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Ludwig Laher: Und nehmen was kommt - Haymon Verlag

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Stefanie Petelin | Literaturdidaktische Handreichungen
Ludwig Laher:
Und nehmen was kommt
1. Einleitung und Hinweise zur Benutzung der Unterrichtsmaterialien
Die Lektüre dieses Buches verlangt von Schülerinnen und Schülern1 aufgrund der Thematik
eine gewisse Reife, daher ist eine Behandlung im Unterricht frühestens ab der 10. Schulstufe
empfehlenswert. Darüber hinaus bedarf es einer Klasse, die schwierigen menschlichen
Situationen, wie sie im Roman geschildert werden, rational wie emotional taktvoll zu
begegnen und sprachlich adäquat damit umzugehen vermag, denn:
„Es ist keine schöne Geschichte, die Ludwig Laher in seinem neuen Roman ‚Und nehmen was kommt‘
erzählt. Von Monika, einer jungen Roma [recte: Romni], berichtet er. In einer trostlosen Hütte in der
Ostslowakei wird sie geboren, in einem Haus in einer österreichischen Bezirkshauptstadt endet der
Roman mit einem vagen Happy-End. Dazwischen liegen 23 Lebensjahre voller Misshandlungen,
Demütigungen und Enttäuschungen, dazwischen liegt ein 200-seitiger Gang durch die Hölle, die nicht so
weit entfernt von uns, in Mitteleuropa, im Herzen der EU liegt.“2
In angemessenem didaktischem Rahmen leistet der Roman einen wertvollen Beitrag zur
Diskussion aktueller Themenfelder, wie Selbstbestimmung, Identität, Umgang mit (sexueller)
Gewalt, Zwangsprostitution, Menschenhandel und Drogen. Ludwig Lahers Auftakt seiner
motivischen Trilogie über Frauen, „[…] die sich schwer tun, ihre Füße auf den Boden zu
bekommen“3 und aus „UND NEHMEN WAS KOMMT“, „EINLEBEN“ und „VERFAHREN“ besteht,
ist räumlich unweit der Lebenswelt der Schüler, im Herzen Europas, angesiedelt und doch
mag man sich angesichts der Thematik fragen, ob sich Schüler überhaupt mit dem Schicksal
der Protagonistin Monika identifizieren können.
Identifikation ist Laher – so sein Hinweis – allerdings gar kein Anliegen, vielmehr geht es
darum, Neugierde bei den Lesern zu entwickeln, Empathie zu wecken – und das mit
„mitreißende[r] Diskretion“4 – schließlich stellt sich grundsätzlich die Frage: Wie schreibt
man diskret und empathisch über ein solches Thema und vermeidet gleichzeitig
Voyeurismus?
Es geht also mehr um die Fähigkeit zur Empathie, denn „Literatur hat viel mit Empathie zu
tun.“5, um die Erkenntnis, dass Monikas Ausbruch aus den Stationen „Geburt in einer
desolaten Familie, Zwangseinweisung in ein Kinderheim, Mord an der Mutter, emotionaler
und sexueller Missbrauch, Zwang zur Prostitution, Ausbeutung durch brutale Zuhälter,
Drogensucht, um der ungeheuerlichen Wirklichkeit zu entkommen, gescheiterte
Fluchtversuche“6 nicht missglückt, weil sie zu schwach oder „[…] dumm [ist], sondern weil
1
Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsspezifische Differenzierung verzichtet.
Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung für beide Geschlechter.
2
Landerl, Peter: LESEPROBE - Ludwig Laher: Und nehmen was kommt. 11. April 2007. URL:
http://www.literaturhaus.at/index.php?id=1911 [31. August 2011]
3
Fischer, Manfred: Ludwig Laher – Das Reich der Justiz ist fremdes Land. Dorfzeitung, 13. März 2011. URL:
http://dorfzeitung.com/archives/11018 [31. August 2011]
4
Schönauer, Helmuth: Und nehmen was kommt. Neue Südtiroler Tageszeitung, 12. April 2007.
5
Schütte, Uwe: Soziale Tristesse. Wiener Zeitung, 12. Mai 2007.
6
Ebd.
1
es die äußeren Umstände […] verwehren.“7 Oder vielleicht besser: es handelt sich in erster
Linie um die äußeren Umstände, ihre Unbeholfenheit, ihr Nichtwissen, es sind allerdings auch
die Ängste, die in Monika selbst schlummern.
Es gilt daher, mit den Schülern die Diskurse um Gewalt, Menschenhandel, Drogen und
Sexgewerbe mit der Folie Identität und Selbstbestimmung, Lebenschancen, -hoffnungen,
Versagungen und Selbstfindung zu betrachten – letztlich auch die Frage „Wie geht der
Mensch mit dem Menschen um?“, denn es gibt offenbar „[…] Menschen, die von manch
anderen instinktiv als ‚verwertbar‘ wahrgenommen und so zu Randfiguren der
Ellbogengesellschaft werden“8 – neben den literarischen Kompetenzen vermag eine
Beschäftigung mit diesem Roman im Unterricht insbesondere die Sozialkompetenz zu
fördern.
Also: warum gerade Lahers „UND NEHMEN WAS KOMMT“? Weil es – nicht nur für Schüler –
wichtig ist, sich mit der Geschichts- und der daraus resultierenden Identitätslosigkeit zu
beschäftigen, gerade im Sinne dessen, wie unsere Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst
und wie sehr wir Herr unseres Schicksals sind. Und das ist ein geeigneter Anknüpfungspunkt
für die Lebenswelt der Schüler der 10. bis 12./ 13. Schulstufe!
Zwei Hinweise noch zur Handreichung:
• Dieser Unterrichtsvorschlag ist auf Basis der gesamten Textlektüre durch die Schüler
konzipiert. Von großer Bedeutung ist gerade bei längerer Beschäftigung mit dem Text
im Unterricht großes Engagement und ein adäquater kommunikativer Umgang der
Lehrperson mit den Themen.
• Eine Portionierung der Leseeinheiten bei den Schülern ist kaum machbar – das
bestätigen sowohl die Rückmeldungen, die der Autor von Lesern bekommen hat, als
auch meine eigene Leseerfahrung: Es ist ein Sog zu spüren, der den Leser das Buch
nicht aus der Hand legen lässt. Eine Teilung in Texteinheiten bzw. Sequenzen9 sollte
daher erst in der Analysephase stattfinden, keinesfalls sollte vorgegeben werden, das
Buch nur abschnittsweise zu lesen! Empfehlenswert wäre daher, den Schülern nach
Modul 1 zwar eine Idee über zu behandelnde Themen mitzugeben, die sie im Zuge der
Lektüre mitbedenken können, ihnen aber so nicht das Gefühl einer unmittelbaren,
emotionsbasierten Leseerfahrung zu nehmen.
2. Unterrichtseinheiten
Modul 1 | Einstieg
Die Sensibilisierung der Schüler erfolgt über einen Bildimpuls (Coverbild der gebundenen
Ausgabe oder der Taschenbuchausgabe), durch den die Lernenden ihre Gefühle und ihre
Empathie aktivieren, gleichzeitig aber auch dazu angeregt sind, Hypothesen in Bezug auf ihre
Erwartungshaltung zu bilden und ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen, die die unzähligen
Details auf dem Cover ermöglichen. Besonders hingewiesen werden muss hierbei (zunächst
7
Nachtmann, Sylvia: Und nehmen was kommt. Salzburger Nachrichten, o.A. URL: http://www.ludwiglaher.com/index2.htm [31. August 2011].
8
Ebd.
9
Z.B. Sequenz I: S. 5-54 (Monikas Kindheit und Jugend), Sequenz II: S. 55-118 (Monika als junge
Erwachsene), Sequenz III: S. 119-162 (Monikas Zeit mit Joe), Sequenz IV: S. 163-197 (Philipp tritt in Monikas
Leben), Sequenz V: S. 198-219 (Gemeinsames Leben)
2
nur für die Lehrperson relevant) auf die Tatsache, dass das Buchcover von „UND NEHMEN
jene Person zeigt, auf deren Geschichte Lahers Roman beruht:
WAS KOMMT“
„Auf der Straße würde man sie danach nicht erkennen, denn ihr zur Seite gedrehtes Gesicht ist
angeschnitten. Und doch ist es ein sprechendes Bild: Eine filigrane, junge Frau in Jeans und ärmellosem
T-Shirt. Ihre Unterarme sind voller paralleler Schnittnarben, am linken Oberarm ist ein großes Kreuz
eintätowiert und darüber ein ‚M‘. Das M steht nicht für ‚Monika‘, sondern für ‚Mama‘. Ursprünglich war
ein anderes Buchcover geplant. Aber als Ludwig Laher Monika die Entwürfe zeigte, auf denen eine
andere Frau als Platzhalterin ihrer selbst zu sehen war, sagte sie: ‚Das schaut alles ganz gut aus, aber
diese Frau hat keine Schmerzen.‘ Monika schon. Auch die Narben, die sich schon lange geschlossen
haben, tun ihr noch manchmal weh. Vielleicht sind es die Wetterumschwünge. Sie weiß es nicht.“
Kospach, Julia: Zum Beispiel Monika. Falter 45/2007.
