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23 „Was, das Neyator ist nicht bewacht?“ Hermann schrie so laut

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„Was, das Neyator ist nicht bewacht?“ Hermann schrie so laut, dass die
ganze Halle bebte. Der Kater machte sich so klein, wie es möglich war.
Nur zu gut kannte er den Jähzorn seines Herrschers.
„Ja, der Flexis John der Retter ist zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt.
Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kinder in der Gegenwart zu
schützen. Da ist allerhand los. Brutalität und Gewalt gehört bei den Kindern und Jugendlichen zum Alltag“, erzählte der Kater, sich brüstend. Nun
entspannten sich die Gesichtszüge des Grausamen und er sprach: „Das
bedeutet, wir bekommen bald wieder neue Onots, dann wird mein neues
Schloss viel schneller fertig. Der Flexis John der Retter kann schließlich
nicht alle retten!“ „Ja, mein König“, schnurrte William, der hoffte, eine
Belohnung zu erhalten. Diese blieb jedoch aus. Hermann der Grausame
befahl William, Vladimir den Alchemisten weiterhin auszuspionieren.
Außerdem musste der abtrünnige Grenzwächter ausgetauscht und zum
Schwärzen ins Verlies gebracht werden.
In der Schenke, die den die Namen Schau hinab trug, war wie immer reges
Treiben. Mehrere unheimliche Gestalten unterhielten sich am Tresen.
Überall wurde Schanobier in leere Zinnkrüge gefüllt. Das Schankpersonal
hatte viel zu tun. An mehreren Tischen saßen kleine Gruppen. Man spielte
das Würfelspiel „Sieben“, wobei keiner der Spieler es auch nur in Erwägung zog, ehrlich zu sein. Einige Würfel waren so manipuliert worden,
dass die gewürfelte Augenzahl insgesamt immer sieben ergab. Von einem
Schano war auch nichts anderes zu erwarten. Das Falschspiel hatte zur
Folge, dass Schlägereien ausbrachen. Hermanns Soldaten, die gefürchteten
Krunots, waren meist sofort zur Stelle und zerrten die Beteiligten unliebsam hinaus. An den anderen Tischen wurde Kraft durch Armdrücken
gemessen. Diese Disziplin war allerdings nur etwas für Schanos, die eine
enormen Kraft und den Willen besaßen, ihre lose Materie zu verdichten.
Dabei wurde kräftig gewettet. Im Hinterraum der Schenke Schau hinab, in
den kein Licht von außen hineinfiel, gab es das begehrte Lumyawasser zu
gewaltig hohen Preisen. Nur wenige konnten es sich leisten, die meisten
Schanos waren eher arm oder Sklaven. Der Wirt, auch Schlitzohr genannt,
verdiente sich mit dem Lumyawasser ein zusätzliches Einkommen, das er
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wissentlich an den Steuereintreibern vorbeischleuste. Schlitzohr freute sich
wie jeden Abend auf die stattlichen Einnahmen. Bereits in der Gegenwartszeit war Schlitzohr Wirt gewesen. Seine Schenke Schau hinab war von
Hermann dem Grausamen sofort genehmigt worden, da er nur zu gern
seine Untertanen unter Kontrolle hatte. Schanos, die sich in den verschiedenen Schenken betranken, dachten weniger an Flucht. Alle Schanos
tranken gern Schanobier. Es war eine willkommene Abwechslung in ihrem
tristen Alltag. Schlitzohr wünschte sich insgeheim, eine Schenke in der
Lumya zu eröffnen. Gerüchten zufolge ahnte er, dass die Lumyas viel
schöner und ausgelassener feierten als die Schanos. Die Lumyas spielten
harmonische Musik und von Weitem konnte man ihr Lachen aus den
Schenken hören.
Vladimir der Alchemist saß am Tresen und unterhielt sich mit Schlitzohr.
