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- 1 - Tag 8: Watrelos - Peronne Was für eine Nacht - LimeSim

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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Tag 8: Watrelos - Peronne
Was für eine Nacht! Dieser dämliche Hahn hat tatsächlich die ganze Nacht in den
schiefsten Tönen geschrieen. Einige Male war ich kurz davor, in den Käfig zu
springen und ihm den Hals umzudrehen. Es ist (leider) nicht dazu gekommen.
Der Morgennebel hat das ganze Zelt durchnässt, doch er verzieht sich
glücklicherweise nach einiger Zeit. Ich fahre den ganzen Tag durch über kleine
Landstraßen. Die feuchte Luft und die pralle Sonne lassen endlich mal ordentliche
Hitzetemperaturen aufkommen. Ich liebe Hitze! In der Entfernung verschwinden die
Hügel im starken Dunst.
Schwertransport bei Douai
Die Dörfer zeichnen sich alle durch sehr alte, teils zerfallene Häuser aus, wie man sie
in Deutschland kaum noch sieht. Ich frage mich beim Anblick dieser Dörfer, wo denn
der Reichtum dieser "Gran Nation" sein soll. Alles nur Lug und Trug? Die meisten
Dörfer könnten genauso gut in Slowenien stehen. Einem Land, das bis jetzt nicht in
die EU aufgenommen wurde.
Je weiter ich heute nach Süden komme, desto deutlicher werden die Spuren alter teils deutscher - Geschichte. Die Soldatenfriedhöfe aus dem Ersten Weltkrieg, dem
"Gran Guerre" (Großen Krieg) werden immer zahlreicher. Deutsche, Franzosen,
Engländer, Kanadier, Amerikaner, Australier, Inder, Südafrikaner...
Was in dieser friedlichen Landschaft alles an Menschen niedergemetzelt worden sein
muss, ist unvorstellbar. Diese leicht hügelige Landschaft mit ihren Wäldern und
Wiesen soll einmal eines dieser von Kratern zerwühlten Schlachtfelder gewesen sein?
Es ist schwer, sich das beim Anblick dieser Landschaft vorzustellen.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Friedliche Landschaft
Als einzigen größeren Ort heute habe ich Douai zu durchfahren. Doch dank der
überall stehenden Stadtpläne gestaltet sich die Durchfahrt ohne Probleme. Dabei fällt
mir ein lustiges Verkehrsschild auf: "SAUF BUS". Was das wohl heißen mag?
In Peronne quartiere ich mich wieder auf einem Campingplatz ein. Dabei nehme ich
das erste Mal in Frankreich einen "Camping Municipal", also einen städtischen
Campingplatz. Wie ich später noch erfahren werde, sind dies immer die billigsten und
dazu noch in der Regel gut ausgestattet.
Was ich diesen Abend bemerke: Franzosen können streiten! Und dabei wird sich so
ins Zeug gelegt, dass im Tonfall auf die Umgebung keine Rücksicht genommen wird.
Übrigens: Oft sprechen Franzosen in einem Ton miteinander, dass ich denke, sie
gehen sich jeden Moment mit einem Messer an die Kehle. Dabei stellen sich diese
Gespräche bei genauerem Hinhören nur als normaler Alltagsklatsch heraus. Echt
seltsam. Ich muss wohl noch eine Menge über Franzosen lernen...
Heute gefahren: 108,80km
Gesamt:
1.025,62km
Tag 9: Peronne - Thiers-Sux-Thève
Vom Morgen an folge ich den ganzen Tag lang der Nationalstraße N17, die bis nach
Paris führt. Die Landschaft wird immer hügeliger und die Anstiege stellen immer
größere Anforderungen an mich. Immer noch sind viele Kriegsfriedhöfe über die
ganze Landschaft verteilt zu finden. Auf der Nationalstraße komme ich zwar schneller
voran, doch sind die daran gelegenen Dörfer deutlich hässlicher und bis zum Abend
passiert rein gar nichts Bemerkenswertes.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Kanadischer Kriegsfriedhof
Bei Senlis bekomme ich einmal arge Probleme, da die N17über einen Kilometer auf
einer Autobahn verläuft. Nachdem durch den Wald kein Weg zu finden war, muss ich
wohl oder übel über die Autobahn nehmen. Die Hitze ist wieder mal drückend. Im
Einkaufszentrum tropft mir der Schweiß dermaßen vom Gesicht, dass ich aufpassen
muss, nichts nass zu machen. Meine neue Landkarte sagt leider nichts über einen
Campingplatz nördlich von Paris. Umso glücklicher bin ich, wie ich neben der Straße
plötzlich eine Wiese voll mit Wohnwagen sehe. Am Eingang hält mich ein älterer
Mann mit einem faltigen Gesicht an: "No camping". Da er nur Französisch spricht, ist
ein weiteres Gespräch sinnlos. Bei genauerem Hinsehen kommt mir der Platz
tatsächlich etwas seltsam vor. Überall sehe ich Wäsche hängen und die Leute
scheinen hier richtig zu leben. Dann klingelt's in meinem Kopf: Ich bin offenbar auf
eine Roma-Sinti-Siedlung gestoßen. Bis jetzt habe ich mir dieses Volk immer mit
Pferdekarren durchs Land reisend vorgestellt und die Frauen alle mit großen
Ohrringen und Kopftüchern. Doch auf der Wiese stehen durchweg Autos der
Mittelklasse mit dem dazugehörigen Wohnwagen. Die Menschen unterscheiden sich,
abgesehen von der dunkleren Hautfarbe, kaum von den anderen hier.
