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WAS WIRTSCHAFT TREIBT
Der weiße Berg
Heimlich, still und leise hat es sich aufgebaut –
ein gewaltiges Überangebot an Biobaumwolle.
Das setzt die auf Bio umgestiegenen Kleinbauern
in aller Welt unter Druck und bringt ganze
Branchen in Erklärungsnot.
Wie konnte das passieren?
Text: Hannes Grassegger Foto: Jörg Böthling / agenda
Symbol einer Hoffnung: Lagerplatz für Biobaumwolle im
südindischen Madhya Pradesh
29
WAS WIRTSCHAFT TREIBT _BIO-BAUMWOLLE
•
Don Cameron war in den neunziger Jahren einer der Ersten
und ist heute einer der Letzten, die in Kalifornien Biobaumwolle
anbauen. Vor ein paar Wochen hat er seine Ernte eingefahren,
weiße Fasern bester Qualität. Doch das gute Gefühl, das Bio bei
manchen auslöst, spürt Cameron nicht mehr. Seine Lager sind
voll, und der Farmer, der von sich selbst sagt, er sei ein Berufsoptimist, denkt darüber nach, mit dem Bioanbau aufzuhören.
In Indien kämpft Anand Mor mit der gleichen Situation. Er
arbeitet für Ecofarms, eine Kooperative, die 1990 als Erste in Indien begann, die neue Bioanbautechnik umzusetzen. Ecofarms
steht für die Idee, den Bauern auf diese Weise auch zu höheren
Einnahmen zu verhelfen; heute produziert Indien mehr als die
Hälfte der weltweit angebauten Biobaumwolle. Doch inzwischen
weiß Anand Mor nicht mehr, wie seine Farmer zu einem fairen
Lohn kommen sollen. „Ich bin demoralisiert“, flüstert der Mann
aus Mumbai ins Telefon, „ich kann den Bauern nur raten,
umzusteigen und nicht mehr nur auf Baumwolle zu setzen.“
Simon Ferrigno vom Bioweltverband Ifoam kennt das gesamte
Ausmaß der Misere. Vor gut zehn Jahren hat er als Entwicklungshelfer begonnen, inzwischen schreibt er für die Non-ProfitOrganisation Organic Exchange den einzigen Marktreport der
Branche. Und auch wenn ihn betrübt, dass Farmer wie Mor oder
Cameron über einen Ausstieg nachdenken – es wundert ihn nicht:
Der ganze Sektor mit seinen weltweit etwa 222 000 Biofarmern
hätte ein Problem, schreibt er in seiner Analyse. Und das werde
nicht kleiner: Obwohl die Lager längst nicht geleert seien, erwarte er in dieser Saison eine Ernte von 175 113 Tonnen Biofasern – rund 60 000 Tonnen über dem Bedarf. Zusammen mit
den Beständen könne sich das 2010 auf gut 90 000 Tonnen
Überkapazität addieren, also auf beinahe einen Jahresverbrauch.
Das große Missverständnis
Wie kann das sein? Ist Bio nicht in und trotz Wirtschaftskrise im
Aufwind? Das stimmt – gilt allerdings vor allem für Lebensmittel. Biobaumwolle hat auch nach knapp zwanzig Jahren nur einen
Anteil von etwas mehr als einem halben Prozent an der Baumwollweltproduktion, obwohl der Hype darum weit höhere Zahlen
suggeriert. Dass aber selbst dieser winzige Anteil noch über der
Nachfrage liegt und die Produzenten düsteren Zeiten entgegensehen, ist die Folge eines Systems, das die Biobaumwolle auf
jeder Etappe ihres Weges in den Laden verteuert – und immer
neues Angebot gebiert, ohne gleichzeitig neue Absatzmärkte zu
schaffen. Und es hat auch mit einem Missverständnis zu tun: dass
Biobanane und Bio-T-Shirt das Gleiche seien.
Genau das zeigt eine schweizerische Werbekampagne der
Entwicklungshilfeorganisation Helvetas mit Partnern aus Industrie und Staat. Unten der knackige Slogan „Fragen Sie auch bei
T-Shirts nach Bio und Fair Trade“, oben eine Banane, gewickelt
aus gelben T-Shirts. Doch der große Unterschied zu Lebens30
mitteln liegt in der längeren textilen Wertschöpfungskette, in
den vielen aufeinanderfolgenden Weiterverarbeitungsschritten.
Ein Ballen Biobaumwolle ist keine Jeans. Und ein T-Shirt keine
Banane.
