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Eine Zensur in Computer-Grafik, Peter Zadkovic, Österreich Was

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„Skizzen der Meister“ - Eine Zensur in Computer-Grafik, Peter Zadkovic, Österreich
Was würde Botticelli sagen, sähe er seine „Venus, die dem Meer entsteigt“, welche später den Namen
„Geburt der Venus“ erhielt, als eine auf wenige Striche reduzierte Figur? Entledigt von all dem schönen
Bildinventar, welches die Gemälde der alten Meister zu den brillantesten Illusionen machten.
Peter Zadkovic, der 1961 gebürtige Österreicher und als Einzelkind aufgewachsene, der Baukaufmann,
Autofahrer, Erwachsenenausbilder, BlauOrden-Pate und Künstler, konzentriert sich in seiner Werkschau auf
die Reduktionen der notwendigsten Darstellungspunkte, in denen sich ein bekanntes Gemälde darstellt.
Das Novum seiner Arbeit liegt im Gestaltungsmedium Computer-Oberfläche und dem Text-Programm
Word 2003, mit denen die Vorlagen alter und neuer Meister de-konstruiert zu Papier gebracht werden. Auf
das Wesentliche vereinfacht und abgewandelt. Er erschafft in diesem Bildzyklus eine paradoxe Einheit aus
neuer Bedeutungslosigkeit und Inhalt, in dem er den einstmals bedeutungsvollen Inhalt einfach wegnimmt
und damit einer jähen Zensur unterzieht.
Was bleibt sind wenige, aber gezielte Linien und Gebilde, die seiner zerebralen „Merkliste“ für räumliche
und farbliche Zusammenhänge entspringen, wie ein Kind, ein ihnen gezeigtes Gemälde wahrscheinlich
ähnlich zeichnerisch nach-empfinden würde. Die Reduktion erfolgt durch die Aussage ihrer persönlichen
Erinnerung und diese wird dann auf Papier an einen Außenstehenden mit einer „Erklärung“ weitergegeben,
die im Falle Zadkovics durch meine Übersetzung lauten könnte:
Weiblicher Körper in Form einer Bombe, (was assoziativ durch den modernen Begriff „Sexbombe“ zu
dieser grafischen Darstellung geführt haben dürfte). Unten zwei Beine aus dünnen Strichen, keine Füße.
Wäre Zadkovic ein Fußfetischist, hätte er sich dieses (wichtige) Detail nicht entgehen lassen. Im unteren
Bauchbereich der Schamhügel, gezeichnet als Dreieck. Erinnert an Geo-Dreieck aus der Schulzeit.
Minimalistisch sind daher auch die Geo-Daten einer Frau: Eine Frau ist gleich=zwei Kugeln und ein
Dreieck. Wir sehen dann den unvermeidlichen Busen, bestehend aus zwei Kreisen. Werden getragen von
einem abgeknickten Arm, der wiederum nur ein Strich ist. Sieht aus wie zwei Kugeln auf einem Tablett
deponiert, gehalten von einem Diener (Liebesdienerin?), frisch zum Verzehr (zum vernaschen) bestimmt.
Zweiter abgeknickter Arm schützend vor Schamhügeldreieck. Keine Hände.
Kein Hals, dafür ein Kopf wie ein Mondgesicht. Zwei Punkte als Augen, keine Nase (den richtigen Riecher
verloren?), breiter Strich als Mund. Ausdruck des Gesichts: irgendwie resigniert, so als habe sie gerade eine
Migräne. Das ganze Wesen haarlos (obwohl man die Venus in seiner Grafik dann aber doch irgendwie
automatisch mit Haaren sieht, eben aus der Erinnerung heraus). Diese zerbrechliche Venus, die im
Gesamtbild wie eine flügellose kesse Biene erscheint, steht auf einer horizontal angelegten ovalen Plattform
und wir lesen die Worte „Muschel“ und „ein wenig Schaum“. Der Wind wird in diesem Bild durch zwei
vertikal angeordnete Ovale und drei in Richtung „Venus“ zeigende Pfeile angedeutet. Das ist auch schon
fast alles.
Die aus der griechischen Mythologie stammende Göttin der Horen, deren Auftrag es war, das geregelte
Leben zu überwachen, welche in Botticellis Original, der Venus den mit Blumenmuster gewobenen Mantel
reicht, wird hier auf ein weiteres vertikal angelegtes Oval beschränkt, mit der Beschriftung „Bekleidung“.
Reicht ja auch! Wer braucht denn heute noch ein zusätzlich daher schwebendes Weib, wenn es überflüssig
geworden ist, weil das Unbewusste auch diese Schöne längst unwiderruflich in unser aller Hirnkastl
abgespeichert hat? Und dennoch: Wir sehen auch sie, ohne sie zu sehen.
