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Der EMT 950: Ein wahrer Absolutist – oder was - AAA Switzerland

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Technik und Tipps
Der EMT 950:
Ein wahrer Absolutist – oder was kann danach noch kommen?
Ein Beitrag von Thomas König
Dies ist der Versuch einer Annäherung an den analogen
Überflieger aus dem Hause
EMT in der Hochblüte der Analogzeit (Mitte der 70-er). Was
steckt dahinter und vor allem
was spricht dafür, einen dieser
analogen Dinosaurier im digitalen Zeitalter weiter zu betreiben und für die Zukunft zu
konservieren?
Das tönt doch irgendwie fein:
«Schallplattenwiedergabemaschine»,
so wurde der EMT 950 im Jahr 1976
von der Firma EMT nüchtern und klar
vorgestellt. Er war und ist nicht mehr
und nicht weniger – und trotzdem kann
er und will er mehr als nur Schallplatten
abspielen. Eigentlich wollen und können sie ja alle nur etwas, aber sie haben und können dann doch gewisse
Extras, unsere Plattenspieler: Sie verstehen es nämlich, möglichst unbeirrt, konstant und zuverlässig Schallplatten genau mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit zu drehen und sich dabei
von nichts, aber auch von gar nichts nur
ein bisschen ablenken zu lassen….
Ob Masselaufwerk, ob mit Riemenoder Reibradantrieb ausgerüstet, ob
hart, weich oder gar nicht gefedert, gebaut sind sie alle für den Weg ins audiophile Rom, sprich sie versprechen
uns Hörern das Ticket ins auditive Nirwana zu lösen und uns in die gewünschte akustische Scheinwelt zu entführen.
Speziell ist nicht, was er ist,
sondern was er aus sich machen lässt.
Hat denn dieses rund 70 Kg schwere Monstrum im schlichten Hammerschlaggrau, mit Bauhausflair und
schlichtem Industriedesign, das wohl
überall ausserhalb eines Tonstudios optisch aneckt und als farblich deplatziert
zur Kenntnis genommen wird, überhaupt noch irgendeine begründbare
Existenzberechtigung? Hier passt wohl
nur ein Begriff: graue Eminenz. Das tönt
AAA-Bulletin Ausgabe Frühling 2009
zwar irgendwie majestätisch respektvoll, geradezu aristokratisch und ehrfurchtsvoll, aber gleichzeitig auch irgendwie verstaubt und antiquiert. Dieses analoge (Un)ding hat aber bei genauerer Betrachtungsweise weit mehr
zu bieten als das, was die ärgsten
Grauallergiker und arrogantesten Hochglanzchromfetischisten sich auch nur im
entferntesten zu erträumen wagen könnten. Kurz gesagt: es strömt eine geradezu erotische Faszination von diesem
erratischen Block aus geschmiedetem
Eisen aus. Zu einer Zeit, als die Stahlwerke des Ruhrgebietes längst ihre irreversible Talfahrt in Richtung Bedeutungsverlust und Abbau von ökonomischer Potenz angetreten hatten, kam
aus südlicheren deutschen Landen ein
analoger Panzer mit den inneren Werten einer Primaballerina. Niemand
konnte diesen grauen Riesen passend
zur Polstergruppe oder als Ergänzung
zum edlen Sideboard in die innenarchitektonische Gestaltung seines Wohnraumdesigns mit einbeziehen. Sind in
diesem Fall wohl wirklich seine inneren
Werte die wichtigen und dominierenden Faktoren?
Was kann er denn wirklich?
Gemäss seinen ab Fabrik verbrieften Daten scheint es sich um einen omnipotenten, seiner Konkurrenz gnadenlos überlegenen und niemals zu ermüden scheinenden Prachtskerl zu handeln
und ist für jegliche analoge Hörsession
bestens gerüstet, da er für seine Studiotauglichkeit über folgende Minimalstandards verfügen muss:
• maximale Hochlaufzeit 0,2 Sek., bei
33 1/3 Touren sogar 0,15 Sekunden
• Rumpelgeräuschabstand von mindestens 70 dB
• Fremdspannungsabstand über 75
dB effektiv
• Alle diese Werte werden garantiert
für einen 10-jährigen Dauereinsatz
von 24 Std. pro Tag ohne irgendwelche nötigen Servicearbeiten.
• Zusätzlich besitzt er die direkte Umschaltung von 331/3 auf 45 Touren.
Für eine schnelle Verfügbarkeit besitzt
er auch einen eingebauten Adapter
für 17cm Singles (wie das z.B. die
Besitzer eines Thorens TD 124 zu
schätzen wissen.)