Die gute Absicht
Schon die Frage, ob Bio gut ist, ist bei Baumwolle nicht ganz so
leicht zu beantworten. Ganz sicher gab und gibt es gute Gründe,
sich von jenen Methoden zu verabschieden, wie sie viele Jahre lang
im südindischen Baumwollverarbeitungszentrum Tirupur betrieben wurden. Mark Starmanns, Wirtschaftsgeograf und Fachmann für Ethischen Handel an der Universität Zürich, erinnert
sich mit Schaudern an die stinkenden Abwasserflüsse und sieht
keine Alternative zum Umbau in Richtung Bio mit seinen vier
Zielen Gesundheit, Ökologie, Fairness und Nachhaltigkeit.
Und auch Jens Soth, ein Agrarwissenschaftler, der in diversen
internationalen Biogremien sitzt und für die Helvetas arbeitet, ist
überzeugt, dass die Biolandwirtschaft nach US- und EU-Norm fast
nur Vorteile bietet. Sie sei kein Weg zurück in eine gute alte Zeit,
wird er nicht müde zu betonen, sondern eine fortschrittliche,
wissensbasierte Anbauweise, die sich zudem rentiere. In einem
Züricher Hinterhof, im Konferenzraum der Helvetas neben dem
hauseigenen Flagshipstore voll fairer Bioware, rechnet er vor: Der
Profit des Bauern entstehe aus Erntemenge mal Preis abzüglich
der Kosten, und Bio senke vor allem die Kosten. Zum einen
durch den Verzicht auf teure und im Preis stark schwankende
synthetische Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmittel. Zum
anderen, weil auch das Gesamtrisiko des Bauern sinke: Da organischer Anbau die Mehrfelderwirtschaft fordere, beuge er Totalausfällen vor. Allerdings sei Bio aufwendiger und bringe vor allem
zu Beginn, in der sogenannten Konversion, weniger Ernte ein. Das
Schlafwagen: Transport vom Feld ins Dorf beim Biobaumwollprojekt
von Helvetas in Mali
WAS WIRTSCHAFT TREIBT
Selbst Simon Ferrigno scheint die
Situation zu belasten. Er hat bei
Organic Exchange gekündigt und
will sich im März als unabhängiger
Berater selbstständig machen.
Das fast perfekte System
Knochenjob: Auch die Biobaumwollernte, hier in Meatu, Tansania,
ist harte Arbeit
aber, so Soth, werde ausgeglichen, weil Biobaumwolle höhere
Marktpreise erziele.
Doch genau darauf können sich die Produzenten nicht mehr
verlassen. Und deshalb sind für einen, der wie Simon Ferrigno
nicht nur die Bauern, sondern auch den Markt kennt, die
wirtschaftlichen Vorteile der Biobaumwolle längst nicht mehr so
klar. Soths Formel brachte so lange ein positives Resultat, wie die
Biofaser knapp war und die Preise in die Höhe schossen. Doch
seit 2007/2008 verheißt Ferrignos Report nichts Gutes mehr für
all jene, die mit Biobaumwolle Entwicklungshilfe leisten und die
Einkommen der Kleinbauern anheben wollen. Das Angebot hat
sich vom Markt entkoppelt, von 2007 auf 2008 wuchs es um satte 152 Prozent, danach, trotz voller Lager, um weitere 20 Prozent.
Die Nachfrage blieb dahinter weit zurück.
Seither schwinden die Mehreinnahmen für die Farmer so rasch,
wie sie früher in die Höhe geschossen waren. Die Preise seien
geradezu zusammengebrochen, beklagt Anand Mor – und sie
werden sich, da sind sich viele Experten einig, so schnell nicht erholen. Da bliebe dann nur noch die Ökobilanz als Argument pro
Bio, doch auch die ist bei Biobaumwolle nicht immer besser. Zwar
bleiben die Flüsse sauberer, der hohe Wasserverbrauch beim
Baumwollanbau scheint sich jedoch durch Bio kaum zu verringern. Jedenfalls ergab eine Umfrage der Helvetas bei den Biofarmern kein klares Bild: Möglicherweise sei er geringer, gemessen
am Gewicht könnte er aber auch höher sein.
Biobaumwolle sei eine Premiumware, die den üblichen Marktschwankungen unterliege, und keineswegs eine sichere Bank, fasst
Jitender Kumar zusammen, Manager beim Weiterverarbeiter Alok
Industries. Und auch er bestätigt, dass viele indische Farmer,
die gerade umstellen wollten, derzeit einen Rückzieher machen.
