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2011 – was bleibt - TagesWoche

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52
Freitag, 30.12.2011
|
Woche 52
|
1. Jahrgang
5.–
Aus der Community:
«Richtig ungesund
wird es erst,
wenn es der Seele
nicht gut tut.»
Marianne Känzig zur Wochendebatte «Ist das Festessen
Völlerei?», Webcode: @ajzts
Zeitung aus Basel
tageswoche.ch
2011 – was bleibt
Foto: Pascal Mora
TagesWoche
Zeitung aus Basel
Gerbergasse 30
4001 Basel
Tel. 061 561 61 61
Zwölf Monate – zwölf Ereignisse, die
Spuren hinterlassen. Ein selektiver
Rückblick auf das ausklingende Jahr.
30. Dezember 2011
Editorial
So war das Jahr 2011
von Remo Leupin, Co-Redaktionsleiter
Zum Titelbild
Der Fotograf Pascal
Mora fotografierte
für die TagesWoche
auf dem Tahrir-Platz
in Kairo: Frauen
vor ungewisser
Zukunft nach dem
arabischen Frühling,
dem prägenden
Ereignis des Jahres
2011.
Die TagesWoche sieht diesmal anders aus
als sonst, liebe Leserinnen und Leser. Statt nach
Rubriken haben wir diese Ausgabe nach Monaten gegliedert. Ein paar Gefässe haben wir ganz
weggelassen, und auch die Kulturagenda ist ein
wenig kürzer geraten. Doch keine Angst, wir
bauen nicht ab: Die nächste Ausgabe erscheint
wieder im vollen Umfang.
Auf den kommenden Seiten lassen wir die
letzten zwölf Monate Revue passieren. Für jeden
Monat haben wir das aus unserer Sicht wichtigste regionale, nationale oder internationale
Ereignis ausgewählt und bearbeitet.
Diese Auswahl ist natürlich subjektiv. Und sie
deckt sich nicht immer mit dem Leserverhalten
im Internet, wie eine Google-Statistik zeigt, die
unser Online-Experte David Bauer zusammengestellt hat. So hat zum Beispiel die Redaktion
als Thema für die Juli-Rubrik die Anschläge in
Oslo und auf der Insel Utoya gewählt, die am
22. Juli 77 Todesopfer forderten; schweizweit
am meisten gegoogelt wurde im Juli aber die
britische Sängerin Amy Winehouse, die am Tag
nach dem Drama in Norwegen, am 23. 7., starb.
Interessant ist auch die Auswertung der Google-
Zugriffe im Oktober. So wurde etwa am 23. 10.
nicht die eidgenössische Parlamentswahl am
meisten von Schweizer Accounts aus gesucht,
sondern der tödliche Unfall des italienischen
Motorradrennfahrers Marco Simoncelli am
Grand Prix von Malaysia.
Wir möchten Sie in dieser Ausgabe aber
auch mit fotografischen Höhepunkten überraschen. Renommierte Schweizer Fotografinnen
und Fotografen haben uns ihre Lieblingsbilder
des Jahres zugeschickt. Sie finden diese fotografische Rückblende ab Seite 18.
Vielleicht ist es Ihnen auch schon aufgefallen:
Am Jahresende werden selbst die nüchternsten
Zeitgenossen zuweilen etwas sentimental, und
beinharte Realisten lassen sich ausnahmsweise
zu einem Blick ins Jahreshoroskop verführen.
In dieser Ausgabe debattieren Ben Moore,
Astrophysiker an der Universität Zürich, und
die Basler Astrologin Edith Scherrer über den
Sinn respektive Unsinn des Sterndeutens
(Seite 40). Auch Sie können mitdiskutieren –
auf tageswoche.ch/wochendebatte. Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre und ein
schönes 2012! Webcode: @altaa
Remo Leupin
Gesehen
von Tom Künzli
Tom Künzli
ist als Illustrator
für verschiedene
Zeitungen und
Zeitschriften tätig.
Der 37-Jährige
wohnt in Bern.
tageswoche.ch
Aktuell im Netz
Das grüne Dreieck
markiert Beiträge
aus der WebCommunity und
lädt Sie ein, sich
einzumischen.
TagesWoche 52
Mehr als eine Zeitung:
Die TagesWoche berichtet täglich
aktuell im Web. Das sind unsere OnlineSchwerpunkte der kommenden Tage:
Der grosse Sprung:
Toni Innauer, österreichische Skisprunglegende, Erfolgstrainer und Sportphilosoph, im grossen Interview über die
Vierschanzentournee, die Faszination
am Skispringen und was es sonst noch
Wichtiges gibt im Leben.
Der schwierige Anfang:
Geht das Neujahrsfeuerwerk wieder
im Nebel unter? Das fragt man sich in
der Region Basel nach dem etwas verunglückten Start ins 2011. Die Antwort
– bei uns online und am Rhein real.
Die nächsten Höhepunkte:
Zumindest in kultureller Hinsicht wird
2012 gut, sehr gut. Die grössten Highlights präsentiert die Kulturredaktion
im Listomania-Blog.
Das dicke Ende:
Die TagesWoche-Weihnachtsgeschichte hatte mehrere Enden zur Auswahl.
Aber einfach nur – wie angeboten –
einen positiven oder negativen Ausgang
unserer Geschichte zu wünschen, das
war Leserin Ruth Irène Graf zu wenig. Sie
schrieb die Geschichte selber zu Ende.
Wir nehmen ihren überraschenden
Schluss gerne entgegen. Sie finden
Ruth Irène Grafs Ende mit dem
Webcode: @amcxb.
3
30. Dezember 2011
Persönlich
Gefordert:
Beat Rechsteiner
Glücksbringer
Kaminfeger
schützten die
Menschen früher
vor Bränden – und
wurden darum zu
Glücksbringern.
Auch heute noch
beglückt Beat
Rechsteiner die
Menschen mit
seiner puren
Anwesenheit.
Foto: Cedric Christopher Merkli
E
s passiert ihm häufig, dass ihn fremde Frauen anfassen. Ihm sanft auf die Schulter klopfen, die Hand auf
seine Brust legen – und lächeln, als wäre es ihnen jetzt sicher, das Glück, das er ihnen bringen soll. In den Tagen
um Silvester passiert es noch häufiger. Eine Berührung –
und das Glück im neuen Jahr soll einen begleiten.
Kaminfeger Beat Rechsteiner (43) weiss nicht, ob er
tatsächlich als Glücksbringer taugt. Noch nie hat er ein
Brautpaar nach der Hochzeit gefragt: «War es gut für Sie,
dass Sie mich umarmt haben, als Sie aus der Kirche getreten sind und ich zufällig da war?» Im Gegensatz zu seinem
Grossvater und Vater verteilt er keine Einräppler, um das
Glück abzurunden. Meist hat er sowieso keine Hand frei,
wenn er im Übergewand unterwegs ist. Dann trägt er Leiter in der einen und Rollrute in der anderen Hand. Steht
auf einem Dach – und kaum ist der Kamin gefegt, saugt er
bei der Heizzentrale im Keller den Russ weg.
Es hat sich viel geändert, seit Beat Rechsteiners Grossvater das Familienunternehmen gegründet hat. Der
Grossvater transportierte die Arbeitsutensilien noch auf
dem Fahrrad durch die Gegend. Trug einen Zylinder als
TagesWoche 52
Kopfschutz und stattete so ziemlich jedem Bewohner in
der Gegend regelmässige Besuche ab.
Heute ist das anders, heute gibt es «Fernwärme». Die
Industriellen Werke Basel werben dafür, indem sie versprechen: «Sie gewinnen an Komfort, da Sie weder Brennstofflieferungen noch Kaminfeger für Ihre Heizzentrale
bestellen müssen.» Für Beat Rechsteiner und die anderen
Kaminfeger, die im Kanton um ihre Kunden buhlen, bedeutet diese Entwicklung: weniger Aufträge.
Er lässt sich aber nicht entmutigen. «Ich werde mehr
und mehr zum Kundenberater, der auch technisch Auskunft geben muss», sagt er. Umdisponieren müsse er,
dann laufe das Geschäft trotzdem. «Heute wollen die Kunden wissen: Warum funktioniert der Brenner nicht?»
Möglicherweise muss Beat Rechsteiner solche Fragen
auch in der Silvesternacht beantworten. Für Notfälle ist er
auch ohne Übergewand zur Stelle. Seine Frau ist überzeugt, dass ihr Gatte auch in Zivil Glück bringt. «Mir jedenfalls», sagt sie – und berührt ihn an der Schulter, so
sanft, wie wohl kaum eine fremde Frau auf der Strasse.
Martina Rutschmann Webcode: @amaii
4
30. Dezember 2011
Inhalt
RÜCKBLICK
Januar
Einen Hauch von Freiheit verbreiteten die
Menschen auf dem Tahrir-Platz, Seite 6
märz
Naoto Matsumara ist einer der letzten Bewohner der «Todeszone» von Fukushima, Porträt
eines Einsiedlers, Seite 10
April
Ein Hinterteil bewegt die ganze Welt: Schlaglicht auf Pippa Middleton, den heimlichen Star
der englischen Prinzen-Hochzeit, Seite 13
mai
Basel und die Freiräume: Das tragische Ende
einer Besetzung und der knappe Ausgang einer
Abstimmung, Seite 14
Februar
Der «ewige Gysin» – der Baselbieter Strippenzieher durfte zwar nicht mehr in den Nationalrat. Doch er hat bereits neue Pläne, Seite 8
Juni
Alte Rocker mit grossen Herzen und langen
Haaren: In Basel gastierte das Rockfestival
Sonisphere, Seite 17
Die liebsten Bilder
unserer Fotografen,
Seite 18
Juli
Das Utoya-Massaker in Norwegen hinterlässt
Spuren. Emma Martinovic, eine Überlebende,
erzählt, Seite 24
August
Seine Ideen prägen unsere Generation: Nachruf
auf Steve Jobs, den Unverstandenen, der eigentlich gar nichts Neues erfand, Seite 27
Dezember
Es war eine einmalige Nacht, eine unvergessliche: FC Basel vs. Manchester United, Reprise
eines grossen Spiels, Seite 36
DIALOG
Stimmen aus der Community
«Warum braucht
Basel ausgerechnet
im Klybeck nochmals 10 000 EinwohnerInnen?»
Claudia Studer zu «Die Stadt wird neu
gebaut»,
Webcode: @agzyc
«Ist bürgerliches
Denken und Kommentieren jetzt
schon Machtmissbrauch?»
Thomas Lüthi zu «Der Protest gegen die
BaZ dürfte stärker sein»,
Webcode: @ajjwl
AGENDA
Wochenstopp: Silvester steht
vor der Tür und irgendwie
muss das Jahresende würdig
gefeiert werden. Die einen tun
es in privatem Rahmen, andere
suchen Silvesterpartys, Seite 41
Lichtspiele: Der coolste Film?
Wieso eigentlich gerade cool?
Die Einbürgerungsgeschichte
eines Wortes, Seite 43
Kultwerk: Was niemand
weiss: Das unverwüstliche
«Dinner for One» ist eine
Schweizer Produktion, Seite 46
Kurt Wyss: Friedensapostel
Daetwyler an einem Silvester in
New York, Seite 47
september
Wie weiter mit dem Euro? Der Kampf um die
europäische Einheitswährung stellt auch die
Schweiz vor Herausforderungen, Seite 28
Oktober
Aufstieg einer Partei, Abstieg eines Mannes:
Keine Partei ist so eng mit ihrem «Chefstrategen» verwoben wie die SVP, Seite 30
November
Morin und die Medien: Der Basler Stadtpräsident ist mit der Qualität des regionalen Journalismus bedingt zufrieden, Seite 33
TagesWoche 52
Impressum, Seite 39
5
JAN UAR
Bloss ein Hauch
von Freiheit
In Ägypten geht ein bewegtes Jahr zu Ende. Ernüchterung paart
sich mit der Erkenntnis, dass eine alles verändernde Revolution
in 18 Tagen zu schön ist, um wahr zu sein – ein kritischer Blick auf
den «ägyptischen Frühling». Von Jasmin El Sonbati
B
Wonach in der Schweiz
gegoogelt wird
Neun von zehn Suchanfragen in der
Schweiz laufen über Google, täglich
wird die Suchmaschine hierzulande
mehrere Millionen Mal um Rat gefragt. Da jede Suchanfrage anonymisiert gespeichert wird, eignet sich
Google hervorragend als Seismograf für Themen, die die Menschen
in der Schweiz beschäftigen.
Mit dem Dienst «Google Insights for
Search» haben wir rückblickend auf
2011 für jeden Monat ausgewertet,
welche Nachrichtenthemen in der
Schweiz am meisten gegoogelt wurden. Auf den folgenden Seiten finden Sie zu jedem Monat eine Grafik,
welche die vier Top-Themen gemäss
Google mit dem Thema vergleicht,
das die TagesWoche als das prägende des Monats auserkoren hat.
Die Kurven der einzelnen Monate
sind jeweils auf den Maximalwert innerhalb des Monats indexiert, Vergleiche zwischen den Monaten sind
deshalb nicht möglich. David Bauer
Auch ohne News ein Dauerbrenner: Das iPhone4 bringt
die Menschen zum Googeln.
TagesWoche 52
asel im Januar 2011. Beschaulichkeit zum Jahresanfang, der ich
mich zwischenzeitlich entziehe. In Gedanken bin ich in Kairo, meiner Heimat, der Stadt meiner Kindheit und
Jugend. Dort ist gerade Revolution.
Meine Nächte sind kurz. Skypen mit
Freunden und Familie in Kairo, schaue
Al Jazira und CNN gleichzeitig; twittere und kommentiere Facebook-Posts.
In Ägypten sind Hunderttausende auf
Strassen und Plätzen, «Das Volk will
das Ende des Systems!» skandierend.
11. Februar: Hosni Mubarak tritt ab.
Nach 30 Jahren ist Ägypten ein Scherbenhaufen. Armut, Analphabetismus,
Korruption, Arbeitslosigkeit, Unfreiheit,
ein zerrissenes Land. Von Tunesien aus
hat der revolutionäre Wüstenwind die
arabische Welt erfasst. Die Euphorie ist
unbeschreiblich, die Hoffnung auf ein
Leben in Würde und Freiheit in greifbarer Nähe. Das kennen die arabischen
Menschen nur vom Hörensagen. Derweil im Westen Bürgerkriege heraufbeschworen werden und die Angst vor den
Islamisten kursiert, räumt die mutige
Aktivistenschar, die digitale Netzwerkgeneration, die auf dem Tahrir-Platz
ausgeharrt hat und der wir den Fall des
Pharaos verdanken, auf und zieht ab.
Fast ein Jahr danach ist der Siegestaumel verstummt, anstatt Flower Power, gemeinsamen Gebeten zwischen
Christen und Muslimen ist die Gegend
rund um den Tahrir-Platz zur Kampfzone mutiert. Ein Jahr danach paart
sich Ernüchterung mit der Erkenntnis,
Die deutsche Pornodarstellerin
«Sexy Cora» stirbt nach einer
missglückten Brust-OP.
dass eine Revolution in 18 Tagen zu
schön ist, um wahr zu sein.
Die Touristen blieben dieses Jahr
aus, dafür gibt es anhaltende Proteste
verschiedener Berufsverbände. Trotzdem: Durch Ägypten weht ein Hauch
von Freiheit. Überall ist Politik Gesprächsstoff. Die Menschen rücken zusammen, irgendwie, und ich zu Ägypten. Auf jeder Reise beteilige ich mich an
Diskussionen über die Zukunft Ägyptens. Ich wähne mich in den Pariser Salons des 18. Jahrhunderts, inmitten der
Aufklärer Montesquieu, Diderot, Rousseau mit ihren Disputen über Gewaltentrennung, Toleranz, Religionsfreiheit.
Religion und Politik im Duett
Die Veranstaltungen finden in alternativen Kulturzentren, in Buchläden in
der Stadtmitte statt – und im donnerstäglichen Salon von Alaa al-Aswani,
dem streitbaren Autor, der den machthabenden Militärs ebenso kritisch auf
die Finger schaut wie früher Mubarak.
Man spricht über den säkularen Staat
und wie das demokratieabstinente Volk
Demokratie erlernen könnte. Ich staune
über so viel staatsbürgerliches Bewusstsein, das im ägyptischen Schulsystem mit Propaganda fürs Regime
gleichzusetzen war. Freiheit ist eben
Recht und Bedürfnis zugleich.
Ein Freund stutzt meinen Enthusiasmus zurecht. «Du bist in Kairo, auf dem
Land oder in den Slums geht es anders
zu.» Natürlich. Ich brauche nicht in un-
Nach wochenlangen Demonstrationen in Tunesien tritt Diktator
Ben Ali am 14. Januar ab.
ser Dorf ins Nildelta oder in die ärmeren Quartiere in Kairo zu gehen, um zu
erkennen, dass dort die Religiösen das
Terrain längst für sich erobert haben.
Sogar in Maadi, dem europäisch geprägten Stadtteil im Süden Kairos, wo
ich aufgewachsen bin und immer noch
lebe, haben die Moslembrüder eine
Niederlassung eröffnet. Morgens empfangen die «Schwestern», abends die
«Brüder». Obwohl mein Kleidungsstil
weder auf Zugehörigkeit noch Sympathie mit der Bruderschaft schliessen
lässt, werde ich herzlich empfangen.
Eine aufmerksame Damenschar, dem
oberen Mittelstand angehörig, lauscht
einem bärtigen Herrn. Er erklärt, seine
Ausführungen durch Koranverse begleitend, wie man einen Wahlzettel
korrekt ausfüllt und natürlich das Häkchen ins «rechte» Feld setzt. Religion
und Politik im Duett.
Kairos Strassen werden immer unsicherer, von Polizei keine Spur. Organisierte Banden haben es auf Autos,
Bargeld, Handys abgesehen. Irgendwo
in Kairo müssen sich Berge von Handys
türmen. Auch ich bin vorsichtiger geworden, wage mich nach Mitternacht
nicht mehr ausser Haus. Obwohl ich
mich der Revolutionsskepsis partout
verweigere, ist es an der Zeit, meinen
verklärten Blick zu revidieren und einzusehen, dass der Weg zu einem demokratischen Ägypten steinig sein wird.
Aufgeladener Sommer, Sturm auf die
israelische Botschaft, Angriffe auf koptische Kirchen. Bei Letzteren sassen
Die 5. Staffel der deutschen
Fernsehshow «Dschungelcamp» beginnt.
In den letzten zwei Januarwochen finden in Melbourne
die Australian Open statt.
6
30. Dezember 2011
Rückblick
Jasmin
El Sonbati
Die ägyptisch-schweizerische Doppelbürgerin wurde 1960
in Wien geboren.
Kindheit und Jugend
verbrachte sie in Kairo.
Jasmin El Sonbati
ist Gymnasiallehrerin
in Basel und Mitbegründerin des Forums für
einen fortschrittlichen
Islam. Im August 2010
ist ihr Buch «Moscheen
ohne Minarett. Eine
Muslimin in der
Schweiz» erschienen.
das sich unter anderem
mit der zunehmenden
Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft
in den letzten Jahrzehnten beschäftigt
Soldaten, «Beschützer» der Revolution
und des ägyptischen Volkes, auf ihren
Panzern und liessen den Mob bei der
Zerstörung der Kirchen gewähren.
Gegen Fremdes und Unreines
Kairo im Oktober. Freitags wird wieder
demonstriert, weil alles beim Alten geblieben ist: Notstandsgesetze, keine
Verurteilung von Mubarak. Ägypter
sind in der arabischen Welt berühmt für
ihren Humor. Eine Frau hat auf einem
Plakat Karikaturen gezeichnet. Den
Salafisten («salaf» bezeichnet die Gefährtenschaft des Propheten Muhammed) legt sie den Spruch «Alles ausser
dem Maillot» (bedeutet im ägyptischen
Dialekt «Badeanzug») in den Mund. Der
Badeanzug steht für westlichen Einfluss, und diesen gilt es auszumerzen.
Was auf den ersten Blick lustig wirkt,
ist bedrohlich. Im Gegensatz zu den
Muslimbrüdern, die eine Demokratie
nach dem Vorbild der Türkei anstreben,
wollen die Salafisten Ägypten in einen
islamischen Staat mit Scharia-Recht
verwandeln. Ihre Botschaft ist so simpel wie diejenige europäischer Rechtsparteien: Sie sind gegen Fremdes,
Unreines, Unislamisches.
Die Salafisten
streben nach
einem Staat mit
Scharia-Recht.
Jasmin El Sonbati: «Natürlich brauche ich nicht in unser Dorf ins Nildelta oder in ärmere Quartiere in Kairo zu gehen, um zu
erkennen, dass dort längst die Religiösen das Terrain für sich erobert haben.» Foto: Stefan Bohrer
TagesWoche 52
November 2011: Die ersten freien
Wahlen in der Geschichte Ägyptens
sind für Ende November 2011 angesagt,
in Kairo herrschen Chaos und Gewalt.
Verschwörungstheorien machen die
Runde. Auf Youtube sehen wir Militärpolizei und Staatssicherheit, die auf Demonstranten schiessen. Im ägyptischen
Fernsehen, dessen Art der Berichterstattung immer noch den Herrschenden
dient, weisen die Generäle, arrogant
und beleidigt, Gewaltsvorwürfe zurück.
«Ausländische» Kräfte hätten sich «infiltriert», um den Ruf des Militärs zu
besudeln und Ägypten zu ruinieren.
Im Büro der Social Democratic Party, einer liberal-säkular ausgerichteten
Partei, deren Mitglied ich geworden
bin, haben wir für diese Aussagen nur
ein müdes Lächeln übrig. Immer sind
es die anderen, nie wir selber. Die Abgabe von Verantwortung ist eine ägyptische Krankheit – im staatlichen und
im privaten Bereich.
In ganz Kairo gewinnt keine Frau ein
Parlamentsmandat. In einer traditionellen Gesellschaft wie der ägyptischen
ist das Patriarchat in Mark und Bein
übergegangen, der Vater, der General,
der Mufti haben das Sagen. Auch nach
der Revolution.
Das letzte Wort den ägyptischen
Frauen. In Gedanken marschiere ich
mit ihnen und schreie mir die Wut aus
dem Leib, gegen den Tritt des Soldaten
auf den entblössten Oberkörper einer
Demonstrantin. Ein bewegtes Jahr geht
bewegt zu Ende. Revolution in 18 Tagen
– das ist zu schön, um wahr zu sein.
Webcode: @altac
7
FE B RUAR
Der ewige
Gysin
Nach mehreren tragischen Aufritten
schien Hans Rudolf Gysin am Ende.
Nun ist er wieder da – und wie.
Von Michael Rockenbach
W
as war das im Februar für ein
Theater in der Region Basel. Eigentlich
ging es um eine Erhöhung der Baselbieter Beiträge ans Theater Basel, im
Grunde prallten aber gegensätzliche
Kulturvorstellungen aufeinander; alte
und neue Ressentiments brachen auf.
Dorftheater gegen anspruchsvolle Inszenierungen, Land gegen Stadt, Oberbaselbiet gegen Unterbaselbiet. Bei der
Abstimmung vom 13. Februar setzte
sich die rustikale Fraktion durch: Mit
51 Prozent der Stimmen lehnte es das
Baselbiet ab, die Theaterbeiträge um
vier Millionen Franken pro Jahr zu erhöhen.
Heftig waren die Reaktionen danach im Unterbaselbiet, das vom Oberbaselbiet überstimmt worden war, und
noch heftiger in Basel-Stadt. Dort fühlte man sich ausgenutzt, weil rund die
Hälfte der Theaterbesucher vom Land
Nach wochenlangen Protesten
tritt Hosni Mubarak als Staatspräsident Ägyptens zurück.
TagesWoche 52
kommt, die Stadt aber weiterhin über
zehn Mal mehr für den Theaterbetrieb
zahlen muss.
In der aufgereizten Atmosphäre
überboten sich die verschiedenen Lager mit Provokationen und Drohungen,
«Ich bin Opern- und
Operettenfan – seit
jungen Jahren.»
Hans Rudolf Gysin,
Machtmensch und Kulturfreund
bis die Debatte ins Absurde abglitt. Das
Basler Parlament plante ernsthaft, von
auswärtigen Theaterbesuchern künftig
höhere Ticketpreise zu verlangen. «Das
ist ein Rückfall in längst überwundene
Zeiten, in denen von Fremden auch
noch Wegzoll verlangt wurde», ärgerte
sich der Baselbieter Kulturdirektor Urs
Der deutsche Verteidigungsminister zu Guttenberg fliegt
als Plagiator auf.
Wüthrich (SP). Andere schienen an der
Vorstellung sogar noch Spass zu haben.
Einzelne SVP-Politiker schlugen vor,
auf den Baselbieter Wanderwegen
künftig eine Gebühr von den Basler
Ausflüglern zu verlangen. Irgendwann
setzte sich dann aber doch die Erkenntnis durch, dass es ziemlich aufwendig
wäre, auf dem Land alle Wanderer und
in der Stadt sämtliche Theaterbesucher
einer Ausweiskontrolle zu unterziehen.
So wurden die Revanchegelüste unterdrückt – bis auf Weiteres jedenfalls.
Kulturfreund Gysin
Ein ganz besonderer Auftritt ging in
dem ganzen Theater fast ein bisschen
unter: jener von Hans Rudolf Gysin.
Bis zur Debatte um die Erhöhung der
Beiträge kannte man den Gewerbedirektor und langjährigen Nationalrat
Der Kanton Baselland stimmt
knapp gegen neue Subventionen
für das Theater Basel.
vor allem als Strippenzieher, als heimlichen König des Baselbiets, der mit seiner Hausmacht, der Wirtschaftskammer, seinen vielen Beziehungen und
immer wieder wechselnden Allianzen
Gesetze prägen und Regierungsräte
machen konnte. Wenn Gysin mit einem
Referendum drohte oder seine Wahlkampfmaschinerie für einen bestimmten Politiker in Gang setzte, dann tat
sich was im Baselbiet, das wusste man.
Nun setzte er sich auch noch als Kulturfreund in Szene. Als «Operettenund Opernfan», wie er selber sagte, der
in jungen Jahren regelmässig im Theater war, um vom Balkon, 3. Rang, aus
den Arien und Rezitativen zu lauschen.
Inzwischen könnte er sich zwar auch
etwas bessere Plätze leisten, leider fehle ihm aber die Zeit für regelmässige
Besuche, bedauerte Gysin im Abstimmungskampf. Dennoch setze er sich
Die Zwillinge Livia und Alessia
werden von ihrem Vater entführt
und getötet.
Auch in Libyen formiert sich Widerstand: Oppositionelle rufen
zum Sturz von Gaddhafi auf.
8
30. Dezember 2011
Rückblick
folgsverwöhnten, plötzlich im Stich gelassen, wie in einem Drama, mit Gysin
als tragischer Figur. Prompt erlitt er im
März eine weitere Niederlage, die ihn
wohl noch sehr viel mehr schmerzte.
