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Man kann nur denken, was man kennt, und man kann nur wählen

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Man kann nur denken, was man kennt, und man kann nur wählen,
was es gibt
Eine explorative Studie des Wohn-Handelns bei alleinlebenden Menschen unter besonderer Berücksichtigung gesellschaftlicher Faktoren
Antonia Jann
3/2012
Zusammenfassung: Das individuelle Älter-
geben, und das individuelle Bedürfnis nach Si-
werden findet in einem gesellschaftlichen Um-
cherheit und Autonomie muss abgedeckt sein.
feld statt, das sich rasant verändert. Besonders
Wer sich Gedanken zur Zukunft macht, muss
deutlich wird das im Bereich des Wohnens, wo
sich überlegen, welche Zukunft ins Visier ge-
in den letzten Jahrzehnten neue Wohnformen
nommen wird – das Älterwerden oder das Alt-
und Wohnmöglichkeiten entstanden sind. Ziel
beziehungsweise Gebrechlichsein. Die Refle-
dieser Arbeit ist es, zu verstehen, ob und wie
xion der eigenen Wohnsituation erfolgt nicht
Individuen ihr Handeln angesichts dieser ge-
ohne eine parallele Analyse der eigenen Hand-
sellschaftlichen Einflüsse aktiv gestalten. Dafür
lungsmacht. Man muss Lösungen sehen und
wird eine explorative Forschungsstrategie ge-
für erreichbar halten, bevor sie handlungslei-
wählt, die bei 26 Interviewpartnern im Gebiet
tend werden können.
der deutschsprachigen Schweiz die Reflexionen zum aktuellen und zukünftigen Wohnen
abholt.
Dabei zeigt sich, dass eine grosse Vielzahl der
älteren Menschen Überlegungen zum Wohnen
im Prozess des Älterwerdens anstellt. Für die
Analyse der eigenen Wohnsituation sind nicht
Die Reflexionen des eigenen Wohnens im
Hinblick auf das Älterwerden können zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Lebenslauf angestellt werden.
Schlüsselwörter: Altern, Wohnen, Soziologie,
gesellschaftliche Entwicklung, Qualitative Sozialforschung
nur bauliche Elemente wichtig, vielmehr müssen auch finanzielle und soziale Faktoren
stimmen, es muss Möglichkeiten für Aktivitäten
Das Thema Wohnen im Alter hat in den letzten Jahren zunehmend den Weg ins öffentliche Rampenlicht gefunden. Medien berichten über neue Wohnmodelle, Ratgeber geben Anleitungen zur Planung
des Wohnens (z. B. Verbraucherzentrale NRW 2008), wissenschaftliche Publikationen analysieren die
Bedeutung des Wohnens (z. B. Nygren et al. 2007) und die Politik nimmt das Thema in Empfehlungen
und Programmen auf (z. B. Bericht des Bundesrates 2007). Die Zeit der Fokussierung auf die Dichotomie Heim oder zu Hause und die damit verbundene Sprach- und Optionenarmut scheint vorbei zu
sein. Wohnen im Alter ist zur gestaltbaren Option geworden und das Individuum wird zum Handlungszentrum seiner Existenz (Beck 1986) und erhält damit auch die Verantwortung für die Gestaltung seiner Wohnsituation.
Doch wie präsentiert sich die Situation für die älteren Menschen? Was bestimmt das Handeln älterer
Menschen im Bereich des Wohnens? Was löst Handlungen aus und welche gesellschaftlichen Faktoren beeinflussen das Handeln?
Antonia Jann
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Diesen Fragen geht die vorliegende Arbeit nach. Gewählt wird dafür ein offener qualitativer Zugang
mit einem soziologischen Hintergrund, der die bestehenden empirischen Untersuchungen zu Wohnumzügen ergänzen soll.
1 Handlungstheoretischer Hintergrund
Theoretische Grundlage für die Beantwortung der Fragestellung sind Handlungstheoretische Ansätze.
Sie gehen davon aus, dass alles Verhalten, womit der Mensch einen Sinn verbindet, ein Handeln ist
(Weber 1984). Das Handeln findet in sich wandelnden gesellschaftlichen Kontexten statt (Backes &
Clemens 2000) und ist nicht bis ins Letzte planbar, da viele Handlungsbedingungen unerkannt bleiben
und das Individuum mit unvollständigem Vorwissen handeln muss (Giddens 1997).
Der gesellschaftliche Kontext wirkt auf verschiedenen Ebenen auf das individuelle Handeln ein:
Erstens wird der Einfluss der Gesellschaft deutlich, wenn es darum geht, Handlungen zu interpretieren. Gemeinsame Wahrnehmungen bilden einen Deutungsrahmen, welcher eine Kollektion von Mustern darstellt, die für die Handlungsinterpretation relevant sind. Die Betrachtung des Deutungsrahmens macht klar, dass individuelles Handeln nicht losgelöst von den herrschenden kulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, Mustern und Vorstellungen erfolgen kann (Goffman 1977).
Zweitens lässt sich der gesellschaftliche Einfluss auf der Ebene des Strukturrahmens erkennen.
