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Gesprengt, was nicht zerstört war

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PFORZHEIM
SAMSTAG, 31. JULI 2010
PFORZHEIMER ZEITUNG, NUMMER 174
Goethebrücke mit Reuchlin-Gymnasium und Oberrealschule (links).
Auerbrücke am Zusammenfluss von Nagold (links) und Enz.
Werderbrücke um 1900, im Hintergrund die Calwer Straße.
Nur noch Schrott: die Goethebrücke.
Verbindung unterbrochen: die Auerbrücke.
Unpassierbar: Die Werderbrücke wurde schon 1944 beschädigt.
Einwohnerzahl
fast halbiert
PFORZHEIM. Mit der Industrialisierung war die Zahl der Einwohner in
Pforzheim stark angestiegen. Betrug
sie im Jahr 1895 rund 33 000, so waren
es fünf Jahre später bereits 10 000
Personen mehr. Im Jahre 1905 wurden knapp 60 000 Menschen, 1910 fast
70 000 registriert. Nach dem Ende des
Ersten Weltkriegs, in dem 1700 Pforzheimer gefallen waren, wurden im
Jahr 1919 exakt 73 639 Personen gezählt. Von 1925 bis 1939 trat dann eine
Stagnation ein. Die Bevölkerungszahl pendelte sich um 79 000 Köpfe
ein.
Fotos: Stadtarchiv
Gesprengt, was nicht zerstört war
Zehn Tage lang „Kampf um Pforzheim“ vor dem Einmarsch französischer Soldaten – Brücken nicht mehr zu benutzen
PFORZHEIM. Nach der Zerstörung droht Pforzheim die
Einnahme durch die Alliierten:
In der Nacht zum 26. März
1945 überquerten US-Soldaten
den Rhein bei Sandhofen.
Die Franzosen folgten am
1. April bei Philippsburg.
P Z - R E D A K TE U R
THOMAS FREI
Kreuze in der Trümmerlandschaft.
Nach dem Luftangriff der Royal Air
Force auf Pforzheim am 23. Februar
1945, der über 17 000 Tote forderte,
wurden Ende April nur noch 30 000
Menschen in der Statistik vermerkt,
die sich meist in den Randbezirken,
in Brötzingen und Dillweißenstein
aufhielten. Die übrigen Überlebenden waren meist in den umliegenden
Gemeinden untergekommen, oder
sie fanden in Baracken und Gartenhäuschen ein behelfsmäßiges, vielfach menschenunwürdiges Unterkommen. Eine nicht bekannte Zahl
von Pforzheimern befand sich auch
noch in Kriegsgefangenschaft. Viele
Soldaten waren gefallen oder wurden vermisst.
Im Bereich des Marktplatzes gab
es nach dem Luftangriff keinen Bewohner mehr, zuvor waren es über
4000. In der Altstadt waren offiziell
zwei Menschen gemeldet nach über
5000 zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Rund 4400 Personen waren es
damals um den Leopoldplatz, jetzt
noch 13. Im Sedanviertel fanden noch
582 (zuvor 4200) und in der Weststadt
513 (4100) eine Möglichkeit zum Wohnen. Am 31. Dezember 1945 wurden
nur noch 42 226 Personen in Pforzheim gezählt, am 17. Mai 1939 waren
es 78 431 Einwohner.
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Quelle: Verwaltungsbericht und
Statistik der Stadt Pforzheim 1945 –1952
Ausgebombt, doch lebend, hatten
Friedrich Adolf Katz und seine Familie den Luftangriff der Royal Air
Force am 23. Februar 1945 im Keller
ihres Wohnhauses an der Schwarzwaldstraße überlebt. Als sie sich
nach dem Bombenhagel ins Freie gewagt hatten, mussten sie erkennen,
dass das Gebäude, das in Flammen
stand, nicht mehr zu retten war. Die
Nacht verbrachten sie im Garten.
Am anderen Morgen machte sich
Katz, er war Direktor der Deutschen
Bank, über verschüttete Straßen auf
zu seiner Arbeitsstätte. Zwei Volltreffer hatten diese schwer beschädigt, das Untergeschoss brannte
noch. Im Keller waren 60 Angehörige
vom Bund Deutscher Mädel (BDM,
der weibliche Zweig der Hitlerjugend) erstickt.
Reiches nahe war, und dass die
Alliierten auf ihrem Marsch nach
Westen auch bald vor der Trümmerstadt Pforzheim stehen würden.