„Na, was macht das Geschäft?“, erkundigte er sich nicht ganz uneigennützig. „Kann nicht klagen. Seitdem wir die Weltenhalter unter dem Tresen
verkaufen, sind die Umsätze noch weiter gestiegen“, entgegnete der Wirt
zufrieden. Schlitzohr wusste, dass Vladimir ihn als Geschäftspartner duldete und nicht verriet. Nicht, weil der Wirt dem Alchemisten trauen konnte,
sondern weil dieser viel krimineller war als er selbst. Vladimir der Alchemist hatte beim Einreisen in die Schano seine Papiere gefälscht. Somit
musste er nicht, wie ursprünglich vorgesehen, als Denots arbeiten. Denots
waren erwachsene Sklaven, die Hermann dem Grausamen dienen mussten.
„Ich möchte meine Geschäfte weiter ausdehnen!“, eröffnete Vladimir
dem Wirt. „Hast du ein neues Produkt?“, fragte der Wirt neugierig. „Ja.“
Vladimir der Alchemist erzählte Schlitzohr, dass er beim Produzieren der
Weltenhalter auf eine neue Formel gestoßen war. Mit dem Produkt, das er
daraus gefertigt hatte, war es den Schanos möglich, die schwarze Einfärbung, die sie ihm Verlies erhielten, schneller loszuwerden. Die Kugeln, die
wie Weltenhalter aussahen, machten es möglich. Allerdings schmeckten sie
enorm süß und man konnte davon als Nebenwirkung einen Zuckerschock
bekommen. Nach einigen Stunden des Zitterns klang der Zuckerschock
wieder ab. Um sich daran zu gewöhnen, musste man hart im Nehmen sein.
Ein sensibler Schano würde eher so aussehen, als hätte ihn das Schanofie-
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ber befallen. Das gefiel dem Wirt und er meinte: „Sag mir Bescheid, ab
wann wir diese Dinger verkaufen können?“
„Ab sofort! Ich habe welche dabei!“, antwortete Vladimir stolz und er
zeigte dem Wirt die mundgroßen Kugeln.
„Und wie nennen wir sie?“, wollte Schlitzohr wissen.
„Nun, ich dachte an Schwarzkiller“, entfuhr es dem Alchemisten, der
scheinbar amüsiert darüber war, dass er mit dieser Wortwahl wahrhaftig ins
Schwarze getroffen hatte. Schlitzohr war einverstanden. Geschickt wies er
seine Bediensteten an, den Stammkunden die Schwarzkiller anzubieten. Im
Nu war der Vorrat ausverkauft. Schlitzohr und Vladimir der Alchemist
waren mehr als zufrieden.
William, der erste Lord von Katzenhausen, machte sich auf dem Weg zu
Hermann dem Grausamen. Der Kater erzählte ihm von dem, was er in der
Schenke Schau hinab erfahren hatte.
„Was?“, fragte Hermann leicht aufgebracht und fuhr dann fort: „Das
kann nicht wahr sein. Ausgerechnet Schlitzohr, das hätte ich ihm nie
zugetraut!“ In seinem tiefsten Innern jedoch gefiel ihm die kriminelle
Energie von Schlitzohr und dem Alchemisten. „William, finde heraus, wer
diese Schwarzkiller gekauft hat!“
Der Kater nickte und machte sich auf den Weg, um alles auszukundschaften. Hermann der Grausame nahm wieder auf seinem Thron Platz und fiel
in schwere Gedanken, wie man aus seinem Gesicht entnehmen konnte. Im
Grunde gab es nur eins: Er musste die Schwarzkiller an sich reißen. Das
wäre eine gute Möglichkeit, die Manipulatoren bei Laune zu halten und
Goldmünzen zu sparen. Wie oft hatten diese sich beschwert, dass sie
schwarz eingefärbt wurden, um den Verdacht einiger Schanos auszuräumen. Hermann der Grausame stand wieder auf und schaute auf sein neues
Schloss, das Stück für Stück in die Höhe wuchs. Die Onots leisteten gute
Arbeit. Bald würde er das Schloss beziehen können. Jeder in der Schano
sollte sehen, wie mächtig er doch war. In der Gegenwart war Hermann der
Grausame ein mächtiger Herrscher gewesen. Dadurch hatte er ein gewaltiges Vermögen angehäuft. Beim Wechsel in die Schano hatte der Grausame
über genügend Gold und Edelsteine verfügt, um den Thron besteigen zu
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können. Hermann der Grausame war der Höchstbietende gewesen. Regieren, das war alles, was er jemals gewollt hatte. Obwohl seine Regentenzeit
in der Schano längst vorüber war, hatte es noch nie ein anderer Schano
gewagt, den Grausamen abzusetzen. Hermanns Bestechungen und Intrigen
machten jeden Anfang einer Revolution zunichte. Da der Zusammenhalt
unter den charakterschwachen Schanos eher gering war, hatte Hermann
der Grausame nichts zu befürchten. Mit den Kindersklaven, den Onots,
sparte er genug Goldmünzen ein, um sein Imperium aufrechtzuerhalten.
