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"Was fragst du mich für Sachen?" Interview mit HGich.T (Karla Knyh)

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"Was fragst du mich für Sachen?"
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Interview mit HGich.T (Karla Knyh)
(geführt am 07.12.2012 nach dem Konzert im Bi Nuu, Berlin)
Betrachtet ihr eure Videos und Auftritte als Kunst?
Das ist schwierig zu beantworten. Ich weiß selber gar nicht genau, was mein Begriff von Kunst
überhaupt ist.
Das wäre die nächste Frage.
Dazu kann ich gar nicht so richtig was sagen. Wann ist etwas Kunst? Ist Kunst dann etwas, wenn es
irgendwie total verrückt ist, womit keiner gerechnet hat? Ist das dann schon Kunst? Oder ist etwas
Kunst, was vielen Leuten gefällt? Ich hab' das selber für mich noch nicht so richtig definiert und ich will
das glaube ich auch gar nicht definieren. Ich finde Kunst ist ein Begriff der ein bisschen vage ist. Also
es ist nicht so, dass wir uns alle zusammen hinsetzen und schauen uns ein Video an und sagen
hinterher: "Oh, ja, das ist Kunst!". Das machen wir nicht, aber das bedeutet weder, dass wir das für
Kunst halten, noch nicht für Kunst halten.
Also, vielleicht eine Definition ist, dass Kunst, dann Kunst ist, wenn man sie als solche
deklariert, beziehungsweise einen Raum als Ausstellungsraum deklariert. Dann ist das darin
befindliche Kunst.
Aber dann macht man sich's ja doch schon relativ leicht.
Ja, aber Kunst ist ja der Oberbegriff für Musik, Literatur und Bildende Kunst. Deswegen ist es
ja fast alles, was es nicht ist.
Also ist Kunst quasi etwas, was Menschen schaffen? Es kann im Grunde - was nichts neues ist - alles
Kunst sein. Ich kann theoretisch einen Eintopf kochen und den in einen Raum stellen und sagen:
"Kommen sie alle her, schauen sie sich den Eintopf an! Das ist Kunst!"
Aber das sagt nichts über die Qualität aus.
[12Fingermann]: Na, es gibt die Kunst des Lichts und die Kunst des Schattens. Und die ist zersplittert
in verschiedene Mythen: Kunst des Lichts besteht zum Beispiel aus dem Mythos der
Nibelungensage... [kurze Pause durch komplette Reaktionsunfähigkeit meinerseits] Macht mal weiter.
[12Fingermann ab]
Inwiefern betracht ihr eure Videos und Auftritte als Punk?
Weil es anarchisch ist?
Eventuell.
Auch da ist es wieder eine Definitionsfrage. Für manche Leute ist es anarchisch und wenn für diese
Leute Anarchie gleich Punk ist es auch Punk. Das Gebärden des Publikums erinnert ja schon teilweise
an Punkkonzerte, insofern könnten wir uns theoretisch auf die Schulter klopfen, wenn das unser
Anspruch wäre, und sagen: "Ja, wir haben wohl den Punk erreicht.", aber darüber denken wir gar nicht
nach.
Und würdet ihr das zum Beispiel heute als Musikkonzert oder als Performance sehen?
Oh, es ist immer beides. Das funktioniert ja nicht unabhängig voneinander... Obwohl vielleicht schon.
Es gab zum Beispiel einen Auftritt auf Kampnagel: Das war eher performancelastig, auch wenn Musik
dazu lief. Da würde ich ganz klar sagen: Das war Performance, aber so ein reguläres Konzert von
HGich.T ist auf jeden Fall immer beides. Das kann man nicht trennen.
Es gibt in den Videos und Songs immer konkrete Kunstverweise, wie zum Beispiel "Meese, die
Supernase", "Künstlerschweine" oder "The German Artist". Inwiefern könnte man HGich.T als
"The German Artist" sehen?
Das habe ich mich auch immer gefragt. Aber es wär ganz cool, oder? Wenn es in Zukunft so
aufgefasst werden würde, dass HGich.T gleichbedeutend für deutsche Kunst stünde. Da könnte man
sich schon auf die Schulter klopfen. Aber ich glaube, den Status haben wir nicht. Dafür ist der
Bekanntheitsgrad nicht groß genug und es gibt wohl mehr Leute die das negieren.
Was ist eigentlich die Motivation beziehungsweise der Anspruch an jedes neue Video, das ihr
macht?
Keine Ahnung.
Einfach machen?