Handlungsbedingungen sind nicht universell und für alle Menschen gleich. Vielmehr ist das individuelle Handeln beeinflusst von Mitteln, Möglichkeiten und Fähigkeiten, die dem Individuum aufgrund seiner Lebenslage zur Verfügung stehen (Amann 1983).
Drittens schliesslich weist das Konzept des Handlungsfeldes darauf hin, dass nicht alle Bereiche der
Gesellschaft nach den gleichen Regeln funktionieren. Je nachdem, in welchem Handlungsfeld sich eine Person bewegt, ist deren Macht grösser oder kleiner. Dabei sind diese Regeln meist nicht einfach
erkennbar und die Handlungsfelder, in denen man sich bewegt, sind häufig nicht intentional gewählt,
sondern ergeben sich aufgrund biografischer oder gesundheitlicher Veränderungen (Schroeter 2004).
2 Fakten zu Wohnumzügen
Untersuchungen zu Wohnumzügen haben entweder einen deskriptiven Zugang und liefern Zahlen
und Fakten zu Wohnumzügen, oder sie haben einen psychologischen Zugang und erklären individuelles Handeln im Zusammenhang mit Wohnumzügen. Aus beiden Forschungsrichtungen werden nachfolgend einige zentrale Aussagen präsentiert.
2.1 Häufigkeit von Umzügen
Wohnumzüge sind in anderen Lebensphasen deutlich häufiger als in der Zeit nach der Pensionierung.
Dennoch ziehen rund 20% (Wanner 2005) bis 30% (Goldscheider 1966) der älteren Menschen um. In
den letzten zehn Jahren hat die Zahl der Wohnumzüge bei den Personen in der zweiten Lebenshälfte
im Vergleich zur Gesamtbevölkerung überproportional zugenommen (Wanner 2005). Festgestellt wird
eine zunehmende Bereitschaft, die Wohnsituation zu optimieren und dafür gegebenenfalls auch umzuziehen (empirica 2006; Heinze et al. 1997).
Antonia Jann
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2.2 Ziele von Umzügen
Analysiert man die Umzugsziele, lässt sich vereinfacht feststellen, dass die jüngeren Alten den Komfort und das angenehme Wohnumfeld suchen, während für die älteren Alten die Unterstützung im
Vordergrund steht (Bradley et al. 2008; Heinze et al. 1997). Die Phase rund um den Berufsaustritt ist
mit einem leichten Anstieg der Umzugstätigkeit verbunden (Heinze et al. 1997; Wanner 2005).
Die wenigsten Umzüge älterer Menschen führen in ein institutionelles Wohnumfeld; rund 80% verändern die Haushaltsform nach dem Umzug nicht (Friedrich 1998; Wanner 2005). Wie viele Menschen in
einer organisierten Wohnform1 leben, lässt sich schwer belegen, da keine entsprechenden Zahlen erhoben werden. Es wird jedoch geschätzt, dass die Zahl der Umzüge in organisierte Wohnformen
massiv ansteigen wird (Golant 2002) und längerfristig bis zu 10% umfassen könnte. Aktuell leben in
den USA und in Deutschland rund 2.5% der über 65-Jährigen in speziellen Altersimmobilien (Oswald
& Rowles 2006).
2.3 Typisierung von Wohnumzügen
Für die Charakterisierung von Wohnumzügen werden in der Regel zwei Unterscheidungsarten verwendet. Erstens gibt es die Unterscheidung nach der Distanz des Wohnumzugs und zweitens die Unterscheidung nach den Motiven des Wohnumzugs.
Eine Typologie nach Distanz von Wohnumzügen unterscheidet zwischen Umzügen, die weiter wegführen, sogenannten Migrationsumzügen oder „Relocations“ (Longino et al. 2002), und Wohnumzügen, die in der geografischen Nähe umgesetzt werden. Die Migrationsumzüge, die in den USA häufig
untersucht wurden und auch die Theoriebildung beeinflussten, kommen in Europa deutlich weniger
häufig vor (Friedrich 1998).
Eine Typologie zwischen Distanz und Motivation unterscheidet zwischen lokalen Umzügen, nichtlokalen Umzügen und familienorientierten Umzügen. Nichtlokale Umzüge werden häufig von Paarhaushalten umgesetzt, die genügend finanzielle Mittel haben. Familienorientierte Umzüge werden am häufigsten von alleinlebenden älteren Menschen wahrgenommen und erfolgen in der Regel unfreiwillig. Lokale Umzüge lassen sich weniger klar einer bestimmten Zielgruppe zuordnen (Bradley et al. 2008).
Unterscheidet man in der Typologie von Wohnumzügen nach Motivationen, wird klassisch zwischen
zwei Grundmotiven unterschieden – es gibt „Push-Effekte“ und „Pull-Effekte“ (Carlson et al. 1998;
Haas & Serow 1993). So genannte „Push-Effekte“ entstehen, wenn die derzeitige Wohnung hinsichtlich ihrer Grösse und Ausstattung, der Beschaffenheit des Wohnumfeldes oder der Vorhaltung von
Dienstleistungen nicht mehr den gesundheitlichen und psychischen Bedürfnissen der älteren Bewohner entspricht. „Pull-Effekte“ entstehen dagegen, wenn älteren Menschen Wohnalternativen angeboten werden, die ihnen attraktiver erscheinen als die jetzige Wohnung und das aktuelle Wohnumfeld.