Ich fahre noch ein Stück weiter und frage auf einem Supermarkt-Parkplatz jemanden
nach einem Campingplatz. Der Mann, den ich frage, kann leider wieder nur
Französisch. Er macht mir aber verständlich, dass seine Frau in zwei Minuten da sei.
Sie könne Englisch. Mit seiner Frau berät er einige Zeit darüber, wo denn der
nächste Campingpla tz ist. Sie kommen zu dem Entschluss, dass ich 3km zurück zu
dem Dorf Thiers-Sux-Thève fahre müsse. Dort gäbe es einen Campingplatz.
Im Dorf angekommen sehe ich leider nichts davon. Ich frage an einer Art Dorfplatz
ein paar Jugendliche danach. Nicht mal einer von ihnen kann Englisch. Ich versuche
es weiter. Just in diesem Augenblick kommt ein Kleinbus mit ein paar
Geschäftsleuten vorbei, die ebenfalls nach dem Weg fragen. Zwei Mädchen von der
Gruppe fragen sie, ob jemand von ihnen Englisch könne. So hilft mir einer von den
Geschäftsleuten, der kaum älter als ich sein mag, in exzellentem Englisch weiter.
Einen Camping gäbe es hier nicht. Nach einigem Hin- und Her kommt von einem der
Mädchen der Vorschlag, dass ich mein Zelt bei ihr im Garten aufschlagen könnte.
Oje, auf was habe ich mich da nur eingelassen? Schnell wird der Vater vor die
Gartentür geholt, der natürlich auch kein Englisch kann. Ein sympathischer Mann,der
seine Tochter auf die Frage hin nicht mal ungläubig ansieht. Das Ganze wäre kein
Problem, meint er. Ich bedanke mich herzlich bei dem Geschäftsmann für seine Hilfe
und er rennt zurück zum Auto. Die anderen drängeln schon die lange Zeit zur
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Weiterfahrt.
Der Garten befindet sich hinter einer riesigen Mauer, doch braucht sich wirklich nicht
dahinter zu verstecken. Der gut gepflegte Rasen scheint mir fast viel zu schade für
mein Zelt. Hinterm Eingangstor sitzt auch ein großer Schäferhund, der sich freudig
von mir streicheln lässt. Nur der kleine Kläffer von der Mutter mag mich überhaupt
nicht. Trotz der Sprachbarriere kommt Kommunikation, besonders mit dem Vater,
zustande. Ich erfahre, dass er am nahe gelegenen Flughafen Charles de Gaule als
Mechaniker an der Concorde arbeitet und diese wohl ab November wieder fliegen
wird. Zudem bekomme ich ein paar Tipps dazu, wie ich am besten mit dem Rad in
die Innenstadt von Paris fahre. Und das Beste: Ich darf die Dusche im Haus
benutzen. Wow! Ich bin einfach beeindruckt von diesen so gastfreundlichen Leuten!
Heute gefahren: 110,72km
Gesamt:
1.136,34km
Tag 10: Thiers-Sux-Thève - Paris - Ormoy
Am Morgen verabschiede ich mich von diesen netten Menschen und mache mich auf
den Weg nach Paris. Es ist der Tag des Finales der Tour de France. Man sieht heute
viele Rennradler, die wohl ebenfalls auf dem Weg zu diesem Event sind. Ich möchte
mir es einfach nur mal ansehen, weil es etwas mit Fahrrädern zu tun hat, auch wenn
ich mich nicht sonderlich dafür interessiere. Die N17 ist weiterhin gut mit dem Rad zu
befahren, auch wenn sie teils zweispurig ist. Dies mag aber a uch nur ein persönlicher
Eindruck von mir sein. Es ist schließlich Sonntagsverkehr. Am Flughafen Charles de
Gaule bestaune ich die vielen landenden Flugzeuge aus aller Welt, die über meinen
Kopf hinwegdüsen. Am nächsten Flughafen Le Bourget sehe ich schon von weitem
die beiden Adriane Weltraumraketen, die wohl noch von der letzten internationalen
Luftfahrtmesse dort stehen. Sie sind wirklich beeindruckend groß. Schade eigentlich,
dass ich keine Zeit zu einem Besuch des großen Französischen Luftfahrtmuseums
habe.
Musee de L'Air et de L'Espace, Paris-Bourget
Vom historischen Paris, das sich einem in zahlreichen Reiseführern präsentiert, sehe
ich lange Zeit gar nichts - nicht einmal den Eiffelturm. Was aber viel beeindruckender
ist, sind die außerhalb gelegenen Afrikanischen Märkte. Am Straßenrand stehen
überall Stände, an denen die verschiedensten Dinge verkauft werden. Schwarz-4-
Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Afrikanische Frauen in beeindruckenden Trachten laufen über die Straße. Die rechte
Spur ist größtenteils durch Autos mit angeschalteter Warnblinklichtanlage zugeparkt,
ohne auf die daneben stehenden Autos in der Parkspur Rücksicht zu nehmen. Die
meisten Autofahrer legen übrigens beim Parken keine Parkbremse ein. So kann sich
jeder beim Ausparken genügend Platz verschaffen, indem er die anderen Autos
einfach vor- oder zurückschiebt.
