ganz toll, dass sie Hormone haben und
Testosteron, aber was das für ihre Sexualität bedeutet, ist ihnen nicht klar. Über das
Emotionale sprechen sie eigentlich höchstens
auf Nachfrage durch uns Pädagogen. Und
am wenigsten sprechen sie über Schwächen.
Zugeben, dass sie unsicher sind oder nicht
so viel wissen, das ist tabu. Besonders Homosexualität wird tabuisiert.
Medien zeichnen doch ein sehr tolerantes
Bild von Homosexuellen?
Feige: Homosexualität zeigt sich mehr in der
Öffentlichkeit als früher, und lesbische Mädchen sind eher akzeptiert. Aber ein schwuler
Junge ist zumindest in unserer Einrichtung
was Dramatisches, das ist ein Warmduscher,
ein Weichei.
Neumann: Bei den älteren Jungs ab 16 ist
das eher ein Thema als bei den Jüngeren.
Die sagen’s nicht wörtlich, aber geben zu
verstehen, das Schwulsein für sie Schwäche
bedeutet. Mädchen merkt man an, dass sie
wahnsinnig mit Gefühlen arbeiten, es kocht
in ihnen, ihr Körper zieht davon und es
brechen Stürme in ihnen los. Bei den Jungs
ist das ähnlich und Homosexualität ist
angstbesetzt, sie können es nicht benennen,
wissen nicht, was es bedeutet und wenn
sie es wissen, dann verstehen sie es nicht
wirklich. Warum sollen Männer mit Männern
Geschlechtsverkehr haben? Mann und Frau
gehören zusammen. Ein Junge mit femininen
Zügen hat’s da mitunter auch sehr schwer.
Gibt es in Ihren Häusern lesbische oder
schwule Beziehungen?
Neumann: Bei uns nicht… jedenfalls keine,
die offen gelebt wird.
Feige: ...ich weiß es zumindest nicht… Ich
glaube, ein offener Treff ist nicht der Rahmen, in dem sie sich trauen würden, sich so
zu zeigen. Da müssten sie schon massives
Selbstbewusstsein mitbringen. Für Jugend-
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liche, die in den offenen Treff kommen, wäre
das auch schwer auszuhalten. Oft kommen
diese Kinder aus problematischen Familien
und bringen häufig ein Schwarz-Weiß-Denken mit. Und Jungs macht das Thema Homosexualität massiv Angst. Da ist es schon sehr
spannend, wenn sie etwa bei unserem Projekt
mit „Gleich und Gleich“ erfahren, dass Analverkehr für Männer mitnichten die häufigste
Sexualpraxis ist. Aber ich muss zugeben: Ich
wusste das vorher auch nicht.
In den 80er Jahren war Sexualpädagogik
ganz klar Bestandteil der täglichen Arbeit,
heute nicht mehr...
Feige: Da ist was dran. Wir haben früher
tatsächlich regelmäßig sexualpädagogische
Workshops angeboten, oft mit ProFamilia
zusammen. Das Thema war einfach mehr in
Mode. Vielleicht hängt’s auch damit zusammen, dass es damals in den Familien stärker
verschwiegen oder tabuisiert wurde als heute.
Und es gab das Internet noch nicht.
Neumann: Wir waren damals die einzigen
Lieferanten der Information – neben der
Bravo.
Feige: Tatsächlich ist die Bravo das größte
Aufklärungsmedium. Dort darf man alles fragen, keine Frage ist blöd. Ansonsten bin ich
überzeugt, dass heute sexualpädagogische
Arbeit, wenn irgendwo, dann in der offenen
Kinder- und Jugendarbeit stattfindet. In der
Schule zumindest nicht, von guten Ausnahmen abgesehen.