1 Impuls mit Coverbild
Material:
• Impulsbilder ( ANHANG)
• Leitfragen
• Textstellen (zur Diskussion im Zuge der intensiveren Beschäftigung): S. 64, 78
Leitfragen:
• Was siehst Du?
• Wer ist diese Person?
• Woher kommt sie?
• Wie ist die Körpersprache (Mimik, Gestik) zu deuten?
• Welches Schicksal hat die Frau, die sich hinter dem Bild erahnen lässt?
• Wie fühlst Du Dich beim Betrachten des Bildes?
• Was assoziierst Du mit dem Titel?
• Welche Gefühle kommen beim Lesen des Titels auf?
• Welche Erwartungen hast Du – durch Bild und Wort – an den Roman?
• Suggeriert dieses Cover eine gewisse Erwartungshaltung?
Jedem Schüler soll so die Möglichkeit geboten werden, Ideen und Gefühle mitzuteilen – dabei
ist eine Moderation durch die Lehrperson nötig. Eventuell können wichtige Punkte an der
Tafel festgehalten werden.
Die Bedeutung des Titels „UND NEHMEN WAS KOMMT“ muss im Zuge der intensiveren
Beschäftigung mit dem Roman auf alle Fälle erörtert werden – bereits an diesem Detail lassen
sich so Interpretations- und Deutungsfähigkeit fördern: Denn welche Konnotationen lässt der
Titel nach der Lektüre zu (Vergleich)? Neben der denotativen Bedeutung, auf die bei
folgenden Textstellen hingewiesen sei, lassen sich weitere konnotative Bedeutungen
ausmachen, die bei der Ausbildung der Fähigkeit, symbolische und metaphorische
Ausdrucksweisen zu verstehen, dienlich sind:
3
„Die nächsten Tage gewinnt Monika einen ersten Überblick: Speed ist allgegenwärtig in diesem
Haushalt, den dreien geht es ohne regelmäßige Dosis sauschlecht. Sauschlecht geht es ihnen auch
finanziell, das Zeug kostet, einen normalen Job hat keine von ihnen, sie stellen sich an den Straßenrand
und nehmen, was kommt.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 64.
„Kristyna und Emil, Zuzana und Petr, Anna und František, alle leben sie von der Sozialhilfe und ihren
mehr oder weniger einträglichen Zusatzgeschäften, alle fretten sie sich irgendwie durch, fahren die
Ellbogen aus und nehmen, was kommt, zum Beispiel Monika.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 78.
In diesem Kontext könnte auch das Geheimnis um das Coverbild gelüftet werden und
diskutiert werden, wie die Schüler zu der Tatsache stehen, dass es sich beim Coverbild um
„die echte Monika“ handelt. 10
Modul 2 | Themen
2 Soziokultureller Hintergrund: Roma
Obwohl es sich – und das sei auch im Sinne des Autors betont – um keinen Roman handelt,
der das Thema „Roma“ in den Mittelpunkt stellt, sollte dennoch das soziale und kulturelle
Milieu, in das Monika hineingeboren wird, mit den Schülern erarbeitet werden, zumal diese
Thematik in den meisten Lehrplänen wenig bis keine Beachtung findet. Es ist aber gerade
nötig, sich mit diesem Hintergrund zu beschäftigen, um sich in Monikas „Welt- oder
Lebensfremdheit“, ihre Probleme bei alltäglichen Hürden einfühlen zu können.
Daher empfehle ich im Sinne eines Interkulturalität fördernden Unterrichtes und gerade im
Kontext eines Autors, der sich insbesondere für Roma und Sinti einsetzt (
ERGÄNZENDE UND WEITERFÜHRENDE MATERIALIEN), auch Bezug auf die
soziokulturellen Strukturen der Roma, ihre unterschiedliche(n) Geschichte(n) sowie den
Umgang mit ihnen in den verschiedenen Staaten und Gesellschaftsschichten zu nehmen.
Neben den Textstellen, die als Einstieg in die Thematik dienen können und teilweise auch
bereits gewisse Vorurteile dekonstruieren, besteht die Möglichkeit, mit den Schülern im Zuge
eines Exkurses eine verstärkte Bearbeitung des Themengebietes – durchaus auch
interdisziplinär mit Geschichte – vorzunehmen.
Aufgrund des großteils gut aufbereiteten Materials ( ERGÄNZENDE UND
WEITERFÜHRENDE MATERIALIEN) wird an dieser Stelle auf spezielle Hinweise zur
didaktischen Aufbereitung dieses Themas verzichtet.
Material:
• Textstellen: S. 5-17
• Medienbeispiele ( ERGÄNZENDE UND WEITERFÜHRENDE
MATERIALIEN)
10
Der Autor hat im Gespräch mit der Verfasserin beispielsweise auf einen englischen Artikel verwiesen, in dem
Kritik am Foto geübt wurde, dass es sich um ein klischeebehaftetes Foto einer halbnackten, lasziv dargestellten
Frau aus dem Roma-/ Sinti-Milieu handle. Dieser Aspekt könnte gegebenenfalls am Ende eines solchen Impulses
diskutiert werden.
4
„Monika kuschelt sich nachts an die Großmutter im kleinen Bett. Einschlafen kann sie erst, wenn die
Oma ihr mit dem Rücken des blauen Plastikkamms das Kreuzzeichen auf die Stirn drückt und auf
romanes Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes amen murmelt. Nicht immer gibt
es am Morgen ein richtiges Frühstück, nur frische Milch, die gibt es verläßlich. Gleich außerhalb der
Romasiedlung, um die Ecke praktisch, befindet sich eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft,
Kolchose genannt, ein Bauern- und Landarbeiterkollektiv, wo auch Roma arbeiten.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 6.
„Überall fochten sie einen aussichtslosen Abwehrkampf, in abgewohnten alten Innenstädten, in von den
vertriebenen Deutschen verlassenen Einzelgehöften und Dörfern kreuz und quer im ganzen Land, in
Elendsquartieren wie Monikas heimatlicher Siedlung. Sie griffen zur Flasche, um zu vergessen, und
immer häufiger zu zweifelhaften Geschäftspraktiken, um sich aufzuwerten. Hatten sie das Pech, wie
Monikas Vater an eine starke Frau zu geraten, sie früh zu schwängern und in einer jungen Familie
aufzuwachen, wo, wie sie meinten, bösartige weibliche Wühlarbeit ihnen den Boden unter den Füßen
wegzog, war ihre letzte Bastion geschleift.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 11.
„Monika ist bisher noch nie richtig verreist, sie macht sich keinen Begriff davon, was es heißt, sich auf
den Weg quer durch die ganze Republik zu machen, bis an die Abhänge des Erzgebirges, bis fast an die
deutsche Grenze.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 17.
Arbeitsaufgaben:
• Gemeinsames Lesen der Textabschnitte, die sich mit Monikas soziokultureller
Herkunft beschäftigen und Beschreibung dieses Milieus (u.a. Lebensform,
Alltagskultur, Geschlechterrollen)
• Wissenserweiterung über die Roma in Europa (u.a. auch historisch: Völkermord im
Nationalsozialismus) in Form gezielter Darstellungen durch die Lehrperson,
gemeinsame Diskussion der Unterschiede zwischen Roma in verschiedenen Ländern,
bei gewünschter vertiefender Darstellung
ERGÄNZENDE UND
WEITERFÜHRENDE MATERIALIEN
Gerade im Kontext der Beschäftigung mit den Roma ist besonders für die Lehrperson zu
bedenken, dass kein Glassturz über die Gruppe gestellt wird, dass im Roman beispielsweise
keine Schonung der Roma innerhalb der Binnencommunity erfolgt. Es muss also ein Weg
gefunden werden, der nicht mit positiver Diskriminierung belastet ist – gewissen Ethnien ist
zwar viel Unrecht geschehen, dies bedeutet allerdings nicht, dass man deswegen nur Positives
über diese sagen muss oder diese deshalb als bessere Menschen darstellt.
3 Identitätsdiskurs und Selbstbestimmung
Dieser Abschnitt schafft eine Verbindung zur Lebenswelt der Schüler – didaktisches Ziel ist
daher neben der Fähigkeit zur Empathie, Solidaritätsentfaltung und sozialer Sensibilisierung
insbesondere die Fähigkeit, Texte auf die eigene Wirklichkeit, die eigenen Erfahrungen zu
beziehen. Daher ist es sinnvoll, die Schüler auf die Einbettung des Werkes in eine – so der
Autor selbst – „[…] motivische[] Trilogie über Menschen, die sich schwer tun, ihre Füße auf
den Boden zu bekommen“11 hinzuweisen. Im Zuge der Behandlung der
ROLLENBILDER VON MANN UND FRAU kann bereits jetzt aufgezeigt werden, dass
„[i]n allen drei Geschichten Frauen im Mittelpunkt [stehen], weil ich glaube, dass diese es
manchmal besonders schwer haben”12
11
Fischer, Manfred: Ludwig Laher – Das Reich der Justiz ist fremdes Land. Dorfzeitung, 13. März 2011. URL:
http://dorfzeitung.com/archives/11018 [31. August 2011]
12
Ebd.
