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Alles, was man anfasste, war neu

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Dissidenz, Hoffnung und Transformation
Gespräche mit Akteuren der DDR-Opposition
Alles, was man anfasste, war neu
Andrea Spee-Keller, geboren 1958, Gleichstellungsbeauftragte, verheiratet, 4 Kinder
Wo waren Sie am 9. November 1989, am Tag der Maueröffnung?
Ich bin von einer Einwohnerversammlung gekommen. Ich war das erste Mal in meinem Leben zu einer
Einwohnerversammlung in unserem Wohngebiet. Die Diskussion war ja angefacht und ich dachte, ich muss da
mal hin, mal sehen, was die zu sagen haben.
Da waren aber mehr oder weniger alte SED-Kader, die dort ihre Thesen ausgebreitet haben, das war für mich
sehr unbefriedigend. Und als ich wieder nach Hause kam, sagte mein damaliger Mann zu mir: „Du, die Grenzen
sind offen.“ Wir hatten keinen Fernseher, insofern konnten wir das dann alles nicht am Fernseher verfolgen, aber
es war sehr verblüffend. Ich konnte es am Anfang gar nicht glauben.
Was ging Ihnen dabei zuerst durch den Kopf?
Das war eine komische Situation. Einerseits wollten wir ja tatsächlich in der DDR etwas verändern und dann
diese Nachricht: Die Grenzen sind offen! – das war unfassbar. So bah. Ich habe mich unheimlich gefreut, auch
wenn das alles noch weit weg war für mich.
Durften Sie vorher schon reisen?
Nein. Ich hatte 1992 als Ziel – da hätte ich fahren dürfen. Ich hatte zwei Tanten im sogenannten Westen und eine
wurde da 60 und da dachte ich, da werde ich ja bestimmt mal fahren können.
Und dann war es plötzlich schon viel früher möglich.
Ja. Als ich es erfahren habe, wollte ich auch sofort los. Diese zwei Tanten, eine hat in Frankfurt am Main gelebt,
die andere in Bremen – das hat auch meine Kindheit durchzogen - diese Tatsache, dass ich sie nicht besuchen
darf, das war schon sehr einschränkend, aber ich hatte eigentlich nie die Hoffnung, dass sich das mal ändern
wird. Selbst im Frühjahr 89 nicht. Da kann ich mich auch noch sehr genau erinnern. Ich war in einem
ökumenischen Arbeitskreis und hatte Kontakt zu Holländern. Sie kamen immer zu Himmelfahrt nach Bautzen. Mit
denen haben wir viel unternommen und auch viel und lange diskutiert, über verschiedenste Themen, aber
natürlich auch immer wieder über den Staat, die Mauer, die DDR und da sagte einer von denen: Jede Diktatur
hat mal ein Ende. – Da habe ich noch so für mich gedacht: Ach, der weiß nicht, wovon er spricht. Aber im
Nachhinein denke ich, er hat einfach mehr gesehen, durch seine Außensicht. Die fehlte uns ja komplett. Ich habe
daran einfach nicht glauben können, dass das alles mal ein Ende hat.
Aus was für einem Elternhaus kommen Sie?
Mein Vater ist selbstständiger Handwerker gewesen. Er hatte eine Uhrenwerkstatt und insofern gehörten wir nicht
zur Arbeiterklasse sondern eher zum Bereich der Selbstständigen, also in diesem Falle der selbstständigen
Handwerker. Mein Vater war in der NDPD – in der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands. Ich denke, dass
er da in den 50er Jahren eingetreten ist. Ein Stück weit auch aus Angst.
Angst wovor?
Die Handwerker hatten ständig Angst davor, dass sie verstaatlicht werden können. Das war ein ständiges
Thema. In Bautzen gab es ja auch das Internierungslager. Hier sind sehr viele Menschen eingesperrt worden und
das schwang alles so untergründig mit, dass man plötzlich seiner ganzen Existenz beraubt werden kann.
Und Ihre Mutter?
Meine Mutter ist Krankenschwester von Beruf und sie hat gearbeitet, bis meine Schwester so ungefähr 5 Jahre
alt war, dann ist sie zu Hause gewesen. Ich bin auch nicht in den Kindergarten gegangen, was für eine DDRKindheit sehr untypisch war.
Als ich später eingeschult wurde, kam ich in eine Klasse, wo nur Hauskinder drin waren. Das gab es damals
noch. Insofern gab es offensichtlich doch noch mehr von meiner Sorte.
Ist Ihre Schwester älter als Sie?
Ja. Sie war im Kindergarten, ist dann aber sehr krank geworden, deshalb hat meine Mutter auch ihre Arbeit
aufgegeben.
Hat die Kirche in Ihrer Familie eine Rolle gespielt?
Nun nicht in dem Sinne, dass wir jeden Sonntag in die Kirche gegangen wären. Es kam mehr von der Familie
meiner Mutter her. Meine Großmutter war sehr kirchlich und dadurch kam der Kontakt zustande. Ich glaube, mein
Vater ist erst in die Kirche wieder eingetreten, als meine Eltern geheiratet haben. Ich bin konfirmiert, war in der
Christenlehre und später in der Jungen Gemeinde.
Waren Sie in der Schule bei den Jungpionieren?
Ja. Zum Glück waren meine Eltern da nicht so, dass sie mir das verboten hätten. Ich denke, das wäre für mich
schwierig gewesen, da außen zu stehen. Für die Kinder, die das erlebt haben, war es bestimmt schwer.
Andererseits verstehe ich auch, dass christlich geprägte Elternhäuser das ihren Kindern verboten haben.
Ich weiß noch genau, dass wir in der Familie kurz vor der Wende darüber diskutiert haben, ob mein Sohn in die
Pioniere eintritt oder nicht. Er wurde 1990 eingeschult und das Thema war dann mit einem Schlag hinfällig.
Wann gab es für Sie erste Reibungspunkte mit der DDR-Politik?
Von meinem Elternhaus wurde ich eigentlich so geprägt, dass im Westen alles besser ist. Es kamen ab und an
mal Pakete oder meine Tanten haben uns besucht und natürlich Geschenke mitgebracht – also dieses Materielle,
das stand schon immer so im Raum und es hat schon meine Kindheit geprägt. Sicher, Kinder, die ohne
Westverwandtschaft aufgewachsen sind hatten natürlich auch nicht die emotionale Bindung, wie ich zu meinen
Tanten im Westen. Ich denke, das prägt schon.
Was hatten Sie aber eigentlich gefragt?
Welche Reibungspunkte es für Sie gab.