Auch die erwachsenen Sklaven, die Denots, trugen einiges dazu bei. Zudem hatte er nie den Frondienst abgeschafft. Ihm war es mehr als recht,
was da in der Gegenwart los war. Der Flexis John der Retter konnte nicht
überall sein. Bald, ja schon bald, würde er wieder neue hilflose Kindersklaven haben.
Nur Viktors Flucht ließ dem Grausamen keine Ruhe. „Wenn ich den
Verräter jemals in die Finger kriege!“, dachte er laut. Viktor sollte in der
Schano seine Strafe verbüßen. Irgendwie war ihm jedoch die Flucht aus
dem Verlies gelungen. Hermann der Grausame grübelte oft darüber nach,
wo der Flüchtling sich wohl aufhalten könnte. In der Lumya konnte Viktor
nicht sein, das wusste Hermann nur zu gut. Aber wo war er? Dieser Verräter hatte mit seinem Ausbruch aus dem Verlies dem guten Ruf Hermanns
gewaltig geschadet. Die dadurch ausgelösten Unruhen hatte der Grausame
nur mit reichlich Bestechungsgelder und Sanktionen mühselig wieder in
den Griff bekommen. Jedoch wurde immer noch von Viktor, wenn auch
nur heimlich und hinter vorgehaltener Hand, gesprochen, als sei er der
große Held, der es gewagt hatte, den Grausamen auszutricksen. Eines war
ganz klar: Viktor drohte der Turm des Schreckens, falls er je gefasst werden würde. Dem Grausamen wurde schwindelig bei dem Gedanken an das
viele Gold, das er für die Suche nach Viktor bereits verschwendet hatte. Er
hatte nichts erreicht, es gab keine Spur von Viktor. Das nagte gewaltig an
ihm. Trotz allem hatte Hermann der Grausame die Suche nach Viktor nie
aufgegeben. Hermann kehrte mit seinen Gedanken wieder zu dem neuen
Schloss zurück und hoffte, dass bald sein bester Manipulator mit neuen
Nachrichten auftauchen würde.
