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1 NDR Info – Das Forum – 24.11.2014 Gift aus dem Meer – Was wird

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NDR Info – Das Forum – 24.11.2014
Gift aus dem Meer –
Was wird aus der Munition in der Ostsee?
Autorin: Elise Landschek
Atmo 1 Ostseewellen, Möwen
Am Strand der Ostseeinsel Usedom, nach einem Herbststurm. Wie immer um diese
Jahreszeit sind am Strand viele Bernsteinsammler unterwegs. Doch die meisten
wissen nicht, wie gefährlich ihre Fundstücke sein können. Denn manchmal
entzünden sich die braunen Brocken ganz plötzlich in der Hosentasche. Dieser
Bernsteinsammlerin ist das im Jahr 2007 passiert, wie sie im NDR-Fernsehen
erzählt:
OT 1 Bernsteinsammlerin
24s
Ich hab eigentlich gedacht, mich hat da ein Tier gebissen. Aber dann hab ich
gesehen, dass Rauch kam aus der Hose und das wurde mehr und mehr und
der Schmerz wurde immer größer, da war zum Glück dieser nette Mann, der
gleich angehalten und den Notdienst gerufen hat, der hat dann gesagt, was ihr habt Steine gesammelt? Dann habt ihr Phosphor gefunden.
Selbst Experten können die gelb-braunen Phosphorklumpen äußerlich von Bernstein
kaum unterscheiden. Im Wasser sind sie ungefährlich. Doch wenn Phosphor
trocknet, kann es explodieren - mit einer Stichflamme von über 1300 Grad Celsius.
Auch dieses Mädchen trat im Sommerurlaub 2008 auf Fehmarn am Strand auf etwas
Heißes.
OT 2 Bernsteinmädchen
6s
Also das war eine sehr große Blase, von der Hacke bis zu den Zehen hoch.
Solche Unfälle gibt es an Ostseestränden mehrmals im Jahr. In Deutschland sind vor
allem die Insel Usedom und die Kieler Bucht betroffen. Denn hier lagern tausende
Phosphorbomben aus dem zweiten Weltkrieg in der Ostsee. Die Munition vor
Usedom zum Beispiel stammt von einem verfehlten Bombenangriff der Briten im Jahr
1943. Die Phosphorbehälter explodierten, als sie auf die Wasseroberfläche trafen.
Die Abwurfgebiete wurden nie geräumt, deshalb liegen die Reste von rund 90.000
Brandbomben bis heute vor der Küste. Ihre gefährliche Fracht verteilt sich im Wasser
1
und wird von der Strömung an die Strände gespült. Claus Böttcher vom Kieler
Innenministerium ist Experte der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Munition im Meer“.
O-Ton 3 Böttcher Phosphor kurz
27s
Die Phosphorbomben sind ein richtiges Problem. Und hier haben wir die
Situation, wenn die Metallhülle erstmal weg ist, dann ist der Inhalt schwer zu
finden. Deswegen werden diese Anspülungen von Phosphor hier in SH aber
auch in MV und im Baltikum, die werden uns beschäftigen, weil dieser
Phosphor längst zwischen den Kieseln am Meeresgrund liegt.
Doch Phosphor ist nur ein Problem von vielen. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg
haben sowohl Deutsche als auch Alliierte die Ostsee genutzt, um übrig gebliebene
Waffen aller Art schnellstmöglich loszuwerden.
O-Ton 4 Böttcher Versenken
24s
Eine ganz normale Entsorgungsmethode war damals das Versenken im Meer.
Das Meer war ja noch viel länger als bis zum Zweiten Weltkrieg anerkannte
Müllhalde und Menschen sollten so schnell wie möglich von der Munition
getrennt werden und da war das Versenken im Meer eine gute Lösung. Es ging
schnell, war zu machen und war wirksam.
Erst seit kurzem werde überhaupt genauer erforscht, wie viel und welche Munition
eigentlich in der Ostsee liegt, so Claus Böttcher:
O-Ton 5 Böttcher wissen nicht
14s
Also in der deutschen Ostsee rund 300.000 Tonnen, und wie sich diese 300.000
Tonnen auf Seeminen, Ankertauminen, Granaten, Torpedos, Brandmunition
aufteilt, das wissen wir schlicht nicht.
