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:: Was Forschung zeigt Gesundheitsförderung in der altenbetreuung

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Was Forschung zeigt
Förderbar
Gesundheitsförderung in der altenbetreuung ist ein noch
wenig entwickeltes Handlungsfeld. Eine nachhaltige
Steuerung, Qualitätssicherung und -entwicklung scheint
sogar noch komplizierter als im Gesundheitsbereich.
Karl Krajic, martin Cichocki, tanja Wagreich
G
esundheitsförderung – ist das ein Thema für alte, meist
chronisch kranke und zunehmend auch funktional eingeschränkte Menschen? Wenn man Gesundheitsförderung
vor allem als Primärprävention von Krankheiten versteht, scheint
das fragwürdig. Wenn es aber vor allem um die Erhaltung oder sogar Stärkung von Ressourcen, von Funktionsfähigkeit im körperlichen, psychischen und sozialen Bereich geht, dann ist die Antwort
wohl eine andere. Und wenn wir uns fragen, ob die „Settings“, die
Lebenswelten, in denen alte Menschen leben, gesundheitsförderlich gestaltet sind, dann werden die Analogien zur Gesundheitsförderung für Patientinnen und Patienten in der Akutversorgung
deutlich.
Dort ist jedenfalls das Thema „Gesundheitsförderung“ angekommen, viele österreichische Krankenhäuser versuchen bereits für
ihre Zielgruppen, Patienten, Mitarbeiter und andere Betroffene, Gesundheitsförderung zu implementieren. Das wird auch zunehmend
systematisch auf der Organisationsebene verankert, z.B. als Kriterien im Qualitätsmanagement, und von Trägern sowie der Gesundheitspolitik unterstützt (Österreichisches Netzwerk Gesundheitsfördernder Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen etc.).
Nicht etabliert
In der Altenbetreuung und -pflege (als größter und demographisch-epidemiologisch immer wichtiger werdender Teil der „Long
Term Care“) ist Gesundheitsförderung bisher deutlich weniger
als Thema etabliert. Das beginnt schon in der wissenschaftlichen
Forschung. Deshalb hat das 2008 gegründete Ludwig Boltzmann
Institute Health Promotion Research (LBIHPR) für das Setting
Langzeitbetreuung und -pflege eine eigene Programmlinie „Gesundheitsförderung in der Long Term Care“ eingerichtet, unterstützt von den Partnern Hauptverband der Österreichischen
Sozialversicherungsträger, Wiener Gesundheitsförderung gemeinnützige GmbH und dem Fonds Gesundes Österreich; als internationaler wissenschaftlicher Partner fungiert die Universität Bielefeld
(Pflegewissenschaft).
Aus diesem Forschungsprogramm ging im Jahr 2009 eine Expertenbefragung hervor. Diese „Status-Quo-Analyse“ wurde in allen
österreichischen Bundesländern in den Bereichen Politik und Verwaltung durchgeführt, ebenso bei großen österreichischen Leis-
tungsanbietern, Vertretern der Gesundheits- und Sozialberufe und
bei Wissenschaftlern. Trotz der Heterogenität des Bereichs ergab
sich ein klares Bild: Wenn überhaupt, so ist bisher vor allem die
Gesundheit von professionellen („formellen“) Betreuungs- und
Pflegepersonen als förderbedürftig bzw. förderbar wahrgenommen worden. Diese Ergebnisse decken sich weitgehend mit den
Ergebnissen einer von der Universität Bielefeld durchgeführten
Literaturstudie.
Die Unterstützungsbedürftigen bzw. „Nutzerinnen und Nutzer“
dieser Dienstleistungen sind dagegen bisher auch in Österreich
noch kaum als Zielgruppe für ein umfassendes Konzept von Gesundheitsförderung wahrgenommen worden – auch da unterscheidet sich Österreich kaum von anderen Ländern. Die Überlegung,
dass auch Angehörige von alten Menschen von Gesundheitsförderung profitieren könnten, spricht sich erst langsam herum, wobei
Politik und Wissenschaft vor allem auf jene Menschen zu schauen
beginnen, die durch ihre informell erbrachten Rund-um-die-UhrVersorgungsleistungen die öffentlichen Kassen entlasten.
Bedarf gegeben
Dass Gesundheitsförderung in einem umfassenden „Setting“Ansatz gerade für die stationäre Altenbetreuung interessant wäre,
ist Gegenstand aktuell laufender Forschung. Aufgrund der Forschungslage weiß man, dass diese Dienstleistungsorganisationen
den Alltag der betroffenen Menschen und damit die subjektive Lebensqualität, aber auch die Funktionsfähigkeit positiv, aber auch
negativ beeinflussen können. Viele Altenbetreuungseinrichtungen
lassen sich leider immer noch als „totale Institutionen“ beschreiben, mit problematischen Auswirkungen der organisatorischen
Standardisierung, der Hierarchien/Machtverhältnisse etc. auf die
Gesundheit aller Betroffenen.