Die Motivation von Wohnumzügen lässt sich auch in einem –Drei-Stufen-Modell zusammenfassen:
Umzüge des Typs 1 finden in zeitlicher Nähe der Pensionierung statt und werden von relativ gesunden und wohlhabenden älteren Menschen umgesetzt. Umzüge von Typ 2 werden notwendig, wenn
ältere Menschen mit physischen Schwierigkeiten konfrontiert sind. Umzüge vom Typ 3 führen
schliesslich weg von der informellen Unterstützung in ein institutionelles Setting, wenn der alte
Mensch umfassende Pflege und Betreuung braucht. Umzüge in ein institutionelles Setting erfolgen bei
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vgl. Jann, Antonia. 2012. „Wohnen in Alter – ein Handlungsfeld und seine Grenzen“, unveröffentlichte Arbeit
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Personen, die nicht auf familiäre Ressourcen zurückgreifen können, früher als bei denen, die in der
Nähe von Verwandten leben (Litwak & Longino 1987). Oftmals sind es Ereignisse im Lebenszyklus
wie beispielsweise der Tod des Partners, die das auslösende Moment für diese Umzüge darstellen.
2.4 Erklärung von Wohnumzügen
Wie weiter oben gesehen, finden Wohnumzüge in verschiedenen Kontexten statt, was Modelle zur
Erklärung von Wohnumzügen erschwert. Bestehende Erklärungsmodelle für Umzüge in zeitlicher Nähe zur Pensionierung zeigen, dass die Gedanken von „Push-“ und „Pull-Faktoren“ beeinflusst werden
und dass die Fragen, ob und wohin umgezogen werden soll, immer gleichzeitig wirken (Haas & Serow
1993).
Nicht alle Gedanken zu Wohnumzügen führen aber auch tatsächlich zu Veränderungen der Wohnsituation. Personen, die sich entsprechende Gedanken machen, sind nicht identisch mit Personen, die
auch tatsächlich umziehen. Einerseits machen sich viele Menschen Gedanken zum Umziehen und
ziehen dann effektiv doch nicht um (z. B. Bradley et al. 2008), andererseits machen sich viele Menschen keine Gedanken zum Umziehen und müssen ungeplante Umzüge in Kauf nehmen (Bradley et
al. 2008; Colsher & Wallace 1990). Dabei lässt sich eine klare Trennung in Lebenslagen vornehmen;
Personen mit besseren Ressourcen machen sich mehr Gedanken zu Wohnumzügen.
3 Ausgangslage für die Untersuchung
Die Zahlen zu Wohnumzügen und die Erklärungen von Wohnumzügen geben ein gutes Bild über die
Häufigkeit und die Gestalt von Wohnumzügen. Was jedoch erst mangelhaft untersucht ist, sind individuelle Überlegungen, die zu Wohnumzügen führen können oder auch nicht.
Es besteht Unklarheit darüber, wie Individuen die Funktionalität ihrer Wohnsituation interpretieren
(Oswald & Wahl 2004) und ob sie Vorstellungen zur ihrer Wohnzukunft anstellen (Bradley et al. 2008;
Wagnild 2001). Es ist ein besseres Verständnis darüber nötig, welche Überlegungen sich älter werdende Menschen zu ihrer Wohnzukunft machen, um die Komplexität von Wohnhandlungen ergründen
zu können (Pope & Kang 2010).
Zur Untersuchung der individuellen Überlegungen zur Wohnzukunft muss kritisch angemerkt werden,
dass eine differenzierte Unterscheidung zwischen Gedanken zur Wohnzukunft und Gedanken zu
Wohnumzügen in gerontologischen Untersuchungen häufig fehlt (Höpflinger 2009; Johnson-Carroll et
al. 1995; Lord & Luxembourg 2006; Motel-Klingebiel et al. 2005; Oswald et al. 2002; Robinson &
Moen 2000). Es ist durchaus davon auszugehen, dass die Reflexion der eigenen Wohnsituation und
der Wohnzukunft auch erfolgt, ohne automatisch in die Planung von Wohnumzügen zu münden
(Leeson 2006).
Generell darf die Zukunftsorientierung älterer Menschen nicht unterschätzt werden, eine grosse Mehrheit befasst sich sowohl mit positiven wie auch mit negativen Zukunftsszenarien (Augst 2003), und es
ist davon auszugehen, dass mit den alternden Baby-Boomern das Bewusstsein, dass man selbst planen muss und kann, weiter wächst (Denton et al. 2004).
Inwiefern die Reflexion, die älteren Menschen in anderen Lebensbereichen grundsätzlich attestiert
wird, auch das Wohnen betrifft, gilt es zu untersuchen.