Ja, das ist mein Tip: Einfach machen und dann schauen was hinten raus kommt.
Rufen Videos wie "Fotzicat", "Tittenpower" oder "Ich liebe dich, egal ob du 16 bist" nicht
Idioten auf den Plan, die denken, dass sie bei den Konzerten ihren Sexismus freien Lauf lassen
könnten, beziehungsweise gibt es auch Probleme, dass Leute vielleicht Sachen direkt falsch
verstehen und...
...dass die einen dann angrabbeln?
Zum Beispiel.
Ich glaub', das hat überhaupt nichts damit zu tun, welche Texte oder Inhalte da sind, sondern das sind
einfach Leute, die allgemein andere Menschen angrabbeln und dafür überhaupt gar keine Ausrede
brauchen. Denen fehlt so ein bisschen der Abstand. Ich fänd' das zu einfach, das darauf zu schieben.
Das ist ja genauso, wie wenn man in einen Stripclub geht, dann tanzt da so'n Mädel rum und der
sollst du eigentlich nur Geldscheine in den Slip stecken. Kann man die dann überall anfassen? Hat
man dafür die Berechtigung?
Naja, ich könnte mir schon vorstellen, dass durch die Videos viele denken, dass sie die
Berechtigung haben. Zum Beispiel bei "Fotzicat", weil es im Video ja auch eine Auffordung
gibt.
Weiß nicht. Hat denen jemand persönlich gesagt, zum Beispiel - Sag' mir 'nen Namen - Michael Meier.
Hat jemand persönlich Michael Meier einen Brief geschrieben: Ja, Michael Meier, du darfst ab jetzt auf
unsere Konzerte kommen und die schöne Maike unsittlich im Schritt berühren? Nein, hat keiner
gemacht, also hat er sich das selber ausgedacht.
Das nicht, aber vielleicht die Stimme im Video [welche als auffordernd missverstanden werden
könnte, Anm.]
Ich find's zu einfach, wenn man sich schlecht benimmt und es darauf schiebt, dass man es irgendwie
so verstanden, dass einem die Genehmigung erteilt worden ist, etwas Schlechtes zu tun. Eben das
schlechte Benehmen muss man immer mit sich selber ausmachen und wenn man das nicht kann,
dann hat man halt ein Problem. Dann ist man schlecht erzogen oder hat irgendetwas falsch
verstanden.
Gibt es Vorbilder beziehungsweise Theorien, speziell im Kunstbereich, an denen ihr euch
orientiert?
Nicht das ich wüsste.
Denn ich hab' mal ein paar Namen aufgelistet, bei welchen mich ein Bezug interessieren
würde: Der erste wäre Nam June Paik, ein Videokünstler, der vor allem in den 60ern aktiv war
und Videokunst in Verbindung mit Performation machte..
[Kopfschütteln]
Kein Vorbild?
Ich hab' noch nie von dem Mann gehört.
Der hat viel mit Joseph Beuys gemacht.
Von dem hab' ich gehört.
Der kommt auch noch, davor: Pipilotti Rist, schweizer Videokünstlerin, welche unteranderem
1999 mal sagte: "Das glücklicherweise der Genie-Kult am abserbeln ist" und in gewisserweise
finde ich das in euren Videos beziehungsweise Auftritten wieder, da man zum Beispiel nicht
weiß wer eigentlich Bandmitglied ist und die Videos ein gewisses Statement gegenüber
Originalität und Authenzität beinhalten, welche immer ein bisschen in Frage gestellt wird,
ähnlich bei den Konzerten auf denen Playback gespielt wird.
Okay...
Und jetzt zu Joseph Beuys: Spielen bei euch die Theorien des Erweiterten Kunstbegriffs und
der Sozialen Plastik eine Rolle?
... Was fragst du mich für Sachen?
Es gibt ja die Textzeile "What did Joseph Beuys say: Money is for free, money is just paper in
the industry." bei "The German Artist".
Hm-mh. Ja... Ich glaub', ich kann dir nicht geben, was du willst. In gewisserweise ist es wirklich ... toll,
dass es Leute gibt, die das so ... sezieren.
Aber es scheint ja offensichtlich Bezüge zu geben, zum Beispiel gab's ein T-Shirt auf dem
stand "Jeder ist ein Schmetterling", was mich ein bisschen an "Jeder ist ein Künstler"
erinnert..