In dieser Umgebung und der heutigen Hitze könnte ich fast denken, ich wäre in einer
großen Stadt irgendwo auf dem Afrikanischen Kontinent - nicht aber Paris.
Hinter den afrikanischen Märkten beginnt nun langsam die Altstadt von Paris.
Anhand der Stadtkarten, die an jeder Metro-Station stehen, komme ich ohne große
Probleme bis zum Place de la Concorde bei den Champs-Elysées.
Place de la Concorde
Die ganze Straße ist für die Tour de France abgesperrt und überall sind Polizisten.
Ich habe Schwierigkeiten, mein Rad durch die Menge durchzuschieben. An manchen
Engpunkten verstopfe ich mit meinem Fahrrad zeitweise alles.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Vorm Louvre: Das Lächeln des...
Letztendlich finde ich einen schönen Platz auf der Mauer des Louvre-Gartens, wo ich
mitten im Fahrkreis stehe. Doch bis zum Finale vergeht noch einige Zeit. Zeit?
Stunden! Um 14 Uhr sitze ich da und warte, erstehe ein kaltes Fläschchen Wasser
für 10 Franc, und warte weiter. Um 15 Uhr beginnt schließlich ein unendlicher Zug
von Werbeautos, die immer im Kreis herum fahren. Auf den Wagen sitzen nett
anzusehende junge Frauen, die lächeln, winken und den Zuschauern
Werbegeschenke zuschmeißen. Karneval lässt grüßen...
Werbefeldzug
Nach 16 Uhr wird die Menge schließlich unruhig. Der Lautsprecher-Kommentator
übrigens auch. Es gibt ja schließlich keine Werbesprüche mehr zu klopfen. Erst
Stille... dann kommen einige Fahrräder um die Ecke gezischt und verschwinden nach
einigen Sekunden wieder aus dem Blickfeld. Ein großer Anhang an TeamFahrzeugen rast hinterher.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Zisch!... Und weg.
Das Ganze sehe ich mir eine weitere Runde an. Dann wird es mir zu dumm, immer 5
Minuten zu warten um in wenigen Sekunden ein paar Blicke auf andere Radler zu
ergattern. Ich mache mich also aus dem Staub.
Mein Louvre überquere ich die Seine und folge ihr bis zum Eiffelturm. Den Turm
übersehe ich fast, fahre ein Stück zurück und stehe kurze Zeit später direkt unter ihm.
Hmm... ist ja ganz nett hier. Besonders der steile Blick direkt nach oben in den Turm
fasziniert mich. An jedem der vier Pfeiler sind Souvenirläden, an denen man kleine
Nachbildungen des Turmes kaufen kann, sowie eine Kasse für den Eingang.
Touristen sind momentan recht wenige hier. Die scheinen sich alle das Finale der
Tour de France zu Gemüte zu führen. Durch den Palastgarten hinter dem Eiffelturm
verlasse ich die Innenstadt. Es ist schon später Nachmittag und ich muss heute noch
einen Campingplatz südlich von Paris erreichen.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Ohne Worte...
Mithilfe eines deutschen Autofahrers und seiner Stadtkarte finde ich aus dem inneren
Bereich der Stadt heraus. Über die N20 verlasse ich geradewegs die Stadt. Doch
hinter Paris verwandelt sie sich plötzlich ohne Vorwarnung in eine stark befahrene
Schnellstraße ohne Seitenstreifen. Die Autos brettern an mir vorbei wie auf einer
Autobahn und hinzu kommen noch einige deftige Steigungen, bevor ich endlich eine
gut gelegene Ausfahrt für einen anderen Weg finde. Über die kleinen Seitenstraßen
ist der Weg nach Etampes (Campingplatz) zwar länger, doch das ist es mir wert. Das
Licht der tief liegenden Sonne taucht die Landschaft mit ihren vielen alten
Herrenhäusern in ein unheimliches Licht. Eine Zeit lang meine ich in einem Müllsack
einen erschreckenden Totenkopf sehen zu können. Bei weiterer Annäherung stellt er
sich glücklicherweise nur als ein Stück Müll heraus. Ich fasse an meinen Helm, der
noch total heiß von der Mittagssonne ist. Es muss heute einfach zuviel gewesen sein.
Nach einem harten Anstieg geht es bis Etampes nur noch leicht bergab. Die
Landstraße ist mit vielen Sprüchen, Namen und Zeichnungen bemalt. Leider in die
falsche Richtung. Also wohl doch nicht für mich gedacht... Die Radler der Tour de
France sind hier heute erst durchgerast. Die Leute sehen mich Reiseradler mit
großen Augen an. Scheinen wohl alle noch im Fahrradfieber zu sein...
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Kunst auf der Straße
In Etampes frage ich mich bis zum Campingplatz durch und mir wird auch immer
freundlich geholfen. Nur so etwas Unfreundliches wie den Platzwart dort habe ich
lange nicht erlebt. Auf meine freundliche Anfrage ob er Englisch spricht, kann ich
verstehen: "Du bist hier in Frankreich, also hast Du auch Französisch zu sprechen!"
Unfreundlich teilt er mir mit, dass dieser Platz nur für "Enfants", also Kinder sei. Ist
mir zwar schleierhaft, wie Kinder ein Wohnmobil fahren können - aber geht mich ja
nichts an. Wenigstens sagt er mir, dass einige Kilometer weiter ein Campingplatz
sein soll, den ich anzufahren hätte.