• Daneben gibt es auch eine in den
Einbaurahmen, das so genannte
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«Himmelbett für Studioplattenspieler», integrierte Speziallampe, welche den problemlosen Betrieb auch in abgedunkelten Räumen zulässt.
Praktisch im abgedunkelten Studio: die Lampe für die rillengenaue Positionierung des Tonabnehmers.
Alles das kam in der Firma EMT nicht einfach so von heute auf morgen. Diese technischen Leckerbissen waren nach
dem mechanischen Schlachtross EMT 927 mit 44cm-Plattenteller und dem EMT 930 der 60er-Jahre (beide waren mit
gross dimensioniertem Reibradantrieb ausgerüstet), irgendwie die logische Folge oder die Konsequenz aus diesen beiden auch heute noch sehr gesuchten und geschätzten Plattenlaufwerken. Zum Zeitpunkt der aufkommenden digitalen
PCM-Aufzeichnungen auf Videoband und dem zwischen
den Konzernen PHILIPS und SONY zusammen mit dem mondänen Stardirigenten Herbert von Karajan neu definierten
CD-Standard, der nur vier Jahre nach der Einführung des
EMT 950 kommerzialisiert wurde, gab es ein analoges Aufbäumen. Die technischen Messwerte analoger Aufzeichnung
und die systembedingten Schwächen der Schallplatte wurden vom neu definierten Digitalstandard bereits mit 16 BitAufzeichnungen (in der Theorie) deutlich übertroffen. Gemäss
dem elitär-arroganten Gehabe des Herrn von Karajan, der
jegliche Musikaufzeichnung zuvor wie «als Gaslicht» bezeichnete, schien das Leben der Schallplatte bald ausgehaucht. Besonders diese Wortwahl scheint mir bei diesem
Studioqualität: Die Audio- und Laufwerkeinschübe
AAA-Bulletin Ausgabe Frühling 2009
Prototypen eines arroganten Emporkömmlings, der zweimal
in die NSDAP (zuerst in Österreich und später nochmals in
Deutschland) eingetreten ist, absolut deplatziert!
Nicht nur bei EMT kamen gerade in der letzten prädigitalen Phase eine Unmenge von analogen Weiterentwicklungen und Verfeinerungen auf den Markt. Primär in Westeuropa kam das DMM- (Direct Metal Mastering) Verfahren auf.
Mit dem Direktschnittverfahren einiger audiophiler Plattenlabel wehrte man sich mit zum Teil hervorragenden Aufnahmen
gegen die sich seuchenhaft verbreitende Digitalisierung. Das
war aber im Rückblick nur noch ein letztes analoges Zucken
im Umfeld der Marktpotenz der Elektronikgrosskonzerne, welche voll auf digitale Technologien gesetzt hatten. Vor allem
japanische Konzerne wie Denon, Sony, Toshiba und JVC gingen bereits Mitte der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts dazu über, PCM (Pulse Code Modulation) Masterbänder zuerst
für die Produktion analoger Schallplatten und später parallel
dazu für die ersten produzierten CDs einzusetzen.
Da die anlogen Firmen, wie beispielsweise Thorens feststellen mussten, dass ihre grössten Schlachtrosse wie die Modelle Reference und Prestige zwar von der Fachpresse gelobt
wurden, sie aber im hart umkämpften Massenmarkt mit ihren
günstigeren Modellen keine Existenzchancen mehr besassen,
kam der Niedergang schnell und brutal hart. Ähnlich erging
es weiteren Firmen mit ihren zum Teil heute sehr gesuchten
Prunkstücken aus jener Zeit, wie z.B. Goldmund mit dem Reference, Vecteur, eine Firma aus der Kooperation von Yves
Bernard André (YBA) und Pierre Lurné (Audiomeca) oder
auch der berühmten Platine Verdier mit ihrem Magnetlager.
Zwar kosteten die ersten CD- Player auch etwa Fr. 2000.–,
aber bald kamen diese Player für wenige Hundert Franken
auf den Markt und die Anzahl der verfügbaren CD-Player explodierte geradezu in kurzer Zeit zu Beginn der 80er-Jahre.
Und er dreht sich weiter…
Der EMT 950 war zu dieser Zeit immer noch sehr gefordert und leistete Tag und Nacht rund um die Uhr zuverlässig
seine Dienste in unzähligen Rundfunkstudios. Immer noch
gab es neue Vinylscheiben parallel zu den CDs. Immer noch
lagerten unzählige Meter von Schallplatten in den Archiven
der Radiostudios, die immer wieder abgespielt wurden.
