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Glaube – was ist das? - Pressekatalog

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NR. 4
EVANGELISCHE ZEITUNG
FÜR WESTFALEN UND LIPPE
20. BIS 26. JANUAR 2013
LETZTER SONNTAG NACH EPIPHANIAS
www.unserekirche.de
Gemeinsam handeln Gutes bewirken........
AUFSCHIEBEN
ZEIT
Manche Menschen
schieben Aufgaben
immer weiter auf.
Was ein Fachmann
dazu sagt. 12
Hektik, Hetzen,
Stress: Wer das
Tempo rausnimmt,
hat mehr vom
Leben. 3
www.KD-BANK.de
Fon 0231-58444-0
H 2864 – 1,50 EURO
ANGEMERKT
Der Wunsch
an Gott
VON KARIN ILGENFRITZ
D
as ist ja mal ungewöhnlich:
Auf einer Nachrichtenseite im Internet ist zu lesen:
„Was ist Dein größter Wunsch? Dein
Wunsch an Gott. Wir erzählen ihm
davon.“ Auf einer so „weltlichen“ Seite eine solche
Werbung? Oder
– ist das überhaupt Werbung? Ich werde neugierig
und sehe mir
die Sache genauer an. Jetzt
öffnet sich
auf dem Bildschirm meines Computers ein neues Fenster. Da hinein kann ich
gleich meinen Wunsch an Gott eintippen. Trifft sich gut, ich hätte da
was. Das schreibe ich nieder.
Anschließend werden mir zwölf
Personen vorgestellt. Eine davon
kann ich mir aussuchen, die dann
für mich und meinen Wunsch an
Gott betet.
Ziemlich schnell habe ich mich
entschieden, an wen ich meine Bitte sende. Abgeschickt. Wenn man
möchte, bekommt man eine persönliche Antwort. Das möchte ich
und nehme das Angebot an. Jetzt
bin ich mal gespannt, ob ich da was
höre. Irgendwie ein gutes Gefühl zu
wissen, dass jemand für mein Anliegen betet.
S
chon am übernächsten Tag bekomme ich eine E-Mail. Die
Antwort auf meinen „Wunsch
an Gott“. Im ersten Teil der Antwort
geht die Beterin direkt auf mein Anliegen ein. Sehr einfühlsam. Danach folgen noch ein paar allgemeine Sätze zum Thema Gebet und
ihre Erfahrungen damit. Es tut mir
gut, diese Zeilen zu lesen.
Das Ganze ist ein Angebot von
der europaweiten Evangelisationsveranstaltung ProChrist. Es ist auch
Werbung für die nächste ProChristWoche, die Anfang März in Stuttgart stattfi ndet und per Satellit in
hunderte Veranstaltungsorte in
ganz Deutschland und darüber hinaus übertragen wird.
A
ber es ist mehr als Werbung.
Viele Menschen engagieren sich dabei, weil ihnen ihr
Glaube wichtig ist. Weil sie anderen
Menschen etwas davon weitergeben
möchten. Es berührt mich, dass sie
sich bereit erklären, für wildfremde Menschen zu beten und ihnen
sogar eine Antwort schicken. Diese
Aktion gefällt mir.
Möchten Sie es selbst ausprobieren? Der
„Wunsch an Gott“ ist zu finden auf diesen Seiten im Internet: www.gmx.net und
www.web.de. Manchmal auf der Startseite,
manchmal unter der Rubrik Nachrichten. Jederzeit zu finden ist der „Wunsch an Gott“
unter: www.zweifeln-und-staunen.de.
Ich
Sonntag für Sonntag sagen wir es in der Kirche: „Ich glaube an
Gott ...“ Aber was heißt das? Glaubt der Mensch neben mir das
glaube
gleiche? Was entscheidet darüber, ob etwas evangelisch, katholisch oder christlich ist? Siehe Artikel unten.
FOTO: SPECTRAL-DESIGN
Glaube – was ist das?
Kein Mensch glaubt so wie ein anderer, jeder steht in Einzigartigkeit vor Gott. Was aber
gewährleistet, dass wir trotzdem sagen können: ein Gott, ein Glaube, eine Kirche? Über die Bekenntnisse
BE K E N NTNISSE
VON GERD-MATTHIAS HOEFFCHEN
Geschlossene Augen. Die Menschen wiegen sich im Rhythmus
der Musik. Einige strecken die
Hände zum Himmel. Vorn, vor
dem Altar, spielt eine „Lobpreis“Band. Die Liedtexte ehren Jesus,
den Herrscher, den Bruder, den
König, und die Menschen singen
mit: „Du tust im Innern meiner
Seele gut.“
Sekten-Nachmittag?
Nein. Gottesdienst in einer ganz
gewöhnlichen Kirchengemeinde
der evangelischen Landeskirche.
Was hier seit geraumer Zeit als
bereicherndes Element der Gottesdienstgestaltung empfunden wird,
stößt woanders auf entschiedene Ablehnung. „Religiöse Schwärmerei“, erregt sich ein Pfarrer aus
der Nachbarschaft, „süßliche In-
nerlichkeit, die sich um sich selber dreht“.
Was „ist“ christlicher Glaube?
Das Eintreten für die Gerechtigkeit? Anti-Atomkraft und Kauftkeine-Früchte-der-Apartheid? Orgelkonzerte, Barlach-Ausstellungen, Denkmalschutz für eine Dorfkirche in Brandenburg? Oder ein
Gottesdienst, in dem in gefühlvollen Liedern die Seele Heimat sucht?
Es gibt viele Ausprägungen des
christlichen Glaubens. Auch in der
evangelischen Kirche. „In meines
Vaters Hause sind viele Wohnungen“, sagt Jesus im Johannes-Evangelium. Diese Stelle wird von Auslegern gern so verstanden: Es gibt
nicht nur den einen, den einzig richtigen Zugang zum Glauben. Unter
dem Dach des Glaubens können
viele Menschen ihr Zuhause finden,
in all ihrer Unterschiedlichkeit.
Mit alten Handys Gutes tun
Die Stiftung „mitLeidenschaft“
hat zu Spenden von alten Mobiltelefonen zugunsten von sozialen Projekten aufgerufen. Die
Stiftung des Evangelischen Johanneswerks in Bielefeld nimmt
kaputte oder funktionstüchtige Handys an. Die Geräte werden an eine Firma geschickt, die
sie entweder noch mal aufpoliere oder die wiederverwertbaren
Materialien recycele. Für jedes
eingeschickte Handy bekomme
die Stiftung Geld, das dann in
soziale Projekte fl ießen könne.
Die Stiftung unterstützt nach
eigenen Angaben hilfsbedürftige Menschen und fördert Projekte für Kinder, behinderte
oder alte Menschen und für Familien, die in Armut leben. Handys ohne SIM-Karte können an
die Stiftung geschickt werden:
Stiftung mitLeidenschaft, Schildescher Str. 101-103, 33611 Bielefeld.
epd
Glauben sie dann aber alle auch
noch an den gleichen Gott? Ist es
überhaupt noch ein Glaube? Was
gewährleistet denn, dass bei all der
Unterschiedlichkeit der Menschen
von einem gemeinsamen christlichen, evangelischen Glauben gesprochen werden kann?
In dieser Frage ringen Christinnen und Christen seit zwei Jahrtausenden um Antworten. So sind die
Sammlung der biblischen Bücher
und die altkirchlichen Bekenntnisschriften entstanden.
Für die Reformatoren war klar,
es gibt einen Rahmen, der alles zusammenhält: Die Bibel; das
Zeugnis von Jesus Christus; die
Botschaft, dass der Mensch Erlösung braucht und sie nur durch Jesus Christus erlangt. Das sind die
Kernsätze des Glaubens.
Aber was heißt das konkret? Was
heißt das, wenn ich morgens aufstehe und meinen Tag plane?
Schon Luther sah die Notwendigkeit, diese Kernsätze des Glaubens weiter auszulegen. Deshalb
schrieb er den großen und den kleinen Katechismus. „Was ist das?“,
fragt Luther seine Leser und Zuhörer. Und er gibt ihnen darauf Antwort.
Luthers Katechismen sind eine
Richtschnur für den evangelischen
Glauben. Die Kirche hat sie und
weitere grundlegende Schriften
unter dem Begriff „Bekenntnisse“
zusammengefasst. Eine dieser Bekenntnisschriften ist der Heidelberger Katechismus. Er wird gerade 450 Jahre alt. Überlegungen, wie
man auch heute noch damit umgehen kann:
■ Siehe Seite 6.
Hausmann für die Karriere der Frau?
In einer Umfrage des „Spiegel“ geben 51 Prozent der Männer an, dass sie zugunsten ihrer
Partnerin auf eine Karriere verzichten und längere Zeit Hausmann sein würden. 48 Prozent
lehnten dies ab. Unter den 30bis 44-Jährigen konnten sich sogar 69 Prozent mit dem Leben
als Hausmann anfreunden, bei
den 18- bis 29-Jährigen dagegen
waren es nur 32 Prozent.
Der Soziologe Klaus Hurrel-
Jetzt bestellen auf www.PresseKatalog.de
mann erwartet, dass viele Frauen nicht länger bereit sein werden, ihre Karrierewünsche der
Familie zu opfern.
Wenn sich die Männer nicht
darauf einstellen würden, könnte dies nach Meinung vieler Experten unter anderem dazu führen, dass künftig weniger Ehen
und andere dauerhafte Paarbeziehungen geschlossen werden
und es letztlich auch weniger
Kinder gibt.
KNA
ANDACHT
2
NR. 4 / 20. JaNuaR 2013
Glanz und Abglanz
die bibel lesen
andac ht zm Wochenspruch für die Woche nach dem letzten Sonntag nach Epiphanias: Jesaja 60, 2
D
ie Seligpreisungen und Weherufe leiten bei Lukas die große Feldrede ein. Vielleicht hat mit diesen
„Leit-Worten“ als einer Art Überschrift
einmal die sogenannte Spruchquelle angefangen, die als schriftlicher oder vielleicht auch nur mündlicher Vorläufer der
Evangelien gilt und die Forscher aus den
parallelen Abschnitten insbesondere des
Matthäus- und Lukas-Evangeliums rekonstruieren wollen, weil sie als eigene
Von dierk Starnitzke
D
as neue Jahr hat mit viel
Schwung begonnen. Es
locken schon wieder
viele Lichter und Stars mit ihrem Glanz. Manche Bühnen
werden aufgebaut, reale und
virtuelle, auf Straßen, in Festsälen, aber auch im Internet. Viele sehnen sich danach, einmal
im Rampenlicht zu stehen, irgendwo der Star zu sein. Sei es
bei öffentlichen Anlässen oder
im ganz privaten Schauspiel
des täglichen Lebens. Blendend
dastehen, glänzend aussehen,
strahlend daherkommen, das
ist etwas, was sich wohl die
meisten wünschen – und sei
es nur im Alltag. Gerade auch
dann, wenn es viele dunkle und
trübe Erfahrungen im eigenen
Leben gibt.