5
Monikas Schwierigkeiten im Selbstfindungsprozess lassen sich bereits deutlich in der
Kindheit (hier am Beispiel: Aussehen, Sprache) zeigen – mit Textpassagen wie den folgenden
lässt sich der Beginn dieser Entwicklungen und die mangelnde „Verwurzelung“, die am
weiteren Geschehen durchaus Anteil hat, verdeutlichen:
„In ihrer Gruppe sind die meisten Kinder weiß. Monika spielt mit ihnen, aber sie will keine Weiße sein.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 6.
„Die Tanten sprechen alle diese blöde Sprache, die gleiche wie die weißen Kinder und daheim die
Mutter.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 7.
„Im Heim hat man ihr Slowakisch beigebracht und Romanes schnell ausgetrieben, weil ordentliche
Menschen nicht reden wie die Zigeuner. Und Zigeuner müssen nicht ewig Zigeuner bleiben, hat sie dort
erfahren, der Sozialismus macht’s möglich.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 8.
„Das ist deine Chance, meint sie zur Tochter, du sollst nicht ewig Zigeunerin bleiben, ewig nur Romanes
sprechen, womöglich fünfzehn Kinder haben und sonst nichts vom Leben.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 22f.
Damit schließt sich in gewisser Weise der Bogen zum Ende, das aufzeigt, dass Geschichtsund Heimatlosigkeit das Gefühl von Identitätslosigkeit vermitteln kann, daher begeben sich
Monika und Philipp ja auf die Suche nach Monikas Familie (S. 203, 209, 219f):
„Das Gefühl, wo hinzugehören, ist Monika auf Dauer genommen.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 35.
„Wenn nichts davon wirklich dagegen spricht, einfach ja zu sagen und Demütigungen, Schläge,
Sexarbeit, Drogen, die ständigen Umzüge und provisorischen Unterkünfte, wenn sie Glück hat, sogar die
Unbehaustheit im übertragenen Sinn und alles, was ihre bisherige Existenz sonst ausgezeichnet hat, weit
hinter sich zu lassen, was ist es dann? Was ist es, das sie nicht nur zögern, sondern tief drinnen längst
wissen läßt, sie wird diese Gelegenheit, diese vielleicht einzige echte Gelegenheit ungenutzt verstreichen
lassen?“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 145.
„Durch die Begegnung mit Philipp war ihr so richtig klar geworden, wie geschichtslos sie bisher
unterwegs war. Nicht ein einziges Foto besaß sie von ihren Eltern, den Geschwistern, sich selbst als Kind,
von der Siedlung, dem kleinen See, keine Dokumente, keine Briefe, keine Gegenstände, die eine Brücke
schlagen würden.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 209.
In diesem Kontext ist eine Diskussion über „Geschichtslosigkeit = Identitätslosigkeit!?“ mit
den Schülern denkbar – darauf aufbauend kann gezeigt werden, dass es sich bei „UND
13
NEHMEN WAS KOMMT“ um einen modernen Entwicklungsroman handelt - in einem Interview
beschreibt sie: „Früher habe ich gemacht, was andere Leute von mir wollten, jetzt will ich
das machen, was ich will. Egal, ob das, was ich machen will, richtig oder falsch ist.“14
Diese Entwicklung lässt sich anhand Monikas verschiedener Wegbiegungen im Roman, die
mit den Schülern – gegebenenfalls in Gruppenarbeiten, die im Anschluss im Plenum
Vertiefung finden – betrachtet werden sollen, gut verdeutlichen:
13
14
Vgl. dazu auch: Zeillinger, Gerhard: Bildungsroman der anderen Art. Literatur + Kritik, November 2007.
Kospach, Julia: Was ich will. Welt der Frau, Februar 2008.
6
„[…] aber hinter jeder Ecke lauert eine neue Niedertracht, das ist ihre Lebenserfahrung, gut möglich, daß
sich ihre Todeserfahrung darin nicht wesentlich unterscheiden würde.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 76.
Zu welcher Strategie greift Monika also? „Hinnehmen ja, anerkennen nein.“15 – Ein Satz,
über den mit den Schülern diskutiert werden muss, möglicherweise lässt sich dies mit einer
Parallellektüre koppeln ( ANHANG): „MAßNAHMEN GEGEN DIE GEWALT“, ein Text aus
Brechts Kurzprosasammlung „GESCHICHTEN VON HERRN KEUNER“, fokussiert diese Haltung
und beschreibt so erzählend-philosophisch dieses Verhalten im politisch-sozialen Kontext. Es
kann nicht gelehrt werden, wie man sich bei Veränderungen verhalten soll, sondern es muss
erprobt werden. Und das gilt für Monika – und die Schüler.
Wie geht man mit Selbstbestimmung um, wie weit ist man Herr über sein Schicksal, wenn es
an (lebenspraktischem) Wissen, an Gerätschaften fehlt, um sich aus der Abwärtsspirale
herauszuturnen?
„[…] sie möchte so gern auf eigenen Füßen stehen, aber sie weiß nicht wie.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 49.
„[…] in dieser Umgebung die Füße auf den Boden zu bekommen.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 125.
„Auch kommt Monika der Boden plötzlich so weit weg vor.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 19.
„Kein Mensch aber in beiden Erziehungsanstalten findet es je der Mühe wert, die Mädchen vor dem
scheinbar schnellen Geld auf dem Straßenstrich, in den Clubs und anderen einschlägigen Etablissements
zu warnen. Ihnen brauchbares Rüstzeug mitzugeben, der Außenwelt auf Augenhöhe begegnen zu können
und nicht in die erstbeste Falle zu tappen.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 51.
„Sie wartet auf einen Zufall, statt daß sie sich nach Frauenhäusern erkundigt, dem Arbeitsamt oder ob sie
eventuell Anspruch auf Sozialhilfe haben könnte. Aber dazu müßte man wohl wissen, sich zumindest
vorstellen können, daß es Frauenhäuser gibt, Arbeitsämter und Sozialhilfe, oder man müßte zumindest die
Kraft und das Selbstwertgefühl haben, sich immer wieder auslachen zu lassen, wenn man, noch dazu,
ohne gültige Dokumente vorlegen zu können, blöde, tastende Fragen stellt, bis man endlich begreift, wie
der Hase läuft, bis man den ersten vernünftigen Schritt setzen kann und dann den nächsten. Man müßte
vor allem weniger Angst und mehr Unterstützung haben. Monika müßte weniger Angst und mehr
Unterstützung haben.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 98f.
„Es ist alles sinnlos, lächerlich. Hat sie sich nicht vorgenommen gehabt, nur mit handfesten
Zukunftsperspektiven abzuhauen? Aber woher nehmen und nicht stehlen? Hätte sie vielleicht warten
sollen, bis sie schwarz wird, was sie von Geburt an leider ohnehin ist?“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 100.
„Auf der scheinbaren Endlosspirale nach unten sind die beiden mit rasender Geschwindigkeit unterwegs.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 159.
Damit sind wir bei einem besonders geeigneten Anknüpfungspunkt für Schüler angekommen,
Fragen wie die folgenden können dabei unterstützen.
Leitfragen:
• Wie findet man sich als junger Mensch in dieser Welt zurecht?
15
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 37 und S. 94.
7
•
•
•
•
Mit welchem „lebenspraktischen“ Wissen bin ich – im Vergleich zu Monika –
ausgestattet, wenn ich mit der Schule fertig bin? Und wie ist das in meinem Umfeld?
Wie geht man mit Zukunftsperspektiven, -chancen um, wo doch alles unvorhersehbar
bleibt? Welche Weichenstellungen kann man vor der nächsten Weggabelung treffen?
Inwieweit kann man überhaupt selbstbestimmt sein?
Wie sieht Selbstbestimmung in einem anderen Lebenskontext aus? Wie kann man das
Gelesene in eine andere Situation transferieren?
Ist Monikas „Abwärtsspirale“ im Text auch sprachlich auszumachen
(Wiederholungen, sprachliche Auffälligkeiten, z.B. „lief lief lief“16, „ein Rückfall ins
Leben“ 17)?
Besonders wichtig erscheint in diesem Kontext, dass Monika nicht als passive, schwache
Persönlichkeit (von den Schülern) gezeichnet wird, sondern sich bemüht, Stärke zu zeigen,
allerdings vor allem an den Umständen scheitert, sodass sie in die (Auto-) Aggressionen, die
Selbstmordversuche flüchtet, und doch immer auf der Suche „[…] nach irgendetwas,
irgendwem, der einen Weg weist.“18 Darüber hinaus kann sich diesen Themen durch
Textlektüre zu folgenden „geflügelten Worten“ (schult gleichzeitig die Fähigkeit,
metaphorische Ausdrücke zu verstehen) genähert werden:
„Ein bißchen Hoffnung hat sie, vor allem aber eine diffuse, wie Mehltau über ihrer Existenz liegende
Angst, Monikas vorherrschendes Lebensgefühl.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 54.
„Innerlich ist Monika noch gar nicht angekommen […].“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 55.