Ach so, ja. Im täglichen Leben, in der Schule, in der Freizeit hat das für mich nicht so die Rolle gespielt. Das war
mehr auf die Familie beschränkt. Es gab ein paar Sachen, die mir noch in Erinnerung sind. Ich glaube, das war
irgendwann in der 8. Klasse, da hat unsere Staatsbürgerkundelehrerin, die Frau G. gesagt, dass in den nächsten
5 – 10 Jahren die Zeit kommen wird, wo wir kein Geld mehr bräuchten, weil der Kommunismus bis dahin Einzug
gehalten hat und dann alle Menschen ohne Geld auskommen. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie ich in dem
Moment dachte: „Du bist ja nicht bei Trost. Wie kann man nur so etwas denken? Das ist doch absolut
unrealistisch.“
Da kann ich mich heute noch erinnern, weil ich damals so fassungslos war, wie das jemand behaupten kann.
Damals wurde mir auch klar, dass eben nicht alles stimmen kann, von dem, was sie uns erzählen.
Gab es auch Auseinandersetzungen unter Gleichaltrigen?
Ich habe in einer Volleyball-Mädchenmannschaft gespielt, die sehr erfolgreich war. Wir haben auch viel Freizeit
miteinander verbracht. Es gab mal so eine Idee in der DDR auch Frauen zum Militärdienst einzuziehen. Darüber
haben wir in dieser Volleyballrunde diskutiert und ich wusste auch, dass ein Großteil dieser Mädchen Eltern
hatte, die sehr systemnah waren. Jedenfalls waren da einige darunter, die sich das gut vorstellen konnten, als
Mädchen zur Armee zu gehen. Und dann sagte eine: „Wenn ich Soldatin wäre und sehen würde, wie du in den
Westen abhauen willst, dann würde ich dich auch erschießen.“ – Das ist für mich bis heute ein Schock und es ist
mir unerklärlich, wie man so etwas nicht nur sagen, sondern auch meinen kann. Das war immer irgendwie latent
in meinem Hinterkopf. Bis heute. Wir waren damals 14 oder 15.
Hat Sie die Junge Gemeinde politisiert?
Als es 1981 um die Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“ ging, haben wir auch in der Jungen Gemeinde intensiv
darüber diskutiert.
Jedenfalls hatte ich auch so einen Aufnäher mit „Schwerter zu Pflugscharen“ auf meiner Jacke und bin damit
durch Bautzen gelaufen. Irgendwann bin ich einem älteren Herrn begegnet, der kam direkt auf mich zu und hat
mich plötzlich so etwas von angeschrien und beschimpft, dass ich extrem erschrocken bin. Ich fand diese
Situation sehr bedrohlich. Ich habe das gar nicht so als Gefahr gesehen, sondern ich habe einfach gedacht, das
ist mein Recht, so etwas zu tragen. Wir haben natürlich darüber diskutiert, dass es auch gefährlich sein kann,
aber wenn es so ganz direkt und hautnah passiert, ist das schon etwas anderes. Und ich war mir danach sehr
unsicher, wie ich mich verhalten soll. Abmachen? Oder die nächste Konfrontation erleben? Ich habe den
Aufnäher behalten.
Haben Sie den Einmarsch in die Tschechoslowakei bewusst miterlebt?
Damals war ich 10 Jahre alt. Ich habe gesehen, wie die Panzer an unserem Haus vorbei gefahren sind. Das war
etwas, was mich auch als Kind mit 10 Jahren schon sehr beschäftigt hat. Das war sehr bedrohlich. Natürlich
haben wir darüber geredet und meine Eltern haben mir erklärt, dass diese Panzer jetzt in die Tschechoslowakei
fahren und „der Russe“ – so hieß das bei meinen Eltern – sich jetzt dort einmischt und das Volk niederdrückt. So
richtig konnte ich das aber in meinem Alter nicht einordnen.
Wie kam es zu ihrer Berufswahl?
Ich hatte keine Wahl.
Inwiefern?
Es war klar, dass die Tochter eines Uhrmachers auch Uhrmacherin wird.
Was wollten Sie denn werden?
Ich wollte Unterstufenlehrerin oder Krankenschwester werden.
Gab es da Diskussionen in der Familie oder haben Sie sich stumm gefügt?
Es gab keine Diskussionen. Ich denke, dass das Verhältnis zu meinem Vater so war, dass da einfach nicht
diskutiert wurde. Über solche Dinge wurde bei uns in der Familie nicht gesprochen.
Zum Beispiel die Stärke und Unterstützung, die ich meinen Kindern gegeben habe, die habe ich bei meinen
Eltern nicht gekriegt. Aber so war es halt. Ich habe mich gefügt.
Und ihre Schwester?
Sie ist zwar 7 Jahre älter als ich, aber sie hat eine geistige Behinderung. Dadurch ist auch bei ihr dieser
Pubertätskampf weggefallen. Ich hatte da jetzt auch kein Vorbild für mich.
Die Ausbildung als Uhrmacherin haben Sie also angefangen?
Ich habe zweieinhalb Jahre meine Ausbildung gemacht und gleich meine Meisterausbildung an- und auch
abgeschlossen. Ich habe aber immer gewusst: Ich bleibe nicht in diesem Beruf. Das war mir zu eng. Obwohl ich
da gar nicht ungeeignet war und es mir auch teilweise Spaß gemacht hat, wollte ich aus dieser Werkstatt raus.
Und ist Ihnen das so schnell gelungen?
Anfang der 80er habe ich meinen damaligen Mann kennengelernt und wahrscheinlich war meine erste
Schwangerschaft, so im Nachhinein betrachtet, auch eine Flucht aus der Berufstätigkeit, aus diesem Job.
Von der Uhrmachermeisterin zur Gleichstellungsbeauftragten – das ist doch ungewöhnlich, wie kam
das?
Das hat auf jeden Fall etwas mit der Wende zu tun. Ich war eben in diesem ökumenischen Arbeitskreis und 1989
fand in Leipzig der Kirchentag statt. Wir haben uns schon ein ganzes Jahr vorher in unserem Arbeitskreis darauf
vorbereitet und über viele Themen gesprochen. Das war sicherlich alles sehr kirchlich angehaucht, aber wir
haben auch viel über die gesellschaftliche Situation gesprochen. Und als ich nach Leipzig kam, war ich erst
einmal schockiert.
Inwiefern?