BRAND EINS 02/10
Die Zeche bezahlen die Bauern,
denen nur schwerlich vorzuwerfen ist, dass sie die Marktlage nicht
kennen. Sie vertrauen einem System, das die Früchte ihrer Arbeit
über viele Etappen in die Geschäfte in aller Welt bringen soll
und von dem eine Mitteilung von
Organic Exchange nicht ohne
Stolz verkündet: „Organic ist nicht einfach entstanden – es wurde
entworfen.“ Doch der Entwurf hat Mängel.
Beim Biobaumwollanbau gelten, wie bei Lebensmitteln, zwei
sich ähnelnde gesetzliche Normen aus den USA und der EU. Sie
sind politisch vorgegeben, ihre Einhaltung kann von Zertifikatoren
bestätigt werden – auf Kosten der Farmer. Das Biotextilsystem
beginnt nach der Farm, in der Verarbeitung. Im Unterschied zu
konventioneller Baumwolle werde zertifizierte Bioware nicht an
Börsen gehandelt, wie John Mowbray, Leiter des Fachblatts »Ecotextile News« beschreibt, sondern ab Farmtor direkt von Händlern
oder Kooperativen gekauft. Stets müsse Organic Cotton separat
von konventionellen Fasern weiterverarbeitet werden, um eine
Vermischung zu vermeiden.
Die Baumwollblüte wird entkernt, Fasern werden in Ballen
gepresst weiterverkauft. Die Ware wird gesponnen, gefärbt und
gewoben. Die Webware wird zu Kleidung, Heim- oder Industrietextilien verarbeitet. Im Voraus oder auf Bestellung. Von manchmal Dutzenden unabhängigen Betrieben hintereinander. In
Hunderttausenden Betrieben weltweit. Wie aber den Konsumenten angesichts dieser arbeitsteiligen, undurchschaubaren
Textilindustrie garantieren, dass ihr Produkt Bio ist?
Um diese Transparenz zu schaffen, bieten standardsetzende
Organisationen Produkt-Label, also Siegel für Biotextilien an. Anbieter wie Gots (Global Organic Textile Standards) oder Organic
Exchange verlangen Mengenkontrollen der Fasern durch alle
Verarbeitungsstufen, um einer wundersamen Biovermehrung
vorzubeugen. Darüber hinaus entwerfen sie ökologische sowie
Handels- und Arbeitsschutzregeln für Weiterverarbeiter. Ob sie
diese Standards umsetzen und sich dies durch einen Zertifizierer
bescheinigen lassen wollen, bleibt den Weiterverarbeitern überlassen. Im Detail fordern Standards beispielsweise, bestimmte
Chemikalien zu meiden, Arbeitspausen oder Versammlungsrechte
zu garantieren. Die Idee dahinter ist, dass Biokäufer ökolo- 3
31
WAS WIRTSCHAFT TREIBT _BIO-BAUMWOLLE
gische und soziale Ansprüche auch an die Weiterverarbeitung
stellen. Wurden alle Standards von allen umgesetzt und ist alles
mit Zertifikaten belegt, verleihen Gots oder Organic Exchange
ihr Bioprodukt-Label. Gegen Geld, natürlich.
So weit die Theorie. In der Praxis allerdings ist das System nur
schwer zu kontrollieren. Das begünstigt Betrug, Spekulation, hohe
Kosten von der Farm bis zum Laden – und damit die Attraktivität des Systems für die einzelnen Mitspieler, die alle ein Interesse
daran haben, dass immer mehr produziert wird.
Die Tücken
Das Problem beginnt bei den Bauern. Grundsätzlich kann jeder ein
Biofarmer werden, wenn er die Hoffnung hat, es lohne sich. Um
dies beurteilen zu können, muss er sich auf die Informationen
Dritter verlassen, denn neben Ferrignos Report gibt es keine
Zahlen über Angebot und Nachfrage. Dafür aber Nachbarn, die
Presse und NGOs (Nichtregierungsorganisationen), die alle ihre
eigenen Interessen verfolgen. Die NGOs zum Beispiel wollen
möglichst große Erfolge vermelden. So berichtet Jens Soth, dass
allein Helvetas in Westafrika und Kirgisistan 22 000 Kleinbauern
vom Bioanbau überzeugt habe. Hingegen warnt Simone Cipriani,
in Afrika tätiger UN-Projektleiter im Modesektor, vor einer weiteren Angebotsförderung – auf diese Weise werde zu viel produziert.