„Alles an dieser Umgebung signalisiert Monika Vorläufigkeit, Uneingerichtetheit, dünnen Boden. Ihr ist
das recht, alles ist in Schwebe.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 66.
„Ihre Erfahrung lehrt sie seit der frühen Kindheit, daß nichts sicher ist, alles im Fluß, alles vorläufig. Sie
hat niemanden und nichts, sie ist nichts und niemand.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 94.
Material:
• Textstellen:
- Veränderungsversuche: S. 89, 93f, 100, 142, 151
- Weltfremdheit: S. 93, 98, 103, 113, 119, 121, 147, 157f, 182
• Auszug aus einem Interview mit dem Autor ( ANHANG)
Arbeitsaufgaben:
• Diskussion der Leitfragen
4 Rollenbilder von Frau und Mann
Der Blick auf die Randfiguren im Roman ist durch den inhaltlichen Fokus auf Monika von
besonderer Bedeutung – es gilt neben den für Monika als Wegweiser fungierenden
16
Ebd. S. 59.
Ebd. S. 60.
18
Ebd. S. 48.
17
8
Frauenfiguren gerade die männlichen Protagonisten in ihrer Gebrochenheit und Schwäche
herauszuarbeiten. (Nebenbei ist es gerade für die männlichen Schüler wichtig, sich die
Männerfiguren im Roman genauer anzusehen.)
Der Text stellt sowohl einige Frauen- als auch Männerrollen vor, die von einzelnen
Charakteren repräsentiert werden – gemein ist diesen, dass sie allesamt nicht wirklich
durchschaubar oder gar gänzlich zuordenbar sind. Beispielhaft sei erwähnt, dass eigentlich
offen bleibt, was Petr, Zuzana und deren Schwestern konkret getan oder gewusst haben, als
sie Monika an František verkauften – der Leser macht sich allerdings sein eigenes Bild. Hier
kann man anhand der Trias „Identität – Rolle – Zukunft“, die durch verschiedene Abschnitte
dieser Handreichung repräsentiert wird, die Uneindeutigkeit, die Unabgeschlossenheit vieler
Prozesse, von der Literatur nur einer ist, aufzeigen.
Im Zuge der nachfolgenden Arbeitsaufgaben sollen diese ambivalenten Frauen- und
Männerfiguren (Mutter, Großmutter, Aurelia, Darina, Kristyna, Zuzana, Barbora, Jana, Olga,
Vera; Vater, Jaroslav, „der Gelähmte“, Emil, Petr, Filip, František, Georg, die Freier, Philipp)
VERGLEICH MIT
beschrieben werden – selbst Philipp (und darauf ist beim
ANDEREN WERKEN noch zurückzukommen) ist nicht der „Retter“ oder „Ritter“ auf dem
weißen Pferd, er ist ebenso ein gebrochener Typ wie andere Männerfiguren im Roman:
„Benützt sie ihn, oder ist es tatsächlich mehr? Hat er sie benützt, oder ist es tatsächlich mehr?“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 183.
„Etwas später, als er die Probedosis intus hat, zieht er eine vorläufige Bilanz. In gewissem Sinne geht es
ihm gut, er spürt sich wie lange nicht, eine trunkene Klarheit hat sich eingestellt, zutreffender noch: eine
klare Trunkenheit.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 172.
Oder was ist mit Georg, der so rein gar nichts von einem „Drachentöter“ hat?
„Daß es ein Kreuz sei mit den Ossis und die Nationalmannschaft den Münchner Bayern nicht das Wasser
reichen könne, daß der Papst es auf keinen Fall mehr lange machen werde, dieser Parkinson sich noch zu
einer fürchtersich noch zu einer fürchterlichen Menschheitsgeißel auswachsen werde, daß sie ihn bei Bedarf nur
anrufen brauche, in weniger als einer dreiviertel Stunde könne er mit Blaulicht da sein, und er heiße nicht
nur Georg, er stünde dem Drachentöter auch in nichts nach, wenn’s hart auf hart ginge, obwohl er an sich
ja keiner Fliege was zuleide tue, es kommt so einiges zusammen bei seinen Besuchen, nicht nur, was das
einmalige tschechische Bier anlangt.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 145f.
Und Joe, der mit seiner Gewaltbereitschaft eigentlich eigene Schwächen verbirgt, wie sogar
Monika bemerkt?
„Der Josef hinter Joe hätte durchaus Talente, macht aber nichts aus ihnen, er ist ein schwacher Mensch.
Selbst ohne psychologische Theoriekenntnisse spürt Monika, daß die meisten Prügel, die sie kassiert, im
Prinzip ihm selbst gelten, von seinem Haß sich selbst gegenüber herrühren, seinem Frust über die
lächerliche Gestalt, die er, seit sie ihn kennt, vor dem Hintergrund bedingungslosen Vatergehorsams,
krimineller Gegenwart, nebuloser Zukunftspläne, stets aufs neue gebrochener guter Vorsätze,
weinerlichen Selbstmitleids, obsessiven Fraueneroberns und kollateralen Schwängerns abgibt, alles
garniert mit dem ewig gleichen Cocktail aus Drogen, Alkohol und Spielsucht. Für diese Erkenntnis kann
sie sich freilich nichts kaufen.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 147f.
Material:
• Textstellen zu Frauen (Monika ausgenommen):
9
•
Frauen allgemein: S. 11, 16, 123, 142, 173
Mutter: S. 5-8, 10-15, 17-19, 21f, 24-26, 29, 31, 33, 35, 42-47, 52-54, 70f, 79,
131, 159, 165, 204, 208, 214
Großmutter: S. 6- 9, 12-19, 23, 25, 27, 29, 34, 37, 44, 116, 202f, 209f, 213-215
Schwester Aurelia: S. 6, 8, 13f, 18, 21, 26f, 203f
Darina: S. 43-48, 50, 79, 103
Kristyna: S. 52, 55-59, 61, 63, 67, 70f, 78, 204
Zuzana (und ihre Schwestern): S. 60-70, 72, 75, 78f
Barbora: S. 85, 90-93, 100, 102-109, 113f, 117f, 142
Agenturchefin Jana: S. 106f, 109f, 120, 123
Olga: S. 119, 124-127, 130, 142
Vera: S. 156-160, 168, 174, 178-180, 187, 189, 192-194
Textstellen zu Männern:
- Männer allgemein : S. 10, 44f, 90, 106, 148, 173
- Vater: S. 6, 8-14, 18, 29, 34, 37, 42, 44, 71, 84, 131, 159, 203, 209-215, 219
- Bruder Jaroslav: S. 6-8, 13f, 18, 20, 22f, 25-28, 38f, 43f, 46, 50, 52, 70f, 204f
- „Der Gelähmte“: S. 17-21, 24f
- Emil: S. 55-59, 63, 67, 70f, 78, 84, 204
- Petr: S. 64-67, 72-75, 78, 82, 84
- Filip: S. 70, 72
- František: S. 74, 76, 78-84, 87, 89, 98, 101f, 112, 121, 140, 157, 159
- Dresdner Freier: S. 85-89
- Tschechischer Freier: S. 95-98
- Josef (Joe): S. 125-142, 147-161, 180, 201f
- Georg: S. 142-147, 150, 155, 157, 159f, 174
- Philipp: S. 163-221
- Britische Freier: S. 178-180
Arbeitsaufgaben:
• Verfassen einer Äußerung / Überlegung zu wichtigen Vorgängen und Handlungen aus
der Perspektive einer der sogenannten Randfiguren (in Form eines inneren Monologes,
eines Briefs, einer Tagebucheintragung)
• Verfassen einer Personencharakterisierung, die sich zum einen auf ihre Stellung
innerhalb der Figurenkonstellation bezieht, zum anderen aber auch ihre Stärken und
Schwächen, ihre Kanten, ihre Brüche neben Angaben zu Alter, sozialer Stellung,
Beschäftigung, Beschreibung des Aussehens / Charakters, Rolle im Text,
Handlungsmotivation, Behandlung der Mitmenschen aufzeigt (Einzel- und
anschließende Kleingruppenarbeit)
• Gemeinsame Erarbeitung einer Figurenkonstellation und ihrer Beziehungen als
graphische Darstellung
Ein weiterer Aspekt, der im Zuge der Beschäftigung mit Rollenbildern in einer Diskussion
aufgegriffen werden kann, ist Monikas Ablehnung des Frauseins seit der Kindheit (
IDENTITÄTSDISKURS UND SELBSTBESTIMMUNG), die sich in weiterer Folge mit
ihrer Autoaggression verbinden lässt:
10
„Warum ist eigentlich sie ein Mädchen geworden und nicht er? Sie strotzt vor Kraft, ist ein
Energiebündel, voller Tatendrang und Temperament, stur, weiß ihren Kopf durchzusetzen. […] Sie
möchte ein Mann werden, ein richtiger Mann, nicht wie der Vater.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 13.19
„Monika beschließt vergeblich, auch ohne ihren Uhu Kind bleiben zu wollen, auf jeden Fall keine Frau zu
werden. Die ihr nachstellen, riechen schon nach Mann, das ist ihr zuwider, macht ihr Angst.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 39.