Ich war als Kind sehr oft in Leipzig mit unserer Volleyballgruppe. Wir hatten dort Wettkämpfe und Leipzig war für
mich immer eine sehr lebendige Stadt. Doch 1989 bot sich ein völlig anderes Bild: Die Häuser waren
straßenzugweise leer und verfallen. Ich war richtig erschrocken, wie schlimm alles aussah. Diese ganzen
Gründerzeithäuser kurz vor dem Ruin.
Und der Kirchentag selbst?
Auf diesem Kirchentag im Juli 1989 – ich war damals hochschwanger – Laura ist im August geboren – wurde
sehr viel über politische Themen gesprochen. Es gab Gäste aus den unterschiedlichsten Ländern. Irgendwann
war ich in der Kirche, wo „Die Kirche von Unten“ getagt hat – Dort hat sich mir eine Welt erschlossen, nach der
ich mich bisher immer gesehnt hatte, von der ich aber nicht ahnte, dass sie existiert. Dort war im Prinzip die
gesamte oppositionelle Bewegung der DDR versammelt und Zeitungen, Fotos, Ausstellungen, Diskussionsforen
– dort konnte man sehen und hören, wie die Stasi andere Leute observiert hat, wie es um den Umweltschutz in
der DDR stand usw. – lauter Themen eben, die nie öffentlich diskutiert wurden und ich hatte vorher keine
Ahnung, dass es Menschen gibt, die so etwas öffentlich machen. Das war für mich so beeindruckend, da hat
mich regelrecht ein Fieber gepackt, wo ich dachte: Hier muss man dranbleiben, hier muss man mitmachen, hier
muss man versuchen, sich einzubringen.
Das waren also zwei widerstrebende Dinge – einerseits der Schock wegen des Verfalls und andererseits
der Hunger nach Neuem.
Ja und dort habe ich auch gemerkt, dass es ganz in meiner Nähe Menschen gibt, die aktiv mitgestalten wollten.
Ich habe in Leipzig das erste Mal Leute aus dem Katharinenhof getroffen.
Der Katharinenhof in der Lausitz war damals ein Rückzugsgebiet für junge Leute, die nicht im System arbeiten
wollten. Sie haben im Katharinenhof angefangen zu arbeiten und von dort aus eine kleine Opposition gegründet
und auch Kontakt zu Berlin gehabt. Diese Leute haben eine Zeitung herausgebracht: „Die Lausitzer Botin“ – Das
war elektrisierend, so nahe meiner Heimat leben auch Menschen, die etwas verändern wollen. Sie sind nicht nur
weit weg in den Großstädten.
Als ich zurück nach Bautzen kam, haben wir noch lange und intensiv über diesen Kirchentag diskutiert. Und im
August 1990 haben wir uns bei unserem Diakon getroffen und Unterschriftenlisten für das Neue Forum
gesammelt. Ich kann mich da aber auch nicht mehr an Details erinnern.
Hatten Sie vorher keine Kontakte zur Opposition?
Es gab hier in Bautzen einfach nichts dergleichen. Es war aber auch nicht so, dass ich jemals eine Oppositionelle
war. Auf keinen Fall. Ich hätte vielleicht sogar irgendwo mitgemacht, wenn ich irgendeine Gruppe gekannt hätte.
Doch selbstständig etwas ins Leben zu rufen, da wäre ich gar nicht in der Lage dazu gewesen.
Wann haben Sie das erste Mal daran gedacht, dass der Staat dem Druck nachgeben könnte?
Als die ersten über Ungarn in den Westen gegangen sind. Da ging es bei mir so los, dass ich dachte, das kippt
irgendwann einmal. Ich kann mich noch an das Gespräch mit einem guten Freund erinnern, er war Pfarrer,
wohnte in Brandenburg und wir waren familiär sehr verbunden, auch durch die Kinder. Ich kann mich noch sehr
gut an eine Situation erinnern, es war wieder einmal einer dieser Abende, wo man die ganze Zeit über Politik, die
Veränderungen im Land und die ungewisse Zukunft geredet hat. Und irgendwann haben wir den Tisch
genommen und haben ihn auf zwei Beine gestellt und angekippt und dann immer mehr und mehr – und haben
dabei gesagt: so funktioniert das Land, alles gerät immer mehr in Schieflage und irgendwann kippt es. Das war
so eine versponnene Idee, keiner hat da an Demos oder offene Grenzen gedacht. Keiner hatte auch damals eine
Ahnung davon, dass es so schnell und so friedlich gehen würde. Das war uns nicht bewusst. Es gab ja parallel
dazu diese extreme Aufrüstung und das stand schon als Bedrohung da, dass es auch in diese Richtung kippen
kann.
Das war ja die Zeit, in der alles noch offen war. Keiner wusste, ob das in Gewalt enden würde.
Das ging auch an Bautzen nicht spurlos vorüber. Im Herbst sind ja die ganzen Demonstranten aus Dresden nach
Bautzen gebracht worden. Das war eine sehr prekäre Situation, das Gefängnis war überfüllt. Später haben die
Gefangenen gestreikt. Das hat Auswirkungen auf die Stadt gehabt. Das war sehr präsent. Ich habe alles sehr
hautnah mitbekommen, weil mein damaliger Mann und viele Freunde sehr aktiv waren. Sie haben
Gefängnisbesuche organisiert.
Jeder wusste, dass hier Gefangene waren. Es gab sicherlich auch in Bautzen Leute, die wollten das gar nicht so
genau wissen, für die waren das ganz normale Gefangene. Sie haben sich nicht damit beschäftigt, dass es
politische Häftlinge waren. Aber als Personen waren sie im Stadtbild präsent. Sie mussten ja immer die Wege
und Wiesen sauber machen, in ihrer Gefängniskleidung. Sie hatten an der Seite zwei Streifen und es war schon
eine komische Situation, denn ich bin jeden Tag dort vorbei gegangen.
Die politischen Häftlinge waren ja aber auch schon vorher da.
Ich wusste, dass dort Fluchthelfer sitzen, das war mir klar. Hin und wieder standen Fahrzeuge mit so gelben
Nummernschildern auf der Straße vorn, das waren Westautos. Das waren wahrscheinlich irgendwelche
Vermittler oder irgendwelche, die sie freigekauft haben. Ich habe immer gedacht: Wie mag es denen dort drinnen
gehen? Das war wie so eine Black Box. Aber es hat auch keinen interessiert. Es gab ja sowieso keine
Möglichkeit da Einfluss zu nehmen.
Doch das hat sich im Herbst 89 geändert.
Ja, und plötzlich gab es viele Frauen und Männer, die gesagt haben, wir wollen wissen, was hier genau vorgeht
und wir möchten uns hier einbringen. Es hätte ja auch jederzeit eskalieren können, aber da gab es auch viele
mutige Leute, die vermittelt haben.