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Auf einem pechschwarzen Pferd ritt der schwarze Ritter Robert von
Schwarzburg. Er war der treueste Untertan Hermanns. Robert von
Schwarzburg war nach Hermann dem Grausamen der am meisten gefürchtete Manipulator in der Schano. Seine Suche nach Viktor war auf der
ganzen Reise erfolglos gewesen. Was er Hermann dem Grausamen anzubieten hatte, war mehr als dürftig. Robert von Schwarzburg wusste, wie
jähzornig Hermann der Grausame werden konnte und er scheute sich, ihn
aufzusuchen. Er hatte Alana die Weise und die Kinder in der Neya belauscht. Es war nicht klar, wie es die Kinder aus der Gegenwart geschafft
hatten, in die Neya zu kommen. Nach der Trennung der Welten waren die
Flexis zur Bewachung des Tores in der Neya eingesetzt worden. Er hatte
vor dem Tor jedoch keinen Flexis entdecken können. Ihm wäre das nicht
passiert. Gern wäre Robert von Schwarzburg auch ein Flexis geworden. Er
hatte sich durch den Eignungstest geschummelt und war prompt in den
ehrenvollen Flexisorden aufgenommen worden. Doch bald hatte sich
herausgestellt, dass Robert ein zu schattiges Wesen war, und so war er
noch in der Ausbildung unehrenhaft entlassen worden. Voller Zorn und
Groll hatte Robert zu Hermann dem Grausamen gewechselt. Der Herrscher der Schano hatte ihn wie einen Sohn aufgenommen, der daraufhin
bereit gewesen war, ihm auf ewig die Treue zu schwören.
Schon bald war das Tor der Schano zu sehen und der ranghohe schwarze
Ritter hielt direkt darauf zu. Seine Gefolgsleute, die ebenfalls schwarze
Ritter waren, folgten ihm schweigend. Die Reiter der Truppe waren müde,
als sie endlich Hermanns altes Schloss erreichten. Die Denots nahmen die
schwarzen Pferde entgegen und verschwanden mit ihnen in das Gehöft.
Das sah dem Grausamen ähnlich. Warum einen Pferdewirt bezahlen, wenn
er doch genügend erwachsene Sklaven hatte. Nervös spielte Robert von
Schwarzburg an den Fingerplatten seines rechten Panzerhandschuhs. In
Gedanken übte er immer wieder die Nachricht, die er überbringen wollte.
Er würde diesmal nicht ducken wie sonst, das wusste er.
„Also, Robert von Schwarzburg, was hast du zu berichten?“, fragte Hermann fordernd. „Von Viktor keine Spur“, erwiderte der ranghohe schwarze Ritter. Hermann stand auf und streckte sich so, als wolle er größer
erscheinen und schrie dann mit voller Wucht: „Warum habe ich dich dann
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mit dieser Aufgabe betraut?“ So abrupt, wie er sich aufgeregt hatte, wurde
er melancholisch und fuhr fort: „Du bist der Beste, doch ich habe mehr
von dir erwartet. Für mich bist du wie ein Sohn. Warum enttäuschst du
mich so?“ Erschöpft, sank Hermann in seinen Thron und hielt sich die
rechte Hand vor die Stirn. Robert erzählte ihm von dem Erlebnis in der
Neya. So konnte er, wenn auch nur langsam, Hermann wieder in eine
schattige Stimmung bringen. Hermann befahl: „Reite zurück in die Neya
und warte mit deinem Gefolge so lange, bis Alana die Weise dort wieder
erscheint. Danach kommst du mit dem alten Weib zurück. Meine Folterknechte werden schon in Erfahrung bringen, wieso die Kinder hier aufgetaucht sind!“
Der ranghohe schwarze Ritter war müde, aber er machte sich mit neuen
Pferden und seinen schwarzen Rittern, die mehr als froh waren, die Schano
wieder verlassen zu dürfen, auf den Weg. Dieser war schwierig zu bewältigen. Robert von Schwarzburg kannte zwar jede Unebenheit auf den
schlecht gepflasterten Straßen der finsteren Welt, doch hier und da ließ
sich ein Zusammenprall mit anderen Pferden oder gar Kutschen kaum
vermeiden. Das spärliche Licht war nicht ausreichend, um einen Überblick
über die Straße zu haben. Wie oft hatte der ranghohe schwarze Ritter den
Grausamen um eine bessere Beleuchtung gebeten. Doch war er bei seiner
Majestät stets auf taube Ohren gestoßen. Robert von Schwarzburg hätte
gern so einiges verändert, aber das war nicht erwünscht. Alles, was den
Fortschritt betraf, lehnte der Herrscher der Schano ohne Anhörung ab.
