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04-26-11-Was Sofia mit ihrem eigenen Blut bezahlte.rtf - SWR

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Was Sofia mit ihrem eigenen Blut bezahlte
Ein belarussisches Schicksal 25 nach Tschernobyl
Autor:
Peter Jaeggi
Redaktion:
Rudolf Linßen
Sendung:
Dienstag, 26.04.11 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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1
MANUSKRIPT
Schüleraufsatz
Geschrieben von der damals 15-jährigen Olessja Lasarewa. Wohnhaft im
verstrahlten Gebiet von Gomel, Republik Belarus.
Trauermusik
Wenn ich Trauermusik höre, krampft sich mein Herz zusammen. Jemand wird
begraben, jemand sieht keine Sonne mehr, jemand geht nicht mehr durch die
Straßen des Dorfes. Zu oft höre ich jetzt diese Musik in meiner Heimat. Es gibt sehr
viele junge Menschen, besonders junge Frauen, die Trauerkleider tragen.
Der schwarze Flügel von Tschernobyl, der unserer Erde das Unglück brachte, hat
uns, Alte und Junge, Spaßvögel und Langweiler bedeckt. Und schon so viele Jahre
lebt Unruhe im Herzen jeder Mutter, alle machen sich Sorgen. Früher, als ich und
meine Schwester husteten, Kopfschmerzen hatten, sagte meine Mutter, dass es bald
vorbei sei, aber jetzt sehe ich, wie sie unruhig ist, wie sie sich Sorgen macht, wie sich
ihr Gesicht verändert, wenn wir sagen, dass wir uns nicht wohl fühlen. Sie bringt uns
schnell zum Arzt für eine Untersuchung. Ich weiß, dass meine Mutter vor allem Angst
hat, weil auch ein kleines Unwohlsein zu einer ernsthaften Krankheit führen kann, die
Radionuklide, mit denen unser Boden dicht gedüngt ist, schonen uns nicht. Man
sorgt sich um uns, wir werden zur Erholung geschickt. Wir waren schon im Kaukasus,
auf der Krim, in Russland, auch an vielen Orten in Belarus. Man könnte denken, es
ist ja gut: schöne Reisen, neue Bekanntschaften. Aber wenn wir unsere Heimat
verlassen, fühlen wir uns nicht wie glückliche Reisende, sondern wie die Helden
einer schlechten Zeit, die gewaltsam von zu Hause weg geschickt werden.
Atmo: Messstation
Es klopft an die Tür, Begrüßung auf Russisch, Kürbiskerne werden ins Messgerät
geleert, Piepsen des Gerätes
Reporter:
Alltagsszene in der radiologischen Messstation im Dorf Komarin. 30 km Luftlinie zu
Tschernobyl. Wir sind im Reich von Anastasija Fedosenko. Sie leitet dieses Labor, in
dem Sie schon seit Jahrzehnten Pilze, Beeren, Fleisch und andere Nahrungsmittel
der Umgebung auf ihren Radioaktivitätsgehalt hin überprüft. Ist die zulässige Dosis
überschritten, wird die Ware zum Sondermüll und in der stark verstrahlten,
menschenleeren 30-Kilometer-Zone unweit von hier endgelagert. Die junge Frau, die
soeben eine Plastiktüte voller Kürbiskerne testen ließ, hat Glück. Sie darf die Kerne
wieder mitnehmen. Der Grenzwert von 270 Becquerel pro Kilo ist nicht überschritten.
Atmo: Messstation
Reporter:
Anastasija Fedosenko, 68 Jahre alt, ist eine Legende. Die liebenswürdige Frau kennt
das Tschernobyl-Schicksal der Gegend wie kaum eine zweite. Vor 25 Jahre, als der
radioaktive Niederschlag das Gebiet traf, leitete Anastasija Fedosenko die
Evakuierung von mehreren umliegenden Dörfern. Ich frage die gelernte
Zootechnikerin, wie das damals ablief.
2
Anastasija Fedosenko: (russ.)
Sprecherin overvoice:
Das ist schwer zu erklären. Stellen Sie sich vor, die Katastrophe geschah am
26. April. Und die ersten Menschen wurden erst am 4. Mai umgesiedelt. Das heißt,
eine ganze Woche lang führten wir ein ganz normales Alltagsleben. Es war Frühling.
