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Der traut sich was, der Spartakus!

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Bayern2Radio - radioWissen
Der traut sich was, der Spartakus!
Die Geschichte des Spartakus
Über Herkunft, Leben und Ideen des antiken Sklavenführers Spartakus wissen wir wenig bis gar
nichts. Er war zunächst einer von den Millionen römischer Sklaven, deren Namen und
Lebensdaten keinen Niederschlag in der Geschichtsschreibung gefunden haben. Heraus aus der
Gesichts- und Geschichtslosigkeit trat Spartakus, als er im Jahre 73 v. Chr. aus der
Gladiatorenschule in Capua, wo er zum Menschenschlächter für die Arena ausgebildet werden
sollte, mit 70 Mitsklaven ausbrach, zum Führer einer rapide anwachsenden Zahl von
aufständischen Sklaven wurde und sich zwei Jahre lang erbitterte Kämpfe mit dem römischen
Heer lieferte, bis er 71 v. Chr. vom römischen Feldherrn Crassus besiegt und getötet wurde.
6.000 seiner Anhänger wurden entlang der Via Appia gekreuzigt. „Man ließ“, so der Historiker
Will Durant, „ihre verwesenden Leichname monatelang hängen, damit alle Herren sich daran
erbauen und alle Sklaven daraus eine Lehre ziehen konnten.“
Spartakus – ein unvergessener Gescheiterter
Der Aufstand der Sklaven scheiterte katastrophal – der Name seines Anführers aber überdauerte
die Jahrtausende und diente immer wieder als Namensgeber für Bewegungen, denen er als
Vorbild galt: Im 1. Weltkrieg gründeten radikale Kriegsgegner in der SPD um Rosa Luxemburg
und Karl Liebknecht den Spartakusbund, aus dem Ende 1918 die KPD hervorging, um die
bekannteste zu nennen.
Sklaverei – die dunkle Seite der Antike
Die Antike war das Ideal und Vorbild der europäischen Renaissance, dann der Klassik und des
Philhellenismus des 18. und 19. Jahrhunderts. Man hob die künstlerischen, technischen und
politischen Leistungen der griechisch-römischen Antike hervor und setzte sie sich als Maßstab
und Ziel. Was aber so gut wie nie thematisiert wurde, wie es auch die Antike selbst nicht
thematisierte, war die wirtschaftliche Basis der griechischen und römischen Gesellschaft: die
Ausbeutung von Millionen von Menschen durch die Institution der Sklaverei.
Wie kam es zur Sklaverei?
Der Ursprung der Sklaverei liegt wohl im Kriegswesen begründet: Statt gefangene Feinde zu
töten, versklavte man sie und nutzte sie als Arbeitskräfte. Auch konnte die Verschuldung eines
Bauern gegenüber dem Grundherren zur Versklavung führen; ferner gab es den Verkauf in die
Sklaverei für ein begangenes Verbrechen. Schließlich war man auch als Nachkomme von
Sklaveneltern von Geburt an Sklave.
Die lateinische Bezeichnung famulus (neben servus) für „Sklave“ leitet sich von familia ab und
verweist auf die ursprünglich enge Beziehung des Sklaven zur Herrenfamilie. Im 3. und 2. Jh. v.
Chr. kam es aufgrund der langwierigen Kriege vor allem gegen Karthago und Makedonien zu
einem sprunghaften Anstieg der Zahl der Sklaven und es setzte sich die Form der Kaufsklaverei
durch, d. h. des gewerbemäßigen Handels mit Menschen und der damit verbundenen
Menschenjagd. Die Nachfrage war da: Die nobiles erweiterten ihren Grundbesitz zu riesigen
Latifundien, die sie von Tagelöhnern und Sklaven verwalten und bewirtschaften ließen. Die
Ausbeutung der Sklaven ermöglichte es den Großgrundbesitzern, ihre Produkte zu Preisen
anzubieten, mit denen die Kleinbauern nicht mithalten konnten. Viele von ihnen sahen sich
gezwungen, sich „freiwillig“ in die Sklaverei zu begeben, um überhaupt überleben zu können,
bzw. ihren Besitz zu verkaufen und in die Städte abzuwandern, wo sie zum Anwachsen des
städtischen Proletariats beitrugen. Die Zahl der Sklaven wuchs ständig und erreichte in der Zeit
der späten Republik (1. Jh. v. Chr.) mit 250.000 bis 300.000 Sklaven ein Drittel der
Gesamtbevölkerung Roms.