In der Nähe des Dörfchens Ormoy finde ich ihn dann auch. Vier Sterne und eine
wunderbare Dusche, die ich mir nach diesem Tag redlich verdient habe...
Heute gefahren: 113,36km
Gesamt:
1.249,70km
Tag 11: Ormoy - Romorantin
Gleich hinter meinem Zelt wird morgens um 7 eine Baustelle eröffnet. Es macht
richtig schöne Morgenlaune vom liebevollen Piepsen des Rückwärtsganges eines
Baggers geweckt zu werden.
Nach einem längeren Anstieg fahre ich bis Orléans über eine Hochebene. Die
Gegend wird landwirtscha ftlich stark genutzt. Überall sind Bauern zu sehen, die mit
ihren riesigen Mähdreschern die Ernte einholen und dabei große Staubwolken hinter
sich herziehen.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Ernte
Folge dessen gibt es überall nur Felder und selten Bäume, die kostbaren Schatten
spenden könnten. Die Einwohner in den Dörfern haben sich zur Mittagszeit alle in
ihre Häuser verkrochen und die Jalousien herabgelassen. Eine kluge Entscheidung.
Wer ist denn schon so verrückt und fährt bei solcher Hitze mit dem Rad über eine
schattenlose Landschaft?
Ländliches Dorf
Die Altstadt von Orléans ist ganz nett anzusehen, sonst kann ich ihr aber nicht viel
abgewinnen. Ich überquere unbewusst die Loire, einen ziemlich dreckigen Fluss.
Beim einkaufen werde ich von einem Obdachlosen, der vorm Supermarkt sitzt,
angesprochen. Er sei Lothringer, also auch Deutscher, teilt er mir in gebrochenem
Deutsch mit. Ich solle auf mein Fahrrad aufpassen, sagt er mir. Wie er das nun
gemeint hat, weiß ich leider nicht. Ich werde das sicher tun. Nach dem Einkaufen
spricht er mich weiter an und wiederholt immer wieder die Worte: "Gute Reise!
Werde gut!". Dabei spricht er zwische nzeitlich eine Passantin an, die ihm auch nett
antwortet. Wie alle anderen, die er anspricht. In Deutschland undenkbar. Aber außen
stehende Menschen, wie auch die Roma-Sinti scheinen hier in Frankreich viel mehr
akzeptiert zu werden. Der weitere Weg bis Romorantin führt über einige Hügel durch
eine schöne Wald- und Seenlandschaft. Die Dörfer sind schon von weitem anhand
ihrer Kirchtürme auszumachen.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
In der Nähe eines Militärgeländes südlich von Orléans bekomme ich Probleme mit
meinem Tacho. Die Digitalanzeige springt immer von 0 auf 20, 30, 40 hin und her.
Nach einer halben Stunde ist der Spuk wieder vorbei. Eine seltsame Sache...
In Romorantin schlage ich mein Zelt auf dem Campingplatz auf und lasse den Abend
langsam ausklingen...
Heute gefahren: 133,22km
Gesamt:
1.382,92km
Tag 12: Romorantin - St.Gaultier
Hinter Romorantin wird die Landschaft wieder hügeliger und steile Anstiege sind
keine Seltenheit. Was mir besonders gefällt, ist, wie die Bauern hier ihre Felder
"eingezäunt" haben.
Und zwar mit Brombeerbüschen. Für den kleinen Hunger nebenbei echt perfekt! Im
Großen und Ganzen ist die Landschaft schön anzusehen, wie gestern. Besonders
die Dörfer bestehen aus vielen alten Bauten, die an einen steilen Berghang gebaut
wurden.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Viel passiert heute nicht. Ich genieße einfach die stille Landschaft, habe mich nicht
mit starkem Verkehr herumzuschlagen und genieße die wieder einmal stark
strahlende Sonne. Zudem wachsen am Straßenrand Pflanzen, die einen
wunderbaren, süßlichen Duft verbreiten und endlich mal die Abgase der stark
befahrenen Nationalstraßen aus der Lunge vertreiben.
Mein Zelt schlage ich heute Abend im schönen Örtchen St.Gaultier auf dem
"Camping Municipal" auf. Und das für nur etwa 6,50 DM! Neben mir stehen zwei
Esslinger mit ihrem Wohnmobil, mit denen ich mich noch am Abend noch unterhalte.
Sie sind auf dem Weg zur Atlantikküste. Irgendwie lustig, dieser schwäbische
Dialekt...
Heute gefahren: 101,19km
Gesamt:
1.484,11km
Tag 13: St.Gaultier - St.Vienne
Am Morgen verlasse ich St.Gaultier wieder und werfe noch einen Blick auf die
wunderbare Kathedrale.
St.Gaultier
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Die heutigen Anstiege werden immer deftiger. Kaum freue ich mich darüber, dass ich
mal 100 Höhenmeter geschafft habe, sehe ich es hinter einer langen Abfahrt
mindestens wieder genauso hoch bergauf gehen. Eine ganz schön kräftezehrende
Etappe heute, die das Äußerste von mir fordert.
Sehr schön anzusehen ist der Ort St. Benoît, dessen Häuser sich an teils äußerst
steile Felswände schmiegen.
