close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Achtet auf das, was ihr hört! (Mk 4,24) - Universität Erfurt

EinbettenHerunterladen
Erfurter Theologische Studien_Titelei 98:Layout 1
10.02.2011
9:35 Uhr
Leseprobe:
Anne Rademacher
Achtet auf das,
was ihr hört! (Mk 4,24)
Das Markusevangelium
als Lesebuch für Gemeinden
echter
Seite 3
VORWORT
Exegese trifft Gemeindepastoral: Zunächst ist man sich fremd. Allzu weit liegen die
Arbeitsbereiche auseinander. Zu hochgestochen, zu wenig alltagstauglich scheint die
eine, zu wenig anspruchsvoll, von praktischen Notwendigkeiten hin- und hergetrieben die andere.
Das Forschungsprojekt zum Markusevangelium war anfangs eine Beschäftigung
für Abende und freie Tage – immer dann, wenn keine aktuellen Herausforderungen
anstanden. Mit der Zeit jedoch kam man sich näher: Zielen nicht erzähltheoretische
Ansätze, die sich die Exegese zu Hilfe nimmt, bei aller Theorie in die Praxis des Lesens und Vorlesens? Warten nicht die Menschen in den Gemeinden, selbst Kinder
auf gute Geschichten von Gott und den Menschen? Nach und nach hielten es beide
Bereiche gut beieinander aus, ja das eine mochte nicht mehr ohne das andere sein:
Eine exegetische Arbeit, die keinen praktischen Wert für Gemeinden hat? Eigentlich
unmöglich. Weiterbildungen für Ehrenamtliche, die zum Bibellesen einladen?
Eigentlich nicht mehr undenkbar.
Aus diesem spannungsreichen Beziehungsnetz ist die vorliegende Arbeit erwachsen.
Sie wurde im Sommersemester 2009 von der Katholisch-Theologischen Fakultät der
Universität Erfurt als Dissertationsschrift angenommen. Sie sucht mit den Mitteln der
Bibelwissenschaft Lesemodelle für das Markusevangelium zu entwickeln und es so
als Lesebuch für die Gemeinden zu erschließen.
Ich danke an erster Stelle Prof. Dr. Claus-Peter März, der diese Arbeit begleitet
und mit vielen Gesprächen, Vorschlägen, Erwiderungen und Nachfragen die Begegnung von Exegese und Pastoral ermöglicht hat. Prof. Dr. Benedikt Kranemann
hat das Zweitgutachten übernommen und wertvolle Hinweise zum liturgischen Verständnis gegeben.
Bischof Dr. Joachim Wanke zeigte an der vorliegenden Arbeit großes Interesse.
Durch seine wohlwollende Unterstützung konnte ich das Forschungsprojekt neben
dem Arbeitsalltag im Seelsorgeamt zu Ende bringen.
Ein herzliches Danke auch an alle nicht namentlich genannten Begleiter im Bistum Erfurt und in meinem Bekanntenkreis, die sich Gedankenexperimente anhörten
und nachfragten, die sich als Korrekturleser betätigten und meinen Weg mit dieser
Arbeit begleiteten.
Anne Rademacher
Februar 2010
V
INHALTSVERZEICHNIS
EINLEITUNG
1. Grundsätzliches
1.1. Die Bibel – ein Verständnisproblem
1.2. Die Bibel – ein aktuelles Buch
1.3. Die Bibel – ein Buch für die Pastoral
1.4. Das Markusevangelium lesen –
ein Beispiel für den Umgang mit biblischen Texten
2. Forschungsgeschichtliche Annäherung an das Mk
2.1. Formkritische Ansätze
2.2. Redaktionskritische Ansätze
2.3. Gattungskritische Ansätze
2.4. Narratologische Zugänge
2.5. Ausblick
3. Erzähltes Evangelium
3.1. Evangelienschrift und „Evangelium“
3.2. Evangelienschrift zur Deutung der Zeit
3.3. Evangelienschrift und Gemeinde
3.4. Ausblick
4. Kommunikationsstruktur erzählender Texte
4.1. Der Autor
4.1.1. Der reale Autor
4.1.2. Der implizite Autor
4.2. Der Leser
4.2.1. Die Gemeinde des Evangelisten
4.2.2. Die impliziten Leser
4.3. Ausblick
5. Lektüre des Mk in der Gemeinde
5.1. Lektüre in der Antike
5.2. Lektüre des Mk in christlicher Gemeinde
6. Theologisch-pragmatische Mk-Lektüre
5
7
7
10
13
16
19
20
20
22
24
27
28
30
30
32
34
34
36
37
38
39
40
41
AUSLEGUNG ZENTRALER TEXTE DES MK
45
KAPITEL 1: M K 1,1 UND MK 16,1-8 – LESEANWEISUNGEN
1. Vorüberlegungen zur Auslegung
1.1. Die Ebenen von Story und Discourse
1.2. Anfang und Schluss erzählender Texte
1.3. Profile des Mk
1.3.1. Der Inhalt des Mk
1.3.2. Der Autor des Mk
1.3.3. Die intendierte Wirkung des Mk
2. Analyse von Mk 1,1 und Mk 16,1-8
2.1. Mk 1,1: Probleme und Akzente
2.1.1. Anfang
2.1.2. Evangelium
2.1.3. Evangelium Jesu Christi
2.1.4. Zur Ursprünglichkeit von „Sohn Gottes“
2.1.5. Der Zusammenhang mit 1,2-15
47
47
47
49
52
52
53
54
56
56
57
58
60
61
62
VI
1
1
1
3
3
2.2. Mk 16,1-8: Motive und Probleme
2.2.1. Die Frauen am Grab (16,1-4)
2.2.2. Die Auferstehungsbotschaft (16,5-7)
2.2.3. Das Schweigen der Frauen (16,8)
3. Zentrale Aussagen von Mk 1,1 und Mk 16,1-8
3.1. Das Mk als „Anfang des Evangeliums“
3.2. „Anfang des Evangeliums“ und Schluss des Mk
3.3. Der Schluss des Mk als neuerlicher Anfang
4. Die Konzeption des Mk
4.1. Erzählen in der Gemeinde
4.2. Der informierte Leser
4.3. Literarische Nachfolge
5. Hinweise zur Lektüre des Mk
5.1. Lektüre des Mk als Grundlegung des Bekenntnisses
5.2. Lektüre des Mk als Einweisung in Nachfolge
5.3. Lektüre des Mk als Verheißung
64
65
67
68
71
72
74
75
77
77
78
79
81
81
82
83
KAPITEL 2: M K 8,27-9,13 − JÜNGERSCHAFT ZWISCHEN VERHEISSUNG UND
WIRKLICHKEIT
1. Vorüberlegungen zur Auslegung
1.1. Ironie als literarisches Stilmittel
1.2. Leser und Jünger
1.2.1. Erzählen zwischen den Zeiten
1.2.2. Identifikation und Distanz
1.3. Relecture als Vertiefung
2. Analyse von 8,27-9,13
2.1. Die zentrale Stellung von 8,27-9,13
2.2. Das Petrusbekenntnis (8,27-30)
2.3.    -    (8,30-33)
2.4. Nachfolge (8,34-38)
2.5. Die Herrschaft Gottes sehen (9,1)
2.6. Die Eröffnung der Verklärungsperikope (9,2a)
2.7. Die Vision der Jünger (9,2b-3)
2.8. Die Erscheinung von Elija und Mose (9,4-6)
2.9. Die Stimme aus der Wolke (9,7)
2.10. Der Abschluss der Verklärungserzählung (9,8)
2.11. Der Abstieg vom Berg (9,9-13)
3. Zentrale Aussagen von 8,27-9,13
3.1. Jesu Weg zwischen Herrlichkeit und Leiden
3.2. Jüngerschaft zwischen Herrlichkeit und Leiden
3.3. Literarische Jesusnachfolge
4. Ironie als literarisches Mittel im ganzen Mk
4.1. Das Personengeheimnis Jesu
4.1.1. Der geliebte Sohn (1,11)
4.1.2. Die Berufung der ersten Jünger (1,16-20)
4.1.3. Missdeutung der Vollmacht Jesu (3,21-22)
4.1.4. Der Weg nach Jerusalem (10,32-45)
4.2. Teilhabe der Jünger an Jesu Geschick
4.2.1. Die Schaffung der Zwölf (3,13-15)
4.2.2. Die Aussendung der Jünger (6,1-30)
4.2.3. Der sehende Bartimäus (10,46-52)
4.2.4. Verheißung für die Jünger (14,26-28)
85
85
86
88
88
90
92
93
94
96
98
101
103
106
107
108
110
111
112
113
114
117
119
120
121
121
122
123
124
125
125
126
127
129
VII
4.3. Jesusnachfolge der Leser
4.3.1. Die Fastenfrage (2,18-20)
4.3.2. Fruchtbringen in Verfolgung (4,17 / 10,30)
4.3.3. „Alles kann, wer glaubt!“ (9,14-29)
4.3.4. Leidensweissagungen (13,9-13)
5. Hinweise zur Lektüre
5.1. Begegnung mit dem irdischen Jesus
5.2. Einladung zur Nachfolge Jesu
5.3. Ausblick auf das Ende
130
130
131
132
133
134
135
136
137
KAPITEL 3: M K 3,7-4,34 – GEMEINDE ZWISCHEN „INNEN“ UND „AUSSEN“
139
1. Vorüberlegungen zur Auslegung
139
1.1. Historie und Erzählung
140
1.2. Wörtliche Rede in der Erzählung
142
2. Analyse von Mk 3,7-4,24
144
2.1. Abgrenzung der Gleichnisrede
144
2.2. Jesus am See (3,7-12)
146
2.3. Die Schaffung der Zwölf
147
2.4. Die Gegner und die Verwandten Jesu (3,20-30)
150
2.5. Die Familie Jesu
152
2.6. Die Einleitung der Gleichnisrede (4,1-2)
155
2.7. „Hört!“
156
2.8. Das erste Gleichnis (4,3-9)
158
2.9. Verstehen der Gleichnisse (4,10-13)
159
2.10. Gleichniserklärung (4,14-20)
162
2.11. Sprüche vom Licht und vom Zumessen (4,21-25)
165
2.12. Das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat (4,26-29)
167
2.13. Das Gleichnis vom Senfkorn (4,30-32)
169
2.14. Der Abschluss der Gleichnisrede (4,33-34)
170
3. Zentrale Aussagen von 3,7-4,34
171
3.1. Erwählung und Verstockung
171
3.2. Reich Gottes und Verkündigung der Gemeinde
173
3.3. „Anfang des Evangeliums“ und Verkündigung
175
4. Verkündigung als Anliegen des ganzen Mk
176
4.1. Fruchtbringen am Weg des irdischen Jesus
176
4.1.1. Gemeinschaft mit Jesus (3,8)
177
4.1.2. Beispielhafter Glauben (5,21-43)
178
4.1.3. Jesu Urteil über seine Zeitgenossen (9,19)
179
4.2. Fruchtbringen in der Zeit der Gemeinde
181
4.2.1. Die Botschaft Jesu und die der Jünger (1,14f./ 6,12f.) 181
4.2.2. Zeichen wider den Unglauben (4,35-41)
182
4.2.3. Verkündigung in der Ferne (5,18-20)
183
4.2.4. In Jesu Namen (9,38-41)
184
4.2.5. Vertrauenvolles Bitten (11,22-24)
185
5. Hinweise zur Lektüre
186
5.1. Erwählung zum Verstehen
186
5.2. Verstehen, um zu verkündigen
188
VIII
KAPITEL 4: M K 13 – GEMEINDE ZWISCHEN ERINNERUNG UND ERWARTUNG
1. Vorüberlegungen zur Auslegung
1.1. Streit und Unterweisung angesichts der Passion
1.2. „Zeitkunst“ der Erzählung
1.3. Zur Gattung von Mk 13
2. Analyse von Mk 13,1-37
2.1. Abwendung Jesu vom Tempel (13,1-2)
2.2. Die Jüngerfrage (13,3-4)
2.3. Jüngerweisungen (13,5-6)
2.4. Kriege und Katastrophen (13,7-8)
2.5. Verfolgung der Gemeinde (13,9-13)
2.6. Der „Greuel der Verwüstung“ (13,14-20)
2.7. Erneute Warnung vor Verführung (13,21-23)
2.8. Das Kommen des Menschensohnes (13,24-27)
2.9. Das Gleichnis vom Feigenbaum (13,28-32)
2.10. Aufforderung zum Wachen (13,33-37)
3. Zentrale Aussagen
3.1. Gemeinde in Bedrängnis
3.2. Gemeinde in der Endzeit
3.3. Gemeinde unter Jesu Wort
4. Hilfen zur Deutung der Zeit im Mk
4.1. Jesus als Garant richtiger Deutung
4.1.1. Vorspiel im Himmel (1,2-3)
4.1.2. Die Vollmacht Jesu über das Chaos (4,35-41)
4.1.3. Der Anbruch des messianischen Zeitalters (7,31-37)
4.1.4. Verlässlichkeit der Worte Jesu (11,1-3 / 14,13-15)
4.2. Eschatologie und Gegenwart
4.2.1. Achtsames Hören (4,24)
4.2.2. Verhalten zu Jesus (8,38)
4.2.3. Warnung vor Verführung (9,41-48)
4.2.4. Das Abschiedsmahl Jesu (14,22-28)
5. Hinweise zur Lektüre
5.1. Hören auf Jesu Wort
5.2. Ruf zu endzeitlicher Entscheidung
191
191
192
194
195
197
197
199
200
202
202
203
207
208
209
210
212
212
214
215
217
217
217
218
219
220
221
221
222
222
224
225
226
227
DAS MK IM LITURGISCHEN GEBRAUCH CHRISTLICHER GEMEINDEN
1. Praktischer Ertrag der Textanalysen
2. Anspruch der Mk-Lektüre
2.1. Raum für Glaubenserfahrungen
2.2. Erschließung der Wirklichkeit
2.3. Deutung der Zeichen der Zeit
2.4. Aufruf zum Handeln
2.5. Ein praktischer Versuch
3. Gottesdienstliche Evangelienlesung
3.1. Vergegenwärtigung von Heilsgeschichte
3.2. Evangelienlesung von den Anfängen bis zum Vatikanum II
3.3. Die Perikopenordnung des Vatikanum II
4. Das Lesejahr B als Einladung zur Mk-Lektüre
4.1. Die Konstitution der Adressaten gottesdienstlicher Lesung
4.2. Lektoren als Vermittler des Textes
4.3. Grenzen der Perikopenordnung
4.4. Die Einheitsübersetzung
229
230
233
233
237
240
243
246
249
249
253
256
259
260
263
267
271
IX
4.5. Passionslesung
4.6. Mk-Lektüre in Wort-Gottes-Feiern
4.7. Mk predigen
5. Die Rezeption biblischer Texte außerhalb des Gottesdienstes
5.1. Erklärende Texte zur Mk-Lektüre
5.2. Bibellesung
5.3. Die Markuspassion von J. S. Bach
5.4. Die Inszenierung der Bibel als Kultur-Event
273
276
280
284
285
289
291
295
STATT EINES NACHWORTES:
ZUM UMGANG MIT DER HEILIGEN SCHRIFT IN CHRISTLICHEN GEMEINDEN
1. Gemeinsame Bibellesung ist zu fördern
2. Lesekompetenz als katechetisches Ziel
3. Situationsanalyse mit der Bibel
4. Geistlich – lesende Gemeindegründung
5. Lektüre der Heiligen Schrift als missionarischer Impuls
6. Biblische Relecture als Zukunftsvision
299
299
299
300
301
301
302
X
EINLEITUNG
1. Grundsätzliches
Sonntagslesungen, Krippenspiele, Jesusgeschichten im Religionsunterricht, Bilder in
den Kirchen − der Christ mit Gemeindebindung trifft häufig auf die Bibel. Ihr Inhalt
wird dabei auf unterschiedliche Weise nahegebracht: in der Lesung oder Predigt, als
szenisches Spiel oder in Bildern. In Werktagsgottesdiensten, Bibelkreisen, Besinnungstagen, Vorträgen und Andachten kann diese Begegnung noch vertieft werden.