Neumann: Teilweise schlägt man die Hände
über dem Kopf zusammen, was aus den Schulen kommt. Lehrer haben oft Probleme, darüber zu reden und sich authentisch zu geben,
für uns im Setting der Freizeitstätte ist das
einfacher, da bei uns ein beziehungsreicher
Umgangston herrscht. Lehrer dagegen haben
einen Bildungsauftrag, da ist die Nähe und
Intimität schwierig, die solche Gespräche
aber dringend brauchen.
Sexualität ist für Jugendliche das Thema.
Wie kommt’s dann, dass Sexualpädagogik
keine große Rolle mehr spielt?
Feige: Das Geheimnisvolle ist durch das
Internet verschwunden, auch die Bilder in
Bravo haben sich geändert. Einen Jungen,
der weniger anhat als eine Unterhose, hat
es früher nicht gegeben. Heute zeigt die
Rubrik „Bodycheck“ selbstverständlich ein
nacktes Mädchen oder Paar. Das ist für sie
die Realität, sie hinterfragen das nicht. Da
geht es nicht nur um die Aufklärung. Es geht
darum, das Gespräch mit den Jugendlichen
zu suchen, das Emotionale zu besprechen.
Und ihnen klar zu machen, dass sie nichts
müssen, wenn sie nicht möchten. Ich erlebe
immer wieder, dass viele danach erleichtert
sind und eher nach Bestätigung für ihr Zögern
gesucht haben.
Neumann: Wenn ihre Freunde etwas machen, was sie sehr belastet, dann ist es auch
wichtig, sie zu bestätigen, ihnen zu sagen,
dass ich das auch nicht in Ordnung finde. Es
ist wichtig, ihnen ganz klar eine Meinung
anzubieten, manchmal wichtiger als ein Rat-
schlag. Und ihnen den sexuellen Erfolgsdruck
zu nehmen, unter dem sie stehen.
Ist Sexualpädagogik also noch ein wichtiger Bestandteil Ihrer Arbeit?
Neumann: Für uns ist sie ganz wichtig, weil
viele nur ein Scheinwissen haben, das hauptsächlich aus den Medien stammt. Man muss
die Lücken füllen, Details ergänzen. Viele
lesen sich allein schon deshalb vieles an, um
nicht weniger zu „wissen“ als andere. Aber
das ist oft völlig unreflektiert. Das Wissen
über Sexualität im Sinne von Sex ist für sie
wahnsinnig wichtig. Aber wenn’s um Beziehung geht, um Konflikte in Partnerschaften,
dann ist das für sie zunächst kein Thema. Sie
suchen zwar einen Partner mit Verantwortungsbewusstsein, auf den sie sich verlassen
können, der sie nicht betrügt. Aber was das
bedeutet, erleben sie erst, wenn sie Vertrauensbruch erfahren. Dann merken sie, dass
zu Sexualität mehr gehört. Unsere Aufgabe
ist es, das ernst zu nehmen, was sie fragen,
auch wenn es zunächst banal erscheint. Wir
müssen offen sein. Und informiert!
Die Bravo als Pflichtlektüre für Pädagogen?
Neumann: Die Bravo lese ich schon quer,
denn Jugendliche beziehen sich – nach wie
vor – oft auf Dinge, die da stehen.
Ist die Bravo noch das Aufklärungs-Zentralorgan der Jugend?
Neumann: Im Haus ja, definitiv. Aber sie
holen sich unglaublich viele Informationen
Sexualität
Foto: Gecko Wagner
Und er will besonders die Meinung von unserem Mann im Team hören, das ist bei vielen
Jungs so. Die geschlechtersensible Arbeit mit
den Jungs ist ein Brachland. Für Mädchen ist
in den letzten Jahren ganz viel passiert, für
Jungs müssen wir jetzt nachziehen.
aus dem Internet. Die kann ich in der Gänze nicht nachvollziehen, daher ist mir die
Bravo im Haus ganz recht, dann weiß ich
wenigstens, worüber allgemein geredet wird.