Stolz erzählt Soth weiter, die Ware werde, soweit möglich, ins
zertifzierte Biotextilsystem eingespeist. Klingt gut, allerdings
macht der hohe Anteil an Kleinbauern die Biozertifikation kleinteiliger und aufwendiger. Das ist ein gutes Geschäft für die Zertifizierer, deren Zahl rapide zugenommen habe, wie Anand Mor
berichtet. Und weil diese Kontrolleure mittlerweile die Weiterverarbeitung nach mehreren Standards prüfen, sind die Bauern
gezwungen, mehrfach Zertifikate für sich einzuholen. Dass die
Zertifizierer den Bauern nur Gutes über die Erfolgsaussichten
einer Umwandlung berichten, liegt nahe: Jeder neue Biofarmer ist
ein neuer Kunde.
Allerdings ist es kaum möglich, jede einzelne Faser zu prüfen.
Und mit steigendem Druck lernen auch die Farmer, wie sie von
der Undurchsichtigkeit dieses Systems profitieren können. Im
Biolandbau ist der Einsatz synthetischer Pestizide verboten –
warum also sollten sie nicht heimlich schädlingsresistente genmodifizierte Baumwollsamen pflanzen? Das ist schwer nachzuweisen. Ganze Dörfer in Indien hätten dies getan, berichten
mehrere Quellen. Und auch wenn Jens Soth dagegen hält, Anfangserfolge bei der Pestizideinsparung klängen nach wenigen
Jahren aus: Indiens Farmer haben erfahren, dass ihnen der kleine
Trick zu kurzfristigen Ertragssteigerungen verhilft. Sie kommen
also bei fallenden Preisen doch noch auf ihre Kosten. Auch das
ist einer von vielen Gründen, warum das Angebot an Biobaumwolle steigt.
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Erste Verarbeitungsstufe: Die Rohbaumwolle wird entkernt, hier beim
Biobaumwolleprojekt im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh
Hat der Bauer geerntet, beginnt die nächste Etappe, von der
Jens Soth sagt: „Wir unterstützen die Idee der transparenten
Lieferkette.“ Doch das ist eher Wunsch als Wirklichkeit. Tatsächlich kennt das System weder eine Börse, noch gibt es grundsätzlich langfristige Abnahmeverträge. Alles hängt an den Baumwollhändlern, die in jeder Saison neu mit den Kleinbauern oder
Kooperativen verhandeln. Die Preise bleiben weitgehend im
Dunkeln, keiner weiß, was der Nächste zahlt. Das fördert die
Spekulation.
Ist die Bioware schließlich im Laden angelangt, trägt sie
bereits ein dickes Bündel an Problemen mit sich. Wie jede Ware
verkaufte sie sich besser, wäre sie billiger. Doch sie ist teuer – weil
viele Zertifizierer auf unterschiedlichen Stufen daran verdient
haben und weil es das Bio-Label nur gibt, wenn hohe Standards
eingehalten werden. Damit wiederholt sich das Dilemma der Produktion: Die meist in Entwicklungsländern ansässigen Weiterverarbeiter müssen ihre Fabriken säubern, teure und aufwendige
Prozesse aufbauen. Nicht zuletzt deshalb, berichtet Jitender Kumar von Alok Industries, nähmen die wenigsten Unternehmen
Bioaufträge an.
In dieser Phase der Weiterverarbeitung wird die Preisentwicklung endgültig undurchschaubar. Wenige Marktteilnehmer verhandeln mit wenigen Baumwollhändlern; dadurch
entstehen potenziell Monopole. Und weil nur ein lückenlos nach
Biostandards weiterverarbeitetes Produkt auch sein Bio-Label
bekommt, müssen die Fabrikanten eigens für die Bioproduktion
neue Partnerschaften mit Biolieferanten und -abnehmern aufbauen. Auf jeder Stufe der Wertschöpfungskette fallen neue
Kosten an.
Und so werden aus etwa 0,02 Euro, die Anand Mor für die
Cottonmenge eines Bio-Shirts mehr erlöst, ein paar Euro Aufschlag im Laden.
BRAND EINS 02/10
WAS WIRTSCHAFT TREIBT
Der selbst gemachte Hype
Die Informationslage über die Biobaumwolle ist aber nicht nur in
indischen oder afrikanischen Dörfern schlecht. Auch der wohlmeinende Konsument kennt nur die guten Nachrichten. Das hat
unter anderem damit zu tun, dass Ferrignos Organic-ExchangeReport die einzigen Branchenzahlen liefert – also ein Unternehmen,
dessen Mission die Förderung des Anbaus von Biobaumwolle ist.