Durch neue Techniken und
Medien entstehen reale und
virtuelle Lichterwelten mit
entsprechenden Lichtgestalten.
Sie scheinen den Dunkelheiten
des Lebens etwas entgegenzu-
Woche vom 20.-26. Januar
Sonntag:
Montag:
Dienstag:
Mittwoch:
Donnerstag:
Freitag:
Samstag:
diese WOCHe
Wochenlied
Herr Christ, der einig Gott
sohn
EG 67
Kollekte
Westfalen: Für Projekte zum
Themenjahr „Reformation und
Toleranz“
lippe: Zweckbestimmung durch
den Kirchenvorstand (empfehlung: deutsche evangelische
Allianz)
Licht und Schein
Mondlicht liegt auf dem Wasser. Eine weite Reise
hat es genommen. Und doch ist der Mond nicht
die Lichtquelle, sondern nur die Projektionsfläche, der Spiegel für das vielfach stärkere Licht
der Sonne. Auch Menschen strahlen nicht aus
sich. Weil Gott sie gemacht hat, liegt der Glanz
des Schöpfers auf ihnen. Und den können sie
verschwenderisch weitergeben.
FOTO: PeResAnZ
Wochenspruch für die Woche nach dem letzten Sonntag nach
Epiphanias (20. Januar):
Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über
dir. Jesaja 60, 2
Schöpfers sichtbar wird. Je
mehr es vorgibt, aus sich selbst
heraus leuchten zu können
und für sich selbst zu stehen,
desto deutlicher zeigt es, dass
es eigentlich keine Verbindung
zum Schöpfer haben will. Jedes Licht, das die Verbindung
mit Gott als dem ewigen und
ursprünglichen Glanz leugnet,
kann eigentlich nur ein Irrlicht
sein. Die Aufgabe eines jeden
Lichtscheines ist aber, auf Gott
in seiner Herrlichkeit zu verweisen. Je deutlicher also etwas
Bestrahlt vom
Glanz Gottes
als Abglanz des göttlichen
Schöpfers erscheint, desto
wertvoller und schöner ist es.
Die wunderbare Botschaft
des Jesajatextes ist nun, dass
die Leserinnen und Hörer dieser Worte selbst solche Lichter
sein können. Der herrliche
Glanz Gottes geht jeden Tag
über jedem Menschen auf. Zuerst über den Israeliten, denen
diese Worte des Jesajabuches
ursprünglich galten. Dann
aber auch über allen anderen
Menschen, den „Völkern“, wie
es bei Jesaja heißt (Jesaja 60,3).
Das gilt nicht nur kollektiv für
ganze Nationen, sondern auch
individuell für jeden einzelnen
Menschen. So kann jeder sein
Leben als Abglanz des herrli-
chen Glanzes seines Schöpfers
verstehen. Das gibt im Grunde
jedem Menschenleben einen
großen Wert.
Was für eine wunderbare
Glaubensvorstellung das doch
ist: Du bist ein strahlender
Mensch! Aber du strahlst nicht
aus dir selbst, sondern weil du
den Glanz deines Schöpfers
widerspiegelst. Insofern bist
du nicht gerade ein Star. Kein
Stern, der aus sich selbst heraus leuchten könnte. Vielmehr
bist du wie der Mond, der das
ursprüngliche Licht der Sonne
zurückstrahlt. So kannst du in
die täglichen Zusammenhänge
deines Lebens hinein strahlen.
In deinem Leben wird etwas
von dem herrlichen ursprünglichen Licht des Schöpfers
sichtbar, das dich immer bescheint und erhält.
UK-Andacht im Internet:
www.unserekirche.de
Deshalb sollst du aufstehen
und dein Leben in solchem
Bewusstsein leben. Wie es
im Jesajatext im Satz vorher
heißt: „Mache dich auf und
werde licht“. Oder etwas wörtlicher aus dem Hebräischen
übersetzt: „Steh auf, leuchte!“
(Jesaja 60,1) Wer also meint,
aus eigener Kraft leuchten zu
können und der Star seines Le-
Psalm 40
Lukas 6,17-26
Lukas 6,27-35
Lukas 6,36-42
Lukas 6,43-46
Lukas 6,47-49
Lukas 7,1-10
Überlieferung nicht mehr schriftlich erhalten ist. Anders als bei Matthäus, wo Jesus auf dem Berg predigt (Matthäus 5,1),
kommt er bei Lukas vom Berg, wo er die
zwölf Apostel erwählt hat. In ihrer Begleitung steigt er herab und trifft in einer Ebene, einem Feld (der See Genezareth ist nicht erwähnt) eine große Schar
seiner übrigen Jünger (6,17) sowie eine
Volksmenge, die aus ganz Israel, sogar
aus Tyrus und Sidon zusammengeströmt
ist, um ihn zu hören und geheilt zu werden. Geheilt werden sie, aber werden sie
auch hören?
Der Wunsch, selber
glänzen zu wollen
setzen. Sie sorgen für Entspannung und Heiterkeit oder regen
vielleicht einfach nur zum Konsum an. Da gibt es durchaus
die Gefahr, Illusionen zu erliegen und sich von bestimmten Personen oder Effekten
blenden zu lassen – oder selbst
glänzen und blenden zu wollen. Im Dschungel der Lichter
und Lichtgestalten tut deshalb
Orientierung gut.
In dem wunderbaren Text
aus dem Propheten Jesaja
wird ein Orientierungspunkt
genannt, der helfen kann, die
verschiedenen Lichter, den
Glanz, die Stars und Sternchen
einzuordnen: Das Licht aller
Lichter ist Gott selbst. Es geht
über der ganzen Schöpfung auf
und bestrahlt mit seinem Glanz
die Welt. Das Wort „doxa“, das
hier im griechischen Jesajatext steht, bedeutet zugleich
„Glanz“ und „Herrlichkeit“.
Am ersten Tag der Schöpfung
hat Gott gesagt: Es werde Licht!
Seitdem ist jedes Licht auf
dieser Welt ein Abglanz, ein
Widerschein seines göttlichen
Lichtes.
Bei jedem Licht in dieser
Welt kann und sollte man deshalb fragen, ob und wie darin
der ursprüngliche Glanz des
Von Walter Schroeder
bens sein zu können, der wird
erfahren, dass irgendwann für
ihn die Lichter ausgehen. Wer
aber jeden Tag neu aufsteht,
um sich vom göttlichen Licht
bescheinen zu lassen und es
widerzuspiegeln, für den wird
es in Ewigkeit nicht dunkel
werden.
Ich wünsche Ihnen, liebe
Leserin, lieber Leser, dass Sie in
dieser Weise den hellen Glanz
Gottes auf sich spüren können
– und auf den Menschen um
Sie herum.
Gebet: Gott, danke, dass wir
für den Glanz in unserem Leben nicht selbst sorgen müssen. Hilf uns, den Widerschein deiner Herrlichkeit
auf dem Angesicht anderer
Menschen zu erkennen und
sie deshalb wertzuschätzen.
Amen.
dr. dierk
Starnitzke
(51) ist als
Pfarrer
Vorstandssprecher der
diakonischen
stiftung Wittekindshof
in bad Oeynhausen
Jetzt bestellen auf www.PresseKatalog.de
D
eswegen richtet Jesus seine Augen
auf seine Zuhörer, aber spricht auf
gleicher Augenhöhe (6,20) zu den
Menschen, nicht über sie hinweg, und
nicht nur zu den Jüngern, denn die frohe Botschaft gilt allen. Die Anrede geschieht hier durchweg in der zweiten Person (Ihr!). Lukas macht damit klar: Diese
Worte gelten auch für andere Menschen
seiner Gegenwart, ja für alle Menschen,
sogar die, die später geboren würden. Zu
den Seligpreisungen hat Lukas – anders
als Matthäus – die Weherufe gestellt. In
seinem ganzen Evangelium sind Aussagen von Heil und Gericht zugeordnet.
Der Ablehnung in Nazareth (4,14) folgte
die Aufnahme in Kapernaum (4,31), und
schon der greise Simeon hatte zugleich
mit seinem Segen über das Kind davon
gesprochen, dass es „zu Fall und Auferstehen vieler in Israel“ (2,34) werden würde.
Segen und Fluch standen schon im alten
Bund dicht beieinander (3.Mose 28,30).
D
ie Übersetzung des Schlüsselwortes „selig“ gelingt bis heute nur
unvollkommen. Ein (nur vermutbarer) Begriff aus der aramäischen Sprache, die Jesus gesprochen hat, ist mit dem
griechischen „makarios“ übersetzt worden, das wiederum ist dem uns geläufigen „selig“ auch nicht völlig gleich. Worte
wie „glücklich“ oder gar „happy“ decken
das ebenfalls nicht ab, auch nicht Formulierungen wie „Freuen können sich alle,
..Gut dran sind diejenigen, die….“ oder die
vielen anderen Versuche, die geglücktes,
gelingendes, vollendetes, taugliches, gütiges und gutes, erfülltes Leben in Frieden
und Zufriedenheit, das durch Gottes Segen in dieser Fülle über sich selbst hinaus
weist. Jörg Zink etwa und andere Übersetzer, die sich um eine verstehbare Sprache
für moderne Menschen mühen, kehren
darum auch wieder zum gewohnten „selig“ zurück, auch wenn das Wort für manchen inzwischen abgegriffen klingt und
mitunter arg missbraucht wird.
Die Sätze Jesu zur Feindesliebe werden von Lukas ausführlich festgehalten,
das Verhältnis zum Nächsten soll auf Vergebung (=Erneuerung des Friedens!) gegründet sein, keinesfalls auf überheblichem Richten!