Doch werden es französische Truppen oder die US-Army sein? Für beide sollte der 52-Jährige – er und seine
Familie hatten in Mönsheim eine vorübergehende Bleibe gefunden – dienen: für die Franzosen als Landrat,
danach auch für die Amerikaner, die
ihn zudem zum Oberbürgermeister
bestellten.
Pforzheim galt in jenen Tagen als
ein „Eckpfeiler der Verteidigung“,
hier sollte den Westmächten der Eintritt in den Schwarzwald verwehrt
werden. Als die Franzosen immer näher rückten, die Amerikaner am 2.
April vor Bruchsal standen, sollte
dem allgemeinen Befehl des Oberkommandos des Heeres gefolgt werden, keine Brücke in Feindeshand fallen zu lassen.
Hans Knab, der Kreisleiter der
NSDAP in Pforzheim, hatte zudem
das Sprengen des Enztalkraftwerks
angeordnet. Wie dem nach Kriegsende zusammengestellten städtischen
Verwaltungsbericht zu entnehmen
ist, hatte sich der Betriebsleiter des
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„Noch nie habe
ich so gesehen,
wie Leben und Tod
zusammengehören,
Leben aus dem
Tode erwächst.“
Eintrag im Tagebuch
von Friedrich Adolf Katz,
eine Woche nach der Zerstörung
Pforzheims.
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Im Fall der Brücken sah das anders aus. Beim Angriff am 23. Februar war die Goethebrücke getroffen
worden, die dadurch einstürzte. Zerstört waren auch die Jahnstraßenbrücke über den Metzelgraben und
die Nordstadtbrücke. Nun fielen
noch der Vernichtung anheim: Altstädter Brücke, Inselsteg, Nonnenmühlsteg, Rossbrücke, Baumsteg,
Emiliensteg, Benckisersteg, Common’sche Brücke (Brötzinger Brücke). Birkenfelder Enzsteg sowie die
Auerbrücke und die Würmbrücke
am Kupferhammer.
„Von ungeheurem Druck befreit“
Am 1. März schrieb Katz in sein
Tagebuch: „Ich habe mich früher gewundert, dass dieser Bombenterror
die Moral der Bevölkerung nicht
erschütterte. Nun habe ich selbst
erlebt, wie aus Tod und Zerstörung
ein ungeheurer Lebenswille emporwächst. Solange der Angriff dauerte,
saß man geduckt mit zusammengekrampfter Brust da. Wie er aber vorbei war, war man wie von einem ungeheuren Druck befreit, voller Energie und Tatkraft. Gewiss, ich traf viele völlig gebrochene Menschen, die
von dem Verlust ihrer Angehörigen
und ihres ganzen Besitzes völlig verstört waren und nur weinen und klagen konnten, aber ich sprach ebenso
mit vielen, die entschlossen Pläne für
einen Wiederaufbau machten.“
Vermutlich hatte Katz geahnt, ja
gehofft, dass das Ende des Deutschen
städtischen E-Werks vehement dagegen gewehrt, weil ohne Strom und
dem damit verbundenen Ausfall der
Pumpen die Wasserversorgung vollends zusammengebrochen wäre.
Und obwohl dieser Appell vergebens
blieb, konnte durch den beherzten
Einsatz des Betriebsleiters sowie des
vorgesehenen Sprengmeisters im
Einvernehmen mit Oberbürgermeister Albert Hermann (23. Januar 1945
bis 16. April 1945) erreicht werden,
dass es zu keinen weiteren Zerstörungen im Bereich Strom, Wasser
und Gas kam.
Beherzter Bürger
Das Gewehr im Anschlag: Ein
französischer Soldat durchkämmt
die Ruinenstadt.
Stadtverwaltung, Polizei und Anwohner konnten zumindest erreichen, dass die bereits zum Sprengen
vorbereitete Kallhardtbrücke erhalten blieb. Und ein beherzter Einwohner rettete die „Eiserne Brücke“ in
Weißenstein, als diese für einen Augenblick unbewacht war. Er riss die
Zündschnüre heraus und warf sie in
die Nagold. Dagegen wurde das bereits weitgehend zerstörte Eisen-
bahnviadukt im Brötzinger Tal ebenfalls noch gesprengt. Dasselbe
Schicksal erlitt das Kämpfelbachviadukt im Verlauf der Autobahn A 8 bei
Pforzheim-West.