Ein wichtiger Grund für die relative Unterentwicklung der Gesundheitsförderung in diesem Bereich ist (in diese Richtung deuten Ergebnisse der Status-Quo-Analyse), dass Altenbetreuung und -pflege in Recht und Politik in Österreich und international primär als
soziale Unterstützung und nicht als Teil des Gesundheitswesens
bzw. der Krankenversorgung verstanden werden. Das hat Auswirkungen auf Zielsetzungen, aber auch auf die professionelle und
finanzielle Ausstattung. Diese unterschiedliche Zuordnung erzeugt
30 Das österreichische Gesundheitswesen – ÖKZ
52. Jg. (2011), 04 | www.schaffler-verlag.com
Was Forschung zeigt
eine Reihe von problematischen Schnittstellen, deren Umwandlung
in Nahtstellen zwischen dem Gesundheits- und Sozialbereich möglicherweise noch schwieriger ist als im ebenfalls bereits fragmentierten Gesundheitsbereich. Die Tatsache, dass Betreuung und Pflege noch mehrheitlich informell von Angehörigen erbracht werden,
und politisch-rechtlich soziale Unterstützung in Österreich primär
als Aufgabe der Gemeinden definiert ist, macht die Situation in der
Altenbetreuung insgesamt sehr intransparent. Eine nachhaltige
Steuerung, Qualitätssicherung und -entwicklung scheint in diesem
Kontext sogar noch komplizierter als im Gesundheitsbereich.1
Vor dem Hintergrund dieser eher kritischen Einschätzung des Status Quo der Gesundheitsförderung in der Altenbetreuung haben
sich das LBIHPR und seine Partner entschieden, mithilfe eines
Pilotprojekts sowohl das Thema in der öffentlichen Diskussion
sichtbar zu machen als auch konkrete Möglichkeiten für settingorientierte Gesundheitsförderung in der stationären Altenbetreuung
zu erproben.
Pilotprojekt in Wien
Erstes Ziel eines solchen Projektes zur Gesundheitsförderung in
der Altenbetreuung ist es, auf lokaler Ebene in Piloteinrichtungen
Erkenntnisse zu sammeln – in Bezug auf Verfahren und Instrumente für Analysen und Interventionen. Dabei geht es sowohl um Analysen von Implementationserfahrungen als auch von Wirkungen,
soweit das im Rahmen der Projektdauer beobachtbar sein wird.
Diese Ergebnisse werden innerhalb des Projekts zunächst für die
lokale Prozesssteuerung verwendet. Die Erstellung eines Handbuchs auf Basis der Implementationserfahrungen soll es Pflegeund Betreuungseinrichtungen in Zukunft erleichtern, Gesundheitsförderung in diesem Setting zu realisieren. Und schließlich werden
die Erfahrungen und Ergebnisse auch wissenschaftlich international publiziert. Neben der Zielsetzung „Wissensproduktion“ geht
es aber auch um Agenda-Setting in der Wiener und österreichischen Szene. Das Pilotprojekt und seine Ergebnisse sollen in der
Öffentlichkeit zur Verbreitung von Gesundheitsförderung als Entwicklungskonzept für die Altenbetreuung und -pflege beitragen.
Eine öffentliche Fachtagung am 11. Mai 2011 und eine Abschlusskonferenz im November 2012 sind wesentliche Eckpunkte dieses
Agenda-Settings.
::
(Fragebogen), ehrenamtliche Mitarbeiter sowie Angehörige (jeweils Fokusgruppen). Das Management beteiligt sich an der Ausgangsdiagnose mithilfe eines Selbstbewertungsinstruments. Ein
weiterer Schritt sind Interventionen für die Bewohner, Mitarbeiter
und auf der Organisationsebene (primär durch das Management).
Für die Bewohner wird unter Berücksichtigung der Ergebnisse der
Bedarfserhebung eine Mobilitätsintervention geplant, mit der die
Autonomie und Selbstständigkeit der Bewohner erhalten bzw.
verbessert werden soll mit dem Ansatzpunkt „körperliche Bewegung“. In Bezug auf die Mitarbeiter werden Gesundheitszirkel in
den Einrichtungen durchgeführt.