Die Baselbieter Wahlen
Neue Ziele im Fokus: Hans Rudolf Gysin,
der Mitte 2012 als Direktor der
Wirtschaftskammer abtritt. Foto: Keystone
für die Subventionserhöhung ein, weil
«die Kultur und das Theater für die gesamte Region und den Wirtschaftsstandort wichtig sind».
In seiner neuen Rolle als Kulturfreund überzeugte Gysin allerdings zu
wenig, auch in seiner eigenen Partei,
die zum Schrecken der letzten noch
verbliebenen Bildungsbürger im Baselbieter Freisinn Stimmung gegen das
Theater machte. Nach dem umstrittenen Positionsbezug der FDP und erst
recht nach der Abstimmung stand Gysin plötzlich als Verlierer da. Es war,
als hätte das Schicksal ihn, den Er-
Dabei schien er im Vorfeld der Regierungsratswahlen vom 27. März alles im
Griff zu haben. Gysin zog – wie bei allen Baselbieter Wahlen – die Fäden im
Hintergrund. Er schaffte es, die zerstrittenen bürgerlichen Parteien noch
einmal zusammenzubringen, er sammelte in der Wirtschaft Geld für sie
und liess im ganzen Kanton Plakate
mit
«unserem
starken
Regierungsteam» aufhängen. Vier Jahre zuvor hatten die Bürgerlichen mit dem
gleichen Spruch die Wahlen gewonnen.
Nun verfing er aber nicht mehr, dafür
waren die Probleme dieser Regierung,
dieses klammen Kantons wohl schon
zu offensichtlich. Das Volk wollte einen
Wechsel und wählte den Grünen Isaac
Reber überraschend anstelle des bisherigen SVP-Baudirektors Jörg Krähenbühl in die Regierung. Dem abgewählten
SVP-Regierungsrat
schossen
Tränen in die Augen, als er die Niederlage zur Kenntnis nehmen musste.
In einer ähnlichen Gefühlslage befand sich wohl auch Gysin. Die bürgerlichen Parteien müssten dringend wieder besser zusammenarbeiten und
geschlossener auftreten, sonst könnte
es in der Regierung schon bei der
nächsten Vakanz eine linke Mehrheit
geben, sagte er nach den Wahlen. Für
ihn eine Horrorvorstellung.
Opfer einer Intrige
Fast noch schlimmer war allerdings,
was Gysin vor den nationalen Wahlen
widerfuhr. Die Parteileitung wollte ihn
als Nationalrat eigentlich schon lange
loswerden und eine etwas frischere
Kraft nach Bern schicken. Das dem
mächtigen Mann offen zu sagen, getraute sich allerdings niemand. Lieber
bekämpfte man den alten Strippenzieher mit seiner eigenen Waffe – einer
Intrige. Wenige Stunden vor dem Nominationsparteitag präsentierte Par-
teipräsident Michael Herrmann zwei
Überraschungs-Kandidaten, die dem
bislang unbestrittenen Topkandidaten
gefährlich werden konnten: den neuen
Handelskammer-Direktor Franz Saladin und den Wirtschaftsanwalt und
Kurzzeit-Verleger Martin Wagner. Vor
allem Wagners Aufritt konnte Gysin
nicht geheuer sein. Denn der Tausendsassa hatte beim Meister persönlich gelernt, wie man sich im Leben durchsetzt. Umso gefährlicher musste Gysin
der Kompagnon von einst nun als neuer Gegner erscheinen. Gysin zog die
Konsequenzen und gab am Parteitag
vom 10. Mai seinen Verzicht auf eine
Endlich ist er wieder
da, der alte Gysin,
den man schon fast
vermisst hatte.
erneute Kandidatur bekannt.
Danach zog er sich weitgehend aus
der Öffentlichkeit zurück, seine Zeit
schien vorbei, nicht einmal mehr sein
eigenes Haus der Wirtschaft schien er
noch unter Kontrolle zu haben. Denn
nun wurde auch in der Wirtschaftskammer plötzlich Kritik laut. Einzelne
Gewerbler wehrten sich gegen das
Übergehen von Elisabeth Schneider
(CVP) im Ständeratswahlkampf und
die einseitige Parteinahme der Wirtschaftskammer für den SVP-Kandidaten Caspar Baader. Und sie wehrten
sich auch gegen die sorgsam eingefädelte Wahl von Gysins Zögling Christoph Buser zu seinem Nachfolger. Wegen des Widerstands musste die
Ernennung des neuen Wirtschaftskammern-Direktors verschoben werden. Gysin und Buser nutzten die Zeit
bis zum neuen Wahltermin, um mit
den Kritikern zu reden und ihnen mehr
Transparenz in der künftigen Geschäftsführung zu geloben. Das wirkte.
Gysin bekam wieder Oberhand und
Buser wurde gewählt.
Kurz vor Jahresende kam es für Gysin sogar noch besser. FDP-Nationalrat
Filippo Leutenegger, neuer starker
Mann bei der «Basler Zeitung», und –
natürlich auch er – ein alter Bekannter
Gysins, bot ihm einen Sitz im Verwaltungsrat an und Gysin sagte – selbstverständlich – zu.
Das Ganze ist eine typische WinWin-Situation: Das neue alte BaZKonstrukt um Christoph Blocher und
Tito Tettamanti erhält einen gut vernetzten und präsentablen Verwaltungsrat aus der Region Basel und Gysin einen neuen Job in der
Medienbranche, die ihn, den Machtmenschen, schon immer angezogen
hat. Der Prattler gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Radios Raurach
(heute: Radio Basel) und war langjähriger Verwaltungsrat der BaZ-Tochter
Birkhäuser + GBC.
Nun verspürt der 71-Jährige seinen
mindestens zweiten Frühling. Es ist
wieder eine wahre Freude, wie er zum
Beispiel Journalisten zusammenfaltet,
die seiner Ansicht nach allzu kritisch
über das bürgerliche Baselbiet berichten («mit dieser Geschichte haben Sie
sich massiv geschadet!»), um ihnen wenig später fast schon väterlich seine
Hand auf den Arm zu legen («nichts ist
falscher als eine Retourkutschenpolitik. Darum werde zumindest ich Ihnen
ganz sicher nichts nachtragen»). Endlich ist er wieder da, der alte Gysin, den
man schon fast vermisst hatte!
In Bern gibt es sogar schon erste
Stimmen, die sagen, Gysin zeige sich
inzwischen häufiger im Bundeshaus
als zu seiner Zeit als Nationalrat, in der
er auf den Rankings höchstens unter
der Rubrik Abwesenheit einen Spitzenplatz erreicht hatte. Nun hat er auch
wieder grosse Pläne: Die schon seit
Längerem angekündigte Volksinitiative für die Aufwertung der beiden Basel
zu Vollkantonen will er in den kommenden Monaten richtig lancieren. Damit präsentiert er ein Gegenmodell zu
den kantonalen Initiaitiven der Grünen, die eine Wiedervereinigung von
Baselland und Basel-Stadt verlangen.
So werden in der Region Basel nach
der Theaterdebatte bald wieder einmal
ziemliche grundlegende Fragen über
die beiden Kantone und ihr gegenseitiges Verhältnis verhandelt. Und diesmal
wird Gysin in der ganzen Debatte wieder eine zentrale Rolle spielen. So, wie
er es am liebsten hat. Webcode: @amcuo
Anzeigen
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9
MÄRZ
Einsiedler im
nuklearen
Niemandsland
A
uf den Wiesen am Ortseingang
liegen Kadaver verendeter Kühe und
Hühner, ein übler Geruch durchdringt
die Luft. In den Vorgärten der kleinen
japanischen Holzhäuschen wuchern
wilde Pflanzen, tummelt sich massenhaft Ungeziefer. Aus den geborstenen
Strassen schiesst Unkraut. Tomioka in
der Präfektur Fukushima gleicht nicht
nur einer Geisterstadt. Der Ort, den
einst 16 000 Menschen ihre Heimat
nannten, ist wirklich gottverlassen,
stirbt menschenleer vor sich hin.
Das Jahrhundertbeben am 11. März
hat den Flecken im Nordosten Japans
in einem Masse verwüstet und entstellt, dass er wohl für Generationen
unbewohnbar bleibt. Nukleares Niemandsland, nach Beben, Tsunami und
dem Desaster im nahe liegenden Atomkraftwerk fluchtartig verlassen aus
Angst vor radioaktiver Verseuchung.
Alltag in der Todeszone
Die Zahl der Einwohner von Tomioka
heute: ganze 1. Naoto Matsumara lebt
hier völlig allein, ernährt sich von selbst
geangeltem Fisch und Konserven, die
er sich aus weit entfernten Supermärkten besorgt. Zur Stromversorgung
nutzt er Uralt-Generatoren, das Wasser
kommt aus einem privaten Brunnen.
Sein einziger lebender Kontakt und Begleiter ist der Hund Aki.
Der 53-jährige Reisbauer weigert
sich ungeachtet der Regierungsorder,
das verstrahlte Gebiet zu verlassen.
«Wenn ich aufgebe und den Ort verlasse, dann ist endgültig alles vorbei»,
motiviert sich der letzte Verbliebene
von Tomioka. «Es ist meine Verantwor-
Die Aussicht auf das grosse Geld
lässt die Suchanfragen nach
Euromillions anschwellen.
TagesWoche 52
Überraschenderweise Steve
Jobs persönlich stellt das iPad 2
in San Francisco vor.
tung und mein Recht», fügt er ernsthaft hinzu.
Was wie Rebellion, ziviler Ungehorsam oder ohne Sinn und Verstand
wirkt, ist pure Verzweiflung und Trotz.
Denn eigentlich wollte auch Naoto
Matsumara seine Heimatstadt verlas-
Die Umgebung
des AKW wird
für Generationen
unbewohnbar sein.
sen. Er fuhr zu einer Verwandten im
Glauben, dort für eine Weile bleiben zu
können. «Aber meine Cousine hat mich
nicht einmal über die Türschwelle treten lassen, weil sie Angst hatte, ich sei
kontaminiert.»
Danach versuchte er es in einem
Evakuierungszentrum, aber dort nahmen sie ihn nicht auf, weil es keinen
Platz mehr gab. «Das hat mir gereicht
und mich bewogen, wieder nach Hause
zu gehen.»
Obwohl der Einsiedler auch weiss,
dass die radioaktive Strahlung nach der
Havarie in Fukushima 168-mal höher
war als die der Atombombe von Hiroshima und die Krebsgefahr akut ist,
bleibt er eben. Wo soll er auch hingehen? Die Polizei, die den abgeriegelten
Ort regelmässig kontrolliert, übersieht
den Mann einfach, obwohl jeder in der
Verbotszone eigentlich verhaftet und
bestraft werden sollte. Würde sie eingreifen, müsste der Staat direkte Verantwortung übernehmen, für Abhilfe
sorgen. Also überlässt sie ihn lieber seinem «selbstgewählten» Schicksal.
Am 11. März erschüttert ein
schweres Erdbeben Japan
und löst einen Tsunami aus.
Nicht so extrem, aber ähnlich gross
ist das Dilemma Tausender «Atomflüchtlinge», die ihre Städte und Dörfer
rund um das AKW Fukushima nach
den Havarien verlassen sollten. Die Regierung hat zwar Verbotszonen erlassen, aber die Menschen mussten meist
allein eine andere Bleibe finden. Auf
Hilfsbereitschaft und Gemeinsinn
hofften in dieser fatalen Lage viele vergeblich. «Man will uns einfach vergessen», klagt Matsumara. «Das ganze
Land macht weiter wie bisher, und die
anderen wollen nicht an uns denken.»
Überall in der Krisenregion finden
sich solche Versprengte, setzen sich
bewusst den unkalkulierbaren Gefahren und Risiken aus, die ein Leben im
Strahlenumkreis mit sich bringt. In der
Not ringen einige dieser fatalen Situation eine neue Lebensaufgabe ab.
Nobuyoshi Ito aus dem Dorf Iitate in
der Fukushima-Präfektur will als «Versuchskaninchen» für radioaktive Strahlung Dienst tun. «Ich trage niemals eine
Maske oder einen Schutzanzug», sagt
der ehemalige IT-Ingenieur. Dabei
wohnt er nur rund 30 Kilometer von der
AKW-Ruine entfernt.
Leben als «nuklearer Samurai»
Der 67-Jährige versteht sich als
«nuklearer Samurai», als Frontkämpfer in einem Glaubenskrieg, der Japans
Experten in zwei Lager teilt. «Die antiatomare Gruppe sagt, auch kleine
Dosen radioaktiver Strahlung sind gefährlich für die menschliche Gesundheit», erklärt Ito. Die andere Partei vertrete den Standpunkt, «selbst erhöhte
Strahlenwerte würden weniger krebs-
Gaddhafi geht immer brutaler
gegen sein Volk vor, am 19. März
greift die Nato in Libyen ein.
Das AKW in Fukushima gerät
ausser Kontrolle und weckt
Erinnerungen an Tschernobyl.
10
Rückblick
30. Dezember 2011
Wenige Menschen harren in
der «Todeszone» bei Fukushima
aus. Sie haben jede Hoffnung
verloren. Von Angela Köhler
«Wenn ich den Ort verlasse, dann ist alles vorbei»: Naoto Matsumara, der letzte Einwohner der Stadt Tomioka, die in der «Todeszone» von Fukushima liegt. Foto: Antonio Pagnetta/Cosmos
TagesWoche 52
11
30. Dezember 2011
Rückblick
erregend wirken als Zigaretten oder
bestimmte Lebensmittel».
Ito steht auf keiner Seite, er will
Klarheit. «Ich habe mich entschieden,
im Selbstversuch zur Beantwortung
dieser Frage beizutragen.» Fast jeden
Tag misst er seit März die Strahlenwerte um sein Haus und registriert,
dass diese meist über den offiziellen
Angaben liegen, die von der nunmehr
acht Kilometer ausgelagerten Gemeinde Iitate angegeben werden. Der Hobby-Landwirt baut Reis, Kartoffeln, Auberginen und anderes Gemüse an. Er
hegt und pflegt seine Kulturen nicht
zum Verzehr, sondern im Dienst der
Forschung.
Behörden vertuschen Gefahren
Man sollte annehmen, Ito sei ein Verrückter. Aber der Strahlenpionier gehört offenbar zur Partei der Optimisten. Er habe sich im August in Tokio
gründlich untersuchen lassen und die
Ärzte hätten überhaupt nichts Auffälliges gefunden, sagt der Mann stolz.
Natürlich weiss er, dass langfristige
Schäden erst in 15 oder 20 Jahren
spürbar sind. «Dann werden wir sehr
viel mehr über die Auswirkungen der
Strahlung wissen und dann wird hoffentlich mein persönlicher Einsatz
nicht umsonst gewesen sein.»
Wie gefährlich ist das Leben im nuklearen Niemandsland? Kimie Furuuchi ist zutiefst verunsichert. Die Frau
aus der völlig zerstörten Stadt Minamisoma floh mit ihren drei Töchtern im
April in die südlicher gelegene ChibaPräfektur. Jetzt erhielt sie Post von ihrem Bürgermeister. Der Brief begann
mit der harmlosen Anrede: «Liebe
Evakuierte aus Minamisoma!» Weiter
heisst es: «Wir versuchen, eine Umwelt
zu schaffen, in der die Flüchtlinge aus
Minamisoma so schnell wie möglich
wieder zurückkehren können.»
Behörden und Strahlenexperten beruhigen Frau Furuuchi immer wieder,
ihre Heimat sei sicherer geworden.
Aber niemand sagt, sie sei wirklich sicher. Die Stadt Minamisoma befindet
sich in der offiziellen Evakuierungszone zwischen 20 und 30 Kilometer
Entfernung von den GAU-Meilern. Diese Zone zählte vor der Atomkatastrophe
58 000 Einwohner, jetzt leben trotz der
Warnung vor Verstrahlung noch immer
28 000 Menschen dort.
Ratlose Politiker
Die Verbliebenen sind amtlich aufgefordert, die Gegend zu verlassen oder
sich nur im Innern von Gebäuden aufzuhalten, was schon ein ziemlicher
Unterschied ist, der kaum für Lebenssicherheit sorgt. Diese kryptische Anordnung soll bis Ende des Jahres aufgehoben werden, vorausgesetzt die
betroffenen Ortschaften legen Pläne
für eine Dekontaminierung vor.
Keiner weiss, wie das gehen soll,
niemand stellt Geld oder Leute dafür
zur Verfügung. Auch die Politik wirkt
ratlos. «Japan hat keine legalen Richtlinien für ein radioaktives Desaster»,
klagt der Bürgermeister von Fukushi-
TagesWoche 52
In drei Reaktoren des AKW Fukushima kam es zur Kernschmelze – die Aufräumarbeiten werden Jahrzehnte dauern. Foto: Keystone
ma, Takanori Seto. «Aber die Gemeinden müssen jetzt mit dieser Lage trotzdem klarkommen.» So schrubben
Bewohner in Selbsthilfe die Dächer,
putzen ihre Bäume und tragen vor
allem Erde ab, die mit radioaktiven
Substanzen wie Caesium verseucht
sein könnte. Dann geht es ein paar Tage
besser und plötzlich ist die Strahlung
wieder da. Gegen Luft, Wind und Regen gibt es kein Mittel.
Auch deshalb möchte die Krankenschwester Furuuchi eigentlich nicht zurück. Aber ihr Krankenhaus hat sie ultimativ zur Rückkehr aufgefordert.
Geht sie nicht, verliert sie ihren Job und
muss dazu noch eine gewaltige Summe
zurückzahlen, die das Hospital für ihre
Weiterbildung vorgeschossen hat. Wie
soll sie sich in dieser Lage entscheiden?
Eine Umfrage der Universität von
Fukushima unter ehemaligen Bewohnern einer Sperrzone zeigt, wie beunruhigt die Menschen sind und wie tief
das Misstrauen gegenüber der Regierung sitzt. Nur fünf Prozent der Befragten antworteten, dass sie in die alte
Heimat zurückgehen werden, sobald
die Behörden die Region wieder für
sicher erklären.
Bleiben oder gehen – und wenn ja,
wohin? «Ich möchte eigentlich nicht
länger hier leben», sinniert Takako Abe,
wenn sie auf die unzähligen Schuttberge
und Schrotthaufen von Minamisanriku
schaut. «Aber das war mehr als 40 Jahre meine Heimat, ich kenne keine andere.» Von den einst 18 000 Einwohnern
sind 1200 ums Leben gekommen. Hunderte haben die Stadt verlassen und
Zuflucht bei Verwandten gefunden.
Frau Abe spricht von tiefen Bindungen an diese Stadt, wo Familien oft seit
Generationen zusammen leben. Aber
wie wird der Ort nach dem Wiederaufbau aussehen? Wie werden die Menschen die Zeit überstehen, bis die Stadt
einmal wieder funktioniert? Und was
wird, wenn vielleicht ein neues Beben,
ein neuer Tsunami den Rest zerstören?
Mindestens einmal pro Woche bebt
noch immer die Erde.
Die Aussichten sind so unklar, dass
«jede persönliche Planung unmöglich
ist», klagt der Fischer Choya Goto. Der
52-Jährige schätzt sich immerhin noch
glücklich, weil seine Familie überlebt
hat und er ein intaktes Boot besitzt.
Sein Kahn gehört zu den nur 50 von
über 1000 Fischkuttern des Ortes, die
Die Regierung hat
das Vertrauen
der Bevölkerung
verspielt.
in dem verheerenden Tsunami nicht
zerborsten sind. Goto möchte bleiben
und wieder arbeiten. Aber der Hafen ist
noch zerstört, und wer kauft Fisch, der
radioaktiv verseucht sein könnte? «Im
Moment kann ich mir keine neue Kleidung und nur wenig Essen leisten.»
Nicht alle verlieren den Mut und
manchmal wendet sich das Schicksal
doch noch zum Besseren. Masato und
Manami hatten ihre Hochzeit perfekt
geplant, am 14. März wollte sich das
Pärchen auf dem Standesamt von
Fukushima das Ja-Wort geben. Dann
aber passierten drei Tage zuvor das
Jahrhundertbeben, der Tsunami und
der Atom-GAU, die Flucht. Die beiden
nahmen sich keine Zeit, irgend etwas
mitzunehmen, ausser den Sachen am
Leib. Der einzige Gegenstand, der aus
ihrem bisherigen Leben blieb, war der
Verlobungsring, den Manami am Unglückstag trug.
Heirat nach monatelanger Odyssee
Nach einer Odyssee durch zehn verschiedene Notunterkünfte im Nordosten versuchte der Bräutigam Masato
Ishida, im 800 Kilometer entfernten
Osaka einen Job zu finden, vergeblich.
Das Paar hatte kaum Geld, dafür zunehmend Stress und Streit. Die beiden
zogen weiter in die noch südlichere
Saitama-Präfektur, wo der 23-jährige
Bräutigam schliesslich Arbeit fand.
«Ich hatte ganz plötzlich meinen Job
verloren, mein Haus und meine Heimatstadt», blickt Masato Ishida zurück.
«Aber trotz all der Belastungen hat unsere Beziehung gehalten und wir wollen
gemeinsam ein neues Leben beginnen.»
Am 14. Juli heirateten Masato und
Manami exakt mit vier Monaten Verspätung – ganz schlicht und ohne Feier. Sie liessen sich einfach von den
Behörden amtlich als Ehepaar registrieren. Keine Trauzeugen, keine Verwandten, kein Brautkleid und dennoch
nicht unbemerkt. Ein Lokalreporter
aus der alten Heimat bekam Wind davon und jubelte: «Die Atomflüchtlinge
haben es schliesslich geschafft. Es ist
bisher das einzige Happy End in unserem Ort.» Webcode: @altmf
12
APR I L
Pipapo um Pippas Po
K
den. Camilla in zartem Mint und mit einem
Wagenrad als Hut, das geht in Ordnung. Die
Tochter von Fergie und Prinz Andrew, Beatrice, mit einem Hut, der sich scheinbar von hinten nach vorne aufgeklappt hatte, zu gewagt.
Ihre Schwester Eugenie in einem blauen Ungetüm von Vivienne Westwood, das geht gar
nicht. Wann kommt endlich die Braut?
leine Mädchen kann man mit einer
Prinzenhochzeit noch entzücken. Auch wenn
sie dann enttäuscht sind, dass der Prinz
nicht auf dem Schimmel angeritten kommt,
sondern schnöde im Auto vorfährt. Aber das
Kleid der Braut! Ja, das Kleid! Hach!
Am 29. April seufzten auf vielen Sofas
dieser Welt viele Mädchen – vor allem in
England. Und viele Frauen, denen die Illusion, es gäbe nichts Schöneres als Prinzessin
zu sein, noch nicht von der Realität geraubt
wurde. An diesem Frühlingstag, der von der
königlichen Familie als Hochzeitstag für den
Prinzen William und seine Kate erkoren
worden war, seufzten aber auch viele Männer. Sie waren verzückt. Nicht ob Prinz Williams schicker Paradeuniform. Oder ob Kate
Middletons Designerkleid mit langer Schleppe. Nein, es war die Brautjungfer, die diese
Schleppe in die Westminster Abbey trug,
welche die Männer träumen liess. Kates
Schwester Pippa. Genauer gesagt: Pippas Po.
Pippas Po stiehlt der Braut die Show
Die Brautjungfer wagte
es, in einem
elfenbeinfarbenen Kleid
aufzutreten.
Dabei hatte alles in gewohnter Minne
begonnen. Monatelang bereitete sich England auf die Traumhochzeit vor. Tassen wurden bedruckt und Taschen und Postkarten
und was sich sonst noch zu Geld machen
liess. Tage vor dem Event wurde die Hauptstadt quasi abgeriegelt, der «Bank Holiday»,
der Feiertag, war schon längst verhängt.
Dann war er da, der Freitag. Das Wetter
wollte nicht so recht, man fragte sich, ob die
an die Trauung anschliessende Kutschenfahrt durch London ins Wasser fallen würde.
Während sich der eine Teil der Bevölkerung
einfach über den freien Tag freute, fieberte
der andere vor der Flimmerkiste mit, ob die
Braut denn auch tatsächlich Ja sagen würde.
Und diese Kleider und Hüte!
Die TV-Stationen schalteten schon Stunden
vor der Trauung ein – in dem Moment, als
sich ein erstes Auto zur Westminsterabtei auf
den Weg machte. Dann stiegen sie aus, die geladenen Gäste von Elton John bis David Beckham. Und sammelten sich in der Kirche, wo
auch Könige gekrönt werden. Zu Hause auf
dem Sofa sassen die Mädchen und Frauen und
diskutierten über die Kleider der Eintreffen-
Persönliche Daten von 77 Millionen Playstation-Nutzern
werden von Hackern gestohlen.
TagesWoche 52
Das Paléo Festival in Nyon
gibt sein Programm bekannt
und eröffnet den Vorverkauf.
Wer ist hier die Hauptperson? Natürlich die
Braut. Wenn sie sich auch für einen Moment im
Hintergrund befindet. Foto: Keystone
Royal Wedding: Prinz William und
Kate Middleton heiraten in der
Westminster Abbey in London.
Zuerst jedoch kam der Prinz in einem Bentley
angefahren, gefolgt von der gelb gewandeten
Queen. Gefühlte Stunden später kam endlich
der Brautwagen. Die Brautjungfer in einem
schmal geschnittenen, fast weissen Kleid verliess die Kirche, um der Braut aus dem Wagen
zu helfen. Kate stieg aus, in einem Kleid, wie
es sich für eine baldige Prinzessin gehört. Die
Brautjungfer klaubte ihre meterlange Schleppe vom roten Teppich. Der Brautvater nahm
die Hand der Braut und sie erklommen die
Stufen der Kirche. Das Mädchen zu Hause auf
dem Sofa seufzte, die Frau neben ihr sagte:
«My God, sie sieht wunderschön aus!» Ja, das
tut die Braut doch immer. «Nein, Pippa!»,
korrigierte die Frau. Wer, bitte?
Pippa. Bis zu jenem Moment, als sie der
Kamera den Hintern – pardon, den Rücken
kehrte, kannte sie kaum jemand. Vielleicht
noch die regelmässige Leserin der britischen
Postillen. Und dann das. Pippa glänzte an diesem Tag fast mehr als ihre Schwester. Sie wagte es, in einem elfenbeinfarbenen Seidenkleid
aufzutreten, was einem Affront bedrohlich
nahekommt. Hat doch bei der Hochzeit nur
die Braut Weiss zu tragen. Und dann noch dieser Po! Jede Frau der Welt wollte so einen knackigen Hintern haben. Die Männer sowieso.
Mitte Mai redete kein Mensch mehr von
der Traumhochzeit. Aber alle Welt redete
von Pippas Po. Sogar eine Website erhielten
die zwei Backen: pippasass.com. Die wird
auch heute noch upgedatet. Und Pippa ist
in den Promi-Magazinen dieser Welt
mindestens so präsent wie Kate. Wenn
nicht präsenter.
