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Können wir von Asiaten in Sachen Lebensglück was lernen

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Glitzerwelt für Glücksritter: Jedes Jahr reisen
rund zehn Millionen
Touristen in die Megacity.
Marion Püning (unten)
besuchte die Orte, die
am meisten Glück versprechen – wie der
Wong-Tai-Sin-Tempel
Auf gut Glück
in HonGkonG
Hongkong
REisE
Fotos: Hong Kong Tourism Board, Marion Püning
Können wir von Asiaten in Sachen Lebensglück was lernen?
Neugierig auf die Antwort ist unsere Autorin in Chinas
schillerndste Metropole gereist und hat Wissenschaftler,
Wahrsager und Weise befragt Text: Marion Püning
A
mpeln klacken schneller hier, Leuchtreklamen scheinen bunter.
Hongkong tickt anders
als andere Städte auf der Welt. Die einstige britische Kronkolonie gilt als das Tor
des Westens zu China. Oder als „Asien für
Anfänger“. Ein idealer Ort für meine
Recherche. Denn seit zehn Jahren frage
ich Menschen, was Glück für sie bedeutet,
aber in Asien war ich noch nie. Ich bin gespannt, was mir die Hongkong-Chinesen
antworten werden. Und ahne noch nicht,
dass mich meine Suche vom taoistischen
Tempel bis zur Pferderennbahn, vom TaiChi-Kurs bis ins Labor für Positive Psychologie führen wird.
Fotos: xxx xxx
im TEmpEl dEs Glücks
114
Juni 2012
Der Nebelschleier Hunderter glimmender
Räucherstäbchen zeichnet alles weich: die
geschwungenen Dächer, die tiefroten Säulen mit den goldenen Schriftzeichen, die
Bronzedrachen mit den aufgerissenen
Mäulern – und auch die Besucher des
Wong-Tai-Sin-Tempels. Wie alle anderen
zünden Maria und ich drei Räucherstäbchen an, um sie in die Sandkästen vor dem
Hauptaltar zu stecken. Der heilige Rauch
reinige die Besucher, erklärt Maria. Die
»
Juni 2012
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Hongkong
57-Jährige arbeitet ehrenamtlich für die
Touristeninformation und begleitet mich
an meinem ersten Tag auf Glückssuche.
Nach einer schweren Krankheit gab sie
ihren Job als Chefsekretärin auf und änderte ihr Leben radikal. Für sie heißt
Glück, „jeden Tag das zu tun, was man
gern macht“.
Um uns herum klappert es laut: Überall sitzen Besucher und schütteln Glücksstäbchen. Mit dieser Zeremonie befragen
sie das Orakel nach der Zukunft. Kniend
schüttele auch ich einen Behälter mit 99
nummerierten Bambusstäbchen und
denke intensiv an das, was ich mir für
mein Leben wünsche. Nummer 46 purzelt
auf den Boden, wenig später die 51. Damit
gehe ich zu einem der Wahrsager, die in
kleinen Parzellen an Schreibtischen sitzen.
In den taoistischen Tempel kommen
die Menschen seit jeher mit ihren Alltagssorgen. Er gilt als Ort des Glücks. Vor
allem am Geburtstag des beliebten Heiligen Wong und chinesischen Neujahrstagen pilgern Tausende Chinesen hierher.
Mein „fortune teller“ trägt einen Ring mit
smaragdgrünen Steinen. Er möchte wissen, wonach ich beim Schütteln gefragt
habe. „Als die 46 herausfiel, dachte ich an
die Liebe, bei 51 an das Buch, das ich mal
schreiben möchte“, sage ich. Passend zu
meinen Nummern zieht der Wahrsager
rosa Zettel aus einem Kasten. „Mithilfe
dieser Texte aus heiligen Schriften findet
er Antworten auf die Fragen der Men-
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Juni 2012
schen, die hierherkommen“, sagt Maria.