THEMA DER WOCHE
NR. 4 / 20. JANuAR 2013
3
Ewigkeit in der Zeit
Unsere Beschleunigungsgesellschaft verleitet dazu, die Tage mit immer mehr Aktivitäten
zu füllen. Negative Folgen der Hektik sind vielfach sichtbar. Wer das Tempo rausnimmt, gewinnt eine andere Qualität von Zeit
Pl ädoy e r für eine ande r e Zeitkultur
VON WOLFGANG RIEWE
„Keine Zeit“ zu haben, ist Kennzeichen unserer Epoche. Viele Menschen hasten von Termin zu Termin, versuchen immer mehr Dinge in immer weniger Zeit zu packen,
und werden darüber hektisch und
nervös. Wer früher mit Bedacht und
in schöner Handschrift einen Brief
verfasste, tippt jetzt in Windeseile
eine E-Mail in den Computer. Wer
vor Jahren noch für eine Dienstreise nach Berlin mindestens zwei Tage
einplante, fährt heute mit Hilfe des
ICE von Bochum nach Berlin in einem Tag hin und zurück. Oder setzt
statt des ausführlichen Gesprächs
mit den Kollegen nur eine kurze Telefonkonferenz an. Unser Lebenskarussell dreht sich immer schneller.
Doch wo ist sie hin – die Zeit, die
wir mit all den neuen Technologien
und Effizienzmodellen eingespart
haben?
In seinem Kinofilm „In Time –
Deine Zeit läuft ab“ führt der Regisseur Andrew Niccol Bilder einer Gesellschaft vor Augen, in der Zeit die
einzige Währung ist. Es existieren
keine Geldnoten und Münzen mehr;
bezahlt wird hier allein mit Zeit: Die
Arbeit in der Firma ebenso wie der
Kaffee beim Bäcker. Die Menschen
sind darum permanent auf der Jagd
nach der Zeit.
Zeitdruck durch Überfülle
an Möglichkeiten
Ein Filmthema, das den Nerv unserer Zeit trifft. Längst ist Zeit zu einer harten Währung geworden, die
äußerst knapp ist. Auf die Frage, was
für sie der größte Luxus ist, antworten Verantwortungsträger heute in
Politik und Wirtschaft gleichermaßen: „Zeit, freie Zeit“. Freie Zeit zu
haben, selbst zu bestimmen, was
man tun will, ist eine große Kostbarkeit geworden.
Dabei haben die meisten Menschen heute eigentlich wesentlich
mehr freie Zeit als die Generationen
vor ihnen. Mit 37,7 Stunden gehört
die durchschnittliche tarifliche Wochenarbeitszeit in Deutschland weltweit zu den kürzesten. Spitzenreiter
sind die Deutschen dagegen beim
Jahresurlaub. In der Regel beträgt er
30 Tage. Angestiegen ist auch die Lebenserwartung. Bei Jungen, die heute geboren werden, beträgt sie inzwischen 77 Jahre und vier Monate, bei
Mädchen sogar 82 Jahre und sechs
Monate. Vor 130 Jahren dagegen
wurden die meisten Menschen gerade einmal knapp 40 Jahre alt.
Warum aber haben dann viele
Unser Lebenskarussell dreht sich immer schneller. Doch ist ein anderes Tempo möglich, wir müssen es nur wollen.
Menschen trotzdem das Gefühl, weniger freie Zeit zu haben? Dies liegt
vor allem an den gewachsenen technischen Möglichkeiten. Die modernen Kommunikations- und Verkehrsmittel verleiten die Menschen
dazu, immer mehr Aktivitäten in
ihre Tage hineinzustopfen. Der Zeitdruck entsteht also nicht durch Mangel an Zeit, sondern durch eine Überfülle an Möglichkeiten.
Indem Junge wie Ältere von Erlebnis zu Erlebnis sprinten, nichts verpassen wollen und dabei immer auch
den „Kick“ der Geschwindigkeit suchen, werden ihre Tage immer kürzer. Es kommt zu chronischer Zeitnot und Stress. Und am Ende drohen
Erschöpfung und Ausgebrannt-Sein.
Auch Florian Opitz merkte eines
Tages, dass mit seinem Leben etwas
nicht stimmt. Zwar war er mit einer wunderbaren Frau zusammen,
sie hatten ein Kind und gute Berufe.
Doch stellte er fest, dass er fast überhaupt keine freie Zeit mehr hatte.
So machte er sich auf die Suche.
Dabei kam ein Film heraus: „Speed
– Auf der Suche nach der verlorenen
Zeit“. Opitz begegnet Menschen, die
die Beschleunigung vorantreiben,
vieles gleichzeitig machen und auf
„Effizienz“ pochen. Er lernt aber
auch solche kennen, die aus ihrem
privaten und beruflichen Hamsterrad ausgestiegen sind und nach Alternativen suchen. Dabei entdeckt
er: Ein anderes Tempo ist möglich,
wir müssen es nur wollen.
Unsere Zeit – in Gottes Händen
Als sie das Ziel aus den Augen verloren, verdoppelten sie ihre
Anstrengung.
Mark Twain
Die meisten Menschen verbringen ihre Zeit damit, sich vorzubereiten,
demnächst zu leben.
Jonathan Swift
Igor Strawinski
Ich habe keine Zeit, mich zu beeilen.
Es gibt nicht nur den Nutzen. Es gibt auch den Segen.
Josef Pieper
Zu einem guten Arbeiter gehört es, dass man aufhören kann zu arbeiten
und dass man keine Angst vor der Ruhe hat. Es gibt Emsigkeiten,
die nichts anderes sind als getarnte Faulheit.
Fulbert Steffensky
Wir sollen nicht nur aus der vita activa in die vita contemplativa
fliehen, noch umgekehrt, sondern wechselnd unterwegs sein,
in beiden zu Haus sein, an beiden teilhaben.
Hermann Hesse
Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott!
Meine Zeit steht in deinen Händen.
Psalm 31, 15
Der Schweizer Geschäftsmann
Rolf Dobelli hat das gewagt. Er
schaffte Radio und Fernseher ab
und löschte die Nachrichten-App
auf seinem Smartphone. Die ersten
Wochen seien hart gewesen, gesteht
er. Doch er hielt durch. Statt viel Zeit
mit Fernsehen und Internet zu verbringen, liest er jetzt wieder Bücher
und wichtige Hintergrundartikel in
Zeitungen. Oder nimmt sich Zeit für
Gespräche mit Freunden. Heute, drei
Jahre später, hat er dadurch „ein klareres Denken, wertvollere Einsichten, bessere Entscheidungen und viel
mehr Zeit“ gewonnen. Bemerkenswert sei vor allem, dass er dabei noch
nie etwas Wichtiges verpasst habe.
Den meisten Leuten aber fällt
es schwer, wenigstens teilweise aus
dem Hamsterrad auszusteigen – und
einzusteigen in ein Leben mit mehr
Zeit. Dies liegt vor allem an der Faszination der vielen Möglichkeiten, die
sich heute bieten. Es ist wie bei einem
riesengroßen Buffet: Es offeriert uns
eine phantastische Auswahl – viel
mehr als wir vertragen können. Obwohl es unsinnig ist, packen sich viele die Teller randvoll. Gesünder wäre
es, sich auf Weniges zu beschränken.
Aber das ist nicht so leicht.
„Weniger“ – und „langsamer“ –
dies hört sich nach Verzicht und
Mangel an. Das Gegenteil aber ist der
Fall. Langsam und wenig zu essen
kann mehr Lebensgenuss bedeuten.
Sich Zeit lassen, kann viel Zeit sparen. Stunden der Muße können kreative Ideen hervorbringen.
Für eine „Askese der Möglichkeiten“ plädierte kürzlich in einem aus
der Klosterkirche Wennigsen übertragenen Gottesdienst Pastorin Annette Wehnken. Etwas mit allen Sinnen auszukosten könne mehr Lebensgenuss bedeuten: „Der letzte
verklingende Akkord eines Konzerts.
Das Licht, das durch die Kirchenfenster fällt. Der Geschmack, wenn
Brot und Wein sich auf der Zunge
mischen. Das Gefühl schmelzender
Schneeflocken auf der Haut. Die Zeit
langsam auskosten können.“
Die Sehnsucht nach solchen Momenten, nach Oasen der Ruhe und
Stille, ist unbestritten. Kaum aber etwas ist in unserer Beschleunigungsgesellschafft seltener geworden als
Zeit und Muße für solche Momente.
Zeit fürs Innehalten, Zeit zum Denken
und Reflektieren, Muße, um schöpferische Ideen zu empfangen, Ruhe
für Gebet und Meditation, Offenheit
für die Inspiration des Geistes, die
Bewegungen der eigenen Seele.
Bei alldem geht es um mehr als
Wellness-Oasen und Entspannungstechniken. Es geht darum, Zeit für
das Wesentliche zu finden, Kraft
für Zukunftsaufgaben zu schöpfen,
durch Gottes Geist Hilfe für Entscheidungen zu empfangen. Ohne
die nötige Zeit und Ruhe für sich zu
haben, ist dies nicht möglich.
Manche Entscheidungen stellen
sich im Nachhinein als falsche Weichenstellungen heraus, weil sie im
Eiltempo getroffen wurden. Notwendig ist es deshalb, das Tempo herauszunehmen und in Ruhe und mit Bedacht die nötigen Konsequenzen zu
bedenken.
Kleine Momente der Stille
im Lauf der Zeit
Die negativen Folgen der Hektik
zeigen sich in vielen Bereichen immer deutlicher. Schnell und billig zusammengebaute Produkte sind störanfällig, hektische Veränderungen
führen zu negativen Ergebnissen.
Folgen von Stress und Druck am Arbeitsplatz sind Produktionsausfälle,
die sich in Deutschland inzwischen
jährlich in der Höhe zwischen acht
bis zehn Milliarden Euro summieren.
Die Deutsche Bahn hat daraus
gelernt. Statt mit Höchstgeschwindigkeit und hoher Verspätung fährt
sie in diesem Winter lieber etwas
langsamer, aber pünktlicher. Wer es
schafft, auch das eigene Leben abzubremsen, den Sonntag als Ruhetag
hält und sich immer wieder Oasen
der Stille und Entspannung gönnt,
gewinnt eine Qualität von Zeit, die
jenseits von schneller Taktung liegt.
Diese Qualität von Zeit hat einen großen Namen: Ewigkeit.
Diese Qualität der Zeit, die Ewigkeit, ist es, die kleine Momente der
Stille ganz reich und erfüllt machen kann. „Ewigkeit ist das Herz
der Zeit“, sagt Annette Wehnken.