5 (Auto-) Aggression, Selbstmordversuche, Alkohol, Drogen, Sexgewerbe und Prostitution
Gerade diese Themen erfordern eine detaillierte Behandlung im Unterricht, um die Schüler
nicht damit allein zu lassen. Es empfiehlt sich, die einzelnen Themen an Gruppen zu vergeben
und diese anhand von Leitfragen und konkreten Textstellen näher zu beleuchten.
„An manchen Tagen […] unterstützen dumpfe Narbenschmerzen Monikas einsamen Kampf gegen die
Seelennöte, heute, morgen, zehn, fünfzehn Jahre später kommen sie, gehen sie, wie die Erinnerungen.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 31.
„Jeder neue Schnitt in den Arm ist ihr so auch eine wohltuende Bestätigung, daß letztlich niemand Macht
hat über sie. Daß es allein an ihr liegt, ob und wann sie sich abberuft. Sie ist so groß, sie ist so klein.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 37.
Daher muss mit den Schülern auch erarbeitet werden, ob die Autoaggressionen nicht der
Versuch einer Selbstbestimmung sein sollen!? Oder sind diese Aggressionen gegen sich
selbst, diese exzessiven Drogenerfahrungen nicht Ausdruck eines Bedürfnisses, sich selbst
spüren zu wollen (oder es so überhaupt erst zu können), vielleicht auch weil sie sich in
sozialen Gruppen schwach fühlt, weil sie sich nur schwer von anderen abzugrenzen vermag?
Material: Textstellen
• Aggression: S. 8, 12, 21, 22, 25, 29, 38, 57, 83f, 101, 120, 128, 131, 136-141, 147,
150, 153f, 156, 158-161, 169, 192-195
• Sexuelle Gewalt: S. 21f, 118, 121f
• Selbstmordversuche: S. 28, 30, 33, 60, 76, 184
• Narben / Körper: S. 30-32, 40, 43, 45, 71, 87, 92, 95, 101, 108f, 122, 131-133, 140,
176, 181, 190, 193, 199, 207
• Autoaggression: S. 31f, 34, 37f, 137
• Alkohol und Drogen: S. 44, 63, 101, 106, 109, 111, 119, 121f, 127, 129, 131, 134,
141, 147, 156, 160, 170-172, 175f, 182, 186-189, 192, 195f
• Sexgewerbe / Prostitution: S. 58, 67ff, 74, 79, 80, 86-89, 92, 95-98, 108f, 128f, 132,
146-149, 166f, 170, 173, 175, 177-179, 188, 190
• Menschenhandel: S. 72-74, 83, 96, 105, 138
• Abtreibung: S. 133-135
„Eine Zigeunerliebe ohne Schläge für die Frau ist keine echte Zigeunerliebe, behauptet er ganz ohne
Ironie, aber Monika denkt an Mutters Prügel für den Vater. Manchmal schlägt sie zurück, das bekommt
ihr freilich nicht gut, denn dann läßt er erst von ihr ab, wenn sie auf dem Boden liegt und wimmert.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 131.
Leitfragen:
19
Vgl. dazu auch ebd. S. 33.
11
•
•
•
•
Wie wird sprachlich mit (Auto-) Aggression umgegangen? Wie entwickelt sich der
Umgang mit Gewalt im Verlauf des Romans? Und wie gestalten sich dabei die
Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau?
Welche Rolle spielen Alkohol und Drogen im Text? Was bleibt dabei offen?
(gegebenenfalls Internetrecherche zu Drogen- und Alkoholproblematik)
Mit welchen sprachlichen Mitteln wird das Sexgewerbe / Prostitution /
Menschenhandel beschrieben? Verändert sich die Sprache, sobald eines der
behandelten Themen im Mittelpunkt steht (z.B. Sexualität – S. 86, 92, 174)? Zeigt sich
durch „UND NEHMEN WAS KOMMT“ eine differenzierte Wahrnehmung des
Sexgewerbes? Und wenn ja, woran lässt sich dies festmachen? (
ROLLENBILDER VON MANN UND FRAU) Ist eine Degradierung zum Objekt
wahrzunehmen – und was tut Monika dazu (z.B. Versuch einer Identitätsreflexion – S.
96)?
Wie schreibt man überhaupt adäquat über Menschen im Sexgewerbe? Empfindest Du
den Text voyeuristisch? Gar an- oder abtörnend? Was unterscheidet die literarische
Darstellung vom „Enthüllungsbericht“, der vielleicht für hohe Verkaufszahlen sorgen
würde? (gegebenenfalls auch als Problemarbeit / -aufsatz zum Thema: „Voyeurismus
in der Literatur – wie lässt sich ein solches Thema überhaupt darstellen?“)
6 Vergleich mit anderen Werken
Als Kontrapunkt zur ästhetischen Konzeption von „UND NEHMEN WAS KOMMT“ kann ein Film
dienen, den wohl die meisten Schüler aus ihrer Rezeptionserfahrung kennen: „PRETTY
WOMAN“ (1990, R: Garry Marshall, D: Richard Gere, Julia Roberts, H. Elizondo).
„Denn Monika mußte dreiundzwanzig werden, um jenseits vorübergehend bester Freundinnen im
Berufsumfeld auf einen Menschen zu stoßen, der Anteil nahm, mit ihr litt, nicht einfach Gebrauch von ihr
machte.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 189.
„Unmißverständlich deutet sie an, ihr künftiges Wohl und Wehe hänge allein von ihm ab.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 182.
Denn „UND NEHMEN WAS KOMMT“ ist keine „PRETTY-WOMAN“-Story, in der ein edler Freier
wie Edward Lewis (Richard Gere) – wenn man so will als Deus ex machina – Monikas Leben
rettet (Rückanbindung an
IDENTITÄTSDISKURS UND SELBSTBESTIMMUNG)
und alles zum Guten wendet. Eine oberflächliche Betrachtung würde diese Lesart zwar
zulassen, genauer betrachtet erkennt man allerdings, dass es sich bei Philipp um eine ebenfalls
recht zerbrechliche Figur handelt – im Gespräch verwendete Ludwig Laher die schöne
Metapher, dass es sich bei Philipps Hand um eine gleichermaßen „helfende wie labile Hand“
handelt.
Es handelt sich daher um kein Happy End, sondern um ein offenes, aber durchaus positives
Ende, „[…] ein seltsames Nichtlockerlassen, ein zittriges Vor und Zurück bei gleichzeitiger
sturer Unerschrockenheit auf beiden Seiten.“20 Dieses dünne Eis, auf dem die beiden
wandeln, ist ein wesentlicher Unterschied zum „PRETTY WOMAN“-Motiv, der nächste Schritt
kann das Eis zum Einbrechen bringen – das Leben bleibt (wie bereits festgestellt)
unvorhersehbar. Und dies gilt es – auch in Rekurs auf
IDENTITÄTSDISKURS UND
20
Kospach, Julia: Nehmen, was kommt. Berliner Zeitung, 10. / 11. November 2007.
12
SELBSTBESTIMMUNG sowie
betonen.
ROLLENBILDER VON MANN UND FRAU– zu
„Alles ist in Schwebe, ein merkwürdiger Zustand ist das. Sie vermeiden es beide, auch nur ein Wort über
eine gemeinsame Zukunft zu verlieren. Sie haben beide abwechselnd Zeichen gesetzt, die sie einander
nähergebracht haben, spontan eher als kalkuliert, doch sind sie beide zu vorsichtig, zu unsicher, zu
skeptisch, zu verwundet, um sich vorbehaltlos aufeinander einzulassen.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 184.
Vergleicht man die Beziehung Edward Lewis (Richard Gere) – Vivian Ward (Julia Roberts)
und „das Experiment Monika und Philipp“21, so sind doch gravierende Unterschiede
auszumachen:
„Im Rückblick scheint ihnen diese rasche Abfolge von wohliger Wärme, unheilschwangerer
Gewitterstimmung, reinigenden Ausbrüchen und prompter Versöhnung die einzig aussichtsreiche
Beziehungsform zweier Menschen zu sein, die einander in einer beidseitigen Extremsituation mehr oder
weniger angeschlagen über den Weg liefen und, bei aller Zuneigung, um keinen Preis der Welt bereit
waren, zu sehr von sich selbst abzusehen, wenn sie schon das Risiko eingingen, es miteinander zu
versuchen. Sie spielten mit offenen Karten, offene Bücher waren sie einander deswegen noch lange
nicht.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 200.
Arbeitsaufgaben:
• Vergleich (Parallelen, Unterschiede) auf Ebene des Inhalts, der Charaktere, des
„Happy Ends“
Modul 3 | Erzählverfahren und Sprache
Trotz des Themas, durch das Emotionen in der Rezeption wohl vorherrschend sind, darf der
sprachliche Aspekt nicht vernachlässigt werden (Ziel: Wahrnehmung der sprachlichen
Gestaltung). Literatur soll natürlich „[…] als […] Medium gesehen [werden], das den
Heranwachsenden in ihrer intellektuellen und affektiven Entwicklung eine Hilfe sein kann“22
(wobei der Begriff der Hilfe, so Ludwig Laher im Gespräch, zu stark erscheint, er präferiere
den Begriff des „Angebots“), gleichzeitig darf aber die Absicht, Kenntnisse über Elemente
des Erzählens (wie Erzählperspektive, Fokalisierungsinstanzen, Analepse und Prolepse,
Techniken andeutenden Erzählens, Redeformen) vermitteln zu wollen, nicht auf der Strecke
bleiben.