Kate schien es nicht zu stören, dass
der Po ihrer Schwester ihr die Show
stahl. Jedenfalls hörte man nichts von
fliegenden Hochzeitskuchenstücken. Was
vielleicht aber auch daran lag, dass es am
Hochzeitsfest auf Wunsch des Prinzen
Schinkensandwiches gab – zum Schrecken
seiner Grossmutter, der Queen. Wer für
dieses unstandesgemässe Essen gesorgt hatte? Pippa, die Partymanagerin! Karen N. Gerig
Webcode: @alrpv
Der kanadische Teeniestar
Justin Bieber tritt am 8. April
im Hallenstadion Zürich auf.
Die Erzrivalen Real Madrid und
der FC Barcelona treffen sich
Ende April dreimal zu El Clasico.
13
MAI
Basler Frühling
im Zeichen
der Freiräume
Während die Menschen im arabischen
Raum auf die Strasse gingen, fand
auch hier eine kleine Revolution statt.
Von Martina Rutschmann, Yen Duong
H
ausbesetzer und Schrebergärtner sind das wohl Gegensätzlichste, was man sich vorstellen
kann. Die einen rebellieren um der
Rebellion willen und um anders zu
sein, die anderen verkriechen sich
in ihrem Kosmos grenzenloser
Spiessigkeit und lehnen die Rebellen genauso ab, wie diese umgekehrt Schrebergärtner verachten.
Alles Blödsinn, oder sagen wir:
vieles. Im Grunde haben Hausbesetzer und Schrebergärtner viel
mehr gemeinsam, als ihnen – und
auch vielen anderen – lieb sein
mag. Das Bedürfnis nach Freiräumen nämlich. Und die Fähigkeit,
hart dafür kämpfen zu können,
wenn die Gefahr droht, dass diese
Freiräume Neubauten oder etwas
anderem weichen müssen, das mit
Freiraum nichts mehr zu tun hat.
Kampf um Erhalt von Gärten
15. Mai 2011. Die Basler stimmen
über die Familiengarten-Inititative
und den Gegenvorschlag dazu ab.
Etliche Gärtner in Basel und der
nahen Umgebung fürchten sich vor
Baggern, die ihre Blumen und
Kopfsalate plattwalzen, um Raum
für «Wohnungen und Parks» zu
schaffen. Es ist ein hochemotionaler Abstimmungskampf. Die Radikalen unter den Gärtnern wollen
mit der Initiative erreichen, dass
alle Gärten in der Stadt am jetzigen
In Deutschland infizieren sich
mehrere Tausend Menschen mit
dem Darmvirus Ehec.
TagesWoche 52
Standort geschützt werden. Der
Gegenvorschlag will einen Grossteil der Gärten erhalten – auch im
Baselbiet und im Elsass – und
gleichzeitig Wohnraum schaffen.
Die Initiative unter Federführung
von SVP-Grossrat Heinrich Ueberwasser wird mit 64 Prozent NeinStimmen abgelehnt, der von SPRegierungsrat Hans-Peter Wessels
unterstützte Gegenvorschlag mit
55 Prozent Ja-Stimmen angenommen.
In der Zwischenzeit hat das
Bau- und Verkehrsdepartement beschlossen, über vierzig Hektaren
Freizeitgarten-Areale im Zonenplan durch Nutzungsvorschriften
zu sichern. Damit ist die Anforderung erfüllt, mindestens achtzig
Prozent der Freizeitgarten-Areale
in der Stadt zu erhalten.
Ebenso kontrovers diskutiert
wurde das Thema Zwischennutzungen, ausgelöst durch die Besetzung des alten Kinderspitals am
Kleinbasler Schaffhauserrheinweg
mit einem Schwerverletzten und
Sachbeschädigungen. Dort werden
in den nächsten Jahren siebzig bis
achtzig gehobenere Wohnungen gebaut. Nachdem der Kanton keine Bereitschaft für eine Zwischennutzung
signalisierte, obwohl das Gebäude
monatelang leer stand, nahmen an
einem Nachmittag rund 200 Aktivisten das Kinderspital-Areal in Beschlag. Webcode: @amdaf
Die Schweiz ist dank Anna Rossinelli wieder im Finale des Eurovision Song Contests dabei.
Tausende Menschen strömten auf das Areal des alten Kinderspitals am Kleinbasler
Schaffhauserrheinweg. Die Besetzung lief aus dem Ruder.
Das tragische
Ende einer
illegalen Party
In der Nacht auf den 1. Mai feierten bis zu
3000 Personen auf dem Areal des alten
Kinderspitals. Ein Organisator erzählt, wie
er die Besetzung erlebte. Von Yen Duong
I
rgendwann geriet die Situation ausser Kontrolle. Dabei hatte die Besetzung des alten Kinderspitals am
Schaffhauserrheinweg so friedlich begonnen. Vielversprechend irgendwie
auch. Mit der Aktion wollte das Netzwerk «DeRIVAt», das sich für diesen
Anlass gebildet hatte, sich für «Kunst
Ein Spezialkommando der USArmee tötet Al-Qaida-Chef Osama bin Laden in Pakistan.
und Kultur im Zwischenraum» einsetzen, das Kinderspital-Areal für die
Stadt öffnen und eine Diskussion über
Stadtentwicklung lancieren. Doch es
kam alles anders. Ganz anders.
Die Besetzung war gut organisiert,
gut durchdacht. Zwei Wochen lang bereitete man sich auf diesen grossen Tag
Die Besetzung des alten Kinderspitals löst in Basel Diskussionen um Freiraumnutzung aus.
Dominique Strauss-Kahn
(DSK) wird in New York verhaftet
und tritt als Chef des IWF zurück.
14
30. Dezember 2011
Rückblick
Der Verunfallte ist
querschnittgelähmt
Über den Zustand des 18-Jährigen,
der vom Balkon stürzte und sich dabei schwer verletzte, kursierten unmittelbar nach der Besetzung viele
Gerüchte in der Stadt. Hartnäckig
hielt sich das Gerücht, wonach der
junge Mann tot sei. Die Basler
Staatsanwaltschaft weiss nicht,
wie es dem Verunfallten geht. Laut
Sprecher Peter Gill wurde das Verfahren eingestellt. Man gehe davon
aus, dass er ohne Fremdeinwirkung
von der Terrasse gefallen sei. Wie
verschiedene Personen aus der
Kinderspital-Besetzerszene der
TagesWoche sagten, sei der junge
Mann nun querschnittgelähmt und
befinde sich in der Rehaklinik.
vor. Wer genau die Idee hatte, weiss
Christian nicht. Er war einer von vielen
Organisatoren und möchte nur mit
dem Vornamen erwähnt werden. «Die
geplante Besetzung wurde sehr breit
gestreut. Viele konnten nicht nachvollziehen, weshalb der Kanton das riesige
Gebäude nicht für Zwischennutzungen
zur Verfügung stellt», sagt der junge
Künstler. Zwei Treffen fanden vor der
Aktion statt, das erste mit rund 30 Personen in einer Wohnung, das zweite
mit etwa 60 Personen in einem Café. In
Arbeitsgruppen wurde fast alles bis ins
letzte Detail geplant.
die Nachbarn über die Zwischennutzung zu informieren, sagt Christian.
«Wir haben das ganze Kinderspital
umgestaltet. Wir wollten die Sicherheit
in diesem grossen Haus so gut wie
möglich gewährleisten.» Einige Räume
wurden komplett zugemacht – so auch
das Zimmer mit Medizingeräten, die
das Kinderspital in Schwellenländer
schicken wollte. Langsam begann sich
Bis 22 Uhr war alles in Ordnung
Niemand schien
die Party des
Jahres verpassen
zu wollen.
Es war Samstagnachmittag, der 30. April 2011, als sich rund 200 Personen im
Solitude-Park trafen und sich gemeinsam auf den Weg zum Areal machten.
«Als wir beim Kinderspital ankamen,
waren bereits Polizisten vor Ort», erzählt Christian. Doch davon wollten
sich die Aktivisten nicht einschüchtern
lassen. Kurz nach 14 Uhr rissen sie eine
Plastiksperrung nieder und stürmten
aufs Areal. Die Besetzung konnte beginnen.
«Wir haben alles verbarrikadiert,
weil immer mehr Polizisten eintrafen.»
Erst als den Besetzern ein Bleiberecht
bis Sonntag gewährt wurde, löste man
die Barrikaden. Dann habe man begonnen, die Leute zu mobilisieren und
das Areal zu füllen. Und irgendwann
wurde der Strom abgestellt. Aber auch
darauf waren die Aktivisten vorbereitet. «Die Stimmung war grossartig. Bis
22 Uhr war alles gut. Dann wurde es
mühsam und unübersichtlich.» Immer
mehr Leute strömten aufs Areal – sie
alle schienen die Party des Jahres auf
keinen Fall verpassen zu wollen. Man
sei überrannt worden, sagt Christian.
Die Besetzung lief aus dem Ruder.
Es wurden Fenster eingeschlagen, es
wurde herumgesprayt. Der Raum mit
den Medizingeräten musste immer
wieder neu verbarrikadiert werden, da
die Partygäste die Absperrungen wegrissen. «Etwa um Mitternacht hiess es
plötzlich, dass die Musik abgestellt
werden müsse. Es habe einen Unfall
gegeben. Als ich raus ging, sah ich tatsächlich einen Mann bewusstlos am
Boden liegen.» Ein 18-Jähriger stürzte
von der Terrasse des zweiten Stocks
und zog sich schwerste Verletzungen
zu. Gleichzeitig wurden im Innenhof
des Spitals Mulden in Brand gesetzt.
«Für uns war klar, dass wir das Ganze
beenden und alle wegschicken müssen.
Wir konnten die Situation nicht mehr
kontrollieren.» Mit einem Megafon
wurde den 3000 Leuten das Ende der
illegalen Party bekannt gegeben. So
schnell, wie sich das Areal füllte, so
schnell leerte es sich auch wieder.
Christian ist «sehr betroffen», dass
es an einem Anlass, den er mitorganisiert hatte, einen Schwerverletzten gab.
Er bereut es aber nicht, involviert gewesen zu sein. «Ich würde es nochmals
machen. Es wäre alles gut gegangen,
nur leider fehlte die Selbstbeherrschung einiger Leute.» Für ihn ist klar,
dass bei künftigen Besetzungen nicht
mehr so viele Leute mobilisiert werden
dürfen. Die Staatsanwaltschaft geht von
einem Schaden von 150 000 Franken
aus. Dem widerspricht Christian: «Es
stellte sich heraus, dass die Medizingeräte doch noch brauchbar waren. Man
musste den Schaden auf 20 000 Franken herunterkorrigieren. Und wie sich
dieser Betrag zusammensetzt, konnte
mir noch niemand erklären. Das ist
reine Propaganda.» Webcode: @amdag
Anzeigen
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TagesWoche 52
15
30. Dezember 2011
Rückblick
Heimat für die Ewigkeit –
auch nach 20 Jahren Pause
Hansruedi und Doris Suter sind untypische Gärtner – aber
treue. Wie 22 400 andere Basler stimmten sie für den Erhalt der
Familiengärten. Von Martina Rutschmann
keine haben. Ein Garten war ein Stück
Heimat für die Ewigkeit.
Mai 2011. Die Basler stimmen über
die Familiengarten-Inititative und den
Gegenvorschlag dazu ab. Hansruedi
Suter verfolgt die Debatte in den Medien. Er will den Gegnern der Initiative
nicht so recht abnehmen, dass sie
Wohnraum für Menschen mit niedrigem Einkommen schaffen wollen und
stimmt Ja für den Gegenvorschlag und
damit für den Erhalt der meisten Gärten. «Für viele Familien wäre es
schlimm, würde man ihnen den Garten
wegnehmen. Sie haben einen grossen
Teil ihres Lebens dort verbracht.» Ganz
im Gegensatz zu seiner Frau und ihm.
Die Kinder waren
gross, die Wohnung
blieb klein. Zeit für
ein Stück Freiheit.
Früher waren reine Rasenflächen in Familiengärten verboten. Heute dürfen Hansruedi
Fotos: Cedric Christopher Merkli
und Doris Suter hier ganz legal Sonnenblumen anpflanzen.
S
-p-i-n-a-t. In gut sichtbaren
Buchstaben hatte er die Samenkörner
ausgelegt. Und so wuchs er dann auch,
der Spinat. Jeder konnte lesen, um welches Gemüse es sich in diesem Beet
handelte. Vierzig Jahre ist das nun her.
Spinat pflanzen Hansruedi (77) und
Doris Suter (76) inzwischen keinen
mehr an. Im Garten aber, da sind sie
immer noch gern. Oder besser: wieder.
Das Paar ist der Beweis, dass
«Schrebergärtner» entgegen dem Klischee keine Spiesser sein müssen. Und
dass ein Garten ohne Schweizerfahne
auskommen kann. Und und und. Aber
alles der Reihe nach. Es begann 1972.
Stadtentwicklung als Fremdwort
Auf dem Feld neben dem Familiengarten-Areal Bruderholz in Binningen an
der Grenze zu Basel standen Dutzende
Kirschbäume. Die vier Kinder von Do-
TagesWoche 52
ris und Hansruedi Suter waren keine
Babys mehr, zum Teil schon Teenager.
Die Wohnung aber, die blieb klein. Es
war Zeit für ein Stück Freiheit. Die Familie übernahm einen Schrebergarten
und die Verantwortung für das Beizli
und den Verkauf von Dünger, Bast und
anderem Gartenbedarf auf dem Areal.
Das Wort Stadtentwicklung gab es
noch nicht. Vielleicht sprachen Architekten im stillen Kämmerlein davon.
Schrebergärtner aber hatten mit Stadtentwicklung nichts am Hut. Warum
auch? Verdichtetes Wohnen war kein
Thema. Als Hochhaus galt ein Gebäude, das die Nachbarshäuser überragte.
Pächter von Familiengärten mussten
nicht um ihr Stück Freiheit bangen. Sie
mussten es richtig bewirtschaften, mit
genügend Gemüse und ohne Rasen; sie
hatten sich an die Regeln des Vereins
zu halten. Angst, dass ihr Garten Neubauten weichen muss, mussten sie aber
1986 wandern Doris und Hansruedi
Suter nach Italien aus. Von ihrer Wohnung aus sehen sie Olivenbäume und
Felder. Aus Altersgründen kommen sie
2004 zurück in die Schweiz. Hier ist
die Wohnung wieder klein. Und die Natur fern. Doris Suter verbringt viel Zeit
bei einer Freundin im Familiengarten.
Sehnsüchtig schaut sie zu ihrem ehemaligen Garten gegenüber. «Ich wollte
wieder einen pachten, aber nicht irgendeinen – sondern wieder diesen.»
Diagonal angeordnete Blumen
Als ob das so einfach wäre. Neulich
starb der älteste Gärtner auf dem Areal. Er pflegte sein Gärtchen seit 1959.
Die meisten Familiengärtner geben ihr
Pachtland nur ab, wenn es gute Gründe
gibt. Als das Ehepaar Suter im Süden
lebte, bewirtschaftete ein Maurer ihren
ehemaligen Garten. Er baute einen
Brunnen, eine Aussenküche, vollendete das Holzhaus, das Doris und Hansruedi Suter einst selber gebaut hatten.
Da sass sie also und bewunderte das
Stück Land, das sie einmal pflegte. Beobachtete, wie ehemalige Gemüsegärtner Blumen pflanzen, weil Gemüse im
Laden heute günstiger ist als im Eigenanbau. Und wie die Gärtner Dünger
anschleppen. Sah zu, wie Migrantenfamilien einziehen und ebenfalls Schweizerfahnen hissen. Wie Fertighäuser
angeliefert werden und ihr ehemaliges
Für viele Gärtner stimmt das: «Wer einen
Garten hat, hat alles, was er braucht.»
Haus herausragt. Und wünschte sich
ihren Garten zurück. Dann passierte
das kleine Wunder: Der Pächter gab
den Garten ab. Das Ehepaar Suter bewarb sich und bekam zurück, was es
zwanzig Jahre zuvor verlassen hatte.
Wo früher Kirschbäume blühten,
weiden Kühe auf einem baumlosen
Feld. Es fliegen mehr Flugzeuge über
das Areal. Sonst ist vieles, wie es war.
Im Winter gehen Suters kaum in den
Garten, im Sommer umso mehr. Sie
feiern ihre Geburtstage hier, die ihrer
Kinder und Enkel. Für das Clubbeizli
sind andere Pächter verantwortlich.
Doris und Hansruedi haben die Zeiten
hinter sich, in denen sie sackweise
Würste für Salat in den Garten trugen.
Im Sommer fällt ihr Platz wieder aus
der Reihe. Die Sonnenblumen sind diagonal angeordnet. Für den entsprechenden Schriftzug hätte das Rasenstück
aber kaum gereicht. Webcode: @amdah
16
JUNI
Der Festival-Flop
zu St. Jakob
Basel war nach langer Zeit wieder
Schauplatz eines grossen Rock-Festivals
– und die Veranstalter danach konkurs.
Von Marc Krebs
Alice Cooper zündete am Sonisphere ein Schockrock-Spektakel. Aus Sicht einiger
Besucher waren auch andere Aspekte des Festivals ein kleiner Horror. Foto: Dominik Plüss
M
an hätte sich so gerne ein
Heavy-Metal-Happening mit Happy
End gewünscht. Ein Musikfest, das
Basel wieder unübersehbar auf die
Open-Air-Landkarte der Schweiz gesetzt hätte. So wie in den 80er- und
90er-Jahren, als die grössten Popstars
auf ihren Welttourneen im Joggeli Halt
machten: U2, AC/DC, Michael Jackson
oder Pink Floyd.
Die grösste Konzertagentur der
Schweiz, Good News, hatte diese jeweils nach Basel gebracht. Bis, ja, bis
diese 2004 nach dem Konzert des altehrwürdigen Duos Simon & Garfunkel
eine Rechnung für das Polizeiaufgebot
erhielt, die vermuten liess, dass BaselStadt von einem Hochrisiko-Konzert,
einem Aufmarsch von Folkmusic-Hooligans ausgegangen war: 56 000 Franken.
Ein zweiter Anlauf
Good News erachtete dies als unverhältnismässig, ging bis vor Bundesgericht, verlor den Fall – und kehrte dem
St.-Jakob-Park fortan den Rücken. Auf
einmal musste man für ein FreiluftKonzert von U2 nach Zürich und für eines von AC/DC nach Bern pilgern.
So wurde es in den Sommermonaten ruhig im Grenzbereich zwischen
Basel, Muttenz und Münchenstein. Die
Mauern des Fussballstadions wurden
fast ausschliesslich von den Schlacht-
Die beliebte Website kino.to wird
vom Netz genommen und mehrere der Betreiber werden verhaftet.
TagesWoche 52
rufen der Fussball-Fans erschüttert.
Dass es, abgesehen vom charmanten
Kulturfloss, still geworden war um die
einst stolze Open-Air-Stadt Basel, entging auch den Behörden nicht. Weshalb sie die Konzertagentur Free & Virgin mit offenen Armen empfingen, als
diese einen neuen Standort für das
Sonisphere Festival suchte.
Dieses fand 2010 erstmals in der
Schweiz statt, im sanktgallischen
Jonschwil, wo es eine grosse Schlammspur hinterlassen hatte. Das Gelände:
ein Sumpf. Der Goodwill bei der Gemeinde: verspielt.
Immerhin war der Publikumsaufmarsch zufriedenstellend gewesen, die
Headliner Metallica hatten rund
50 000 Besucher angelockt. Das erhoff-
Das Sonisphere
Festival blieb hinter
den Erwartungen
zurück.
te man sich auch von der zweiten Ausgabe, bei der die Äxte nun auf zwei Basler Bühnen geschwungen werden
sollten: im Fussballstadion und in der
St. Jakobshalle. Alte Grössen wie Iron
Maiden oder Alice Cooper standen
gross auf der Affiche, aber auch Vertreter des Nu-Metal, wie zum Beispiel
Slipknot.
Das Schweizer Model Angela
Martini sorgt mit einem «Untenohne-Fauxpas» für Aufsehen.
Stolz präsentierten Free & Virgin,
das Standortmarketing und die Betreiber der Sportanlagen ihr gemeinsames
Vorhaben und stellten in Aussicht, dass
man dieses Festival jährlich nach Basel
bringen wolle.
Doch der Vorverkauf lief harzig. In
Fan-Foren war zu lesen, dass der Preis
für das Programm mit 160 Franken
hoch angesetzt sei. Im Frühjahr 2011
schraubte Free & Virgin die Erwartungen herunter: Statt im St.-Jakob-Park
sollten die grössten Bands nun im
Leichtathletik-Stadion auftreten. Wer
ein Sitzplatzticket erworben hatte,
würde mit Getränkebons für die Umstellung entschädigt.
Der Eröffnungsabend, zu dem rund
9000 Besucher angereist waren, offenbarte organisatorische Mängel: Der
Campingplatz war rasch überfüllt,
zahlreiche Metal-Fans richteten sich
auf eine Übernachtung in den Rabatten ein. Die Schlange vor dem Eingang
zur Halle war lang, die Verpflegungsstände geschlossen, die Sicherheitsvorkehrungen wiesen Lücken auf. «Satte
Sets, dürftiges Drumherum», titelte
die «Basler Zeitung» tags darauf.
Ein schaler Nachgeschmack
Am Freitag meldeten sich lärmempfindliche Anwohner, am Ende blieben
Organisation
und
Publikumsaufmarsch hinter den Erwartungen zu-
Das Metal-Festival Sonisphere
im St.-Jakob-Stadion wird zum
grossen Flop.
rück. War Free & Virgin ursprünglich
mal von einer Kapazität von 45 000 Besuchern ausgegangen, so zählte man
nur 21 000 Eintritte. Der Flop hatte
weitreichende Konsequenzen: Viele
Rechnungen blieben unbezahlt. Im
Herbst meldete Free & Virgin, eine
GmbH mit Sitz in Zürich, Konkurs an.
Für einen schalen Nachgeschmack
sorgte die Tatsache, dass die beiden
Gesellschafter fast gleichzeitig eine
neue Konzertagentur gründeten.
Von einem Reinfall mag das offizielle Basel nicht sprechen, auch wenn Michel Loris-Melikoff, Geschäftsführer
der St. Jakobshalle, Verbesserungspotenzial ortet. «Es ist nun mal viel einfacher, auf einer Wiese ein Festivalgelände zu errichten als in der Agglomeration
einer Stadt, in einem Leichtathletikstadion und einer Eventhalle», sagt er.
Ob 2012 wieder ein Sonisphere Festival in der Schweiz stattfinden wird,
ist fraglich. Gerüchten zufolge soll sich
die Agentur Good News für die Lizenz
interessieren und Standorte in der
Westschweiz prüfen.
Ein zweites Festival, das 2011 erstmals in Basel stattfand, hält der Stadt
die Treue: Mit «Summer Stage» brachte die lokale Agentur Act Entertainment im August Sinéad O’Connor und
die Söhne Mannheims auf die Kunsti
Margarethen. Es soll 2012 erneut stattfinden. Allerdings an einem neuen
Standort. Webcode: @amcwe
Ende Juni findet das Tennisturnier in Wimbledon statt. Roger
Federer scheitert im Viertelfinal.
Am 15. Juni kommt es zu einer
totalen Mondfinsternis, der
längsten seit zehn Jahren.
17
Bildstoff: Bilder erzählen keine Geschichten. Sie lösen sie nur im Kopf des Betrachters
aus. Die TagesWoche hat zum Jahreswechsel ihre Fotografen gebeten, die bemerkenswertesten – nicht unbedingt besten – Fotografien des Jahres vorzustellen. Webcode: @aemmi
Pascal Mora: Kabul, 23. September 2011. Ein Mann ruht sich nach der Beerdigung des ehemaligen Präsidenten Burhanuddin Rabbani
auf dem Wazir-Akbar-Khan-Hügel aus. Rabbani war von einem Selbstmordattentäter getötet worden.
Nadja Frey: Keine gute Aussicht für den einsamen chinesischen Take-Away-Verkäufer in Irishtown in Dublin, der sich angesichts des
schleichenden Geschäftsgangs am 13. Februar 2011 seiner Lektüre widmet.
TagesWoche 52
18
Basile Bornand: Beim sogenannten Location-Scouting entdeckte der Fotograf die Picknicker direkt unter der brummenden
Hochspannungsleitung. Der Hund der Sommerfrischler schlug ihn in die Flucht, bevor er mit den Leuten reden konnte.
TagesWoche 52
19
Cedric Merkli: «Bambi», ein persönliches Geschenk, überblickt das Atelier des
Fotografen und ist ihm Motivation und Inspiration zugleich. Inzwischen hat das
Porzellan-Rehkitz auch Eingang ins eine oder andere Shooting gefunden.
Stefan Bohrer: Dieselbe Lockerheit wie auf dem Platz versprühte FCB-Jungtalent
Xherdan Shaqiri beim Fotoshooting mit dem TagesWoche-Fotografen, der sein
schelmisches Lächeln einfangen wollte.
Nils Fisch: Ein Mann tanzt allein in einem Park in Guangzhou, China. Vor allem ältere Menschen jenseits des Pensionsalters von 55
sind tagsüber in den Parks anzutreffen.
TagesWoche 52
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Fabian Biasio: Liquidator Vilia Prokopov mit seiner Frau Anna in Slawutitsch, Ukraine. Propokov wurde bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl schwer verstrahlt.
Michael Würtenberg: Fischer am Tschad-See bringen am 7. Februar 2011 ihren Fang ans Land.
TagesWoche 52
21
Mara Truog: Acht Freunde, acht verschiedene Vorspeisen, Hauptgänge und Desserts, viel Alkohol, aber kein Sex: Inspiriert vom Klassiker «La Grande Bouffe» inszenierten Truog
und Grafikerin Sabina Albanese im November 2011 ein grosses Fressen. Die dabei entstandenen Collagen sind Zeugnis wohlkalkulierter Dekadenz und sind – als Postkarten-Serie
– auch bestens dazu geeignet, die eigenen Freunde zum ausgedehnten Völlern einzuladen.
Claude Giger: Spalentorwegfest, Zmorge, Plastik-Kuh.
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Hans-Jörg Walter: Mein liebstes Bild aus dem Jahr 2011 – es muss nichts
umsetzen, kommunizieren, abbilden oder abstrahieren – just smile!
Moritz Hager: Jamie (l.) und Carlos aus Los Angeles am 13. Juli 2011 im Whirlpool auf dem
Kreuzfahrtschiff Nieuw Amsterdam während einer Gay Cruise im Mittelmeer von Rom nach Livorno,
Marseille, Barcelona.
TagesWoche 52
23
J U LI
Als die norwegische Polizei am 22. Juli auf Utoya eintrifft, sind bereits 68 Menschen tot. Ein Boot birgt am nächsten Tag die Opfer und bringt sie ans Ufer.