„Sie passiert plötzlich, und wenn
sie passiert, ist es so, als würde der
Lauf der Zeit für einen Moment unterbrochen.“
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FoTo: olly
das Herz der Zeit
Bei einem Spaziergang spätabends stehe ich vor der Wiese
am Wald. Von Schnee bedeckt
liegt sie da wie eine weiße Decke. Am klaren Nachthimmel
funkeln Millionen von Sternen
und der Mond taucht alles in ein
milchiges Licht und es ist ganz
still. Auf einmal fühle ich so etwas wie die Ewigkeit, fühle mich
verbunden mit etwas, das über
aller Zeit steht und bin ein Teil
davon. Ewigkeit – das Herz der
Zeit. Eine Berührung der Seele.
Auf einmal fällt die Spannung
von mir ab. Ruhe kehrt ein. Ich bin
ganz im Hier und Jetzt und fühle
mich geborgen. Alles ist Geschenk.
„Er hat alles schön gemacht zu
seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt“, so heißt
es im Buch Prediger. Das heißt:
Wir tragen die Qualität der Zeit,
die Ewigkeit, schon in uns. Wir
müssen sie nur in uns wirken lassen. Dies geschieht, wenn wir uns
Zeit nehmen, regelmäßig innezuhalten. „In der Stille geschehen
die großen Dinge, nicht im Lärm
und Aufwand der äußeren Ereignisse, sondern in der Klarheit des
inneren Sehens… die leisen Kräfte sind es, die das Leben tragen“,
hat Romano Guardini gesagt.
Damit die Lebenszeit nicht
an uns vorübersprintet, ist es
notwendig, eine andere Zeitkultur zu entwickeln und die verloren gegangene Balance wieder herzustellen. Als Einstieg in
solch ein bewusstes Gegensteuern eignet sich nichts besser als
das strikte Einhalten von Ruhepausen im Alltag und die sabbatliche Feier des Sonntags: „Je
schärfer und konsequenter ich
meinen Sabbat von meinen Arbeitstagen abgrenze, um so mehr
erfahre ich die wohltuende und
heilsame Wirkung, die von dem
schlichten und regelmäßigen
Halten des Sabbats ausgeht“,
schreibt in seinem Buch „Den
eigenen Weg finden“ Rolf-Walter Becker. Jederzeit kann sie
dann aufleuchten – die Ewigkeit
in der Zeit. Sie ist ein unbezahlbares Geschenk.
rie
Z E I TG E S C H E H E N
4
NR. 4 / 20. JANUAR 2013
„Außerordentlich
schädlicher Vorgang“
Kurz notiert
England: Kritik der Anglikaner
an Plänen zur Thronfolge
Experten bedauern das Scheitern
der geplanten Studie. Katholische Kirche
sucht nun neue Partner für die Aufarbeitung
MiSSbR Auc h
gang“. Der MissbrauchsbeaufBERLIN/ESSEN – Nach dem Scheitragte der Bundesregierung, Jotern einer umfangreichen Studie
hannes-Wilhelm Rörig, sagte, er
zum Missbrauchsskandal in der
sehe die Kirche in der Pflicht, das
katholischen Kirche haben ExperForschungsvorhaben schnell fortten und Betroffene Konsequenzuführen. Der Kinderschutzbund
zen für die Aufarbeitung geforhat daran Zweifel. Präsident Heinz
dert. Der Fachbeirat des UnabHilgers äußerte in der „Saarbrühängigen Missbrauchsbeauftragcker Zeitung“ den Verdacht, „ dass
ten, Matthias Katsch, verlangt ein
starke Kräfte in der katholischen
Eingreifen von Bundesregierung
Kirche jetzt nach der Methode
und Bundestag. „Es braucht den
Vergessen-und-Vergeben arbeiDruck des Staates, beispielsweiten“. Ohne Pfeiffers Institut sei
se eine Enquete-Kommission des
nun „ein Gefälligkeitsgutachten“
Bundestags einzurichten, die sich
zu erwarten.
des Missbrauchs systematisch anDie katholische Kirche hatte
nimmt“, sagte er der „tageszeizuvor die Zusammenarbeit mit
tung“ vom Donnerstag.
dem Institut gekündigt, das eine
Der Vorsitzende des Netzwerks
umfangreiche Studie zur AufkläBetroffener von sexualisierter Gerung des sexuellen Missbrauchs
walt (netzwerkB), Norbert Denef,
in der Kirche erarbeiten sollte. Als
fordert strengere Gesetze zur
Grund wurde ein „zerrüttetes VerAufklärung von sexuellem Misstrauensverhältnis“ genannt. Pfeifbrauch. Im Bayerischen Rundfer hatte den Bischöfen vorgeworfunk sagte er: „Wir brauchen eine
fen, seine Forschung zensieren
klare Gesetzesreform, wir brauund über Veröfchen eine Anzeif e n t l i c hu n g e n
ge- und MeldeAckermann weist
entscheiden zu
pflicht.“ Derzeit
schütze der Staat
Zensurvorwürfe zurück wollen. Die katholische Kirche
nur die Kirche,
gab unterdessen
beklagte Denef,
bekannt, sich nun einen neuen
der als Kind jahrelang von einem
Partner für das Projekt suchen zu
katholischen Messdiener misswollen.
braucht wurde.
„Wir werden jetzt das Gespräch
Die Enttäuschung über das
mit anderen möglichen ProjektScheitern der Zusammenarbeit
partnern suchen“, sagte der Beder katholischen Kirche mit dem
auftragte der Deutschen BischofsKriminologischen Institut Niekonferenz für Fragen sexuellen
dersachsen (KFN) ist groß. BunMissbrauchs Minderjähriger, Bidesjustizministerin Sabine Leutschof Stephan Ackermann, den
heusser-Schnarrenberger
sagZeitungen der Essener WAZ-Mete im Deutschlandfunk, die Entdiengruppe. Nach dem Scheitern
scheidung erwecke den Eindruck,
der Kooperation mit dem Krimidass Kirchen-Vertreter doch nicht
nologen Christian Pfeiffer hätten
alles unabhängig aufklären lassich inzwischen bereits Interessen wollten. Bundestagspräsident
senten für das Forschungsprojekt
Norbert Lammert erklärte gegengemeldet, berichtete der Trierer Biüber der Tageszeitung „Die Welt“,
schof weiter. Die Zensur-Vorwürfe
das Scheitern sei „umso bedauerliwies Ackermann zurück. „Es ging
cher, weil mit dem Forschungsaufnicht um Zensur, wie er aus einem
trag die öffentlich angemeldeten
Vertragsentwurf herauslesen will,
Zweifel an der Ernsthaftigkeit des
sondern es geht uns um wissenAufklärungsinteresses der kathoschaftliche Aufarbeitung, die den
lischen Kirche ausgeräumt werDatenschutz und die Persönlichden sollten“.
keitsrechte in dem notwendigen
Der Präsident des ZentralkoMaß wahrt“, sagte Ackermann.
mitees der deutschen Katholiken
Zwischen Pfeiffer und der katho(ZdK), Alois Glück, bezeichnete
lischen Kirche geht der Streit indas Scheitern der Studie als „audes offenbar juristisch weiter. epd
ßerordentlich schädlichen Vor-
Europa: Mehr als eine Wirtschaftsunion.
Foto: marqs
„Friedensprojekt“
Religionsvertreter unterstützen
Europa-Initiative deutscher Stiftungen
EuRoPA
DÜSSELDORF/HANNOVER – Neben anderen Prominenten unterstützen auch Spitzenvertreter der
beiden großen Kirchen sowie der
Juden und Muslime in Deutschland die Kampagne „Ich will Europa“. In Europa lebten Menschen
unterschiedlicher Kulturen und
Religionen friedlich zusammen,
werben der EKD-Ratsvorsitzende
Nikolaus Schneider, der katholische Erzbischof Robert Zollitsch
sowie Dieter Graumann vom Zentralrat der Juden und Aiman A. Mazyek vom Zentralrat der Muslime.
Europa sei ein großartiges Friedensprojekt, teilten die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)
und die katholische Deutsche Bischofskonferenz dazu mit.
Der EKD-Ratsvorsitzende und
scheidende rheinische Präses
Schneider sagte, es reiche in Europa nicht aus, wenn man eine
gemeinsame Währung habe und
Handel betreibe: „Die Menschen
brauchen Zukunftsperspektiven.
Wir müssen wieder darauf drän-
gen, dass Europa ein kultureller und sozialer Gestaltungsraum
wird.“ Die Glaubensgemeinschaften hätten die Kraft und Reichweite, Grenzen zu überwinden
und Menschen für Europa zu begeistern.
Europa sei vor allem eine Wertegemeinschaft, sagte Erzbischof
Zollitsch zu der Pro-Europa-Initiative. „Sie ist erwachsen aus dem,
was das biblische, das christliche
Fundament ist. Diese Werte haben
Europa geprägt.“ Die christlichen
Kirchen hätten viel für den Aufbau
Europas nach dem Zweiten Weltkrieg getan.
Die 2012 gestartete Initiative
deutscher Stiftungen wirbt als
Antwort auf die aktuelle europakritische Debatte für ein positives
Europa-Image und verweist auf
die Vorteile der europäischen Integration. Schirmherr der Kampagne ist Bundespräsident Joachim
Gauck.
epd
n
www.ich-will-europa.de
cdu und EKd: Sterbehilfe eingrenzen
ESSEN – Die CDU will das geplante Verbot der gewerbsmäßigen Suizidbeihilfe strenger fassen. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) ist nach eigenen Worten „mit dem Herzen auf der Seite
derjenigen, die das Gesetz weiter
eingrenzen wollen“. Eine Debatte
darüber sei „notwendig“ und müsse jetzt geführt werden, sagte Lammert der WAZ-Mediengruppe.
Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP)
hatte einen Gesetzentwurf eingebracht, der lediglich die gewerbsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung
unter Strafe stellt. Auch der EKDRatsvorsitzende Nikolaus Schneider sagte, die geplante Strafbarkeit allein gewerbsmäßiger Beihilfe zum Suizid reiche der evangelischen Kirche nicht. Jemandem
zum Sterben zu verhelfen, „darf
kein Geschäftsmodell sein“, sagte Schneider der Neuen Rhein Zeitung.