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Die erkenntnisleitende Fragestellung lautet: Was bestimmt das Handeln älterer Menschen im Bereich
des Wohnens? Was löst Handlungen aus und welche gesellschaftlichen Faktoren beeinflussen das
Handeln?
Weil ein besseres Verständnis der individuellen Überlegungen zur Frage des Wohnens nötig ist, wurde ein exploratives, qualitatives Untersuchungsdesign gewählt. Es sollen nicht gerontologische Konzepte und Modelle abgefragt werden, vielmehr soll der individuellen Interpretation Raum gelassen und
Aufmerksamkeit geschenkt werden.
4 Methode
Die Zusammenstellung des Samples umfasste alleinlebende Personen über 60 in der deutschsprachigen Schweiz und knüpft damit an den Age Report an (Höpflinger 2009, 2004). Aufgrund der bei
qualitativen Forschungsarbeiten angezeigten zyklischen Organisation des Forschungsprozesses
(Froschauer & Lueger 2009) folgte auch die Samplebildung den fortschreitenden Erkenntnissen aus
der Analyse. Anfänglich wurde angestrebt, dass sich die Interviewpersonen möglichst stark unterscheiden, und zwar im Hinblick auf ihre soziodemografischen Merkmale wie auch im Hinblick auf ihre
voraussichtlichen Antworten auf die Frage (Höpflinger 2009, S. 123) „Haben Sie sich schon Gedanken
gemacht zu einem Wohnumzug aus Altersgründen“. Diese Frage, die im Age Report zu 63% mit nein
beantwortet worden war, stellte zu Beginn des Samplingprozesses ein Leitmotiv für die Suche dar.
Insgesamt wurden 26 Interviews geführt. Der erste Teil des Gesprächs war völlig offen. Die Interviewpartner wurden aufgefordert, über ihre Wohnsituation zu erzählen. Im zweiten Teil des Interviews wurde die Frage nach allfälligen Überlegungen zur Wohnzukunft gestellt. Ausserdem wurden die Wohnformen, die im Age Report als Antwortauswahl vorgegeben sind, zur Definition vorgelegt. Ziel dieser
Zweiteilung der Interviewsituation war es, zu sehen, welche Reflexionen ungestützt vorhanden sind
und welche Reflexionen sich bei gestützten Abfragen ergeben.
Die Auswertung der Interviews, die rund eine Stunde dauerten, orientierte sich an den Grundlagen der
interpretativen Sozialforschung (Froschauer & Lueger 2009).
Zusätzlich zu den Interviews wurde vor den Gesprächen ein Kurzfragebogen abgegeben. Ebenfalls
zusätzlich wurde eine separate Befragung bei den Beratungsstellen von Pro Senectute durchgeführt,
welche im Gebiet der Interviewpersonen zuständig sind. Diese Zusatzbefragung sollte einen objektiven Blick auf die vorhandenen Wohnmöglichkeiten erlauben.
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5 Ergebnisse
5.1 Zukunft ist ein Thema
Da diese Arbeit nicht auf der Überprüfung einer vorab formulierten wissenschaftlichen Hypothese aufbaut, sondern soziale Sinnstrukturen sichtbar machen will, sind die nachfolgenden Ergebnisse als
Thesen zu verstehen, welche die bisherige Forschung relativieren und die zukünftige Forschung inspirieren sollen.
Eine erste interessante Feststellung lässt sich im Bezug auf die Leitfrage formulieren: Obwohl im Fragebogen vor dem Interview rund 40% der Befragten (11 Personen) angegeben hatten, sich noch keine Gedanken zu einem Wohnumzug aus Altersgründen gemacht zu haben, kamen 93% (24 Personen) im Interview auf das Wohnen in der Zukunft zu sprechen. Das lässt vermuten, dass die Überlegungen der älteren Menschen mit der im Fragebogen formulierten Frage nicht abgeholt werden konnten.
5.2 Umfassende Passung ist wichtig
Dass die Passung zwischen dem Wohnumfeld und den Möglichkeiten des Individuums zentral ist, ist
eine Grundaussage der ökologischen Gerontologie (Nygren et al. 2007; Wahl et al. 2009). Der Fokus
wird dabei häufig nur auf das gebaute Wohnumfeld gelegt. In der Analyse der Gespräche zeigte sich
aber, dass auch andere Lebensbereiche zentral sind für die Beurteilung der eigenen Wohnsituation.
Neben dem baulichen sind auch finanzielle und soziale Aspekte wichtig sowie die Möglichkeiten für
Aktivitäten. Zentral und äusserst individuell ist das Bedürfnis nach Autonomie und Sicherheit.
Abbildung 1: Das Wohnsystem besteht aus verschiedenen Elementen, welche die Grundlage bilden
für die Beurteilung der eigenen Wohnsituation.
Die Gewichtung der einzelnen Segmente im Wohnsystem ist individuell, das Wohnsystem selber
scheint aber einen universellen Charakter zu haben. Solange das vorhandene Wohnsystem mit den
Möglichkeiten des Individuums im Gleichklang steht, sieht dieses keinen Anlass, seine Wohnsituation
zu verändern. Tritt nun aber in einem oder in mehreren Bereichen eine Störung auf, die das Indivi-
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duum nicht mehr ausgleichen kann, werden Überlegungen zu einer Veränderung der Wohnsituation
angestellt, sofern das Individuum eine valable Alternative sieht.