Ein bisschen verunsichert mich, dass er,
obwohl er doch Wahrsager ist, noch wissen möchte, ob ich verheiratet sei und
Kinder habe. Ich schüttele den Kopf. „You
will meet your new boyfriend in a month“,
prophezeit er. Ein neuer Freund – und in
einem Monat werde ich ihn treffen? Cool.
Nach einer theatralischen Pause sagt er
noch: „Go on your way. And you will become famous one day.“ Berühmt werde ich
mit meinem Buch also auch noch. Jippie!
Das sind doch gute Nachrichten für 60
Hongkongdollar, also ungefähr sechs
Euro. Maria und ich prusten los. Gemein-
sam lachen – auch das ist Glück.
BEim pfERdEREnnEn
Aufs Glück wETTEn
Scheinwerfer strahlen weißes Licht in die
Nacht. Umgeben von Hochhäusern, aus
denen kleine gelbe Lichtpünktchen leuchten, liegt die riesige Galopprennbahn im
Happy Valley, dem glücklichen Tal. Unzählige Hongkong-Chinesen versuchen
hier mittwochs beim Nachtrennen ihr
Glück beim Wetten. Gleich im ersten
Rennen setze ich umgerechnet fünf Euro
auf die Nummer vier, aber ich habe Pech.
Liegt es daran, dass die Zahl vier in China
als Unglückszahl gilt? Die Aussprache ähnelt dem chinesischen Wort für Tod. In
Hotelaufzügen gibt es hier daher keinen
Knopf für den vierten Stock.
Unbedingt einmal ausprobieren: In nur zehn Minuten und für umgerechnet etwa 30 europäische Cent bringen einen
die „Star Ferry“-Pendelfähren von Hongkong Island auf die Halbinsel Kowloon hinüber
Volles Risiko fürs
große Glück: Auf
der Rennbahn im
Happy Valley wird
hoch gewettet
Klar, welche Farbe
die Lampions vor
dem Wong-Tai-SinTempel haben: Rot,
die Glücksfarbe
der Chinesen
tet Glück, Mut zu haben, etwas zu wagen.
umdEnkEn im lABoR füR
posiTivE psycHoloGiE
Das kleine Büro im siebten Stock der City
University auf der Halbinsel Kowloon
wirkt bescheiden. Mit einem warmen Lächeln erfüllt Professor Samuel Ho den
Raum. Er gilt international als Koryphäe
auf dem Gebiet der Positiven Psychologie.
Menschen, die zu sehr aufs Negative ausgerichtet sind, bringt er Methoden bei,
»
Fotos: Marion Püning
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meinen Frieden
Auf der „Stable Blend Terrace“ sitze ich
später bei einem Glas Wein unter freiem
Himmel. Auch bei den anderen Wetteinsätzen habe ich nur verloren, meine letzten Hongkongdollar setze ich jetzt auf das
Pferd Luna Reflections in Rennen Nummer acht. Ein Tipp des deutschen Rennbahnchefs Winfried Engelbrecht-Bresges,
den er auf seinem Internetblog veröffentlich hat. Ich zähle auf meinen Landsmann
und die Bedeutung der Zahl Acht in
China. Sie gilt als Glückszahl. Als Luna
Reflections wenige Minuten später als
Erste über die Ziellinie galoppiert, hüpfe
ich vor Freude und verlasse Happy Valley
mit einem Gewinn von 70 Hongkongdollar, etwa sieben Euro.