KNA
Christenverfolgung in Afrika nimmt zu
Volker Kauder ruft zur Wachsamkeit auf. Am bedrohlichsten
ist die Situation für Christen in Nordkorea
„W E lT v E RfolgungSindE x“
KELKHEIM – In Afrika werden
Christen nach Angaben des Hilfswerks Open Doors zunehmend
durch Islamisten verfolgt. In ihrem im hessischen Kelkheim veröffentlichten „Weltverfolgungsindex 2013“ spricht die überkonfessionelle christliche Organisation
erstmals auch von Diskriminierung und Gewalt gegen Christen
in Mali, Tansania, Kenia, Uganda und Niger. Insgesamt werden
derzeit dem Bericht zufolge weltweit rund 100 Millionen Christen
aufgrund ihres Glaubens verfolgt.
Der Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Volker Kauder,
rief dazu auf, wachsam zu bleiben.
An der Spitze der Unterdrückung von Christen steht laut
Open Doors zum elften Mal in
Folge Nordkorea. Hier werde bereits der Besitz einer Bibel mit der
Todesstrafe oder Arbeitslager für
die gesamte Familie bestraft, heißt
es. Der Index dokumentiert jährlich die Lage von Christen weltweit. Dabei werden die 50 Länder
aufgelistet, in denen Christen wegen ihres Glaubens am stärksten
benachteiligt werden.
Auf den nächsten acht Plätzen
folgen Staaten, in denen der islamische Extremismus die Hauptquelle für eine systematische Verfolgung von Christen ist. Am meis-
ten haben Christen demnach in
Saudi-Arabien und Afghanistan
zu leiden. Die Bedrohung in Afrika nehme zu, so das Hilfswerk. In
Mali hätten Christen fliehen müssen, nachdem der Al-Kaida nahestehende Islamisten den nördlichen Landesteil erobert hätten.
Wachsenden Einfluss islamistischer Gruppierungen in der Gesellschaft und zugleich gewaltsame Übergriffe auf Christen gebe es
auch in Tansania, Kenia, Uganda,
Niger und Nigeria sowie Ländern
des „Arabischen Frühling“.
Kauder sagte, zwar könne man
an der Situation in den Ländern
selbst nicht viel ändern. Es kom-
me aber darauf an, immer wieder auf die Bedeutung der Religionsfreiheit hinzuweisen. Es gebe
kaum Staaten, denen es gleichgültig sei, wegen Verstößen gegen die
Menschenrechte unter Beobachtung zu stehen. Kauder will im Februar wieder nach Ägypten reisen,
um sich ein Bild von der Lage der
Christen dort zu machen.
Open Doors unterstützt nach
eigenen Angaben verfolgte Christen in mehr als 50 Ländern weltweit mit Hilfe zur Selbsthilfe-Projekten, Literatur und Ausbildungsprojekten. Die Organisation hilft
demnach Gefangenen und den Familien ermordeter Christen. epd
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LONDON – Nach Prinz Charles hat auch
die Kirche von England die geplante Gesetzesänderung zur Thronnachfolge kritisiert. Der britische Premierminister David
Cameron möchte künftigen Thronfolgern
ermöglichen, auch Katholiken zu heiraten.
Der ehemalige Erzbischof von Canterbury,
Lord Carey, sagte nach britischen Medienberichten, man dürfe die „empfindliche
gesetzmäßige Balance“ nicht gefährden.
Auch der im Dezember zurückgetretene Erzbischof von Canterbury, Rowan
Williams, hatte Bedenken geäußert. Der
Thronnachfolger müsse nach den Lehren
der Anglikaner erzogen werden, wenn der
Monarch weiterhin das Oberhaupt der Kirche von England bleiben solle. „Es bedarf
eines klaren Verständnisses dafür, dass der
Thronfolger in diesem Umfeld aufwachsen
müsse“, sagte Williams.
Seit mehr als 300 Jahren gibt es das Verbot, dass britische Könige keine Katholiken heiraten dürfen. Mit dem neuen Gesetz soll auch die Thronfolge selbst neu geregelt werden. Demnach sollen weibliche
und männliche Nachfahren im Anspruch
auf den Thron gleichgestellt werden. epd
Reformationsfeiertag 2017:
Positive Signale aus der Politik
BAD NEUENAHR – Nikolaus Schneider ist
zuversichtlich, dass der 500. Jahrestag der
Reformation am 31. Oktober 2017 als bundesweiter Feiertag begangen wird. „Die
Signale sind jedenfalls positiv“, sagte der
scheidende rheinische Präses und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in
Deutschland (EKD) vor der rheinischen
Landessynode in Bad Neuenahr.
In den vergangenen Wochen hatten
Bundes- und Landespolitiker die Forderung nach einem bundesweiten Feiertag
anlässlich des Reformationsjubiläums 2017
unterstützt. Neben Bundesinnenminister
Hans-Peter Friedrich befürworteten auch
die Regierungschefs von Bremen, Hamburg und Niedersachsen einen einmaligen arbeitsfreien Tag am 31. Oktober 2017.
Derzeit ist der Reformationstag nur in
den ostdeutschen Ländern mit Ausnahme
Berlins gesetzlicher Feiertag. Im November hatte die EKD-Synode gefordert, ihn
2017 bundesweit zum Feiertag zu machen.
Der Tag erinnert an den historisch umstrittenen Thesenanschlag Martin Luthers
(1483-1546) an der Wittenberger Schlosskirche im Jahr 1517. Damit wandte sich Luther gegen kirchliche Missstände wie den
Ablasshandel. Dieses Ereignis gilt als der
Beginn der reformatorischen Umwälzungen in Europa.
Der rheinische Präses erneuerte seine
Einladung an Christen aller Konfessionen,
das Jubiläum gemeinsam zu begehen. Es
gehe um die Umkehr zu Christus. Das könne auch eine Brücke für die katholische Kirche sein, sich zu beteiligen.
epd
Kirchentags-Präsidiumsmitglied
wird Staatssekretärin
STUTTGART – Marion von Wartenberg
(Foto), Gewerkschafterin und Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentages, wird Staatssekretärin im badenw ü r ttemberg ischen
Ku lt usm i n ister iu m.
Das teilte Ministerpräsident Wilfried Kretschmann in Stuttgart mit.
Die Sozialdemokratin
Wartenberg ist seit 2008
stellvertretende Vorsitzende des DGB-Bezirks
Baden-Württemberg. Davor war sie unter
anderem Klinik- und Altenseelsorgerin der
Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Dozentin an einer Kranken- und
Altenpflegeschule.
epd
HINTERGRUND
NR. 4 / 20. JaNUaR 2013
kommentiert
Rheinl and
Transparenz
schaffen
Von WoLFgAng RIeWe
S
elten hat man auf einer Synode so viele selbstkritische
Töne gehört. Von „Vertrauensverlust“ und „Ängsten“ war immer wieder die Rede, von „Krisen“
und „unerledigten Aufgaben“:
Die diesjährige Landessynode
der Evangelischen
Kirche im Rheinland war überschattet von dem
Finanzskandal
um das kircheneigene Beihilfe- und
Bezügezentrum,
das wegen katastrophaler Geldanlagen in dubiosen Investmentgeschäften in eine
Schieflage geraten ist. Den scheidenden Präses Nikolaus Schneider, der zweifellos große Verdienste um seine Landeskirche hat, ehrt
es, dass er unumwunden zugab, die
innerkirchliche Kontrolle habe hier
völlig versagt.
Damit aber gerät die Frage in den
Blick, ob die gegenwärtigen kirchlichen Strukturen den gewachsenen Aufgaben in Zukunft noch gerecht werden können. Die presbyterial-synodale Struktur ist im Rheinland besonders stark ausgeprägt.
Wie in Westfalen kennt man dort
keine Trennung zwischen Synode,
dem „Parlament“, und der Kirchenleitung („Exekutive“). Das sichert
die enge Verbindung zwischen Basis und Leitung, kann aber auch zu
Undurchschaubarkeit und Kontrollverlusten führen.
E
s war daher an der Zeit, dass
die rheinische Synode klare Konsequenzen aus dem Finanzdebakel gezogen hat. Die Kontrollen müssen in Zukunft verbessert und finanzielle Risiken vermindert werden. Dies gilt nicht nur
für Gemeinden, Kirchenkreise und
kirchliche Einrichtungen, sondern
auch für große Werke wie etwa die
Diakonie. Deren Finanzgebaren ist
für die ehrenamtlich mitwirkenden
Verwaltungsräte häufig fast kaum
noch durchschaubar. Wie hier mehr
Transparenz geschaffen werden
kann, bleibt eine noch zu lösende
Aufgabe.
In einer presbyterial-synodal
verfassten Kirche darf der Verwaltungsebene nicht zu viel Macht gegeben werden. Die zuständigen
Gremien, besonders die Ehrenamtlichen darin, müssen immer dazu
in der Lage sein, die Verwaltung zu
kontrollieren.
Aufgabe des neu gewählten rheinischen Präses Manfred Rekowski ist es nun, wieder Vertrauen zwischen den verschiedenen Ebenen
herzustellen und trotz notwendigen Rückbaus für neue Aufbrüche
zu sorgen. Dem krisenerprobten Rekowski ist dies zuzutrauen. Er weiß,
dass die rheinische Kirche keine Lösungen „von oben herab“ verträgt.
Mit einem „Weiter so“ ist es aber
auch nicht getan. Dass er sich das
Thema „Aufbruch“ bewusst auf die
Fahnen geschrieben hat, ist lobenswert. Auch bei den Leitungsstrukturen Neues zu wagen, darf nicht länger ein Tabu sein.
5
Krisenerprobter Kirchenmann
Rheinl and ( i ) Der künftige rheinische Präses Manfred Rekowski soll dazu beitragen,
das verloren gegangene Vetrauen in die Landeskirche wieder herzustellen. Im März tritt er sein Amt an
Von Ingo LehnIck
BAD NEUENAHR – Vom künftigen rheinischen Präses wird ein
Neuanfang erhofft: Manfred Rekowski soll eine Vertrauenskrise
in der Landeskirche überwinden
helfen. Über das Rheinland hinaus ist der Theologe bislang wenig
bekannt – seine Wahl war ein Signal nach innen.
Manfred Rekowski ist kein Charismatiker. Der neugewählte Präses der Evangelischen Kirche im
Rheinland hat sich bislang als
lösungsorientierter Organisator
und Manager erwiesen, der Konflikte geschickt entschärfen und
schwierige Veränderungen umsetzen kann. Genau das wird von
dem 54-jährigen Theologen offenbar erwartet, wenn er im März die
Nachfolge von Nikolaus Schneider an der Spitze der zweitgrößten
deutschen Landeskirche antritt.