Wir säten und pflanzten und haben nichts geahnt von dem, was auf uns zukommen
wird.
Reporter:
Die erste Katastrophe nach Tschernobyl war die Informationskatastrophe. Die
Führung der damaligen Sowjetunion verschwieg zunächst das Unglück und
verheimlichte auch noch während Jahren das wahre Ausmaß. Ein Verbrechen, das
viele Menschenleben kostete und die Gesundheit Tausender ruinierte.
Anastasija Fedosenko: (russ.)
Sprecherin overvoice:
Am 4. Mai um fünf Uhr morgens klopfte plötzlich jemand an die Tür und sagte: Ihr
müsst alles dalassen. Alles. Wir durften nur mitnehmen, was man für drei Tage
braucht. Und plötzlich wird man irgendwohin gebracht. Sie können sich vielleicht
vorstellen, wie man in einer solchen Situation fühlt. Dazu kam das Unwissen. Wir
hatten nicht gewusst, was das alles bewirken kann. Wenn wir mit dem heutigen
Wissen vor einer solchen Situation stünden, vor einer Umsiedlung, könnten wir
vielleicht besser damit umgehen.
Reporter: Am 4. Mai hatten Sie gewusst, dass der Reaktor explodiert ist, das war
damals schon bekannt? (wird übersetzt)
Anastasija Fedosenko: (russ.)
Sprecherin overvoice:
Ich habe es nicht gewusst, das war geheim. Wir hatten gehört, dass da was los ist im
Tschernobyler AKW. Aber wir haben nichts Genaueres gewusst. Bis zum 4. Mai um
2 Uhr Nachts. Da trommelte uns der Gemeinderat zusammen und erklärte uns, dass
wir bis zum 6. Mai mittags unsere Häuser verlassen müssten. Ich arbeitete damals in
einer Nachbarkolchose als Zootechnikerin und war nicht nur für die privaten Häuser
zuständig, sondern auch für die Kolchose. Zur ihr gehörten rund tausend Tiere, auch
diese mussten evakuiert werden.
Wir mussten vier Dörfer umsiedeln. Das ist ja nicht wenig. Dazu kamen zwei
Bauernhöfe, die zur Kolchose gehörten. Auch diese mussten umgesiedelt werden.
In jedem Dorf lebten zwischen 150 und 300 Menschen. Sie besaßen natürlich auch
Haustiere und die brachten sie zu mir. Zum Beispiel ihre Rinder, Schweine, das
Geflügel. Alle mussten gewogen werden und ich habe alles in mein Notizbuch
geschrieben, so weit ich es im ganzen Chaos konnte. Dann musste man all die
Bewohner auf die rechte Seite der asphaltierten Straße schicken
Wir mussten all diese Menschen unterbringen. Teilweise brachten wir sie in privaten
Haushalten unter. Damals lebten in meinem Haus 12 Personen, darunter Verwandte,
die aus den verstrahlten Gebieten zu uns gezogen waren.
Man musste die Leute so unterbringen, dass sie nach psychologischen Kriterien
irgendwie zueinander passten, dass sie einander ähnlich sind. Man sagte uns, dass
die Familien nur für drei Tage untergebracht werden müssen, doch das glaubte
niemand. Schließlich wohnten all diese Menschen von Mai bis Oktober zusammen.
Also den ganzen Sommer lang.
3
Erst im Oktober konnten sie woanders hinziehen. Etwa 200 Kilometer von hier
entfernt, im Gomel-Gebiet, wurden Häuser für sie gebaut. Bis zu diesem Zeitpunkt
mussten die Leute leiden. Sie waren zusammengepfercht und wurden als
Zugezogene von der ansässigen Bevölkerung nicht gut behandelt.
Frage Reporter: Ich kann mir vorstellen, dass das für die meisten Leute eine
dramatische Erfahrung war. (wird übersetzt)
Anastasija Fedosenko: (russ.)
Sprecherin overvoice:
Ja das war wirklich ein Drama. Ich würde keinem wünschen, so etwas erleben zu
müssen. Nicht nur die Katastrophe selbst, sondern auch diese Umsiedlung war
grausam. Dieses Drama dauerte bis Ende 1986. Es gab eine weitere Tragödie,
nämlich jene mit den Kindern. Man hat Kinder abgeholt, sie von ihren Eltern getrennt
und den ganzen Sommer lang in Erholungscamps gebracht. Man wusste nicht
wohin. Nur Kinder unter drei Jahren durften gemeinsam mit ihren Müttern woanders
hin. Das war natürlich eine Tragödie für die Familien, nicht zu wissen, wo ihre Kinder
sind.