Auf der Organisationsebene wird ein durch einen Berater unterstützter Strategieentwicklungsprozess als erster Schritt einer umfassenden Umsetzung von Gesundheitsförderung durchgeführt, in
den die Ergebnisse der Bedarfserhebung bzw. der Gesundheitszirkel eingehen. Das Design des Projekts ermöglicht Kooperation
bzw. „Benchmarking“ zwischen den drei beteiligten Häusern, sowohl in Bezug auf die Bedarfsanalyse als auch die Interventionen.
Das LBIHPR unterstützt das Projekt im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitforschung in allen Phasen und führt die systematische
Evaluation im letzten Projektviertel durch. ::
Nähere Informationen und Literatur:
:: http://lbihpr.lbg.ac.at/de/ltc-long-term-care
:: Brause, M., Horn, A. Gesundheitsförderung in der Langzeitversorgung Teil II.
Ein Blick auf die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der deutschen Altenpflege. Bielefeld:
Universität Bielefeld. (Veröffentlichungsreihe des Instituts für Pflegewissenschaft)
:: Horn, A., Brause, M., Schaeffer, D., Büscher, A. (2010): Gesundheitsförderung in der
stationären Langzeitversorgung Teil I. Bielefeld: Universität Bielefeld.
(Veröffentlichungsreihe des Instituts für Pflegewissenschaft)
:: Krajic, K., Schmidt, C., Christ, R. (2010): Gesundheitsförderung in der Long Term Care in
Österreich: eine Status quo Analyse. Soziale Sicherheit (März 2010), 142-148.
:: Krajic, K., Schmidt, C., Schüssler, S. (2010): Health promoting organisation settings in
long-term care - Conceptualizing in the framework of the Vienna Organisational Health
Impact Model. Theory of Health and Health Promotion in Organizations, Part 3 of 6.
Wien: LBIHPR. (Working Paper LBIHPR 6.)
:: Krajic, K., Schmidt, C. (2010): Gesundheitsförderung als Beitrag zur Entwicklung der
österreichischen Long Term Care? Konzeptuelle Überlegungen und ExpertInneneinschätzungen. Universität Linz + OÖGKK Reihe Gesundheitswissenschaftliche
Papers.
1
Die wichtigsten Ergebnisse der „Status-Quo-Analyse“ wurden im März 2010 in der
Zeitschrift „Soziale Sicherheit“ publiziert, eine etwas ausführlichere Fassung in den
„Gesundheitswissenschaftlichen Papers“ (siehe Literatur). Dort finden sich auch die
einleitend schon angesprochenen grundsätzlichen konzeptuellen Überlegungen zur
Spezifizierung von Gesundheitsförderung für die Altenbetreuung.
Privatdozent Dr. Karl Krajic,
Key Researcher;
Programmlinie Gesundheitsförderung in der long term Care,
ludwig Boltzmann Institute
Health Promotion
karl.krajic@lbihpr.lbg.ac.at
Dr. martin Cichocki, mPH; Senior Researcher;
Gesundheitsförderung in der long term Care,
ludwig Boltzmann Institute Health Promotion Research
martin.cichocki@lbihpr.lbg.ac.at
Ein erster systematischer Schritt dafür ist die Durchführung einer
differenzierten Bedarfserhebung und -analyse mit spezifisch adaptierten Instrumenten für die Bewohnerinnen und Bewohner (subjektive Perspektive und professionelles Assessment), Mitarbeiter
mmag. tanja Wagreich, Junior Researcherin,
Gesundheitsförderung in der long term Care,
ludwig Boltzmann Institute Health Promotion Research
tanja.wagreich@lbihpr.lbg.ac.at
52. Jg. (2011), 04 | www.schaffler-verlag.com
Foto: Krajic
Das Pilotprojekt „Gesundheitsförderung in der Altenbetreuung
und -pflege“ ist mit Jänner 2011 gestartet und hat eine 24-monatige
Laufzeit. Das Projekt wird von der Wiener Gesundheitsförderung,
dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und dem Fonds Gesundes Österreich finanziert und organisiert
und vom Ludwig Boltzmann Institute for Health Promotion Research im Rahmen seines Forschungsprogramms wissenschaftlich
begleitet. Das Projekt wird in drei Einrichtungen des Kuratoriums
Wiener Pensionisten-Wohnhäuser (KWP) durchgeführt. Insgesamt
wird die Einleitung bzw. Unterstützung eines Entwicklungsprozesses der beteiligten Einrichtungen in Richtung „Gesundheitsförderliche Lebenswelt“ für alle betroffenen Gruppen angestrebt.
Das österreichische Gesundheitswesen – ÖKZ 31
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