Auch im profanen Kontext sind biblische Anklänge in Literatur, Kunst und Theater
anzutreffen.1 Die Bibel wird in weiten Kreisen als Teil der Allgemeinbildung angesehen. Das Wissen um biblische Zusammenhänge hilft, Geschichte, Kultur und Architektur Europas zu verstehen. Freilich ist − zumal im Osten Deutschlands − das
Christentum und mit ihm die biblische Überlieferung nicht mehr als allgemein bekannt vorauszusetzen. Dennoch begegnet die Bibel auch hier in Redewendungen und
Metaphern, in Literatur und Kunst, freilich ohne dass jeder um diesen Bezug weiß.
Die vorliegende Studie nimmt Möglichkeiten der Rezeption der Bibel in christlichen
Gemeinden in den Blick. Als Beispiel dient das Markusevangelium (im Folgenden:
Mk). Es bietet sich an, da es durch seine Anlage als Erzählung es seinen Lesern und
Leserinnen2 leicht macht, sich ihm zu nähern. Auf der Grundlage einer synchronen
Exegese des Mk als Gesamttext werden Anregungen für eine biblische Pastoral gegeben. Dabei geht es nicht zuerst um die Analyse kleiner Abschnitte, sondern vielmehr um einen Überblick thematischer Linien im Mk. In der Einzelexegese der Texte
werden deshalb nicht exegetisch strittige Punkte markiert, sondern eher der Konsens
des Großteils der Autoren dargestellt. Dies dient einem pragmatischen Ziel: Hinweise
zur Bibellektüre in christlicher Gemeinde zu geben.
Zunächst soll das Verhältnis von christlichen Gemeinden zur Bibel kurz dargestellt werden. Diese Analyse der Situation zeigt Ansätze auf, wie der Zugang zu biblischen Texten eröffnet werden kann, nimmt jedoch auch die Grenzen biblischer Pastoral in den Blick.
1.1. Die Bibel − ein Verständnisproblem
Im christlich geprägten Europa nimmt die Bibel eine eigentümliche Stellung ein.
„Einerseits ist die Welt, in der man lebt, in vielfältiger Weise biblisch geprägt, andererseits ist die Beziehung zur Bibel als Text bzw. als Sammlung von Texten irgend-
1
2
Bischof Friedhelm Hoffmann verweist in seinem Vortrag zum Studientag Kirche und Kultur der Deutschen Bischofskonferenz im Herbst 2006 auf vielfältige kulturelle Angebote, die religiöse und − die
Auflistung zeigt − biblische Bezüge zum Thema machen. [Kirche und Kultur. Dokumentation des Studientages der Herbst-Vollversammlung 2006 der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 2007 (Arbeitshilfen 212), 14f.]
Im Folgenden wird aus Gründen der Lesbarkeit nur die männliche Form verwendet.
1
wie heikel.“3 Diese ambivalente Beziehung hat verschiedene Ursachen, die vor allem
mit der Fremdheit der biblischen Texte für moderne Leser zusammenhängen. In der
Bibel wurden unterschiedliche Traditionen zusammengestellt. Es sind Texte aus verschiedenen Jahrhunderten und Lebenswelten, denen gemeinsam ist, dass sie weit
zurückliegen. Im „Buch der Bücher“ sind Texte mit unterschiedlichen situativen und
theologischen Hintergründen versammelt. Die Vielfalt der alten Texte macht das
Verstehen für den theologisch und exegetisch nicht ausgebildeten Christen schwierig.
So werden verschiedene Möglichkeiten mit der Bibel umzugehen praktiziert − von
vollständiger Ignoranz über die Zuhilfenahme erklärender Schriften bis zum rein
subjektiven oder wortwörtlichen Verstehen, das auch zum Missbrauch führen kann.
So sehr die Bibel also gemeindlich und gesellschaftlich präsent ist und ihre Lektüre
kirchlich für wünschenswert erklärt wird, so große Barrieren bauen sich auch im
Hinblick auf die alten, oft schwer verständlichen Texte auf.4
Neben dieses Verständnisproblem tritt ein weiteres, das in der modernen Kommunikation begründet ist. Die Medien bevorzugen die visuelle Wahrnehmung, die zwar
mit akustischen Mitteln, selten jedoch mit längeren Texten verstärkt wird. Eine solche Wahrnehmung der Welt ist präsentisch geprägt, denn visuelle Reize wirken im
Moment. Die auf die Weitergabe über lange Zeiten angelegten Geschichten der Bibel, die Sinn erschließen sollen, sind mit den modernen Formen der Kommunikation
nur begrenzt kompatibel. So konstatieren Soziologen und Kommunikationwissenschaftler das „Ende der großen Erzählungen“,5 die in unserem Kulturkreis zu einem
großen Teil durch die biblischen Erzählungen repräsentiert werden. Sie haben zwar
unsere Kultur geprägt, inzwischen jedoch viel von ihrer die Menschen ansprechenden
Kraft verloren.
3
4
5
2
Kügler, J., Ferne Zeichen lesen lernen. Wie mit der Bibel umgehen?, in: Bucher, R. (Hg.), Die Provokation der Krise. Zwölf Fragen und Antworten zur Lage der Kirche, Würzburg 22005, 203-219, 204.
Dieses „heikel“ wird bei Kügler für den katholischen Raum als Angst der Amtskirche vor zu viel Bibellese gedeutet, die sich auch auf die Gläubigen übertragen habe. Das ist jedoch nur ein kleiner Teil
der Spannung. Die Gründe für eine Entfremdung von biblischen Texten liegen auf einer im Folgenden
noch zu benennenden tieferen Ebene.
Das Instrumentum laboris zur Bischofssynode 2008 über das Wort Gottes weist auf „die Notwendigkeit einer biblischen Pastoral, aber auch einer biblischen Durchdringung der ganzen Pastoral.“ [Das
Wort Gottes in Leben und Sendung der Kirche − Instrumentum Laboris, Vatikanstadt 2008,
http://www.vatican.va/roman_curia/synod/documents 13.06.08, 8.] Gleichzeitig „können fast überall in
den Teilkirchen die folgenden Mängel festgestellt werden. Jedenfalls bleibt eine gewisse Distanz der
Gläubigen zur Bibel; es kann nicht davon die Rede sein, dass ihr Gebrauch zur allgemeinen Erfahrung
gehört.“ [ebd., 10.]
„Die Zukunft verdanken wir historisch dem modernen Staat, der Prophetie und Eschatologie neutralisiert hat. Mit anderen Worten, der Staat hat das politische Handeln von allen religiösen Zeithorizonten
abgelöst. Und die spröden Institutionen des Staates haben schließlich auch den modernen Nachfolger
der Eschatologie, die Geschichtsphilosophie des Fortschritts, neutralisiert. Diesen Prozeß resümiert
schließlich die Postmoderne, die man als die Große Erzählung vom Ende der Großen Erzählung verstehen kann.” [Bolz, N., Weltkommunikation, München 2001, 103.] Er beobachtet mit Luhmann den
Verlust des Zusammenhangs zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das impliziert auch den Sinnverlust deutender Erzählungen der Bibel. [ebd., 120f.]
1.2. Die Bibel − ein aktuelles Buch
Die biblischen Texte sind nach christlicher Auffassung Wort Gottes. Sie wollen gehört, nicht gesehen werden.6 So wird die Bibel trotz der genannten Schwierigkeiten
stets neu aufgelegt, gelesen und gehört. Dabei wird sie nicht nur als Kulturgut oder
als Instrument zur Erklärung geschichtlicher Ausdrucksformen in Kunst und Architektur wahrgenommen. Im christlichen Kontext ist sie „Heilige Schrift“, die unabhängig von der jeweiligen Situation Gültigkeit beansprucht. Auch heute wird sie so
immer wieder als Ratgeber und Lebenshilfe aufgenommen. Offenbar wohnt ihr allen
Schwierigkeiten zum Trotz eine Kraft inne,7 die Menschen erreichen, ansprechen
und trösten kann. „Die Müdigkeit, die sich heute angesichts einer solchen Flut leerer
Worte und der Aktualität ganz anderer Kommunikationsformen einstellt, darf indes
die bleibende Kraft des Wortes nicht schwächen oder das Vertrauen zum Wort verloren gehen lassen. Das Wort bleibt immer aktuell, zumal wenn es die Macht Gottes in
sich trägt.“8
Nicht nur Päpste und Konzilien, auch Sozialethiker mahnen an, die Kraft der Bibel lesend zu erschließen. So „lassen sich die existentiellen weltanschaulichen Sinngrundlagen und die damit verbundenen sittlichen Zielvorgaben, wie etwa das unbedingte Liebesgebot zu Gott und dem Nächsten, gerade in den Buchreligionen nicht
ohne bewußten Rückbezug auf die normativen Quellen der schriftlich festgehaltenen
Tradition, also ohne Bibel und deren Lektüre, bewußt und kritisch durchhalten und
für Gesellschaftsgestaltung in Politik wie in Wirtschaft aus christlichem Geist fruchtbar machen.“9
1.3. Die Bibel − ein Buch für die Pastoral
In pastoralen Überlegungen sollte die Bibel als zwar schwieriges aber dennoch
grundlegendes Buch eine Rolle spielen und das Gespräch mit der wissenschaftlichen
Auslegung gesucht werden. Hier tun sich jedoch nach wie vor breite Gräben auf. Die
Bibelwissenschaft kommt durch ihre gründliche Textanalyse oft als Spezialistentum
6
7
8
9
„Der Gläubige ist einer, der hört. Wer hört, bekennt die Gegenwart dessen, der spricht und will mit ihm
in Kontakt kommen; wer hört, schafft in sich einen Raum der Einwohnung für den Anderen; wer hört,
stellt sich vertrauensvoll vor den, der spricht. Deshalb fordern die Evangelien die Gabe der Unterscheidung im Hinblick auf das, was man hört (vgl. Mk 4,24) und wie man hört (vgl. Lk 8,18): denn wir sind
auch das, was wir hören! Das anthropologische Modell, das die Bibel vor Augen stellen will, ist daher
das eines Menschen, der fähig ist zu hören, der ein hörendes Herz hat (vgl. 1 Kön 3,9).“ [Instrumentum, 25.] Dieses Menschenbild unterscheidet sich erheblich von dem des multisensuell wahrnehmenden Menschen, das die modernen Kommunikationsformen voraussetzen.