7 Erzählhaltung / Fokalisierung
Ausgehend von der Frage, welcher Sprache sich der Autor bedient (Kristina Pfoser vom Ö1
Morgenjournal beschrieb sie in wenigen Worten: „lakonisch, nüchtern, schnörkellos“23) und
welchen Eindruck, welche Assoziationen diese bei den Schülern erweckt, soll versucht
werden, das Erzählverhalten / die Erzählhaltung, die sich im Verlauf des Romans verändert,
näher zu beschreiben.
21
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 202.
Spinner, Elisabeth / Spinner, Kaspar H. (1984): Kinder- und Jugendliteratur. In: Baurmann, Jürgen / Hoppe,
Otfried (Hrsg.) (1984): Handbuch für Deutschlehrer. Stuttgart. S. 362-378. S. 366.
23
Pfoser, Kristina: Ö1 Morgenjournal. URL: http://www.haymonverlag.at/page.cfm?vpath=buecher/
pressestimmen&titnr=530 [31. August 2011]
22
13
„Ihre frühe Kindheit ist glücklich, sagt Monika, aber ein Satz wie dieser muß aus späterer Zeit stammen,
denn das Kind, das sie war, macht sich keinen Begriff von Glück. Es wird geliebt, das spürt es, das tut
gut, das reicht.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 9.
„Vielleicht eine Hexenschußattacke, versucht er sich zu erklären, was er sieht. Kann man sich daran
gewöhnen, daß man die Welt so wenig im Griff hat? Daß man immer wieder kalt erwischt wird, in immer
kürzeren Abständen, wie es scheint? Ein Anflug von Lächeln huscht über Monikas Gesicht, als sie sich
jetzt eine Zigarette anzündet.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 81.
Arbeitsaufgaben:
• Charakterisierung der Erzählhaltung / Suche von verschiedenen Erzählhaltungen im
Text - Beleg mit Beispielen: Wer spricht wann? Von wem gibt es eine Innensicht
(Fokalisierungsinstanzen, z.B. Wechsel der Fokalisierungsinstanzen insbesondere
zwischen Philipp und Monika ab S. 168)?
• Nacherzählung einzelner Szenen mit anderer Fokalisierungsinstanz
8 Dokumentarischer Roman / Faktualität und Fiktionalität
„Der Schriftsteller, jedenfalls einer wie ich, darf sich nicht zu sehr von seiner Geschichte vereinnahmen
lassen. Ich erzähle mit authentischem Hintergrund, weil ich überzeugt bin, die wirklich spannenden
Themen muss man nicht erfinden.“
Schacherreiter, Christian: Radikale Intimität. OÖN Interview mit Ludwig Laher. Oberösterreichi-sche
Nachrichten, 20. März 2007.
„Ich lese meine Geschichten von der Straße auf.“
Laher, Ludwig: Auszug aus einem Bericht über die Rauriser Literaturtage.
Dieser Roman bietet sich dazu an, die Diskussion um Faktualität und Fiktionalität zu führen –
so kann auch die Gattungsdiskussion („dokumentarischer Roman“ vs. „Sachbuch“ – Was
macht einen literarischen Text aus?) angeschnitten werden.
Material:
• Auszüge aus Interviews mit dem Autor ( ANHANG)
• Rezensionen, die auf Recherchearbeiten und dokumentarischen Charakter verweisen24
• Bei Bedarf: Bereitstellung eines theoretischen Grundlagentextes
Arbeitsaufgaben:
• Verfassen eines fiktiven Briefs an den Autor, in dem Fragen und Anmerkungen zu
seiner Herangehensweise an den dokumentarischen Charakter des Buches
wiedergegeben werden: An welchen besonders signifikanten Textstellen wird dies
deutlich? (Berücksichtigung der bereits diskutierten thematischen Aspekte und
Benennung der Einstellung gegenüber dem Text bzw. der Einsichten und Fragen, die
sich aus dem Text ergeben, als Vorbereitung auf die abschließende
„FELDFORSCHUNG“)
• Diskussion der Abstufungen zwischen Faktualität und Fiktionalität im Plenum: Woher
kennt Laher die Innenwelt der Personen? Wie geht man gerade bei solchen Texten, die
24
Eine Sammlung von Pressestimmen findet sich auf der Webseite des Autors und der Verlages:
Autor – URL: http://www.ludwig-laher.com/index2.htm [31. August 2011]
Verlag – URL: http://www.haymonverlag.at/page.cfm?vpath=buecher/pressestimmen&titnr=530 [31. August
2011]
14
an der Grenze zwischen Faktischem und Fiktivem liegen, mit diesen Begriffen um und
wie stellt man sie infrage? Und was zeigt uns an diesem Text, dass es sich um einen
literarischen Text handelt und nicht um einen Sachtext? Was macht den Text also zu
einem dokumentarischen Roman statt zu einem Sachbuch?
Modul 4 | Abschlussdiskussion
In der Abschlussdiskussion muss darauf hingewiesen werden, „[...] in welchem Verhältnis
literarische Texte zu den Diskursen und dem Wissen einer Gesellschaft stehen, wie sie das
soziokulturelle Wissen ihrer Entstehungszeit verarbeiten und welche gesellschaftlichen
Funktionen sie jeweils erfüllen.“25 Ziel einer solchen Erkenntnis ist es, „[…] kognitive
Zugriffsweisen mit emotional gesteuerten […]“26 zu verbinden – eine solche Verbindung soll
im Zuge des abschließenden, handlungsorientierten Arbeitsauftrages stattfinden, der
gleichzeitig das Funktions- und Wirkungspotential von Literatur belegt.
9 „Feldforschung“
Durch die im Zuge der Beschäftigung mit dem Text erworbene Fähigkeit, den Text zu
kontextualisieren und in einer spezifischen historischen, sozialen, kulturellen,
psychologischen Dimension zu reflektieren, geht es nun darum, mit den Schülern im
Unterricht aus den bisher gewonnen Erkenntnissen Fragestellungen (Fragenkatalog) für die
„Feldforschung“ im eigenen Familien- und Bekanntenkreis zu entwickeln und so soziale
Kompetenzen zu schulen.
„Monika steht auf und öffnet eine Dose Tierfutter, während sie laut darüber sinniert, wie zynisch es ihr
vorkommt, daß Mädchen dann mit achtzehn ganz legal kommerziell verwertet werden dürfen. Die
meisten sind immer noch Kinder, sagt Monika, und viele gehen kaputt. Mir kommt das vor wie mit den
jungen Soldaten, wenn sie achtzehn sind und in den Krieg geschickt werden.“
Laher, Ludwig (2011): Und nehmen was kommt. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch. S. 218f.
Arbeitsaufgaben:
• Themenvorschläge „Prostitution“, „Menschenhandel“, „Gewalt“ oder
„Selbstbestimmung“ (gegebenenfalls auch mehrere Gruppen): Welche Haltung hat
mein Umfeld zum Thema? Wie geht mein Bekanntenkreis damit um, dass sich dies in
Mitteleuropa ereignet? Wie sehen sie die „Verwertung“ unzähliger Menschenleben?
Wieso ignorieren Menschen diese Tatsache? Oder ist es Ihnen gar gleichgültig? Wie
steht es um den Jugendschutz? Warum sind Menschen wie Monika nicht erfasst? Wer
ist überhaupt erfasst? Was bedeutet Selbstbestimmung überhaupt?
• Eventuell Verarbeitung der Ergebnisse in Form journalistischer Textformen
(Interview, Reportage, Bericht, Kritik, Leitartikel, Kommentar)
Im Zuge einer solchen Aufgabe bedarf es besonders des Engagements der Lehrperson.
25
Nünning, Ansgar / Sommer, Roy (2004): Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft: Disziplinäre Ansätze,
theoretische Positionen und transdisziplinäre Perspektiven. In: Nünning, Ansgar / Sommer, Roy (Hrsg.) (2004):
Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft: Disziplinäre Ansätze – Theoretische Positionen –
Transdisziplinäre Perspektiven. Tübingen: Gunter Narr Verlag. S. 9-29. S. 20.
26
Fingerhut, Karlheinz (2002): Didaktik der Literaturgeschichte. In: Bogdal, Klaus-Michael / Korte, Hermann
(Hrsg.) (2002): Grundzüge der Literaturdidaktik. München: dtv. S. 147-165. S. 148.
15
10 Abschlussdiskussion
Abschließend kann und soll eine Diskussion über „UND NEHMEN WAS KOMMT“ geführt
werden, Diskussionsschwerpunkte könnten – im Sinne einer rezeptionsästhetischen
Fragestellung bzw. einer sozialen / politischen Bildung – daher folgende sein.