So verkündete Organic Exchange stets Wachstum. Selbst 2009,
als die weißen Berge wuchsen, war die erste Botschaft der
Pressemitteilung: weiteres Angebotswachstum. Um dann weiter
unten im Text vor Überkapazitäten zu warnen. Die Berichterstattung in den Medien war entsprechend positiv, Wachstum, gerade
im Krisenjahr, ein Zauberwort. Alle glaubten an die grüne Mode,
nicht nur die Kleinbauern, die sich überlegten, umzusteigen.
Professor Kurt Zihlmann, Leiter des Instituts für Modedesign
an der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst, hatte schon
länger seine Zweifel. Seine Kritik: Was als politisch korrekte Mode
verkauft werde, habe mit Mode im eigentlichen Sinn wenig zu
tun. Zu bieder, zu unoriginell und vor allem zu verwechselbar.
Und die Themen Armut und Hilfe, mit denen die BioproduktLabel um Kunden werben, seien mit den Markenbildern der meisten Modehäuser nur schwer vereinbar. Aber auch die Bedürfnisse
der Designer und der kleineren Modefirmen nehme kaum einer
ernst. Bio sei für die Kleinen meist zu teuer, dabei hätten gerade
die Nachwuchsdesigner durchaus Interesse am Thema und könnten neben ihrem Einfluss auf die Modewelt auch Ideen liefern.
Wer einen Markt erobern wolle, sagt Zihlmann, müsse dafür sensibilisiert sein – davon aber sei die Biobaumwollszene weit entfernt. Seine Tipps: Zusammenarbeit mit den Modemeinungsführern, Kontakt mit Fashion.
Die Möglichkeiten einer Lösung
Soll der weiße Berg nicht weiter wachsen, bedarf das gesamte System einer Überarbeitung. Das hat sich inzwischen auch bei den
Beteiligten herumgesprochen.
In England, der Schweiz, in Indien und den USA wird unter
Hochdruck nachgedacht. Manche halten die Einführung einer
Börse für sinnvoll, deren Preissignale Spekulation verringern,
lokale Abhängigkeiten minimieren und Orientierung bieten könnten. Andere setzen auf mehr Durchblick: Um Handelskontakte
und Überprüfbarkeit zu erleichtern, stellt etwa Organic Exchange
Kontaktadressen von Biobaumwollfarmen ins Netz und bietet
eine Software an, die den Weg der Ware bis zum Bauern verfolgbar macht. Die Schweizer Entwicklungshelfer wünschen sich
langfristige Abnahmevereinbarungen und leichter kontrollierbare
Produktionswege. Auch gegen die Betrugsfälle sei man nach den
ersten Beschwerden vorgegangen: Eine indische Behörde habe
unsaubere Zertifizierer abgestraft, berichtet Helvetas. Seit Januar
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setzt die indische Regierung auch ein System ein, das verspricht,
Gentech-Betrug aufzudecken und „narrensicher“ zu sein.
Mark Starmanns hält solche Maßnahmen für wenig aussichtsreich. Das System basiere darauf, dass Auditoren glaubwürdige
und korrekte Ergebnisse lieferten. Aber es gebe genügend Belege,
dass Zertifizierer die an sie gestellten Ansprüche nicht erfüllten.
Don Cameron, der neben Bio auch konventionell und mit
Gentech Saatgut anbaut, schlägt vor, den pragmatischen Weg zu
gehen und die Biostandards von EU und USA um Gentech zu
erweitern: Schließlich hätten sich die Farmer in Indien mit der Verwendung von solcher Baumwolle längst dafür entschieden.
Jens Soth, kein Freund der Idee, denkt lieber darüber nach, wie
man die Ertragsmengen von Biobaumwolle stärken kann, sodass
Biofarmer mit den ertragsstarken Gentech-Farmern mithalten
können. Auch das Zertifikationssystem stellt er infrage: „Eigentlich ist es pervers – wir verlangen von den Unschuldigen einen
Unschuldsbeweis.“
Während sich die Pioniere die Köpfe zerbrechen, drängen die
Nachfolger auf den Markt. 2010 wird es erstmals alternative
Baumwolle der Better Cotton Initiative (BCI) geben. BCI verzichtet einfach auf Produkt-Label und deren Komplikationen.
Wenn sie sich damit als Partner der jungen Modeszene empfehlen,
könnte Biobaumwolle, wie wir sie kennen, Geschichte sein. Am
eigenen System gescheitert.
-
Nach der Entkernung: Die Ballen der Rohbaumwolle warten im Lager einer
Spinnerei auf die weitere Verarbeitung
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