„Ich spüre das Vertrauen, aber
ich spüre durchaus auch die Last
Vertrauen und
Verantwortung
der Verantwortung“, sagte er unmittelbar nach seiner Wahl. Angesichts der Probleme wolle er sein
Amt mit einer „gewissen Konzentration der Wirkung nach innen“
ausüben – ein Hinweis auf die Vertrauenskrise in der rheinischen
Kirche nach Millionenverlusten
bei einer Kirchenfirma und umstrittenen Reformprojekten.
Rekowski soll wieder Vertrauen
schaffen und trotz notwendigen
Rückbaus für neue Aufbrüche sorgen. Das trauen ihm die Synodalen offenbar eher zu als Vizepräses
Petra Bosse-Huber, die den Unmut
der Basis über das Agieren der Kirchenleitung nach Einschätzung
Glückwünsche für den Nachfolger: Nikolaus Schneider gratuliert
dem künftigen Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, nach dessen Wahl in Bad Neuenahr.
Foto: epd
von Beobachtern letztlich mit ihrer zweiten Niederlage bei einer
Präses-Wahl zu spüren bekam –
2003 war sie Nikolaus Schneider
knapp unterlegen.
Der siegreiche Kandidat hat
sich das Thema Aufbruch bewusst
auf die Fahnen geschrieben: Statt
eines „Weiter so“ gelte es, Neues zu
denken und zu wagen, sagte er bei
seiner Vorstellung. Im Kern geht
es um die Frage, wie der kirchliche Verkündigungsauftrag auch
mit immer weniger Geld und immer weniger Mitgliedern erfüllt
werden kann.
In dieser Frage hat sich der
langjährige Wuppertaler Superintendent in den letzten zwanzig
Jahren unfreiwillig zum Experten
entwickelt: In der bergischen Metropole sank die Zahl der Gemeindeglieder seit 1980 um 45 Prozent.
Negative Entwicklungen könnten
ihn kaum noch erschrecken und
auch im Umgang mit Konfliktsituationen sei er gestählt, sagt der
bisherige Personaldezernent der
rheinischen Kirche.
In seiner Wuppertaler Amtszeit
wurden 60 Prozent der Pfarrstellen
abgebaut und zahlreiche Kirchenhäuser geschlossen. Sein Anliegen
sei trotzdem „nicht Insolvenzvermeidung, sondern die Kommunikation des Evangeliums“, betont
der Gelassenheit und Zuversicht
ausstrahlende Theologe und verweist auf innovative Projekte wie
Jugend- und Diakoniekirche.
Rekowski wurde am 11. Februar 1958 in Moythienen in Masuren geboren und wuchs ab dem
fünften Lebensjahr im Ruhrgebiet
und im Rhein-Sieg-Kreis auf. Nach
Hauptschule und Mittlerer Reife
machte er Abitur, studierte Theologie in Bethel, Marburg, Bochum
und Wuppertal. Dort wurde er
1986 Pfarrer und 1993 mit 35 Jahren der jüngste Superintendent in
der rheinischen Kirche – zunächst
im Stadtteil Barmen, nach der von
ihm vorangetriebenen Fusion mit
Elberfeld 2005 dann erster Superintendent des neuen Kirchenkreises Wuppertal.
Nach sieben Jahren nebenamtlicher Mitarbeit in der Kirchenleitung wurde Rekowski 2011 zum
Oberkirchenrat gewählt. Er übernahm mit der Personalabteilung
die Verantwortung für die knapp
2000 Theologen der rheinischen
Kirche – eine Aufgabe, die ihm
liegt. Vor der neuen Rolle des Präses hat der bescheiden und zurückhaltend auftretende Theologe Respekt – zumal er auf größerer Bühne sein Profil noch schärfen muss. Er geht aber dank seines Leitungsverständnisses auch
entspannt damit um: „Der Präses
ist kein Vorturner und kein Solist.“
Er gebe zwar den Takt an, dürfe je-
Borussia Dortmund
ist sein Lieblingsclub
doch nicht „mit dem Masterplan
um die Ecke kommen“.
Die rheinische Kirche vertrage
mit ihrer Vielfalt ohnehin keine
zentralen Lösungen. Überhaupt
müsse eine schrumpfende Kirche
bunter und vielfältiger werden,
statt großer Strukturen sei künftig
„leichteres Gepäck“ nötig, meint
Rekowski.Entspannen kann der
Theologe, der mit Elektroauto und
S-Bahn zum Landeskirchenamt
fährt, beim Schwimmen oder bei
der Gartenarbeit. Mit seiner Frau
Birgit, die an einer Realschule unterrichtet, ist er seit 1980 verheiratet, das Paar hat zwei erwachsene
Kinder. Aus der Haut fährt Rekowski nur selten – vielleicht am ehesten mit schwarzgelbem Fan-Schal
im Fußballstadion, wenn er seinen
Lieblingsclub Borussia Dortmund
mal live erlebt. (Mehr zur rheinischen Synode auf Seite 10.)
Ein Beziehungsmensch
Ab März ist Nikolaus Schneider „nur“ noch EKD-Ratsvorsitzender. Eine Wohnung in
Berlin hat er schon. Trotz Krisen in seiner Landeskirche fällt ihm der Abschied aus Düsseldorf schwer
Rheinl and ( ii )
DÜSSELDORF – Eine Wohnung
hat er schon: Spätestens Anfang
März wird Nikolaus Schneider zusammen mit seiner Frau Anne die
alte Wohnung von Bundespräsident Joachim Gauck beziehen. In
Berlin, nicht weit von Kindern und
Enkeln, ist künftig der Lebensmittelpunkt der Schneiders. Denn der
(Noch-) Präses der Evangelischen
Kirche im Rheinland geht zumindest teilweise in den Ruhestand:
Auf der traditionell in Bad Neuenahr-Ahrweiler tagenden Synode wurde mit Manfred Rekowski
ein Nachfolger für den 65-jährigen
Theologen gewählt.
Künftig – noch bis 2015 – ist
Schneider „nur“ noch als Ratsvorsitzender der Evangelischen
Kirche in Deutschland (EKD) im
Dienst. Für dieses Amt allerdings
findet sich sein Büro nicht mehr
im eher schmucklosen Landeskirchenamt an der Düsseldorfer
Hans-Böckler-Straße, sondern an
einem der schönsten Plätze der
Hauptstadt, dem Berliner Gendarmenmarkt.
Der Abschied falle trotzdem
schwer, sagte Schneider kürz-
lich. Überraschend ist das nicht.
Denn der frühere Arbeiterpfarrer aus dem Ruhrgebiet ist ein Beziehungsmensch. Jovial, freundlich, und doch verbindlich: Persönliche Kontakte prägen Schneiders Leitungsstil, Erfahrungen
aus der Seelsorge seine Theologie.
Egal, ob es die ethische Bewertung
von Präimplantationsdiagnostik,
Spätabtreibungen oder Sterbehilfe war – Schneider argumentierte immer auch an Hand von Fäl-
Signale gesetzt
in der Ökumene
len aus dem Bekanntenkreis oder
Menschen, denen er in einer seiner
früheren Gemeinden begegnete.
Selten hielt er sich an Dogmen
fest, eher äußerte er eigene Positionen. Auch wenn ihm das gelegentlich Ärger einbrachte: Etwa
2009, als Schneider öffentlich die
Lehre vom stellvertretenden Sühnetod Christi kritisierte. Wofür der
Theologe umgehend jede Menge Prügel bezog. Mittlerweile hat
seine Landeskirche eine Arbeitshilfe zu dem Thema veröffentlicht. Und Schneider ruderte zurück. „Durch sein Leiden und Sterben wird Christus zum Mittler eines neuen Bundes, in dem Gottes
ewige Verheißungen für die Menschen gelten“, sagte er am Karfreitag 2012. Es ist eine Stärke Schneiders, eigene Positionen im Fall des
Falls auch zu revidieren.
Signale setzte Nikolaus Schneider auch in der Ökumene: Regelmäßig feiert er Gottesdienste mit dem Kölner Kardinal Joachim Meisner, zu dem der rheinische Präses gute Beziehungen
pflegt. Und als im Sommer die
Trierer Heilig-Rock-Wallfahrt anstand, beteiligte sich der leitende
Geistliche der rheinischen Kirche
am ökumenischen Programm –
auch gegen Kritiker aus den eigenen Reihen, die an Luthers Verdammung der „Bescheißerei zu
Trier“ erinnerten.
Überschattet wurden die letzten Jahre der Amtszeit Schneiders
indes von Skandalen, die den meist
um Konsens bemühten Theologen
sichtlich trafen. Da war zum einen
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der Streit um den früheren Studienfreund Jürgen Fliege – ein Disziplinarverfahren im Landeskirchenamt war sicher nicht das, was
Schneider dem durch seine Fernseh-Talkshow bekannt gewordenen Theologen wünschte. Doch
selbst für den stets um Konsens
und Versöhnung bemühten Prä-
Getroffen vom
„bbz“-Finanzskandal
ses war mit dem Verkauf einer dubiosen „Fliege-Essenz“ eine Grenze überschritten.
Schärfer noch traf Nikolaus
Schneider der Finanzskandal um
das Beihilfe- und Bezügezentrum
(bbz) der Rheinischen Landeskirche: Es benötigte Zuschüsse im
zweistelligen Millionenbereich,
weil es Geld in dubiosen Investmentgeschäften angelegt hatte.
Wer hatte Schuld, wer wusste was?
Das Bild der rheinischen Kirche
wankte, auch Kirchenleitungsmitglieder mussten sich rechtfertigen.
KNA
GLAUBEN UND LEBEN
6
Der Heidelberger wird 450
Kirchengeschichte
Von der Pfalz in die ganze Welt. Ein Katechismus und seine Erfolgsgeschichte
Von Harald Mallas
Als Kurfürst Friedrich III., Herrscher der Kurpfalz, am 19. Januar
1563 seine Unterschrift unter den
Text des Heidelberger Katechismus
setzt, hat er wohl kaum ahnen können, welche Verbreitung das Bekenntnis erleben wird. Heute, 450
Jahre später, ist der „Heidelberger“,
wie er vertraut nach seinem Entstehungsort genannt wird, in mehr als
40 Sprachen (von Afrikaans bis Vietnamesisch) übersetzt. Er dient
mehr als 80 Millionen Menschen
weltweit als geistlicher Leitfaden
für Glauben und Leben.
Das Anliegen, das Friedrich III.