Leitfragen:
• Aufgabe / Wirkung von Literatur: Welche Aufgaben / Wirkungen kann Literatur,
Schreiben und Geschichtenerzählen – gerade bei diesem Sujet und dieser Perspektive
– also haben?
• Ignoranz / Schwerpunktsetzung: In jüngster Vergangenheit werden vehement
Diskussionen um den Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche geführt, doch
nicht allein dort: in Schulen, Vereinen – wo auch immer: Kindesmissbrauch ist in der
Gesellschaft so geächtet, während Schicksale von Menschen wie Monika kein Thema
sind – im Sinne von „Diese Osteuropäerinnen werden das schon freiwillig machen…“
– selbst wenn sie oft gefangengehalten, durch vorgegaukelte Schulden usw. an ihre
Tätigkeit gebunden werden. Das kommt in gesellschaftlichen Diskussionen allerdings
kaum vor – lohnend wäre daher eine Diskussion zum Thema „Menschenhandel /
Prostitution im Kindes- und Jugendalter vs. Kindesmissbrauch“ (eventuell auch
„FELDFORSCHUNG“).
Integration in die
3. Ergänzende und weiterführende Materialien
Mehr von Ludwig Laher
Laher, Ludwig (2009): Herzfleischentartung. Innsbruck / Wien: Haymon Taschenbuch.
Laher, Ludwig (2009): Einleben. Innsbruck / Wien: Haymon. (= 2. Teil der Trilogie)
Laher, Ludwig (2011): Verfahren. Innsbruck / Wien: Haymon. (= 3. Teil der Trilogie)
Zum Thema Roma / Sinti
Eder, Beate (1993): Geboren bin ich vor Jahrtausenden. Bilderwelten in der Literatur der
Roma und Sinti. Mit einem Vorwort von Erich Hackl. Klagenfurt / Celovec: Drava.
Laher, Ludwig (Hrsg.) (2004): Uns hat es nicht geben sollen. Rosa Winter, Gitta und Nicole
Martl. Drei Generationen Sinti-Frauen erzählen. Grünbach: Edition Geschichte der Heimat.
Laher, Ludwig (2006): Ketani heißt miteinander (ORF-Dokumentation: Sinti ob der Enns –
wider die Zigeunerklischees) -Bezug der DVD (€ 14,90) über: Verein Ketani,
Hebenstreitstraße 4, 4020 Linz, T. +43 (0) 732/31 84 31 Mail: verein.ketani@aon.at
Thurner, Erika: Roma in Europa – 20 Jahre Roma-Bewegung in Österreich, in: europa
ethnica, 67. Jg., H.1/2, 2010, S. 3-10.
Rombase Pädagogik – Handreichungen und Unterrichtsvorschläge (interdisziplinär) – URL:
http://romani.uni-graz.at/rombase/ [31. August 2011]
Sammlung von Adressen und Links zur didaktischen Aufbereitung des Themas – URL:
http://www.politischebildung.at/index.php?modul=themen&show_no_archiv=1&top_id=2112 [31. August 2011]
Sammlung von Artikeln und Links zum Thema – URL:
http://www.eurotopics.net/de/home/presseschau/archiv/magazin/gesellschaftverteilerseite/roma_in_europa_2007_09/ [31. August 2011]
Sammlung von Rundfunk- und Filmbeiträgen zum Thema – URL: http://www.sintiroma.at/pressemedien1.htm [31. August 2011]
16
Zum Thema (Auto-) Aggression, Frauenhandel, Gewalt, Prostitution:
Levenkron, Steven (2001): Der Schmerz sitzt tiefer: Selbstverletzung verstehen und
überwinden. München: Kösel Verlag.
Nautz, Jürgen / Sauer, Birgit (Hrsg.) (2008): Frauenhandel. Diskurse und Praktiken
(Transkulturelle Perspektiven). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht Unipress.
Paulus, Manfred (2003): Frauenhandel und Zwangsprostitution – Tatort: Europa. Hilden:
Verlag Deutsche Polizeiliteratur.
Pfister, Stefanie (2009): Ich gegen mich?!? Kopiervorlagen zum Thema Selbstverletzung,
Selbstbewusstsein, Identität. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Sachsse, Ulrich (2002): Selbstverletzendes Verhalten: Psychodynamik - Psychotherapie. Das
Trauma, die Dissoziation und ihre Behandlung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Sapper, Manfred / Weichsel, Volker / Huterer, Andrea (Hrsg.) (2006): Mythos Europa:
Prostitution, Migration, Frauenhandel – Themenheft Osteuropa Nr. 6/2006 Berlin: Berliner
Wissenschaftsverlag.
Schauer, Cathrin (2003): Kinder auf dem Strich: Bericht von der deutsch-tschechischen
Grenze. Berlin: Horlemann.
Tschöpe, Bernd (2011): Studienletter Aggression und Autoaggression. Freiburg: Lambertus
Verlag.
Wahl, Klaus (2009): Aggression und Gewalt: Ein biologischer, psychologischer und
sozialwissenschaftlicher Überblick. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.
4. Anhang
Zu: 1 Impuls mit Coverbild
17
18
Download in hoher Auflösung ist möglich unter:
Gebundene Ausgabe – URL:
http://www.haymonverlag.at/page.cfm?vpath=buecher/bilderdownload&type=cover&titnr=53
0&snippetmode=download [31. August 2011]
Taschenbuchausgabe – URL:
http://www.haymonverlag.at/page.cfm?vpath=buecher/bilderdownload&type=cover&titnr=88
5&snippetmode=download [31. August 2011].
Zu: 3 Identitätsdiskurs und Selbstbestimmung
Maßnahmen gegen die Gewalt
Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach,
merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah
hinter sich stehen – die Gewalt. „Was sagtest du?“ fragte ihn die Gewalt. „Ich sprach mich für
die Gewalt aus“, antwortete Herr Keuner. Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn
seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: „Ich habe kein Rückgrat zum
Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die Gewalt.“
Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte:
In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit
der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer,
die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören solle jede Wohnung, in die er
seinen Fuß setzte; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte
ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe. Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte
Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem
Einschlafen: „Wirst du mir dienen?“
Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und
wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines
zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren
und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent.
Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das
Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: „Nein.“
Brecht, Bertolt (2003): Geschichten vom Herrn Keuner. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Bibliothek Suhrkamp
1366).
Interview mit Ludwig Laher
[…] SN: Monikas elendes Leben ist auf den Verlust von Sozialstrukturen zurückzuführen:
Indem die Roma-Clans getrennt und angesiedelt wurden, ging der Halt verloren. Was kann
Monika den erdrückenden Bedingungen entgegensetzen?
LAHER: Sie ist eine starke Persönlichkeit, nicht ein klassisches Opferlamm. Sie wehrt sich
gegen ihre Verwertung, scheitert aber, weil ihr das Rüstzeug für diese komplexe,
verschlagene Welt fehlt.
19
Im neuen Europa werden zigtausende Mädchen und Burschen zum billigen Rohstoff für einen
florierenden Wirtschaftszweig, dessen Profite die Geldbörsen westlicher Freier speisen. So
lange sich daran nichts ändert, werden Individuen wie Monika zu Grunde gehen, zumindest
seelisch: Eine 18-Jährige ist erwachsen, meint das Gesetz, sie darf alles machen, mit ihr darf
alles gemacht werden, auch wenn sie, weil nie gefördert, die geistige Reife einer
Zwölfjährigen hat.
SN: Die Männer im Roman wirken trotz ihrer finanziellen Macht hilflos. So erzählen Sie von
Deutschen, die sich beruflich Frust und Beziehungsschwierigkeiten in den Sexklubs von der
Seele reden möchten und dafür „eine Art Klagemauer engagieren“. Inwiefern betrachten Sie
diese Männer selbst als Opfer einer neoliberalen Leistungsgesellschaft?
LAHER: Mit den Schwarz-Weiß-Begriffen Opfer und Täter tue ich mir schwer. Auch Monika
selbst ist keine Heilige, warum auch?
Das Sexgeschäft bewerte ich nicht moralisch, es dient mir lediglich als Folie für eines meiner
Hauptthemen: wie der Mensch mit dem Menschen umgeht. Das Sexgeschäft ist wesentlich
älter als die neoliberale Leistungsgesellschaft, aber ich füge dem großen Spektrum an
Freiermotivationen dieses von ihnen angesprochene Moment hinzu: Männer monologisieren,
dürfen zugeben, dass sie nicht genügen, was sie Ehefrauen und Freundinnen nicht
einzugestehen wagen. Und es fällt ihnen nicht einmal auf, dass das Deutsch vieler käuflicher
Frauen nicht ausreicht, um zu verstehen, wovon sie reden.
Vielleicht will es ihnen auch nicht auffallen, wie ihnen nicht auffallen will, dass der Körper
Monikas eine Narbe ist, ein Tagebuch der Selbstverletzung aus Verzweiflung. Um bewusst
Täter zu sein, reicht das Format solcher Männer nicht.