Diese Kraft liegt möglicher Weise sogar im Gegensatz und der Abgrenzung zu üblichen Formen der
Kommunikation. Nur hören können und nicht gleichzeitig sehen, handeln etc. zu müssen, mag sogar
die Aufmerksamkeit und direkte Ansprache durch den Text erhöhen.
Apostolisches Schreiben „Evangelii nuntiandi“, Bonn 1976, 30. Was Evangelii nuntiandi auf die Verkündigung in der Predigt bezieht, gilt wohl umso mehr für das Wort der Heiligen Schrift selbst.
Furger, F., Lesekultur im Dienst christlicher Gesellschaftsgestaltung, in: Khoury, A. T. / Muth, L.
(Hg.), Glauben durch Lesen? Für eine christliche Lesekultur, Freiburg im Breisgau 1990, 138-150,
146. „Im ohne Zweifel bedrängenden Sinndefizit unserer Tage müßte eine wirklich menschliche und
erst recht eine originär christliche Lesekultur Quelle und Ziel menschlicher Existenz erschließen
helfen.“ [ebd., 150.]
3
ohne Praxisbezug daher. Auf der anderen Seite teilt die Pastoral aufgrund eingehender Analyse der sozialen und lebensweltlichen Situation ihrer Adressaten die Skepsis,
die auch die Medien gegenüber längeren Texten zeigen.
Bedient man sich in der gemeindlichen Praxis biblischer Texte, so haben diese
eine eigentümliche Stellung zwischen Wertschätzung und Missachtung: Nicht selten
sind sie in Predigten als kurze Sätze zu hören, um die eigene Meinung biblisch zu
untermauern und moralisierend auf die Hörer einzuwirken. Ebenso hört man in Gottesdiensten schlecht vorgelesene Bibeltexte oder Aktualisierungen, die sich an eher
nebensächlichen Punkten festmachen. Dennoch wird die biblische Botschaft gehört
und bestimmt so das Glaubensleben mit. „Es gibt sie immerhin, die große Zahl von
Bibelkreisen, wo Menschen sich immer wieder treffen, biblische Texte gemeinsam
lesen und in ihnen Impulse für ein christliches Leben suchen und finden. Es gibt sie,
die Gruppen, die sich in der Form des Bibliodramas den inneren dramatischen Strukturen biblischer Texte aussetzen, weil sie darauf setzen, dass ihnen diese Methoden
helfen, in den biblischen Texten existenzielle, also lebenserschließende und lebensorientierende Wahrheiten zu finden. Auch wenn in solchen Gruppen meist nicht nach
den Ergebnissen der literaturwissenschaftlichen Exegese gefragt wird, widerlegen
solche und andere Formen der existenzbezogenen Bibelarbeit jedenfalls den Eindruck, die Bibel habe keine Bedeutung für das katholische Glaubensleben.“10
Die Bibel kann durchaus aktuell werden und Menschen in ihrer persönlichen Lebens- und Glaubensgeschichte ansprechen. Eine solche Aktualisierung, die gewollt
und explizit erfolgen kann oder sich eher zufällig aus dem persönlichen Nachdenken
über die Bibel ergibt, hebt jedoch die Fremdheit der Texte nicht auf. Gerade weil die
biblischen Texte aus einer anderen Zeit stammen, scheint der Schlüssel für ihr Verständnis auch in der Erschließung ihrer ursprünglichen Bedeutung zu liegen. „Die
Worte der Heiligen Schrift nicht unmittelbar auf die Gegenwart zu beziehen, sondern
zunächst in ihrer Zeit stehen zu lassen und dort zu betrachten, gibt den Texten nicht
nur jene Freiheit, auf deren Respekt sie Anspruch haben, sondern eröffnet auch der
heutigen Leserschaft allererst die Möglichkeit, das Wort der Bibel so zu hören, wie
es ursprünglich geklungen hat.“11 Dieser ursprüngliche Klang der Bibel ist zu vernehmen, wenn eine geschichtlich-theologische Annäherung an die Texte versucht
wird, durch die sie dem Hörer erklärt werden. Auf der anderen Seite scheint es auch
möglich, die Texte bewusst zu lesen und dadurch in ihrer Fremdheit wie auch in ihrer
aktuellen Gültigkeit sprechen zu lassen.12
10
11
12
4
J. Kügler, Ferne Zeichen, 210.
Söding, T., Mehr als ein Buch. Die Bibel begreifen, Freiburg im Breisgau 1995, 390.
So beginnt Egger in seiner Methodenlehre mit dem Lesen als grundlegendem Vorgang beim Verstehen. Mit dieser auch wissenschaftlich zu begründenden Methode scheint ein Dialog zwischen Praxis
und Exegese möglich. Eine „Methodenlehre, die beim Lesen einsetzt, setzt zwar bei etwas sehr Persönlichem und Subjektiven an, doch handelt es sich um ein Gebiet, auf dem der Leser aufgrund seiner Erfahrung kompetent ist.“ [Egger, W., Methodenlehre zum Neuen Testament, Freiburg im Breisgau
²1990, 13.]
1.4. Das Markusevangelium lesen − ein Beispiel für den Umgang mit biblischen Texten
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, aufzuzeigen, wie biblische Texte heute in christlicher Gemeinde dargeboten werden können. Auf der Grundlage exegetischer Erkenntnisse wird aufgezeigt, wie sie in diesem Kontext zu einer lebendigen und hilfreichen
Stimme in werden können.
Der Versuch wird exemplarisch am Markusevangelium unternommen. Im ältesten der Evangelien wird die Geschichte Jesu erstmals in der Gattung Evangelium
erzählt und schriftlich fixiert. Diese Art der Darstellung scheint für die frühe Christenheit hilfreich gewesen zu sein, denn es gab in den anderen kanonischen und nicht
kanonischen Evangelien bald Nachahmer. „The Gospel of Mark would appear to
have built on an ongoing storytelling tradition within one of the Jesus movements.“13
Im Hinblick auf das Mk ist zu zeigen, wie Lektüre die Intentionen biblischer Texte
sinnvoll aufzunehmen vermag. Dazu müssen die Entstehung des Textes und die Art
der Darstellung durch den Evangelisten analysiert werden. Ziel ist eine Lektüre, die
das Mk exegetisch und pastoral in angemessener Weise aufnimmt. So erschließt sich,
dass und wie die Bibel im praktischen Leben von Gemeinden eine größere Rolle
spielen kann.14 Es geht also nicht um die Bibel in ihrer kulturell-gesellschaftlichen
Bedeutung, sondern um einen sinnvollen Umgang mit biblischen Texten in christlicher Gemeinde.15
Am Anfang der Studie stehen grundlegende Überlegungen, die das Forschungsfeld
des Mk eingrenzen. Dabei sind verschiedene methodische Versuche, die das Mk einordnen und verstehen wollen, einer Wertung zu unterziehen. Anschließend wird das
Mk als Erzählung in seiner Entstehungszeit analysiert, um sich den ursprünglichen
Intentionen der Schrift zu nähern. Mittels literaturwissenschaftlicher Methoden, die
kurz darzustellen sind, scheint eine Übersetzung des Mk in die heutige Zeit und in
heutige Gemeinden möglich. Das Mk ist, was seine Adressaten, seine Themen und
den bevorzugten Ort für seine Lektüre betrifft, als ekklesiologische Schrift, als
Schrift zum Gebrauch in einer christlichen Gemeinde, anzusehen.16
13
14
15
16
Horsley, R. A., Hearing the whole Story. The politics of plot in Mark’s Gospel, Louisville 2001, 67.
Dies trifft auch ein Anliegen der Bischofssynode 2008: „Das Volk Gottes ist daraufhin zu erziehen,
den großen Horizont des Wortes Gottes zu entdecken, um zu verhindern, dass die Schriftlesung als etwas Kompliziertes empfunden wird. Es gilt die Wahrheit, dass die wichtigsten Dinge in der Bibel diejenigen sind, die am direktesten mit der Existenz verbunden sind, wie etwa das Leben Jesu.“ [Instrumentum, 22.] Regelmäßige Lektüre der biblischen Bücher kann Komplikationen im Umgang mit der
Bibel verhindern und in Gemeinden viele Menschen zum Hören und Verstehen einladen.
Es werden hauptsächlich innergemeindliche Vorgänge in den Blick genommen. Auch wenn nicht von
vornherein eine Außenwirkung intendiert ist, hat solche Lesung immer auch eine gesellschaftliche
Komponente. Denn sie hält die Erzähltradition lebendig, die unsere Kultur geprägt hat. „Ohne Frage
bleibt die vornehmste kulturelle Aufgabe der Kirche die Vermittlung von Kenntnis der Bibel und der
kirchlichen Traditionen.“ [Kirche und Kultur, 35.]
Das Mk ist in dem Sinne ekklesiologisch, dass es an eine christliche Gemeinde gebunden und für diese
geschrieben ist. Es antwortet auf die Fragen und die Situation der Gemeinde, indem es den Weg Jesu
erzählt. Die lesende Gemeinschaft, die sich um die Schrift versammelt, wird in der Lektüre gefestigt.
Dieser Sachverhalt wird als Voraussetzung für alle folgenden Überlegungen angenommen. Die tatsächliche Geltung dieser Voraussetzung erschließt sich aus den Texten.
5
Im Hauptteil der vorliegenden Arbeit werden anhand von herausragenden Texten
des Mk wichtige Themen dieser Schrift analysiert. In synchroner Leseweise werden
die für eine Erzählung bedeutsamen Teile Anfang, Schluss und Zentrum erläutert.
Außerdem sind die beiden großen Reden des Mk nach ihren Themen und Akzenten
zu befragen. Aus der Analyse der Texte erfolgt die Frage, wie die Themen des Mk in
heutigen Gemeinden rezipiert werden können. Schon in den exegetischen Überlegungen werden die Lektüre der entsprechenden Texte und die dabei möglichen Aktualisierungen für die Hörer in den Blick genommen. Die Oberflächenstruktur des
Mk, wie es uns heute vorliegt, ist Grundlage der Analyse. Die Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese liegen den Überlegungen zugrunde ohne jedoch ausführlich
thematisiert zu werden. Diese Methodik ist gewollt einseitig; sie versucht wahrzunehmen, was auch der Leser wahrnimmt, ist insofern zielorientiert und hat Aussicht
auf Erfolg.17
Der Schlussteil widmet sich praktischen Erwägungen und wird aufzeigen, wie
die Ergebnisse der Textanalyse in der liturgischen Praxis von Gemeinden umzusetzen sind. Dabei werden sowohl Grundlagen wie auch konkrete Vorschläge besprochen, die sich als Impulse für die Pastoral verstehen. Sie sollen vor allem ermutigen,
die Lektüre des Mk und anderer biblischer Texte in der Gemeinde zu intensivieren.
Das Mk als ein Text, der die Lektüre leicht macht, steht dabei exemplarisch für die
verschiedenen biblischen Texte.
In der Bibellektüre können heutige christliche Gemeinden literarisch an ihr Gründungsgeschehen geführt werden. Die Lektüre gerade der Evangelien soll über den
Moment des Lesens hinausweisen und die Leser und Hörer zu literarischer Jesusnachfolge einladen.18 Als Ort der Begegnung mit biblischen Texten wird vor allem
der Gottesdienst in den Blick genommen. In der Liturgie erreicht die Bibel in christlichen Gemeinden die meisten ihrer Hörer. Es ist zu fragen, wie die theologische
Vorbereitung und praktische Durchführung von Gottesdiensten biblischen Texten
17
18
6
Diesen Weg beschreitet z.B. van Iersel in seinem Kommentar. Er will ausdrücklich das Mk als zusammenhängendes Ganzes lesen, das sich in den wahrnehmbaren Zusammenhängen verstehen lässt. [van
Iersel, B., Markus: Kommentar, Düsseldorf 1993, 49.] Er legt dann gleich zu Beginn seines Kommentars seine Methodik und den darin enthaltenen Verzicht auf historisch-kritische Forschungsergebnisse
dar. [ebd., 50-61.] Im Folgenden wird eine ähnliche Vorgehensweise gewählt, die jedoch nicht nur auf
mögliche Rezeptionen blickt, sondern auch weiterführende exegetische Forschungen an den einzelnen
zu analysierenden Stellen im Blick behält.
Das Evangelium soll dabei Gemeinde stärken und verändern. „Es gibt das Evangelium nicht ‚an sich‘.