Einen Tag später sitze ich meinem
Glücksbringer in seinem Büro gegenüber:
Winfried Engelbrecht-Bresges ist der
Vorstandsvorsitzende des umsatzstärksten
Sportclubs der Welt. Die Umsätze von
Bayern München oder Real Madrid sind
Peanuts verglichen mit denen des Hongkong Jockey Clubs. Er erwirtschaftet
elf Prozent des Steuereinkommens der
Stadt. Die Chinesen nennen EngelbrechtBresges nur „Mister E-B“. Er gehört zu
den erfolgreichsten Managern der Welt
und den berühmtesten Persönlichkeiten
Hongkongs. Ein gemeinsames Foto mit
ihm bringe Glück, heißt es. „Mit meinen
Tipps bin ich natürlich sehr vorsichtig“, so
Mr. E-B. „Asiaten haben eine andere Einstellung zum Risiko. Die Bereitschaft, alles
auf eine Karte zu setzen, ist hoch. Dabei
kann man auch verlieren. Aber statt lange
über Misserfolge nachzudenken, suchen
sie nach einer Lösung. Das liebe ich an
dieser Mentalität, sie endet nicht in Frustration. Die Leute hier gehen Risiken ein,
um etwas zu erreichen.“ Manchmal bedeu-
REisE
Links: Porzellanglücksbringer in einer Kneipe im Fischerörtchen Stanley im Süden von Hongkong Island.
Rechts: Abstecher auf den Wochenmarkt in Wan Chai mit Hongkong-Führerin Maria (im roten T-Shirt)
Hongkong
REisE
Adressen
Adressen
desGlücks
des
1. Die glücklichsten Kellner Hongkongs
Im „Gingko House“ servieren ausschließlich Rentner europäische Gerichte.
Jimmy, 78 (Foto, Mitte), singt dazu für seine Gäste gern auch mal ein flottes
Geburtstagsständchen. Applaus! Gingko House, 44 Gough Street, Central
2. Im Himmel schwimmen
Vom Victoria
Peak hat man
die schönste
Aussicht auf den
Hafen. Dort
bietet Master
William gratis
Tai-Chi-Kurse an,
denn Schenken
macht glücklich
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Juni 2012
zeigt auf den weißen Punkt im schwarzen
Yin-Symbol. „Wenn es dunkel um dich
wird, halte an diesem kleinen Punkt fest.“
Ob Kochen, Tanzen oder Schreiben – jeder habe seine ganz persönlichen weißen
Punkte, die ihn in eine Art Flow bringen.
Samuel Ho sagt: „Ich zum Beispiel töpfere
gern und mache jeden Morgen Tai-Chi.“
Glück liegt darin, in dem aufzugehen, was
man tut – und alles andere zu vergessen.
BEim TAi-cHi diE innERE
BAlAncE findEn
Master William Ng trägt einen chinesischen Anzug aus cremefarbener Seide.
Konzentriert führt er seine Arme gen
Himmel, als wolle er Streifen in die Luft
zeichnen. Trotz der zahlreichen Falten, die
sich in sein braun gebranntes Gesicht gegraben haben, hat sein Lächeln etwas
Fotos: Marion Püning, Goods of Desire
auch Gutes zu erkennen. Weil Chinesen
glauben, dass Yin und Yang im Gleichgewicht sein sollen, waren sie anfangs sehr
skeptisch und fragten ihn, ob er nicht lieber auch noch ein Labor für negative Psychologie eröffnen wolle. Für die Balance.
Was bedeutet denn nun Glück für die
Chinesen? „Frage ich meine Patienten, ob
sie glücklich sind, fällt es ihnen sehr
schwer, das zu beantworten“, sagt Samuel
Ho. Chinesen fokussierten nicht auf sich
selbst, erklärt er. Das Glücklichsein des
Einzelnen sei in der chinesischen Kultur
fast unangebracht. „Damit ist schon allein
meine Frage eine neue Erfahrung für die
Patienten“, so der Professor. „Frage ich sie
aber, ob ihre Frau oder ihre Kinder glücklich sind, können sie mir das viel leichter
beantworten. Oft entspricht deren Glück
auch dem der Person selbst.“ Ein Rezept
gegen das Unglücklichsein hat er nicht. Er
Kindliches. Auf dem Kopf hat er ein
Headset mit Mikrofonarm – ähnlich wie
Fitnesstrainer in großen Sportstudios. Er
lächelt und ruft „Good morning!“ Vorm
Hongkong Museum of Modern Art am
Victoria-Hafen begrüßt der Tai-ChiLehrer Touristen und Einheimische zu
seiner Übungsstunde. Seinen Worten wird
noch des Öfteren ein aufatmendes, lautes
„Haahh“ folgen. Aus Mini-Boxen, angeschlossen an einen Walkman aus den
80ern, tönt eine Dizi-Querflöte und eine
chinesische Zither. Konzentriert und
langsam bewege ich mich nach Williams
Anweisungen. Menschen aus der ganzen
Welt kommen, um Chinas Volkssportart
Nummer eins bei William und seiner Frau
zu üben. Den Kurs bietet das Hongkonger
Fremdenverkehrsbüro kostenlos jeden
Montag, Mittwoch und Freitag um 8 Uhr
an. Nach der Stunde bildet sich eine Traube lächelnder Menschen um den Meister.