Wir hatten ja zwei Gefängnisse hier in Bautzen.
Das gelbe Elend und dann das andere Gefängnis, die Haftanstalt 2, dort, wo jetzt die Gedenkstätte ist. Die
Haftanstalt 2 war direkt dem Ministerium für Staatssicherheit unterstellt und da sind richtig schlimme Dinge
passiert, die jetzt durch die Gedenkstätte gut aufgearbeitet sind.
Diese Aufarbeitung hat aber erst später angefangen.
Ja, was auch später richtig hoch kam, war die Sache mit dem Karnickelberg. Dass nach dem Krieg durch die
Rote Armee hier ein Internierungslager für Systemkritiker eingerichtet wurde. Manchmal sind auch einfach Leute
denunziert wurden, die gar nichts getan hatten. Da sind ja auch Tausende umgekommen. Es war wohl erst der
Militärkommandatur unterstellt, danach wurde es zum normalen Gefängnis. Mein Vater hat mir früher mal erzählt,
es war bekannt, dass das ein Internierungslager für Systemkritiker ist. Es war ja der pure Stalinismus in dieser
Zeit. Da verschwanden eben einfach Leute auf der Strasse, die kamen einfach nicht wieder und keiner wusste,
wo sie waren. Und diese Angst, auch plötzlich verschwinden zu können, die war immer latent da. Das hat meinen
Vater sehr geprägt. Ich vermute deshalb, seine Mitgliedschaft in der NDPD hatte auch etwas damit zu tun. Da
war der Wunsch, sich irgendwie mit dem Staat zu arrangieren, sich aber nicht gleichschalten zu lassen - also
SED kam nicht infrage, aber man musste sich zu irgendetwas bekennen, um in Ruhe gelassen zu werden. Das
ging mir ja letzten Endes auch so. Ich bin in die FDJ gegangen, weil halt alle drin waren.
Haben Sie jemals an Ausreise gedacht?
Ja. Als ich 19 war, war ich mit einer Freundin in Bulgarien und wir haben echt daran gedacht, ob wir das riskieren
können, über die Grenze zu gehen. Irgendwann haben wir aber entschieden, dass wir viel zu unvorbereitet
waren. Man hätte einfach viel mehr Informationen haben müssen. Wenn sich aber jemals – bevor ich meine
Kinder hatte, danach nicht mehr – eine Situation geboten hätte, ich hätte sie genutzt. Auf jeden Fall.
Und ein Ausreiseantrag kam nicht infrage?
Nein. Ich hatte mal kurz darüber nachgedacht, aber irgendwie war mir das dann doch nichts. Ich habe auch
niemanden in meinem Bekanntenkreis gehabt, die davon erzählt haben, wie man das macht, welche Formulare
man da ausfüllt und wie das geht. Wir waren einfach auch hier zu sehr verwurzelt. Und als die Kinder geboren
wurden, war das soziale Umfeld wichtiger.
Wie war das erste Mal im Westen?
Das war West-Berlin, um die 100 Westmark, das Begrüßungsgeld, abzuholen. Das war sehr merkwürdig. Wir
haben einfach in einer Autoschlange gestanden und uns da rüber geschoben und dann landeten wir an
irgendeiner Sparkasse. Das hatte so einen Volksfestcharakter. Da waren irgendwelche Frauen, die Tee
ausgeschenkt haben. Ich fand das sehr merkwürdig.
Mir war das auch sehr peinlich, weil wir mit unserer ganz kleinen Tochter da waren, die erst ein paar Monate alt
war. Wir wollten ja aber auch für sie die 100 Westmark bekommen – aber am Ende haben wir eine sehr schöne
Holzschaukel für die Kinder von dem Westgeld gekauft und dann hielt sich das mit dem schlechten Gewissen in
Grenzen.
Und die erste intensivere Reise?
Die ging nach Holland. Silvester sind wir das erste Mal nach Holland gefahren. Das waren Leute aus diesem
ökumenischen Kirchenkreis und sie haben sich natürlich sehr gefreut, weil wir auch sie endlich mal besuchen
konnten. Das war eine schöne Zeit. Ich wäre zwar gern mal ein bisschen durch die Geschäfte gebummelt, aber
unsere Freunde fanden das nicht so wichtig, sie sind mit uns in Museen und Ausstellungen gegangen, das war
Kulturprogramm pur und ich bin immer vor jedem Schaufenster stehen geblieben und habe ein bisschen neidisch
geguckt.
Aber im Mai 1990 bin ich dann das erste Mal nach Frankfurt zu meiner Tante gefahren und da hatte ich etwas
mehr Zeit für die Geschäfte und konnte meinem Drang nachgeben.
Doch ich habe auf dieser Reise nach Frankfurt auch schon das erste Frauenschutzhaus besucht. Also es war
keine reine Shoppingreise.
Wie lief das Leben in Bautzen weiter? Waren Sie politisch sehr engagiert?
Es gab viele Veranstaltungen in der Kirche und es war eine sehr bewegte Zeit. Leider konnte ich ja dann nicht
mehr so viel mit machen, weil ich mein Kind stillen musste, abends nicht mehr weggehen konnte und alles immer
nur am Rand mitbekommen habe. Ich erinnere mich noch an einen Abend, als die Kinder schon im Bett waren
und geschlafen haben, da habe ich mich schnell aus dem Haus gestohlen, bin in die Kirche gerannt und habe
wenigstens noch eine halbe Stunde von dem mitbekommen, was da passiert.
Ich habe bei den ganzen Aktionen und Demonstrationen in Bautzen damals eher eine beobachtende Rolle
gespielt. Ich war ja draußen, wegen der Kinder. Wir haben zwar im Familien- und Freundeskreis viel darüber
diskutiert, aber ich habe nicht aktiv irgendwo mitgewirkt.
Aber andererseits waren Sie ja doch bei vielen Veranstaltungen dabei!
Zu denen, die vormittags liefen und wo man seine Kinder mitbringen konnte.
Im März 1990 gab es im Theater in Bautzen einen Aufruf von Frauen. Da hieß es, in dieser Zeit, in der sich so
vieles, so rasant verändert, müssen wir unsere eigenen Interessen vertreten. Und da bin ich hin. Ich glaube, so
wie es mir ging, so ging es vielen Frauen damals, sie wollten mitmachen, wollten mit dabei sein, wussten aber
nicht mit ihren Kindern wohin.