Vom 2. bis 24. Juli findet die 98.
Tour de France statt. Es gewinnt
Cadel Evans aus Australien.
TagesWoche 52
23. Juli: Die britische Sängerin
Amy Winehouse stribt 27-jährig
an einer Alkoholvergiftung.
Der Norweger Anders Breivik
tötet am 22. Juli mit Anschlägen
in Oslo und Utoya 77 Menschen.
Prinz Albert von Monaco heiratet Anfang Juli die Schwimmerin Charlène Wittstock.
Foto: Stefan Bohrer
Das Ende Juni lancierte soziale
Netzwerk Google+ ist vor allem
in Onlinemedien ein Thema.
24
30. Dezember 2011
Rückblick
Gefangen auf
der Insel
Emma Martinovic hat das Massaker auf Utoya überlebt. Sie
konnte fliehen und hat es doch nie weggeschafft.
Von Renato Beck
E
mma Martinovic hat Angst vor
Silvester. Sie fürchtet den Neujahrsabend, wenn Schlussstriche gezogen
werden und gute Vorsätze gefasst. Vergangenheit und Zukunft haben sich bei
ihr untrennbar ineinander verhängt.
Ein schweres Bündel, das an ihr zieht.
Wie nasse Kleider am Körper beim
Schwimmen.
Neujahr will sie also so begehen:
«Ich will mich bei meiner Familie verkriechen und den ganzen Tag verschlafen.» Mit Tabletten, ohne findet sie keine Ruhe. Ohne kommt «der Bastard»,
wie sie ihn nennt, sobald sie die Augen
schliesst.
Sie hört ihn rufen: «Ihr werdet hier
nicht wegkommen!» Der Bastard steht
auf dem Felsen, er trägt eine Polizeiuniform, hat blonde Haare, eine weisse
Haut. Sie sieht die Polizeimütze, sie
sieht seine Waffe. Er scheint in ihre
Richtung zu schauen und zu sehen, wie
sie davonschwimmt. Er legt an. «Poof,
einer vor mir wird erschossen, ich sehe
das Blut heraustreten, ich schwimme
schneller. Ich lege mich auf den Rücken
und sehe, wie er auf die schiesst, die
sich im Wasser verstecken. Ich sehe die
Panik, ich will an Land zurück und alle
ins Wasser stossen. Ich schreie
‹schwimmt oder rennt!›, aber der Lärm
ist zu gross. Ein Helikopter über uns
und der Bastard, der schiesst.»
Therapie Blogschreiben
Die Geschichte ihrer Flucht von der
Insel Utoya lässt Emma Martinovic
nicht mehr los. Sie versucht, sie wegzuschreiben, in einem Blog, den sie
bereits am zweiten Tag nach dem
Massaker angefangen hat. Insgesamt
15 Überlebende von Utoya haben solche
Blogs eingerichtet. Die meisten meiden
das Persönliche, schreiben über Politik, über die sozialdemokratische also,
die Anders Behring Breivik am 22. Juli
erledigen wollte zur Verwirklichung
TagesWoche 52
seiner rechtsradikalen Fantasien, als er
erst im Regierungsviertel von Oslo
eine Autobombe zündete und danach
nach Utoya übersetzte und gesamthaft
77 Menschen tötete. Emma Martinovic
schreibt vor allem über sich und die
Wunden, die Breivik in ihre Seele geschlagen hat.
Vom Jugoslawienkrieg geflohen
Martinovic ist gerade 19 Jahre alt geworden, sie lebt in Kristiansand, einer
Stadt in Südnorwegen mit 80 000 Einwohnern. Auf einer kleinen Polizeiwache im Dorf Sogne lässt sie sich zur Polizistin ausbilden. Mit 12 ist sie der
Sie schreibt über
die Wunden, die
Breivik in ihre Seele
geschlagen hat.
Jugendorganisation der regierenden
Arbeiterpartei beigetreten, dieser starken, stolzen Partei, die seit 60 Jahren
die Politik Norwegens bestimmt. «Ich
wollte mich immer für die Gesellschaft
einsetzen, deshalb bin ich so früh in
die Politik gegangen», sagt Martinovic.
Bereits ihr Vater war Politiker, allerdings noch in Sarajevo, wo sie zur Welt
gekommen ist. Während des Jugoslawienkriegs flüchtete die Familie aus
Bosnien nach Norwegen.
Man kann Martinovic auf Videos
der Arbeiterpartei sehen, wie sie an einem Parteitag im Frühjahr spricht,
sich verhaspelt und den Tritt wiederfindet. Man kann sich die Alten der
Partei in der ersten Reihe denken, wie
sie erleichtert und ein bisschen stolz
auf die junge Frau blicken, die wie viele
Nachwuchsleute der Sozialdemokraten
aus einer Migrantenfamilie stammt
und für den Erfolg der norwegischen
Integrationspolitik steht.
Utoya war das Sommerfest der Partei. Eine Insel im Tyrifjord, die aus der
Luft ausschaut wie ein Herz. Wo sich
die Partei Jahr für Jahr erneuerte und
die Blutbahnen aus dem ganzem Land
zusammenliefen, die Alten ihr Wissen
weitergaben und die Jungen sich in
Workshops die Zukunft erdachten. Wie
wichtig Utoya ist, zeigt sich daran, dass
Premierminister Jens Stoltenberg seit
seinem 14. Lebensjahr jeden Sommer
dort war.
Wie war es auf der Insel? «Es war
eine unbeschreibliche Freude», sagt
Martinovic. Utoya war ein Lagerfeuer,
an dem einer die Gitarre auspackte und
bis vier Uhr morgens gesungen wurde,
ein Weg im Wald, den sie Liebespfad
getauft haben, weil dort die Teenager
ihre grosse Lagerliebe fanden. Und
jetzt ist Utoya ein Grab, unendlich tief
und dunkel.
Die Arbeiterpartei will auch in Zukunft ihr Sommerlager auf Utoya
abhalten. Sie will sich die Insel zurückholen. Mehr als das Leben von 77 Menschen will sie Breivik nicht überlassen.
Genauso wie Stoltenberg nach den Anschlägen gesagt hat, die Norweger würden sich ihre Toleranz nicht kaputt machen lassen und dass die Gesellschaft
offen bleiben würde.
Nicht zurechnungsfähig
Dazu passt, dass zwei gerichtliche Gutachter Breivik für nicht zurechnungsfähig erklärt haben, weil er bei seinem
Massaker aus einem Zustand der
psychotischen Schizophrenie heraus
gehandelt haben soll. An dem Tag,
so sahen es viele Beobachter, hat die
offene Gesellschaft Norwegen sich ihres Eindringlings entledigt.
Für Emma Martinovic war das ein
schrecklicher Tag. «Ich war enttäuscht
und wütend», sagt sie. Seither versuche
sie, nicht mehr daran zu denken. Die
Vorstellung, dass Breivik nicht die vol-
25
30. Dezember 2011
Rückblick
le Verantwortung tragen muss für seine Taten, ist ihr unerträglich. Mit einem Freund ist sie durchgegangen, mit
welchen Foltermethoden sie ihn quälen
würde. Sie hat überlegt, ob die Todesstrafe für ihn angemessen wäre, aber
den Gedanken wieder verworfen, weil
das heissen würde, ein Stück ihrer
Werte aufzugeben. Sie sagt, sie habe in
ihrem Leben noch nie zuvor gehasst.
Jetzt wird Breivik der Prozess gemacht. Martinovic will im Gerichtssaal
dabei sein. Als Zeugin oder als Beobachterin. Sie will Breivik gegenüberstehen, wenn er keine Waffe und Uniform
trägt und verletzlich und unsicher ist.
Leser wundern sich
Breivik hat ihr viel genommen. Einmal
schrieb ein Leser auf ihrem Blog, er
habe sie in Kristiansand im McDonald’s
gesehen und den Eindruck gehabt, sie
sei aggressiv und verhärtet. «Leider hat
sich meine Persönlichkeit verändert»,
sagt sie dazu, fünf Monate nach Utoya.
«Ich registriere jede Bewegung der
Leute und jedes Geräusch. Ich bin misstrauisch. Ich fürchte mich. Ich weine,
ohne zu verstehen warum. Ich weine,
wenn es am wenigsten angebracht ist.
Es gibt Leute auf meinem Blog, die fragen, warum ich so wütend dreinschaue.
Ich will mich nicht verteidigen müssen,
warum ich wütend dreinschaue. Manche Leute sollten verstehen, dass sich
eine Person verändert, wenn sie ihre
Freunde hat sterben sehen.»
Andere (Norweger) schreiben ihr, ob
es nicht an der Zeit sei, über Utoya hinweg zu kommen. Geschehen sein lassen, was geschehen ist. Von den anderen Überlebenden würde man auch
nicht mehr so viel hören.
Es gibt selbst solche, die Breivik in
Schutz nehmen. Die behaupten dann,
dass Breivik auch zum Opfer geworden
sei. Mehrfach sogar. Von Migranten in
seiner Jugend. Martinovic antwortet
«Ich fürchte mich.
Ich weine, ohne zu
verstehen warum.»
Emma Martinovic
auch darauf: «Ich muss in den sauren
Apfel beissen und ihnen höflich zurückschreiben. Obwohl ich weinen will
und sie anschreien, sie mögen doch zur
Hölle fahren. Aber ich stelle meine Gefühle zurück und antworte mit Fakten
und Wissen.»
Die Öffentlichkeit ist manchmal unbegreiflich bösartig. Martinovic stellt
sich ihr, weil ihr das helfen soll. Sie bittet darum, ihr Fragen zu stellen, die sie
sich nicht stellen würde. So will sie das
Trauma überwinden, das dem von
Kriegsversehrten entspricht, wie ihr
die Psychologen attestiert haben.
schliesslich ein Boot, das sie aufnimmt
und ans Ufer bringt.
Wie soll sie das hinter sich lassen, an
was für eine Zukunft kann sie denken?
Es ist die einzige Frage in unserem Interview, die sie unbeantwortet lässt.
Hoffnung Heimat
Emma Martinovic (19) lässt sich zur
Polizistin ausbilden. Foto: Tore Andre Aardsen
Es ist ein weiter Weg, von dem sie
immer wieder abgebracht wird. Ein
platzender Ballon, der Schrei eines
Kindes im Spiel, und die Bilder sind
wieder da, erzählt sie. Dann denkt sie
an die Freunde, die vor ihren Augen
hingerichtet worden sind. Sie sieht den
Helikopter über ihr, der nicht von der
Polizei ist, sondern vom norwegischen
Fernsehen, das die Kamera voll auf sie
richtet. Sie sieht sich schwimmen im
eiskalten Wasser. Sie sieht das Blut, das
aus einer Einschusswunde am linken
Arm läuft. Sie schwimmt immer weiter
weg von der Insel, vom Chaos, von den
Schreien. Hinter ihr ist kaum mehr jemand. Sie sieht einen kleinen Jungen
im Wasser. Er schaut sie an: «Mein Vater ist tot.» – «Du darfst nicht zurückblicken», sagt sie. Sie sieht eine Freundin, die kaum mehr kann. Sie nimmt
ihren Arm über ihre Schulter und
schleppt sie mit. Zu dritt erreichen sie
Vielleicht kann das Heimatland eine
Antwort geben. Es hat ihr Briefe geschickt und Bilder und Blumen. Vor allem aber ist es zusammengerückt. «Ich
bin so stolz!», sagt Emma Martinovic.
«Die norwegische Nation ist stärker als
je zuvor. Ich war so stolz, als nach dem
Anschlag all die Leute in Oslo zusammenkamen und alles voller wunderschöner Rosen war. Und ich bin immer
noch stolz, wenn ich sehe, wie die Menschen in diesem Land miteinander umgehen, ungeachtet der Parteizugehörigkeit, des Geschlechts, der Religion, der
Sexualität, der Hautfarbe.»
Norwegen habe sich verändert.
Trotz – nicht wegen Breivik. Als sich
unlängst ein Mitglied der rechtspopulistischen Fremskrittspartiet über
die Opferrolle der Sozialdemokraten
beklagte, ging ein Aufschrei durch das
Land.
Emma Martinovic schliesst mit einem Satz, der vielleicht der schönste
und aussergewöhnlichste ist: «Norwegen hat am 22. Juli mehr Liebe als Hass
gezeigt.» Webcode: @amdze
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TagesWoche 52
26
AUGU ST
Steve Jobs beherrschte
die Kunst, mit Neuauflagen
Innovation zu machen.
Von Peter Sennhauser
A
ls «Revolutionär der Computerindustrie», Visionär mit Zukunftsblick,
genialer Erfinder und mehr wurde
Apple-Chef Steve Jobs nach seinem
Rücktritt im August und nach seinem
Tod im Oktober gepriesen.
Die Superlative sind durchaus angebracht. Bloss sind es meist die falschen.
Jobs’ Genie bestand nicht darin, sich
eine Zukunft auszudenken, Technologien zu «erfinden» und neue Anwendungsmöglichkeiten zu lancieren. Es
bestand darin, das Gegenteil zu tun.
Jobs war ein Revolutionär im wahrsten Sinne des Wortes: Er blickte in die
Vergangenheit und griff alte Ideen auf.
Er beseitigte überflüssige Möglichkeiten und verhalf so Vorhandenem zum
Durchbruch. Und er machte aus dem
Resultat ein Gesamterlebnis für den
Anwender.
Das ist deshalb genial, weil es den
Grundsätzen der Trend- und Innovationsforschung entspricht und ein Erfolgsrezept befolgt, das den technokratischen Geeks im Silicon Valley
abgeht: Sie denken nicht an das Erlebnis der Anwender, Design interessiert
sie nicht, und bevor sie eine technische
Anwendung fertig entwickelt haben,
stürzen sie sich bereits auf die nächste.
Sie betreiben Grundlagenforschung,
aber von Marketing haben sie keinen
Schimmer.
Innovation ist, was ankommt
Innovation, heisst eine Marketinggrundregel, ist nicht, was Ingenieure
erfinden (egal, wie grossartig es ist),
sondern ausschliesslich, was die Leute
annehmen. Eine «Erfindung» wird zur
Der Hurrikan Irene hält die Ostküste der USA in Atem, Teile
New Yorks werden evakuiert.
TagesWoche 52
tung wie alle im Silicon Valley: Er wollte die leistungsfähigste, modernste
Computerplattform bauen, die es je gegeben hatte – und scheiterte an der
Überforderung der Nutzer.
Es ist alles schon mal da gewesen
Apple-Gründer Steve Jobs erfand das Rad immer wieder neu.
«Innovation», wenn sie vom Mainstream akzeptiert wird. Wie schwierig
es deshalb ist, Innovation zu schaffen,
zeigen unzählige trotz Systemen wie
dem Technologie-Akzeptanz-Modell
(TAM) gescheiterte Erfindungen.
Sollte Steve Jobs seiner in den Biografien kolportierten Verachtung für
Marktforschung nachgelebt und regelmässig allein bestimmt haben, was den
Anwendern gefallen wird, dann beruhte das wohl auf der banalen Erkenntnis, dass Menschen mit technischer
Vielfalt schnell überfordert sind. Wahlmöglichkeiten gelten zwar als Freiheit,
aber Psychologen haben längst ent-
In London kommt es zu heftigen
Ausschreitungen, die als London
Riots bekannt werden.
Foto: Keystone
deckt, dass zu viele Alternativen Menschen unglücklich machen.
Steve Jobs hat dies in den AppleProdukten und in der Firmenkultur
umgesetzt: Er war die bestimmende
Instanz, und entsprechend kohärent
waren die Geräte seiner Firma. Der
Verzicht auf Optionen war nie ein Kompromiss, sondern immer strategisches
Kalkül. Und das war spürbar.
Die erfolgreiche Reduktionsstrategie war auch kein Talent, das Jobs in
die Wiege gelegt worden war. Nach seinem Rauswurf bei Apple 1985 strebte
er mit NeXT und dem Geld des Texaners Ross Perrot in die gleiche Rich-
Steve Jobs tritt am 24. August
krankheitsgeschwächt als CEO
von Apple zurück.
Aber im Blick zurück liegt ein weiterer
Schlüssel zur Innovation. Paul Saffo,
Trendforscher und Stanford-Professor,
erklärt seine Vorhersage-Trefferquote
mit dem Blick in die Vergangenheit.
«Jede Technologie, die sich durchsetzt,
ist bereits einmal am Markt aufgetaucht und gescheitert.» Der Zeitraum?
Rund zwanzig Jahre, Tendenz sinkend.
Dem iPhone (2007) ging Handsprings Visor voraus (1998), dem iPad
(2010) der glücklose Newton von Apple
(1987). Die iCloud (2011) hat einen Vorläufer in Microsofts debakulöser
«Net»-Strategie (2000), und selbst
SIRI, die intelligente Spracherkennung, ist Enkelin einer Reihe von Projekten für «digitale Assistenten».
Steve Jobs hat mit jedem Produkt
für Innovation gesorgt, indem er ein altes neu aufgelegt, seine wesentlichen
Funktionen verbessert und die überflüssigen weggelassen hat. Sein Genie
bestand darin, bestehende Technologie
nutzerfreundlich, schön und kompromisslos zu machen. Und darin, das alles – «boom!» – an den Keynotes als
Neuerfindung zu verkaufen.
Das grösste Phänomen rund um
Steve Jobs besteht darin, dass sich im
Silicon Valley und der Welt bis jetzt
kein einziger Mensch gefunden hat, der
den Mut hat, sein Rezept zu kopieren.
Webcode: @amcwf
Libyens Machthaber Gaddhafi,
der mit internationalem Haftbefehl gesucht wird, taucht unter.
Der Schweizer DJ Energy stirbt
in der Nacht nach der Street Parade aus ungeklärten Gründen.
27
SE PTE M B E R
Nationalbank steckt
in der Zwickmühle
Im Spätsommer wurde der Franken so stark wie noch nie und drohte die Schweiz in
eine Rezession zu treiben. Am 6. September zog die Nationalbank die Notbremse –
und soll nun sogar nachlegen. Dabei kann sie nur Fehler machen. Von Gerd Löhrer
A
m 6. September verkündete die
Schweizer Nationalbank (SNB), sie
werde den Euro-Kurs nicht mehr unter
die Marke von 1.20 Franken sinken lassen. Dieses Ziel wolle sie, so bekräftigte SNB-Präsident Philipp Hildebrand,
«mit aller Konsequenz» verfolgen; sie
sei bereit, zu diesem Zweck «unbeschränkt» Devisen zu kaufen. Seither
bewegt sich der Euro-Kurs dauerhaft
zwischen Fr. 1.20 und Fr. 1.26.
Dies war ein währungspolitisch historisches Ereignis. Letztmals hatte die
Nationalbank solches vor 33 Jahren
unternommen, als sie den Mindestkurs
für die Deutsche Mark mit 80 Rappen
bezifferte.
Das Los des sicheren Hafens
In beiden Fällen war die Nationalbank
damit erfolgreich. 1978 startete der
DM-Kurs auf über 90 Rappen durch –
allerdings mit einer unerwünschten
Nebenwirkung: Die Teuerung zog an.
Das ist nach der ak tuellen Intervention
noch nicht eingetreten. Es kann aber
noch kommen.
Wie stark die Teuerung anzieht,
hängt davon ab, wie viele Devisen die
Nationalbank tatsächlich vom Finanzmarkt wegkaufen muss, um den Kurs
zu stützen. Je mehr neue Franken in
Umlauf gesetzt werden, desto grösser
wird das Inflationsrisiko – in der Folge
UBS muss bekannt geben, dass
einer ihrer Banker in London
über 2 Milliarden verzockt hat.
TagesWoche 52
Roger Federer scheidet in einem
dramatischen Spiel an den USOpen gegen Novak Djokovic aus.
der 1978er-Intervention stieg die Teuerungsrate auf über sieben Prozent.
In beiden Fällen handelt es sich um
eine Notbremse. Der immer stärker
werdende Franken drohte und droht
das Wachstum abzuwürgen. Was für
Der immer stärker
werdende Franken
würgt das
Wachstum ab.
die Schweizer Konsumenten im kleinen Grenzverkehr ein Segen ist, ist für
die exportorientierte Schweizer Wirtschaft – inklusive des Tourismus – ein
Albtraum. Ein vernünftiger Wechselkurs, bei dem die Preise auf beiden Seiten der Grenze für die gleiche Ware
etwa gleich wären (Kaufkraftparität),
läge wohl irgendwo zwischen Fr. 1.40
und Fr. 1.50. Mit dem Mindestkurs der
Nationalbank sind die Produkte von
Schweizer Unternehmen im Ausland
immer noch um rund 20 Prozent teurer als jene ihrer Konkurrenten.
Kein Wunder, fordern Firmen, Wirtschaftsverbände, aber auch Gewerkschaften und Politiker von links bis
rechts, dass die SNB den Mindestkurs
weiter anhebt: Die Wünsche reichen
von Fr. 1.25 bis Fr. 1.40 pro Euro. Bislang sperrt sich die SNB gegen dieses
Die Euro-Krise zwingt die
Schweizer Nationalbank dazu,
den Franken abzuschwächen.
Ansinnen. Noch schätzt sie das Inflationsrisiko als gravierender ein als jenes
einer lang anhaltenden Rezession, verbunden mit steigender Arbeitslosigkeit.
Das ist alles andere als ein neues
Problem. Der immer mal wieder zu
starke Franken beschäftigt die Schweizer Wirtschaft seit vielen Jahrzehnten.
Ältere Mitbürger erinnern sich: Ein
Dollar kostete einst Fr. 4.32, ein britisches Pfund über zehn Franken, ein
Euro … nun ja, den gab es 1971/72 noch
nicht. Das war in der Zeit fester Wechselkurse. 1973 brach dieses System
auseinander, weil die Amerikaner ihre
Zahlungsbilanz- und Schuldenprobleme «lösten», indem sie den Rest der
Welt mit Dollars fluteten. Bis den Notenbanken, allen voran der schweizerischen, der Kragen platzte und sie sich
schlicht weigerten, weiterhin Dollars
entgegenzunehmen. Seither sind die
Wechselkurse flexibel. Dollar und
Pfund befanden sich vorübergehend
im freien Fall. Zu den stärksten Währungen zählte seither der Franken. Bis
der Euro kam.
Währungskraftprotz Euro
Der wurde im Januar 1999 virtuell, im
Januar 2002 auch in Form von Noten
und Münzen eingeführt, und war zunächst ebenfalls ein Währungskraftprotz, sogar gegenüber dem Franken.
Der FC Sion wird wegen
Lizenzverstössen aus der Europa
League ausgeschlossen.
Alina Buschacher wird zur
Miss Schweiz gekrönt und
löst Kerstin Cook ab.
28
30. Dezember 2011
Rückblick
Artwork: Hans-Jörg Walter
2007 kostete 1 Euro Fr. 1.68. In dieser
Zeit und bis ins Jahr 2009 profitierte
die Schweizer Wirtschaft von einem
tendenziell unterbewerteten Franken.
Das heisst: Schweizer Exporte in
den Euro-Raum waren im Vergleich zu
den Konkurrenten eher zu billig. Der
Schweizer Exportboom im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends beruht
also zum Teil auf den gleichen Währungsmechanismen wie die heutige
Exportflaute – nur mit umgekehrten
Vorzeichen. Das sollte man bei allem
Jammern über den zu teuren Franken
nicht ganz aus dem Auge verlieren: Vor
knapp vier Jahren war der Franken für
die Konkurrenten im Euro-Raum noch
«zu billig».
Dennoch: Die Schweizer Nationalbank steht vor einer unmöglichen
Wahl. Soll sie sich weiterhin wie in der
Franken-Hausse 1978 verhalten und
den Mindestkurs in Richtung Kaufkraftparität erhöhen? Oder soll sie wie
in der Franken-Hausse 1995 aus Angst
vor der drohenden Inflation nichts
mehr unternehmen und dafür wie damals eine Rezession riskieren?
Die Schweiz ist zu erfolgreich
«Wir könnten den Fehler von 1978 wiederholen – oder den Fehler von 1995»,
TagesWoche 52
sagt der Zürcher Banken-Professor
Urs Birchler in einem Aufsatz in der
«Zeit», der unter dem Titel «Fluch des
Segens» kurz vor dem absoluten
Höchststand des Frankens gegenüber
dem Euro (Fr. 1.007, am 9. August)
publiziert wurde.
Die Nationalbanker
sind immer
schuld – egal, was
sie entscheiden.
Der Titel trifft das eigentliche, das
strukturelle Problem sehr genau. Die
Schweiz ist zu erfolgreich: Das stabile
politische System, in dem die föderalen Strukturen für die Bodenhaftung
der Politiker sorgen, das Bewusstsein,
dass Minderheiten gebührend zu berücksichtigen sind, die sozusagen bäuerliche Erfahrung, dass man nur
ernten kann, was man zuvor gesät hat,
die Mentalität des braven Bürgers,
nicht mehr auszugeben, als man eingenommen hat, die Zuversicht, dass
die Mitbürger auch so denken, man
sich also auf Abmachungen verlassen
kann – das sind die Bausteine, aus
denen die Erfolgsstory der Schweiz
besteht. Dem Land geht es wirtschaftlich gut, weil seine Bürger fleissig,
sparsam und zuverlässig sind. Das ist
ein Segen.
Der Fluch ist, dass das nur die halbe
Wahrheit ist. Die gleichen Faktoren,
vor allem die Zuverlässigkeit und die
Rechtssicherheit, machen neben einigen Steuervorteilen die Schweiz auch
für Ausländer attraktiv – und bei
jedem Umsturz und jeder Krise irgendwo auf der Welt zum sicheren Hafen für
ihre Vermögen.
Das bringt der Schweiz günstiges
Geld, unter anderem für die Finanzierung des Wohlfahrtsstaats. Aber es
treibt eben auch den Frankenkurs in
die Höhe – zuweilen bis zur Schmerzgrenze, ab der das wirtschaftliche
Wachstum gefährdet wird.
Das Los des sicheren Hafens
Aus der Zwickmühle, in der sich die
Nationalbank befindet, gibt es fast kein
Entrinnen. Schliesslich sitzt die
Schweiz, um abermals ein Bild von Urs
Birchler zu zitieren, währungsmässig
im gleichen Boot wie der Elefant USA
und der Stier Europa. Wenn der Elefant unruhig wird oder der Stier verrückt spielt, dann wackelt das Boot und
droht zu kentern. Da hilft weder ein
Elefantendompteur noch ein Torero.
Dagegen ist kein Kraut gewachsen,
schon gar kein schweizerisches.