300.000 Tonnen verklappte Munition in der Ostsee - in der Nordsee sind es sogar 1,6
Millionen Tonnen. Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg, hochgefährlich, auch heute
noch. Immer wieder verfangen sich Bomben und Seeminen mit scharfen Zündern in
Fischernetzen. Außerdem enthalten sie giftigen Sprengstoff, wie TNT und
Schießwolle.
Geschätzte 50- bis 60.000 Tonnen der versenkten Munition in der Ostsee sind
Chemiewaffen. Sie sind gefüllt mit Senfgas, Tabun, Zyklon B, Adamsit, Arsen,
Phosphor. Jetzt, siebzig Jahre nach dem Krieg, sind die Bomben-Hüllen durch
Korrosionsprozesse im Salzwasser porös geworden. Das Gift tritt aus und verteilt
sich im Wasser - mit bislang kaum bekannten Folgen für Menschen und Umwelt.
2
Atmo 2 Schiff Jacek
Einer, der die Auswirkungen der Chemiemunition im Meer erforscht, ist der polnische
Meeresbiologe Jacek Beldowski. Mehrmals im Jahr fährt er von Danzig aus mit dem
Expeditionsschiff quer über die Ostsee und sucht mit Sonar- und
Magnetresonanzgeräten nach Bomben auf dem Meeresboden.
Atmo 3 Taucher/Schiff
Die Arbeit der Experten gleicht der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im
Heuhaufen. Zwar kennen die Forscher die großen Versenkungsgebiete für Munition,
zum Beispiel in der Bucht von Danzig, bei Usedom, vor Bornholm und im Kleinen
Belt vor Dänemark, wo Ostsee und Nordsee zusammen treffen. Hier lagern
zehntausende Tonnen Kampfstoffe, zum Teil meterhoch übereinander gestapelt.
Doch kurz nach dem zweiten Weltkrieg wurden zahllose Bomben auch auf dem Weg
zu diesen Gebieten einfach über Bord geworfen. Theoretisch kann die Munition also
überall liegen, zum Teil tief versunken im weichen Meeresboden. Eine genaue
Kartierung gibt es nicht. Hunderte solcher Lagerstätten hat das polnische Team von
Beldowski bereits gefunden.
Atmo 4 Taucher
Ist die Bombe lokalisiert, entnimmt ein Tauchroboter Sedimentproben vom
Ostseeboden. Er holt schwarzen, klebrigen Schlamm nach oben.
Atmo 5a Taucher Klirren
OT 6 Jacek
37s
Übersetzer 1:
Da sind dann sogar Sicherheitsleute von der Marine dabei. Wir müssen bei
unseren Arbeiten sehr vorsichtig sein. Wir tragen dicke Gummihandschuhe,
Gasmasken und schicken die Proben dann sofort an unser Labor.
Atmo 5b Laboratmo
Die Proben werden im Institut für Ozeanographie in Sopot untersucht. Nebenan
seziert eine Mitarbeiterin von Jacek Beldowski gerade einen Dorsch. Immer wieder
entdecken die Forscher kranke oder mutierte Tiere rund um die Versenkungsgebiete.
3
OT 7 Jacek Senfgas
23s
Übersetzer 1:
Das Senfgas reichert sich in Organismen an, die im Umkreis der verseuchten
Sedimente leben, Sandwürmer zum Beispiel. Und Muscheln. Und Fische
fressen das, und das könnte eine so hohe Dosis sein, dass die Fische vergiftet
und krank werden.
(EVTL: Atmo 5c neutrale Atmo Jacek)
Beweisen konnten die Forscher den Zusammenhang zwischen Mutationen und
Chemiewaffen allerdings noch nicht. Jacek Beldowskis Forschungsarbeiten fanden
bis vor kurzem im Rahmen des EU-finanzierten Projektes „Chemsea“ statt.