(1515-1676) leitet, ist sehr viel bescheidener. Als er 1559 die Regentschaft übernimmt, findet er die verschiedenen Richtungen der Reformation in heillosem Streit vor. Be-
Theologen-Zoff
vor der Schlosstür
sonders an der Universität Heidelberg, also direkt vor seiner Schlosstür, zoffen sich die Theologen. Die
Abendmahlsstreitigkeiten sind erneut entbrannt. Der Regent muss
den Streit beenden, um Ruhe in sein
Reich zu bringen. Da er selber den
schweizerischen und französischen
Reformatoren nahesteht, beruft er
unter anderem Caspar Olevianus
(Trier) und Zacharias Ursinus (Breslau) nach Heidelberg. Letzterer, ein
Schüler Philipp Melanchthons, ist
auf Ausgleich bedacht. Der Landesherr will zudem eine einheitliche Bildungsgrundlage in religiösen
Dingen schaffen, sowohl für Lehrende als auch Lernende. Ein neues
Unterrichts- und Lehrbuch soll dies
vorantreiben. So will Friedrich verhindern, dass „Prediger und Schulmeister“ bei der Unterweisung nach
„ihrem eigenen Gefallen täglich Än-
Das Heidelberger Schloss, Residenz Kurfürst Friedrich III.. In der
Stadt wüteten reformgesinnte Theologen gegeneinander. Ein Katechismus sollte Ordnung bringen, zumindest für die Pfalz. Foto:WikiPedia
derungen vornehmen“, schreibt er
in seiner Vorrede zum Katechismus.
Entstanden ist eine Bekenntnisschrift, die sich zum einen auf die
Glaubenszeugnisse der Bibel gründet und zur Bibellektüre anleitet.
Friedrich selber besteht auf der Einfügung von rund 700 Bibelstellen,
die den Text untermauern. Zum anderen soll die Schrift gesellschaftliche Bedeutung haben, also zum
verantwortlichen Handeln anleiten. Nicht nur die „ewige“ Wohlfahrt soll im Blick sein, sondern
auch die „zeitliche“. Diese inhaltliche Leistung im Heidelberger Katechismus trägt vor allem die Handschrift von Zacharias Ursinus.
In 129 Fragen und Antworten
werden die Kernstücke des Glaubens entfaltet (wesentliche Passagen sind im Evangelischen Gesangbuch ab S. 1330 abgedruckt).
Die Sprache ist angemessen knapp
und klar gehalten. Trotzdem ist
sie nicht ohne Wärme. Gewählt
wird der persönliche Anredestil:
„Was verstehst du ...?“, „Was tröstet dich ...?“. Und auch die Antwor-
ten sind konkret und persönlich
bezogen. Sicher ein wesentlicher
Grund für die Popularität, die das
Werk erlangt.
Gegliedert ist der Katechismus in drei Teile: „Von des Menschen Elend“ (Erlösungbedürftigkeit aus Gottesferne), „Von des
Menschen Erlösung“ (Apostolisches Glaubensbekenntnis, Taufe, Abendmahl) und „Von der
Dankbarkeit“ (Auslegung der
Zehn Gebote und des Vaterunsers). Besonders bekannt und eindringlich sind die beiden ersten
Fragen, quasi die „Präambel“ des
Katechismus: Der Christ soll den
einzigen Trost im Leben und im
Sterben kennen und das, was man
dafür wissen muss.
Deutlich lässt sich beobachten,
wie die Zeitgeschehnisse Mitte des
16. Jahrhunderts in der Schrift ihren Widerhall finden. Klimaveränderungen in Mitteleuropa hatten zu Missernten geführt. Die
kurfürstliche Regierung untersagt
die Verschwendung von Lebensmitteln, z.B. bei Festen. In der Ka-
techismusfrage 110 wird betont,
dass Gott „alle Verschwendung
seiner Gaben“ verbietet. Ein Thema, das wieder hochaktuell ist.
Astrologie, Wahrsagerei waren
im ausgehenden Mittelalter weit
verbreitet. In Frage 94 wird aufgefordert, allen Götzendienst, Zauberei, Wahrsagen und Aberglauben zu meiden und zu fliehen.
Schnell fand das pfälzische Dokument Verbreitung in weiteren
Regionen. Bereits 1563 wurde eine
Ausgabe in Niederländisch gedruckt. Die Synode von Dordrecht
(1618/19) erkannte den Heidelberger als Bekenntnisgrundlage
an. Durch Umsiedlung, aber auch
durch Handelsbeziehungen und
Auswanderung gelangt die Schrift
nach Nordamerika, ins südliche
Afrika und nach Südostasien.
Von Anfang an
in der Kritik
Natürlich gibt es von Anfang
an Widerstände. Zunächst von
lutherischen Theologen, die besonders die Lehre von Christus
und das Abendmahlsverständnis heftig anprangern. Aber auch
von katholischer Seite, weil in
Frage 80 die römisch-katholische
Abendmahlssicht heftig angegriffen wird. Der Reformierte Bund
hat 1977 und noch einmal 1994 die
Schärfe der Aussagen relativiert.
Wenn auch die Bedeutung des
Katechismus als Lehrwerk an
Schulen in den Hintergrund getreten ist, so wird die theologische
Orientierung weiterhin geschätzt.
Große Beachtung fand das Werk
etwa beim Schweizer Theologen
Karl Barth. Und so ist es nicht
verwunderlich, dass die Barmer
Theologische Erklärung (1934) in
Theologie und Wortlaut Einflüsse
des Heidelbergers zeigt.
Braucht Glauben einen Katechismus?
gl aub e nsle b e n
Ist ein Katechismus nur etwas,
mit dem Generationen von Pfarrern ebensoviele Generationen
von Konfirmanden gestriezt haben? So hört es sich in manchen
persönlichen Erinnerungen an die
Konfirmandenzeit an. Mag sich
der Katechismus da und dort in
der Tat eher als Folterinstrument
denn als Glaubensschule dargestellt haben – ganz auf ihn verzichten? Geht das?
Die Frage bleibt dringlich: Kann
man mit Texten aus der Reformati-
Katechismus und
Konfirmanden
onszeit auch heute, in ganz anderen zeitlichen und kulturellen Bezügen, christlichen Glauben zusammenfassen – und zwar theologisch, sprachlich und lebensdienlich angemessen?
Ja, sagt der Berliner Theologe
Wilhelm Gräb in einem Interview
mit der evangelischen Zeitschrift
„zeitzeichen“ (1/2013). Denn die Katechismen und Bekenntnisse enthalten „die Tradition, die uns Protestanten bindet und verpflichtet
und von anderen Formen des Christentums unterscheidet.“ Dabei seien die Texte „interpretationsbe-
Die Kritik an Katechismen und Glaubensbekenntnissen wird lauter
gelium begegnet und darauf
antwortet.
Dennoch
sei eine Kirche „arm dran,
wenn sie nicht
öffentlich sagen
kann, was für sie
gilt.“ Das könne sicher nicht
mit einer Stimme geschehen.
Die InterpretatiKonfirmandenunterricht heute. Zu den festen Be- on der Bekenntstandteilen des Unterrichts gehören immer wieder nisse führe zur
Vielfalt. Doch
Teile des Katechismus.
Foto: ePd
nur im Rahmen,
den die Bekenntnisschriften setzen,
dürftig“, aber durchaus „interprelasse sich sicherstellen, dass Kirche
tationsfähig“, ist Gräb überzeugt.
in einer pluralen Gesellschaft mit
Wäre es nicht ratsamer, ganz
religiösem Individualismus „unterneue Bekenntnisse für heute
scheidbar“ bleibe und „das ihr Wezu schreiben (was ja bereits gesentliche kenntlich“.
schieht), auf dem Hintergrund akWas aber ist mit den umstrittetueller Lebenssicht und Welterfahnen Aussagen, etwa im Apostolirung? Aber auch diese Versuche
schen Glaubensbekenntnis, z.B.
müssen eine gemeinsame Ebene
„geboren von der Jungfrau Mafinden, wie das Ursprungszeugnis
ria“? Einfach darüber hinweggedes christlichen Glaubens heute
hen, ohne nachzudenken? Für den
auszulegen sei, sagt der Theologe.
Theologen ist das Verständnis der
Und erinnert zudem daran, dass
Jungfrauengeburt als biologische
nach evangelischem Verständnis
Tatsache ein „komplettes MissverBekenntnisse nicht „der Grund des
ständnis“. Es gehe nicht um BioGlaubens“ sind. Dieser liege allein
logie, sondern um Glauben. Glaudarin, dass ein Mensch dem Evan-
ben an Jesus, der vollkommen mit
Gott verbunden war, um in seinen
Fußspuren „zu solchen Menschen
werden können, die sich bedingungslos in Gottes Liebe gegründet und gehalten wissen.“
Gerade die erste Frage des Heidelberger Katechismus bringt für
Gräbe auf den Punkt, worum es im
persönlichen Glauben geht. Nämlich um nichts anderes „was mir
selbst meinen letzten Trost im Leben und im Sterben ausmacht –
Es geht nicht um Biologie,
sondern um Glauben
also von woher und woraufhin ich
mich letztlich verstehe.“ Das sei
eine „tröstliche Angelegenheit“. Es
gehe im Christsein nicht um den
Glauben an historische Begebenheiten, auch nicht um „dogmatische Wahrheiten“, sondern um die
Trostbotschaft mit Ewigkeitswert.
Und zwar für mich persönlich, sofern ich mich ihr überlasse.
Die Frage Luthers im Kleinen
Katechismus: „Was heißt das?“
deutet Gräb als eine Herausforderung des Lesers „zu einer ihn
selbst, ihn persönlich herausfordernden Interpretation des Bekenntnisses.“
hama
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NR. 4 / 20. JaNuaR 2013
nachrichten
brad Pitt als Pontius Pilatus?
Hollywood-Star Brad Pitt könnte bald Pontius Pilatus spielen. Amerikanischen Medien zufolge planen die Filmstudios „Warner
Bros.“ eine Verfilmung der Lebensgeschichte des römischen Statthalters, der einst Jesu
Hinrichtung befahl. Dieses berichtet jetzt das evangelische Medienmagazin pro in seiner
Online-Ausgabe.
Brad Pitt sei einer der Kandidaten
für die Titelrolle
des neuen Filmprojekts, schreibt das
O n l i ne -Ma g a z i n
Brad Pitt.
„De ad l i ne.c om“.