Das Evangelium wird hier (mit Paulus) verstanden als Botschaft vom eschatologischen Herrschaftswechsel und gleichzeitig als ein In-Geltung-Setzen der Gottesherrschaft in Biographien und Lebensbereichen von Menschen. Das ‚Ereignis Evangelium‘ hat die Kraft, wie ein Ferment die vorhandenen
Kulturen und Subkulturen zu imprägnieren.“ [Kirche und Kultur, 59.] „But by standing before the stories with all the accoutrements of our economic self-understanding, we stand in a place where the gospel’s promise of God’s present reign can open us to truly abundant life.“ [Murchison, D. C., Unsettling
Generosity: Fearful Disciples on This Side of the Text, in: Gaventa, R. / Miller, P. (Hg.), The Ending
of Mark and the Ends of God, Louisville 2005, 51-64, 63.] Zu dieser Folgerung kommt Murchison
durch die Aktualisierung verschiedener Texte: Die Speisungswunder weisen auf „our consuming passion“, die Heilung des von der Legion Besessenen auf die „overspent americans“, die Salbung in Bethanien auf das „luxury fever“. [ebd.] Solch ein Versuch, einzelne Texte auf aktuelle Fragen zu beziehen, entspricht nicht immer der ursprünglichen Intention des Textes. Angewendet auf die Wahrnehmung des ganzen Mk wird sich jedoch eine solche Vorgehensweise als sinnvoll erweisen.
den ihnen gebührenden Raum gewähren kann. Dabei ist davon auszugehen, dass sich
in der Bindung an das Wort Gottes eine Kraftquelle für Gemeinden erschließt.
Wenngleich sich die Analyse auf das Mk beschränkt, wollen die praktischen Anregungen doch mit Blick auf Bibellektüre allgemein und nicht nur auf das Mk bezogen verstanden werden.
2. Forschungsgeschichtliche Annäherung an das Mk
Das Mk hat im Laufe der Kirchengeschichte unterschiedliche Rezeptionen erfahren.
In Abhängigkeit von der jeweiligen Situation und dem historischen und textlichen
Kenntnisstand wurden Zugänge zum Text des Mk erarbeitet. Die Rezeptionsgeschichte bietet eine Vielfalt von Überlegungen zum Textverständnis an, die eine
differenzierte Sicht auf das Mk ermöglichen.19 Der kurze Überblick zur Forschungsgeschichte des Mk kann Hinweise geben, die auch für die heutige Rezeption dieses
Textes bedeutsam sind. Dies gilt nicht nur für den wissenschaftlichen Umgang mit
dem Mk, sondern weist auch in die pragmatische Dimension. Die unterschiedlichen
Akzentsetzungen in der Mk-Forschung werden auf die Verwendung des Mk in heutiger Gemeinde hin reflektiert. Dabei wird den neuzeitlichen Zugriffen auf das Mk die
Priorität eingeräumt, da sie methodisch gut reflektiert und für das Anliegen unserer
Studie hilfreich sind.20
2.1. Formkritische Ansätze
In der Alten Kirche fand das Mk kaum Beachtung, da man in ihm lediglich eine Zusammenfassung des Mt sah.21 Erst im 19. Jahrhundert wurde dem Mk mit der Entwicklung der Zwei-Quellen-Theorie eine hohe Bedeutung zugemessen, da es nunmehr als das älteste der Evangelien eruiert wurde. Die Annahme der frühen Entstehungszeit verlieh ihm historisches Gewicht, so wurde es insbesondere auch für die
Leben-Jesu-Forschung interessant. Von der ältesten Überlieferung über Jesus erhoffte man sich ein authentisches Bild Jesu22, das frei von theologischen Interpreta19
20
21
22
Die Überlegungen beziehen sich zum Teil nicht nur auf das Mk, sondern auf die Evangelienforschung
allgemein, in der jedoch das Mk als ältester Vertreter der Gattung „Evangelium“ eine besondere Rolle
spielt.
Die folgenden Überlegungen stützen sich vor allem auf die Übersicht und Wertung der verschiedenen
Ansätze bei: Perrin, N., Interpretation of the Gospel of Mark, in: Int 30 (1976) 115-124. Überblicke zur
Mk-Forschung vgl. auch bei: Dohmen, C., Die Bibel und ihre Auslegung, München 1998. Oko, O. I.,
„Who then is this?“ A Narrative Study of the Role of the Question of the Identity of Jesus in the Plot of
Mark’s Gospel, Berlin 2004.
Exemplarisch sei auf Augustinus’ Auffassung verwiesen, die Evangelien seien im Kanon nach ihrer
Entstehungszeit geordnet. Aus dieser Reihenfolge ergab sich die These, Mk sei eine Kurzfassung des
Mt und liefere keine zusätzlichen Informationen. Eine ebenso kurze wie präzise Darstellung dieser
Entwicklung findet sich bei: Kertelge, K., Markusevangelium, Würzburg 1994, 7.
Die sogenannte Papias-Notiz zum Mk, ein Vermerk in der Kirchengeschichte des Eusebius, schrieb das
Mk einem Dolmetscher Petri zu. Dieser habe das Mk aus den Berichten des Petrus zusammengefügt.
„Markus war der Dolmetscher des Petrus und schrieb sorgfältig auf, soweit er sich dessen erinnerte −
freilich nicht in der (richtigen) Ordnung −, was vom Herrn gesagt oder getan worden war. Denn er
(selbst) hatte weder den Herrn gehört, noch war er ihm nachgefolgt, sondern erst später, wie gesagt
7
tionen sei.23 Auch nachdem dieses Konzept faktisch gescheitert war,24 hielt das
Interesse am Mk dennoch an.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich die Formkritik als entscheidende
Interpretationsmethode für das NT25 durch und bestimmte von da an auch die Auslegung des Mk. In Bezug auf das Mk hat die Sicht der Formgeschichte zu wichtigen
Erkenntnissen geführt26: Es wurde gezeigt, dass der Rahmen des Mk ein Konstrukt
des Evangelisten ist27 und nicht die historische Folge der Ereignisse wiedergibt.
Außerdem wies die Formgeschichte darauf hin, dass es sich bei dem vom Evangelisten verwendeten Material nicht um historische Berichte handelte, sondern dass die
Inhalte des Mk vielmehr aus der Verkündigung der frühen Kirche übernommen wurden.28
23
24
25
26
27
28
8
dem Petrus, der seine Unterweisung nach den Bedürfnissen (der Hörer) einrichtete, nicht jedoch, um
eine geordnete (schriftliche) Darstellung der Lehren des Herrn (zu geben). Daher beging Markus keinen Fehler, wenn er einiges so niederschrieb, wie er sich erinnerte. Denn er war auf eines bedacht,
nichts von dem, was er gehört hatte, wegzulassen oder zu verfälschen.“ [Zitiert nach: Hengel, M., Probleme des Markusevangeliums, in: Ders. (Hg.), Jesus und die Evangelien, Tübingen 2007, 430-477,
455.] Aus dieser Notiz heraus wurde das Mk in der Leben-Jesu-Forschung als getreue Wiedergabe der
Taten Jesu verstanden.
Perrin fasst das grundlegende Problem dieser Sicht treffend zusammen: Mk „came to be regarded as
the earliest of the Gospels, which it was, and as fundamentally a historical chronicle of the ministry of
Jesus, which it was not.“ [N. Perrin, Interpretation, 115.]
„This approach hardly distinguished between the historical, theological and literary qualities of the
gospel, but simply treated them as if they were one and the same.“ [O. I. Oko, Who then, 4.] Käsemann
und andere konstatierten das Ende dieser Sichtweise: „200 Jahre lang hat kritische Forschung den historischen Jesus aus den Fesseln kirchlicher Dogmatik zu befreien gesucht, um am Wegende zu erkennen, daß ein solcher Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt war, weil wir nur durch die
urchristliche Predigt [...] überhaupt etwas von dem historischen Jesus erfahren.“ [Käsemann, E., Das
Problem des historischen Jesus, in: Ders. (Hg.), Exegetische Versuche und Besinnungen, Göttingen
1986, 59-85, 61.] Schon Schweitzer hielt fest: „Der Stoff, mit dem man die Perikopen bisher zu einem
Leben-Jesu zusammenlötete, hält die Temperaturprobe nicht aus. Setzt man ihn der Kälte des kritischen Skeptizismus aus, so bekommt er Risse; erreicht das eschatologische Feuer einen gewissen Grad,
so schmelzen die Lötungen. In beiden Fällen fallen die Perikopen sämtlich auseinander.“ [Schweitzer,
A., Von Reimarus zu Wrede. Eine Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Tübingen 1906, 330.]
Wegbereiter der neuen Sicht auf das Mk wurde Wrede, der zwischen der Historie und der in literarische Form gefassten Erzählung unterschied. In letzterer geht es auch um theologische Sachverhalte.
Prägend erweist sich in seiner Sicht das so genannte Messiasgeheimnis. Auch wenn die Einführung
dieses Motives nicht allein dem Evangelisten zuzuschreiben sei, so habe er doch durch seine Zusammenstellung das Ganze geprägt: „Die Motive selbst werden mindestens teilweise nicht das Eigentum
des Evangelisten sein, aber wie er sie in concreto verwendet, das ist jedenfalls seine eigene Arbeit, und
insofern kann man auch hier und da von einer Manier des Markus reden.“ [Wrede, W., Das Messiasgeheimnis in den Evangelien, Göttingen 1901, 146.]
Die folgenden Überlegungen finden sich in ausführlicher Form bei: N. Perrin, Interpretation, 115f.
Das erste Mal wurde dieser Sachverhalt ausdrücklich benannt von Schmidt. Ausgehend von der Frage,
ob das johanneische oder das synoptische Schema des Wirkens Jesu in historischer Sicht vorzuziehen
sei, kommt er zu dem Ergebnis, dass beide Konstruktionen der Evangelisten seien. Mit Bezug auf das
Mk hält er fest: „Die vorliegende Untersuchung wird zeigen, daß Mk den ältesten Aufriß der Geschichte Jesu enthält, daß aber dieser Aufriß ein Schema ist genauso gut wie der des Joh Evangelium.“
[Schmidt, K.-L., Der Rahmen der Geschichte Jesu. Literarkritische Untersuchung zur ältesten Jesusüberlieferung, Berlin 1919, 17.] „Im ganzen gibt es kein Leben Jesu im Sinne einer sich entwickelnden
Lebensgeschichte, keinen chronologischen Aufriß der Geschichte Jesu, sondern nur Einzelgeschichten,
Perikopen, die in ein Rahmenwerk gestellt sind.“ [ebd., 317.]
So Bultmann, der das Mk als Fortsetzung mündlicher Tradition sah, die im Dienst des Kerygmas steht.
[Bultmann, R., Die Geschichte der synoptischen Tradition, Göttingen 101995, 396.] Ähnlich Riesenfeld,
In der formgeschichtlichen Sicht werden die Evangelien als Sammlung einzelner
Texteinheiten unterschiedlicher Herkunft aufgenommen, die von den Evangelisten
zusammengestellt wurden. Für das Verständnis des Gesamtwerkes ist deshalb die
Analyse von Herkunft und Intention der kleinen Einheiten notwendig.29 Dabei wird
der Prozess der Literarisierung der christlichen Botschaft in den Blick genommen.30
Die Rolle des Autors ist in formgeschichtlichen Ansätzen eindeutig umschrieben. Er
gilt als Sammler und Redaktor von Traditionsmaterial.31 Nur die Traditionen, nicht
aber der Autor, sind deshalb als Forschungsfeld für die Formgeschichte interessant.32
Die formgeschichtlichen Überlegungen verdeutlichen die Herkunft der Evangelien
aus der Verkündigung der frühen christlichen Gemeinde. Sie zeigen auf, wie Gemeinden mit den Jesusüberlieferungen umgegangen sind. Sie erweisen, dass die
Evangelien aus Einzeltraditionen zusammengefügt wurden. Deshalb ist eine Vielzahl
29
30
31
32
der die Unmöglichkeit objektiv-historischer Forschung zu Jesus anhand des Mk betont, da „die
äußerste Voraussetzung unserer Evangelien das Evangelium von Jesus Christus ist, welches seinerseits
Ursprung und Ziel in der Verkündigung Jesu hat.“ [Riesenfeld, H., Tradition und Redaktion im Markusevangelium, in: Pesch, R. (Hg.), Das Markus-Evangelium, Darmstadt 1979, 103-112, 104.] Hier geschieht der wichtige Schritt, das Evangelium auch als literarische Gattung in den Verkündigungszusammenhang christlicher Gemeinde zu stellen.
Eine Übersicht zu den verschiedenen Formen, die im Neuen Testament aufgenommen wurden liefert:
Berger, K., Die Diskussion um die Gattung Evangelium. Formgeschichtliche Beiträge aus Plutarchs
„Leben der zehn Redner“, in: van Segbroeck, F. (Hg.), The four Gospels, Leuven 1992, 121-127. Er
betrachtet dabei auch Zusammenhänge zur antiken Literatur (siehe weiter unten) nicht so sehr in Bezug
auf die Evangelien als Ganze, sondern als Einzeltextanalyse.
Diesen Prozess deutete beispielsweise Bultmann als theologische Notwendigkeit, Verkündigung zu
strukturieren und theologisch zu fundieren. [Ders., Geschichte, 362.372f.] Eine positive Sicht auf die
Schriftlichkeit war nicht immer selbstverständlich. In der Forschung gab es auch die Meinung, die Verschriftlichung sei als Abfall von der besseren Weitergabe der Jesusgeschichte durch mündliche Überlieferung zu sehen. [Vgl. Dormeyer, D. / Frankemölle, H., Evangelium als literarische Gattung und als
theologischer Begriff. Tendenzen und Aufgaben der Evangelienforschung im 20. Jahrhundert, mit einer Untersuchung des Markusevangeliums in seinem Verhältnis zur antiken Biographie (ANRW 25.2),
Berlin 1984, 1559.]