Meeresbiologen, Chemiker und Umweltexperten aus den Ostseeanrainerstaaten
Deutschland, Litauen, Finnland, Polen und Schweden forschten seit 2011
gemeinsam und gaben in diesem Jahr einen Abschlussbericht heraus.
OT 8 Jacek einprozent:
40s
If you ask for total examination, it’s maybe one percent of the baltic sea. these
studies take time, technology is only 20 years old, areas like harbours and the
routes for the cables and the pipelines are examined. But all the other routes,
but all the others are not mapped.
Übersetzer 1:
Wir haben bis jetzt erst ungefähr ein Prozent des Meeresbodens der Ostsee
untersucht. Diese Studien brauchen Zeit, die Technologie, die wir verwenden,
gibt es gerade mal seit 20 Jahren. // Hafeneingänge oder Pipeline-Routen, die
sind wirtschaftlich wichtig, darüber gibt es Informationen. Aber alle anderen
Ostseegebiete, die sind nicht erfasst.
Forschungen zur Munition im Meer gibt es erst seit Mitte der Neunziger Jahre. Vorher
verdrängte der Kalte Krieg das Problem von der Tagesordnung. Doch auch jetzt
geben sich die Ostseeanrainer nur mäßig interessiert an dem teuren
Munitionsproblem.
Das Chemsea-Forschungs-Projekt läuft in diesem Jahr aus. Über eine
Weiterfinanzierung muss die EU erst noch beraten. Erst dann kann die
systematische Suche nach der Munition weitergehen. Im Schneckentempo.
OT 9 Jacek decades:
5s
We are talking about decades, we don't have enough survey ships.
Übersetzer 1:
Wir sprechen hier über Jahrzehnte. Wir haben nicht genügend Schiffe.
4
Nicht alle Ostseeanrainerstaaten haben an dem Forschungsprojekt Chemsea
teilgenommen. Russland zum Beispiel halte sich nach wie vor zurück, was die
Aufklärungsarbeit über das gemeinsame Gewässer angeht, erzählt Stefan Nehring,
Meeresbiologe und Experte für die Munition in der Ostsee. Dabei standen die
Versenkungsaktionen in der Ostsee nach dem Zweiten Weltkrieg unter sowjetischer
Führung.
O-Ton 10 Nehring
Ein großes, bis heute ungelöstes Problem ist, dass Russland sehr viel mehr
Kampfstoffe versenkt hat, als heute bekannt ist.
Nehring sowie einige schwedische und russische Wissenschaftler schließen nicht
aus, dass vor der russischen und baltischen Küste sogar versenkte Atom-U-Boote
samt nuklearen Sprengköpfen liegen könnten. Doch darüber dringt nichts an die
Öffentlichkeit. Als die Planungen für den Bau der Ostseepipeline begannen, habe ein
Teil der Gespräche mit Russland hinter verschlossenen Türen stattgefunden, erzählt
Nehring.
O-Ton 11 Nehring Pipelines:
Wobei Russland sich nur über den eigenen Hoheitsbereich geäußert hat und
auch nur bilateral mit den Pipelinebauern, diese ganzen echten Erkenntnisse
sind gar nicht nach außen gedrungen.
„No official reports“ - keine offiziellen Berichte - heißt es von russischer Seite auch
bei der Helsinki Kommission, kurz HELCOM. In der zwischenstaatlichen
Organisation sind alle Ostseeanrainerstaaten, also so auch Russland, vertreten. Sie
befasst sich auch mit der chemischen Munition, sammelt Forschungsergebnisse,
veröffentlicht Berichte und organisiert Konferenzen. Dmitry Frank-Kamenetsky,
gebürtiger Russe, sitzt im Vorstand der HELCOM in Helsinki.
OT 12 Dmitry recommending:
15s
Helcom is really just recommending, I can’t see any deeper role of Helcom at
the moment (other) than monitoring and reporting.
Übersetzer 2:
Die HELCOM kann nur Empfehlungen aussprechen. Und ich sehe da gerade
auch keine andere Rolle, als die Ostsee zu untersuchen und sie zu
überwachen.