Für die Pädagogik und die offene Jugendarbeit ist es die gleiche Herausforderung wie
früher. Ich darf nicht peinlich berührt sein,
wenn sie mich etwas fragen. Dazu gehört
die Auseinandersetzung mit der eigenen
Sexualität. Jugendliche wollen wissen: Bist
du verheiratet? Hast du Kinder? Und viele
unserer Mädchen kommen aus Familien
ohne Vater, die suchen diese Bezugsperson.
Jugendliche suchen Werte. Viele suchen sogar
Halt mit – familiär gesehen – nachdrücklich
konservativem Anstrich.
Wo sehen Sie die sexualpädagogische
Hauptaufgabe der Offenen Kinder- und
Jugendarbeit?
Feige: Das ist ganz klar die Reflektion der
Geschlechterrollen. Und Erfahrungsräume
anzubieten. Oft haben Jugendliche die ersten
Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht
bei uns in Freizeitstätten, sie begegnen sich
bei Teenie-Partys, brezeln sich das erste Mal
auf, wollen dem anderen Geschlecht gefallen,
nicht selten folgt der erste Flirt. Aber all dies
passiert in einem Raum, der geschützt ist, in
dem Pädagogen dabei sind. Über diese Beziehung können wir mit Kindern und Jugendlichen ins Gespräch kommen. Wie ist es für
dich? Wie geht es dir damit? Wir haben einen
Jungen bei uns im Haus, der sich von seiner
Freundin trennen will, sich aber nicht traut.
Dem ist das Gespräch wichtig, der Austausch.
Gehen Mädchen heute selbstbewusster mit
ihrer Sexualität um?
Feige: Vordergründig auf jeden Fall. Sie benutzen verstärkt eine sexualisierte Sprache
und bezeichnen sich selbst schon als „Hure“
oder „Schlampe“… da krieg ich immer zu viel.
Das gab’s früher nicht! Kommt das von den
Soaps? Jungs transportieren nach wie vor das
Bild, es gebe nur zwei Sorten von Mädchen,
die Anständigen und die Schlampen.
Neumann: Und sie bestimmen natürlich
den Maßstab, wann ein Mädchen zu welcher
Kategorie gezählt wird.
Feige: Genau. Das zu hinterfragen ist evident, besonders, wenn Mädchen sich schon
selbst so bezeichnen. Sie empfinden es als
emanzipatorisch, sich so herabzuwerten. Ich
weiß noch nicht, was das zu bedeuten hat.
Entweder sie wollen einfach toll wirken und
so provokant sein, wie Jungs das oft sind,
oder sie wollen deren Angriffe ins Leere laufen lassen nach dem Motto: Das macht mir
nichts aus, wenn du mich Hure nennst, das
ist sogar was Tolles.
Neumann: Wenn ich Jungs zurechtweise,
nicht so mit Mädchen zu sprechen, dann
erwidern Mädels oft, das sei in Ordnung.
Dann kann ich nur noch sagen, dass hier im
Haus nicht so miteinander gesprochen wird.
Das Gutheißen sexualisierter Sprache hat bei
Mädchen schon sehr zugenommen.
Feige: Das wird natürlich auch von vielen
Musikvideos transportiert, auch Paris Hilton
kann jeder auf YouTube ohne Höschen im
Auto sehen. Super! Und daran orientieren
sich unsere Mädchen.
Ist ihnen das nicht eher peinlich?
Feige: Für sie ist das cool, für sie heißt das,
selbstbewusst zu sein! Wenn es auch ein
sehr vordergründiges Selbstbewusstsein ist,
das schnell zusammenbricht. Doch bei allem
selbstbewussten Gehabe stehen Mädchen
heute vor denselben Fragen, vor denen auch
wir vor 35 Jahren standen. Da hat sich nichts
geändert.
Haben es pubertierende Jugendliche heute leichter als früher – oder schwerer?
Neumann: Ich finde ganz klar, dass es heute viel schwerer ist, so wie es auch für uns
Erwachsene schwerer geworden ist, sich zu
entscheiden und Standpunkte zu entwickeln.