Wird der Evangelist als Sammler und Redaktor betrachtet, findet seine literarische Aktivität kaum
Beachtung. [So z.B.: Dibelius, M., Die Formgeschichte des Evangeliums, Tübingen 61971, 2f.] Der
Evangelist sei „not a creative literary artist but an extremely honest and conscientious compiler.“
[Cranfield, C., The Gospel According to Saint Mark. An Introduction and Commentary, Cambridge
1959, 16.] In dieser Linie steht Pesch, der im Autor des Mk vor allem einen in der neueren Diskussion
überschätzten Autor sieht, der sich „kaum literarisch produktiv, sondern ‚unliterarisch‘ konservativ“
verhalte. [Pesch, R., Das Markusevangelium I, Freiburg im Breisgau 1976, 22.] Hooker weist die Treue
des Evangelisten zu seinen Vorlagen gerade an den „Brüchen“ im Text nach. Daraus lasse sich auf die
geringe Eigenständigkeit als Autor schließen. „The discrepancies suggest that Mark has taken over
different traditions and reproduced them faithfully, at least in these details.“ [Hooker, M., The Gospel
According to St. Mark, London 2003, 383.] Ähnlich Schmithals, der als Vorlage des Mk eine Grundschrift annimmt, die vom Autor teilweise ergänzt und umgestellt wurde. [Schmithals, W., Das Evangelium nach Markus I. Kapitel 1-9,1, Würzburg 1979, 43f.] Deshalb ist für ihn die theologiegeschichtliche Bedeutung des Evangelisten eher gering. [Ders., Die Bedeutung der Evangelien in der Theologiegeschichte bis zur Kanonbildung, in: van Segbroeck, F. (Hg.), The four Gospels, Leuven 1992, 29-157,
143f.]
Perrin sieht in der Geringschätzung des Autors die entscheidende Schwäche der formgeschichtlichen
Ansätze. [Ders., Interpretation, 116.] Söding weist dagegen darauf hin, dass „die ‚konservative‘ Redaktion des Markus nicht gegen die gedankliche Durchdringung seines Stoffes spricht.“ [Söding, T., Glaube bei Markus. Glauben an das Evangelium, Gebetsglauben und Wunderglauben im Kontext der markinischen Basileiatheologie und Christologie, Stuttgart 1985, 118.]
9
von Themen in ihnen zu finden. Für das Verständnis der Texte ist die Analyse der
Herkunft und des ursprünglichen Zusammenhangs notwendig. Dennoch muss dieses
Verständnis im Blick auf das Mk in seiner Gesamtgestalt überprüft werden. Der heute vorliegende Gesamttext entspringt dem Gestaltungswillen des Autors, der den Einzeltraditionen einen Sinn im Ganzen, der über den Einzelsinn hinausgeht, verliehen
hat.
Diese Spannung muss auch bei der Lektüre der Texte bedacht werden: Werden
sie als Einzeltexte gehört oder aus dem Gesamtkontext des Mk heraus verstanden?
Bei beiden Lesarten ergeben sich theologisch verantwortbare Zugänge zum Text. In
den weiteren Erörterungen wird im Blick auf die Rezeption des Mk in heutigen Gemeinden der Erschließung aus dem Gesamtkontext der Vorzug gegeben.33
2.2. Redaktionskritische Ansätze
Auf der Grundlage der Ergebnisse der Formgeschichte geht die redaktionsgeschichtliche Exegese den Intentionen der Autoren bzw. Redaktoren der Evangelien nach.
Dabei wird die Zusammenstellung der Evangelien aus Einzeltraditionen als theologische Leistung der Autoren gesehen und vor allem das Ordnen der Vorlagen gewürdigt. Die redaktionsgeschichtlichen Überlegungen setzen voraus, dass der Autor des
Mk die traditionellen Einheiten nicht wahllos aneinander gereiht hat, dass sich vielmehr im Rahmen und in der Ordnung der Evangelien die Intention des Verfassers
zeige.34 Dem Autor des Mk wird dabei im Vergleich mit den anderen Evangelisten
eine besondere Ordnungsleistung zuerkannt, da er faktisch eine neue literarische
Form geschaffen hat.35 Die theologische Leistung des Mk wird anerkannt und sein
Verfasser als Schriftsteller gesehen, der bewusst Spuren im Text hinterlässt.36 Des33
34
35
36
10
Theißen weist darauf hin, dass eine wechselseitige Beeinflussung von Einzeltexten und Gesamt zu
beachten ist. „Die kleinen Einheiten wurden nicht nur in ein ihnen äußerliches Ganzes integriert, sondern das Ganze durch sie strukturiert.“ [Theißen, G., Urchristliche Wundergeschichten. Ein Beitrag zur
formgeschichtlichen Erforschung der synoptischen Evangelien, Gütersloh 1974, 211.] Auch dies zeigt
die Notwendigkeit der Lektüre im Zusammenhang an.
So Dibelius: Tradition werde im Mk gedeutet, „indem der sammelnde Evangelist eine Reihe von überlieferten Begebenheiten in eine bestimmte Beleuchtung rückt. Er weist nach, daß oder warum sie nach
göttlichem Heilsplan eintreten mußten” [Dibelius, M., Sammlung, in: Pesch, R. (Hg.), Das MarkusEvangelium, Darmstadt 1979, 60-84, 74f.] Dieser Ansatz wird im deutschsprachigen Raum erstmals
von Marxsen und Lohmeyer vertreten, die das Mk im Lichte der dem aufmerksamen Beobachter zugänglichen theologischen Konzeption seines Autors deuten.
„Markus dagegen hat − außer gewissen Sammlungen und einer Passionsgeschichte − lediglich anonyme Einzeltradition vor sich. Die Leistung der eigenen Gestaltung ist also hier ungleich größer.“
[K. Kertelge, Markus, 9.] Der Evangelist war nicht nur Sammler, sondern „one who was to a large degree responsible for the final form of the Gospel.“ [Telford, W.R., The Theology of the Gospel of
Mark, Cambridge 1999, 22.]
Eine besondere Ausprägung erhalten autorenzentrierte Ansätze in jüngerer Zeit durch die linguistische
Analyse. Dabei wird bis in Formulierungen und anhand der Verwendung und Bedeutung einzelner
Worte nach dem dahinterliegenden Sinn gesucht. Man geht von der These aus, dass jedes Wort beim
Leser bestimmte Assoziationen hervorrufe und dies vom Autor bewusst eingesetzt werde. Vgl. dazu
die Ansätze bei: Marcus, J., Mark 1-8: A new translation with introduction and commentary, New
York 2000. Kermode, F., The genesis of secrecy, Cambridge 1979. Donahue, J. R., Windows and Mirrors: The Setting of Mark’s Gospel, in: CBQ 57, 1 (1995) 1-26. Diese Art der Textdeutung bringt
interessante Linien des Mk zutage; es bleibt allerdings fraglich, ob der durchschnittliche Leser solche
Konnotationen tatsächlich wahrnimmt. Wenn der Autor seinen Lesern etwas mitteilen will, scheint es
halb fragt die Redaktionsgeschichte nach dem Thema oder Konzept, das den Evangelisten bei der Zusammenstellung seiner Schrift leitete. Findet sich eine solche
Konzeption des Autors, ist diese hilfreich, auch um den Sinn der einzelnen Texteinheiten zu erschließen.
Einzelne Autoren versuchen, das dem Mk zugrunde liegende Konzept relativ eng zu
fassen: Gundry sieht das gesamte Mk als „Apology for the Cross“.37 Bei Lohmeyer
findet sich die Ausrichtung auf die Eschatologie als Erklärungsmuster für den gesamten Text.38 Marcus wiederum versucht im Mk die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen zu lesen.39 Alle Motive lassen sich tatsächlich im Entwurf des
Evangelisten finden. Deutliche Schwächen dieser Versuche raten jedoch zur Skepsis
gegenüber einer zu engen Bestimmung des theologischen Konzeptes des Mk. „Most
scholars are therefore content to agree simply that Mark’s aim was to write about
Jesus, drawing on the information available to him, and that in the process a number
of his personal concerns and the circumstances of the church within which he wrote
will have guided his writing, without any of them being so dominant as to be (consciously or unconsciously) the purpose of the book.“40 Trotz der gebotenen Vorsicht
teilt die Mehrheit der Autoren die Ansicht, dass zwei Themen die Redaktion des Mk
bestimmt haben: die Frage nach dem Personengeheimnis Jesu und die nach seinen
Jüngern.
Es liegt nahe, dass der Autor des Mk besonderes Interesse an der christologischen Fragestellung hat. Sowohl der irdische Jesus, dessen Weg im Mk erzählt wird,
wie auch der Christus des Bekenntnisses haben die Darstellung des Evangelisten beeinflusst.41 Ein Indiz dafür, wie sich der Evangelist die Verbindung von Hoheit Jesu
und dessen irdischem Wirken vorstellt, ist das so genannte Geheimnismotiv. Wrede
wies erstmals auf dieses Motiv hin, das das Mk durchzieht. Die Schrift zeigt nur den
verborgenen Messias in Jesu Person, denn die Hoheit Jesu wird im Moment ihres
37
38
39
40
41
sinnvoller, dass er sein Anliegen in größere, besser wahrnehmbare Linien einfügt. Deshalb ist die Konzentration auf die Oberfläche des Textes, jedoch nicht bis in Einzelheiten der Formulierungen sinnvoll.
In seinem gleichnamigen zweiteiligen Kommentar wendet er diesen Ansatz konsequent an. Gleich zu
Beginn schließt er alle weiteren Themen, seien sie verdeckt oder unverdeckt, aus: Das Mk sei lediglich
im apologetischen Interesse geschrieben. Es gäbe keine andere Bedeutung, auch und vor allem nicht
zwischen den Zeilen. [Gundry, R., Mark Volume 1 (1-8). A Commentary on his Apology for the Cross,
Grand Rapids 1993, 1.]
Lohmeyer gibt eine erste Einführung zu dem Denkmuster, das in der Analyse der Einzeltexte immer
wieder zu finden sein wird. Das Mk beschreibe, wie im Auftreten Jesu die endzeitliche Gottesherrschaft deutlich werde. [Lohmeyer, E., Das Evangelium des Markus, Göttingen 1954, 5f.]
Diesen Bezug macht er nicht explizit deutlich. In der Analyse zeigt sich jedoch der Versuch, Abhängigkeiten und Auslegungen des AT im Mk aufzuspüren − die durchaus vorhanden sind. Deutlich wird
der Ansatz beispielsweise: J. Marcus, Mark, 71.81.
France, R. T., The Gospel of Mark: a commentary on the Greek text, Grand Rapids 2002, 23. Auch
France stellt jedoch die Themen von Christologie und Jüngern als wichtige Akzente des Mk dar. Sie
sind aber nicht absolut zu setzen.
Bultmann zeigte die Verbindung von „Christus-Mythos“ und der Geschichte des irdischen Jesus im Mk
als Anliegen des Verfassers auf. [Ders., Geschichte, 372.] Absicht des Verfassers sei „die Vereinigung
des hellenistischen Kerygma von Christus, dessen wesentlicher Inhalt der Christusmythos ist, wie wir
ihn aus Paulus kennen (bes. Phil 2,5ff.; Röm 3,24), mit der Tradition über die Geschichte Jesu.“ [Bultmann, R., Die Redaktion des Erzählstoffes und die Komposition der Evangelien: Das MarkusEvangelium, in: Pesch, R. (Hg.), Das Markus-Evangelium, Darmstadt 1979, 85-102, 97.]
11
Aufscheinens immer sogleich verhüllt.42 Die christologischen Titel für Jesus können
als Indikatoren der Christologie, die der Autor des Mk darstellen wollte, gewertet
werden, vor allem die Sohn-Gottes-Terminologie. Deshalb nehmen viele Autoren
eine genaue Untersuchung dieses und anderer Hoheitstitel im Mk vor.43 Die Frage
nach der Christologie, nach der Identität Jesu steht so in der Mk-Forschung an vorderster Stelle.44
Die Jünger sind neben Jesus die entscheidenden Handlungsträger im Mk. Der
Autor baut seine Erzählung so auf, dass die Jünger in der Vorstellung des Lesers fast
immer präsent sind, selbst wenn ihre Anwesenheit nicht eigens erwähnt wird. Im
Konzept des Mk dienen sie offensichtlich auch als Identifikationsfiguren für den Leser.45 Sie werden so dargestellt, „daß auch ihre individuellen Züge zurücktreten zugunsten eines Verhältnisses zu Jesus, das zu gewinnen auch jenen möglich ist, die
nicht mit dem irdischen Jesus gegangen sind. Sie werden transparent im Hinblick auf
die Gemeinde. Beim Hören dieser Texte sollen die Mitglieder der Gemeinde sich in
den Jüngern wiedererkennen, von ihnen lernen, sich durch ihr Versagen anspornen
oder ihre Nähe zu Jesus berühren lassen.“46 Die Christologie des Mk erhält durch das
Konzept der Jüngerbelehrung eine eigene Prägung. Letztlich dienen die Geheimnisgebote nicht der Verschleierung von Jesu wahrer Identität, sondern dem rechten und
vollständigen Verständnis derselben, zu dem Jünger und Leser geführt werden sollen.