Alle wollen sich bei ihm bedanken. Auch
ich sprühe vor Glück, mein Yin und Yang
scheinen im Einklang zu sein.
Zehn Minuten später sitzt Master
William, fein gemacht in schwarzer Hose
und weißem Hemd, neben mir. Die Sonne
scheint in sein Gesicht. In den zehn Jahren, in denen ich die Frage nach dem
Glück stelle, ist er der Einzige, der ohne
eine Sekunde zu zögern antwortet: „If you
want to be happy, make other people happy.
Haahh.“ – Wenn du glücklich sein willst,
mach andere Menschen glücklich. Sein Satz
bleibt als kleiner Schatz in meinem Herzen, und ich frage mich: Klappt es am
Ende mit dem Glück leichter, wenn wir,
statt nur um uns selbst zu kreisen, uns
mehr um andere kümmern?
Der Pool des Luxushotels „Island-Shangri-La“ bietet einen der besten Ausblicke
auf die Stadt: Man schwimmt hier inmitten von Hongkongs Wolkenkratzern
auf der Dachterrasse des 8. Stocks. Pacific Place, Supreme Court Road, Central
3. Wandern in Hongkong
Einsame Strände, Bergseen und seltene Pflanzen locken auf die 262 Inseln rund
um Hongkong – 70 Prozent der Sonderverwaltungsregion sind Grünfläche.
Unbedingt einen erfahrenen Guide buchen: www.walkhongkong.com
4. Teigtäschchen voller Glück
Das „Tim Ho Wan“ (deutsch: eine Prise Glück) ist das günstigste Sterne-Restaurant der Welt. Hier gibt es die besten Dim Sum, gedämpfte Köstlichkeiten im
Teigmäntelchen. Flat 8, Tsui Yuen Mansion, 2–20 Kwong Wa Street, Mongkok
5. Höhenrausch mit Champagnerprickeln
Das „Ritz Carlton Hongkong“ ist seit Eröffnung im März 2011 das höchste Hotel
der Welt. Tipp: Im „Ozone“, der höchsten Bar der Welt, im 118. Stock einen
Cocktail trinken. International Commerce Centre, 1 Austin Road West, Kowloon
6. In die Entspannung schweben
Nach einer Shopping-Tour tut ein Nickerchen gut auf einem der Wasserbetten
im Spa-Bereich des Designhotels „The Mira” auf der Halbinsel Kowloon.
118 Nathan Road, Tsimshatsui, Kowloon. www.themirahotel.com
7. Mit der Seilbahn auf den Victoria Peak
... und dann den anderthalbstündigen Rundweg auf dem mit 552 Metern
höchsten Berg von Hongkong Island nehmen. Er führt entlang der Lugard
Road vorbei an Wasserfällen und exotischen Bäumen. Tipp: Unter der
Woche ist es leerer, da lohnt es sich, den Sonnenuntergang hier zu erleben.
Peak Tram Station, 33 Garden Road, Central
8. Ein wenig Glück shoppen
Jungdesigner Douglas Young verwendet auf seinen Accessoires und
Klamotten häufig das „Double Happiness“-Symbol (siehe Rucksack
rechts). Es gilt als Glücksbringer und ist besonders beliebt als Hochzeitsgeschenk. Goods of Desire (G. O. D.) Leighton Centre, Sharp
Street, East Entrance, Causeway Bay, www.god.com.hk
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