Dank seiner sehr servicefreundlichen Konstruktion mit verschiedenen Elektronikeinschubplatinen war der EMT, falls einmal etwas sein sollte, in kürzester Zeit wieder einsatzfähig.
Seine spezielle Konstruktion des Antriebs mit einem riesigen
Motor von der Grösse jenes einer Waschmaschine und einem Plattenteller von nur 200 Gramm wurde ein physikalischer Kunstgriff vollzogen. Es wird nämlich beim Betrieb ein
Massenträgheitsmoment simuliert, das dem Gewicht eines
Plattentellers bei einem grossen Massenlaufwerk in der Grössenordnung von gegen 30 Kg entspricht. Dafür hat es dessen Nachteile nicht wie Trägheit, Belastung von Lager und
Achse, Abnützung etc. Als Vergleich hierzu: der Teller meines
En Vogue Quasar-Laufwerks, der gute 30 Kg auf die Waage bringt, ist in permanenter Drehung, um Standschäden zu
vermeiden, was eigentlich ein ökologischer Blödsinn ist,
auch wenn das zugehörige Elektromotörchen nur wenige
Watt Strom benötigt.
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Der EMT 950: ein wahrer Absolutist – oder was kann danach noch kommen?
Der EMT ist so unheimlich rasch im Hochlaufen und trotzdem extrem stabil im Klangbild. Er besitzt auch mit dem EMT
929 einen eigenen Tonarm von höchster Qualität. Währenddem die ersten Modelle von EMT noch primär Tonarme von
Ortofon erhielten, hat EMT später sowohl die Tonarme als
auch die Tonabnehmer, bei ihnen Tondosen genannt, und
auch die Phonovorverstärker im eigenen Haus gebaut. Ein
Teil der Magie des EMT-Klangs liegt vermutlich auch in der
Synergie und der Symbiose der verschiedenen Elemente für
die Schallplattenreproduktion dieser Firma aus dem
(Hoch)Schwarzwald.
dass mein EMT 950, der bis vor wenigen Jahren in den Radiostudios von Radio DRS in Bern zuverlässig seinen Dienst
versehen hat, irgendwann bei mir aus seinem Dornröschenschlaf wach geküsst wird und so den Prinzen, respektive den
König wird erfreuen können.
Weitere Literatur bzw. Kontakte für EMT:
Buch: Stefano Pasini: Deutsche Perfektion – The History Of
The Legendary EMT Turntables. Bezug beim Autor:
www.stefanopasini.it
Dies ist eine hervorragende Website für Analogfans; neben
EMT ist auch vieles über Thorens, Garrard, SME, Nagra,
Studer etc. zu erfahren.
www.hans-fabritius.de
www.emt-profi.de
Hinter diesen beiden Websites stecken zwei frühere deutsche EMT-Mitarbeiter, die das Erbe von EMT hoch halten,
Occasionsgeräte verkaufen, Plattenspieler warten, Teile beschaffen können.
Zusatzinformation zur Geschichte der EMT,
Stand März 2009:
1989 wurde die Firma an den Belgischen Konzern Barco
verkauft und firmierte fortan unter Barco-EMT.
Im Zuge etlicher Restrukturierungen während dieser Zeit
wurden viele Aktivitäten eingestellt, so auch die eigene Entwicklung. Die Aktivitäten der EMT beschränkten sich letztendlich nur noch auf die Fertigung der Tonabnehmer (intern
Tondosen genannt) und den Service.
Gleichstrommotor in schlanker, äusserst trägheitsarmer Bauweise, mit
elektronischer Regelung und durch Hallköpfe gesteuerter Kommutierung
Der EMT 950-er war übrigens der erste einer neuen Generation von mehreren EMT DD- Plattenwiedergabemaschinen. Ihm folgten der 948 und 938 welche die «kleinen Geschwister» des 950 waren. EMT verkaufte zudem in den 80er-Jahren sehr erfolgreich die professionellen Studio CD-Spieler der Baureihe 980, welche heutzutage vor allem in
privaten Kreisen sehr beliebt sind.
Seit einigen Jahren erlebt die Firma EMT eine Art Renaissance. Neue Produkte für den Rundfunk und für Heimanwender sind erhältlich und die Tonabnehmerproduktion feiert
dieses Jahr ihr 50-jähriges Bestehen (EMT Studiotechnik
GmbH, Mahlberg, D). Einige der Mittarbeiter sind seit nunmehr über 30 Jahre mit dabei.