5
Ob die Empfehlungen der Helcom umgesetzt werden – das entscheiden die
Nationalstaaten selbst. Doch was genau ist zu tun, um die Ostsee und ihre
Anrainerstaaten zu retten?
OT 13 Dmitry solve:
29s
What do you mean by solve the problem and what kind of problem?
Elimination would cost so high risk and costs so much money I can’t see any
force who could eliminate the problem at all.
Übersetzer 2:
Was meinen Sie damit: das Problem lösen? Und welches Problem eigentlich?
Die Munition zu räumen, wäre viel zu risikoreich und würde so viel kosten,
dass ich gerade niemanden sehe, der das Problem auch nur ansatzweise aus
der Welt schaffen könnte.
Atmo 5d Hafen
Zu gefährlich, zu teuer. Die rostende Munition bleibt also erst einmal, wo sie ist: am
Grund der Ostsee. Die Anwohner der Küstengebiete, die Fischer, die Touristen
wissen meist gar nichts über die Sprengkraft, die sich unter der Meeresoberfläche
verbirgt. Fischer Fygge Thurberg kommt aus einem kleinen Küstenort bei Göteborg.
Vor seiner Haustür, im Kattegat, wurden nach Kriegsende hunderte Schiffe mit
Munition versenkt. Bei seiner Arbeit auf einem großen Shrimpstrawler hatten sie
immer wieder rostige Metallklumpen im Netz: Bomben, Granaten, Seeminen.
OT 14 Fygge seemine:
28s
There is a lot of them. And it’s dangerous. I have a friend, in the net they saw
the mine with spikes on. They cut the wires. If it hits the boat it might go off.
Übersetzer 1:
Diese Weltkriegsmunition ist sehr gefährlich. Ich habe einen Freund, der hatte
neulich wieder eine Seemine im Netz, mit Stacheln dran. Sie haben sofort die
Taue gekappt, denn wenn diese Mine das Boot trifft, dann könnte sie
hochgehen.
Aufklärung von der schwedischen Regierung gebe es nicht, sagt Fygge Thurberg. Er
wüsste zum Beispiel gern, was im Gefahrenfall auf dem Boot zu tun ist, um welche
Waffen es sich handelt und woher sie kommen.
OT 15 Fygge wissen:
10s
Übersetzer 1:
6
Nein, wir wissen gar nichts darüber. Nur, was man sich untereinander so
erzählt.
Von Chemiewaffen in der Ostsee hat Fygge Thurberg nur mal am Rande etwas
gehört. Das schwedische Gesundheitsamt rät schwangeren Frauen davon ab, fetten
Ostseefisch zu essen. Wegen der Schadstoffbelastung aus Industriegiften, der
Schifffahrt und: aus der Munition im Meer.
Im Nachbarland Dänemark funktioniert die Aufklärung besser. Die Meeressenke vor
der Insel Bornholm ist das am stärksten belastete Gebiet in der Ostsee. Hier liegen
35.000 Tonnen Weltkriegsbomben im Meer. Gefüllt mit: Senfgas, Phosgen, Zyklon B.
Immer wieder haben die Fischer in der Gegend seltsam verfärbte oder mutierte
Fische in ihren Netzen. Wenn sie den Fang melden, werden sie vom Staat für den
Verdienstausfall entschädigt. Dadurch bekommen die Fischer einen Anreiz, die
Behörden zu informieren. Im Gegensatz zu anderen Staaten, wie Deutschland. Denn
unter den Anrainerstaaten der Ostsee ist Dänemark damit eine Ausnahme.
Meeresbiologe Stefan Nehring fordert auch für Deutschland eine Meldepflicht. Doch
bislang gibt es nicht mal eine zentrale Meldestelle.
OT 16 Nehring
10s
Wir haben jedes Jahr in der Fischerei Unfälle mit Senfgas, auch deutsche
Fischer sind immer wieder betroffen, ich kenne selber etwa 100 deutsche
Fischer, die durch Senfgas bei Bornholm verletzt worden sind.