St.Benoît
Danach folge ich durchweg einer Parallelstraße der A20 bis nach Limoges. Der Pass
über die Monts de la Marche bringt mich an meine letzten Grenzen. Zudem ist mir
auch noch das letzte Trinkwasser ausgegangen. Die Anstiege werden immer
extremer. Nach stundenlanger Fahrt durch die Berge erreiche ich endlich Limoges.
Es ist schwierig, nicht anhand der Schilder über die Autobahn in der Innenstadt
geleitet zu werden. Irgendwie finde ich einen Weg durch das Gewerbegebiet. Im
südlichen Teil der Stadt Suche ich den auf meiner Frankreichkarte eingezeichneten
Campingplatz. Keiner weiß mir zu helfen, niemand hat je etwas von einem
Campingplatz in dieser Gegend gehört.
Ein älteres Paar steigt prompt aus dem Auto und versucht mir zu helfen. Schnell ist
die Landkarte auf der Motorhaube ausgebreitet und es wird sich angeregt beraten.
Dies gestaltet sich mit meinen Französischkenntnissen wieder sehr schwierig. Bis wir
herausfinden, dass wir alle Spanisch sprechen. Von da an läuft die Kommunikation
wie geschmiert. Die beiden sagen mir, dass sie mich in den nächsten Ort, wo der
Campingplatz sein müsste, mit ihrem Auto führen. Ich soll ihnen nur mit meinem Rad
folgen. Das ist bei den vielen Anstiegen gar nicht so einfach, es hat aber schon
etwas Belustigendes, mal ein Auto zu verfolgen.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Seltsamer Campingplatz
Überall fragen die beiden für mich nach einem Campingplatz. Doch ohne Erfolg. Im
Dorf St.Vienne schließlich zeigen sie mir einen Sportplatz, wobei ich ein mulmiges
Gefühl bekomme. Doch die beiden lassen sich nicht davon abbringen, dass ich hier
ohne Probleme mein Zelt aufschlagen könnte. Die Leute im Dorf wären doch alle im
Urlaub und so würde das schon kein Problem sein. Sie finden sogar einen
Wasserhahn an der Dorfbibliothek für mich. Dann sagen mir die beiden noch, dass
sie schon einmal zu Fuß nach Santiago in Spanien gelaufen sind. Von hier! Die
müssen verrückt sein, so was kann es gar nicht geben!
Nachdem sie sich verabschiedet haben, baue ich mein Zelt schließlich doch auf dem
Fußballplatz auf. Nun werde ich meinen für morgen geplanten Ruhetag abschreiben
können...
Heute gefahren: 115,25km
Gesamt:
1.599,36km
Tag 14: St.Vienne - Trélissac
Ich habe die ganze Nacht schlecht geschlafen. Eine so schwüle Nacht habe ich
lange nicht mehr erlebt. Es war bestimmt 30°C warm im Zelt. Ewig habe ich gehofft,
dass das fern grollende Gewitter erfrischend über mein Zelt hinweg zieht. Ohne
Erfolg.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Mistwetter
Heute ist der erste Tag ohne Sonnenschein. Eine dicke, graue Wolkenschicht
bedeckt den ganzen Himmel. Ich bin froh, wie ich alles zusammengepackt habe und
wieder weiterfahren kann. An die vielen Steigungen habe ich mich langsam gewöhnt,
doch der starke Gegenwind macht mir einen Strich durch die Rechnung. In einer
Hinsicht jedoch ist ein Tag ohne Sonne mal ganz gut. Meine Arme sind schon längst
von der Sonne verbrannt und nehmen erst jetzt langsam eine aber sicher Bräune an.
Meine Motivation für heute ist auf einem totalen Tiefpunkt angekommen. Ich bin froh,
wie ich am späten Nachmittag den Campingplatz von Trélissac erreiche. Die Sonne
kommt am Abend langsam wieder hervor und ich unterhalte mich Stundenlang mit
zwei netten Münchenern über Politik und ähnliches. Morgen ist garantiert ein
Ruhetag angesagt!
Heute gefahren: 96,48km
Gesamt:
1.695,84km
Tag 15: Trélissac
Wie geplant ist heute erst mal Ruhe.
Ich schlafe königlich aus und erledige ein paar Dinge, die schon lange getan werden
mussten. Wäsche waschen und mehr...
Gleich neben dem Campingplatz ist ein Supermarkt, der es mir ermöglicht, endlich
wieder richtig Essen in mich hineinzuschaufeln. Was für eine wunderbare Wohltat.
Zur Entspannung fahre ich ohne Gepäck ein paar Kilometer zum Flugplatz und sehe
mir ein wenig den Betrieb an. Leider ergibt sich dabei keine Mitflugmöglichkeit.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Flugplatz
Heute gefahren: 13,46km
Gesamt:
1.709,30km
Tag 16: Trélissac - Castreljaloux
Ein wunderbarer Tag. Die Sonne scheint wieder in Strömen und ich bin endlich
wieder zu Kräften gekommen. So macht schon der erste große Anstieg hinter
Perigueux nichts aus. Durch eine schöne, hügelige Landschaft komme ich heute
schnell vorwärts. Anstatt der N21 fahre ich eine parallele Landstraße, was alles
schon viel angenehmer macht. Schönere Dörfer und bessere Aussichten...
Schöne Aussichten
In einigen Tälern gibt es zahlreiche Fischteiche zwischen den dichten Wäldern, die
sich hier über die ganze Landschaft erstrecken.
