close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Alles Bio oder was?

EinbettenHerunterladen
l
GESUND ENTWICKELN
Das FORUM hat in den letzten Jahren immer wieder auch
VertreterInnen der neurobiologischen Wissenschaften
eingeladen, aus ihrer spezifischen Perspektive die zentralen Fragen und Themen unserer pädagogischen Arbeitsfelder zu beschreiben und zu analysieren. Wenn es darum
geht, den Einsatz von Ritalin, die Bedeutung von unverplanten und offenen Freiräumen oder von freier Bewegung für ein möglichst unbeschadetes Aufwachsen zu bewerten, wird – gleichermaßen von Kritikern wie von Befürwortern z.B. einer medikamentösen Behandlung psycho-
sozialer Probleme – auch diese Wissenschaftsebene heute regelmäßig mit herangezogen. Als Beitrag zur Diskussion um die Bewertung dieser Denk- und Deutungsweise
dokumentieren wir unser Gespräch mit einem alten
Freund der „Kritischen Psychologie“, der gleichzeitig über
Kenntnisse und Erfahrungen in der Neuropsychotherapie
verfügt. Von ihm wollten wir wissen, ob und wie beide Bereiche – wissenschaftlich, aber auch bezogen auf die berufsethische und gesellschaftspolitische Haltung – miteinander vereinbar sind.
Alles Bio oder was ...?
Neurobiologie und Kritische Psychologie – passt das zusammen?
ein Gespräch mit Nicolai Essberger
FORUM: Wie bewertest du den Trend zur neurophysiologischen und -biologischen Erklärung von individuellen,
gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen? Ist dieser
Wissenschaftszweig hilfreich und tauglich, eine gesellschaftliche oder persönliche Lage im Sinne besserer Entscheidungs- und Handlungsspielräume und sozialer Teilhabe zu verändern?
Nicolai Essberger: Ich habe mich im Rahmen meines Studiums sehr intensiv mit dem Ansatz der Kritischen Psychologie
(Klaus Holzkamp) auseinandergesetzt. Mittlerweile sind 25
Jahre vergangen, die ich insbesondere mit der therapeutischen
Arbeit mit Suchtmittelabhängigen verbracht habe und der
Träger, bei dem ich arbeite – Therapiehilfe e.V. – hat sich seit
einigen Jahren die Neuropsychotherapie von Klaus Grawe
Viele der neurobiologischen Erkenntnisse
unterstützen bereits lange existierende Ansätze in
der Pädagogik und Psychologie.
prinzipiell immer auch bewusst verhalten, zu den chemisch-biologischen Herleitungen der Neurobiologie?
Beide Positionen schließen sich nicht automatisch aus. Dass
menschliches Denken und Verhalten eine hirnphysiologische
Entsprechung hat und sich in dessen Aufbau und Struktur widerspiegelt, entspricht der materialistischen Sichtweise und
steht von daher erst einmal nicht im Widerspruch zur Kritischen Psychologie. Viele der neurobiologischen Erkenntnisse
unterstützen bereits lange existierende Ansätze in der Pädagogik und Psychologie. Dazu gehören beispielsweise das
Wissen, dass starker Dauerstress die Entwicklung bestimmter
Hirnregionen (z.B. Präfrontaler Cortex) beeinträchtigt und
depressive Verhaltensmuster fördert, die Erkenntnis, dass die
ersten beiden Lebensjahre entscheidende Grundlagen bilden
für das spätere Verhaltenssprektrum oder die pädagogische
Erfahrung, dass motivationsgeleitetes Lernen deutlich effektiver ist als vermeidungsorientiertes, also zum Beispiel die
Angst vor Strafe.
Besteht nicht – unabhängig von solchen Übereinstimmungen – trotzdem die Gefahr einer Biologisierung gesell-
auf die Fahnen geschrieben. Der Kritischen Psychologie geht
es maßgeblich darum, historisch-materialistisch nachzuweisen, dass das menschliche Verhalten weder determiniert und
abhängig ist von den Umweltgegebenheiten, noch dass jeder
Mensch sich seine eigene Wahrheit unabhängig von den gegebenen Bedingungen schafft, sondern dass der Mensch prinzipiell die Fähigkeit hat, sich bewusst zu sich selbst, zu seinen
Umgebungsbedingungen und auch zu seinen biologischen
Möglichkeiten zu verhalten. Dass der Mensch also eine
„Möglichkeitsbeziehung“ zu seinen Umweltbedingungen
hat, die zwar bestimmte Verhaltens- und Denkweisen nahe legen, dass es aber es immer die Möglichkeit gibt, die eigene
Handlungsfähigkeit restriktiv zu beschränken oder diese zu
erweitern im Sinne von mehr Partizipation und Teilhabe.
Wie passt nun die Vorstellung, der Mensch könne sich
16
FORUM für Kinder und Jugendarbeit 1/2011
Foto: ASP Wegenkamp
Alles Bio oder was ...?
Ist es in diesem Feld überhaupt möglich, Ursache und
Wirkung zu bestimmen? Kann hier nicht leicht das Resultat komplexer psycho-sozialer Prozesse, bspw. die erkennbare Veränderung der Hirnströme bei Stress, mit
dessen Wirkung verwechselt werden?