Personen, die sich aktuell über eine mögliche Veränderung der Wohnsituation Gedanken machen,
stören sich häufig daran, dass soziale Begegnungen oder individuelle Aktivitäten im aktuellen Wohnumfeld nicht möglich sind. Die Gründe für aktuelle Gedanken an eine Wohnveränderung liegen somit
häufig im sozialen Bereich.
Personen, die sich über spätere Wohnveränderungen Gedanken machen, sehen häufig gesundheitliche Gründe als ausschlaggebend für einen Wechsel der Wohnsituation an. In diesem Zusammenhang
sind es vor allem bauliche Aspekte, von denen befürchtet wird, dass sie dem autonomen Wohnen
Grenzen setzen könnten, sowie der Aspekt, dass eine gewisse Sicherheit nicht mehr gewährleistet
sein könnte.
5.3 Handlungsbedarf ≠ Handlungsmacht
Aus den Interviews schälten sich zwei zentrale Dimensionen des Handelns heraus: Die erste ist die
Dimension der Agency, der Möglichkeiten zum Handeln, die zweite ist die Dimension der Dringlichkeit,
mit der ein Handlungsbedarf gesehen wird. Diese zwei Dimensionen werden dazu benutzt, Gruppen
zu bilden, die Personen mit ähnlichen Handlungsmöglichkeiten zusammenfassen.
Offene
Niedergelassene
kein Thema
Suchende
Suchende
vorläufig
nicht
ja
nein
latent
Agency
akut
Handlungsbedarf
Fatalisten
Abbildung 2: Heuristische Gruppen von Handlungstypen
Die Gruppen charakterisieren sich wie folgt:
Suchende:
Personen, welche aktuell ihre Wohnsituation verändern wollen oder verändern
müssen.
Offene:
Personen, die einer Wohnveränderung gegenüber offen sind.
Niedergelassene: Personen, die ihre Wohnsituation im Hinblick auf das Älterwerden geprüft haben
und bis auf weiteres für die bestmögliche Alternative halten.
Fatalisten:
Personen, die sich nicht in der Lage sehen, ihre Wohnsituation zu beeinflussen.
Die Einteilung in Gruppen hat lediglich heuristischen Charakter. Sie soll ermöglichen, einen allfälligen
Einfluss der Lebenslagendimensionen und anderer gesellschaftlicher Komponenten auf den Reflexionsprozess sichtbar zu machen. Die Zugehörigkeit zu den Gruppen ist nicht fix und sie ist nicht eindeutig. Jemand kann heute zu den Niedergelassenen gehören und schon morgen aus nicht selbst
gewählten Gründen zu den Suchenden zählen. Ausserdem ist auch die Einschätzung der eigenen
Handlungsmacht, der Agency, hypothetisch. Erst die Suchenden, die tatsächlich eine Veränderung
ihrer Situation anstreben, werden mit den Grenzen ihrer Agency konfrontiert.
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5.4 Die Suchenden: Handlungsmacht auf dem Prüfstand
Die Suchenden lassen sich in zwei Gruppen unterteilen. Die erste Gruppe nimmt eine Störung im
Wohnsystem wahr und bemüht sich, diese Störung durch einen Umzug zu beheben. Die zweite Gruppe wird durch externe Gründe (hier Wohnungsmarkt) zur Aufgabe der Wohnsituation gezwungen.
Fühlt sich schon die erste Gruppe zu einem Umzug gedrängt, fehlt das Element einer gewissen Freiwilligkeit in der zweiten Gruppe gänzlich. Was allen Suchenden gemeinsam ist – sie nehmen ihre Situation als prekär (teilweise äusserst prekär) wahr. Sie fühlen sich heimatlos, wurzellos und haben
Angst, keine passende neue Wohnlösung zu finden. Zum Teil sind sie schon länger erfolglos auf der
Suche. Am Beispiel der Suchenden zeigt sich, dass die Spielregeln im Feld des Wohnungsmarktes
nicht zugunsten von älteren Menschen geschrieben wurden. Für den Suchprozess, der häufig nur
noch über Internetdatenbanken läuft, braucht es die richtige Ausrüstung und eine hohe Flexibilität.
Ausserdem drängt sich die Vermutung auf, dass ältere alleinlebende Menschen in der Konkurrenz um
gute Wohnungen nicht die attraktivsten Mieter sind. Die Suchenden stossen an zahlreiche Grenzen:
Bezahlbare Wohnungen sind nicht ausreichend vorhanden; der persönliche Vorstellungshorizont geht
oft nicht über das Quartier hinaus; der Zugang zu attraktiven Wohnmodellen ist schwer (es gibt sie
nicht oder man findet sie nicht beziehungsweise man findet keinen freien Platz); die Abhängigkeit von
einer guten Wohnsituation, die auch mit den erwarteten körperlichen Einschränkungen zu bewältigen
ist, ist gross, was die Flexibilität auf dem Wohnungsmarkt einschränkt.