Schüleraufsatz
Geschrieben von der damals 11-jährigen Anastasija Mischina. Wohnhaft im
verstrahlten Gebiet von Gomel, Republik Belarus.
26. April 1986
26. April 1986. Dieser Tag brachte der belarussischen Erde Tränen, Unglück, Qual
und Schmerz. Ich bin am 10. August 1986 geboren.
Ich verstehe nicht ganz, was damals geschehen ist und was jetzt geschieht. Aber ich
sehe, dass meine Mutter weint, wenn man im Fernsehen Tschernobyl zeigt und von
den Menschen erzählt, die ihre Häuser, Wohnungen, Schulen und Kindergärten
verlassen mussten. Mutter sagt, dass das Unglück auch an uns nicht
vorbeigegangen und daran die Radioaktivität schuld sei.
Vor einigen Jahren wurde ich krank. Mein Körper wurde von großen, blauen Flecken
bedeckt. Man untersuchte mich im belarussisch- holländischen Zentrum in Minsk.
Dann war ich lange im Krankenhaus in Gomel, ich sah viele kranke Kinder. Sie
hatten irgendeine schreckliche Krankheit. Ich war mit ihnen befreundet, wir spielten
zusammen, und ich hatte eine Freundin aus Komarin. Eines Morgens sah ich, wie ihr
Vater sie in eine Decke wickelte, weinte und sie nach Hause trug. Man sagte mir,
dass sie gestorben sei.
In diesem Krankenhaus war es immer still und langweilig. Jetzt fahre ich zweimal pro
Jahr nach Gomel, man untersucht mein Blut mit einem Computer, ich bekomme
Arzneimittel, meine Mutter kauft teure Vitamine. Alle sagen, dass daran die
Radioaktivität schuld sei.
Wenn wir im Sommer im Wald sind, verbieten mir die Eltern, Beeren zu sammeln.
Aber ich möchte so sehr!
Warum ist das passiert? Wer ist daran schuld? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte
keine Angst haben, wenn ich im Sandkasten spiele, in den Wald gehe, Beeren esse,
Blumen sammle. Ich will keine Tränen der Erwachsenen sehen, in keinem
Krankenhaus sein. Ich möchte, dass alle Kinder in Gärten und Parks spielen, lachen
und sich über die Sonne freuen, in die Schule gehen, dass ihre Eltern nicht weinen
und für immer die grausamen Wörter Tschernobyl und Radioaktivität vergessen.
Atmo: U-Bahn Minsk
4
Reporter:
Vom Dorf Komarin in die belarussische Hauptstadt Minsk. Etwa 250 Kilometer
nordwestlich.Mit der U-Bahn fahre ich bis zur Endstation, dann noch eine ganze
Weile mit dem Taxi, bis ich bei meiner nächsten Gesprächspartnerin bin. Sie wohnt
in Minsk in einem trostlosen Stadtteil am Rand. In einem Quartier mit
heruntergekommenen Plattenbauten. Die Einheimischen nennen die tristen
Wohnblocks „Tschernobyler Häuser“. Der Staat hat sie nach der Atomkatastrophe für
Menschen gebaut, für Umweltflüchtlinge, die aus ihren radioaktiv verseuchten
Dörfern wegziehen mussten.
Flüchten musste damals auch Sofia B., geboren 1929. Sie kam nach der
Tschernobyl-Katastrophe aus dem rund 300 Kilometer weit entfernten und
verstrahlten Städtchen Tschetschersk hierher. Dort wohnte sie mit ihrem Mann und
ihren Kindern in einem schmucken Holzhaus. Jetzt lebt sie hier in einem
Tschernobyler Wohnblock der Hauptstadt Minsk zusammen mit einer stark geistig
behinderten Tochter. Sofia B. erzählt von früher.
Sofia B.: (russ.)