Foto: ASP Wegenkamp
schaftlicher Fragen, wie sie sich bspw. in der Ritalin- oder
Psychopharmakavergabe für gestresste, nervöse oder
als schwierig klassifizierte Schulkinder zeigt ? (vgl. „Fehldiagnose ADHS“ von Charlotte Köttgen in diesem
FORUM) Oder im schlimmsten Fall, man denke an „Einer flog übers Kuckucksnest“, der Legitimation neurochirurgischer Eingriffen zur Verhaltensnormierung?
Wie bei jeder Wissenschaft ist auch hier die
Kernfrage, ob die Schlussfolgerungen eher der
sozialen Ausgrenzung dienen oder ob sie soziale
Teilhabe im Sinne fördern.
Natürlich bergen die neurobiologischen Ansätze grundsätzlich
die Gefahr eines genetisch begründeten Sozialdarwinismus
und auch biologistischer Erklärungs- und Behandlungsansätze.
Es gibt aber auch Bereiche, in denen das – noch sehr unzureichende – Wissen um die Funktion und Bedeutung von Neurotransmittern, das sind die Botenstoffe zwischen den Nervenzellen, sehr segensreich ist und sich z.B. durch Vergabe von
Anti-Depressiva, aber in bestimmten Fällen durchaus auch Ritalin, die Handlungsmöglichkeiten im Sinne von Selbstbestimmung für Betroffene deutlich verbessern lassen. Auf die häufig
missbräuchliche Vergabe von Medikamenten ohne genaue Diagnostik, auch vor dem Hintergrund ökonomischer Interessen
der Pharmaindustrie und auf das grundsätzliche Problem von
Medikamentenvergabe – statt gesellschaftlicher Ursachenbekämpfung und therapeutisch-pädagogischer Unterstützung –
möchte ich an dieser Stelle nicht weiter einzugehen, aber unabhängig von einem solchen missbräuchlichen Einsatz können
die Medikamente auch von großem Nutzen sein. Es geht also
immer darum, festzustellen, in wieweit solche Medikamente
zur Rückgewinnung persönlicher Handlungsfähigkeit dienlich
sind oder ob sie das Gegenteil bewirken. Und das wäre für
mich auch das entscheidende Kriterium zur Bewertung der
neurophysiologischen Forschung überhaupt. In Hinblick auf
die entsprechenden Erkenntnisse ist meiner Meinung nach immer zu prüfen, wie diese interpretiert werden und ob sie für die
Förderung sozialer Teilhabe im Sinne einer Erweiterung der
Handlungsfähigkeit dienlich sind oder nicht.
Wenn bestimmte Verhaltensbesonderheiten mit hirnorganischen Veränderungen einhergehen bzw. mit Veränderungen
im Hirnstoffwechsel, sagt das noch gar nichts über die Ursachen aus. Diesbezügliche Aussagen bedürfen gründlicher und
aufwendiger Forschung und müssen tatsächlich oft mit Vorsicht genossen werden. Die Erforschung hirnorganischer Prozesse lässt sich m.E. nicht per se ablehnen, jedoch ist häufig
fraglich, welchen tatsächlichen Erkenntnisgewinn diese ergeben. Wie bei jeder Wissenschaft ist auch hier grundsätzlich
die Kernfrage, ob die dargestellten Erkenntnisse und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen eher der sozialen Ausgrenzung und Diskriminierung dienen oder ob sie soziale
Teilhabe im Sinne erweiterter Handlungsfähigkeit fördern,
wie dies m.E. durchaus der Ansatz der Neuropsychotherapie
von Klaus Grawe tut.
Wie bewertest du im diesen Zusammenhang die Behauptung deines in Kanada lebenden Kollegen D`Angiulli (s.
vorstehender Beitrag in diesem FORUM), dass die Gehirne armer und bildungsferner Kinder anders aussehen
und anders funktionieren als die von Kindern aus den
bürgerlichen Milieus? Und was sagst du zu den Schlüssen,
die er daraus ableitet?
Die Aussagen des in Kanada lebenden D’Angiulli zu den spezifischen Strukturen und Funktionsweisen der Gehirne armer,
„bildungsferner“ Kinder kann ich nicht beurteilen. Ich halte
aber Unterschiede durchaus für wahrscheinlich. Bei bestimmten Berufsgruppen wie Musikern oder Taxifahrern waren solche Unterschiede nachweisbar und es ist anzunehmen,
dass sich spezifische Umfeldanforderungen auch in der Ausbildung des Gehirns widerspiegeln, wobei dahingestellt
bleibt, wieweit diese Unterschiede in bestimmten Situationen
vor- bzw. nachteilhaft sind. Es ist m.E. davon auszugehen,
dass die Anforderungen unseres Bildungssystems häufig
nicht den spezifischen Fähigkeiten und Ressourcen so
genannter bildungsferner Kinder gerecht werden bzw. diese
fördert.
Vielen Dank für das Gespräch
Nicolai Essberger
war nach seinem Studium und
einer Ausbildung in Kognitiver Verhaltenstherapie in verschiedenen
stationären und ambulanten
Suchteinrichtungen als Psychologe
beschäftigt. Seit Sommer 2009
arbeitet er in der Sucht- und
Drogenberatungsstelle Wedel.
FORUM für Kinder und Jugendarbeit 1/2011
17
Document
Kategorie
Bildung
Seitenansichten
2
Dateigröße
155 KB
Tags
1/--Seiten
melden