Mit erhöhter Aufmerksamkeit trabten sie durch die Straßen.
Tinka, Sky und Krümel erreichten im Blitztempo die Gegenwart. Das
Sonnenlicht durchflutete die Baumkronen. Tinka atmete mit Wohlwollen
die Luft der Gegenwart ein. Wie schön und echt sie doch war, dachte sie
im Stillen. Im Grunde wusste Tinka insgeheim, dass der Augenblick die
wahre Schönheit besaß. Ihr Kummer war wie weggeblasen. Sky und Krümel schienen ebenfalls diesen Augenblick vollkommen auszukosten.
„Wo sollen wir bloß mit der Suche anfangen?“, fragte Sky hilflos.
„Ich habe keine Ahnung. Wie wir von Alana wissen, wird das Buch der
Seelen von Flexis bewacht. Sie hat uns weder ihre Namen noch deren
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Aufenthaltsort genannt. Alana hat in Rätseln gesprochen. Die Flexis sind
nicht weit entfernt und haben uns schon gesehen, nur konnten wir das
Leuchten in ihren Augen nicht verstehen“, wiederholte Tinka und zog ihre
Schultern leicht nach oben. Wie Sky war auch sie ratlos.
Sky seufzte niedergeschlagen: „Du hast recht, wir ruhen uns erst einmal
aus und gehen nach Hause. Es ist schon spät!“
Sie beschlossen, den Heimweg anzutreten und hofften, nachdem sie eine
Nacht darüber geschlafen hatten, Lösungswege zu finden. Tinkas Schlaf
verlief sehr unruhig. Ständig wachte sie auf, nachdem sie im Traum Bilder
eines Kampfes mit mehreren Beteiligten gesehen hatte. Dabei war es
dunkel gewesen, doch zum Schluss hatte Tinka wieder das klare Bild ihres
Vaters gesehen, der mit beruhigender Stimme zu ihr gesprochen hatte:
„Katharina, mein geliebtes Kind, habe Vertrauen in deine Fähigkeiten. Du
bist auserwählt, die Welten zu einen. Dein Großvater Emilio der Starke
wird dir helfen. Suche ihn auf!“
Tinka riss, nachdem sie aus dem Traum erwacht war, ihre Augen weit auf
und wurde traurig. Sie vermisste ihren Vater sehr, obwohl sie ihn nie real
gesehen hatte. Die Sehnsucht nach ihrem Großvater jedoch war noch viel
schlimmer. Den Geschmack von Großmutters spanischem Mandelkuchen
hatte Tinka fast vergessen. Ihr war zum Heulen zumute. Dieser Viktor,
dachte sie wütend. Tinka bereitete sich auf die Schule vor und versuchte,
um ihren Stiefvater einen großen Bogen zu machen. Er war der Letzte,
dem sie in dieser aufgewühlten Verfassung begegnen wollte. Auf dem
Schulhof traf Tinka sich mit Sky und Krümel. Sie erzählte Sky detailgetreu
von ihrem Traum und von ihrem Vater. Sky dachte nach und schlug vor:
„Wir müssen deinen Großvater besuchen. Es ist egal, was dein Stiefvater
Viktor dazu meint.“ Nach dem Unterricht machte Tinka sich ohne Umwege auf dem Heimweg. Ihre Mutter Sophia war sehr verwundert, die Tochter so früh zu sehen. Tinka nahm ihren ganzen Mut zusammen und fragte
nach den Großeltern. Sophias Augen wurden glasig und sie versuchte, ihre
Tränen zu unterdrücken.