Im Jüngerthema kommt im Mk immer ein ekklesialer Akzent zum Tragen, da der
Evangelist über die Jünger zugleich die Verbindung zur Gemeinde der Leser herstellt. Es geht dem Mk nicht allgemein darum, wer Jesus ist, sondern als wen die zu
ihm Gehörenden ihn verstehen sollen.
42
43
44
45
46
12
Wrede fand das Geheimnismotiv in den Schweigegeboten nach Heilungen, im Unverständnis der Jünger und in der Lehre in Parabeln, die dem Volk zuteil wird. Diese Christologie des Geheimnisses stehe
im Dienst der Verknüpfung des irdischen verborgenen Lebens Jesu und des Bekenntnisses nach
Ostern. Dabei sei die Befristung der Schweigegebote bis zur Auferstehung in 9,9 zentral für das Verständnis aller weiteren Schweigegebote. Dass erst nach der Auferstehung die Entschleierung des Personengeheimnisses Jesu erfolge, sei „in der That der entscheidende Gedanke, die Pointe der ganzen
Auffassung des Markus.“ [Ders., Messiasgeheimnis, 67.] Das Thema von Verhüllung und Offenbarung
der Identität Jesu im Zusammenhang mit seinem irdischen Weg und der österlichen Sicht der Gemeinde muss zum Verständnis des Mk in jedem Fall bedacht werden.
Exemplarisch bei Theißen, für den der Titel „Sohn Gottes“ in der Darstellung Jesu im Mk konstitutiv
ist, allerdings immer unter dem Geheimnismotiv. Der Titel wird erst im Bekenntnis des Hauptmanns
unter dem Kreuz (15,39) recht verstanden und so zu einer Zusammenfassung des ganzen Mk. [Ders.,
Wundergeschichten, 211f. 220.]
Die christologische Frage reicht bis in die Titel: Horstmann, M., Studien zur markinischen Christologie. Mk 8,27-9,13 als Zugang zum Christusbild des zweiten Evangeliums, Münster 1969. Oko, O. I.,
„Who then is this?“ A Narrative Study of the Role of the Question of the Identity of Jesus in the Plot of
Mark’s Gospel, Berlin 2004. Von Vertretern der formgeschichtlichen Ansätze wird diese Sicht abgelehnt: „Markus hat keine erkennbar eigenständige christologische Konzeption, die Christologie seines
Evangeliums ist wesentlich durch die Christologie seiner Traditionen bestimmt.“ [Pesch, R., Das Markusevangelium II, Freiburg im Breisgau 1977, 41.] Wenn jedoch das Mk als literarisches Werk gesehen wird, stellt sich nicht die Frage nach christologischen Traditionen, sondern der bewussten Zusammenstellung derselben durch den Evangelisten. Dann aber lässt sich eine Christologie des Mk eruieren.
„Mark is writing in the context of, and for the guidiance of, those who are now the successors to that
early group of followers of Jesus, those through whom the mission of the kingdom of God must now be
carried forward as it has first been by those original disciples” [R. T. France, Mark, 28.]
Gnilka, J., Wie das Christentum entstand 3. Theologie des Neuen Testamentes, Freiburg im Breisgau
2004, 167.
Die Redaktionsgeschichte geht vom Text des Mk in seiner Endgestalt aus. Jedes
Textelement wird vom Konzept des Ganzen her und somit im Licht aller anderen
Teile gesehen und gedeutet. Diese Auslegung muss sich jedoch fragen lassen, welche
Formulierungen und Themen tatsächlich bewusst vom Autor gesetzt sind. Es besteht
die Gefahr, dass der Text in ein später von Auslegern gefundenes Konzept eingepasst
wird, das nicht der Ursprungsintention des Verfassers entspricht. Die redaktionsgeschichtliche Auslegung zeigt wichtige Aspekte und bedarf doch der Ergänzung. Die
Einordnung des Mk in seine Entstehungszeit47 kann verhindern, dass der Text nur
nach dem Konzept des Auslegers gelesen wird.
2.3. Gattungskritische Ansätze
„Mit dem Markusevangelium tritt etwas Neues auf. Die Neuheit betrifft die Art und
Weise der Darstellung. Sie betrifft nicht den Inhalt von dem wir hinlänglich wissen,
daß er weitestgehend der breitgefächerten Jesusüberlieferung entnommen ist.“48 Das
Mk besteht aus traditionellen Texteinheiten, deren Zusammenstellung als „Evangelium“ eine neue Gattung der Literaturgeschichte darstellt. Dennoch bildete sich diese
neue Gattung nicht unabhängig von den literarischen Traditionen ihrer Entstehungszeit. Im Vergleich mit zeitgenössischen Schemata versucht die Gattungskritik die
Intention des Mk aufzudecken.
In der hellenistischen Literatur der ersten Jahrhunderte finden sich tatsächlich
verschiedene Anhaltspunkte.49 Das Mk hat etwa Anklänge an die aretologisch geprägte -Literatur. Ähnlich wie in solchen Vorlagen wird Jesus im Mk als
Wunder wirkender Wanderprediger dargestellt, der Jünger um sich sammelt und von
diesen als „semidivine“ gesehen wird.50 Die Analogie geht allerdings mit den Leidensweissagungen Jesu und der im Laufe der Erzählung fortschreitenden Zurückweisung Jesu nicht mehr auf. In ähnliche Probleme führen Ansätze, die das Mk
47
48
49
50
„Die Evangelisten sind historisch und theologisch an die Gemeinde, ihre rechtlichen, liturgischen, nicht
zuletzt: homiletischen und katechetischen Vorgaben gebunden, auch wenn sie den überlieferten Stoff
nicht lediglich sammelten und schematisch weitergaben, sondern ihre Werke in bewusster Ausrichtung
auf die in ihrer Situation gegebenen theologischen und praktischen Probleme gestaltet haben.“ [Strecker, G., Schriftlichkeit oder Mündlichkeit der synoptischen Tradition? Anmerkungen zur formgeschichtlichen Problematik, in: van Segbroeck, F. (Hg.), The four Gospels, Leuven 1992, 159-172, 172.]
J. Gnilka, Theologie, 151. Das Mk „setzt die Grundmaße für die literarische Gattung »Evangelium«
und wird selbst zum ersten »Evangelium«.“ [K. Kertelge, Markus, 8.] So neben anderen auch Kümmel:
Beim Mk handelt es sich um „die älteste direkt erreichbare Form der literarischen Gattung ‚Evangelium‘.“ [Kümmel, W. G., Einleitung in das Neue Testament, Berlin 1983, 56.]
In der Arbeit von Becker findet sich ein Überblick über vergleichbare Gattungen antiker Literatur, eine
Verhältnisbestimmung dieser Formen zum Mk und eine gründliche Diskussion zur Einordnung des Mk
in die entsprechenden Gattungen. [Becker, E.-M., Das Markus-Evangelium im Rahmen antiker Historiographie, Tübingen 2006, 6-72.] Ebenso Dormeyer, der der Einordnung des Mk in die antike Literaturwelt eine eigene Studie widmet. [Dormeyer, D., Das Neue Testament im Rahmen der antiken Literaturgeschichte. Eine Einführung, Darmstadt 1993.]
Luz nimmt den Vergleich mit der -Literatur auf, zeigt dann aber die Andersartigkeit, da in
der markinischen Darstellung der Person Jesu die üblichen Muster einerseits überhöht und gleichzeitig
durchbrochen werden. [Luz, U., Das Jesusbild der vormarkinischen Tradition, in: Strecker, G. (Hg.),
Jesus Christus in Historie und Theologie, Tübingen 1975, 347-374, 365.]
13
als antike Idealbiographie einordnen.51 Diese Biographien wurden für einen gebildeten Leserkreis geschrieben, der anhand des Lebenswandels berühmter Männer zu
einer dem Vorbild angemessenen Lebensweise geführt werden sollte. Es ist „Prinzip
der peripatetischen Biographie, die Persönlichkeit aus ihren Handlungen (Tat und
Rede) zu charakterisieren“52, nicht als Exempel menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten, sondern als Amts- und Vollmachtträger. Im Mk läge dann nicht eine neue
literarische Gattung vor, der Evangelist nähme dann vielmehr ein gewohntes literarisches Muster auf.53 Die wichtigste Gemeinsamkeit zwischen antiker Idealbiographie
und dem Mk ist die Intention der Schrift. Sie wollen ihre Leser beeinflussen, indem
sie den Weg bedeutender Menschen aus der Vergangenheit darstellen. „Es geht dem
markinischen Jesus um Lernen. Das Evangelium ist wie die Idealbiographien der
Philosophen eine protreptische, eine werbende Schrift. Sie begründet eine neue Lebensform und wirbt zugleich für sie.“54 France weist aber zu Recht auf Schwierigkeiten hin: Das Mk präsentiere Jesus als „the worthy object of devotion and committment; and yet, paradoxically, it presents this more-than-human figure as the object of rejection and humiliation culminating in the most shameful form of death.“55
Es baut eine Spannung zwischen dem als göttlich verehrten und dennoch zurückgewiesenen Jesus auf.56 Von der Gattung der Biographie unterscheidet sich das Mk
51
52
53
54
55
56
14
France weist pointiert auf diese Spannung zwischen Ideal und tatsächlichem Weg Jesu hin: Wenn das
Mk eine Idealbiographie sei, dann „that of a heroic failure.“ [Ders., Mark, 7.]
D. Dormeyer, Literaturgeschichte, 224. Dormeyer vertritt am akzentuiertesten die Einordnung des Mk
als antike Idealbiographie. Vgl. dazu vor allem: Ders., Das Markusevangelium als Idealbiographie von
Jesus Christus, dem Nazarener, Stuttgart 1999, 4-24. Dormeyer geht auch auf die Schwierigkeiten des
Entwurfes ein, die aber der Gattungsbestimmung nicht entgegenstünden. [ebd., 320. Ähnlich: Ders.,
Literaturgeschichte, 220-225.] Die Einordnung der Evangelien als Idealbiographien zeigt auch
Frickenschmidt, D., Evangelium als Biographie. Die vier Evangelien im Rahmen antiker Erzählkunst,
Tübingen 1997.
Dann gilt für die ursprünglichen Hörer des Mk: „They would hardly have thought they were encountering a new literary type. They would have perceived Mark as an example of what they would have
called a ‘life’ [...] and what modern scholars loosely refer to as ‘Greco-Roman biography’.” [Bryan, C.,
A Preface to Mark. Notes on the Gospel in Its Literary and Cultural Settings, New York1993, 25.] Wir
werden sehen, dass die Nähe zur Gattung der Biographie tatsächlich gegeben ist, jedoch Modifizierungen in wichtigen Merkmalen der Bios-Literatur zu treffen sind.
Dormeyer, D., Mk 1,1-15 als Prolog des ersten idealbiographischen Evangeliums von Jesus Christus,
in: BI 5, 2 (1997) 181-211, 204. Was von Jesus in Mk 4 vorausgesetzt wird, gilt nach Dormeyer auch
für die idealbiographische Schrift des Evangelisten: „‘Hört zu’ wird zum Weck-Signal. Jesus bietet
Geschichten an, die mehr sein wollen als interessanter Zeitvertreib. Er ‘erzählt’ weil er seinen Hörern
menschlich begegnen, sie verwickeln und zur Entscheidung bringen will.“ [Ders., Idealbiographie,
175.] Dormeyer würdigt mit seiner Einordnung die Leistung des Evangelisten, Traditionsgut in einen
Entwurf zu integrieren, der den Leser zur Akzeptanz der Idealbiographie von Jesus Christus und zu
dem entsprechenden Lebenswandel bewegen will und kann. Im biographischen Ansatz ist durchaus
auch ein Stück Apologie, die Verteidigung dieses Lebensentwurfes, zu finden. Die Nähe des Mk zur
Gattung der Biographie zeigt auch die Bezeichnung bei Roskam an: „an apologetic tract in biographical form.“ [Roskam, H. N., The Purpose of the Gospel of Mark in Its Historical and Social Context,
Leiden 2004, 238.]
R. T. France, Mark, 10. Becker führt verschiedene Argumente zur Unterscheidung des Mk von der
Biographie auf: „Negative Panegyrik“, also die Passion statt des Lobes der Hauptperson, außerdem
fehlende direkte Bewertung der Charaktere im Mk sowie der Verzicht auf Personenbeschreibungen.
[Dies., Historiographie, 65.]
Dormeyer macht allerdings auf den Unterschied zu anderen Idealbiographien aufmerksam, die sich aus
der Theozentrik des Mk erkläre: „Gerade weil der frühjüdisch monotheistische Gott die Trennung zwi-
auch durch die Art der verwendeten Traditionen, die nicht der Geschichtsschreibung,
sondern der Predigt einer Gemeinde entstammen.57 Anders als antike Idealbiographien ist das Mk nicht hohe Literatur, es „communicates with vigour to a nonliterary audience.“58 Deshalb kann und muss es die Anforderungen der hellenistischen
Literatur nicht erfüllen − und wird immer nur in Teilen bestimmten Gattungen zuzuordnen sein.