Dennoch muss die Nationalbank gerade in solchen Situationen handeln. Das
Problem ist nur: Wenn die grossen
Währungen ins Trudeln geraten, wird
der sichere Hafen immer häufiger angesteuert. Der Franken-Kurs steigt
und steigt – völlig losgelöst von den
realen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Heute sind die USA das höchst
verschuldete Land der Welt (die Probleme Griechenlands sind im Vergleich
dazu «peanuts»), grosse europäische
Länder wanken und mit ihnen der
Euro. Unter diesen Umständen kann
die Nationalbank den Währungsdampfer Schweiz nicht einmal mehr dann
auf dem richtigen Kurs halten, wenn
sie wirklich wüsste, wo der durchgeht.
Wahrlich, die Schweizer Nationalbank und ihre Lenker sind nicht zu
beneiden. In Zeiten grosser und wachsender Unsicherheit müssen sie über
Massnahmen entscheiden, die unser
aller Wohlergehen in den nächsten
paar Jahren beeinflussen. Was immer
die Nationalbanker entscheiden, kann
sich als Fehler herausstellen. Nur
eines ist ganz sicher: Sie werden schuld
sein – woran auch immer.
Webcode: @alrnl
29
OK TO B E R
Aufstieg
und Fall
Erleben wir tatsächlich das Ende der Ära
Christoph Blocher?
Von Urs Buess und Philipp Loser
D
as eidgenössische Wahljahr
kommt im Frühling auf Touren und endet jeweils mit den Bundesratswahlen
im Dezember. Höhepunkt sind die Nationalratswahlen im Oktober. Wie in
den vergangenen 20 Jahren dominierte
die SVP auch in diesem Jahr die Debatten, aber weniger stark als auch schon.
Die Wählereinbussen der Schweizerischen Volkspartei, die in diesem Oktober resultierten, sind mit 2,3 Prozent
zwar gering – wenn aber eine Partei
zwei Jahrzehnte lang regelmässig zulegt und neue Höchstwerte anstrebt
und prophezeit, dann sind mehr als
zwei Prozent Verlust schon fast ein Absturz. Oder gepflegter ausgedrückt:
eine Trendwende.
Was nun?
Wird die SVP nun wieder zu einer ganz
normalen Partei, die sie schon einmal
war, bevor Christoph Blocher die Zügel
der Zürcher Kantonalpartei in die Hände nahm und zum Siegeszug in der
ganzen Schweiz durchstartete? Stark
wird sie weiterhin bleiben, die SVP,
doch wenn «Parteiführer Blocher», wie
ihn Fraktionschef Caspar Baader auch
schon genannt hat, an Einfluss verlieren sollte, dürften Flügelkämpfe zwischen Gemässigten und Hardlinern die
Partei weiterhin schwächen.
Dass Blocher die SVP geprägt und
gestaltet hat wie kaum je ein anderer
Politiker dies in der Schweiz mit irgendeiner Partei getan hat, ist unbestritten. Sein Macht- und Geltungs-
Das neue iPhone 4S wird am
4. Oktober vorgestellt. Grosser
Abwesender: Steve Jobs. Denn:
TagesWoche 52
drang gepaart mit Intelligenz und
Schlauheit zeichnen ihn aus. Und waren entscheidend für den Aufstieg der
SVP zur stärksten Partei der Schweiz,
der parallel zu Blochers Entwicklung
zur umstrittensten politischen Figur
des Landes verlief.
Dem Start in die politische Karriere
ging die geschäftliche voran. Blocher
rühmt sich, ein guter Unternehmer zu
sein. Zu seinem Reichtum kam er aber
vor allem, indem er es verstand, andere
über den Tisch zu ziehen – wie es der
«Tages-Anzeiger» Ende Dezember
schön nachzeichnete. Blocher sicherte
sich so die Millionen, die er einsetzte,
um seiner Partei und seiner Politik zur
grosser Publizität zu verhelfen (etwa
mit dem Versand von Propagandamaterial an alle Schweizer Haushalte).
Politisch startete er national mit einer Niederlage, als er 1985 das neue
Eherecht an vorderster Front bekämpfte. Aufsehen erregte Blocher drei Jahre
Er sah sich als
unfehlbarer Hüter
der echten
Schweizer Werte.
später: Er bodigte zur Überraschung
vieler Bürgerlicher das AKW Kaiseraugst. Was politisch nur unter grössten
Kollateralschäden durchzubringen sei,
so seine Ansicht, würde zu teuer. Lieber
ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
Am 5. Oktober erliegt AppleGründer Steve Jobs 56-jährig
seiner Krebserkrankung.
Nicht kleinzukriegen:
Christoph Blocher,
der ewige Missionar,
nach der
Bundesratswahl 2011.
Foto: Keystone
Man konnte Blochers Ansichten teilen oder nicht, sein unbedingtes Engagement war ihm nicht abzusprechen.
Und Originalität auch nicht. Wie ein
Lausbub freute er sich, als er im militärischen Rang eines Obersten Anfang
der 90er-Jahre sein Regiment auf der
Zürcher Sechseläutenwiese abgab. Verbotenerweise hatte er das Ritual im
Zentrum Zürichs angesetzt, um die
etablierten Kreise zu ärgern. Als die
Polizei kam, war das Regiment schon
auf und davon.
Die Mission
Die Etablierten ärgern, die «Classe politique» verunglimpfen – das war ihm
neben seinem Engagement für konservative Werte sein vorderstes Anliegen.
Mit seinem Einsatz gegen den Beitritt
der Schweiz in den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) wich das Engagement der Mission. Christoph Blocher
Bei den Nationalratswahlen in
der Schweiz geht die «Neue Mitte» als Siegerin hervor.
gewann die wohl umkämpfteste Abstimmung der letzten 50 Jahre knapp,
hatte sich dabei nicht nur mit der
Mehrheit seiner verhassten «Classe politique» überworfen, sondern auch mit
der wirtschaftlichen Elite.
Umso leidenschaftlicher sein Kampf
gegen alles Fremde, Unschweizerische, er sah sich als unfehlbarer Hüter
der echten Schweizer Werte, eroberte
Anhängerinnen und Anhänger in
Kantonen und Talschaften, die noch
nie ein SVP-Plakat gesehen hatten. Als
Bürgerlicher hätte er eigentlich in der
SP und bei den Grünen seine Hauptgegner sehen sollen, in der Realität
aber schwächte er tatkräftig die anderen bürgerlichen Parteien. Sein
Wille, die Schweiz fernzuhalten von
fremden Mächten, Richtern und dergleichen, wurde zur Obsession. Wer
blind mit ihm ging, wurde getragen.
Wer querdachte, fallen gelassen. Die
Partei funktioniere wie eine Bruder-
Muammar al-Gaddhafi wird von
Oppositionellen bei Sirte gefunden und getötet.
Der italienische Motorradfahrer
Andrea Simoncelli verunglückt
beim GP von Malaysia tödlich.
30
30. Dezember 2011
Rückblick
Abwahl von Christoph Blocher aus dem
Bundesrat im Jahr 2007 lässt sich aber
erst heute ermessen, im Dezember des
Jahres 2011.
Ein einziges Ziel
schaft, sagt eine Insiderin. Als eine
der Ersten hat das die Zürcher SVPNationalrätin Lisbeth Fehr erlebt. Am
Anfang noch Liebkind von Blocher,
geriet sie in Ungnade, als sie europapolitisch eigene Ansichten zu vertreten begann. Sie erhielt 2003 keinen
Platz mehr auf der Zürcher Nationalratsliste. Einer der prominentesten
Abweichler dürfte der ehemalige Bundesrat Samuel Schmid sein, der sich
nicht in Blochers Mission einspannen
liess.
Aber die «Bruderschaft» wuchs
dennoch. Und wuchs. Sammelte Unterschriften für Initiativen und Referenden, sammelte Anhänger. Die Partei
bekam einen «Auftrag» – nämlich den
Sonderfall Schweiz zu bewahren – und
sie schuf und definierte ein «Gedankengut». Das SVP-Gedankengut. Der
Kult um Christoph Blocher schien
2003 zu kulminieren, als seine Partei
zum weiteren und vorletzten Mal eine
Rekordsumme von Wählerstimmen
einfuhr und er in den Bundesrat gewählt wurde. Doch Blocher sollte sich
noch steigern. Vor vier Jahren zog die
Partei mit «SVP wählen, Blocher stärken» in die Wahlen, gewann sie wieder
und verlor sie irgendwie dennoch.
Was danach geschah, wurde schon
in ungezählten Varianten erzählt und
beschrieben. Das wahre Ausmass der
Die vergangenen vier Jahre waren
durchtränkt von nur einem Gedanken:
die Schmach von damals zu rächen.
Auch wenn Blocher nach seinem Abgang aus Bern gegen aussen schnell
wieder den Anschein erweckte, ganz
der Alte zu sein, herumpolterte und
schwadronierte, scherzte und stichelte,
so hat ihn die Abwahl doch in seinem
Tiefsten getroffen. Es war die eigentlich logische Reaktion des «Establishments», den Ausgrenzer in einer konzertierten Aktion selber auszugrenzen;
Blocher und mit ihm die ganze SVP
hatten mit einer derartigen Reaktion
auf ihren Erfolg rechnen müssen. Und
dennoch traf es die Führungsriege im
Mark. Es ist das Kennzeichen jeder
Mission, dass ihre Anhänger mit aller
Macht an ihre Botschaft glauben und
nicht verstehen können, wenn diese bei
Andersdenkenden nicht ankommt.
Wenn diese sich dann sogar erdreisten,
etwas gegen die verkündete Heilsbotschaft zu unternehmen, dann begreifen die Missionare gar nichts mehr. Die
Reaktion darauf ist Ignoranz.
Das ist der Grund, warum sich die
SVP im Wahljahr 2011 auf alte Kräfte
konzentrierte – und damit glorios
scheiterte. Die Wahlen 2011 waren der
Versuch der Partei, den Erfolg von
2007 mit den exakt gleichen Mitteln zu
kopieren. Die Konzentration auf wenige Führungsfiguren, der «Sturm aufs
Stöckli», die Fixierung bei den Bundesratswahlen auf den einen Sitz von Eveline Widmer-Schlumpf: Alles war bei
diesen Wahlen auf die Wiederherstellung der alten Ordnung ausgerichtet.
Und alles nahm ein Ende am Abend
des 23. Oktobers. In einem der vielen
dunklen Gänge des Medienzentrums
des Schweizer Fernsehens stieg Christoph Blocher auf ein Podest, umringt
von mindestens zwanzig Journalisten,
und versuchte, die Niederlage seiner
Partei, seine Niederlage, in einen Sieg
umzudeuten. Seit diesem 23. Oktober
macht Blocher nichts anderes mehr.
Der schwache zweite Wahlgang bei den
Ständeratswahlen, die Erbschaftsaffäre von Bruno Zuppiger, die wirre Wahlstrategie während den Bundesratswahlen, die lauten und manchmal
ausfälligen Interviews des «Chefstrategen» in den Wochen nach der Wahl –
alles Signale eines von den Medien und
einer SVP-fremden Öffentlichkeit gierig herbeigesehnten Abstiegs des Patriarchen.
Passend dazu war sein aufgeflogenes Engagement bei der BaZ. Es ist
kein Problem, wenn ein rechtsgerichteter Politiker eine Zeitung besitzt. Ein
Problem ist es, wenn dieser rechtsgerichtete Politiker nicht den Mut hat,
das der Öffentlichkeit mitzuteilen.
Jene Mitglieder der Bruderschaft, die
vier Jahre lang Eveline WidmerSchlumpf eine Verräterin und Lügne-
Die Wahlen 2011
waren der Versuch,
den Erfolg von 2007
zu kopieren.
rin geschumpfen haben, verklären heute die Vernebelungstaktik von Blocher
bei der BaZ als «notwendiger Schutz
der Privatsphäre».
Zu schnell
Aber. Und dieses Aber ist ein gewichtiges. Sind wir vielleicht zu schnell? Sagt
die vielbeschriebene Saga des «Endes
einer Ära» nicht mehr über den
Wunsch der Öffentlichkeit links der
SVP aus, die Partei möge in der Bedeutungslosigkeit versinken, als über die
wahren Verhältnisse? Die Partei hat
zwar nur einen Bundesrat, hat zwar bei
den Wahlen verloren, aber sie ist weiterhin die stärkste Kraft im Land. Sie
hat die Kraft, mit Referenden und Initiativen Abstimmungen zu gewinnen,
sie befindet sich in der «Halb-Opposition» – ihrer liebsten Position – und sie
hat einen Blocher an der Spitze, der die
Ereignisse der vergangenen Monate
seltsam zuversichtlich überstanden
hat. Vielleicht ist die meistbeschriebenste Karriere der Schweiz eben doch
nicht zu Ende. Webcode: @amcwg
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TagesWoche 52
31
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NOVE M B E R
«Ich habe nie von
Zensur gesprochen»
Der Basler Regierungspräsident Guy Morin über Ärger mit den
Medien, seine Gesundheit und seine Wahlkampfstrategie für 2012.
Interview: Yen Duong und Remo Leupin, Fotos: Stefan Bohrer
W
enige Tage vor seiner Tumoroperation Mitte Dezember empfängt
uns ein gut gelaunter und optimistisch
gestimmter Guy Morin zum Gespräch.
Thema ist der bewegte Monat November, in dem die Basler Regierung mehrmals in die Schlagzeilen geriet.
Mitte November war dem Basler
Regierungspräsidenten der Kragen
geplatzt. Auf seiner Facebook-Seite
kritisierte Morin die lokalen Medien
scharf und forderte die Chefredaktoren
auf, journalistischen Verstössen künftig mit einem «Qualitätszirkel» vorzubeugen. Grund für Morins Ärger: «Telebasel» hatte Regierungsrat Hans-Peter
Wessels in einer kompromittierenden
Pose blossgestellt. Der Baudirektor
hatte nach einem Interview über den
U-Abo-Streit beim Herumalbern mit
dem «Telebasel»-Journalisten kurz die
Zunge herausgestreckt – nicht ahnend,
dass der Journalist diese Szene nachträglich in seinen Bericht einbauen
würde. Die «Basler Zeitung» wiederum
nutzte den journalistische Fauxpas des
Lokal-TV für eine Generalabrechnung
mit Hans-Peter Wessels.
Nur wenige Tage später wurde erneut über die Qualität der Medien debattiert, nachdem Sicherheitsdirektor
Hanspeter Gass mitgeteilt hatte, dass
er bei der Gesamterneuerungswahl
2012 nicht mehr antreten werde. Gass
war im Zusammenhang mit den Vandalenakten auf der Voltamatte von den
lokalen Medien zum Teil harsch angegriffen worden. Nach Gass’ Rücktrittsankündigung machte der Vorwurf der
«Medienhetze» in Basler Politikerkreisen die Runde.
TagesWoche 52
33
30. Dezember 2011
Rückblick
Guy Morin: «Ich glaube,
dass ich ein relativ
offenes Verhältnis
zu den Medienschaffenden habe.»
Herr Morin, Sie forderten kürzlich auf Facebook einen «Qualitätszirkel» für Medien. Sind Sie so
unzufrieden mit den Medien?
Nein, im Allgemeinen nicht. Aber
diverse Berichterstattungen hinterliessen bei mir den Eindruck, dass die
Medien ihre Sorgfaltspflicht nicht
immer wahrnehmen. Gerade bei HansPeter Wessels: «Telebasel» hat seine
Mimik mit der Zunge in einen redaktionellen Zusammenhang gestellt. Das
finde ich sehr heikel. Ich spüre, dass
die Medien stark unter Druck sind. Das
führt wohl auch dazu, dass die Sorgfalt
zuweilen darunter leidet. Ich wollte
mich mit diesem Facebook-Eintrag
hinter meinen Kollegen stellen und diese Idee einfach mal ins Spiel bringen.
Eine Idee, die nach Zensur klingt.
Ich habe nie von Zensur gesprochen,
sondern von Qualitätssicherung. Es
liegt nicht an Politikern, zu sagen, was
die Medien zu tun haben. Aber Medienschaffende erwarten von uns ja
Roger Federer gewinnt zum
Saisonende die Turniere in Basel,
Paris-Bercy und London.
TagesWoche 52
auch Sorgfalt in der Kommunikation.
Es ist deshalb nicht zu viel verlangt,
wenn auch wir das einfordern.
Gebracht hat Ihr Vorstoss nichts.
Das finde ich nicht. Der Qualitätszirkel
hat auf Facebook und auch bei den
Medienschaffenden für Diskussionen
gesorgt. Genau das wollte ich damit
erreichen. Mehr war nicht angedacht.
Vielleicht haben Sie den Qualitätszirkel ja ins Spiel gebracht, weil
Sie selber oft kritisiert werden
und eine dünne Haut haben?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe in letzter Zeit eher den Eindruck, dass die
Medien sehr wohlwollend und
sachlich mit mir umgehen.
Was für ein Verhältnis haben
Sie eigentlich zu den Medien?
Ich glaube, dass ich ein relativ offenes
Verhältnis zu den Medienschaffenden
habe. Ich spreche das aus, was ich
denke – ohne irgendeine versteckte
Der tschetschenische XamaxPräsident Bulat Chagaev hat
offenbar Geldprobleme.
Agenda. In den sieben Jahren als
Regierungsrat hatte ich nur zweimal
das Gefühl, dass ich falsch dargestellt
und missverstanden wurde. Ich habe
dann auch dagegen interveniert. Sonst
mach ich das nie. Und ich glaube auch,
dass ich relativ grosszügig beim
Gegenlesen von Interviews bin.
Kommen wir auf die BaZ zu sprechen: Vor Kurzem wurde bekannt,
dass Christoph Blocher tatsächlich seine Finger im Spiel hat und
der Tessiner Finanzier Tito Tettamanti wieder das Sagen hat. Die
BaZ ist für Sie als Grüner bestimmt in falschen Händen.
Die Basler Regierung hat Transparenz
gefordert, die haben wir jetzt. Nun
können die Leserinnen und Leser
eigenständig entscheiden. Wichtig ist,
dass die redaktionelle Unabhängigkeit
gewahrt bleibt. Und mir ist es wichtig,
dass es in der Region eine Medienvielfalt gibt. Für Basel ist es wichtig, dass
wir eigenständige Medien haben, die
Die Wirren um die «Basler Zeitung» und Blochers Einfluss interessieren in der ganzen Schweiz.
auch südlich des Juras wahrgenommen werden.
Hans-Peter Wessels hat die BaZ
gekündigt, weil er mit deren Ausrichtung unzufrieden ist. Haben
Sie sie auch abbestellt?
Nein. Ich will und muss mich auch mit
Beiträgen auseinandersetzen, die nicht
meiner Meinung entsprechen. So lese
ich auch die «Weltwoche». Ich lese allgemein sehr viele Zeitungen: neben der
BaZ auch «20 Minuten», die «Basellandschaftliche Zeitung» oder den «Blick».
Sie scheinen als Regierungspräsident viel Zeit zu haben.
(lacht) Mit der Zeit weiss man, was
man alles überspringen kann.
Apropos Präsidium: Die Bürgerlichen werden nicht nur den Sitz
von Hanspeter Gass verteidigen,
sondern auch Ihnen den Sitz
streitig machen. Nervt Sie das?
Nein.
Teeniestar Justin Bieber veröffentlicht am 4. November sein
Weihnachtsalbum.
Silvio Berlusconi tritt am
12. November als Ministerpräsident Italiens zurück.
34
30. Dezember 2011
Rückblick
«Für Basel
ist es wichtig,
dass wir
eigenständige
Medien haben,
die auch
südlich des Juras
wahrgenommen
werden.»
Und wenn es so wäre, würden Sie
es nicht zugeben.
Im Ernst: Ich habe keine Angst. Es ist
gut, wenn das Amt eine Ausstrahlung
hat. Es ist das erste Mal, dass die Bürgerlichen das Präsidium als erstrebenswert erachten. Vor drei Jahren wollte
keiner gegen mich antreten. Jetzt
schon. Das zeigt doch, dass ich eine
wichtige Funktion habe. Das spüre ich
auch in der Bevölkerung: Man schätzt
meine Funktion. Ich stelle mich dem
Wettbewerb gern und bin zuversichtlich, dass ich es nochmals schaffe.
Sie und Ihr Departement werden
im kommenden Wahljahr bissige
Kritik zu hören bekommen.
Das gehört im Wahlkampf zum Spiel.
Es ist logisch, dass SVP und FDP mich
angreifen – sie müssen ja! Aber die
Wähler sind sehr sensibel und entscheiden sofort, ob die Kritik berechtigt oder nur rein parteipolitisch ist.
Bei Ihnen wurde vor Kurzem
ein Tumor diagnostiziert …
Dürfen wir Sie danach fragen
und mögen Sie antworten?
Ja, das ist schon in Ordnung. Der
Tumor wurde in einem frühen Stadium entdeckt, bei einer Vorsorgeuntersuchung. Ich hatte also keine
Symptome. Die Ärzte haben mir
gesagt, dass der Tumor mit einem einmaligen chirurgischen Eingriff ent-
fernt werden kann und die Chancen
sehr gross sind, dass ich dann geheilt
bin. Ich gehe mal davon aus, dass es so
ist. 100 Prozent sicher ist man natürlich nie. Aber ich glaube, dass ich demnächst wieder gesund bin und wieder
normal arbeiten kann. Und wenn es
das Schicksal anders will, muss ich
weiterschauen. Es ist eine mühsame
Sache. Aber jeder Mensch muss mit
Krankheiten umgehen können. Klar
hätte ich es mir anders gewünscht.
Was werden Sie unternehmen,
um Ihren Sitz zu verteidigen?
Ich werde einfach meinen Job gut
machen. Und ich werde weiterhin
authentisch, aufrichtig und sorgfältig
sein. Das ist der beste Wahlkampf.
Werden Sie wieder eine Stilberaterin anstellen?
Die hatte ich ja schon! (lacht laut)
Wie finden Sie die Vorstellung,
dass FDP-Gewerbedirektor Peter
Malama demnächst mit Ihnen in
der Regierung sitzen könnte?
Das entscheiden die Wählerinnen und
Wähler. Ich habe in den letzten Jahren
einige Wechsel in der Regierung
mitbekommen. Wenn jemand Neues
kommt, muss er sich halt einfügen.
Wichtig ist, dass wir immer geschlossen als Gremium auftreten, auch wenn
wir in der Regierung viel streiten. Ich
sehe es als Regierungspräsident auch
als meine Aufgabe, die Geschlossenheit herzustellen.
Falls es mit dem Regierungspräsidium nicht mehr klappen
sollte, können Sie doch Sicherheitsdirektor werden.
(schweigt lange) Davon gehe ich nicht
aus. Ich kandidiere für das Präsidium.
Glauben Sie Hanspeter Gass,
dass er nie im Sinn hatte, mehr
als zwei Legislaturperioden im
Amt zu bleiben und nicht die zum
Teil harsche Kritik der Medien an
seiner Person Grund für seine
Rücktrittsankündigung ist?
Er hat mir in einem persönlichen
Gespräch sehr glaubhaft dargelegt,
dass dies schon immer sein Plan war
und sein Rücktritt nichts mit den
Medienberichten rund um die Villa
Rosenau und die Voltamatte zu tun
hat. Selbstkritisch kann ich sagen:
Wir als Regierung hätten diese Sache
professioneller angehen müssen.
Inwiefern?
Bei den Sachbeschädigungen rund um
den Voltaplatz hätten wir besser kommunizieren müssen. Das heisst, wir
hätten schneller hinstehen und sagen
sollen, was Sache ist. Das war nicht der
Fall, deshalb ist es zu Verunsicherungen gekommen. Unsere Botschaft war
von Anfang an nicht klar und geschlossen. Es gab ein Schwarzpeter-Spiel
zwischen der Polizei und den politisch
Verantwortlichen. Das finde ich heikel.
So etwas darf nicht passieren. Bei der
Kommunikation haben wir noch ein
wenig Optimierungsbedarf.
Und was haben Sie dagegen
unternommen?
Wir haben Gespräche mit der Polizei
und mit dem Medienverantwortlichen
der Polizei geführt. Es ist klar, solche
Ereignisse wie am Voltaplatz lasssen
sich nie vermeiden, aber wir können
als Regierung klare Botschaften bringen. Wir müssen nach solchen Ereignissen mit einer Stimme reden.
Was war das beste Erlebnis
für Sie im Jahr 2011?
Unsere Bevölkerungsbefragung. Die
Leute fühlen sich in Basel wohl. Der
Anteil von Leuten, die sich gerne bis
sehr gerne in Basel aufhalten, hat sich
gegenüber 2007 nochmals auf 98 Prozent gesteigert. Auf diesen Wert können wir sehr stolz sein.
Das war jetzt ein sehr fachliche
Antwort. Etwas persönlicher?
Die vielen Kontakte mit der Bevölkerung, die ich hatte.
Und was ist Ihr Ziel für das
kommende Jahr?
Ganz klar: Wieder gesund werden!
Und dann möchte ich mich natürlich
voller Elan für die Bevölkerung und
die Region einsetzen. Es gibt viel zu
tun für diesen Kanton. Darauf freue
ich mich. Webcode: @alrnk
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TagesWoche 52
35
DEZ E M B E R
Halte durch, Basel,
halte durch!
Das 2:1 des FC Basel gegen Manchester United – eine Nacht, in der nicht nur
Sporthistorie geschrieben wurde. Von Christoph Kieslich
Da die Daten von Google mit
einigen Tagen Verzögerung
publiziert werden, standen bei
Redaktionsschluss die Kurven
nur bis am 19. Dezember fest.
Der Sturm Joachim fegt über die
Schweiz. Die Schäden sind weniger schlimm als befürchtet.
TagesWoche 52
Die 5. Staffel der deutschen
Fernsehsendung «Das Supertalent» geht zu Ende.
Der FC Basel schlägt Manchester United und zieht ins Achtelfinale der Champions League ein.
Bundesratswahlen in der
Schweiz. Die SVP bemüht sich
erfolglos um einen zweiten Sitz.
Eine Enthüllung der «Weltwoche»
zwingt SVP-Bundesratskandidat
Bruno Zuppiger zum Rückzug.
36
30. Dezember 2011
Rückblick
P
iers Morgan muss man nicht auf
Anhieb sympathisch finden. Als junger
Mann hat er sich beim Revolverblatt
«The Sun» verdingt, mit 28 Jahren war
er der jüngste Chefredakteur von «News
of the World», dem grössten Revolverblatt überhaupt. Aber Piers Morgan ist
Fan des FC Basel, zumindest für eine
kurze Weile am 7. Dezember, so um die
Mittagszeit in den USA.
Man könnte auch sagen: Piers Morgan hat es doch noch zu etwas gebracht. Im Januar hat der 46-jährige
Engländer auf CNN den Sendeplatz des
berühmtesten Fragestellers mit Hosenträgern, Larry King, übernommen.
Also ist Morgan an diesem 7. Dezember
in der Anflugschneise auf Chicago quasi auf dem Weg zur Arbeit. «Boom! Was
für ein Kerl. Marco Streller – jetzt mein
liebster Spieler auf der ganzen Welt»,
lässt Morgan seine Follower auf Twitter
wissen, als es ein paar Zeitzonen weiter
östlich im St.-Jakob-Park bei Manchester United einschlägt.