Viele Suchende haben eine latente Angst, ihrer Autonomie beraubt zu werden und den Rest des Lebens im Heim verbringen zu müssen.
5.5 Die Offenen: Präzise Vorstellungen vom guten Wohnen
Im Unterschied zu den Suchenden sind die Offenen nicht mit den Grenzen der eigenen Handlungsmacht konfrontiert. Auch sie stellen aktuelle oder zukünftige Passungsprobleme im Wohnsystem fest,
wollen aber erst handeln, wenn sie eine passende optimale Lösung gefunden haben. Die anvisierte
Lösung soll das Wohnsystem wieder in ein neues Gleichgewicht bringen. Insbesondere im Bereich
des Sozialen oder der Aktivitäten stellen die Offenen einen Handlungsbedarf fest. Gesundheitliche
Überlegungen spielen keine Rolle. Die Gruppe der Offenen ist am volatilsten, einzelne Personen können, je nach Intensität der Suche, einmal als Suchende erscheinen und ein anderes Mal als Niedergelassene.
5.6 Die Niedergelassenen: Zufrieden und gut gerüstet
Die Niedergelassenen definieren sich dadurch, dass sie ihre Wohnsituation als die Bestmögliche sehen. Dies gilt einerseits für die aktuelle Situation, andererseits auch für die Wohnsituation in der näheren Zukunft. Diese Feststellung bedingt, dass sich jemand ebenso mit der eigenen Wohnsituation
auseinandersetzt wie auch mit deren möglichen Bedrohung und potenziellen Alternativen. Die Personen, die zu dieser Gruppe gehören, haben sich präzise Gedanken darüber gemacht, wie tauglich ihre
Wohnsituation in Bezug auf das Älterwerden ist. Die Glücklichen unter den Niedergelassenen sehen
die Möglichkeit, auch mit beginnenden körperlichen Schwierigkeiten in der Wohnung zu bleiben, die
weniger Glücklichen antizipieren einen Wohnungswechsel im Bedarfsfall und haben entsprechende
Alternativen im Auge.
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5.7 Die Fatalisten: Nicht daran denken, es kommt, wie es kommt
Die Fatalisten sind die Einzigen, die ihr Wohnen in der Zukunft nicht reflektieren. Wer zur Gruppe der
Fatalisten gehört, geht seinem Alltag nach, ohne sich viel Gedanken über die Gestaltung der Zukunft
zu machen. Auch die Gruppe der Fatalisten lässt sich unterteilen. Die erste Gruppe denkt über das
Älterwerden nach und spricht in den Interviews auch darüber. Sie sieht jedoch keine Möglichkeiten,
ihre aktuelle oder zukünftige Wohnsituation gestaltend zu beeinflussen. Für sie ist klar, dass sie wohnen bleibt, solange es geht, und dann die Option nimmt, die auf sie zukommt – in der Regel den Eintritt in eine Institution. Die zweite Gruppe denkt möglicherweise ebenfalls über das Älterwerden nach,
spricht jedoch in den Interviews dieses Thema nicht an. Sie berichtet ausschliesslich über das Sein
und das Wohnen im Hier und Jetzt.
5.8 Einfluss der Lebenslage auf das Handeln
Vergleicht man die Ausprägung des Vermögens- und Einkommensspielraums der einzelnen Gruppen
miteinander, zeigt sich kein einheitliches Bild. Tendenziell sind in der Gruppe der Offenen eher wohlhabende Menschen zu finden, wogegen die Gruppe der Fatalisten eher über wenig Mittel verfügt.
Eine schwache Tendenz lässt sich bei der Ausprägung des Kontakt-, Kooperations- und Aktivitätsspielraums erkennen. Suchende und Fatalisten berichten über weniger Aktivitäten und soziale Kontakte als Niedergelassene und Offene. Das könnte bedeuten, dass Niedergelassene und Offene tendenziell besser integriert sind. Für Fatalisten ist die Familie die wichtigste Anspruchsgruppe.
Bei der Dimension des Lern- und Erfahrungsspielraums gibt es zwei klare Tendenzen. Fatalisten sind
weniger gebildet, Offene sind besser gebildet. Bei den anderen beiden Gruppen, den Suchenden und
den Niedergelassenen, lässt sich keine Tendenz erkennen.
Der Musse- und Regenerationsspielraum, hier im Sinne von körperlichem Wohlbefinden, ist bei den
Offenen gut und bei den Suchenden sowie den Fatalisten tendenziell schlecht. Bei der Gruppe der
Niedergelassenen sind keine Tendenzen zu erkennen. In der Gruppe der Fatalisten finden sich mehr
Hochaltrige als in anderen Gruppen.
Auch beim Spielraum der Unterstützungsressourcen zeigen sich interessante Unterschiede zwischen
den Gruppen: Bei den Fatalisten sind die (familiären) Unterstützungsressourcen hoch, bei den Offenen und den Suchenden sind sie eher tief. Keine Tendenz lässt sich bei den Niedergelassenen feststellen.