Sprecherin overvoice:
Tschetschersk ist ein sehr, sehr schönes Städtchen. Da wohnte auch mal eine
Gräfin. Es gibt einen sehr schönen Park und zwei Flüsse. Hin und wieder kamen
Leute aus Leningrad, um Urlaub zu machen. Jetzt ist dort alles asphaltiert. Kein
einziger Naturpfad ist geblieben, da gibt es nur asphaltierte Straßen. Aber es ist
immer noch sehr, sehr schön. Alles ist mit Blumen bedeckt und es gibt sehr schöne
Springbrunnen.
Wir hatten ein sehr gutes, ein schönes Haus. Ein kleiner Palast war das. Ich arbeitete
in einer Baufirma, deswegen wurde vieles möglich. Wir hatten auch eine Heizung.
Ja, es war ein sehr schönes Haus und ich vermisse es noch immer und es zieht mich
noch heute dorthin zurück.
Frage Reporter: Es war ein Holzhaus? (wird übersetzt)
Sofia B.: (russ.)
Sprecherin overvoice:
Ja. Das Fundament war weiß, dann hatte es einen gelben Streifen und das ganze
übrige Haus war grün. Es hatte Fensterläden aus Holz und eine sehr schöne, grosse
Veranda. Ja, es war wirklich wie ein kleiner Palast. Ich habe mein Haus sehr, sehr
geliebt. Wir hatten Äpfel, Pflaumen, Erdbeeren, wir hatten auch rote
Johannesbeeren, es gab da einfach alles.
Reporter:
Tschetschersk liegt etwa 200 km von Tschernobyl entfernt. Sofia B. erinnert sich
noch gut an die Unglücksnacht. Sie und ihr Mann hätten sehr schlecht geschlafen,
sie seien immer wieder aufgestanden. Und am Morgen sei ein starker Wind
aufgekommen, merkwürdige gelbe Nebelschwaden seien durch die Straßen
gezogen. Niemand wusste damals, was das alles zu bedeuten hatte. Erst eine
Woche später sickerte durch, dass es in Tschernobyl eine Katastrophe gegeben
habe. Ganze vier Jahre lang wohnten Sofia B. und ihre Familie noch in
Tschetschersk, bis die Behörden Alarm schlugen und sagten, dass die Menschen
nun gehen müssten, um nicht eine noch gefährlichere radioaktive Dosis in ihren
Körpern anzureichern.
5
Sofia B.: (russ.)
Sprecherin overvoice:
1991 sagte man uns plötzlich, wir sollen von da weg. Und wir verschlossen alle
Türen des Hauses und mussten alles da lassen. Dann kamen Autos und mit diesen
wurden wir weg gefahren.
Man sagte uns nicht, weshalb wir ausziehen mussten. Als wir weg waren, sind Leute
aus dem Konfliktgebiet von Berg-Karabach eingezogen. Die sagten sich:
Radioaktivität sieht man nicht und hier gibt es keinen Krieg. Drum sind sie geblieben.
Heute leben sie in unseren Häusern. In unser Haus sind Leute aus einem
Nachbardorf eingezogen. Das war ein Säuferpaar. Irgendwann haben die das Haus
in Brand gesetzt und sind darin verbrannt. Ja, das war das Schicksal unseres
Hauses. Immer wieder möchte ich dorthin zurück fahren. Aber ich habe Angst, dass
meine Seele das nicht aushalten würde.
Frage Reporter: Sie haben gesagt, dass Sie Kompensation für das Haus bekommen
haben. Was haben Sie denn bekommen? (wird übersetzt)
Sofia B.: (russ.)
Sprecherin overvoice:
Ich weiß nicht mehr, wie viel das war. Ich brachte das Geld dort in Tschetschersk auf
die Sparkasse. Als ich es später holen wollte, hatte die Inflation in der Zwischenzeit
das ganze Guthaben vernichtet. So wurden letztendlich nur 337 Rubel ausbezahlt.
Alles, was ich jahrelang gespart hatte, war einfach verschwunden. Mein Mann und
ich hatten für den Hausbau einen Kredit von 12.000 Rubel aufgenommen. Nach und
nach bezahlten wir alles zurück. Um es möglich zu machen, haben wir Blut
gespendet. Ja, und mit dem Geld, das wir dafür bekamen, stotterten wir den Kredit
ab. Auch deswegen hänge ich so an diesem Haus. – Und dann war auf einmal alles
weg.