Die Tondosen gibt es also noch heute neu für Stereo, Mono- sowie Schellackplatten und auch als Weiterentwicklungen. Und auch der Service wird garantiert. So bin ich sicher,
AAA-Bulletin Ausgabe Frühling 2009
Dies änderte 2003, als EMT an Walter Derrer, einem in
Deutschland wohnenden Schweizer, verkauft wurde. Seither heisst sie EMT Studiotechnik GmbH und ist in Mahlberg, Deutschland (bei Lahr) beheimatet. Die Firma ist im
alleinigen Besitz der Familie von W. Derrer, welcher im
Herbst 2007 bei einem Flugzeugunglück verstarb. Die Leitung der EMT Produkt Division liegt bei J. Limon, welcher
zugleich auch für Marketing und Verkauf verantwortlich ist.
Zur Klärung und Übersicht
Handelsname:
EMT
Eigentümer im Laufe der Jahrzehnte:
EMT Franz
Barco EMT
EMT Studiotechnik
Alle Rechte am Namen EMT & Marken-Logo liegen heute
ausschliesslich bei EMT Studiotechnik GmbH.
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Der EMT 950: ein wahrer Absolutist – oder was kann danach noch kommen?
50 Jahre EMT Tondosen
Die Geschichte der legendären Rundfunk-Tonabnehmer
Die Geschichte der EMT Tonabnehmer startete mit einer
OEM Tonzelle welche in den frühen 50er-Jahren, zur Zeit der
überragenden Rundfunk-Plattenabspielmaschine 927, zugekauft wurde. Ab 1959 erfolgte die erste Fertigung der EMTeigenen Tondose, eines Tonabnehmers mit neu entwickelten
Details, welche speziell der verbesserten Wiedergabe von
Langspielplatten mit Mikrorille dienten; kleineres Auflagegewicht, erweiterter Frequenzgang, reduzierte Verzerrungen.
1961 gab es dann die erste EMT-STEREO Tondose, deren
Technik 1965 nochmals entscheidend verbessert wurde. Das
daraus resultierende EMT TSD 15 zählt weltweit zu den renommiertesten Rundfunk-Tonabnehmern und wird noch heute
nahezu unverändert gebaut. Ab Mitte 70er-Jahre wurde der
XSD 15 Tonabnehmer, direkt zum Anschluss an SME-Tonarme (oder solche mit entsprechendem Anschluss) lieferbar. Zudem erfolgten auch Sonder-Entwicklungen und die entsprechende Fertigung dieser Systeme, z.B. für: ROKSAN, Tubaphon und Brinkmann. Moderne Verrundungsformen der Diamanten und weitere technische Optimierungen brachten,
nebst einem sehr linearen Frequenzgang bis weit über den
Hörbereich, vor allem eine erhebliche Reduzierung der Ab-
tastverzerrungen bei hohen Frequenzen. 1992 sah die
Markteinführung des HSD 6, einer für den Hi-Fi Markt gebauten Tonzelle im Aluminiumgehäuse und einer Standard
1/4 Zoll Befestigung. Erst 2006, aus Anlass zum 66-jährigen Jubiläum der Firma EMT kamen die JSD5 und JSD6 Tonabnehmer auf den Markt: Zwei MC- Systeme mit halboffenem Gehäuse aus Spezial- Aluminium in normierter 1/4“
Standard-Befestigung für die Verwendung an allen hochwertigen Tonarmen. Sie wurden vom Markt begeistert aufgenommen und erhielten schon im ersten Jahr die Auszeichnung «Produkt des Jahres». 2007/08 wurde das TSD15 Lzi,
vorgestellt, ein Tonabnehmer im kurzen T-Gehäuse, niedriger
Impedanz sowie niedrigem Pegel, jedoch mit internationaler
Anschlussbelegung. 2008/09 wurden die J-TA-Serie um die
JSD G erweitert. Die JSD G Gehäuse bestehen aus einem
hochdichten, vergoldeten Material, dessen Zusammensetzung streng geheim ist. Alle JSD-Tonabnehmer beinhalten
sichtbare und vergoldete System-Komponenten mit hochwertigen AlNiCo Magneten. Die Nadelträger aus Bor tragen
feinpolierte, nackte und orientierte Diamantstäbe in Gyger Sbzw. Super Fineline- Ausführung.
Alle Tondosen und Tonabnehmer werden noch heute von
Hand in der EMT-Manufaktur in Mahlberg, Deutschland, hergestellt, lediglich 8 Km von Lahr entfernt, wo alles begann…
vor nunmehr 50 Jahren.
AAA-Bulletin Ausgabe Frühling 2009
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Seele and Geist
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