Und in Wirklichkeit ging es damals ja nur darum, dass Botticelli mit diesem Kunstgriff so tat als ob die
Nackte ihre Nacktheit mit dem Mantel hätte verhüllen sollen, mit dem Ergebnis ihre Schönheit und
Attraktivität, ihr Sexappeal noch mehr und unmissverständlich in den Vordergrund zu stellen. Denn: er hätte
diese Szene ja auch ganz anders malen können!
Peter Zadkovic jedenfalls versteht seine Werke „als zur Steigerung der Suche nach der großen Kunst
fördernd wirkend. Tiefsinnige Gespräche darüber mit ihm seien sinnlos, weil man auf der Erklärungs-Ebene
angelangt, etwas besprechen wird, dass man eigentlich empfinden soll. Und man starte jedes Mal mit dem
Fehler des Erklärens, des „Vereinfachens“. In seiner Arbeit wird dieser Text daher durch eine TextProgramm-Skizze ersetzt, gleich einer schnellen Handzeichnung mit den wichtigsten „Eckdaten“.“
Weitere Werke, welche in dieser Zeitreise-Präsentation zu sehen sein werden, reichen von „REMI´s Mann
mit dem Goldhelm“ und „Albrecht Dürers Selbstbildnis“ über „Mona Lisa“, „Mädchen mit dem
Perlenohrring“, dem „letzten Abendmahl“, der „Nachtwache“, der „Venus von Willendorf“, Picassos
„Dora Maar“-Portrait, „Vinzent´s Sternennacht“, dem „Turmbau von Babel“, und dem „Großer roter
Panther fürs Militär von Florinda“, sowie einer „MING-Vase“ (mit der textlichen Erklärung, was MING
denn nun wirklich bedeutet).
Am Ende bleibt nach der Rückschau auf 500 Jahre Malerei und im Zirkelschluss an Peter Zadkovics NeuDefinitionen zu sagen: Kunst ist die Erschaffung von Kapital, das ruht. Doch manchmal stört sie auch
die Ruhe. Dann nämlich, wenn plötzlich alles ganz anders ist, als so, wie man es vorher kannte.
© Florinda Ke Sophie, Graz 2011
„Different Path“, Bronze, Tonskulpturen und Malerei, Jorge Gonzalez Velazquez, Mexico
Haben Sie schon einmal Ihre Kultur verloren? Und was verbindet Mexico mit Österreich? Werfen wir einen
Blick zurück und in die Gegenwart. Der jüngere Bruder von Kaiser Franz Joseph aus dem Hause Habsburg,
bekannt als Kaiser von Mexico, Erzherzog Ferdinand Maximilian Joseph von Österreich ließ 1867 während
des mexikanischen Interventionskrieges in Mexico sein Leben.
Einhundert einundvierzig Jahre später begegnen wir einem Künstler, der von sich selbst sagt, er habe seine
Kultur verloren. Eine Kultur längst vergangener Tage, geprägt durch den Wandel der Zeit, verändert durch
Eroberungen und Kriege und letztlich durch die Einflüsse unserer europäischen Wertigkeiten. Olmeken von
denen man weiß, dass sie ein Mischwesen, ein Kind-Jaguar als Gott verehrten etablierten sich vor rund
3000 Jahren und gaben ihr kulturelles Erbe an Zapoteken, Tolteken, Azteken und Mayas weiter. Die letzten
bedeutenden olmekischen Zentren wurden ca. 400 Jahre vor Christi zerstört und hatten einen tiefgreifenden
Einfluss auf die nachfolgenden Völker Mexikos, die Entwicklung der Mathematik, der Architektur, der
Astronomie und der Kunst.
1519 landete der spanische Seefahrer Hernan Cortez mit 500 Mann an der Mündung des Tabasco und die
Eroberung und Christianisierung Mexicos nahm ihren blutigen Anfang. Es war der Beginn der Kolonisation
durch die Spanier welche Mexico als Kronjuwel ihrer Kolonien behandelten und dem reichen Land keine
Autonomie zugestanden.
An die spanischen Siedler wurden große Ländereien, so genannte Haziendas verteilt, auf welchen
indianische Sklaven arbeiten mussten.
Es entwickelte sich eine Art Kastensystem - zuoberst in der Hierarchie standen reinrassige Spanier, gefolgt
von den Kreolen, den in Mexico geborenen Spaniern, und der von Spaniern und Indios abstammenden
Mestizen. Auf der untersten Stufe befanden sich die Indianer.
Die nachfolgenden Jahrhunderte in Mexico waren durch kriegerische Auseinandersetzungen geprägt und
führten zu einem hohen kulturellen Verlust. Ebenso wurde ein großer Teil des ursprünglichen Mexicos von
den Amerikanern vereinnahmt.