Neben den biographischen Anklängen, kann auch der geschichtliche Charakter
der Evangelienschreibung zur Einordnung in hellenistische Kultur dienen. Die Evangelien wären dann der Beginn der christlichen Geschichtsschreibung. Dieser Ansatz
ist problematisch, da die Evangelien nicht unwesentlich von übergeschichtlichen
Momenten bestimmt sind und deshalb mit dem Begriff der Historie nicht zu erfassen
sind.59 Ähnlich wie beim Vergleich mit biographischer Literatur kann das Mk lediglich als Form, die historiographische Elemente enthält, bestimmt werden.
Auch andere literarische Vorlagen der hellenistischen Welt werden für die Gattungsbestimmung des Mk herangezogen, so beispielsweise das Drama60 und das
Genre der Tragödie61 oder Komödie62. Solche Einordnungen weisen auf wichtige
57
58
59
60
61
62
schen göttlicher und menschlicher Sphäre noch strikter als die griechische Götterwelt aufbaute, mußte
die anthropologische Idealisierung des einzigen ‘Gottmenschen / göttlichen Menschen’ Jesus Christus
radikaler ausfallen.“ [Ders., Literaturgeschichte, 208.] Bei Huizing findet sich ein ähnlicher Ansatz,
der die Spannungen mit dem Verweis auf einen Prototyp von Mensch aufzulösen sucht. Jedoch geht es
dem Mk nicht nur um Nachahmung Jesu, so dass auch dieser Ansatz nicht zu befriedigen vermag: „Im
Unterschied zum Idealtyp steht der Prototyp für eine historische Gestalt, die ein radikal neues Erscheinungsbild der Menschen geprägt hat, ein Erscheinungsbild, an dem sich LeserInnen orientieren können.“ [Huizing, K., Ästhetische Theologie I. Der erlesene Mensch. Eine literarische Anthropologie,
Stuttgart 2000, 121.]
Dies ist jedoch nach Dormeyer kein Unterscheidungsmerkmal zur biographischen Literatur, da sie zum
Handeln bewegen will und somit durchaus predigend ist. „Der Leser muss sich auf einen Weg begeben, der aus dem Hellenismus hinausführt und ihn zur grundlegenden Umkehr zu Gottes Offenbarung
in der Auslegung der Schriften Israels führt.“ [Ders., Prolog, 202f.] Eine solche Umkehrerwartung hinter der Schrift habe jedoch immer predigenden Charakter.
R. T. France, Mark, 11.
Becker ordnet das Mk in dieser Richtung ein und kann auch übergeschichtliche Momente integrieren:
„In der Antike ist erzählte Geschichte immer auch gedeutet und enthält zumindest graduell mythische
Erzählmomente, auch wenn sie prinzipiell vom Mythos zu unterscheiden ist.“ [Dies., Historiographie,
2.] Die Verbindung zwischen Historiographie und Evangelien und daraus folgend Historie und Exegese stellen auch: Backhaus, K. / Häfner, G., Zwischen Konstruktion und Kontrolle: Exegese als historische Gratwanderung, in: Dies. (Hg.), Historiographie und fiktionales Erzählen. Zur Konstruktivität in
Geschichtstheorie und Exegese, Neukirchen-Vluyn 2007, 131-136.
France verweist darauf, dass das Mk viele Eigenschaften der Mündlichkeit aufweist. So ordnet er das
Mk als ein Drama in drei Akten ein: Galiläa (1,14-8,21), Weg nach Jerusalem (8,22-10,52), Jerusalem
(11,1-16,8). Die erzählerischen Merkmale, die den Text sehr lebendig erscheinen lassen, weisen auf einen performativen Text, der dem Drama nahe sei. [Ders., Mark, 11-15.] Die Einordnung „performativ“
ist allerdings auch für andere Darbietungsformen offen.
Hengel zeigt aus ähnlichen Beobachtungen wie France, „daß Markus sein Werk als eine dramatische
Erzählung in mehreren »Akten« aufgebaut hat, die cum grano salis selbst den Gesetzen der antiken
Tragödie entspricht.“ [Ders., Probleme, 435.] Lang verweist bei dieser Einordnung auf das Ende des
Mk, solle doch bei einer Tragödie gerade    hervorgerufen werden − was am Schluss
des Mk tatsächlich der Fall ist. [Lang, F. G., Kompositionsanalyse des Markusevangeliums, in: ZThK
74 (1977) 1-24, 21.]
Wegen der inhaltlichen Gegensätze von Herrlichkeit und Leiden Jesu und der damit verbundenen ironischen, im Sinne einer unerwarteten und den Leser verwirrenden Darstellung, wählt Via diese Klassifikation. [Via, D., Kerygma and Comedy in the New Testament, Philadelphia 1975, 67.]
15
Aspekte hin, die den performativen Charakter des Mk unterstreichen. Dennoch ist
das Mk zuerst ein erzählender Text, der deshalb nie ganz in den Kategorien performativer Texte zu erfassen ist.
Das Mk hat von seiner Entstehung eine große Affinität zu alttestamentlichen und
anderen jüdischen Texten.63 Diese werden aufgenommen und zitiert. Auch formale
Ähnlichkeiten, wie die Verwendung im Gottesdienst zeigen die Nähe zu jüdischen
Schriften und ihren Gattungen. Im Ganzen sind aber auch diese Analogien ungenügend für die eindeutige Zuordnung des Mk.
Die Gattungskritik zeigt die Verwandtschaft des Mk zu literarischen Formen seiner Umgebung auf und leistet so die zeitgeschichtliche Einordnung der Schrift. Sie
führt zu der Einsicht, dass das Mk tatsächlich der erste Vertreter einer neuen literarischen Gattung ist. Es orientiert sich an der hellenistischen und jüdischen Literatur,
überschreitet jedoch seine Vorlagen.64
2.4. Narratologische Zugänge
Gattungskritische Vergleiche decken nur Teilaspekte des Mk auf, so dass eine offenere Bestimmung des Textes angezeigt scheint. Viele Autoren nähern sich dem Mk
mit dem Instrumentarium der modernen Erzählforschung, die sich mit der Literatur
des beginnenden 20. Jahrhunderts befasst.65 Das Mk ist aufgrund seiner Entstehungszeit und seiner Kürze schwer mit modernen Romanen vergleichbar, dennoch können
63
64
65
16
So versucht Vines eine Einordnung des Mk als jüdische Novelle, da das Mk inhaltlich in diesen Kontext besser passe als in die Nähe der hellenistischen Romane. [Vines, M. E., The Problem of the Markan Genre. The Gospel of Mark and the Jewish Novel, Leiden 2002, 161.] Ein Versuch, der nicht ganz
überzeugend gelingt.
Kee zählt die verschiedenen möglichen Gattungen auf: aretology, tragedy, ‘origin myth’, hellenistic
romance, comedy, martyrology. Schließlich hält er fest, dass die Ähnlichkeiten eine Beeinflussung des
Autors durch die griechische Literatur zeigen. Mehr als dieses werde aber deutlich, dass hier tatsächlich etwas Neues entstanden sei. [Kee, H. C., Community of the New Age. Studies in Mark’s Gospel,
London 1977, 17-22.] Ebenso findet Müller im Mk Anleihen aus der Bios-Literatur, dem alttestamentlichen Prophetenschicksal und der Historiographie, um dann die Gattung des Mk recht allgemein als
„biographische Erzählung mit perspektivischer und prospektivischer Tendenz“ zu bestimmen. [Müller,
P., „Wer ist dieser?“. Jesus im Markusevangelium, Markus als Erzähler, Verkündiger, Lehrer, Neukirchen-Vluyn 1995, 180.] Der Evangelist ist bei aller Abhängigkeit von seiner Umgebung doch frei,
etwas Neues zu schaffen. „Die allgemein-gültigen Maßstäbe einer Geschichtsdarstellung oder Persönlichkeitsbeschreibung werden hier gesprengt.“ [Ernst, J., Markus. Ein theologisches Portrait, Düsseldorf 1987, 15.]
Genette bezieht sich auf Marcel Prosts „Recherche du temps“ (1913-1927). [Genette, G., Die Erzählung, München 1998, 11f.] Die Methodik der Erzählforschung entwickelte sich in Deutschland erst in
den 60iger Jahren in der Auseinandersetzung mit der modernen Literatur, die stark auf die Rezeption
durch den Leser zielt und in der Autoren ihre Intentionen eher verbergen und zumindest die Botschaft
nicht festlegen. „Wenn es dann zur Entzauberung dieser hermeneutischen Unschuld [der historischen,
ästhetischen und nach der Botschaft fragenden Analyse von Texten. AR] gekommen ist, so durch die
Notwendigkeit, moderne Literatur interpretieren zu müssen, die sich entweder dem Zugriff durch solche Maßstäbe verschloß oder als abstrus erschien, wenn sie diesen unterworfen wurde. [...] Nun aber
kennzeichnet es die Eigenart des Überlieferungsgeschehens, daß die alte und nunmehr historisch gewordene Befragung nicht einfach aus dem Blick schwindet und vergessen wird, vielmehr repräsentiert
sie nun einen in der Vergangenheit sinnvollen, jetzt aber schwer gangbaren Weg der Interpretation.
Daher bedingen die von ihr erzeugten Schwierigkeiten neue Fragen. [...] So hat das klassische Interesse
an der Intention der Texte dasjenige nach seiner Rezeption hervorgetrieben.“ [Iser, W., Der Akt des
Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung, München 41994, II.]
die Fragestellungen der Erzählforschung66 auch dem Verständnis einer antiken
Kleinschrift dienen. Mit der Bestimmung des Mk als Erzählung67 und der Anwendung des entsprechenden literaturwissenschaftlichen Instrumentariums kommt die
Gattungskritik zu erstaunlichen Ergebnissen.68
Als Erzählung gehört das Mk zum Bereich der fiktiven Literatur. Das bedeutet, dass
der Autor im Text eine Welt „baut“, in der eine Geschichte verankert und erzählt
wird. Diese Welt ist von der real erfahrbaren Wirklichkeit verschieden, sie existiert
nur im Text. Hier zeigen sich deutliche Grenzen, denn die Welt, in der das Mk spielt,
ist keine bloß vorgestellte. Sie hat eine historische Grundlage im irdischen Weg Jesu.
Fiktiv ist das Mk nicht im Sinne einer nur erfundenen Geschichte. Der Autor hat jedoch eine fiktive Welt geschaffen, indem er das erzählte Geschehen in einen Rahmen
fasst, der den Weg Jesu in Raum und Zeit verankert und ihn gleichzeitig in theologische Vorgaben einschließt. „Die Tatsächlichkeit der präfigurierten Geschichte tritt
dabei in den Raum der Fiktion ein, jenen Raum, der die Geschichte als Als-Ob-Geschehen bildet.“69 Das Zusammenstellen der Erzählung aus den einzelnen Teilen
formt eine fiktive Welt im Text. Die Redaktionsgeschichte zeigt, dass der Evangelist
den Lebensweg Jesu nicht dokumentarisch erzählt. Vielmehr ist seine Darstellung
von theologischem Interesse geprägt.70
66
67
68
69
70
Malbon verweist auf die unterschiedliche Fragestellung der Methoden: Diese zeigen bereits Chancen
der narrativen Methodik auf. Die Redaktionsgeschichte frage: Wie ist der Text in seiner Zeit zu verstehen? Die narrative Analyse stellt dagegen die Frage: Wie führt der Text mit seinen Strukturen zum
Verständnis? [Malbon, E., Narrative Criticism: How does the Story Mean?, in: Capel, J. / Moore, S. D.
A. (Hg.), Mark and Method. New approaches in Biblical Studies, Minneapolis 1992, 23-49, 24.] Diese
Strukturen sind zu jeder Zeit der Rezeption wahrnehmbar. Allerdings müssen sich beide Fragestellungen ergänzen. In der narrativen Methode darf der ursprüngliche Kommunikationszusammenhang nicht ausgeblendet werden.
In einer am Verstehen interessierten Vorgehensweise, ist die Methode hilfreich, wenngleich die Einordnung des Mk als Erzählung vom gattungskritischen Gesichtspunkt her nur „Vorarbeit zur Bestimmung seiner literarischen Gattung“ ist. [Fendler, F., Studien zum Markusevangelium, Göttingen
1991, 44.]
Die Erzählung scheint der kleinste gemeinsame Nenner in Bezug auf die Gattung des Mk zu sein. Es
ist zwar eine recht ungenaue Bestimmung, jedoch wird zu zeigen sein, dass sie neue Perspektiven
eröffnet. „While there is much disagreement over the precise literary genre that best accomonodates
Mark’s Gospel or whether it is in fact sui generis, all would agree that the fundamental category to
which it belongs is that of a narrative. By narrative we mean a story or an account of events and participants who move through time and space, a recital with a beginning, middle and end.“ [Marshall, C.
D., Faith as a Theme in Mark’s Narrative, Cambridge 1989, 13.] Viele Autoren legen das Mk deshalb
mittels der narrativen Analyse aus: Best, E., Mark: The Gospel as Story, Edinburgh 1983. van Iersel,
B., Reading Mark, Edinbourgh 1989. Malbon mit zahlreichen grundlegenden Arbeiten. Rhoads, D. /
Michie, D., Mark as a Story. An Introduction to the Narrative of a Gospel, Philadelphia 1982. Tannehill, R., The Gospel of Mark as Narrative Christology, in: Semeia 16 (1979) 57-95. Nicht speziell auf
das Mk, sondern allgemein die Exegese des NT bezogen: W. Egger, Methodenlehre. Eine Konkretisierung des Ansatzes Isers für biblische Schriften liefert: Nißlmüller, T., Rezeptionsästhetik und Bibellese.