Ohne Probleme gelange ich bis nach Bergerac, von wo aus ich auf einer etwas
stärker befahrenen Straße weiterfahre. Hinter Bergerac ist ein langer Anstieg durch
die Weinberge zu bewältigen, von wo aus ich einen wunderbaren Ausblick auf das
mehrere Kilometer breite, flache Tal habe. An vielen Stellen stehen Schilder zum
Verkauf von Wein direkt vom Hersteller. Dies ist offensichtlich die Herkunft des so
berühmten Bordeaux-Weines.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Weinberge bei Bergerac
Einige Stunden später erreiche ich Marmade - eine weitere große Stadt am Fluss
Garonne, der im Mündungsgebiet hinter Bordeaux auf mehrere Kilometer breite
heranwächst. Ich habe bereits eine große Distanz zurückgelegt und wähle ein Ziel für
den Abend. Ich möchte auf dem Campingplatz in Castreljaloux übernachten. Der Ort
liegt direkt vor dem gigantisch großen Waldgebiet von Gascogne.
Der Ort besteht aus vielen alten Gebäuden, die im typisch Südfranzösischen Stil
gebaut wurden. Auf dem Campingplatz passiert heute nichts Besonderes. Ich baue
mein Zelt auf, dusche, esse und lese noch ein wenig...
Abend am Campingplatz
Heute gefahren: 141,01km
Gesamt:
1.850,31km
Tag 17: Castreljaloux - Orthez
Heute geht es durch das große Waldgebiet. Für die Durchfahrt des Waldes wähle ich
kleine, kaum befahrene Waldstraßen, auf denen ich nur selten ein Auto antreffe. Der
Wald besteht größtenteils aus Fichten und die ganze Zeit höre ich ein knarrendes
Geräusch, das offenbar von Baumbewohnern in den Wipfeln kommt. Mit der Zeit wird
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
aber auch dieses ewige Geräusch etwas nervig. Es passiert nicht viel. Die Straßen
führen als Schneisen durch den Wald.
Waldschneisen
Nur selten treffe ich auf verschlafene Dörfer, oder Forsthäuser, deren Dächer teils mit
Stroh bedeckt sind. In etwa so müssen weite Teile Europas früher ausgesehen
haben. Kleine Dörfer, die über kleine Straßen mit der Außenwelt verbunden waren, in
einem unendlich erscheinenden Wald.
Bauernhaus im Wald
Bei Mont-de-Marsan fahre ich wieder auf einer stärker befahrene Straße, die um den
Ort herum führt. Ich habe kaum noch zu Essen und trinken und hinzu kommt, dass
Sonntag ist und die meisten Geschäfte geschlossen haben.
Über die D933 möchte ich heute noch Orthez, kurz vor den Pyrenäen, erreichen. Ich
freue mich schon auf dieses Gebirge mit seinen sicher großartigen Aussichten.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Außerdem bin ich dahinter endlich in Spanien. Kaum zu glauben, dass ich es schon
so weit geschafft habe.
In Hagetmau ist gerade ein großes Dorffest a ausklingen. Schon um 17 Uhr torkeln
die Menschen über die Straßen, einige liegen nur noch im Suff auf der Straße und
schlafen. Die müssen aber früh angefangen haben! Zwei angetrunkene Jugendliche
versperren mir den Weg. Ich dränge mich einfach mit dem Rad durch woraufhin einer
von ihnen noch eine Weile schnaufend neben meinem Rad herläuft, wobei ich in blöd
angrinse. So einen betrunkenen Blick habe ich noch bei keinem Menschen gesehen.
Die müssen echt gut gefeiert haben. Bei der Ortsausfahrt ruft mir ein als Frau
verkleideter Mann "Bon vojage!" zu. "Merci, Medame!"
So ein seltsames Kaff habe ich auf der ganzen Reise noch nicht gesehen...
Hinter Hagetmau sehe ich von einem Hügel aus das erste Mal die Pyrenäen im
Dunst vor mir liegen. Ein mächtiges Gebirge, wenn auch nicht so groß wie die Alpen.
In Orthez quartiere ich mich auf dem schönen Campingplatz ein und kaufe das erste
Mal in Frankreich ein Baguette. Wird ja auch mal Zeit...
Heute gefahren: 137,30km
Gesamt:
1.987,61km
Tag 18: Orthez - Larrau
Heute geht's endlich in die Pyrenäen! Ich möchte über den Pass Port de Larrau nach
Spanien gelangen, doch das wird heute kaum zu schaffen sein, so dass ich in den
Bergen wahrscheinlich wild übernachten muss. Den letzten Campingplatz vor den
Pass passiere ich schon früh am morgen. So sagt es mir die Karte.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Erste Steigungen
Vorher fahre ich durch eine stark ausgeprägte Hügellandschaft, die einige deftige
Anstiege bietet. Nach einem Einkauf in Sauveterre folge ich den Großteil des Tages
immer dem Fluss Saison, der auf seinem Weg mehrere Male den Namen wechselt.
Nun bin ich im französischen Baskenland. An vielen Fassaden sind Schriften wie
ETA und "Autonomia" zu lesen. Dazu noch einige weitere Wörter in baskischer
Sprache, die sich aber kaum aussprechen geschweige denn verstehen lassen.