[12Fingermann]: Um auf die Frage wieder zurückzukommen: Du greifst natürlich die Punkideologie
auf, die du vorhin in den Raum geworfen hast. Denn Punk ist ja auch, dass man kein Instrument
spielen muss oder eine künstlerische Ausbildung hat und jeder ist ein Schmetterling, jeder kann sich
frei entfalten.
Und gibt es da den Bezug zur Kunst-Theorie?
[12Fingermann]: Nein, den gibt es nicht.
[Karla]: Vielleicht hast du ein bisschen Recht, aber ich kann dir dazu nichts sagen.
Okay, dann mach ich's bei den anderen nur kurz, inwiefern vielleicht die Namen eine Rolle
gespielt haben: Meese, Schlingensief, Studio Braun beziehungsweise Fraktus:
Das ist witzig, denn letztens hatten wir ein Interview geführt mit Spiegelonline und bei dem OnlineArtikel schrieb jemand darunter: "Die wollen nur auf der Fraktus-Welle mitschwimmen." Das fand' ich
wirklich amüsant, weil das natürlich nicht stimmt. Fraktus ist ein bisschen neuer als HGich.T. Vielleicht
schwimmen Fraktus ein bisschen auf der HGich.T-Welle mit.
Ich glaub', ihr schwimmt beide ein bisschen auf der Techno-Welle mit?
Wir schwimmen vielleicht einfach zufällig auf derselben Welle. Das passiert manchmal in der Welt,
dass einfach gleichzeitig Leute die gleichen Dinge mögen.
Ok, jetzt folgen 3 Theorien zu HGich.T und du müsstest nur sagen, ob du dem zustimmen
würdest oder nicht.
1.Theorie: Die Videos und Konzerte von HGich.T bieten die Möglichkeit einer kurzen
Realitätsflucht- / ausblendung durch die Verwendung von Humor, den jeder versteht.
Das ist 'ne Typfrage. Es gibt auch Leute, die sehen das genau anders.
2.Theorie: Es kommt zu einer Aktivierung des Betrachters durch vermeintlichen Unsinn, da er
[der Betrachter] selbst entscheiden muss, ob der Unsinn für ihn solcher ist, weil er den Sinn
nicht versteht oder weil es von vorn herein bewusst kalkulierter Unsinn ist.
Tja, das ist halt die Sache: Man hat immer die unterschiedlichen Gruppierungen auf einem Konzert:
Es gibt die Leute, die das einfach locker nehmen und sagen: "Ich geh jetzt hier auf ein cooles
Konzert." - der Punkgedanke - und sich freuen, dass da ein bisschen Leben ist und da was los geht.
Und dann gibt's immer die anderen Leute, welche hinten stehen, verkreuzen die arme und haben ein
bisschen Angst sich gehen zu lassen, weil sie denken, dass sie auf irgendetwas reinfallen würden.
Es gibt, glaube ich, noch die Verbindung von beidem.
Vielleicht.
Und letzte These: Durch Zwang erreicht man keine gesellschaftlichen Veränderungen, daher:
Hypnose durch Unsinn, der alle vereint? "The revolution starts just in your brain." Revolution
durch HGich.T?
Ja, im besten Fall. Mit ein bisschen Glück.
Dann die letzten 2 Fragen: Über eure Webseite verkauft ihr neben T-Shirts und Cds auch
Malereien für kunstmarktübliche Preise. Wäre es jedoch auch ein Ziel oder Traum oder eine
Möglichkeit, dass HGich.T von einer Galerie vertreten werden würden oder in Museen
ausstellen könnten?
Klar, machen wir alles mit. Warum sollten wir unsere Gemälde nicht zu einem kunstüblichen Preis
verkaufen? Da kommen wir wieder zurück zur ersten Frage die du gestellt hast: "Was ist Kunst?" Wir
können dem ganzen ja auch den Stempel aufdrücken und sagen "Ja, genau, ok, verkaufen wir ein Bild
für 1000€." Was ja noch nicht mal teuer ist, wenn man sich mal umguckt in der Kunst. Das ist
eigentlich noch ein Schnäppchen. Das können wir machen, haben wir auch verdient: Wir müssen ja
auch was essen.
Aber wäre es auch ein Ziel von einer zeitgenössichen Galerie vertrieben zu werden, wie zum
Beispiel Beuys, Schlingensief oder Meese?
Also wenn uns jemand fragt: Dann kommen wir gern vorbei.
Generelle und abschließende frage: Wie geht's weiter mit Hgich.T?
Das weiß nur der Wind. Aber hoffentlich immer weiter.
geführt von Sebastian Teubner
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Kunst und Fotos
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