„Kind, du weißt ja, wie Viktor zu dieser Sache steht. Ich habe auch Sehnsucht nach meinen Eltern. – Wir werden sie besuchen!“ Tinka war überrascht, damit hatte sie nicht gerechnet. Ein Anruf bei den Großeltern und
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schon hatten sie sich für den Folgetag verabredet. Gerade als Sophia den
Hörer aufgelegt hatte, schloss Viktor die Haustür auf. Das war knapp,
dachten die beiden und ein verschwörerischer Blick war in ihren Augen zu
lesen. Tinka war glücklich. Das war es, was sie sich schon seit Langem von
ihrer Mutter wünschte, nämlich eine gewaltige Portion Mut. Viktor war
erstaunt über die gute Laune, die im Raum herrschte, fragte aber nicht
weiter und verschwand ins Wohnzimmer. Tinka zwinkerte noch einmal
ihrer Mutter zu und ging dann in ihr Zimmer. Am nächsten Tag würden
sie zu ihren Großeltern fahren. Ein Gefühl von Freude und Zufriedenheit
ließ sie schnell einschlafen.
Der Tag in der Schule schien nicht enden zu wollen. Tinka war nervös
und ihr fiel es schwer, sich zu konzentrieren. Ihre Gedanken waren bei den
Großeltern. Wie sie wohl jetzt aussehen würden? Ob sie noch fit waren?
Ob Großvater immer noch diese tollen Geschichten erzählen konnte? Ob
die Großmutter immer noch den guten spanischen Mandelkuchen buk?
Es klingelte zum Schulschluss. Tinka verließ blitzartig das Klassenzimmer
und rannte den langen Schulflur entlang direkt hinaus zur Straße. Sky und
Krümel warteten schon auf sie. Sophia hatte versprochen, dass die beiden
mitkommen durften. Ihre Mutter parkte bereits mit Viktors schickem
Cabrio vor dem Schuleingang. Tinka stellte ihrer Mutter Sky und seinen
tierischen Begleiter Krümel vor. Anschließend stiegen Tinka, Sky und
Krümel ins Auto ein. Sophia drehte den Schlüssel im Zündschloss und sie
fuhren los. Nie hätte Tinka geglaubt, dass ihre Mutter so cool war. Es lief
sogar ihre Lieblingsmusik im Radio. Tinka liebte die mittelalterliche Musik
der Band In Extremo. Ein Gefühl des Glücks, vermischt mit der Vorfreude,
bald ihre Großeltern umarmen zu dürfen, überfiel Tinka so gewaltig, dass
sie Mühe hatte, still sitzen zu bleiben. Es war zwar nur eine Fahrt bis zum
Stadtrand, die ihr aber sehr lang vorkam. Der letzte Ausflug dorthin war
schon einige Jahre her. Doch bald erkannte Tinka das Haus der Großeltern
wieder. Sophia parkte etwas unbeholfen vor dem Haus. Sky, dem es
scheinbar peinlich war, versuchte, sich auf dem Rücksitz zu verstecken,
aber bei seiner großen Erscheinung war er immer noch zu sehen. Tinka
kicherte und hielt ihre Hände geschickt über ihre Lippen. Draußen wartete
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bereits ein älteres Ehepaar. Das mussten sie sein. Emilio und Maria waren
schon sehr gealtert. Es ging jedoch noch viel Vitalität von den beiden aus.