Die Stellung der Sklaverei
Sklaverei wurde als natürlicher Bestandteil der sozialen und wirtschaftlichen Ordnung
hingenommen. Im ersten Jahrhundert n. Chr. waren es die stoischen Philosophen, welche zwar
nicht die Institution der Sklaverei in Frage stellten, aber aufgrund ihrer Lehre von der
gemeinsamen Natur aller Menschen zu einem mitmenschlichen Umgang mit den Sklaven
mahnten. So schrieb Seneca (4 v.–65 n.Chr.), Lehrer des Kaisers Nero, an seinen Freund
Lucilius: „Mit Freuden habe ich von Leuten, die von dir kommen, vernommen, dass du mit deinen
Sklaven freundschaftlich umgehst. – ‚Es sind Sklaven.‘ Aber doch Menschen. ‚Es sind Sklaven.‘
Aber doch Hausgenossen. ‚Es sind Sklaven.‘ Aber doch Freunde, aus bescheidenem Stande. ‚Es
sind Sklaven.‘ Aber doch deine Mitsklaven – denn du musst bedenken, dass Freie und Unfreie
gleichmäßig der Macht des Schicksals unterliegen.“ (Seneca, Brief 47 an Lucilius)
Der Schutz der Sklaven
Im ersten Jahrhundert n. Chr. begannen sich auch Ansätze in der kaiserlichen Gesetzgebung zu
zeigen, den Status des einzelnen Sklaven besser zu schützen – wobei die gesetzlichen
Regelungen zeigen, welche menschenverachtenden Praktiken tatsächlich bei der Behandlung
der Sklaven üblich waren! So machte Kaiser Tiberius (14-37) die Verwendung von Sklaven zum
Kampf mit wilden Tieren von einer behördlichen Genehmigung abhängig. Kaiser Claudius (4154) verbot die Tötung von kranken und gebrechlichen Sklaven. Kaiser Domitian (81-96)
untersagte die Kastration von Sklaven, um sie als Eunuchen verkaufen zu können, und Kaiser
Hadrian (117-138) verbot den Verkauf von Sklavinnen in Bordelle und die willkürliche Tötung von
Sklaven durch den Herrn. Kaiser Diocletian (284-305) untersagte die Aussetzung von
Sklavenkindern.
Auch das Christentum war nicht grundsätzlich gegen die Sklaverei, forderte aber immerhin zu
einer humaneren Behandlung der Sklaven auf und propagierte auch die Freilassung von
Sklaven, die sich bewährt hatten. Letzteres galt auch als edles Verhalten bei einem Herrn. „Liebe
Freunde“, sagt Trimalchio im Roman „Satyricon“ des Dichters Petronius (gest. 66 n.Chr.), „auch
die Sklaven sind schließlich Menschen und haben ebenso wie wir Muttermilch getrunken, auch
wenn sie nicht so viel Glück hatten. So wahr ich lebe, sie sollen eines Tages die Luft der Freiheit
atmen. In meinem Testament mache ich sie jedenfalls alle frei.“ Das ist schön gesagt, und wird
auch von den Zuhörern anerkennend aufgenommen. Doch ist die Freilassung eine edle Geste
des Herrn, Ausdruck seiner Machtvollkommenheit und seines guten Willens, aber keinesfalls
eine auch noch so geringe Infragestellung der Institution der Sklaverei: Diese stellt keine
Ungerechtigkeit dar, sondern ist eine Frage von Glück und Pech – und Sklaven hatten halt „nicht
so viel Glück“.
Drilled to kill: die römischen Gladiatoren
Wirft das Sklaventum einen dunklen Schatten auf die meisten der antiken Gesellschaften, so
zeichnet sich die römische Gesellschaft darüber hinaus noch durch eine besondere Abartigkeit in
den Seelen ihrer Mitglieder aus, die noch dazu staatlich gefördert wurde: die Begeisterung für die
mörderischen Gladiatorenspiele.