1864 wurde der von Frankreich gesandte, österreichische Habsburger Maximilian eingesetzt und gegen den
Widerstand des mexikanischen Volkes zum Kaiser von Mexico ausgerufen. Seine Herrschaft hatte gegen
den vom Volk verehrten Benito Juárez aber keine Chance und endete 1867 vor dem Kriegsgericht, das ihn
erschießen ließ. Benito Juárez überwachte die standrechtliche Exekution persönlich und setzte sein
Reformwerk bis zu seinem eigenen Tod 1872 fort. Die Szene der Erschießung wurde von dem
französischem Maler Edouard Manet 1868/69 in einem Tafelbild festgehalten und unterlag der damaligen
Zensur im Pariser Salon, weil die Botschaft des Bildes lauten würde „Frankreich erschießt Maximilian“.
Wir schreiben das Jahr 2008 und treffen auf einen Künstler, der sein kulturelles Erbe in stetigem Fluss
weiter entwickelt hat, auch wenn er denkt es verloren zu haben. Seine Skulpturen sind archaische
Expressionen sprechen Bände von der Suche das verloren geglaubte zurück gewinnen zu wollen.
Velazquez wird 1966 in Mexico City geboren. Mit 18 Jahren beginnt er sein fünfjähriges Studium als
Bildhauer an der National School of Painting and Sculpture „La Esmeralda“ am National Institute of Fine
Arts in Mexico City, an dem schon Frida Kahlo und Diego Rievera unterrichtet haben.
Er gründet eine Familie und startet seine Karriere als Bildhauer. Die Liste seiner Exhibitionen und Werke,
welche in Mexico an öffentlichen Plätzen ausgestellt sind, liest sich als never ending story. Ein wahres
Highlight sind seine Bronzen mit einer Höhe bis zu 10 Metern und ebenso die 25 Meter hohe Skulptur „The
broken christ“ aus Fiberglas.
Velazquez unternimmt Reisen nach Europa. Er besucht Frankreich, Italien, Ungarn und Österreich. 2005
wird er als Gastbildhauer zum Kongress „Woman and Migration“ eingeladen. Er bildhauert eine grosse
Sandsteinskulptur am Grazer Schlossbergplatz. Dort treffen wir uns zum ersten Mal und begründen unsere
Künstlerfreundschaft, die in diesem November zu einem gemeinsam veranstalteten Bildhauerworkshop
führt.
Seinen europäischen Wurzeln auf der Spur, modelliert Velazquez derzeit in Graz einen Zentauren, welcher
seinen Bogen verloren hat und erschreckt die Arme zurück wirft. Er kreiert einen Faun, der sich in einen
Menschen zurück verwandelt und ein Einhorn, dann fantastische Pferdeköpfe mit wehenden Mähnen, als
wäre man ein Reiter und flöge mit dem Wind zurück bis in die Antike , sowie den expressiv gestalteten
„Engel der Welt“, der sein müdes Haupt wegen Überarbeitung aufstützen muss und sich in Kontemplation
befindet. Es entstehen kleine Büsten, Katzenvariationen und anderes Getier, Hände und eine Madonna als
Studien, die ohne Vorlagen oder Modelle nur seiner Fantasie entspringen und ein Genie erahnen lassen, dass
den Höhepunkt seiner Schaffenskraft noch lange nicht erreicht hat.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2008
„giu´ le mutande - Höschen runter", Johann Schrittwieser, Österreich
Die Kunst ist frei. Meine Damen, bitte fühlen Sie sich nicht angegriffen (!) und erlauben wir uns daher
freizügig-kritische Blicke auf langbeinig, unverhüllte, barbusige, Strapslose- oder Strapstragende Schöne
mit sehr viel Sex-Appeal. Es ist nur Fantasie.
Der Blickwinkel des Malers, also seine Entscheidung, etwas auf eine bestimmte Art und Weise zu zeigen,
darzustellen, was man sonst nur innerhalb intimer Zwei- oder Mehrsamkeit zu sehen bekommt, zwingt uns
Erotisches zur Auseinandersetzung auf. Blöße, unbekleidet sein – noch immer ein heikles Gebiet? Kann die
Nacktheit des unbekleideten Menschen nur ausgezogen wirken? Oder ist da immer ein mehr, was über die
Ästhetik der Schlanken, eines im Zeitalter zahlreicher Mager-oder Fettsuchterkrankten und deshalb
fragwürdigen Ideals, hinausreicht? Sind diese langen, manchmal provokant gespreizten und damit zum
eindringen auffordernden Beine und wohlgeformten Brüste nur schön anzusehen? Und ist es das, was uns
selbst unser Spiegelbild wiedergeben würde? Müssen wir bei der Betrachtung nicht in einen inneren
Widerstand geraten? Jedenfalls als Frau.