Das Wetter heute ist nicht besonders. Die Sicht ist schlecht und der ganze Himmel ist
mit Wolken bedeckt. Doch je höher die Berge um mich herum werden, desto mehr
blaue Lücken sind zu auszumachen. Bis schließlich keine Wolken mehr da sind
sondern nur noch im "Flachland" hinter mir zu sehen sind.
Bergbach
Schließlich wird das Tal immer schmaler und der Fluss neben mir zu einem stark
fließenden Gebirgsbach. Hinter Laugibar trennt sich die Straße vom Bach und der
tatsächliche Anstieg von mindestens 10% beginnt. Ich muss bei dem Gewicht meines
Rades aufstehen um mich durch starkes Stemmen in die Pedalen Stück für Stück
vorwärts zu hebeln. Laut Karte soll der Anstieg in dieser Heftigkeit weitere 15km so
bleiben. Ein für heute nicht zu schaffendes Unterfangen. Der letzte Ort heute wird
das Bergdorf Larrau sein. Ich bin überglücklich, wie ich dort einen Campingplatz sehe,
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
der nicht auf meiner Karte eingezeichnet war. Ich schlage mein Zelt unter Schatten
spendenden Bäumen, die den ganzen Campingplatz bedecken, auf.
Idyllischer Campingplatz
Die Landschaft hier ist großartig und in ihrer Schönheit kaum zu beschreiben.
Obwohl ich erst auf 630 Metern über dem Meer bin, ist dies hier schon ein richtiges
Bergdorf, wie es in den Alpen erst auf über 1.000 Metern zu finden ist.
Erst 630 Meter...
Am Abend beschließe ich, mir noch ein wenig die Gegend anzusehen. Vom
Campingplatz aus führt ein Wanderweg in die abgelegeneren Gebiete. Auf dem
holperigen Weg schiebe ich mein Rad ohne Gepäck immer weiter bergauf.
Währenddessen kommen mir zwei Wanderinnen entgegen, die sich gleich Sorgen
um mich machen, da es schon in zwei Stunden dunkel sein wird. Inzwischen hat sich
mein Französisch schon so weit gebessert, dass ich ihnen versichern kann, vor der
Dunkelheit wieder zurück am Campingplatz zu sein. Ich habe mein Fahrrad nur dabei,
damit ich auch schnell zum Campingplatz zurückrollen kann. Die dichten Wälder
lösen sich bei zunehmender Höhe immer weiter auf, bis ich mich schließlich über der
Baumgrenze befinde. Auf der anderen Seite des Tales sehe ich die Hängebrücke
Gorges D'Holzarte, die auf 200 Metern eine 300 Meter tiefe Schlucht überbrückt.
Schade, dass ich sie mir heute Abend nicht mehr aus der Nähe ansehen kann.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Wow...
Schließlich bemerke ich, dass ich schon nach wenigen Kilometern mitten im Gebirge
bin. Die Sonne taucht die umliegenden Berge in ein wunderbares Licht und überall
stehen schöne, farbige Blumen auf den Wiesen. An einem guten Aussichtspunkt
pausiere ich und entschließe mich, an dieser schönen abgelegenen Stelle ein paar
Postkarte n nach Hause zu schreiben. Wie ich damit fertig bin, ist auch an den
höchsten Gipfeln kein Sonnenlicht mehr zu sehen und ich mache mich in der
Dämmerung langsam auf den Weg zurück zu meinem Zelt.
Sonnenuntergang
Die Abfahrt ist sehr hart, da der Weg unheimlich uneben ist und ich nach ein paar
Kilometern den stark vibrierenden Lenker kaum noch halten kann. Rechts neben mir
geht es etwa 400 Meter steil bergab und so achte ich die ganze Zeit darauf, dass ich
immer auf der linken Seite des Weges fahre. Am Campingplatz angekommen, steht
die Besitzerin zum Glück noch beim inzwischen geschlossenen Eingangstor und
öffnet es mir.
Spät Abends verspüre ich im Zelt den Druck, noch einmal auf die Toilette gehen zu
müssen. Ich halte es nicht für nötig meine Taschenlampe für den kurzen Weg zur
Toilette mitzunehmen und bin ziemlich überrascht, wie ich mich vor dem Zelt in
totaler Dunkelheit wiederfinde. Ich erkenne noch die Silhouetten von ein paar Autos
und Bäumen in der Dunkelheit und taste mich mehr oder weniger vorwärts. So eine
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Dunkelheit habe ich noch nie erlebt. Nicht einmal der Mond ist zu sehen. Wie ich die
Toilette wieder verlasse, mache ich mich in vorsichtig schwankenden Schritten
wieder zurück auf den Weg zum Zelt. Unbewusst schwenke ich mit dem Blick nach
oben und stehe plötzlich staunend vor dem unheimlich schö nen Sternenhimmel. So
viele Sterne auf einem Haufen habe ich noch nie gesehen. Einfach schön...
Heute gefahren: 92,10km
Gesamt:
2.079,71km
Tag 19: Larrau - Ochagavia
Die Sonne scheint und ich habe einen wunderbaren Ausblick auf die Bergwelt. Es ist
mein Geburtstag. Was für ein schönes Geschenk. Und für den richtigen Auftakt zum
Geburtstag sind heute etwa 1.000 Höhenmeter auf 10 Kilometern angesagt. Wie
schön ich das finden werde, wird sich noch zeigen.