Streller. Der Captain des FC Basel,
über den sich die Fussball-Schweiz in
diesem Herbst so wundert, von dem
die Zeitungen schwärmen, den sie
plötzlich als besten Streller aller Zeiten
entdecken. Man fragt sich: Wo haben
die Leute die letzten zweieinhalb Jahre
hingeschaut? So lange schon geniesst
Basel nämlich diesen Streller in der
Post-Gross-Ära. Und Volleyabnahmen
mit einem gesegneten linken Fuss.
Gegen 20.55 Uhr MEZ stösst das
Wort «Streller» unter über 100 Millionen Microbloggern weltweit in die
Top Ten vor. Dort hält Twitter die
grössten Zuwachsraten einzelner Begriffe für einen Moment fest.
Für Piers Morgan aus dem kleinen
Dörfchen Newick in Sussex, unweit der
Kanalküste, ist es der Zeitpunkt, seine
ganze herzliche Abscheu für alles, was
aus Manchester kommt, auszuleben.
«Bleibt gelassen», wendet er sich maliziös an die Fans der United unter seinen immerhin 1,6 Millionen Followern,
«es ist ja nicht so, dass ich euch nicht
gewarnt hätte.»
Mit einem Grossen angelegt
Was für ein Kerl! Marco
Streller trifft am 7. Dezember
2011 gegen 20.55 Uhr zum 1:0
gegen Manchester United
und schafft es für einen
kurzen Moment in die Top
Ten bei Twitter. Foto: freshfocus
TagesWoche 52
Nun kann man nur schwer abschätzen,
ob Piers Morgan auch nur eine ungefähre Ahnung davon hat, was sich
7000 Kilometer entfernt von ihm abspielte. Dass sich da eine kleine, aber
leidenschaftliche Fussballstadt mit einem Hochkaräter anlegt. Dass schon
mit dem 3:3 zehn Wochen zuvor im Old
Trafford etwas geschafft worden war,
was weit über die Biegung des Rheins
hinaus Beachtung fand. Dass sich da
ein Club klug aufgestellt hat und die
Mannschaft von einem Trainer-NoName ebenso geschickt aufgestellt
wird. Für jemanden wie Piers Morgan,
der früher hinter irgendwelchen Prominenten herumspioniert hat und mit
Unappetitlichkeiten Auflage gebolzt
hat, sind das eher Peanuts.
Aber wenn es taugt, um gegen Manchester zu geifern – nun gut. Die Halbzeit in Basel ist schon rum, als Morgan
nach der Landung in Chicago zwitschert: «Minus vier Grad hier. Also ungefähr die Temperatur, die in 40 Minuten in der Kabine von ManU herrschen
wird.» Dass Manchester City gleichzeitig scheitert, passt ihm gut in den Kram.
Dabei kann Morgan keine Vorstellung davon haben, was in Basel vor sich
geht. David hat Goliath getroffen, und
es ist die Phase, in der Manchester dem
Ausgleich ein paar Mal sehr nahe
kommt. Vor einem Publikum, das eine
merkwürdige Kulisse abgibt für das
Spektakel.
Gefangen in der Hoffnung
Im ManU-Sektor tut sich schon lange
nichts mehr, das kennt man inzwischen
von englischen Fans. Die wurden im
Zuge der Enthooliganisierung in den
letzten 20 Jahren einmal rundum ausgetauscht. So, wie es sich jetzt in der
Schweizer Sicherheitsdebatte ein paar
Leute auch vorstellen.
Der Rest im mit 36 000 Zuschauern
vollbesetzten St.-Jakob-Park ist zweigeteilt. Die Muttenzerkurve klingt wie
immer, sie singt unentwegt und damit
auch ein wenig gegen die Furcht vor
Der dicke rote
Strich im Kalender
der Fans des
FC Basel.
dem 1:1 an. Der Grossteil der Leute jedoch scheint wie gebannt. Gefangen in
der Hoffnung, dass dieses grosse Manchester zum richtigen Zeitpunkt in Basel aufgetaucht ist. Dass die winzige
Durststrecke des englischen Rekordmeisters, des Vorjahresfinalisten in
der Champions League, des übergrossen Gegners, sich noch für diesen einen
Europacupabend fortsetzen möge.
In der Hoffnung und Überzeugung
aber auch, dass dieser FC Basel in seiner vielleicht einmaligen Zusammensetzung, mit all den Alten und den Jungen, die aus der Region stammen, mit
seinem über Nacht zum gefeierten
Mann emporgestiegenen Cheftrainer
Heiko Vogel, dass dieser FC Basel auch
bereit ist für eine neue Heldentat.
Es werden viele im Stadion sein, die
auch am 12. November 2002 dabei waren und sich nach dem 3:3 gegen den
FC Liverpool und dem Aufstieg in die
Zwischenrunde der Champions League
einen dicken roten Strich in den Kalender gemacht haben. Mit der Fussnote:
Das war so schön, das kommt so schnell
nicht wieder. Nicht für einen Club aus
der Schweiz.
Es hat ja auch lange genug gedauert,
bis es so weit war. Vergessen geht dabei
manchmal, dass der FCB seit über einem Jahrzehnt ununterbrochen international spielt. Nach einer solchen Bilanz würde sich mancher mit grossem
Namen aus einer grossen Liga die Finger schlecken. Aber die Europa League
finden halt auch in Basel viele schon
nicht mehr sexy genug.
37
30. Dezember 2011
Rückblick
Es muss schon wieder so ein
Showdown wie gegen Manchester
United sein. Und dann sitzen sie
also da, die meisten rotblauen
Fans, und wissen gar nicht mehr
wohin mit ihrer Aufregung. Das
1:0 reicht, aber das nächste Tor für
Manchester lässt den grossen Traum
platzen. Das verdichtet sich im Stadion
zu einer zähneklappernden Atmosphäre mit einem Herzstillstandmoment.
Als Markus Steinhöfer sich mit seinem
Befreiungsversuch an die Lattenunterkante des eigenen Tores so gut wie unsterblich macht im Gedächtnis des
FCB. Und Piers Morgan twittert: «Halte durch, Basel, halte durch!» Ahnt er
doch, dass in Basel gerade Sportgeschichte geschrieben wird?
Der Moment des Finisseurs
Der FC Basel jedenfalls wird belohnt
für seinen Löwenmut, für die grosse
Solidarität auf dem Platz. Xherdan
Shaqiri: grossartig, die Reifeprüfung
für einen jungen Mann mit blendenden
Zukunftsperspektiven. Bereitet das 1:0
vor und auch das 2:0 für Alex Frei. Der
ist in den 83 Minuten zuvor nicht zu sehen, aber immer dann zur Stelle, wenn
es den grossen Finisseur braucht. Den
Stürmer mit der unvergleichlichen
Geste im entscheidenden Augenblick.
«Come on Basel, make my night»,
schreit Piers Morgan per Twitter.
Mit Löwenmut und grosser Solidarität: Alex Frei (oben) und Marco Streller
feiern ein sporthistorisches Ergebnis. Foto: freshfocus
Warum sich Morgan selbst in einem
seiner Bücher als «britisches Grossmaul» bezeichnet? Weil die TV-Plaudertasche, als die United und City endgültig raus sind aus der Champions
League, noch mal richtig zu Hochform
aufläuft. «Weiss jemand, ob es Direktflüge von Chicago nach Manchester
gibt heute Nacht? Habe gehört, da soll
ne riesige Party in der Stadt abgehen ...»
Nun, da hätte er sich besser auf den
Weg nach Basel machen sollen, vielleicht hätte es an Johnny Freemans
Tresen gerade noch so für ein letztes
Bier gereicht – lange genug wird in der
«Bodega zum Strauss» am Barfüsserplatz jedenfalls gefeiert.
Morgan hätte sich viele Male das
Lied anhören dürfen, dass die Fans für
Markus Steinhöfer gefunden haben,
und das Bonmot erzählen lassen können aus einem von fast einer halben
Million Tweets dieser Nacht zum FC Basel: «Sohn: Papi, Barça hat ManU geschlagen! – Vater: Nein, mein Junge, es
war Basel. Sie haben einfach Barças Farben getragen, um ihnen einen Schreck
einzujagen.» Das hätte Piers Morgan gefallen, aber wie es sich für ein Grossmaul gehört, hat er das letzte Wort:
«Morgen allerseits», lästert er Richtung
England, «denkt ihr, die United- und
City-Spieler haben all die jüngsten ‹Wir
müssen raus aus dem Euro›-Schlagzeilen
gelesen – und das schlicht missverstanden?» Webcode: @amdzf
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TagesWoche 52
38
30. Dezember 2011
Dialog
Leserbriefe an
die Redaktion
Heim-Leiter schwindelt mit Doktortitel,
Webcode: ajbaw
Rahmen passende Grossanlässe. Und
da gehören «Orange Cinema», Weihnachtsmarkt und Herbstmesse von uns
aus gerne dazu. Keine Rede davon, dass
die Kirche «den Platz leer haben will».
Lukas Kundert, Münsterpfarrer,
Kirchenratspräsident
Evangelisch-reformierte Kirche
des Kantons Basel-Stadt
Druck statt Motivation
Bereits die Bezeichnung als «Direktor»
für eine operative Leitung von gut
30 Mitarbeitenden machte mich schon
stutzig. Warum hat der Stiftungsrat
der Wegwarte die Hilferufe der Mitarbeitenden nicht wahrgenommen und
früher die Konsequenzen gezogen?
Bekanntlich leiten inkompetente Führungspersonen mit Druck und Repression anstatt mit Motivation und Anleitung, das heisst: mit Professionalität.
Margreth Spöndlin
Kranke Kinder an den Stadtrand
abgeschoben, Webcode: @akhsy
Das Wohl der Kinder
Ob die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik an das Kinderspital
angebaut wird oder doch auf dem
Areal der UPK ein Neubau entsteht, ist
doch egal, die Abgrenzung der sogenannt normalen Leute von den
psychisch angeschlagenen Patienten
geschieht leider trotzdem. Wenn denn
die jetzige Situation mit verschiedenen
stationären Einrichtungen, die überall
in der Stadt verteilt sind, wirklich
besser, aber teurer ist, sollte man diese
teure Lösung so belassen – denn es
geht ums Wohl der jungen Patienten.
Chriss Graf
Heimverantwortliche und Behörden
müssen Warnrufe ernst nehmen – und
handeln, Webcode: ajbax
Gewagte Verbindung
Mir scheint, auch Ihr Titel schwindelt:
Von einer Institution auf das ganze
heikel. Auch die Verbindung der Themen Titelschwindel, schlechte Personalführung, Institution mit sexuellen
Übergriffen ist etwas gewagt. Den Teil
der Anstellung in Baselland, wenn er
sich so zugetragen hat, fand ich hingegen spannend. Peter Ettlin
Korrigenda
Eric Sarasin
Im Artikel «Die Sarasins – Aufstieg
einer Dynastie» (TW 51) hat sich ein
Fehler eingeschlichen: Eric Sarasin
hat sich 2007 nicht aus der Geschäftsleitung der Bank Sarasin zurückgezogen. Er ist nach wie vor in der GL und
zuständig für das Private Banking. Wir
bitten um Entschuldigung für das
Versehen.
Kulturkampf ums Münster,
Webcode: @ajssk
Geschichte geklittert
Der Autor hat seine vorgefasste
Meinung über die Kirche als «Spassbremse» und «Verhinderin» in die neue
Zeitung mitgebracht und lässt jede
Differenzierung ungerührt durch den
Raster seiner Vorurteile fallen. Dazu
kommt, dass in diesem Text in unzulässiger Weise Geschichte geklittert
wird. Wer mit den Vorgängen rund um
die Reformation in Basel vertraut ist,
weiss beispielsweise, dass die gezeigte
Darstellung des gewaltsamen Bildersturms in Bezug auf die damaligen
Vorgänge im Münster eine katholisch
zugespitzte Karikatur ohne Bezug zur
damaligen Realität ist. Zudem wird im
Text – ungeachtet aller gesellschaftlichen, städtebaulichen und politischen
Entwicklungen in den vergangenen
500 Jahren – die Verwendung des
Platzes im 14. Jahrhundert als verbindliches Muster für die heutige Nutzung
postuliert. Wir setzen uns ein für einen
unverstellten Münsterplatz, der offen
bleiben muss für würdige und in den
TagesWoche
1. Jahrgang, Ausgabe Nr. 10
Gerbergasse 30, 4001 Basel
Auflage: 50 932 Exemplare
Abo-Service:
Tel. 061 561 61 61
Fax 061 561 61 00
abo@tageswoche.ch
Redaktion
Tel. 061 561 61 61
redaktion@tageswoche.ch
TagesWoche 52
Leserbrief der Woche
von Christian Vontobel zu «Pratteln öffnet
Zivilschutzanlage für Flüchtlinge, Webcode: @akbtb
Bild verwechselt
Die Gemeinde Pratteln hat ein warmes Herz für Menschen in Not
bewiesen, wo andere Gemeinden die Probleme dieser Welt nicht
wahrhaben wollen. Der Gemeindepräsident hat von seinem
Aufenthalt im Herkunftsgebiet der Flüchtlinge nicht nur deren
Sprache mitgenommen, sondern auch ein Verständnis für die
schwierige Lage einzelner Menschen und Familien in dieser
Region. Er kann deshalb auch besser und glaubwürdiger mit den
Frustrationen und zu grossen Hoffnungen dieser Menschen
umgehen. Das gilt leider nicht für die vielen Touristen, die bloss
ihre Ferien geniessen wollen und nun nicht mehr nach Tunesien
und Ägypten reisen wollen, obwohl die Bürger dieser Länder
einen eigenen Schritt hin zu normalen gesellschaftlichen Zuständen unternommen haben. Weihnachten wäre die passende Zeit,
um über die Suche nach dem wahren Leben nachzudenken!
Verlag
Tel. 061 561 61 61
verlag@tageswoche.ch
Herausgeber
Neue Medien Basel AG
Geschäftsleitung
Tobias Faust
Verlagsassistenz/
Lesermarkt
Martina Berardini
Redaktionsleitung
Urs Buess, Remo Leupin
Redaktionsassistenz
Béatrice Frefel, Esther Staub
Redaktion
David Bauer, Renato Beck,
Yen Duong, Karen N. Gerig,
Tara Hill, Christoph Kieslich,
Matieu Klee,
Marc Krebs, Philipp Loser,
Florian Raz,
Michael Rockenbach,
Martina Rutschmann,
Peter Sennhauser,
Dani Winter, Monika Zech
Bildredaktion
Hans-Jörg Walter,
Michael Würtenberg
Korrektorat
Céline Angehrn, Noëmi Kern,
Martin Stohler, Dominique
Thommen, Andreas Wirz
Im Artikel «Heimleiter schwindelt mit
Doktortitel» (TW 51) veröffentlichten
wir ein Bild des TSM Münchenstein
statt des Übergangsheims Wegwarte –
wir bedauern diesen Fehler.
Hans Rudolf Gysin
Hans Rudolf Gysin musste sich beim
Lesen der TagesWoche gleich zwei Mal
ärgern. In Ausgabe 50 machten wir ihn
zum Direktor der Handelskammer, in
Ausgabe 51 liessen wir ihn als Direktor
der Wirtschaftskammer zu früh abtreten. Dafür entschuldigen wir uns in
aller Form. Zudem legt Gysin Wert auf
die Aussage, dass ihm die Berufsschau
äusserst wichtig sei.
Layout/Grafik
Carla Secci, Petra Geissmann,
Daniel Holliger;
Designentwicklung:
Matthias Last, Manuel Bürger
Anzeigen
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(Leiterin Werbemarkt)
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Die TagesWoche erscheint
täglich online und jeweils am
Freitag als Wochenzeitung.
1 Jahr: CHF 220.–
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sich inkl. 2,5 Prozent Mehrwertsteuer und Versandkosten in der Schweiz.
39
30. Dezember 2011
Dialog
JA
Die Wochendebatte
NEIN
«Vertiefter Blick
ins eigene Innere»
Ben Moore
Professor für Astrophysik
Edith Scherrer
Astrologin in Basel
Foto: NASA Images
«Sterne haben keinen
Einfluss bei der Geburt»
Können Himmelskörper uns beein-
flussen? Ist dieser Einfluss relevant?
Warum ist er es ausgerechnet im Moment der Geburt? Und: Gibt es Beweise dafür?
Jedes Teilchen im Universum wirkt
auf jedes andere Partikel ein, einschliesslich des neuronalen Netzes in
unserem Gehirn und seinen molekularen Komponenten. In dieser Hinsicht
haben die Astrologen also recht.
Sterne und Planeten bestehen vornehmlich aus Wasser- und Sauerstoff,
– den Elementen im Wasser. Nehmen
wir an, ein Vater trinke während der
Geburt seines Kindes ein Bier. Berechnen wir die relative Anziehungskraft
zwischen dem Gehirn des Babys, dem
Bier und den Himmelskörpern, wäre
die Anziehungskraft des Biers dabei
viel stärker als die des nächsten Himmelskörpers – des Mondes. Zum Glück
für das Baby vermag allerdings weder
das Bier noch der Mond auch nur ein
einziges Molekül in seinem Körper zu
verschieben. Der Einfluss der Himmelskörper zum Zeitpunkt der Geburt
ist also vollkommen irrelevant.
Funktioniert Astrologie? Machen
wir den Test! Ich habe mehrere Vorhersagen für einen Tag zusammengesucht. Die erste sagt mir Entwicklungen in der Liebe und eine impulsive
Handlung voraus. Eine zweite besagt,
dass sich an meinem Liebesleben gerade gar nichts ändert. Und eine dritte
warnt mich, ich sollte mich möglichst
nicht nach draussen begeben. Müssten
die Vorhersagen nicht wenigstens ähnlich sein, wenn sie auf einer nachvollziehbaren Theorie beruhen?
In einer Studie mit 2000 Zwillingen, die jeweils mit wenigen Minuten
Abstand geboren wurden, haben die
Geschwister keine der von den Astrologen vorhergesagten Charakteristika
geteilt. Auch grösser angelegte Untersuchungen mit kontrollierten Experimenten und doppelten Blindtests ergaben keine Hinweise, dass astrologische
Einschätzungen zutreffen.
Ich bin überzeugt, dass unsere Persönlichkeit und unser Schicksal ausschliesslich von unseren Genen, der
Erziehung und der Umwelt bestimmt
werden. Und obwohl ich Zwilling bin,
ist meine Haltung diesbezüglich eindeutig.
TagesWoche 52
Astrologie –
nichts weiter
als reiner
Unsinn?
Wenn sich das alte Jahr dem Ende zuneigt, füllen die
Zeitschriften wieder die Seiten mit Prognosen zum bevorstehenden Jahr. Erstellt von alterslosen Frauen, die sich mit
Horoskopen in den Medien goldene Näschen verdienen. Da
liest man dann, was der Welt und einem selbst alles blüht.
Allerdings, so betonen praktizierende Astrologinnen und
Astrologen, nicht so, wie wir es aus den Horoskop-Spalten
kennen. Das sei eher der Unterhaltung zuzuordnen und habe
nur beschränkt mit seriöser Astrologie zu tun. Ein guter Astrologe, sagen sie, sei in der Regel auch psychologisch geschult. Er
zeige auf, welche planetarischen Einfüsse auf einen Menschen
wirken und wie er damit umgehen könne.
Hier sind beide Seiten vertreten: Astrophysiker Ben Moore hält
Astrologie für Unsinn, während die Astrologin Edith Scherrer
sie als alte Wissenschaft verteidigt. Webcode: @alrgq
Ist der Festtagsschmaus ungesunde Völlerei?
Die Wochendebatte vom 23. Dezember:
Das Ergebnis der Abstimmung stand sofort fest. Professor Beda Stadler
hatte so kurz vor den Festtagen leichtes Spiel: Griesgrämigkeit sei schädlicher
als ein bisschen über die Stränge zu schlagen. Aus manchen ihm zustimmenden Wortmeldungen der Leserschaft ist die Ermüdung über ständige Ermahnungen herauszulesen.
Just damit argumentierte Sportmediziner Matteo Rossetto, vergeblich zwar,
aber engagiert. Und nicht ganz von der Hand zu weisen ist sein Hinweis, dass
wir mit dem Appetit von Ahnen ausgestattet sind, die ein völlig anderes Bewegungsmuster aufwiesen. Touché, hatte doch Stadler mit der genetischen Veranlagung der Menschen argumentiert. Trotzdem blieb Rossetto chancenlos
und verlor die Umfrage mit ziemlich genau einem gegen zwei Drittel.
L
ange war die Astrologie gemeinsam
mit der Astronomie eine anerkannte
Wissenschaft. Nach der Aufklärung
wurde sie in den Bereich des Mythischen abgeschoben und ihr die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit abgesprochen. Trotzdem behielt sie ihre
Faszination für die Menschen.
Im Gegensatz zu früher, als die Bestimmung und das Schicksal des Menschen im Zentrum der Sterndeutung
standen, wird die Astrologie heute mit
psychologischem Wissen kombiniert.
Die psychologische Astrologie sieht
das Horoskop als symbolisches Bild
der Psyche, der vorhandenen Anlagen
und Energien, die in der Welt ihren
Ausdruck finden wollen. Das Geburtsbild, erstellt auf den Moment der Geburt eines Menschen, bildet die Gestirnskonstellationen dieser Zeit ab
und kann als Landkarte der Seele mit
all ihren Möglichkeiten und Potenzialen gesehen werden. Da die Astrologie
mit Symbolen arbeitet, braucht es jedoch eine Übersetzung, eine Interpretation, um das Horoskop in eine verständliche Form zu bringen. Dabei
wird auch das soziale und kulturelle
Umfeld des Menschen berücksichtigt.
Die Astrologie zeigt Möglichkeiten,
wie die vorhandenen Anlagen bestmöglich zum Ausdruck gebracht werden können.
Weiter kann sie die Zeitqualität beschreiben. Welche Themen und Bereiche in einer bestimmten Zeitspanne
angeregt sind und welche Auseinandersetzungen und Entwicklungsschritte damit verbunden sein können.
Das ermöglicht ein vertieftes Verständnis für Prozesse und Ereignisse
und bietet – gleich einem Wetterbericht – die Möglichkeit, mit den vorhandenen Energien optimal umzugehen. Entgegen einem alten
«Aberglauben» wird in der heutigen
Astrologie weder eine Schicksalsdeutung gemacht, noch werden konkrete
Ereignisse vorausgesagt. Die Menschen, welche sich astrologisch beraten lassen, werden nicht festgelegt, bevormundet oder «durchleuchtet». Ziel
einer Beratung soll sein, dass die Menschen einen vertieften Blick in ihr Inneres erhalten und sich bewusster mit
ihren Stärken und Problembereichen
auseinandersetzen können.
40
AG E N DA
Was läuft wo?
Täglich aufdatierte Kulturagenda mit Veranstaltungen
aus der ganzen Schweiz –
auf tageswoche.ch
FREITAG
30.12.2011
AUSSTELLUNGEN
Anatomisches Museum
der Universität Basel
Die verschiedenen
Gesichter des Gesichts
Pestalozzistr. 20, Basel
Antikenmuseum Basel
und Sammlung Ludwig
Sex, Drugs und Leierspiel
St. Alban-Graben 5, Basel
Cargo Kultur Bar
Regionale 12 – Modern
Jesus & Co – Project 3.
St. Johanns-Rheinweg 46, Basel
Cartoonmuseum Basel
How to Love
St. Alban-Vorstadt 28, Basel
Galerie Carzaniga
Rolf Iseli / Albert Steiner
Gemsberg 8, Basel
Galerie Eulenspiegel
10 Jahre Galerie Eulenspiegel
Gerbergässlein 6, Basel
Galerie HILT
Weihnachtsausstellung 2011
Freie Str. 88, Basel
Galerie Karin Sutter
Blossom
Rebgasse 27, Basel
Wochenstopp
Die Nacht der Nächte
Dutzende von Silvesterpartys buhlen um Feierfreudige – doch
nur im «Hinterhof» wird zu jeder Stunde gejubelt. Von Tara Hill
Jedes Jahr dieselbe Prozedur (böse
Zungen behaupten gar: Tortur): Schon
Wochen im Voraus löchern einen die lieben
Freunde mit der Frage aller Fragen. Nämlich: wo man Silvester, die Nacht aller Nächte, verbringen wird.
Nun gibt es natürlich die superfleissigen
Menschen, die den ganzen Abend bis in die
Morgenstunden minutiös (vor-)verplant haben – und als Organisationstalente meist
selber etwas auf die Beine stellen. Oder die
Leute, die sich (durchaus vernünftig) dem
Trubel um Neujahr gleich ganz verweigern,
indem sie zuhause bleiben oder – noch
schlauer – weit weg verreisen.
Für das Gros der Menschen heisst es
aber: abwarten, Optionen abwägen, möglichst viele Türchen offen halten. Zugleich
gilt es zu vermeiden, dass man dann verzweifelt von Anlass zu Anlass hetzt und sich
schliesslich, endlich bei der perfekten Party
angekommen, vor einem unbarmherzigen
Türsteher wiederfindet, der ungerührt
meint: «Sorry, wir sind voll.»
Wie stets handelt es sich bei der Frage
nach der rauschendsten Sause um Geschmackssache: Muss es gross, laut und lärmig sein, wird man sich beim Massenevent
«Big Bang» in der St. Jakobshalle wiederfinden und zu Acts wie dem unvermeidlichen DJ Antoine schwofen, die man aus den
Peopleseiten der Gratisblätter kennt. Mag
man es noch lärmiger, ist man in der Halle
nebenan beim «Hard Soundz»-Rave richtig.
Schätzt man es zwar rebellisch und laut,
hasst aber Techno, entscheidet man sich
fürs Hirscheneck, wo die Progrock-Combo
Flashmob durch den Abend schrummelt –
oder fürs Sud, wo DJ Fett aus Berlin heisse
Funkscheiben serviert.
Für Freunde gediegener Cüplistimmung
ist dagegen das Areal ums Nachtigallenwäldeli zu empfehlen, wo in der Kuppel zum
«Groovy Glitter & Glamour»-Abend geladen
wird. Ältere Semester werden die gesetztere
Alternative auf dem Gundeldinger Feld vorziehen: Hier feiert man bei der Ü40-Tanznacht ohne Jungspunde. Im Nordstern
schwoft man alljährlich «mit Hut und Brille» (und Resident DJs), während bei der traditionell knallvollen «Silvester Heat» in der
Kaserne mit dem Müncher DJ-Gigolo Hell
die Hölle los ist.
Wer allerdings die beste aller Welten will,
der sollte sich zum Jahresende in den «Hinterhof» hinaus wagen: Hier geben sich sowohl ein internationaler Headliner (nämlich
das exzentrische Electro-Duo «Local Suicide» aus Berlin) als auch die Lokalmatadoren Zaber Riders oder die DJ-Damen Herzschwester und Féline die Ehre. Der Clou:
Angestossen wird bei «Around the World»
(auf mehreren Floors und mit allerlei Showeinlagen) die ganze Nacht lang jeweils zur
vollen Stunde – denn man feiert von Reykjavik über die Azoren bis in die Karibik mit
– so lange, «bis die Luft raus ist».