Der Ursprung der Gladiatorenkämpfe liegt im religiösen Bereich und führt uns zu den Etruskern
zurück. Diese glaubten, dass man die Seele eines Gefallenen versöhnen könne, indem man ihr
das Blut von Feinden opfere – Kriegsgefangene mussten mit dem Schwert, dem gladius,
gegeneinander bis zum Tode kämpfen. Dieser religiöse Kontext stand auch am Anfang der
römischen Gladiatorenkämpfe: Der erste dieser Kämpfe ist uns aus dem Jahre 264 v. Chr.
überliefert, als die Söhne des D. Iunius Brutus Pera beim Begräbnis ihres Vaters auf dem
Rindermarkt in Rom drei Gladiatorenpaare gegeneinander fechten ließen. „So tröstete man sich
über den Tod durch Morde“, wie Tertullian (160-225) es rückblickend formulierte. Diese Kämpfe
bei Beerdigungen erfreuten sich wachsender Beliebtheit und bürgerten sich schnell ein.
Vom Ritual zur Unterhaltung
Mit der Zeit erfolgte eine Säkularisierung der Einrichtung: Die ersten Gladiatorenkämpfe ohne
den Kontext einer Beerdigung wurden im Jahre 105 v. Chr. von den zu der Zeit amtierenden
Consuln ausgerichtet. Allerdings wurden auch die religiös motivierten Kämpfe weiterhin
gepflogen – Cäsar etwa ließ 65 v. Chr. für seinen toten Vater und 45 v. Chr. für seine
verstorbene Tochter Iulia Gladiatorenkämpfe ausrichten. Aber diese Kämpfe dienten jetzt vor
allem dazu, ihren Veranstaltern und Finanziers – Consuln, Praetoren, Aedilen, Quaestoren - die
Gunst der Bevölkerung zu verschaffen und daraus politisches Kapital zu schlagen. Umgekehrt
entwickelte sich bei der Bevölkerung eine Anspruchshaltung gegenüber den Regierenden, mit
Nahrung und Unterhaltung versorgt zu werden – „Panem et circenses!“ hieß die berühmte
Formulierung, der sich im Interesse des eigenen Machterhalts keiner der Herrschenden
verweigern konnte.
Seit Beginn des Prinzipats waren es vor allem die Kaiser, welche die Kämpfe ausrichten ließen.
Als Veranstaltungsstätten wichen die hölzernen Anlagen immer mehr Amphitheatern aus Stein,
auf welche keine größere Stadt mehr verzichten wollte, lockte es doch zahlende Besucher in die
Stadt. Sie hießen so, weil die Zuschauer, anders als in den normalen griechischen und
römischen Theatern, um die ganze Arena herum = gr. amphi saßen. Auch Kaiser ließen
Amphitheater errichten – am bekanntesten ist das Kolosseum genannte Flavische Amphitheater
in Rom, von Kaiser Vespasian (69-79) erbaut und von Kaiser Titus (79-81) im Jahre 80 n. Chr.
eingeweiht; es fasste rund 50.000 Zuschauer.
Wer wurde Gladiator?
Woher kamen die Gladiatoren, die gezwungen wurden, sich in den Arenen massenweise vor
dem grölenden Publikum gegenseitig umzubringen? Es waren ursprünglich, wie wir gesehen
haben, Kriegsgefangene, deren Blut den Totengeist eines Gefallenen besänftigen sollte. Später
zwang man auch wegen Mord oder schwerem Raub verurteilte Verbrecher und religiöse
Minderheiten wie die Christen zum Gladiatorenkampf. Im Zusammenhang mit den erfolgreichen
Kriegen Roms im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. kamen auch sehr viele Sklaven (Kriegsgefangene
und verschleppte Bevölkerung) in die Arenen – darunter auch der junge Thraker Spartakus. Sie
alle wurden in speziellen Gladiatorenschulen in hartem Drill zum Töten ausgebildet, das
Publikum wollte ja „spannende“ Kämpfe sehen. Berühmte Schulen in Italien gab es in Rom,
Ravenna, Pompeii und Capua, in letzterer wurden Spartakus und seine Leidensgenossen
gefangengehalten. Die Ausbildung war äußerst hart, für kleine Vergehen gab es drakonische
Strafen, und die Perspektive war ein früherer oder späterer Tod in der Arena.
