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Interview mit der Koordinatorin von APADEIM Ana Celia - Eirene

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Schwerpunkt
Was haben gesunde Lebensmittel mit
den Rechten der Frauen zu tun ?
Seit einem halben Jahr arbeitet EIRENE mit einem neuen Projektpartner in Nicaragua zusammen: APADEIM, eine Frauenorganisation in El Viejo, ganz oben im Nordwesten des Landes, wo das Thermometer selten unter 24 Grad fällt. Das von EIRENE
unterstützte Projekt zu landwirtschaftlicher Diversifizierung und gesunder Ernährung arbeitet mit 100 Frauen in 10 Dörfern. Die
gesunden Lebensmittel wollen die Frauen für den Eigenbedarf und den lokalen Markt produzieren. Zur institutionellen Stärkung
von APADEIM arbeitet seit November eine EIRENE-Fachkraft in El Viejo. Antje Edler unterhielt sich mit der Koordinatorin von
APADEIM, Ana Celia Tercero Romero, über den Zusammenhang von ländlicher Entwicklung und Frauenrechten.
Frauenrechte sind ein wichtiges Thema in Nicaragua, warum? Was sind
die größten Probleme?
„Die Zahl der Gewaltverbrechen,
die an Frauen verübt werden, ist
erschreckend hoch. Die Polizei hat
landesweit im vergangenen Jahr
durchschnittlich 97 Anzeigen pro Tag
aufgenommen. Nach Angaben des
Gesundheitsdienstes steigt die Zahl
der gewalttätigen Vorfälle gegen
Frauen jährlich um fünf Prozent.
Gewalt gegen Frauen ist daher ein
sehr ernstes Thema, auch und gerade
in den ländlichen Gebieten.
Hier werden ihre Menschenrechte
aber auch auf ganz andere Weise
verletzt: Viele Frauen leben ohne
fließend Wasser, Sanitäranlagen und
Strom. Es mangelt ihnen an Zugang
zu Bildung und Gesundheitsdienstleistungen, aber auch der Zugang
zu Land und Krediten ist beschränkt.
Im Munizip El Viejo herrscht große
Armut. 75 Prozent der Bevölkerung
ist arm, 45 Prozent lebt in extremer
Armut. Insbesondere sind davon die
Frauen betroffen, und fehlendes
Einkommen verhindert ihr Vorankommen. Außerdem zwingt die Armut
viele Menschen zur Emigration, was
zu einem Auseinanderfallen der Familien führt.“
Sind also Frauen ärmer als Männer?
Und wenn ja, warum?
„Die Armut betrifft Männer und
Frauen. Und trotzdem: Armut ist
weiblich! Es sind mehr Frauen als
Männer arm und ihre Armut ist größer. Gründe dafür sind die Ungleichheit und Ungerechtigkeit zwischen
den Geschlechtern. Ein Beispiel sind
die vielen alleinstehenden Mütter, die
ihre Kinder ohne Vater groß ziehen.
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EIRENE-Rundbrief 1/2014
Sie haben oftmals einen doppelten
oder dreifachen Arbeitstag und haben
keine Zeit für sich selbst. Sie haben
keine Zeit, um sich an Entscheidungen
in ihrem kommunalen Umfeld zu
beteiligen, sich weiterzubilden oder
wichtige Posten anzunehmen, die
in der Regel von Männern besetzt
werden.“
Hat sich in den letzten Jahren die
Situation der Frauen verbessert?
„Ja, die Frauen beteiligen sich mehr
an Entscheidungen. Dennoch geschieht das immer noch unter ungleichen Vorzeichen, weil sie so wenig
Zeit haben und aufgrund der Geschlechterrollen, die ihnen die Gesell-
schaft zuweist. Eine Frau mit Kindern
hat nicht die gleichen Möglichkeiten
wie ein Mann.
Die Frauen sind auch in besonderer
Weise von der mangelhaften Gesundheitsversorgung betroffen. In vielen
Gemeinden gibt es keine Gesundheitszentren, so dass viele Frauen
keine regelmäßigen gynäkologischen
Untersuchungen wahrnehmen. Zum
einen, weil das nicht üblich ist, zum
anderen, weil ihnen einfach das Geld
fehlt. Das beeinträchtigt ihre Lebensqualität. Hinzu kommt die wirtschaftliche und emotionale Abhängigkeit
der Frauen, die verhindert, dass sie
sich selbst wertschätzen und pflegen.
Diese Frauen werden nicht leicht aus
APADEIM bietet regelmäßig Workshops an, bei denen Frauen lernen, ihre Felder ökologisch zu bewirtschaften.