Ein spezielles Gewicht wurde in der Untersuchung dem materiellen Versorgungsspielraum, hier definiert als das Angebot an Wohnmöglichkeiten für ältere Menschen, zugemessen. Die Angebotssituation ist, das zeigen die Antworten der Wohnberatungsstellen von Pro Senectute, schwierig bis desolat.
Es fehlen finanziell tragbare Wohnungen an guter Lage, es fehlt an Alterswohnungen und es gibt
Engpässe in vielen Institutionen. Der Zugang zu gemeinschaftlichen Wohnformen ist über die Beratungsinstanzen nicht gewährleistet. Hier sind die Individuen auf sich selber gestellt.
Die Kenntnis des materiellen Versorgungsspielraums ist bei den Fatalisten am kleinsten. Sie kennen
lediglich das Heim, und dieses beurteilen sie eher als negativ. Als Option für die eigene Zukunft haben
sie keine Präferenz.
Die beste Kenntnis der Möglichkeiten haben die Offenen. Sie informieren sich über Wohnangebote
und entwickeln entsprechend präzise Vorstellungen, die sich aber häufig aufgrund der realen geograAntonia Jann
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fischen und finanziellen Situation nicht umsetzen lassen. Heime und Alterswohnungen werden von
dieser Gruppe eher negativ beurteilt, Wohnformen, die einen gemeinschaftlichen Ansatz haben, werden als attraktiv bewertet.
Die Kenntnisse der Niedergelassenen sind ebenfalls recht gut. In der Beurteilung der Wohnformen unterscheiden sich die Niedergelassenen aber von den Offenen. Zwar werden auch von ihnen Heime
eher negativ beurteilt. Alterswohnungen und Residenzen erhalten jedoch mehr Zuspruch. Eher ablehnend stehen die Niedergelassenen den gemeinschaftlichen Wohnformen gegenüber.
Die Gruppe der Suchenden interessiert sich weder für institutionelles Wohnen noch für gemeinschaftliche Wohnformen. Sie möchten am liebsten in ganz normale, bezahlbare Wohnungen einziehen. Allenfalls in Alterssiedlungen mit einem bedarfsgerechten Betreuungsangebot.
5.9 Einfluss der Deutungsmuster auf das Handeln
Betrachtet man die Denkfolien und Deutungsmuster, die in den Gesprächen im Hinblick auf das Wohnen im (hohen) Alter erwähnt werden, so fällt auf, welchen herausragenden Stellenwert das Heim einnimmt. Es ist mit Abstand die Wohnform, welche am häufigsten erwähnt wird, sei es positiv, negativ
oder neutral. Andere Wohnformen haben im (hohen) Alter keine Bedeutung, auch die Versorgung
durch die ambulante Pflege hat als Muster beim Gedanken ans hohe Alter einen geringen Stellenwert.
Erstaunlicherweise wird das Altwerden in der Familie nicht selten als Referenzmodell genannt, auch
wenn niemand ernsthaft damit rechnet, von der Familie versorgt zu werden. Daneben nimmt der
„plötzliche Tod“ in vielen Überlegungen zum hohen Alter einen gewissen Stellenwert ein.
Bei den Deutungsmustern lassen sich keine grossen Unterschiede zwischen den Gruppen feststellen.
Die meisten Interviewpersonen referenzieren auf das Heim als Wohnform im (hohen) Alter. Eine massive Ablehnung dieser Wohnform wurde vor allem bei Suchenden, teilweise auch bei Fatalisten deutlich. Tendenziell eine breitere Vorstellung über das Wohnen im (hohen) Alter bekunden die Offenen
und die Suchenden.
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6 Diskussion der Ergebnisse
Fasst man die Ergebnisse zusammen, lässt sich folgendes Bild des Handlungsfeldes zeichnen.
Abbildung 3: Die Überlegungen zum Wohnen umfassen die aktuelle Situation, einen Zukunftsfokus
sowie den Einbezug der eigenen Handlungsmacht. Diese Überlegungen erfolgen nicht sequentiell,
sondern parallel und sie können zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Lebenslauf angestellt werden.
6.1 Komponente 1: Beurteilung der eigenen Situation
Grundlegend für die Beurteilung der aktuellen und der zukünftigen Situation sind die Passungsaspekte
im Wohnsystem, wie sie auch in der ökologischen Gerontologie beschrieben werden. Wichtig ist aber,
dass das Wohnsystem, in dem es zu Störungen kommen kann, über bauliche Elemente hinausgeht.
Es umfasst neben baulichen auch finanzielle und soziale Elemente sowie die Möglichkeiten für Aktivitäten und das individuelle Bedürfnis nach Sicherheit und Autonomie. Diese Elemente des Wohnsystems kommen zwar auch bei anderen gerontologischen Untersuchungen zutage (Oswald et al. 2006;
Peace 2006; Wiles et al. 2011), werden jedoch häufig nur isoliert betrachtet und nicht als System zusammenhängender Elemente.