Nehring hat auch selbst schon solche Versenkungsgebiete entdeckt. Monatelang
arbeitete er sich durch Aktenberge. Irgendwann stieß er im Londoner Nationalarchiv
auf einen Vermerk über die Verklappung von 90 Tonnen Tabun, ein hochgiftiges
Nervengas, direkt vor Helgoland. Nehring informierte die bis dato ahnungslosen
Behörden. Noch bis 2010 führte die Luftwaffe der Bundeswehr hier Angriffsübungen
mit Torpedos durch.
O-Ton 17 Nehring:
(100 Tonnen sind nicht wenig,) Tabun selber (ist ein hochgiftiger Stoff,) gehört zu
den Spitzenkampfstoffen der Nazis und wenn man direkt in Kontakt mit diesem
Stoff kommt, ist er tödlich. Im Wasser selber ist er relativ ungefährlich, dh
wenn diese Granaten auf dem Meeresboden durchrosten, vermischt sich das
Tabun sofort mit Wasser, und durch chemische Reaktionen in relativ kurzer
Zeit wird es in ungiftige Verbindungen umgebaut. Da kann man natürlich
sagen, das hört sich gut an, das können wir liegenlassen, das Problem ist aber,
diese Granaten können an die Oberfläche gelangen, das Gebiet ist für die
Fischerei nicht gesperrt und wir haben Grundnetzfischerei vor Helgoland,
7
theoretisch ist es denkbar, dass Fischer das in ihren Netzen haben und wenn
sie dann an Deck kommen und durchgerostet sind, dann können sie ihren
tödlichen Inhalt freigeben.
Das Tabun vor Helgoland wird also am Meeresgrund bleiben. Das birgt noch weitere
Gefahren.
O-Ton 18 ++08:45 Nehring Liegenlassen/terror:
Das zweite Problem ist, die Granaten liegen bei 55 m Wassertiefe, da können
natürlich auch jegliche andere hin, Sporttaucher, das ist machbar, man kann
die Granaten nach oben bringen. Was dann passieren kann, ist eine
Katastrophe.
(EVTL: O-Ton 18 a 29:10 ++
Ich selber sehe viel eher die Gefahr, wenn man die Bestände liegen lässt und
den Zugriff damit ermöglicht, diese ganzen Gebiete sind nicht gesperrt, das ist
eine viel größere Gefahr.)
Atmo 6 Taucher Lübecker Bucht
Geborgen werden die Bomben bislang nur dann, wenn sie durch Zufall von Fischern
gefunden werden oder ein wirtschaftliches Unternehmen, wie beispielsweise ein
Windparkbetreiber, die Räumung in Auftrag gibt. „Reaktiver Ansatz“ nennen das die
Experten, es wird also nicht etwa vorbeugend geräumt. Dafür zuständig sind die
Kampfmittelräumdienste der Länder oder externe Spezialfirmen.
ATMO 7 Schiff+Taucher
Einsatz in der Lübecker Bucht, der Kampfmittelräumdienst Schleswig-Holstein soll
Bomben bergen. Die Taucher werden begleitet von einem Filmteam des NDR.
Atmo 8 Taucher
Die Arbeit ist für die Taucher des Kampfmittelräumdienstes Schleswig-Holstein
lebensgefährlich. Denn die Bomben, die sie mit bloßen Händen aus dem Wasser
bergen, haben zum Teil noch scharfe Zünder. Claus Böttcher vom Innenministerium
in Schleswig-Holstein weiß um die Risiken einer solchen Aktion.
O-Ton 19 Böttcher lebensgefährlich
35s
Man muss erst mal den Hut ziehen vor den Menschen, die das tun. Dann
tauchen die Taucher hin, prüfen wie gefährlich das ist und treffen dann eine
8
Entscheidung. Und es ist klar, (dass das lebensgefährlich ist), dass man eine
Explosion an dem Sprengkörper nicht überleben wird.
Es gibt nur wenige Spezialisten unter den Tauchern, die für die Munitionsbergung
unter Wasser ausgebildet wurden. Sechs sind es momentan in Schleswig Holstein,
vier in Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen hat keine eigenen
Kampfmitteltaucher, sondern setzt Polizeitaucher ein. Jürgen Kroll ist Leiter des
Kampfmittelräumdienstes in Schleswig-Holstein. Er findet: das gegenwärtige RäumTempo ist angesichts der Masse an Munition momentan noch viel zu langsam.