Wir haben viel diskutiert, was wir wollen und in welchem Rahmen wir es wollen. Gründen wir einen Verein? Oder
eine Partei? In Berlin gab es ja den UFV, den Unabhängigen Frauenverband. Auch der §218 hat natürlich eine
Rolle gespielt.
Hatten Sie schon zu DDR-Zeiten ein feministisches Bewusstsein?
Ich glaube, es ist bis 1989 schon so gewesen, dass ich keine Feministin war. Ich überlege gerade, wie ich
eigentlich meine Rolle gesehen habe. Ich habe mich schon sehr in meiner Rolle als Mutter wohlgefühlt. Ich wollte
meine Kinder auch nicht unbedingt in die Krippe geben, also von daher fand ich das dann schon für mich okay.
Auch diese Vorstellung, nicht mehr in die Uhrenwerkstatt zurück zu müssen war für mich okay.
Ich bin aber in dieser Zeit jetzt nicht auf eine Idee gekommen, was ich hätte dann machen können. Ich habe zwar
verschiedene Kurse gemacht, einen Jahreskurs in Textilgestaltung, aber das war jetzt nicht zielstrebig, also so,
dass ich damit eine bestimmte Berufswahl verfolgt hätte. Ich habe auch Volleyball gespielt, also ich habe mich
nun nicht gelangweilt. Aber dieses Bewusstsein, dass es eine Ungleichheit zwischen Frauen und Männern gibt,
das ist dann erst in der Wende entwickelt worden. Das lief parallel zum Kennenlernen der Frauenbewegung.
Dieses erste Treffen im Theater war sehr wichtig.
Was wurde dort beschlossen?
Wir hatten das Ziel, einen Verein zu gründen und später sind zwei Frauen von uns an den Runden Tisch
gegangen, der auch komplett mit Männern besetzt war. Es waren eben immer überwiegend Männer, die das
Wort ergriffen haben. Ich weiß nicht, warum so wenige Frauen sich in den Vordergrund gerückt haben. Ich glaube
nicht, dass die nichts zu sagen hatten, aber das einfach selbst in die Hände zu nehmen und zu sagen: So, jetzt
sprechen wir! – Das haben wenige gemacht. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass wir es auch nicht
gewohnt waren, öffentlich zu sprechen, es gab ja auch wenige Vorbilder. Die Vorbilder, die wir hatten, wie zum
Beispiel Margot Honecker, die fanden wir auch wenig erstrebenswert. Die typische ostdeutsche Frau, hat sich
mehr eingeordnet. Für Männer war es insofern einfacher, für sie gab es Vorbilder.
Wie ging es weiter?
Wir sind zum Rat des Kreises gegangen und haben einfach gesagt. So, wir sind hier eine Frauengruppe und wir
brauchen einen Treffpunkt. Wir wollen ein Frauenzentrum haben. - Es passte insofern ganz gut, da die Stasi ja
gerade in Auflösung begriffen war und so waren die ganzen Häuser und Wohnungen, in denen die konspirativen
Treffs stattfanden, leer. Wir bekamen eine Wohnung in der Reichenstrasse angeboten, in einem Privathaus. Das
war eine Wohnung, die ehemals konspirativer Treffpunkt war. Dort, in diesen Räumen, ist heute noch das
Frauenzentrum von Bautzen. Das ist eine ziemlich große Wohnung und es war für die Stasi der ideale Ort, weil
man von dort aus die ganze Innenstadt übersehen kann. Man konnte die Reichenstrasse überblicken, bis zum
Reichenturm und die Steinstrasse und den Platz vor dem Hochhaus. Dort war zum ersten Mai immer die Tribüne
aufgebaut und das war einfach für die Stasi ideal.
Das war eine sehr heruntergekommene Wohnung. Eine von uns ist immer heizen gegangen, bevor wir uns
getroffen haben, die wohnte gleich hier in der Nähe.
Hatten Sie irgendwelche Anbindungen an bestehende Frauengruppen?
Wir hatten Kontakt zum UFV nach Berlin. Dadurch haben wir auch viele Informationen bekommen. Wir haben
über den UFV zum Beispiel erfahren, dass und wo es Fördermittel gibt, wie man einen Antrag stellt und solche
ganz praktischen Dinge. Mit diesen Fördermitteln konnten wir eine Heizung einbauen und erste Veranstaltungen
durchführen, das war ein stetiger Entwicklungsprozess.
Wie groß war die Gruppe?
Wir waren vielleicht 15-30 Frauen, der harte Kern etwa 10 – 12. Die aktiven Frauen waren eigentlich die, welche
kleine Kinder hatten und mit den Kindern zu Hause waren. Sie hatten einfach die meiste Zeit und in dieser Zeit
der ganzen Umbrüche haben sie einfach auch ein neues Betätigungsfeld gesucht, vermute ich mal. Sie hatten
zwar immer die Kinder im Gepäck, aber sie konnten sich um viele Dinge kümmern und das war sehr hilfreich.
Die Fraueninitiative war einer der ersten Vereine, wir haben im Mai 1990 schon unseren Verein gegründet und
eingetragen lassen.
Welche Themen waren Ihnen da wichtig?
Das Thema Gewalt gegen Frauen war für mich sehr wesentlich, denn ich hatte eine Freundin, die in den 80er
Jahren genau mit diesem Problem zu tun hatte. Sie hatte einen Mann, der sie geschlagen hat und das war für
mich ein entscheidender Ausgangspunkt. Wir haben versucht, sie zu unterstützen, haben auch versucht,
zwischen den Partnern zu vermitteln, was natürlich sehr schwierig war und ich habe gespürt, wenn man versucht,
so eine Krisensituation privat zu regeln, dass man dann sehr schnell an seine Grenzen kommt. Teilweise hat die
Freundin auch bei uns zu Hause mit ihren Kindern gewohnt und wir waren irgendwann natürlich völlig
überfordert, weil man da ja auch mit hineingezogen wird.
Wir haben auch versucht, dem Mann eine Therapie zu vermitteln, der sollte zu dem Maaz nach Halle gehen. Das
war ja damals auch so etwas Neues, dass da ein Therapeut war, der versucht hat, etwas anderes zu machen.
Das hat er aber abgelehnt. Also unsere Versuche da zu vermitteln funktionierten nicht und die Ehekrise wurde
immer massiver. Aber diese Erfahrung hat mir vermittelt, dass es öffentliche Räume und staatliche Hilfen für
solche Momente geben muss.
Sie haben vorhin erzählt, dass Sie in Frankfurt, als Sie Ihre Tante besucht haben, das erste Mal zu
Besuch in einem Frauenschutzhaus waren.