6.2 Komponente 2: Auswählen eines Zukunftsfokus
Ob und wann die Beurteilung der eigenen Situation einen Handlungsimpuls auslöst, hängt nicht zuletzt davon ab, von welchen Zukunftsvorstellungen man ausgeht. Dabei ist leider zu konstatieren,
dass mit den gleichen Begriffen von unterschiedlichen Dingen gesprochen wird. Mit einer Wohnlösung
fürs Alter kann demzufolge eine Situation assoziiert werden, die mit einer schweren Pflegebedürftigkeit einhergeht. Es kann aber auch eine Situation assoziiert werden, die den Bedürfnissen nach Solidarität und Gemeinschaft entspricht. Es empfiehlt sich deshalb, präzise zu formulieren, welche Bedürfnisse mit Wohnangeboten abgedeckt werden. Dies gilt sowohl für Forscher, die Fragebogen formulieren, wie auch für Praktiker, die Wohnformen anbieten, und für ältere Menschen, die Angebote
suchen.
Antonia Jann
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6.3 Komponente 3: Handlungsalternativen haben
Nicht jede Person, die einen Handlungsbedarf feststellt und einen Zukunftsfokus ausgemacht hat,
sieht sich in der Lage, die Erkenntnisse umzusetzen. Um auf dem Markt des Wohnens erfolgreich agieren zu können, braucht es einerseits individuelle Handlungsmacht im Sinne von finanziellen und
biografischen Ressourcen, es braucht aber auch das Vorhandensein eines entsprechenden Angebots
und die Gewährleistung dessen Zugänglichkeit. Man kann nur denken, was man kennt, und man kann
nur wählen, was es gibt.
6.4 Komponente 4: Die Frage nach dem Zeitpunkt
Alle Überlegungen, die oben skizziert wurden, können zu einem beliebigen Zeitpunkt im Erwachsenenalter angestellt werden. Das bedeutet, dass das Wohnen im Alter als Thema deutlich breiter wird,
indem es nicht nur die Phase des höheren Alters anvisiert, sondern das ganze Älterwerden mitdenkt.
Konkret bedeutet das, dass Wohnveränderungen bereits lange vor der Berufsaufgabe erfolgen können und dennoch bereits das Älterwerden im Blickfeld haben. Solche Wohnveränderungen bleiben
sowohl den Gerontologen wie auch den Politikern häufig verborgen. Je nachdem, zu welchem Zeitpunkt ein Individuum Überlegungen zum Wohnen und dem Älterwerden anstellt, sind seine Optionen
grösser oder kleiner oder gar nicht (mehr) vorhanden.
Konsequenzen für die Wissenschaft
Konsequenzen für die Praxis
Weil die Begrifflichkeiten von Wohnformen dif-
Gerontologen sollten auf normative gesell-
fus sind, sollte bei Befragungen die Abfrage
schaftliche Muster hinweisen und diese be-
von Bedürfnissen einen höheren Stellenwert
nennen. Gesellschaftliche und politische Ent-
erhalten als die Abfrage von bestimmten Beg-
wicklungen müssen gezielt auf unerwünschte
riffen beziehungsweise Wohnformen.
Nebenwirkungen für einzelne Bevölkerungs-
Der Begriff „Alter“ hat keine erklärende Funkti-
gruppen hin beobachtet werden.
on und ist mit unterschiedlichen Inhalten ge-
Gerontologen sollten die Gemeinden in ihrer
füllt. Deshalb sollte bei Befragungen von kon-
politischen Forderung „ambulant vor stationär“
kreten zukünftigen Lebenssituationen ausge-
unterstützen, indem Lebensräume geschaffen
gangen werden.
werden, die als Alternative zum Heim wahrge-
Bei der Untersuchung von Wohnformen und
nommen werden können.
Wohnmöglichkeiten sollte nicht nur die indivi-
Gerontologen sollten ermöglichen, dass bei
duelle Akzeptanz abgefragt werden, vielmehr
schwächeren Bevölkerungsgruppen „Ersatz-
sollte auch die Verfügbarkeit von Wohnformen
angehörige“ Sicherheit bieten, beispielsweise
und Wohnmöglichkeiten ins Visier genommen
durch die Unterstützung bei der Koordination
werden.
von Dienstleistungen, bei der Suche nach einer neuen Wohnung oder beim Einleben in ein
neues Wohnumfeld.
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Literatur
Amann, Anton. 1983. Lebenslage und Sozialarbeit. Elemente zu einer Soziologie von Hilfe und
Kontrolle, vol. 7. Berlin: Duncker & Humbolt.
Augst, Christine M. 2003. Selbstreflexion im höheren Lebensalter. Inhalte und Strukturen von
Lebensbetrachtungen. Münster, Hamburg, London: Lit Verlag.
Backes, Gertrud M. & Wolfgang Clemens. 2000. „Lebenslagen im Alter. Gesellschaftliche
Bedingungen und Grenzen.“ Pp. 251 in Alter(n) und Gesellschaft. Opladen: Leske + Budrich.
Beck, Ulrich. 1986. Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main:
Suhrkamp.
Bericht des Bundesrates. 2007. „Strategie für eine schweizerische Alterspolitik.“ Pp. 48. Bern:
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