Foto: Antje Edler
Schwerpunkt
dem Teufelskreis der Gewalt ausbrechen, der zu noch größerer Armut,
Gesundheitsschäden und Verlust an
Lebensqualität führt.“
Was sind die Folgen dieser Perspektivlosigkeit?
„Viele Frauen wandern aus, weil sie
hier keine Arbeit finden und glauben, ihren Familien so ein besseres
Leben zu ermöglichen. Die Folgen für
die Familien sind oft schlimm: Väter
nehmen ihre Verantwortung nicht
wahr, Kinder erleiden Gewalt und
Vernachlässigung, Familien brechen
auseinander. Es gibt auch viele Fälle
von sexuellem Missbrauch und immer
mehr Schwangerschaften von Jugendlichen.“
Was ist die Antwort von APADEIM
auf diese Probleme?
„Wir arbeiten direkt mit den Frauen
in den Gemeinden zum Thema
Gewalt. Wir bilden sie weiter und
stärken sie in einer anderen Haltung.
Es ist uns wichtig, ihr Selbstwertgefühl
zu fördern und sie zu bestärken, sich
selbst Einfluss auf lokale Entscheidungen zu verschaffen. Wir arbeiten
mit innovativen, partizipativen Methoden, die Spaß machen. Dabei ist es
uns wichtig, die Frauen da abzuholen,
wo sie sind, und mit ihnen gemeinsam
Alternativen zu entwickeln.“
Kannst Du ein konkretes Beispiel
dieser Arbeit nennen?
„Wir haben ein Frauennetzwerk
gegründet, das Vorschläge zur Gewaltprävention macht und Rechte für
Ein Ziel von APADEIM ist es auch, dass
Männer die Rechte von Frauen anerkennen
und für sich für ein Ende der Gewalt gegen
Frauen einsetzen.
Foto: Marco Klemmt
Männer und Frauen demonstrieren gemeinsam für ein Ende der Gewalt gegen Frauen in
Nicaragua.
Foto: Marco Klemmt
die Frauen einfordert. Über das Netz
können die Frauen ihre eigenen Vorschläge und Forderungen auf lokaler
und nationaler Ebene einbringen,
um besseren Zugang zu Justiz und
einen angemessenen Umgang mit
den Opfern von Gewalt zu erreichen.
Auch die wirtschaftliche Stärkung der
Frauen ist wichtig. Deshalb entwickeln wir gerade ein Programm zu
wirtschaftlichem Empowerment.
Wichtig ist uns dabei, dass die Frauen
eigene Ideen entwickeln um weiterzukommen.
Ein Thema, das uns zunehmend
beschäftigt, ist der Zugang zu Land.
Meist sind die Männer im Besitz der
Felder und der Häuser. Und selbst
wenn diese den Frauen gehören, sind
es die Männer, die darüber bestimmen. Wir wollen, dass die Frauen
entscheiden, was sie anbauen, dass sie
weniger von den Männern beherrscht
werden.
Wir wollen sie in ökologischen Anbaumethoden und gesunder Ernährung schulen. Studien belegen, dass
der Beitrag der Frauen zum Familienhaushalt schon heute groß ist, auch
wenn diesem in der Realität meist
kein Wert zugestanden wird. Unser
Ziel ist, dass sie in Zukunft über eigene Einkünfte verfügen, so dass ihre
Arbeit auch von den Männern anders
angesehen wird.“
Welche Rollen spielen die Männer?
Arbeitet APADEIM auch mit ihnen
oder ist APADEIM nur für die Frauen
da?
„APADEIM ist die Abkürzung für Asociación para el desarrollo integral de
la mujer - also: Verein für die ganzheitliche Entwicklung der Frau. Im
Zentrum stehen bei uns die Frauen in
Hinblick auf die Geschlechterungleichheit. Wir arbeiten auch mit Männern.
Wir wollen, dass die Lebenspartner
ihren Frauen ermöglichen, an den
Projekten teil zu nehmen und sie
eigene Entscheidungen treffen lassen.
Sie sollen die Rechte der Frauen
anerkennen und respektieren und
sie darin bestärken, für ihre Rechte
einzustehen.
In diesem Sinne ist unser Hauptziel bei
der Arbeit mit Männern, dass diese
ihre Haltung gegenüber ihren Frauen
verändern, dass sie ihre Verantwortung gegenüber der Familie wahrnehmen und dass die Unterdrückung der
Frauen ein Ende hat. “
Ich danke Dir für das Gespräch.
EIRENE-Rundbrief 1/2014
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Seele and Geist
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