Ich bin im Mai in Frankfurt am Main das erste Mal in einem Frauenhaus gewesen. Im Nachhinein gesehen, bin
ich da völlig blauäugig herangegangen. Ich habe bei meiner Tante ins örtliche Telefonbuch geguckt, mir die
Nummer rausgesucht und dort angerufen. Die meinten dann, ja ich könne doch mal vorbeikommen, das sei auf
der und der Strasse. Ja, und da stand ich dann auf dieser Strasse und es gab ja auch kein Handy und nichts und
dachte so: Ja, und wie finde ich das jetzt? – Das war ja ein anonymes Frauenhaus. Zum Glück aber hatte ich die
Telefonnummer mit und haben dann von der Telefonzelle aus angerufen: Wo finde ich Sie denn? Die Frau hat
mich dann abgeholt. Das war eine ehemalige Bewohnerin, die Mitarbeiterin war und sie hat mir das Haus gezeigt
und mir erklärt, wie sie das Frauenhaus aufgebaut haben. Das war ein autonomes Frauenhaus. Mit diesen
ganzen Informationen bin ich zurück und wir haben es auch in unserer Runde besprochen und beschlossen,
dass wir an dem Thema dran bleiben. Da hat sich dann eine extra Gruppe zum Thema Frauen und Gewalt
gebildet und die haben auch so lange zusammen gearbeitet, bis in Bautzen das Frauenschutzhaus eröffnet
wurde.
Der § 218 – inwiefern hat der eine Rolle gespielt?
Es gab ja diese großen Demonstrationen in Berlin. Das war 1991. Ich bin da selbst zwar nicht dabei gewesen,
aber ich habe es intensiv verfolgt. Ich hatte Kontakt zu dieser Gruppe Mütter Courage in Hamburg und über die
Mütter Courage habe ich eine Ausstellung zum §218 nach Bautzen geholt. Da wurde informiert, was es bisher
gegeben hat, was jetzt geplant ist und welche Vorstellungen die einzelnen Parteien zum
Schwangerschaftsabbruch haben.
Innerhalb dieser Ausstellung haben wir auch direkt auf der Strasse Umfragen gemacht und dadurch hatten wir
auch eine große Öffentlichkeit. Eine der Frauen aus Hamburg ist auch selbst noch nach Bautzen gekommen, um
die Ausstellung zu präsentieren. Das war noch sehr lustig, weil sie sich auch völlig in der Geographie verschätzt
hatte. Sie war der Meinung, sie sei in ein paar Stunden von Hamburg nach Bautzen gefahren und kam dann
mehrere Stunden zu spät, weil sie sich völlig vertan hatte.
Das war eine wunderbare Zeit, weil da so viel passierte. Alles, was man anfasste war neu.
Wie wurden Sie Gleichstellungsbeauftragte?
Wir hatten ja im Westen zwei Partnerstädte. Worms und Heidelberg. Dadurch hatten wir ziemlich zeitig Kontakt
zu dem Dachverband der Frauenvereine in Worms. Die Vorsitzende des Dachverbands war sehr zeitig schon bei
uns, sie kam einfach her und hat sich gesagt, ich schaue mir einfach mal an, was die so machen.
Von ihr haben wir das erste Mal gehört, dass es in Worms eine Gleichstellungsbeauftragte gibt und was die so
macht. Da haben wir gesagt: „Das finden wir toll. Wir wollen auch eine.“
Und sie hat uns gesagt, bei den Kommunalwahlen im Mai müsst Ihr versuchen, eine Stelle für eine
Gleichstellungsbeauftragte zu fordern.
Wir haben an alle Parteien, die sich zur Wahl gestellt haben, einen Brief geschrieben und nach der Wahl haben
wir uns an den neuen Bürgermeister gewandt und nachgefragt. Da kam dann die Antwort: Na ja, wir warten erst
einmal ein bisschen. Das muss ja nicht gleich am Anfang sein. Da haben wir gesagt, wir möchten das aber schon
jetzt einrichten. Daraufhin wurde die Stelle ausgeschrieben und plötzlich war die Frage: Wer von uns bewirbt sich
denn jetzt auf die Stelle? Wir haben uns als Gruppe zusammengesetzt und beraten, wer es machen könnte und
während der Beratung kam raus, dass niemand konnte. Alle waren irgendwo in anderen Zusammenhängen
eingebunden und konnten keine Vollzeitstelle übernehmen. Für mich war das auch nicht unbedingt oberste
Priorität, denn meine Tochter war noch sehr klein, 9 Monate, und ich wollte sie auch nicht unbedingt
wegschicken, also in die Krippe geben, um diese Arbeit zu machen. Ich fühlte mich auch selbst noch nicht reif für
eine solche Aufgabe. Ich bin dann aber von den anderen Frauen direkt angesprochen worden, ob ich es nicht
machen wolle. Dann habe ich es mir noch einmal intensiv durch den Kopf gehen lassen und mich beworben.
Das war praktisch Ihre erste Bewerbung im Leben.
Ich kann mich gar nicht mehr so richtig erinnern. Aber es gab keine großen Gespräche, sondern man wurde
einfach eingestellt. Das glaubt einem ja heute keiner mehr. Es gab zwar noch andere Bewerberinnen habe ich
mal gehört, aber die kamen nicht aus unserem Kreis und ich weiß auch nicht wer das war. Aber mit heute ist das
einfach nicht mehr vergleichbar. Heute kann keine Uhrmachermeisterin Gleichstellungsbeauftragte werden.
Dieser ganze Marathon um Arbeitsplätze und Qualifikationen das ging erst später los.
Wie war der Start im Rathaus?
Ich habe am 1. August ein Zimmer mit einem Schreibtisch und Kugelschreiber zugewiesen bekommen und das
war´s. Mein großes Glück war einfach die Verbindung zur Fraueninitiative, so dass ich einen Ansatzpunkt für
wichtige Themen hatte. Es gab in der Region viele Fortbildungen und Schulungen, dann wurde ja das
Frauennetzwerk für den Bezirk Dresden, so hieß das damals noch, gegründet und durch diese schnelle
Vernetzung ging es sehr rasch auch in die intensive inhaltliche Arbeit.
Ich habe Gesprächskreise für Frauen über 50 organisiert. Die waren ja betroffen. Sie flogen scharenweise aus
den Betrieben raus und es war klar, dass sie in ihrem Alter nicht so schnell etwas wieder finden.
Das Frauenschutzhaus war natürlich auch ein wichtiges Thema und aber auch die sozialen Probleme, die damit
zusammen hingen, aufzugreifen.
