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Ist die Bestattung noch, was sie einmal war? - bei der Agentur für

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Bestattungskultur
Ist die Bestattung noch,
was sie einmal war?
zuschauer. An der Beisetzung
des Papstes im Jahr 2005 waren
Oder neigen wir einfach nur dazu,
Handys für den Sarg?
es wohl vier Millionen Menschen
und fast neun Millionen Fernseh-
die Vergangenheit zu verklären,
nach dem Motto: „Die Vergan-
Klar, das ist der Stoff, aus dem
zuschauer. Die Trauerfeier von
genheit war früher auch einmal
die Alpträume sind. Man erwacht
Michael Jackson im Jahr 2009 soll
besser?“ Heutzutage werden Sär-
nach der eigenen Beerdigung in
17.500 Teilnehmer gehabt haben
ge bunt bemalt, finden Krimile-
einem Sarg, Deckel geschlossen,
und eine Billion Fernsehzuschau-
sungen in Sarglagern, Kabarett
Erde drüber, Kontakt zur Außen-
er. Kein Wunder, denn so häufig
auf dem Friedhof und Theaterin-
welt abgerissen. Und mit kaum
kommt eine Beerdigung im Gold-
szenierungen beim Bestatter statt.
etwas lässt sich so gute Geschäfte
sarg neben Walt Disney schließlich
Asche wird von Ballons oder Rie-
machen wie mit der Angst der
nicht vor. Wer sich für die Zahlen
senrädern verstreut (in Deutsch-
Menschen. Mit einem Handy im
bei der Beisetzung von Elvis
land verboten), zu Diamanten
Sarg kann so eine missliche Situa-
Presley oder Martin Luther King
gepresst (in Deutschland nicht zu-
tion nicht passieren. Und um dem
interessiert, findet dazu Anga-
gelassen) oder auch in den Welt-
Verstorbenen im Dunkeln keine
ben in der Internetenzyklopädie
raum katapultiert (USA). Urnen in
Geheimzahlenkombinationen
en.wikipedia.org. Demgegenüber
Fußballform werden in Stadien in
zuzumuten, ist das Mobiltelefon
stehen die zunehmenden ano-
Friedhofsform beigesetzt, Kirchen
auch schon eingeschaltet und
nymen Beisetzungen, die weder
werden in Beisetzungskirchen
einsatzbereit. Dumm nur, wenn es
medial begleitet werden noch
umgewandelt und Wälder zu Bei-
während der Beerdigung klingeln
Aufsehen erregen.
setzungswäldern deklariert. Fune-
sollte. Aber auch dafür hat die
ral Stores werden eröffnet, Handys
Technik eine Lösung: Empfohlen
fürs Grab verkauft, Wettbewerbe
wird Vibrationsalarm anstelle von
für futuristische Friedhofskon-
Klingeltönen. Bleibt also zu hof-
Radio Graz 94.5 hat im letzten Jahr
zepte ausgeschrieben, während
fen, dass der Akku bis zur Wieder-
eine Beerdigung verlost: „Melden
pflegeleichte Grabkonzepte auf
auferstehung durchhält.
Sie sich an, sagen Sie uns, was ih-
Friedhöfen Einzug halten. Ist
die Bestattung von einem Übergangsritual vom Diesseits zum
re letzten Worte sein werden und
Bestattungen, die Aufsehen
erregen
Jenseits zu einem innerweltlichen
Event geworden?
schon sind Sie bei der Verlosung
um ein Begräbnis von Bestattung
Wolf mit dabei.“ Und im Kleinge-
An der Beisetzung von Lady Di-
druckten hieß es: „Übernahme
ana sollen 2.000 Menschen im
von Begräbniskosten bis zu 3.000
Jahr 1997 teilgenommen haben
und über 2,5 Billionen Fernseh-
bestattungskultur 6/2010
Gewinnen Sie Ihr Begräbnis
10
Bestattungskultur
Euro. Abgedeckt sind die Eigenleistungen des Bestatters. Keine Barablöse möglich. Der Gewinn wird
von Bestattung Wolf beim Wiener
Mart-Sortiments oder die logische
Verein versichert und kann jeder-
Folge einer zunehmenden Entspi-
zeit eingelöst werden. Der Gewinn
ritualisierung? Wie die BBC berich-
kann nicht an Dritte weitergege-
tet hat, kostet ein Bronzemodell
ben werden.” Die Kommentare im
2.899 Dollar und ein Sarg aus Stahl
Blog waren entsprechend: „Hu, ist
nur 895. Innerhalb von 48 Stun-
das krass. Bin ja gespannt, wie das
den kann geliefert werden und
so ankommt, ich finds mutig, arg
auf Wunsch werden auch zinslose
und irgendwie geil – will mitma-
Ratenzahlungen akzeptiert. Ob
chen!“ Oder: „Und wie lang ist das
Discounter auch in Deutschland
gültig und na ja, wenn‘s lang ist bis
ins Sarggeschäft einsteigen wer-
dahin, vielleicht kostet‘s dann ja
den, bleibt abzuwarten.
halten? Fazit der Marketingtagung
in Berlin „Wer nicht wirbt, stirbt!“
schon mehr …“ Es gab aber auch
Protest: „Auf eine solch bescheu-
Was im 20. Jahrhundert noch futu-
war: Nicht alles was machbar ist,
erte Idee kann man doch nur im
ristisch anmutete, gehört heutzu-
sollte auch gemacht werden. Und
Drogenrausch kommen. Ihr soll-
tage schon fast zum Alltag. Agen-
auch wenn die meisten Beispiele
tet die Finger von solchem Zeugs
da 2010? Nur an Kryonics und
als Randphänomene bezeichnet
lassen, sonst wird als Steigerung
Plastinierte haben wir uns noch
werden können, gilt es, das We-
vielleicht demnächst die öffent-
nicht so ganz gewöhnt. Gunter
sentliche – die „conditio humana“
liche Auspeitschung werbesüch-
von Hagens Plastinierte haben
auf dem Planeten Erde – nicht aus
tiger Radiochefs verlost. Eure Idee
weltweit ein Millionenpublikum
dem Blick zu verlieren.
ist geschmacklos und fernab jegli-
zwischen Grauen und Faszination
chen Pietätsempfindens. Pfui!“
gefunden. Nur wo die Toten zu
Dr. Kerstin Gernig
lebendig wirkten, etwa in Posen
Wal-Mart verkauft Särge
des Beischlafs oder bei der Geburt, wurde dem bunten Treiben
Der weltgrößte Einzelhändler
juristisch Einhalt geboten. Was soll
verkauft laut BBC nun auch Sär-
man von all diesen Entwicklungen
ge. Traditionelle Bestatter sind
darüber empört. Ist das nun eine
makabere Erweiterung des Wal-
11
bestattungskultur 6/2010
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Bildung
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