Blick zurück nach Frankreich
Gleich hinter Larrau geht der Anstieg voll weiter. Über Serpentinen stemme ich mein
Fahrrad immer weiter nach oben und somit immer tiefer in die Bergwelt hinein. Das
Gepäck macht sich bei mindestens 10% Anstieg stark bemerkbar und ich merke, wie
sehr mich die Schwerkraft zurückhält. Teilweise geht ist es so schlimm, dass ich
meinen Tacho nur mit Schwierigkeiten über 3km/h halten kann.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
Mein Lieblingsfoto...
Immer wieder genieße ich den Ausblick auf die Bergwelt. Außerhalb der Pyrenäen
kann ich eine dicke Wolkenschicht erkennen, doch über mir ist schönster, blauer
Himmel. Je höher ich komme, umso stärker wird der Wind aus Richtung Spanien. Die
Umgebung wird immer kahler und schließlich windet sich die Straße nur noch durch
eine mit Gras und Farn bewachsene Felslandschaft, auf der an einigen Stellen Kühe
vor der gewaltigen Hochgebirgskulisse grasen.
Der Hochgebirgskamm
Die Pyrenäen gefallen mir deutlich besser als die Alpen. Es gibt viel weniger
Tourismus und so wirkt alles viel angenehmer. Im Durchschnitt sehe ich nur etwa ein
Auto oder Motorrad in 5 Minuten, welches kurze Zeit später hinter der nächsten
Kurve verschwindet und mich die Stille genießen lässt. Hinter dem Col d'Erroimendi
verliert der Anstieg an Härte und es geht für kurze Zeit sogar leicht bergab. Dann
aber sehe ich am vor mir liegenden Berghang die Straße hochgehen. Ich sehe, dass
ich noch 6 starke Serpentinen zu meistern habe, um oben anzukommen. Zu meiner
Linken erblicke ich die ganze Zeit das unberührte von dichten Wäldern bedeckte Tal
Bois de Ziziratzia.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
In den Serpentinen komme ich noch einmal richtig ins Schwitzen. Ich rege mich
unheimlich über die Leute auf, die von oben auf mich herabstarren als wenn ich eine
Attraktion wäre. Sicher sind sie schon dabei Wetten zu machen, ob ich es schaffe
oder nicht - bilde ich mir ein. Oben angekommen hätte ich einem von ihnen am
liebsten den Abhang runter getreten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Gruppe,
von Motorradfa hrern, die die ganze Zeit auf mich herabgestarrt hat, lädt mich zum
Mittagsessen ein. Es sind vier Franzosen die mit Oldtimer-Motorrädern unterwegs
sind.
Die Füße baumeln lassen...
Einer von ihnen kann ein wenig Deutsch und mit meinen wenigen Französischen
Wörtern können wir uns recht gut unterhalten. Wie sie herausbekommen, dass ich
Geburtstag habe, drücken sie mir noch eine Menge zu Essen in die Hände. So etwas
finde ich unheimlich nett, denn über die paar Nektarinen zum Geburtstag kann ich
mich richtig freuen. Die sind hier oben genau richtig. Unter unseren Füßen sehen wir
die sich hoch schlängelnde Straße. Ein sehr starker Südwind weht uns in den
Rücken und nimmt plötzlich meinen Helm mit in die Lüfte. Ich sehe den Helm das
Geröllfeld herabkullern und bitte bei diesem Anblick die ganze Zeit darum, dass er
doch endlich zum stehen kommt. Wie er endlich liegen geblieben ist, klettere ich den
Abhang runter und erreiche meinen Helm endlich. Nach einer längeren Kletterpartie
komme ich mit vielen Steinen in den Schuhen oben wieder an.
Nach dem Essen verabschiede ich mich von den Motorradfahrern, die sich auf den
Weg machen, die gesamte Iberische Küste zu erkunden. Dann folgt mein erster Blick
auf Spanien. Dichte grüne Wälder bedecken das ganze Pyrenäen-Gebirge und nicht
ein einziges Dorf ist zu sehen.
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Hamburgo-Santiago 2001 – Reisebericht
Teil 2
¡España!
Die lange Abfahrt ist eine wahre Wohltat, doch geht ganz schön auf die Bremsklötze.
Langsam tauche ich in die Wälder ein und realisiere kaum, dass ich schon in
Spanien bin. Ich habe es tatsächlich geschafft! Wahnsinn!
Zu Beginn habe ich Angst vor den spanischen Autofahrern, da ich über sie schon viel
Schlechtes gehört habe. Doch sie fahren sehr vorsichtig und halten auch genügend
Abstand von mir. Die Straße ist ebenfalls sehr gut und nicht ein Schlagloch ist zu
sehen.
Schon um 15.30 beschließe ich, auf den Campingplatz zu gehen. Es ist schließlich
mein Geburtstag und ich denke, dass ich heute schon genügend geleistet habe.
Schön ist, dass die Zeiten des Französischsprechens endlich vorbei sind. Ich bin
zwar noch im Baskenland, doch die Leute hier können alle Spanisch, so dass ich
mich recht gut unterhalten kann.
Gegen Abend stellt eine große Gruppe von Radlern ihre Zelte bei meinem auf. Doch
ich rede kaum mit ihnen und nehme sie auch nicht sonderlich ernst, da sie sich ihr
Gepäck von einem Lieferwagen haben bringen lassen. So was kann ja jeder... ;o)
Heute gefahren: 30,65km
Gesamt:
2.110,36km
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