Hatten Sie das Gefühl, Sie können etwas bewirken?
Ich hatte das Gefühl, ich kann für betroffene Frauen da sein, kann Ihnen Angebote machen. Bewirken auch
insofern, dass ich den Stadtratsbeschluss für die Gründung eines Frauenschutzhauses mit vorbereitet habe. Das
war schon eine weitreichende Angelegenheit und damit haben wir auch konkret etwas bewirkt. Das ist etwas,
was es auch heute noch gibt. Das war nicht leicht, es gab da auch heftige Widerstände.
Aus welcher Richtung?
Das war eine Frage des Geldes.
Und die Abstimmung?
Die lief dann hervorragend. Der neue Stadtrat hat sich einstimmig zu dem Frauenschutzhaus bekannt. Insofern
hat sich die mühselige Überzeugungsarbeit vorher schon gelohnt. Und von heute aus gesehen finde ich es schon
beeindruckend, dass es so geklappt hat, dass es keine einzige Gegenstimme gab. Ich glaube, im Westen hatten
die größere Schwierigkeiten, da gab es mehr Widerstände.
Die Probleme, von denen Frauen so kurz nach der Wende massiv betroffen waren, wie zum Beispiel die
Massenarbeitslosigkeit, die konnte ich ja nicht aufhalten. Ich habe meine Aufgabe deshalb auch darin gesehen,
die Frauen zu motivieren, zu sagen: Lasst euch da nicht unterkriegen. Nehmt es nicht als persönliches Schicksal!
Ich habe versucht Projekte zu initiieren, wie zum Beispiel den Handwerkerinnenhof. Das war ein Projekt, in dem
Frauen unterstützt wurden, die sich selbstständig machen wollten. Da gab es verschiedene Handwerksbereiche
und die sollten sich unter einem Dach gemeinsam vermarkten und dann auch von der unmittelbaren Nähe
voneinander profitieren. Doch als die Fördermittel weg waren, ist das Ganze leider zusammen gebrochen. Es
konnte sich auf dem Markt leider nicht halten. Das ist auch eine Erkenntnis.
Es gibt noch eine kleine Schneiderei, die hat sich bis heute gehalten. Das ist eine Frau, die aus Leinen Kleidung
und Accessoires schneidert. Immerhin.
Wenn Sie die Rolle der Frau zu DDR-Zeiten und heute vergleichen, was fällt Ihnen da auf?
Ich denke, das kommt immer auf die ganz persönliche Situation an. Viele Frauen haben es ja als ganz großen
Verlust erlebt, die Frauen, die ihre Arbeit verloren haben und einfach zu alt waren, um etwas Neues aufzubauen.
Oder auch die Frauen, die in dem System DDR gut klar gekommen sind. Ich hatte jetzt kürzlich wieder ein
Gespräch mit einer Frau, die mir sagte: Ich war so glücklich in meiner Frauenbrigade, das hat für mich einfach
alles gestimmt. – Sicher für so eine Frau ist der Verlust immens. Aber ich denke, dass ist eine ganz individuelle
Erfahrung.
Ich möchte die Wende nicht missen, aber das hängt wahrscheinlich mit meinem Alter zusammen und den
Möglichkeiten, die ich hatte.
Und wie würden Sie die Frage als Gleichstellungsbeauftragte beantworten?
Das ist schwer zu beantworten. Meine großen Töchter sind jetzt gerade Anfang 20 und für die steht die Welt
offen. Natürlich haben Sie auch diese Möglichkeiten, weil sie entsprechend gefördert wurden. Sie haben Abitur
gemacht, sie werden studieren. Das einzige Problem, mit dem sie sich herumschlagen müssen, ist die Auswahl.
Sie müssen sich irgendwann einmal festlegen und entscheiden: Was will ich studieren? Wie soll mein Leben
später einmal aussehen? Bei mir war das ganz anders. Das wurde eben einfach entschieden, da musste ich gar
nicht überlegen. Das kann man nicht vergleichen.
Überwiegt der Gewinn oder der Verlust?
Einerseits ist heute viel mehr Eigeninitiative gefragt, man muss ständig fit sein, flexibel und allzeit bereit. Und wer
das nicht leisten kann, für den ist das wirklich schwer. Aber persönlich denke ich, die Gestaltungsspielräume sind
vielfältiger geworden. Wir leben in einer Demokratie, das ist doch eine Errungenschaft. Früher hatten wir eine
Diktatur und das hat man an allen Ecken und Enden gemerkt. Die Wirtschaft lag am Boden, die Natur war
zerstört, da gab es wenig Zukunft. Ich kann trotzdem nicht sagen, dass es eine bessere Welt ist heutzutage, ich
kann mich nicht festlegen, ob es ein Gewinn oder ein Verlust ist.
Es gibt auch einige Frauen, die zu DDR-Zeiten ihr Kind gleich mit einem halben Jahr in die Krippe geben wollten
und im Nachhinein haben sie es auch bedauert. Aber es gab einfach nicht das Klima, in dem man sich der
Gruppennorm widersetzt hat. Es war eben normal, so schnell wie möglich wieder arbeiten zu gehen und es
wurde auch von Seiten des Betriebes erwartet. Da lastete auch ein hoher Druck auf den Frauen.
Einerseits waren die Frauen sehr autonom, andererseits wieder sehr abhängig.
Die DDR-Frau konnte ihr Leben selbst in die Hand nehmen und sagen: Ich brauche keinen Mann, um versorgt zu
sein. Ich habe kürzlich gerade wieder mit einer Frau gesprochen, sie hat mir erzählt, sie habe in der LPG
gearbeitet, hatte drei Kinder und einen Mann, der gar nichts gemacht hat. Und den hat sie irgendwann einfach
rausgeschmissen, weil sie nicht mehr eingesehen, hat, dass sie für alle schuftet. Ich weiß nicht, ob das
heutzutage für eine Frau so möglich wäre. Wenn sie selbst vielleicht einen Job hat, mit dem sie gerade so an der
Kante lebt, dann geht das sicherlich vom Finanziellen her gar nicht. Aber diese Frau hat mir erzählt, sie hat in der
LPG gearbeitet und dort so gut verdient, dass sie auch innerhalb kurzer Zeit das Haus abbezahlen konnte, was
sie sich gekauft hatten. Sie war einfach autonom. Es wurden ja meist die Scheidungen von den Frauen
eingereicht.