OT 20 Kroll zu unbemannten Tauchern
8s
Auf jeden Fall müssen wir von der bemannten Technik weg, weil wir sonst
diese Mengen nicht bewältigen können. Wir müssen hin zu einer Art
Industrialisierung.
Entsprechende Räum-Roboter werden derzeit in Japan und Kanada getestet,
allerdings bis jetzt nur in sehr flachen Gewässern. Die richtige Technik für
Deutschland gibt es noch nicht – und es fehlt das Geld für die millionenschweren
Geräte. Die Kosten für die Bergung sind jetzt schon sehr hoch.
Länder wie Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein, deren
Küstengewässer stark munitionsverseucht sind, können die Last nicht allein tragen,
sagt Jürgen Kroll. Doch innerhalb der 12-Seemeilen-Grenze gibt es eine klare
Aufteilung: der Bund ist nur für die versenkten deutschen Bomben zuständig. Um die
große Menge an alliierter Munition müssen sich die Länder kümmern.
OT 21 Kroll wir schaffen das sonst nicht
8s
Wenn wir diese großen Flächen, mit sehr viel Munition, wenn wir die angehen
wollen, das können wir nur mit Unterstützung des Bundes, das schaffen wir
sonst nicht.
Die Zeit drängt. Die siebzig Jahre alten Bombenhüllen haben ihr Verfallsdatum
erreicht. In Zukunft könnte es häufiger Unfälle mit dem Gift aus dem Meer geben,
vermutet Meeresbiologe Stefan Nehring. Für die dünnwandigen PhosphorBrandbomben ist es sogar schon zu spät. Nehring geht davon aus, dass von Ende
des 2. Weltkrieges bis heute bereits hunderte Strandbesucher auf Usedom durch
Weißen Phosphor verletzt wurden. Viele Menschen melden sich auf seine
Internetaufrufe hin bei ihm. Im Amt Usedom Nord hingegen weiß man auf Nachfrage
nur von neun Fällen – seit 1996.
9
O-Ton 22 Nehring:
Das ist ein grundsätzliches Problem, es gibt bislang keine Pflicht, dass diese
Vorfälle gemeldet werden, es gibt keine offizielle Statistik. Wenn es einem
passiert und er geht einfach nur zum Hausarzt, dann taucht so ein Fall bei den
Behörden nicht auf.
Außerdem würden die Lokalbehörden noch immer nicht ausreichend auf die Gefahr
hinweisen, um Urlauber nicht abzuschrecken, bemängelt Nehring. Warnschilder an
Strandzugängen gebe es zwar seit kurzem, die seien aber oft an sehr unauffälligen
Stellen errichtet. Das Amt Usedom Nord weist diesen Vorwurf zurück: die Schilder
reichten aus, der Strand werde regelmäßig gesiebt.
O-Ton 23 NEHRING 2:53
Es gab auch schon etliche Gerichtsverfahren, wo Schmerzensgelder eingeklagt
wurden, d.h. die Behörden können sich nicht wegducken. Schilder aufstellen
alleine reicht nicht. Bis heute ist gar nicht wirklich untersucht worden, wie viel
Phosphor vor den Stränden lagert, das ist das, was man eigentlich erstmal
wissen müsste.
Die Erforschung der Ostsee wird noch Jahrzehnte dauern. Wie schlimm es wirklich
um sie steht, weiß bislang niemand. Für eine Rettung kann es irgendwann zu spät
sein. Doch Umweltexperte Nehring hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben:
O-Ton 24 Nehring:
Es gibt eine Lösung. Wir brauchen eine Bestandsaufnahme, wir müssen
schauen, wer alles betroffen ist, wie ist es mit der Umwelt und den Menschen,
dann müssen Beschlüsse gefasst werden. Man darf dabei auch nicht immer auf
den Geldbeutel schielen, das darf keine Option sein. Sondern wie schützen wir
Umwelt und Menschen am besten.
Zur Verfügung gestellt vom NDR
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