Wolfgang Isers Lese-Theorie als Paradigma für die Rezeption biblischer Texte, Regensburg 1995.
Hiller, D., Geschichte in Geschichten. Theologische Überlegungen zum Verständnis von Geschichte
im Anschluss an Paul Ricœur, in: Dies. / Schneider-Flume, G. (Hg.), Dogmatik erzählen?, NeukirchenVluyn 2005, 51-60, 58.
Der Evangelist treibt „Theologie in der Weise der Erzählung.“ [T. Söding, Glaube, 101.] Daraus ergeben sich die Regeln für die Interpretation, denn es gibt „Eigenschaften, die alle Erzählungen gemeinsam haben, selbst wenn manche von historischem Material Gebrauch machen, sofern der Autor eine
17
In der fiktiven Erzählung des Mk wird zudem nicht die gesamte Welt des irdischen Jesus dargestellt. Das Mk eröffnet nur bestimmte, wohl ausgewählte Blicke
darauf. Es geht dem Evangelisten um die Motivation und Ansprache der Leser.71
Dies wird in vielen Ansätzen mit der Dimension der Predigt erfasst.72
Die vom Autor dargestellte Welt unterscheidet sich in einem weiteren wesentlichen Punkt von der Welt des irdischen Jesus. Der Autor weiß sich und seine Adressaten unter das Bekenntnis des Auferstandenen gestellt. Dadurch ist seine Perspektive immer anders als die der Akteure in der erzählten Welt. Die wichtigste Fiktion
inhaltlicher Art, die das Mk auch in seiner Ordnung bestimmt, ist das zurückdatierte
Bekenntnis zum Auferstandenen.73 Wir finden im Mk eine Welt nach den Vorstellungen und Intentionen des Autors, die den Leser einlädt, in sie einzutreten und
die eigene Gegenwart davon bestimmen zu lassen. Wie dem Autor das gelingt, versucht die Erzählforschung zu zeigen.74 „The supposed benefit of reading the Gospel
of Mark like other narrative fiction would be that the reader would return from the
world of the text transformed, or at least challenged.“75 Von anderen Erzählungen
bleibt das Mk durch seine besondere Anlage als „theologically motivated and historically oriented“76 dennoch unterschieden.
Für das Verstehen des Mk im Kontext heutiger christlicher Gemeinden bringt die
Erzählforschung reichen Ertrag. Wenn die der Erzählung innewohnende Tendenz zur
Vergegenwärtigung des Erzählten tatsächlich zum Ziel kommt, kann der Text des
Mk auch heute noch Leser ansprechen. Die Kommunikation mittels des Mk öffnet
71
72
73
74
75
76
18
starke, kreative Rolle spielt.“ [Tannehill, R., Die Jünger im Markusevangelium − die Funktion einer
Erzählfigur, in: Hahn, F. (Hg.), Der Erzähler des Evangeliums, Stuttgart 1985, 37-66, 41.]
Das Moment der Fiktion betrifft „the narrated world constructed by the author in a theological reflection of the message of Jesus from Nazareth and the relevance of this message in the life experience of
the author and of the audience for whom he was writing.“ [Dawson, A., Freedom as liberating Power.
A socio-political reading of the exousia texts in the Gospel of Mark, Göttingen 2000, 95.]
Das betonen besonders die vom Reader-Response-Konzept bestimmten Ansätzen: Der Autor schreibe,
um gewisse Antworten beim Leser zu provozieren, die sich im Tun und Denken niederschlagen. [Heil,
J. P., The Gospel of Mark as a Model for Action. A Reader-Response Commentary, Eugene 2001, 1.
Ähnlich: B. van Iersel, Markus, 58f.] Der Leser wird eingeladen, mit dem Text in den Dialog zu treten.
„Diese Beteiligung gilt aber nicht nur für den zeitgenössischen Leser, dem die Normen des Repertoires
aus seiner Umwelt vertraut sind; sie gilt auch für den historisch späteren Leser. Die geschichtliche Distanz zwischen Text und Leser muß daher nicht bedeuten, daß der Text seinen innovativen Charakter
verliert.“ [W. Iser, Lesen, 131.]
Der Text ist „durch den Glauben geprägt, daß der irdische Jesus selbst in seinem irdischen Wirken
kerygmatische, den Glauben begründende Funktion habe.“ [U. Luz, Jesusbild, 352.] Diese kerygmatische Funktion ist vom Anliegen der Botschaft des irdischen Jesu (Reich-Gottes-Botschaft) verschieden, vgl. die Überlegungen zu „Evangelium Jesu Christi“ unter 2.1.3. in Kapitel I.
Die narrative Analyse „bestimmt den Erzähltext als eine eigenständige, in sich kohärente Erzählwelt,
die in die Welt des Lesers eindringt und ihn zur Konfrontation mit etwas Neuem, Unerwartetem
zwingt.“ [Oppel, D., Heilsam erzählen − erzählend heilen, Weinheim 1995, 125.] Fiktiv ist das Mk als
ein „nach erzählerischem Gesichtspunkt gestaltetes Ganzes.“ [ebd., 126.]
R.A. Horsley, Hearing, 9.
Incigneri, B. J., The Gospel to the Romans. The Setting and Rhetoric of Mark’s Gospel, Leiden 2003,
19. Bei Incigneri finden sich auch weitere Facetten dieses Thema betreffend. Ähnlich legt Grab die
Spannung dar: „Von aussen gesehen ist sein Evangelium eine bunte Reihe von Berichten über das Leben Jesu oder eine fast zusammenhanglose Sammlung von Überlieferungen, von innen geschaut
enthüllt es sich als ein lawinenhaft fortdrängendes Drama der göttlichen Offenbarung.“ [Grab, R.,
Einführung in das Markus-Evangelium, Zürich 1965, 6.]
das erzählte vergangene Geschehen auf Gegenwart und Zukunft hin. So kann jede
Lektüre des Mk dessen Anruf an die Leser neu vernehmbar machen.77
2.5. Ausblick
Aus den unterschiedlichen Ansätzen in der Forschungsgeschichte des Mk ergeben
sich wichtige Markierungen für die Dimensionen seiner Abfassung. Die Formkritik
zeigt eine Vielzahl von Traditionen und Überlieferungen über den irdischen Jesus,
die es im Umfeld des entstehenden Mk gab. Sie weisen auf eine lebendige Erzähltradition in den frühen christlichen Gemeinden hin. Der Evangelist hat verschiedene
Traditionen aufgenommen und in ein Gesamtkonzept eingefügt, das wichtige Themen für die Adressaten erläutern sollte. Dabei ging es ihm um den irdischen Jesus,
der zugleich als der erhöhte Christus zu glauben ist, und um die Nachfolge des Irdischen wie des Erhöhten. Die Darstellung im Mk steht im Dienst der Vermittlung
solcher Themen. Das Mk ist − so zeigte die Gattungskritik − in vielen Punkten Formen antiker Literatur vergleichbar, die die Motivation ihrer Leser zum Ziel haben.
Deshalb ist auf die performativen Qualitäten des Mk zu verweisen, die in der Analyse mittels der Erzählforschung aufgenommen werden. Im Miteinander der verschiedenen Ansätze zeigt sich die Spannung zwischen der Erforschung der geschichtlichen Entstehung des Mk und seiner theologischen Aussagen, die über die Entstehungszeit hinaus bis in die Gegenwart weisen.78 Diese Spannung wohnt dem Mk
schon im Ansatz inne. Es ging ihm um den Glauben und die Jüngerschaft der Leser,
die sich auf den Erhöhten ausrichten und auf der Erzählung des irdischen Weges Jesu
gründen soll.79 Das Mk ist als eine Schrift im Dienst der Gemeinde zu lesen. „Es war
ihr Katechismus, ihr Glaubensbuch, das Grundgesetz ihrer Glaubensgemeinde und
der Leitfaden für ihr christliches Leben inmitten der Welt.“80
Was für die ursprünglichen Adressaten des Mk gilt, kann dem Mk auch heute Bedeutung für Gemeinden verleihen. Deshalb wird die Analyse die narratologische Bestimmung des Mk aufnehmen. Der Text wird auf Anknüpfungspunkte für die Gemeinde zur Entstehungszeit des Mk und darüber hinaus bis heute befragt. Unter der
77
78
79
80
Eine leserorientierte Analyse kann den Text immer neu ins Gespräch bringen. Diese leserzentrierte
Wahrnehmung des Mk findet sich u.a. bei: Donahue, J. / Harrington, D., The Gospel of Mark, Collegeville 2002. Fowler, R. M., Let the Reader understand. Reader-Response Criticism and the Gospel of
Mark, Minneapolis 1991. Schenke, L., Das Markusevangelium. Literarische Eigenart − Text und
Kommentierung, Stuttgart 2005. Kritisch steht einer zu starken Leserorientierung Schenk gegenüber.
[Schenk, W., The Roles of the reader or the myth of the Reader, in: Semeia 48 (1989) 55-80.]
Die Spannung zwischen den verschiedenen Ansätzen findet sich nicht nur in der Literaturwissenschaft,
auch die Geschichtswissenschaft nimmt in neueren Ansätzen eine ähnliche Entwicklung. Sie geht weg
von der Erforschung von Hypothesen geschichtlicher Abläufe hin zur Analyse sprachlicher Fakten und
Ereignisse. [Noiviel, G., Die Wiederkehr der Narrativität, in: Eibach, J. / Lottes, G. (Hg.), Kompass der
Geschichtswissenschaft, Göttingen 2002, 355-370, 356.]
„Der Evangelist hatte primär nicht zu verkündigen und zu vermahnen, sondern die Voraussetzungen
dafür bereitzustellen. Er durfte sich weder dem Drang zu eigenen Beiträgen noch einfach den Bedürfnissen der Empfängergemeinde überlassen.“ [Pohl, A., Das Evangelium des Markus, Wuppertal
1986, 34.] Der Evangelist wollte die Grundlage gemeindlichen Glaubens zur Verfügung stellen. Dass
er aber dennoch predigt und auch auf die Situation der Empfänger schaut, wird zu zeigen sein.
Schnackenburg, R., Das Evangelium nach Markus I, Leipzig 1966, 8.
19
Prämisse, dass die Erzählung des Mk vergegenwärtigende Qualität hat, kann der Text
für die stets neue Rezeption geöffnet werden.
3. Erzähltes Evangelium
„Der Verfasser der Mk-Ev hat mit seinem Werk eine neue literarische Gattung geschaffen, für die es kein Vorbild gibt, die auch erst auf dem Boden christlicher Überlieferung, der urkirchlichen Jesusüberlieferung, entstehen konnte. Mit seinem Buchtitel (vgl. zu 1,1) hat Markus eine Entwicklung eingeleitet, die zur Benennung der
Bücher, in denen urchristliche Autoren die Jesustradition zusammenfassen und für
ihre Gemeinden bearbeiten, als ‚Evangelium‘[...] führt.“81
Eine solche Zusammenfassung der Jesustraditionen und ihre literarische Gestaltung bedürfen eines starken Anstoßes. Dies gilt umso mehr, da sich − so wurde gezeigt − das Mk mit seiner Form etwas außerhalb der üblichen Literatur des ersten
Jahrhunderts stand. Aus der Wahrnehmung des Textes des Mk, nicht der Rekonstruktion historischer Fakten, sollen nun Rückschlüsse auf die Entwicklungen
gezogen werden, die den Impuls zur Abfassung des Mk gegeben haben. Die Art, wie
der Evangelist schreibt, zeigt an, welche Adressaten er ansprechen wollte. Wenn wir
die Entstehungssituation des Mk nachzeichnen, gewinnen wir auch Anregungen, wie
das Mk heute seine Adressaten erreichen und für christliche Gemeinden Bedeutung
erlangen könnte.
3.1. Evangelienschrift und „Evangelium“
„Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr
habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium
werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe. Oder habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen? Denn vor allem
habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere
Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag
auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf.
Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen
sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann
allen Aposteln. Als letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der
Missgeburt.“ (1 Kor 15,1-8)
Der Text aus 1 Kor 15 zeigt auf, was die ersten Christen mit dem Begriff „Evangelium“ verbanden: Die Botschaft von Tod und Auferstehung Jesu − eine Botschaft, die
zum Bekenntnis wurde und Rettung verhieß. „Evangelium“ in diesem Sinne unterscheidet sich jedoch erheblich von der Gattung des Evangeliums, deren erster Vertreter das Mk war. „Evangelium“ beinhaltet seit der Etablierung des Mk und der fol81
R. Pesch, Markus I, 1. Eine legitime Entwicklung, darauf weist Dormeyer hin. Da mit der Darstellung
des Wirkens Jesu der Leser Zugang zum Evangelium Gottes in Christus erhalte, sei die Bezeichnung
als „Evangelium“ berechtigt. [Ders., Literaturgeschichte, 200-203.]
20
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
14
Dateigröße
298 KB
Tags
1/--Seiten
melden