Foto: thomas Peter
Im Mittelpunkt des
schulze/WikiPedia
Drehbuchs der brasilianischen und katholischen Autorin Vera
Blasi steht die Entwicklung Pontius Pilatus‘
vom römischen Soldaten zu einem der einflussreichsten Männer unter Kaiser Tiberius. Obwohl ihm die Stelle des Militärbefehlshabers in Ägypten versprochen wird,
landet er als Statthalter in Judäa – ausgerechnet zu einer Zeit, in der in Jerusalem
religiöse Unruhen toben.
Obwohl der Streifen kein klassischer
Bibelfilm wie „Die Passion Christi“ werden solle, tauchten im Drehbuch zahlreiche historische Figuren aus den Evangelien auf, etwa Johannes der Täufer oder Maria Magdalena, heißt es bei „Deadline“. UK
islamwissenschaftler: Koran
nicht wörtlich auslegen
FRANKFURT – Aus dem Koran lassen sich
nach Ansicht des Islamwissenschaftlers
Mouhanad Khorchide keine allgemeinen
rechtlichen Regeln für das gesellschaftliche
Zusammenleben ableiten. „Von den 6 236
Versen beschäftigen sich nur 80 mit juristischen Aussagen über die Gesellschaftsordnung“, erläuterte Khorchide in einem Interview der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Damit könne man nicht die
Gesellschaft regeln. Zwar hätten Gelehrte
versucht, aus dem Islam heraus ein „juristisches Schema“ zu entwerfen. „Aber das
bleibt ein menschliches Konstrukt.“
Scharf kritisierte Khorchide fundamentalistische Strömungen wie die der Salafisten. Diese hätten aus dem Islam eine „fremde Ideologie“ gemacht, „die mit ihm nur
noch Begrifflichkeiten und ein paar Äußerlichkeiten teilt“. Salafisten propagierten das Bild von einem „repressiven Kriegsgott“, der sich lediglich für Oberflächlichkeiten wie die Kleiderordnung interessiere.
„So, wie ich Gott verstehe, als einen Gott
der Barmherzigkeit, das ist für Salafisten
viel zu langweilig“, sagte Khorchide.
Christen und Muslime unterscheiden
sich dem Wissenschaftler zufolge in ihren
Ritualen und dem christlichen Verständnis der Dreieinigkeit Gottes. „Aber wenn
es um die Suche nach der Vollkommenheit
des Menschen geht, nach Nächstenliebe,
der Liebe Gottes, dann sehe ich mich in
diesem Sinne genauso als Christ“, betonte Khorchide. „Mohammed hat nie gesagt,
er sei Stifter eines neuen Weges. Er hat immer betont, dass die Botschaft dieselbe ist.“
Auf die Frage, was von Koranversen zu
halten sei, in denen Juden und Christen als
Affen und Schweine bezeichnet werden,
sagte Khorchide: „Das Problem gibt es auch
in der Bibel.“ Die betreffenden Stellen dokumentierten kriegerische Auseinandersetzungen im 7. Jahrhundert und dürften
„nicht außerhalb ihres historischen Kontextes“ gelesen werden.
Der islamische Religionspädagoge
Khorchide leitet das „Zentrum für Islamische Theologie Münster/Osnabrück“ (ZIT),
das islamische Nachwuchswissenschaftler, Religionsgelehrte und Lehrer für den
islamischen Religionsunterricht an Schulen ausbildet. Unlängst erschien sein Buch
„Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion“.
kna
R E P O R TA G E
NR. 4 / 20. JANUAR 2013
7
„Ich geh hier nie mehr weg“
Integr atIon Für Menschen mit einer Behinderung ist es nicht leicht, Arbeit zu finden. Aber es gibt Stellen, zum Beispiel in den CAPSupermärkten. Dort sind mindestens 40 Prozent des Personals Menschen mit Handicap. Im CAP-Markt in Lünen sind es sogar 50 Prozent
Von Karin ilgenfritz
Gisela Stanislawski schiebt ihren
Rollator durch die Gänge des CAPSupermarktes in Lünen. Sie steht an
der Kühltheke und packt Wurst in ihr
Körbchen. „Die ist ja günstig“, sagt
sie und freut sich. „Ich gehe hier gern
einkaufen.“
Der CAP-Supermarkt in Lünen
hat im vergangenen September eröffnet. Davor stand der Laden drei
Jahre leer. Jetzt haben die Anwohner endlich wieder eine Einkaufsmöglichkeit in ihrer Nähe. Sogar
eine ganz besondere. Denn der CAPMarkt wird betrieben von den Diako-
Supermarkt mit
besonderem Service
nischen Integrationsbetrieben Dortmund-Bochum-Lünen, die in diesen Märkten Menschen mit einem
Handicap Arbeitsplätze bieten. Daher auch das „CAP“ im Namen. „Bei
uns sind die Hälfte der Angestellten
Menschen mit einem Handicap“,
sagt Thomas Baehr, der stellvertretende Marktleiter in Lünen.
Besonders ist an den CAP-Märkten auch der Service. In Lünen zum
Beispiel gibt es das begleitete Einkaufen. „Wenn jemand nicht mehr
gut sieht oder einfach Hilfe möchte, dann kann er sich an der Kasse
melden und ein Mitarbeiter arbeitet
mit dem Kunden den Einkaufszettel
Leif Mieland füllt gerade die Regale im CAP-Markt in Lünen wieder auf.
Thomas Baehr in seinem Büro –
der große hintere Bildschirm zeigt
die Videoüberwachung.
ab“, sagt Baehr. „Das Angebot wird
von der Kundschaft gern angenommen.“ Im Schnitt drei bis fünf Mal in
der Woche.
Außerdem gibt es einen Lieferservice. Ab einem Einkauf von mindestens zwanzig Euro wird der Einkauf
auf Wunsch auch direkt nach Hause
zum Kunden geliefert. „Das wird jeden Tag mehrmals in Anspruch genommen“, so Baehr.
Eben hat Baehr zusammen mit
einem Mitarbeiter den Auftrag einer
Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt
bearbeitet. Der steht nun bereit zur
Auslieferung. „Es gibt auch Privatkunden, die alle vier Wochen ihren
Großeinkauf durchgeben und sich
dann liefern lassen.“
Die CAP-Märkte sind an die Supermarktkette von EDEKA angegliedert. Dementsprechend ist ihr Sortiment. „Nicht vergleichbar mit einem
Discounter“, sagt Baehr. „Wir haben
mehr im Angebot.“ Zum Beispiel
auch einen Getränkemarkt, einen
großen Obst- und Gemüsebereich
– auch mit regionalen Produkten –
und eine Fleischtheke, die täglich ein
warmes Mittagessen anbietet.
An der Fleischtheke arbeitet auch
Susanne Denecke. Sie war vorher
lange in einem REWE-Markt und hat
sich im CAP-Markt beworben, als sie
davon hörte. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich geh
hier nie mehr weg.“ Sie schätzt die
gute Arbeits-Atmosphäre und das
Miteinander von Menschen mit und
ohne Behinderung. „Das hat mich
gereizt“, sagt sie. „Jemand mit Handicap ist manchmal vielleicht bisschen langsamer, aber das macht
nichts. Es sind so liebe Menschen.“
Menschen wie Leif Mieland. Der
Gisela Stanislawski auf dem Weg in den CAP-Markt.
35-Jährige macht gerade ein Praktikum in dem Markt. Vorher hat er
am Theater in Dortmund gearbeitet. „Aber das geht jetzt krankheitsbedingt nicht mehr“, sagt er. Über
seine Krankheit möchte er allerdings
nicht reden. „Jetzt schaue ich mal, ob
diese Arbeit im Supermarkt etwas
für mich ist.“
Einen weiteren CAP-Markt gibt
es in Bochum-Laer. „In Dortmund
ist einer geplant, doch bisher haben
wir noch keinen geeigneten Standort gefunden“, sagt Reiner Rautenberg, Öffentlichkeitsreferent des Di„In der Diakonie wird meist die Redewendung Menschen mit Handicap verwendet, weil darunter auch
psychische Krankheiten und andere
Einschränkungen fallen“, sagt Reiner
Rautenberg.
akonischen Werks Dortmund und
Lünen. In Westfalen finden sich außerdem zwei Märkte in Bielefeld und
einer in Bottrop.
Fotos:KIl
Deutschlandweit sind es rund
hundert. „Das ist ein sogenanntes
Franchise-System“, sagt Rautenberg.
„Das heißt, die Märkte haben unterschiedliche Träger und in der Regel
gibt es eine Starthilfe, zum Beispiel
von der ,Aktion Mensch‘ oder der
Stiftung NRW.“ Die Stellen für Menschen mit Handicap werden teilweise gefördert. „Irgendwann muss sich
jeder Markt aber selbst tragen.“
Thomas Baehr ist zuversichtlich,
dass es in Lünen so weit kommt. „In
Bochum ist das erste Geschäftsjahr
abgeschlossen und es sieht recht gut
aus“, berichtet er. „Ich hoffe, dass
es bei uns auch so gut läuft. Aber
das können wir erst gegen Ende des
Jahres sagen.“ Immerhin stehen die
Märkte nicht unter dem Druck, große Gewinne zu machen. „Aber etwas
Gewinn wäre schon gut. Alle Gewinne fließen in die Trägergesellschaft
und ermöglichen unter anderem die
Eröffnung eines weiteren Marktes.“
Viele Kunden sind sich dessen allerdings nicht bewusst, dass sie in
einem Integrationsbetrieb einkau-
Susanne Denecke (rechts) mit einer Kollegin bei der Arbeit.
fen. Die meisten kommen, weil sie
in der Nachbarschaft wohnen und
hier alles bekommen, was sie brauchen. Eine junge Frau, die mit ihrer
Tochter den Einkauf erledigt, sagt
allerdings: „Ich unterstütze das hier
ganz bewusst. Der Markt soll unbedingt erhalten bleiben.“
Gisela Stanislawski ist nun an der
Fleischtheke und lässt sich sagen,
Jeden Tag ein warmes
Mittagessen
was in den nächsten Tagen auf dem
Spieseplan steht. „Tortellini, Reibekuchen, Gemüsesuppe und heute ein leckerer Bohneneintopf“, sagt
Susanne Denecke. Gisela Stanislawski überlegt nicht lange: „Ich werde heute nicht kochen, packen Sie
mir bitte eine Portion Eintopf ein.“
Dann schiebt sie mit ihrem Rollator
zur Kasse und sieht zu, dass sie nach
Hause kommt. Damit der Eintopf
noch warm ist.
Ein Großeinkauf wird bearbeitet und später ausgeliefert.
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Seele and Geist
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