Webcode: @altad
«Silvester – Around the World»:
Sa, 31. 12., 22 Uhr, Hinterhof Basel,
Münchensteinerstrasse 81. www.hinterhof.ch
Galerie Katharina Krohn
Alle Jahre wieder
Grenzacherstr. 5, Basel
Museum für Gegenwartskunst
Hopelessness Freezes Time
St. Alban-Rheinweg 60, Basel
Naturhistorisches Museum Basel
Knochenarbeit
Augustinergasse 2, Basel
Nicolas Krupp Contemporary Art
Diango Hernández
Rosentalstr. 28, Basel
Pep + No Name Galerie
China
Unterer Heuberg 2, Basel
Puppenhausmuseum
Brillen / Viktorianische Weihnachten
Steinenvorstadt 1, Basel
S AM – Schweizerisches
Architekturmuseum
The Object of Zionism
Steinenberg 7, Basel
Stampa
Udo Koch – Josef Felix Müller
Spalenberg 2, Basel
Tony Wuethrich Galerie
Markus Gadient
Vogesenstr. 29, Basel
Von Bartha Garage
Bernar Venet
Kannenfeldplatz 6, Basel
balzerARTprojects
Malerei ist das Anbringen von Farbe ...
Riehentorstr. 14, Basel
mitart
Peekaboo
Reichensteinerstr. 29, Basel
Kunsthalle Palazzo
Regionale 12: If Six Was Nine (J.H.)
Poststr. 2, Liestal
Graf & Schelble Galerie
Heinrich Gohl
Spalenvorstadt 14, Basel
Museum am Burghof
90 Jahre – ein Künstlerleben
/ Rolf E. Samuel
Basler Strasse 143, Lörrach
Kunsthalle Basel
6 Künstler aus Basel x2
Steinenberg 7, Basel
Haus für elektronische
Künste Basel
Regionale 2011
Oslostr. 10, Münchenstein
Kunstmuseum Basel
Arbeiten auf Papier /
Die Landschaften / Malerei auf Papier
St. Alban-Graben 16, Basel
Fondation Beyeler
Dalí, Magritte, Miró – Surrealismus
in Paris / Louise Bourgeois
Baselstr. 101, Riehen
Laleh June Galerie
Crystel Ceresa
Picassoplatz 4, Basel
Spielzeugmuseum Riehen
Krippen aus aller Welt –
Sammlung Roth / Tempo,
Tempo! Kleine schnelle Autos
Baselstr. 34, Riehen
Maison 44
Terra Luminosa
Steinenring 44, Basel
TagesWoche 52
Museum der Kulturen
Buon Natale! / Chinatown /
EigenSinn – Inspirierende Aspekte
der Ethnologie / On Stage –
Die Kunst der Pekingoper
Münsterplatz 20, Basel
Goetheanum
Goetheanum EinszuEins
Rüttiweg 45, Dornach
Gallery Daeppen
Alien Interviews: We’ve Made
Contact / Bane Begins
Müllheimerstrasse 144, Basel
Messe Basel
Körperwelten – Eine Herzenssache
Messeplatz 25, Basel
Museum Tinguely
Robert Breer / Tinguely und das Auto
Paul Sacher-Anlage 2, Basel
Exzentrisches Electro-Duo: «Local Suicide» lassen im Hinterhof Gläser und Boxen klirren.
Vitra Design Museum
BioMorph / Die Alchemie des Alltags
Charles-Eames-Str. 1, Weil am Rhein
41
30. Dezember 2011
Agenda
Freitag
30.12.2011
Aargauer Kunsthaus
Auswahl 11 / Winterwelten
aus der Sammlung
Aargauerplatz, Aarau
Historisches Museum Bern
Mord und Totschlag
Helvetiaplatz 5, Bern
Kunsthalle
Cantonale Berne Jura
Helvetiaplatz, Bern
Kunstmuseum Bern
Amiet / Anna Blume und ich /
Mysterium Leib / Passion Bild
/ Rectangle and Square
Hodlerstr. 12, Bern
Museum für Kommunikation
Warnung: Kommunizieren gefährdet
Helvetiastr. 16, Bern
Zentrum Paul Klee
Eiapopeia. Das Kind im Klee / Paul
Klee. übermütig / über Glück
Monument im Fruchtland 3,
Bern
Historisches Museum
Rüstungen
Pfistergasse 24, Luzern
ETH Zentrum
Annette Gigon / Mike Guyer
Rämistrasse 101, Zürich
Kunsthaus Zürich
Bilderwahl! Encoding Reality
/ Landschaft und Pastell /
The Nahmad Collection
Heimplatz 1, Zürich
Landesmuseum Zürich
Die Uhrmacherkunst erobert
die Welt / Schöne Seiten
Museumsstr. 2, Zürich
Museum für Gestaltung Zürich
Die Besten 2011 in Architektur,
Landschaft und Design /
Hochhaus / Schwarz Weiss
Ausstellungsstr. 60,
Zürich
THEATER
Charley’s Tante
Förnbacher Theater, Schwarzwaldallee 200, Basel.
20 Uhr
Das siebente Siegel
Schauspielhaus, Steinentorstr. 7,
Basel.
20 Uhr
Der Babbe wird’s überläbe
Häbse Theater, Klingentalstrasse 79,
Basel.
20 Uhr
Die Schöne und das Biest
Congress Center Basel,
Basel.
19.30 Uhr
Die Unterrichtsstunde
Stück von Eugène Ionesco mit einem
Prolog von Jean Tardieu
Theater Basel, Theaterstr. 7,
Basel.
20.15 Uhr
Grease
Musical Theater, Feldbergstr. 151,
Basel.
19.30 Uhr
TagesWoche 52
Numme kai Stress!
Theater Fauteuil-Tabourettli,
Spalenberg 12, Basel.
Das Schiff, Westquaistr. 19,
Basel.
20 Uhr
Schneewittchen ... oder:
Vom Problem zu schön zu sein!
Eine Produktion des Tamalan
Theaters
Theater Arlecchino, Amerbachstrasse 14, Basel.
14.30 & 17.00 Uhr
Sex isch gsünder als Kopfsalat
Dialektlustspiel mit Yvette Kolb und
Ensemble
Theater Fauteuil-Tabourettli,
Spalenberg 12, Basel.
20 Uhr
Sturm
Gastspiel des Burgtheaters Wien
Schauspielhaus Pfauen,
Rämistrasse 34, Zürich.
20 Uhr
POP/ROCK
Dexter Doom &
the Loveboat Orchestra
Balkanbrass, Reggae, Ska
Kuppelstage, CD-Taufe «Kingston, We
Have A Problem». DJ Comoustache
Kuppel, Binningerstr. 14,
Basel.
21.30 Uhr
Radar 2011 – New Music on Tour
Electro, Indierock, Mundart
Mit My Heart Belongs to Cecilia
Winter, The Jamborines, Alvin Zealot,
Hecht, We Love Machines
Sommercasino, Münchensteinstrasse 1, Basel.
19.30 Uhr
Raymaluz
Bachata, Merengue, Rumba
8 Bar, Rheingasse 8, Basel.
22 Uhr
Acoustical Mountain
Marc Storace, Claudio Matteo und
Charly Preissel
Sissy’s Place, Muttenzerstr. 17,
Birsfelden.
Philipp Fankhauser
Blues, R&B, Soul
Das Zelt (Bern), Allmend,
Bern.
20 Uhrr
The Tarantinos
Pimps, Punks, Prostitutes & Politicians
Tour. Warm-Up & Aftershow by DJ
Kid Kah Meleon
Schüür, Tribschenstr. 1,
Luzern.
22 Uhr
Eluveitie
mit Coroner, Korpiklaani, Blutmond,
Exelsis, Powerwolf
Volkshaus, Stauffacherstr. 60,
Zürich.
17.30 Uhr
Michael von der Heide
Theater am Hechtplatz,
Hechtplatz 7, Zürich.
20 Uhr
New York Ska Jazz Ensemble
Moods, Schiffbaustrasse 6,
Zürich.
20.30 Uhr
PARTY
5 Rhythms Wave
Latin
Tanzpalast, Güterstr. 82,
Basel.
23 Uhr
19.30 Uhr
Bliss – Silvester
Pre-Party (Free Entry)
House, Minimal, Techno
DJs Gin Tonic Soundsystems, Le Roi,
Multitask
Brazilian Touch Silvester Special
Singerhaus, Am Marktplatz 34,
Basel.
23 Uhr
DJ Gent (Tuesdance) & Guest
80s, Crunk, Dirty South
Acqua-Lounge, Binningerstr. 14,
Basel.
22 Uhr
Disco vs Salsa
DJ Carlos Rivera
Bar Rouge, Messeplatz 10,
Basel.
SAND
Ein Tanztheaterprojekt von Sebastian
Nübling und Ives Thuwis-De Leeuw
Schauspielhaus Schiffbau,
Schiffbaustrasse 4, Zürich.
20 Uhr
22 Uhr
Friday Is Fame Day
80s, Charts, Latin, Partytunes
DJ Branco
Fame, Clarastr. 2, Basel.
22 Uhr
Just Like That
House, Techno
DJs Gianni Callipari, Rare Movement,
Mehmet Arslan, Dalibox, Falletta
Nordstern, Voltastr. 30,
Basel.
23 Uhr
Mixer
Breakbeats, Dub, Funk, Mash Up
DJs Rough J., Ren Le Fox
SUD, Burgweg 7,
Basel.
22 Uhr
Red Lip Stick & Mustaches
House
DJs Charles Per-S, Fred Licci
Atlantis, Klosterberg 13,
Basel.
23 Uhr
Silvester Warm-Up
mit Joseph Capriati
Detroit, House, Minimal
DJs Joseph Capriati, Tony White,
José Parra, Miss Torn, Junksound
Live, Everstone, Alma Negra, Tonton,
Cooljack, Antonio Milone, Dermasen
Radau, Mary C. Jane
Borderline, Hagenaustr. 29,
Basel.
22 Uhr
23 Uhr
«Marina Del Soul»
A Musical Journey
DJ Johnny Eastwood
Cafe Bar Agora, Feldbergstr. 51,
Basel.
22 Uhr
19.30 Uhr
Die Lustige Witwe
Thalia Theater Wien
Kongresshaus, Gotthardstrasse 5,
Zürich.
20 Uhr
Palestrina
Opernhaus, Theaterplatz 1,
Zürich.
18.30 Uhr
Galerie Katharina Krohn
Alle Jahre wieder
Grenzacherstr. 5, Basel
Graf & Schelble Galerie
Heinrich Gohl
Spalenvorstadt 14, Basel
Hebel_121
Danger + Track
Hebelstrasse 121, Basel
Kunsthalle Basel
6 Künstler aus Basel x2
Steinenberg 7, Basel
Anzeigen
VORTRAG/LESUNG
Heinrich Böll: «… und nicht
nur zur Weihnachtszeit»
Jupp Saile (Sprecher),
Rudi Linder (Trompete)
Maison 44, Steinenring 44,
Basel.
19.30 Uhr
Rosenkreuzertum und
empfindende Ich-Kraft. Zu
Rudolf Steiners Musikimpuls
Vortrag von Michael Kurtz.
Goetheanum, Rüttiweg 45,
Dornach.
16.30 Uhr
DIVERSES
Circus Klezmer
Burghof, Herrenstr. 5,
Lörrach.
20 Uhr
SamStag
31.12.2011
JAZZ/KLASSIK
AUSSTELLUNGEN
Orgelspiel zum Feierabend
Louis van Niekerk, Basel. Werke von
J. S. Bach
Leonhardskirche, Leonhardskirchplatz, Basel.
18.15 Uhr
Cargo Kultur Bar
Regionale 12
St. Johanns-Rheinweg 46, Basel
Ensemble Phœnix Basel
Miriam Sabba (Sopran), HansChristian Jaenicke, Nicola Kruse
(Violine), Arthur Weinbrenner
(Cembalo), Matthias Hahn-Engel
(Violoncello). Die Musik des Grafen
St. Germain
Goetheanum, Rüttiweg 45,
Dornach.
20 Uhr
Galerie Karin Sutter
Blossom
Rebgasse 27, Basel
Gallery Daeppen
Alien Interviews: We’ve Made
Contact / Bane Begins
Müllheimerstrasse 144, Basel
OPER
The Rake’s Progress
Stadttheater Bern,
Kornhausplatz 20, Bern.
E>>
Hits
DJs Pat Farell, Purple Project
Excellent Clubbing Lounge,
Binningerstr. 7, Basel.
22 Uhr
The Perfect Friday
Charts, Electro, House
CU Club, Steinentorstr. 35,
Basel.
TANZ
Galerie Carzaniga
Rolf Iseli / Albert Steiner
Gemsberg 8, Basel
Galerie Eulenspiegel
10 Jahre Galerie Eulenspiegel
Gerbergässlein 6, Basel
Galerie HILT
Weihnachtsausstellung 2011
Freie Str. 88, Basel
Kunstmuseum Basel
Arbeiten auf Papier /
Die Landschaften / Malerei auf Papier
St. Alban-Graben 16, Basel
Laleh June Galerie
Crystel Ceresa
Picassoplatz 4, Basel
Messe Basel
Körperwelten – Eine Herzenssache
Messeplatz 25, Basel
Museum Tinguely
Robert Breer / Tinguely und das Auto
Paul Sacher-Anlage 2, Basel
Museum der Kulturen
Buon Natale! / Chinatown /
EigenSinn – Inspirierende
Aspekte der Ethnologie
Münsterplatz 20, Basel
Museum für Gegenwartskunst
Hopelessness Freezes Time
St. Alban-Rheinweg 60, Basel
Naturhistorisches Museum Basel
Knochenarbeit
Augustinergasse 2, Basel
Nicolas Krupp Contemporary Art
Diango Hernández
Rosentalstr. 28, Basel
Pep + No Name Galerie
China
Unterer Heuberg 2, Basel
Puppenhausmuseum
Brillen / Viktorianische Weihnachten
Steinenvorstadt 1, Basel
S AM – Schweizerisches
Architekturmuseum
The Object of Zionism
Steinenberg 7, Basel
42
30. Dezember 2011
Agenda
Stampa
Udo Koch – Josef Felix Müller
Spalenberg 2, Basel
Tony Wuethrich Galerie
Markus Gadient
Vogesenstr. 29, Basel
Von Bartha Garage
Bernar Venet
Kannenfeldplatz 6, Basel
Lichtspiele
Der coolste Film
«Cool» kam nicht an Bord eines überfüllten Dampfers: Die
Einbürgerungsgeschichte eines Wortes. Von Hansjörg Betschart
balzerARTprojects
Malerei ist das Anbringen von Farbe ...
Riehentorstr. 14, Basel
mitart
Peekaboo
Reichensteinerstr. 29, Basel
Historisches Museum Bern
Mord und Totschlag
Helvetiaplatz 5, Bern
Kunstmuseum Bern
Amiet / Anna Blume und ich /
Mysterium Leib / Passion Bild
/ Rectangle and Square
Hodlerstr. 12, Bern
Museum für Kommunikation
Warnung: Kommunizieren gefährdet
Helvetiastr. 16, Bern
Kunsthaus Zürich
Bilderwahl! Encoding Reality
/ Landschaft und Pastell /
The Nahmad Collection
Heimplatz 1, Zürich
Landesmuseum Zürich
Die Uhrmacherkunst erobert
die Welt / Schöne Seiten
Museumsstr. 2, Zürich
THEATER
Charley’s Tante
Förnbacher Theater, Schwarzwaldallee 200, Basel.
17 Uhr
Der Babbe wird’s überläbe
Häbse Theater, Klingentalstrasse 79,
Basel.
14.30 & 18.30 & 22.30 Uhr
Der zerbrochne Krug
Theater Basel, Theaterstr. 7,
Basel.
19.15 Uhr
TagesWoche 52
16 Uhr
Lo Stimolatore Cardiaco
Uraufführung
Theater Basel, Theaterstr. 7,
Basel.
19 Uhr
Sex isch gsünder als Kopfsalat
Dialektlustspiel mit Yvette Kolb und
Ensemble
Theater Fauteuil-Tabourettli,
Spalenberg 12,
Basel.
19.45 & 22.45 Uhr
Haus für elektronische
Künste Basel
Regionale 2011
Oslostr. 10, Münchenstein
Aargauer Kunsthaus
Auswahl 11 / Winterwelten
aus der Sammlung
Aargauerplatz, Aarau
Grease
Musical Theater,
Feldbergstr. 151, Basel.
Numme kai Stress!
Theater Fauteuil-Tabourettli,
Spalenberg 12,
Basel.
16.45 & 19.45 & 22.45 Uhr
Kunsthalle Palazzo
Regionale 12: If Six Was Nine (J.H.)
Poststr. 2, Liestal
Vitra Design Museum
Die Alchemie des Alltags
Charles-Eames-Str. 1, Weil am Rhein
21 Uhr
Die Schöne und das Biest
Congress Center Basel,
Basel.
19.30 Uhr
Magic Moments mit Magrée
Theater Fauteuil-Tabourettli,
Spalenberg 12, Basel.
19 Uhr
Goetheanum
Goetheanum EinszuEins
Rüttiweg 45, Dornach
Fondation Beyeler
Dalí, Magritte, Miró – Surrealismus
in Paris / Louise Bourgeois
Baselstr. 101, Riehen
Die Hugentoblers
Folge 6. Silvester Spezial
Vorstadttheater, St. AlbanVorstadt 12, Basel.
Eingeborener und Einwanderer: Annäherung in «Le Havre».
Mein Neffe meint, es sei sein coolstes
Jahr gewesen. (Er meint das wärmste Jahr
seines Lebens.) Was aber meint er dann,
wenn er Kaurismäkis «Le Havre» den coolsten Film des Jahres findet?
Wie ist das Wort «cool» in unsere Sprache eingewandert? Wartete es lange
in einem Auffanglager, mischte sich mit
Turnschuhen unter Jugend-Gangs, tauchte
in Szenekneipen auf, redete bald auch bei
Bauarbeitern mit? Woher kam «cool» in
alle Munde?
Da es bereits vor etwas mehr als vierhundert Jahren als Verb bei Shakespeare auftauchte, spricht viel dafür, dass es aus England kam. Zuvor war es allerdings mit den
Normannen bei den Briten eingewandert
und mit den Schweden (kul!) nach Amerika
ausgewandert. Erst vor siebzig Jahren kehrte es in den passiven Wortschatz der Europäer zurück. Über Filmleinwände und im
Mundgepäck von hippen Jazzbands verbreitete es sich. Bald machte es sich im aktiven
Wortschatz der jungen SchweizerInnen
breit: Es kam fast in jedem «coolen» Alltagssatz zum Einsatz. Reden ohne «cool»
schien bald manchen ebenso undenkbar wie
miteinander reden ohne Handy. Heisst das,
«cool» ist eingebürgert?
Mein patriotischer österreichischer
Freund sagt, nur die Österreicherinnen
seien «fesch». Er täuscht sich. Das österreichische Mädchen mag bildhübsch sein.
Aber fesch ist nicht österreichisch. Fesch ist
eigentlich englisch. Wie wanderte das Wort
«fesch» nach Österreich ein? Strandete es in
überfüllten Booten? Nein. Es kam per Handelsschiff und mit den modebewussten jungen Österreicherinnen im neunzehnten
Jahrhundert aus London zurück. Die Londonerinnen nannten damals alles, was fashionable war, fashionable, und so taten es
bald auch die Wienerinnen, die nicht so
moderne Frühjahreskollektionen wie die
Londonerinnen hatten und stattdessen
nun deren «fashionable» für ihre Dirndl
verwendeten, so oft und so rasch und so für
alles, dass bald nur noch «fäsch» übrig blieb
und alles mit einem Mal fesch von Mund zu
Mund ging, auch bei hübschen Mädchen.
«Cool» findet heute Verwendung, wo es
gilt Bewunderung auszudrücken, kann aber
auch Gelassenheit, Entspannung, Freude,
Verachtung, Begeisterung, Triumph, Stillhalteabkommen, Wichtigkeit, Hochachtung,
Kontostände, Reifenprüfdruckkontrollen,
Unterbodenrostschutzfaktoren, Ruhezeiten,
Biofruchtgehalt, Zahnstandesämter, kurzum: irgendetwas ausdrücken. «Cool» bedeutet praktisch alles. Das ist das Coole
daran. Selbst Schweizer Politiker schrecken
nicht davor zurück, etwas uncool zu finden,
zumal das vor Wahlen nicht in eine andere
Landessprache übersetzt werden muss.
Auch hier gilt, wie überall bei Wahlen: Ein
Missverständnis liegt nur vor, wenn es keine Miss versteht.
Dazu drei Beispiele: 1. Eine Katholikin
findet den Islam cool. 2. Eine junggebliebene Mutter zieht die coolen Hotpants der
Tochter an. 3. Ein Lehrjunge entnimmt dem
Kühlfach einen coolen Drink. Damit gilt
«cool» wohl als in die Schweizer Sprache
eingebürgert. Uff Baseldytsch: kuul, auf
Bärndütsch: kuuu, auf Züritütsch: khuull,
auf Fribourgerisch: ghôule, und auf Kleinhüningerisch: kühlmann!
Also: «Le Havre» ist der coolste Film des
Jahres. Webcode: @abknz
Die «Lichtspiele» von Hansjörg
Betschart gibt es auch als Blog auf
blogs.tageswoche.ch.
Weitere filmische Highlights des
Jahres 2011 finden Sie unter
www.tageswoche.ch/kultur.
Viva Varieté!
Silvestervorstellung
Basler Marionetten Theater,
Münsterplatz 8, Basel.
21 Uhr
POP/ROCK
Amorphis, Leprous,
the Man-Eating Tree
Z7, Kraftwerkstr. 4, Pratteln.
20 Uhr
Fehlt Ihre
Veranstaltung
in der OnlineAgenda?
Erfassen Sie
Ihre Daten auf
tageswoche.ch/agenda
Titanic
Silvesterparty mit Buffet, Konzert
Titanic, anschl. Party mit DJ
Galery, Rütiweg 9, Pratteln.
19 Uhr
Funkybrotherhood feat. Noel
McCalla, Gigi Moto & James Gruntz
Moods, Schiffbaustrasse 6,
Zürich.
20.30 Uhr
Lilly Martin & Polo Hofer
Waldhaus Dolder, Kurhausstr. 20,
Zürich.
19 Uhr
PARTY
A Night of Fame
Fame, Clarastr. 2, Basel.
22 Uhr
Big Bang
DJs Antoine, Sir Colin, Mr. Da-Nos,
Mike Candys, Eveline, Christopher S.,
Slice, Tatana, Eric Preston, Josephine,
Jack Holiday, Mad Morris, Kwan
Hendry, Gabri A.k.a G.I, Andràs, S.
St. Jakobshalle,
Brüglingerstr. 21, Basel.
21 Uhr
43
30. Dezember 2011
Agenda
Kreuzworträtsel
SamStag
31.12.2011
Cosmic Bang
Electro, House, Partytunes
DJs Taylor Cruz, Mary
Volkshaus, Rebgasse 12,
Basel.
22.30 Uhr
Hardsoundz – Biggest Hardstyle
& Hardcore New Year’s Party
Hardcore, Hardstyle
DJs D-Block & S-te-Fan, Technoboy,
Promo, Neophyte, Mad Dog, Anime,
Protesu u.a.
St. Jakobshalle,
Brüglingerstr. 21, Basel.
21 Uhr
Kiss me Now & Love me
Later Silvester Edition
Electro, Funk, House, Mash Up
DJs Andrew Leone, David La Palma,
Alex Constanzo, Hotfingerz, Flash,
Kaiser Dias, Danielson, Norbert.to,
Cem Demir, Moritz, Max, Francesco
Ballato, Seve Ische, Bastian Vogt, Ned
O’ Neal, Nesha, Nico
E-Halle-Lounge, Erlenmattstrasse 5–11, Basel.
22 Uhr
Mit Hut und Brille ins neue Jahr
Big Beatz, Funk, House, Techno
DJs Andrea Oliva, Oliver K., Michel
Sacher, Nik Frankenberg, Michael
Deep, Adrian Martin, Mia Milano,
Gianni Callipari, Gregster Browne,
Sgt. Risk
Nordstern, Voltastr. 30,
Basel.
23 Uhr
Auflösung des Kreuzworträtsels in der nächsten Ausgabe.
SUDOKU
BIMARU
So lösen Sie das Sudoku:
Füllen Sie die leeren Felder
mit den Zahlen von 1 bis 9.
Dabei darf jede Zahl in jeder
Zeile, jeder Spalte und
in jedem der neun 3 x 3-Blöcke
nur ein Mal vorkommen.
Viel Spass beim Tüfteln!
So lösen Sie Bimaru: Die Zahl bei
jeder Spalte oder Zeile bestimmt,
wie viele Felder durch Schiffe
besetzt sind. Diese dürfen sich
nicht berühren, auch nicht
diagonal, und müssen vollständig
von Wasser umgeben sein,
sofern sie nicht an Land liegen.
Auflösungen von
SUDOKU und BIMARU
in TagesWoche 51
Conceptis Puzzles
4 7
3
7
2
6 9
3
1
3
5
3
5 4
3
2
5
3
8
4 1
5
1
0
1
Conceptis Puzzles
TagesWoche 52
1
2
2
6
9 1
06010031070
8
1
4
3
5
6
7
9
2
3
5
7
1
2
9
8
6
4
6
2
1
5
9
7
4
8
3
4
7
9
8
3
2
5
1
6
5
8
3
6
4
1
9
2
7
1
4
5
2
8
3
6
7
9
7
3
8
9
6
5
2
4
1
2
9
6
7
1
4
3
5
8
06010031069
2
7
3 6
6
8
7
08010000208
9
6
2
4
7
8
1
3
5
2
0
0
4
0
3
0
5
1
5
08010000207
New Years Eve Celebration
Bücheli Café Bar Lounge,
Steinenvorstadt 50,
Basel.
21 Uhr
New Years Jam
Partytunes
DJ Nick Schulz
Atlantis, Klosterberg 13,
Basel.
23 Uhr
Oriental, House,
Hip-Hop, R&B, Reggaeton
DJ Dlo
Harrem, Steinentorstr. 26,
Basel.
20 Uhr
Saint Tropez
House, Partytunes
DJs Claudio, Fred Licci, Gin Tonic
Soundsystems, Fabio Gullone, Pepe,
Davidon
Bar Rouge, Messeplatz 10,
Basel.
22 Uhr
Silvester
80s, 90s, Disco, Funk, Soul
DJs Local Suicide, Diskomurder, Ed
Luis, Eskimo, Herzschwester, Mario
Robles, Mehmet Aslan, Michael
Berczelly, TimTime, She DJ Feline
Hinterhof, Münchensteinerstr. 81,
Basel.