Die Gladiatorengattungen
Die Gefangenen wurden für verschiedene Gladiatorengattungen ausgebildet: Es gab die
Samniten (mit großen viereckigen Schilden und Kurzschwertern), die Thraker (mit kleinen
Rundschilden und gebogenen Schwertern), die Gallier (mit großem Schild und Schwert), die
Netzfechter (mit Dreizack, Netz und Dolch) und andere Gattungen mehr.
Der letzte Tag eines Galadiators
Am Tage vor den Kämpfen bekamen die Gladiatoren ihre Henkersmahlzeit; dabei konnten sie
vom Publikum bereits betrachtet und begutachtet werden (schließlich schloss man ja auch
Wetten auf die Kämpfer ab). Am Kampftag zogen die Gladiatoren feierlich in die Arena ein vor
die Loge des Kaisers, dem sie ihr berühmtes „Ave Caesar, morituri te salutant!“ zuriefen. Dann
begannen die Kämpfe: Die Gladiatoren kämpften zu Paaren oder in verschiedenen
Gruppenformationen gegeneinander bzw. gegen wilde Tiere. Die Kämpfer wurden dabei mit
Peitschen, glühenden Eisen etc. angestachelt und zum Angriff vorwärtsgetrieben. „Dem Hieb mit
dem ganzen Körper ausgesetzt, schlagen die Gladiatoren niemals vergeblich zu. Kein Helm, kein
Schild kann das Schwert abweisen. Mit Feuer und Schwert wird der Kampf geführt. Er dauerte so
lange, bis die Arena leer ist“ (Seneca, Briefe 1, 7, 4). War ein Gladiator so schwer verletzt, dass
er nicht mehr kämpfen konnte, gab er ein Zeichen mit einem Finger der linken Hand. Nun war es
am Veranstalter und am Publikum zu entscheiden, ob er getötet werden sollte oder nicht.
Deuteten sie mit dem Daumen nach oben, durfte der Verwundete weiterleben – bis zum
nächsten Kampf; senkten sie den Daumen, so erhielt der am Boden liegende den Todesstoß.
Vom Zweikampf zur Seeschlacht
Die Exzesse steigerten sich. Beliebt wurde die Nachstellung mythologischer Szenen mit
lebendigen Menschen – die Verbrennung des Herkules, der Sturz des Ikarus, die Kreuzigung des
Laureolus. Zum Tode Verurteilte wurden von den Veranstaltern gekauft und in der Arena
hingerichtet. Immer größer wurde der Einsatz an Tieren und Menschen: Bereits Cäsar und
Augustus ließen sog. Naumachien veranstalten, künstliche Seeschlachten in der gefluteten
Arena. Die größte dieser Schlachten ließ im Jahre 52 Kaiser Claudius auf dem Fucinersee, dem
einst größten See Italiens südlich von Rom, inszenieren, bei der auf jeder Seite 19.000 Sklaven
kämpften.
Ähnlich wie bei der Sklaverei gab es – mit der Ausnahme Senecas – auch hier niemanden, der
die Einrichtung der Gladiatorenspiele eindeutig verurteilt hätte. Man lobte den Mut einzelner
Gladiatoren und betrachtete die Spiele als Schule der Selbsterziehung, Tapferkeit und
körperlichen Ertüchtigung. Es wurde auch erkannt, dass die Spiele sehr wohl zur Abreaktion der
Affekte des Pöbels aller Stände und zu dessen politischer Neutralisierung beitrug. Der
Pantomime Pylades sagte es klar zu Kaiser Augustus: „Es ist dein Vorteil, Caesar, dass das Volk
sich mit uns beschäftigt.“ – Erst das Christentum setzte sich für eine Abschaffung der
Gladiatorenkämpfe ein. Im Jahre 404 wurden sie unter Kaiser Arcadius im ganzen Reich
verboten.
Vor dem Hintergrund der menschenverachtenden Institutionen der Sklaverei und der
Gladiatorenspiele wird verständlich, wieso Spartakus und seine Mitgefangenen im Jahre 73 v.
Chr. die gefährliche Flucht wagten, warum sie so zahlreichen Zulauf von anderen Sklaven und
verarmten Freien erhielten und warum sie so verbissen den römischen Heeren drei Jahre lang
erbitterten Widerstand leisteten.
© Bayerischer Rundfunk 2003
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