Emilio hob seine Enkelin hoch und erdrückte sie fast vor Freude. Sophia
weinte und umarmte ihre Mutter Maria. Sky und Krümel standen etwas
abseits. Emilio bat Sky, näher zu treten. Er umarmte ihn, als wäre Sky sein
Enkel. Maria ließ es sich auch nicht nehmen, Sky fest zu drücken. Sie
gingen ins Haus und nun erzählte Tinka, während sie nach spanischer Art
speisten, den Großeltern und ihrer Mutter alles über ihre Erlebnisse der
vergangenen Wochen. Emilio reagierte gleich, nachdem sie fertig war:
„Meine liebe Enkelin, das Buch der Seelen habe ich nicht. Es wurde an
einen sicheren Ort gebracht, damit es keinem der beiden Herrscher in die
Hände fällt. Es gibt eine Karte, auf der alle Hinweise für das Auffinden des
Versteckes erklärt werden. Sie wurde in sechs Stücke aufgeteilt. Jeder
Flexis hat einen Fetzen davon erhalten. Ich war auch mal ein Flexis und
man nannte mich Emilio der Starke. Mein Stück dieser wertvollen Karte
gebe ich dir gleich mit. Mein türkischer Freund, der Flexis Adnan der
Barmherzige, hat das zweite Stück. Seine Adresse kann ich dir aufschreiben. Der jüngste Flexis John der Retter hat das dritte Stück davon. Ihn
kennst du ja bereits. Er ist der bekannte Streetworker, der sich um obdachlose Kinder und Jugendliche kümmert. Der chinesische Flexis Li der
Flinke hat das vierte Stück. Die Mülltonne vor seinem Restaurant ist euch
ja bestens vertraut. Ihr habt sie schon bei der Neyareise benutzt. Der
afrikanische Flexis Freddy der Kämpfer besitzt das fünfte Stück der Karte.
Ihn findest du bei der städtischen Müllabfuhr. Der indianische Flexis
Wayatan der Lautlose arbeitet im Indianerladen in der Stadt. Er hat das
sechste Stück der besonderen Karte. Mit den sechs Teilen müsstest du das
Buch der Seelen finden!“ Emilio lief zum Schreibtisch und suchte nach
seinem Teil der Karte. Voller Stolz gab der Großvater es seiner Enkelin in
die Hände. Der abgerissen Pergamentfetzen war vergilbt und mit der Hand
gezeichnet worden. Er sah aus, als wäre er schon viele Jahrhunderte alt.
Der Großvater bot Tinka an, sie und die anderen auf dem Weg zur Neya
zu begleiten, sobald sie das Buch der Seelen gefunden hatte, auch wenn er
schon lange im Ruhestand war. Der spanische Flexis Emilio der Starke
würde noch einmal in die Rüstung steigen. In seinen Augen war plötzlich
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ein Leuchten, so als würde Emilio der Starke für einen Moment wieder
jung werden. Er bat Tinka, Adnan den Barmherzigen von ihm zu grüßen.
Tinka, ihre Mutter, Sky und Krümel stiegen wieder in das Cabrio und
fuhren zurück nach Hause. Viktor, Tinkas Stiefvater, sollte von der Spritztour mit Abstecher bei den Großeltern nichts erfahren. Tinkas Großeltern
standen noch eine ganze Weile vor ihrer Haustür und winkten ihnen
hinterher. Bald waren sie nur noch als zwei kleine Punkte zu sehen. Tinka
und Sophia schworen sich, nicht wieder so lange mit dem nächsten Besuch
zu warten.
Zu Hause angekommen – Sky und Krümel waren von Sophia zuvor bei
deren Wohngemeinschaft abgesetzt worden – stand Viktor mit verschränkten Armen vor dem Hochhaus, in dem die Familie wohnte. Der Tiefgaragenplatz war leer gewesen, als Viktor mit seinem Cabrio eine Spritztour
machen wollte. Viktors Gesicht war zu entnehmen, dass er sehr verärgert
war, seinen geliebten Oldtimer nicht an dem gewohnten Stellplatz vorgefunden zu haben. Sophia hatte ohne seine Erlaubnis den Wagen genommen. Als er am nächsten Morgen zur Arbeit fuhr, schloss er hinter sich die
Wohnungstür ab. Da sie im sechsten Stockwerk wohnten, gab es keine
Möglichkeit für Tinka und ihre Mutter, das Haus zu verlassen. Sie waren
eingesperrt. Sky machte sich Sorgen, als Tinka nicht zur Schule erschien
und wollte der Sache auf den Grund gehen. Er lief zu ihrem Haus, klingelte und erfuhr so, dass Tinka und Sophia eingesperrt waren. Sky rief nach
oben: „Tinka, wirf mir den Zettel mit Adnans Adresse herunter. Ich gehe
los und suche ihn!“
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