Ich bin in einer kinderreichen Familie aufgewachsen. Wir waren 11 Kinder. Mein
Mann kam invalid aus dem Zweiten Weltkrieg zurück Er war bei der Blockade von
Leningrad an der Front. Ich selber verlor im Krieg meine Eltern. Deswegen war es
sehr schwierig, Geld für den Hausbau zusammen zu bekommen.
Ich musste viel durchmachen. Im Zweiten Weltkrieg waren fünf Brüder an der Front.
Nur mein Vater, meine Mutter und ich sind zu Hause geblieben. Alle fünf Brüder sind
gefallen. 1943 wurde unser Dorf von deutschen Faschisten umzingelt. Der Vater
verbrannte im eigenen Haus. Mama und ich konnten in den Wald fliehen. Das war
am 10. Februar 1943. Am 9.Oktober 1943 wurden wir befreit. Am 14. Oktober ist
meine Mutter mit 53 Jahren gestorben. Und so bin ich mit 13 Jahren alleine
geblieben.
Und ich habe gekämpft. Und ich habe überlebt. Letztendlich kam mein Mann als
Invalider aus dem Krieg zurück. Meine Tochter ist ebenfalls behindert. Mein Mann ist
inzwischen gestorben, eine meiner Töchter ist auch gestorben. Und ich lebe noch
immer.
Frage Reporter: Ich möchte einen großen Sprung vorwärts machen. Als Sie hier in
die Hauptstadt Minsk umgesiedelt wurden: Was war für Sie das Schwierigste?
(wird übersetzt)
Sofia B.: (russ.)
Sprecherin overvoice:
Das war sehr, sehr schwierig. Wir hatten Heimweh. Wir hatten eben mit Müh und Not
unser Haus abbezahlt und freuten uns darauf, endlich im eigenen Heim zu leben.
Und dann mussten wir weg.
6
Und jetzt, wenn ich hier in diesen Wohnblock komme ... ich fühle mich noch immer
nicht zu Hause. Aber irgendwie gewöhnt man sich an alles und ich bekomme eine
gute Rente. Ich konnte deshalb ein Sofa und einen Schrank kaufen. Am Anfang war
es auch deswegen sehr schwierig, weil wir so genannten Tschernobyl-Leute wie eine
andere Gattung Mensch und mit Verachtung behandelt wurden.
Frage Reporter: Auf welche Weise wurden Sie wie andere Menschen behandelt?
(wird übersetzt)
Sofia B.: (russ.)
Sprecherin overvoice:
Manchmal kam man in den Laden und hörte so ein Getuschel. Dass diese
Tschernobyler hierhergekommen seien und was wollen die hier? Manchmal wurden
die Leute, die hier in den Wohnblöcken eine Wohnungen bekommen haben und die
aus Minsk stammten, gefragt wie sie nur in der Nähe dieser Tschernobyler wohnen
können. Aber es gab auch andere. Zum Beispiel die Frauen vom Roten Kreuz. Die
haben sehr gut zu uns geschaut. Ja, die waren wie Mütter zu uns.
(Katze miaut) Und manchmal, wenn ich weine, kommt meine Katze zu mir und leckt
mir die Tränen von den Wangen, setzt sich neben mich und schaut mich an, gerade
so, als ob sie bitten darum würde, nicht zu weinen.
Mein Mann hatte Katzen sehr gemocht. Als er starb, hat meine Tochter gesagt, wir
sollen doch ein Kätzchen ins Haus nehmen, weil Papa doch Katzen so gerne
mochte. Das machten wir dann auch so. Nun ist mein Mann seit 13 Jahren tot und
die Katze ist 13 Jahre alt. - Ja, so leben wir.
Reporter:
Eines Tages wird Sofia B. doch in ihre alte Heimat zurück kehren. Dann, wenn sie tot
ist. Vielerorts in Belarus ist es nämlich Brauch, dass Kinder ihre Eltern auf dem
Friedhof jenes Dorfes beerdigen, in dem sie geboren und aufgewachsen sind. Es gibt
in Belarus Hunderte von verlassenen Dörfern. Stark radioaktiv vergiftete Häuser sind
begraben. Einzig den Friedhof tastet man nicht an. Einmal im Jahr, 9 Tage nach
Ostern, am Fest von Radunitsa, kommen die Überlebenden zurück. Mit Gebeten,
Blumen, Kuchen und Getränken und erinnern sich an ihre Vorfahren. Kommen
zurück in ihr Dorf, in dem nur noch der Friedhof steht.
7
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