Der „Kampf um Pforzheim“ sollte
schließlich zehn Tage dauern. In seiner „Geschichte der Stadt Pforzheim“ hat der ehemalige Leiter des
Generallandesarchivs
Karlsruhe
Hans Georg Zier (geboren 1926 in
Pforzheim, gestorben 1997) vermerkt: „Die unselige Idee, Pforzheim
zu verteidigen und seine verbliebene
Einwohnerschaft in allerhöchste Gefahr zu bringen, ist den Parteibonzen
zu danken, die in diesen Tagen des
Untergangs ihrer Herrschaft den Militärs diktierten, nach ihrem wahnwitzigen Plänen zu handeln.“ So wurden daher weitere Truppen nach
Pforzheim verlegt.
Erster Panzer-Angriff
Am 8. April, einem Sonntag, griffen französische Panzer erstmals
Pforzheim an, besetzten die Nordstadt und erreichten den Turnplatz,
wo sie aber von den Deutschen gehindert wurden, die Enz zu überqueren.
Auch am nächsten Tag scheiterte der
Versuch, auf die südliche Seite zu
gelangen.
Mittlerweile befanden sich die Höhen westlich und nördlich der Stadt
fest in französischer Hand. Aber
Gauleiter und Kreisleiter blieben dabei, „die Pforzheimer Trümmer weiter zu verteidigen“, wie Zier schrieb.
Das Überschreiten der Enz gelang
den Franzosen schließlich am 12.
April bei Mühlacker. Sie hatten auch
Neuenbürg und Birkenfeld eingenommen. In der Nacht zum 14. April
waren sie schließlich zum Pforzheimer Gaswerk vorgedrungen. Nun
richtete sich der Angriff der Besatzer, unterstützt durch Jagdbomber
und Artillerie-Beschuss, gegen den
Buckenberg.
Als sich NSDAP-Kreisleiter Knab
und sein Stab „befehlsgemäß“(wie er
hinterlassen hatte) abgesetzt hatten
und später auch Oberbürgermeister
Hermann die Stadt verließ, war dies
der Anfang vom Ende. Pforzheim
war ringsum eingeschlossen. Die
Franzosen forderten die Übergabe
der Stadt. Vom Dillweißensteiner
Rathaus aus, in dem sich die Verwaltung nach dem Bombardement vom
23. Februar eingerichtet hatte, machten sich Stadtbaudirektor Max Müller und vier Bürger mit weißen Fahnen und weißen Armbinden nach Büchenbronn auf zu den Franzosen.
Mittlerweile hatte auch die Bevölkerung weiße Fahnen aus den Häusern
gehängt. „Fast gleichzeitig“, berichtet Zier, hatten französische Panzer
von Huchenfeld her den Vorort erreicht. Gegen Abend des 18. April
wurden das Rod, Sedanviertel, Weiherberg und Bohrain besetzt. Von
Dillstein her kamen Tunesier über
die äußere Friedenstraße, Marokkaner über die Hercyniastraße. Die
sinnlose Verteidigung Pforzheims
fand ein Ende.
Für die Bevölkerung begann unter
französischer Besatzung jedoch eine
neue Leidenszeit. Zu der Hans-Georg
Zier bemerkt hat: „Galt ihre harte
Siegerhand doch dem Objekt, das
den Tod vieler ihrer Kameraden verursacht hat.“ Erst als Stadt und Landkreis Pforzheim mit Wirkung vom 8.
Juli der amerikanischen Besatzungszone angegliedert wurden, konnte an
einen Wiederaufbau der Stadt und
ihrer Verwaltung gedacht werden.
INFO
Überlebende in
ständiger Angst
Mit der PZ-Serie „Pforzheim –
auf dem Weg zur neuen Stadt“
wollen wir aufzeigen, wie die
Überlebenden nach der Zerstörung am 23. Februar 1945 eine
neue Stadt schufen. Es geht um
Menschen, die trotz des erlittenen Leids nicht verzagten. Und
es wird das Bild einer Stadt
gezeichnet, die aus Trümmern
neu erstanden ist.
Die nächste Folge befasst
sich mit der Zeit, als französischer Truppen vom 18. April
bis 8. Juli 1945 die Stadt besetzt
hatten. Es waren Wochen des
Plünderns, Raubens und von
Vergewaltigungen.
ef-te
@ www.pz-news.de/
23. Februar
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Seele and Geist
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