SN: Monikas Weg verläuft in einer Abwärtsspirale: Nach Lager und Kinderheim wird sie in
ein Leben geworfen, von dessen Fallstricken sie keine Ahnung hat. Sie wird bestohlen,
geschlagen, benutzt, sie betäubt sich mit Drogen. Dass dieser Abstieg umkehrbar ist, wagt
man kaum zu hoffen. Und doch wenden Sie die Geschichte ins Positive. Warum?
LAHER: Weil Monika stark, aber seit früher Kindheit auf sich allein gestellt ist. Das reicht
nicht, um selbstbestimmt existieren zu können. Als sich ihrer endlich jemand annimmt, rettet
sie sich – obwohl ganz unten – selbst. Sie braucht keinen Retter, keinen Märchenprinzen,
sondern nur etwas zum Anhalten im Strudel. Das wollte ich zeigen. […]
Rademacher, Christina: Mädchen als Sexobjekt verwertet. Interview mit Ludwig Laher. Salzburger Nachrichten,
15. März 2007.
Zu: 8 Dokumentarischer Roman / Faktualität und Fiktionalität
Die Komposition einer Roman-Trilogie.
[…] PART: Ihr neues Haymon-Buch [Anm.: „Verfahren“] schließt eine Trilogie ab, in der
Sie von Menschen erzählen, „die sich schwer tun, ihre Füße auf den Boden zu bekommen.“
War für Sie von die Komposition von Anfang an klar?
LAHER: Im Prinzip ja. Ich habe aber die Reihenfolge gegenüber dem ursprünglichen
Konzept dieser motivischen Trilogie geändert. „Verfahren“ sollte als erstes Buch erscheinen,
jetzt ist es das letzte.
20
PART: Im neuen Buch steht die erschütternde Geschichte der Kosovo-Serbin Jelena im
Mittelpunkt. Sie hätten den Roman ähnlich konzipieren können wie „Und nehmen was
kommt“, aber dieses Mal ging es Ihnen wohl weniger um das Einzelschicksal?
LAHER: Ich wiederhole mich höchst ungern. Den ersten und den dritten Teil verbindet vieles,
in beiden Romanen geht es um die Turbulenzen im neuen Europa nach 1990, ums
Alleingelassenwerden in der Not, um soziale Kälte. „Und nehmen was kommt“, das im
Sommer als Taschenbuch erscheinen wird, bleibt dabei nahe an der Hauptgestalt, erzählt mehr
oder weniger klassisch, in „Verfahren“ sind die strukturellen Bedingtheiten ebenso ‚Helden’
der Erzählung wie die Protagonisten. Darin ähnelt der Roman in gewisser Weise
„Herzfleischentartung“ aus 2001. Die Biotope der Justiz, also das Richter- und
Anwaltsmilieu, der Verwaltung und der NGOs werden in ihrer Binnenlogik vorgestellt und
kontrastieren mit den Einzelschicksalen. „Einleben“, der an seinem Platz belassene Mittelteil,
sollte dagegen ein buntes, grundsätzlich positiv gestimmtes Buch werden, und das trotz seines
ebenso ernsthaften Themas, der Geschichte eines Down-Syndrom-Kindes und seiner Mutter.
PART: Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie die alte Streitfrage, ob Literatur überhaupt
etwas bewirken könne, eindeutig mit Ja beantworten?
LAHER: Nein. Oder zumindest: Beim Schreiben denke ich nicht daran, etwas bewirken zu
wollen. Denn das wäre belastend, würde das Produkt beeinflussen, den moralischen
Zeigefinger befördern. Ich mache ein Angebot an die Leserschaft, sich gründlicher mit einem
Thema auseinanderzusetzen als das üblich ist. Mehr nicht. Falls, etwa wie bei
„Herzfleischentartung“, ein Roman in der Wirklichkeit Folgen hat, dann soll es mir recht sein.
Kürzlich haben übrigens die OÖN in ihrer glänzenden Besprechung von „Verfahren“ dem
Innenministerium nahegelegt, ein größeres Kontingent des Romans anzukaufen und als
Fortbildungsmaterial an zuständige ‚Organe’ weiterzureichen.
PART: Sie sind 1955 in Linz geboren und leben in der Innviertler Gemeinde St. Pantaleon, wo
ja auch Ihr Roman „Herzfleischentartung“ angesiedelt ist. Wie tief wachsen Ihre
oberösterreichischen Wurzeln?
LAHER: Ach, ich bin seit je tief verwurzelt hier, wovon auch der Roman „Folgen“ Zeugnis
ablegt oder die beiden in der Reihe „Europa erlesen“ erschienenen, von mir herausgegebenen
Bände „Oberösterreich“ und „Linz“, der jetzt auch als Hörbuch vorliegt. Schließlich möchte
ich in diesem Zusammenhang das Buch „Uns hat es nicht geben sollen“ erwähnen, das mit
dazu beigetragen hat, die autochthone Minderheit der Sinti in Oberösterreich zum öffentlichen
Thema zu machen. Die extreme Randlage St. Pantaleons vereint den Vorzug der Distanz zum
Alltag in Linz und Umgebung mit der Behaustheit in diesem vielfältigen, faszinierenden,
widersprüchlichen Land, in dem es kaum mehr viele Wege geben dürfte, auf denen ich nicht
zu Fuß unterwegs war.
Part, Matthias: Die Komposition einer Roman-Trilogie. Kulturbericht Oberösterreich, Mai 2011. S. 19 (Auszug)
Radikale Intimität
OÖN: Ihr Roman hat die inhaltliche Präzision einer Reportage. Wie haben Sie recherchiert?
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LAHER: Wie immer: genau, respektvoll, ich habe mir Zeit genommen, versucht,
Gesprächspartnern das Gefühl zu geben, wirklich zuhören zu wollen, ihretwegen, nicht wegen
einer Story. Die Geschichte ergibt sich dann ohnehin.
[…]
OÖN: Beim Leser stellt sich immer wieder Wut ein über das Ausmaß an Grausamkeit. Sie
halten gerade an dramatischen Stellen den distanzierten Stil des Chronisten durch. War Ihnen
diese Perspektive des Erzählers wichtig?
LAHER: Der Schriftsteller, jedenfalls einer wie ich, darf sich nicht zu sehr von seiner
Geschichte vereinnahmen lassen. Ich erzähle mit authentischem Hintergrund, weil ich
überzeugt bin, die wirklich spannenden Themen muss man nicht erfinden. Die Leserschaft
soll mit ihnen bekannt gemacht werden, und zwar jenseits journalistischer Verkürzung und
Zuspitzung, aber auch ohne ihr vorzugeben, wie sie zu reagieren hat.
OÖN: Bewundernswert auch der Schluss: kein zuckerlrosa Happy End, aber doch ein
optimistischer Akzent. War das eine schwierige Gratwanderung für den Autor?
LAHER: Der ganze Text war eine äußerst schwierige Gratwanderung: Ich wollte den
Voyeurismus nicht bedienen, und doch ging es um radikale Intimität. Ich wollte auch nicht
die Tränendrüsen bedienen, und doch ging es darum zu zeigen, dass solche Geschichten meist
schrecklich enden.
Die positive Wendung verdankt sich allein der Kraft dieses gebeutelten Menschen, der keinen
Märchenprinzen, keinen Retter braucht, sondern nur etwas zum Anhalten im Strudel. Das
reicht für Monika völlig, um mit großer Disziplin Tritt zu fassen.
Schacherreiter, Christian: Radikale Intimität. OÖN Interview mit Ludwig Laher. Oberösterreichische
Nachrichten, 20. März 2007.
Bericht über die Rauriser Literaturtage
Ludwig Laher: Ich lese meine Geschichten von der Straße auf.
Sammeln. Legere. Lesen. Schreiben. Wenn Ludwig Laher über seine Poetik spricht, dann ist
der Wert oder der Prozess des Sammelns wieder greifbar. Im Gespräch mit dem studentischen
Arbeitskreis der Uni Wien wird diese poetische Programmatik diskutiert. Lahers Poetik ist
eine dokumentarische Poetik, […] die im wahrsten Sinn des Wortes auf der Straße zu finden
ist. […]
Laher folgt im seinem Schreiben einem Grundsatz: Man muss aufzeigen, wie Strukturen zu
verbessern seien. Natürlich, vielleicht sagt die Justiz dazu mehr, als die Schriftsteller. Sie tut
es aber nicht. Daher muss Literatur versuchen, den Diskurs mitzuschreiben.
[…]
In seinen Texten hat die Schuldfrage eine tertiäre Bedeutung. Schuld spielt keine Rolle für
seine Konstruktionsweise: Ich belasse es damit zu beschreiben und zu erzählen. Aufrechnen,
zurechnen, berechnen hat nichts mit Erzählen zu tun. Jedoch: Die affirmative Schuldfrage
impliziere die Anregung über Schuld und Verantwortung nachzudenken und in einem
literarisch-ästhetischen Versuch das Thema abzuarbeiten und ein Angebot zu machen.
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Bericht über die Rauriser Literaturtage, Vorstellung des Romans „Verfahren“: Freitagvormittag:
Arbeitsgespräche – URL: http://www.rauriserliteraturtage.at/rauris_nachlese/impressionen/impressionen_2011/freitagvormittag,%2001.04 [31. August 2011]
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