Es ist schwierig sich zu erinnern. Es wird häufig gesagt, dass früher alles viel besser war, dass die Frau im
Sozialismus mehr Rechte hatte. Aber ich weiß nicht, ob das so stimmt. Es gab ja in der Familie auch keine
Gleichberechtigung. Die Frau war für den Haushalt zuständig, da wurde nicht dran gerüttelt. Es war mehr die
verordnete Gleichberechtigung als die tatsächlich gelebte.
Von daher war es auch so schwierig, ihre Geschicke in die Hand zu nehmen. Sie konnten eben nicht sagen, ich
baue jetzt auf einem Prozess auf, sondern es ist etwas Neues gekommen und man hat sich gefügt.
Und heute?
Gesetzlich haben wir, glaube ich, eine ganze Menge erreicht. Es ist halt die tatsächliche Lebenswelt, die noch
nicht gleichberechtigt funktioniert, wenn ich an das Lohngefälle denke oder an Frauen in Führungspositionen,
dann tun sich ganz entscheidende Lücken auf.
Wie werden Sie als Gleichstellungsbeauftragte von Ihrer Umwelt wahrgenommen?
Es passiert mir heute noch, dass mich manche Menschen komisch angucken, wenn ich denen erzähle, was ich
bin, bzw. in welcher Position ich arbeite. Am Anfang hat mich das noch gestört, heute kann ich gut damit
umgehen. Es gibt aber auch Leute, die fragen dann einfach ganz interessiert nach und können sich erst einmal
gar nichts darunter vorstellen. Das finde ich dann wieder gut und wenn sie fragen, kann man auch gut ins
Gespräch kommen.
Es ist schwierig, das merke ich, weil den Menschen teilweise die Vorstellung fehlt. Über das Ordnungsamt kann
man sich leichter unterhalten, da ist gleich eine Ebene da, da kann man schnell sagen: Oh, ich habe auch schon
mal einen Strafzettel bekommen. – Das verbindet. Das schafft Nähe. Eine Gleichstellungsbeauftragte ist da
weiter weg.
Was war für Sie das Wichtigste in der Wendezeit?
Emotional am tiefsten hat mich sicherlich dieser Moment in der Leipziger Kirche berührt, dort wo die „Kirche von
Unten“ getagt hat. Was ich dort aufgesogen habe und vor dieser Kulisse des kaputten Leipzig wieder gespiegelt
sah, das war ein Moment, der mich sehr aufgerüttelt hat. Das hat einen regelrechten Energieschub ausgelöst.
Haben Sie jemals Ihre Stasiakte gesehen?
Es gibt keinen Stasivermerk für mich. Nicht, dass ich gedacht hätte, ich finde jetzt eine große Akte über mich, ich
war ja wahrlich keine Oppositionelle, aber wir waren mal dienstlich in Rostock und die Gedenkstätte dort ist direkt
der Stasi-Unterlagen-Behörde unterstellt. Dort waren zwei Frauen und die haben gesagt, ach machen Sie das
doch einfach mal. Füllen Sie hier diesen Antrag aus, das geht dann automatisch. Ja, so habe ich erfahren, dass
immerhin schon ein Blatt mit meinem Namen angelegt wurde, da stand dann mein Mädchenname drauf, der war
durchgestrichen und daneben der Vermerk: verheiratet Keller. Aber das Blatt war leer.
Sind Sie heute politisch aktiv?
Ich bin in keiner Partei. Ich habe damals beim Neuen Forum mitgemacht, als es das noch gab, aber ich bin nie
irgendwo eingetreten. Ich denke, als Gleichstellungsbeauftragte ist das auch schwierig. Ich möchte für alle da
sein.
Ich bin aber in mehreren Vereinen aktiv. In der Fraueninitiative, im Frauenschutzhaus e.V. und auch im Club
Soroptimist International. Den habe ich hier vor einigen Jahren mit gegründet, das sind Frauen, die soziale
Projekte unterstützen. Soroptimist heißt, das Beste für die Frauen. Das ist so ähnlich wie der Lions Club oder der
Rotary Club, aber speziell für Frauen. Das ist eine weltweite Organisation, in der Frauen unterschiedlicher
Berufsgruppen miteinander vernetzt sind. Es gibt regelmäßige Treffen und verschiedene Ämter. Für mich ist
dieser Austausch auch sehr wichtig, denn da sind Frauen, die hier in Bautzen etwas für Frauen tun wollen.
Würden Sie sich heute als links definieren?
Da müsste man definieren, was links ist. Extreme Parteien lehne ich ab. Ich habe zum Beispiel auch mit den
Linken große Schwierigkeiten, weil mir klar ist, viele kommen aus der SED und da habe ich wenig Verständnis
dafür. Ich kann das einfach nicht vergessen.
Ich finde es sehr wichtig, dass es unterschiedliche Positionen und Parteien gibt. Und ich mag es gar nicht, dass
man sich teilweise so bekriegt unter den Parteien, das schürt meiner Meinung nach auch die
Politikverdrossenheit. Ich finde das nicht sinnvoll.
Haben Sie manchmal Bedenken, dass die soziale Ausgewogenheit verloren gehen kann?
Ich war vor zwei Jahren das erste Mal in Amerika und dort habe ich das erste Mal gespürt, dass es auch anders
sein kann.
In Amerika wird ja immer gesagt, es muss sich jeder selbst helfen und wer sich nicht selbst helfen kann, der hat
halt Pech gehabt. Das finde ich schon sehr unsozial. So einen Ansatz kann ich gar nicht vertreten.
Insofern ist mir eine soziale Ausgeglichenheit sehr wichtig, auch der Fakt, dass alle in der Gesellschaft
mitgenommen werden. Zum Beispiel eine gesetzliche Krankenversicherung, ich kann mir nicht vorstellen, dass
es ohne gehen soll.
Wäre das Bürgergeld, also ein bedingungsloses Einkommen, für Sie ein Schritt in die richtige Richtung?
Das ist eine Illusion für mich, das löst überhaupt nichts. Manchmal habe ich sogar deswegen ein schlechtes
Gewissen und denke: Bist du denn jetzt unsozial, dass dir das nicht gefällt? Aber meiner Meinung nach geht das
völlig am Thema vorbei. Von daher kann ich es nicht richtig nachvollziehen.
Die Idee dahinter, der Gedanke an eine gerechte Gesellschaft, den kann ich mit tragen, aber Bürgergeld ist keine
Lösung. Das erinnert mich an meine Staatsbürgerkundelehrerin in der Schule, die davon sprach, dass es im
Kommunismus kein Geld mehr gibt, das ist für mich genau so utopisch.
Ich glaube nicht daran, dass sich Menschen mehr für die Gemeinschaft einsetzen, wenn sie Bürgergeld
bekommen.
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