22 Uhr
Silvester Heat
Electro
DJs Hell, Lord Jazz, Dario Rohrbach,
Thom Nagy, Freezer
Kaserne, Klybeckstrasse 1b,
Basel.
22.30 Uhr
Silvester Night
Charts, Hip-Hop, House, Mash Up
Singerhaus, Am Marktplatz 34,
Basel.
23 Uhr
44
30. Dezember 2011
Agenda
Leibspeise
Pastete mit Stil
Silvester Special
House, Techno
DJs Monika Kruse, Felix Kröcher,
Extrawelt, Format:B, Andhim, Marcos
Del Sol, Fenomen, Danielson, Paul
Dakboog u.a.
Borderline, Hagenaustr. 29,
Basel.
22 Uhr
Silvester-Party mit Buffet
Bossa Nova, Cha Cha Cha
DJ Emigrante
Allegra, Aeschengraben 31,
Basel.
Diese Woche zeigen die Montagsplausch-Köche Tenger &
Leuzinger, wie Pastete ohne Filet geht. Und ohne Sülze.
22 Uhr
Silvesterparty des Jahres
DJ Angelo; Moderation: Tom Ryser
Theater Basel, Theaterstr. 7,
Basel.
22.30 Uhr
Starship 80s Silvester
Party & Dinner
DJs Kraut und Rüben, Das Mandat
Das Schiff, Westquaistr. 19,
Basel.
19 Uhr
Tanznacht40 – Silvesterparty
mit Überraschung
Quartierhalle Querfeld,
Dornacherstr. 192, Basel.
21 Uhr
The Groovy Glitter &
Glamour Silvesterparty
House
DJs Robert Nesta, Le Roi, Fiume
Junior
Acqua-Lounge, Binningerstr. 14,
Basel.
22 Uhr
The Groovy Glitter &
Glamour Silvesterparty
Charts, Partytunes
DJs Fabio Tamborrini, G-Dog
Kuppel, Binningerstr. 14,
Basel.
22 Uhr
danzSilvesteria
Partytunes
DJ Sunflower
Stadtcasino, Steinenberg 14,
Basel.
Weihnachten haben wir über die
Runden gebracht, Neujahr steht vor der Tür.
Neben Klassikern wie zum Beispiel Fondue
chinoise hat der eine oder andere von euch
sicherlich eine Pastete serviert oder serviert
bekommen. Meist sind die leckeren Pasteten
gefüllt mit bis zu einem Dutzend Zutaten
wie Brät, Kalbfleisch, Poulet, Morcheln,
Trüffel und Pistazien. Natürlich fehlt auch
die von den einen verabscheute, von den
anderen geliebte Sülze nie. Klappt es beim
Zubereiten auch noch mit dem mittigen
Platzieren des Filets, macht die klassische
Pastete nicht nur geschmacklich eine gute
Falle.
Es gibt aber auch weniger bekannte Pasteten, die einfacher zuzubereiten sind und
Abwechslung in den trüben Januar bringen.
Eine unserer Favoritinnen möchten wir
euch ans Herz legen: die Krautstielpastete.
Wir versprechen selbst denjenigen, die beim
Wort «Krautstiel» die Mundwinkel nach unten gezogen haben, dass dieses Rezept einen
Versuch wert ist. Krautstiel oder Stiel-/Rippenmangold ist übrigens ein sehr schweizerisches Gemüse, das es ausser in Italien im
Ausland kaum zu kaufen gibt. Bei uns ist
das Gemüse fast ganzjährig zu kriegen,
Hochsaison hat es zwischen April und November.
Krautstielpastete für 4 Personen:
Zirka 500 Gramm Krautstiel, in mundgerechten Stücken, im Salzwasser kurz blanchieren, auskühlen und gut abtropfen lassen. 200 Gramm Schinkenstreifen und
200 Gramm Emmentaler grob gerieben mit
dem Krautstiel in eine Schüssel geben. Zwei
El Mehl mit etwas Butter anschwitzen und
1,5 dl Sauerrahm dazugiessen. Mit Knoblauch, Salz, Pfeffer und etwas Muskat würzen. Sauce unter den Krautstiel mischen.
Eine Springform mit einem Kuchenteig auskleiden, Krautstielmischung darin verteilen.
Den Teigrand mit Eiweiss bestreichen und
mit einem zweiten Kuchenteig als Deckel
schliessen. Mit Eigelb anstreichen und bei
200 Grad ca. 30 Minuten backen.
Wie verwendet ihr den Krautstiel? Welches
ist eure Alternative zu den klassischen
Pasteten? Wir freuen uns wie immer auf
eure Kommentare mit Stil: Webcode @aluok
Gabriel Tengers und Benjamin
Leuzingers «Montagsplausch» finden
Sie unter blogs.tageswoche.ch
Orpheus in der Unterwelt
Stadttheater Bern,
Kornhausplatz 20, Bern.
19 Uhr
Le Comte Ory
Opernhaus, Theaterplatz 1,
Zürich.
18.30 Uhr
COMEDY
Silvester mit dem Cabaret
WORTissimo
mit Silvester-Dinner
Theater Arlecchino,
Amerbachstrasse 14, Basel.
19 Uhr
VORTRAG/LESUNG
Die Geheimnisse
ein Weihnachts- und Ostergedicht
von Johann Wolfgang von Goethe
Goetheanum, Rüttiweg 45,
Dornach.
16.30 Uhr
DIVERSES
Silvester in der Stille der
Leonhardskirche
Leonhardskirche,
Leonhardskirchplatz, Basel.
21 Uhr
Circus Klezmer
Burghof, Herrenstr. 5,
Lörrach.
20 Uhr
SoNNTAG
1.1.2012
AUSSTELLUNGEN
JAZZ/KLASSIK
Anatomisches Museum
der Universität Basel
Die verschiedenen
Gesichter des Gesichts
Pestalozzistr. 20, Basel
Ausklang
Solisten des Kammerorchester Basel
unter der Leitung von Yuki Kasai.
Ackermannshof, St. JohannsVorstadt 19–21, Basel.
22 Uhr
19 Uhr
Silvesterkonzert
Elisabethenkirche, Elisabethenstr. 10–14, Basel.
17 Uhr
21st Century Symphony Orchestra
Ludwig Wicki (Leitung), Stephan
Klapproth (Erzähler). Ein musikalischsatirischer Jahresrückblick
KKL, Europaplatz 1,
Luzern.
21.30 Uhr
Tonhalle-Orchester Zürich
Silvester-Lunchkonzert
Tonhalle, Claridenstr. 7,
Zürich.
12.15 & 19.00 Uhr
TagesWoche 52
OPER
22 Uhr
Russian Nights
DJs Miller, Strauss
Biomill, Delsbergerstrasse 177,
Laufen.
22 Uhr
Basler Festival Orchester
Thomas Herzog (Leitung).
Silvesterkonzert 2011
Stadtcasino, Steinenberg 14,
Basel.
TANZ
SAND
Ein Tanztheaterprojekt von Sebastian
Nübling und Ives Thuwis-De Leeuw
Schauspielhaus Schiffbau,
Schiffbaustrasse 4, Zürich.
20 Uhr
Cargo Kultur Bar
Modern Jesus & Co – Project 3.
St. Johanns-Rheinweg 46, Basel
Jüdisches Museum Schweiz
Am Übergang – Bar und Bat Mizwa
Kornhausgasse 8, Basel
Gemüse gewordene Swissness: Krautstiel. Foto: Nils Fisch
Anzeigen
Anzeigen
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45
30. Dezember 2011
Agenda
SONNTAG
1.1.2012
Kunsthalle Basel
6 Künstler aus Basel x2
Steinenberg 7, Basel
Kunstmuseum Basel
Arbeiten auf Papier / Die
Landschaften / Malerei auf Papier
St. Alban-Graben 16, Basel
Kultwerk #10
Dinner for One
An Silvester zu Hause? Da gibt es für viele seit Jahren nur eines:
Ab vor den Fernseher! Von Karen N. Gerig
Museum der Kulturen
Buon Natale! / Chinatown / On
Stage – Die Kunst der Pekingoper
Münsterplatz 20, Basel
Museum Rietberg Zürich
Mystik
Gablerstr. 15, Zürich
Naturhistorisches Museum Basel
Knochenarbeit
Augustinergasse 2, Basel
Museum Strauhof
Literaturausstellungen
Charles Dickens (1812-1870)
Augustinergasse 9, Zürich
Puppenhausmuseum
Brillen / Viktorianische Weihnachten
Steinenvorstadt 1, Basel
Haus für elektronische
Künste Basel
Regionale 2011
Oslostr. 10, Münchenstein
Fondation Beyeler
Dalí, Magritte, Miró – Surrealismus
in Paris / Louise Bourgeois
Baselstr. 101, Riehen
Spielzeugmuseum Riehen
Krippen aus aller Welt –
Sammlung Roth / Tempo,
Tempo! Kleine schnelle Autos
Baselstr. 34, Riehen
Anzeigen
* +.00
*0+. +
. +1+.00 30
%(.*+#" " &'
!$/ " .
+ ++ , 4$ +
" )$ &4',$ /,$ /444
"2 +..0.(
TagesWoche 52
Historisches Museum Bern
Mord und Totschlag
Helvetiaplatz 5, Bern
Kunsthaus Zürich
Bilderwahl! Encoding Reality
/ Landschaft und Pastell /
The Nahmad Collection
Heimplatz 1, Zürich
Museum für Gegenwartskunst
Hopelessness Freezes Time
St. Alban-Rheinweg 60, Basel
Kunsthalle Palazzo
Regionale 12: If Six Was Nine (J.H.)
Poststr. 2, Liestal
Aargauer Kunsthaus
Auswahl 11 / Winterwelten
aus der Sammlung
Aargauerplatz, Aarau
Kunstmuseum Bern
Amiet / Anna Blume und ich /
Mysterium Leib / Passion Bild
/ Rectangle and Square
Hodlerstr. 12, Bern
Messe Basel
Körperwelten – Eine Herzenssache
Messeplatz 25, Basel
S AM – Schweizerisches
Architekturmuseum
The Object of Zionism
Steinenberg 7, Basel
Vitra Design Museum
Die Alchemie des Alltags
Charles-Eames-Str. 1, Weil am Rhein
THEATER
Ups, da schwankt einer! Butler James muss sich kurz festhalten.
Viele giessen Blei, noch mehr trinken
Champagner, die meisten verteilen Küsse
oder schreiben SMS. An Silvester gibt es
unzählige Traditionen. Eine davon ist es,
sich vor den Fernseher zu setzen und Butler
James und Miss Sophie beim Geburtstagfeiern zuzugucken: «Dinner for One» ist der
TV-Klassiker schlechthin.
Seit bald 40 Jahren stolpert Butler James
jeden 31. Dezember über das Tigerfell. Er
serviert seiner Hausdame immer wieder
dieselbe Suppe, denselben Fisch, dasselbe
Hühnchen und dasselbe Obst. Zu jedem
Gang gehört ein Getränk, das die alte Dame
auswählt. Und weil die Gäste, die sie traditionell zum Geburtstag einlud, alle bereits
verstorben sind, muss Butler James jeweils
ein Gläschen pro Gast und Gang mittrinken: eines für Sir Toby, eines für Admiral
von Schneider, eines für Mr. Pommeroy und
eines für Mr. Winterbottom. Macht vier
Gläser Sherry plus vier Gläser Weisswein
plus vier Gläser Champagner plus vier Gläser und einen grossen Schluck aus der Flasche vom Portwein. Es erstaunt nicht, dass
die würdevolle Haltung des Butlers mit der
Zeit verloren geht.
Dass die Begeisterung des TV-Publikums
über diesen Sketch auch durch die schwarzweisse Patina des Films nicht getrübt wird,
kann hingegen kaum dem übermässigen Alkoholkonsum zugeschrieben werden –
schliesslich liegen die Sendetermine meist
im Vorabendprogramm, wie auch dieses
Jahr: SF1 zeigt den Sketch um 19.05 Uhr,
diverse deutsche Sender ziehen nach.
Witzigerweise geniesst «Dinner for One»
nur im deutschsprachigen und skandinavischen Raum Kultstatus. In England kennt
den Sketch des britischen Komikerduos
Freddie Frinton und May Warden kaum jemand. Der Grund dafür: Beim Film handelt
es sich um eine Produktion des Schweizer
Fernsehens, und bei diesem liegen auch
heute noch alle Vertriebsrechte.
Frinton und Warden führten den Sketch
des britischen Autors Lauri Wylie 1945 erstmals auf einer Bühne auf. 1963 wurden sie
damit im deutschen Fernsehen gezeigt, wo
sie der damalige Leiter Unterhaltung des
Schweizer Fernsehens entdeckte. Er lud sie
in die Schweiz ein, und im Studio Bellerive
in Zürich entstand so die Aufnahme, die wir
uns alljährlich im TV angucken. Auch der
Norddeutsche Rundfunk (NDR) zeichnete
den Sketch dort mit auf. Deshalb existieren
zwei Filmversionen, die sich hauptsächlich
in Details unterscheiden. Trotzdem ist jene
des NDR einige Minuten länger als jene des
SF. Das liegt einerseits am knapperen
Schnitt der Schweizer Version, andererseits
daran, dass für den NDR der Schauspieler
Heinz Piper eine längere Einführungsrede
hält. Doch braucht diese heutzutage noch
jemand? Schliesslich wissen wir es doch
längst: The same procedure as every year,
James. Webcode: @altae
In dieser Rubrik stellen wir jeweils ein Kultwerk
vor, das in keiner Sammlung fehlen sollte.
Komikerduo
Freddie Frintons bürgerlicher Name war
Frederic Bittener Coo (1909–1968). Der
englische Komiker spielte vor allem kleinere Rollen in Filmen, bis er Ende der
50er-Jahre von der BBC entdeckt wurde
und mit deren Comedy-Serie «Meet the
Wife» zum Serienstar avancierte. Seine
Bühnenpartnerin May Warden (1891–1978)
wurde erst im Alter von 71 Jahren entdeckt – mit «Dinner for One». Danach
spielte sie in einigen Filmen mit.
Grease
Musical Theater,
Feldbergstr. 151, Basel.
18 Uhr
Krabat
Schauspielhaus, Steinentorstr. 7,
Basel.
16 Uhr
JAZZ/KLASSIK
Sinfonieorchester Basel
Axel Kober (Leitung).
Neujahrskonzert
Theater Basel, Theaterstr. 7,
Basel.
17 Uhr
Zürcher Kammerorchester
Neujahrskonzert
Tonhalle, Claridenstr. 7,
Zürich.
17 Uhr
OPER
Le convenienze ed inconvenienze
teatrali/ I pazzi per progetto
Opernhaus, Theaterplatz 1,
Zürich.
14 Uhr
Otello
Opernhaus, Theaterplatz 1,
Zürich.
20 Uhr
DIVERSES
Neujahrsapéro
Galerie Gisèle Linder,
Elisabethenstr. 54, Basel.
16 Uhr
Neujahrs-Dinner
Kaffi Sandwich,
Tellplatz 6, Basel.
18 Uhr
Sonntagsführung
«Knochenarbeit. Wenn Skelette
erzählen»
Naturhistorisches Museum Basel,
Augustinergasse 2, Basel.
14 Uhr
46
30. Dezember 2011
Agenda
Noch hat Friedensapostel Max
Daetwyler seine legendäre
Fahne nicht ausgerollt – aber
bald wird er sie hissen auf
seinem Gang durch New York.
Aus dem Fotoarchiv
von Kurt Wyss
Dem Frieden
verpflichtet
Friedensapostel nannte man
ihn – einige mit spöttischem
Unterton. Max Daetwyler, 1886
geboren, 1976 gestorben, zog mit
einer weissen Fahne durch die
Welt und rief zum Frieden auf.
Von Georg Kreis
TagesWoche 52
M
an wäre sozusagen vergeblich dort gewesen, wenn man unterwegs in wichtiger Mission an wichtigem Ort war und kein Fotograf
dann ebenfalls da gewesen wäre, um der Welt
den Auftritt weiterzugeben.
Dieser Mann reiste mit seiner Friedensfahne
ein Leben lang um die ganze Welt. 1964 war er,
wie ein anderes Bild zeigt, auf dem Roten Platz
in Moskau. 1962 war er hier in New York und im
Vorjahr, wie nochmals ein anderes Bild belegt,
in Havanna. Wir wissen fast zufällig, wer diesen Mann ebenfalls fast zufällig hier in New
York abgelichtet hat: Es war eben der Basler Fotograf Kurt Wyss nach einer Zufallsbegegnung
beim Frühstück in der CVJM-Absteige beim
Grand Central Terminal. Der Mann wünschte
ein Bild – natürlich vor der Freiheitsstatue.
Kurt Wyss liess es mit sich machen. In Moskau
vor dem Kreml und in Havanna vor dem dortigen Kapitol dürfte es kaum der gleiche Fotograf
gewesen sein. Für einen Moment fragt man
sich, aus welchen Zufallsbegegnungen die
Bilder dort entstanden sind. Den Mahatma
Gandhi hat der Berufspazifist, der in Zumikon
zusammen mit seiner Frau eine kleine Bioproduktion betrieb, gemäss höherer Fügung in
Genf vielleicht auch nur zufällig getroffen.
Hier nun das Bild – ohne Freiheitsstatue –
in den weiten und bei dieser Kälte stets leicht
dampfenden Schluchten von Manhattan. Hinweg oder Rückweg? Jedenfalls alleine, einsam.
Der Mann, Max Daetwyler aus Arbon, bei uns
als Friedensapostel bekannt, als Kauz tole-
riert, darum aber auch nicht ernst genommen
und seit seinem ersten Auftritt von 1917 unterwegs. Hier, bereits 75-jährig, befindet er sich
auf dem Rückweg. Für ihn ist aber jeder Rückweg auch ein Hinweg. Das Bild entstand an einem 31. Dezember, Silvester, passt also ins
heutige Blatt.
31. 12. 62: Zugleich ist das aber auch eine
zeitlose Ikone. Der selbst ernannte Missionar
geht, nicht wie ein strahlender Held, mit Blick
Für den
Friedensapostel
ist jeder Rückweg
auch ein Hinweg.
leicht nach unten und leicht gebeugt, wie ein
Kreuz tragender Jesus seinen Weg, ein Fuss
fest am Boden, der andere, den nächsten Schritt
vorbereitend, bereits leicht abgehoben. In der
Linken die Fahne, nicht eingerollt, aber auch
noch nicht aufgesteckt. Wie andere Bilder belegen, in der Rechten immer das gleiche Mäppchen mit der gleichen, so einfachen wie ernsten
Botschaft unterwegs. Eine Inkarnation von Lukas 2/14: «Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.» Inzwischen geht nicht mehr Daetwyler,
sondern – gleichsam an seiner Stelle – sein Bild
weiter um die Welt.
Webcode: @alrdq
47
30. Dezember 2011
Agenda
Basel
CAPITOL
Steinenvorstadt 36, kitag.com
Mission: Impossible 4 [14/11 J]
14.00/17.00 D 20.00 E/d/f
Sherlock Holmes 2 [14/11 J]
14.00/17.00/20.00 E/d/f
KULT.KINO ATELIER
Theaterstrasse 7, kultkino.ch
Happy Happy [14 J]
15.15/19.15 Ov/d/f
Les neiges du Kilimandjaro [12 J]
16.15/20.45 F/d
Poulet aux prunes [12 J]
16.30/18.30/20.30 F/d
Die Kinder vom Napf
17.15 Dialekt
Der Verdingbub [12 J]
18.30 Sa-Mi 14.00 Dialekt
The Future [14 J]
21.15 Mo-Mi 13.30 E/d/f
Sylvesterchlausen
Sa/So 13.30 Dialekt
Pina
Sa-Mi 14.15 D
Gatos Viejos
Mo-Mi 12.15 Sp/d/f
Le Havre [12 J]
Mo/Mi 12.20 F/d
KULT.KINO CAMERA
Rebgasse 1, kultkino.ch
Melancholia [14 J]
20.30 Fr-Di 14.00 Ov/d
Eine ruhige Jacke
14.15/18.45 Dialekt
Fenster zum Sommer [14 J]
16.00/20.45 D
Medianeras [14 J]
Fr-Di 16.45 Sp/d/f
Gerhard Richter Painting
18.30 D
Zauberlaterne
Mi 14.00/16.00 D
KULT.KINO CLUB
Marktplatz 34, kultkino.ch
Habemus Papam
15.30/18.00/20.30 I/d
NEUES KINO
Klybeckstr. 247, neueskinobasel.ch
L’uomo nero
Fr 21.00 Ov/d
PATHÉ ELDORADO
Steinenvorstadt 67, pathe.ch
Carnage [14/11 J]
12.40 D 19.30 Fr/So-Mi 21.30 E/d/f
Tage des Verrats –
The Ides of March [12/9 J]
12.45/17.00 D
15.00/17.15/19.30 Fr/So-Mi 21.45 E/d/f
A Dangerous Method [14/11 J]
14.30 E/d/f
PATHÉ KÜCHLIN
Steinenvorstadt 55, pathe.ch
The Twilight Saga: Biss zum
Ende der Nacht – Teil 1 [13/10 J]
12.15/15.15 Fr 23.00 D
Die Abenteuer
von Tim & Struppi – 3D [9/6 J]
12.40 D
Arthur Weihnachtsmann – 3D [6/3 J]
12.45 D
Mein Freund der Delfin – 3D [6/3 J]
13.00 D
Happy Feet 2 – 3D [6/3 J]
Fr/Sa/Mo-Mi 13.00 D
Happy New Year [10/7 J]
13.00/20.00 D
Fr/So-Mi 20.30 Sa 18.00 E/d/f
Alvin and the Chipmunks 3 [6/3 J]
13.10 E
13.30/15.40 D
Rubbeldiekatz [12/9 J]
14.45/19.40 Fr 00.40 Mo-Mi 17.15 D
Sherlock Holmes: Spiel im Schatten
15.00/17.45 Fr/So-Mi 20.30 Fr 23.30 D
15.20 Fr/So-Mi 18.10/21.00 Fr 00.01 E/d/f
Mission: Impossible –
Phantom Protocol [14/11 J]
Fr/Di 15.00/20.30 Sa-Mo/Mi 17.45 E/d/f
Fr/Di 17.45 Fr 23.30 Sa-Mo/Mi 15.00
So/Mo/Mi 20.30 D
The Darkest Hour – 3D [13/10 J]
15.20 Fr/Di 21.45 Fr 23.50
Sa-Mo/Mi 17.30/19.30 D
Fr/Di 17.30/19.30 So/Mo/Mi 21.45 E
Deine Zeit läuft ab – In Time [14/11 J]
15.30 Fr/So-Mi 22.10 D
Fr/So-Mi 17.50 Fr 22.45 E/d/f
Vacanze di Natale a Cortina
Fr-So 17.15 I
Finalmente la felicità [13/10 J]
17.45 I
Blutzbrüdaz [13/10 J]
17.45/19.45 Fr/So-Mi 21.50 Fr 00.01 D
Silvesterkonzert
Sa 18.30 Ov
Tage des Verrats –
The Ides of March [12/9 J]
So 12.30 E/d/f
Pathé Nuggi Kino – Vorstellung
PATHÉ PLAZA
Steinentorstrasse 8, pathe.ch
Der gestiefelte Kater – 3D [8/5 J]
14.15/16.30 D
18.40 Fr 23.30 E/d/f
Vacanze di Natale a Cortina
Fr/So-Mi 20.45 I
REX
Steinen 29, kitag.com
Der gestiefelte Kater – 3D [8/5 J]
14.30/17.30/20.30 D
Rubbeldiekatz [12/9 J]
15.00 D
The Ides of March [12/9 J]
18.00/21.00 E/d/f
STADTKINO
Klostergasse 5, stadtkinobasel.ch
My Man Godfrey
Fr 15.15 E/e
The Boss of it All
Fr 17.30 Ov/d/f
Mes petites amoureuses
Fr 20.00 Sa 15.00 F/e
Lollipop Monster
Fr 22.15 Ov/d
His Girl Friday
Sa 17.30 E/d
The Lady Eve
Sa 20.00 E/d
Bluebeard’s Eighth Wife
Sa 22.15 E/d/f
La traversée de Paris
So 13.30 F/e/nor
Il grande silenzio
So 15.15 E/d/f
Le quai des Brumes
So 17.30 F/d
Monte Walsh
So 20.00 E/d/f
True Grit
Mo 18.30 E/d
Touchez pas au Grisbi
Mo 21.00 F/d
Le clan des siciliens
Mi 18.15 F/d
Heaven’s Gate
Mi 20.30 E/d
STUDIO CENTRAL
Gerbergasse 16, kitag.com
Carnage [14/11 J]
15.15/17.30/20.00 E/d/f
Frick
MONTI
Kaistenbergstr. 5, fricks-monti.ch
Der Verdingbub [14/12 J]
Fr 10.30 Mi 17.30 Dialekt
Happy Feet 2 [6/4 J]
Fr/Mi 13.30 D
Alvin und die Chipmunks 3 [6/4 J]
Fr/Mi 15.30 D
Der gestiefelte Kater [6/4 J]
Fr 17.30 D
Sherlock Holmes:
Spiel im Schatten [14/12 J]
Fr/Mi 20.15 D
Liestal
ORIS
Kanonengasse 15, oris-liestal.ch
Der gestiefelte Kater – 3D [8/5 J]
Fr-Mo/Mi 13.30 D
Alvin und die Chipmunks 3 [6/3 J]
Fr-Mo/Mi 15.45 D
Mission: Impossible –
Phantom Protocol [14/11 J]
Fr/So-Mi 17.45 D
Sherlock Holmes:
Spiel im Schatten [14/11 J]
Fr/So-Mi 20.30 D
SPUTNIK
Poststr. 2, palazzo.ch
Die Kinder vom Napf [7 J]
Fr 16.00 So 12.45 Dialekt
Carnage [14 J]
18.15 E/d/f
Happy Happy [14 J]
20.15 Norw/d/f
Eine ruhige Jacke [10 J]
Sa/So 14.30 Mo 16.30 Dialekt
Habemus Papam [12 J]
Sa/So 16.00 Mo 14.15 I/d/f
Sissach
PALACE
Felsenstrasse 3a, palacesissach.ch
Der gestiefelte Kater – 3D [6/3 J]
Fr-Mo/Mi 13.00 D
Alvin und die Chipmunks 3 [6/3 J]
Fr-Mo/Mi 14.30 D
Happy Feet 2 – 3D [6/3 J]
Fr-Mo/Mi 16.30 D
New Year’s Eve [10/7 J]
18.15 D
Sherlock Holmes:
A Game of Shadows [12/9 J]
20.30 D
The Twilight Saga: Biss zum
Ende der Nacht – Teil 1 [14/11 J]
Fr/So 22.30 D
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