Das zeigt sich schon daran, dass es Tausende
Ratgeber gibt und dann noch Ratgeber, um
die richtigen Ratgeber zu finden. Jugendliche
haben eine Vielfalt an Optionen, Informationen und Angeboten, aber nicht unsere
Reife und unseren Erfahrungshintergrund,
um halbwegs sicher zu wählen. Sie sind total
unsicher, was das Richtige ist. Sie können
sich in mehr Themenbereiche einklinken
als wir das jemals konnten, aber das macht’s
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auch gerade so schwierig. Man muss für sie
sichten, der Ratgeber sein und ihnen einen
möglichen Weg aufzeigen.
Feige: Das kann ich unterstreichen. Die tradierten Rollen sind aufgeweicht, es ist sehr
viel möglich. Das heißt, ich kann wählen. Das
heißt aber auch, ich muss wählen! Ich muss
mit mir ausmachen, wo ich hin will, wie ich
später mal leben möchte. Das hat sich mit der
früheren sexuellen Entwicklung auf das Alter
der Zehn-, Elfjährigen vorverlagert. Und das
fällt ganz ungut mit dem frühen Übertritt
von der Grundschule zusammen. Lehrer aller
Schultypen melden mir, dass sie in der 5.
Klasse kaum unterrichten können, weil ein
Thema alles überschattet: Das Mann- bzw.
Frau-Werden, die Umstellung der Hormone,
das veränderte soziale Miteinander, den eigenen Körper entdecken,… Und dabei auch
das Schulische zu bewältigen, das ist eine
große Herausforderung.
Neumann: Der Freiraum wird größer und
engt sie doch ein. Daher ist es ganz wichtig, dass sie sich im Freizeittreff an uns
orientieren können! Jugendliche brauchen
niemanden, der ihren Informationen noch
20 weitere hinzufügt. Sie brauchen Leute,
die sich in diesem Dschungel zurechtgefunden haben und einen Standpunkt haben.
Oft kann ich keinen Ratschlag fürs Leben
geben. Aber ich kann sagen, wie ich das
für mich managen würde. Das hilft ihnen
sehr! Sie wollen Standpunkte hören, auch
wenn die ihnen mal nicht zusagen. Wenn
die Antwort beliebig ist, dann kommen sie
auch nicht mehr.
Feige: Allerdings bin ich keine sexualpädagogische Fachkraft. Mir fehlt sexualpädagogische Ausbildung und Schulung.
Neumann: Es gibt auch kaum Angebote zur
sexualpädagogischen Zusatzausbildung. Ich
habe recherchiert und bin fast ausschließlich
auf Angebote aus Österreich gestoßen.
Aber mir geht’s auch drum, wie meine Kolleginnen und Kollegen über Beziehung
sprechen, wenn sie mit Jugendlichen reden,
wie beschreiben sie dann vertrauensvolle
Beziehungen? Es gehört zu unserem beruflichen Selbstverständnis, eine Meinung dazu
zu haben, wie Beziehung funktioniert.
Feige: Das Thema ist auch weitgehend aus
der Fachdebatte verschwunden. Wir haben
vor vielen Jahren von der gendersensiblen
Arbeit gesprochen, aber da kam nichts mehr
für unsere praktische Arbeit. Ebenso das
Thema Homosexualität. Wir wollten mal für
alle Kinder- und Jugendeinrichtungen dieses
Thema beackern. Aber ich kann mich nicht
erinnern, dass das mal ein Jahresziel geworden wäre. Das Thema Aids war vor 25 Jahren
der Renner. Es ist nach wie vor wichtig, aber
kaum noch ein Thema. Liebe und Sexualität
sind insgesamt im pädagogischen Bereich in
den Hintergrund getreten.
Neumann: Es ist in aller Munde, auf allen Plakaten und Kanälen, daher meinen viele, das
wird sich schon geben. Aus der praktischen
Arbeit kann ich nur sagen: Da wird sich nichts
von selbst geben. Da müssen wir ran!
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