Der Maler Schrittwieser zeigt uns Makellosigkeit. Ist sie beabsichtigt, weil es DAS im realen Leben SO sehr
selten gibt? Ist es sein Traum, ist es sein Wunsch der Schönen ohne das Biest zu begegnen? Ist es unser
Wunsch? Oder malt er es, weil er das kann, was nicht jeder malen kann? Und ist es wirklich nur schön?
Oder wird da auch in Frage gestellt, was uns die Medienindustrie als erstrebenswerte Leitbilder einer
Gehirnwäsche gleich, wie selbstverständlich auftischt, um das gängige Konsumverhalten zu manipulieren
und damit viele Frauen in die Hände von Chirurgen, Schönheitsfarmen und zu Schlankheitskuren treibt?
Verspielt, feminin, verführerisch, scharfe Nächte versprechend, heiß durch den Winter und allzeit bereit, das
magische Dreieck ohne Scham präsentierend, ist das Weib in Szene gesetzt. Endlich ist Schluss mit der
langweilig-welligen Orangenhaut an prekären Körperstellen der Wohl-Fühl-Frauen im trendy-sexy-style
einer „aufgeklärten“ ich-möchte-gern-ganz anders-sein Zeit.
Doch friktionsfrei sind Schrittwiesers Werke deshalb nicht, weil er nur zeigt, was wir ohnehin ständig sehen,
ohne es wirklich zu merken. Auf den Collagen setzt der Maler das Objekt Frau in Beziehung zu Begriffen
rund um die Sexualität und in Beziehung zum eigenen Geschlecht - Graphik, Aquarell und Fotomontage
kombinierend, entstehen voyeuristisch anmutende Szenen, in denen sich die Akteurinnen aus
unterschiedlichen Positionen zu betrachten und auch zu berühren scheinen. Durchsichtig gläsern und
zerbrechlich wirkend, überlagern und überschneiden sie sich. Und immer wieder tauchen rote Farbkleckse
auf den Oberflächen der Bilder auf, wie ein stark verhaltener Blutrausch, der irgendwann zum Ausbruch
kommt. Farbspritzer der Leidenschaft und Lust, Fruchtbarkeitskleckse, oder vielleicht auch Schmerzkleckse,
die sich als Wiedererkennungsmerkmal durch den Malzyklus erotischer Werke Schrittwiesers ziehen.
Der seit 1995 international ausstellende Künstler Johann Schrittwieser, geb. 1950, lebt und arbeitet in
Wartberg. Er wirkt als Maltherapeut im Rehab-Zentrum Aflenz, ist Kursleiter an der VHS und hält
Privatkurse. Seine künstlerische Aus- und Fortbildung absolvierte er in Österreich unter Prof. August
Swoboda, Prof. Engelbert Habersberger, Bernhard Vogel und in Venedig bei Prof. Edda Mally, am Institut
für Farbgestaltung. Schrittwiesers Œuvre umfasst neben der Aktmalerei in Acryl und Aquarell auch
Landschaftsmalerei, die Darstellung von Orten, Städten und Begebenheiten, expressive Abstraktionen und
figuralen Realismus, durchzogen mit graphischen Momenten.
© Florinda Ke Sophie, Graz 2010
„Video.Kunst.Objekte“, Ralf Kopp, BRD
Ein Mann hängt an einem unsichtbaren Kreuz. Im Hintergrund sieht man Bäume und den Himmel. Der
Videofilm, welcher auf jedem, der einzeln angeordneten Bildschirme lediglich Ausschnitte und eine
Zerlegung eines Körpers dokumentiert, zeigt ein verkrampftes Zappeln der Zehen und Finger der gefilmten
Figur. Kreuzigungsnägel in Händen und Füßen, wie auch das Blut aus den Wunden, bleiben uns erspart. Auf
dem oberen Bildschirm ist ein Teil des Hauptes der Figur und seine in Bewegung befindliche Stirn
erkennbar. Insgesamt sechs räumlich voneinander getrennte, aber mit Kabeln verbundene Bildschirme, sind
im Leidens-Symbol des Christentums angeordnet und stellen ein postmodernes Kreuz dar, ohne das
traditionelle Holzkreuz, den Marterpfahl, das Folterinstrument einer weltweiten Glaubensgemeinschaft zu
strapazieren. Vielmehr schwebt der Gekreuzigte auf dem Screenplay, als würde er das Holzkreuz nicht mehr
brauchen, weil es als Sinnbild in unsere Vorstellung eingebrannt ist, wie ein heißes Eisen im schwelenden
Fleisch. Jeder Bildschirm spiegelt einen lebendigen Körperteil des Gekreuzigten wieder. Der Titel dieser
Video-Installation heißt „Die Leiden des jungen J.“, zitiert hiermit Goethes, dem aus unerfüllter Liebe dem
Freitod anheim gefallenen „Werther“, und transferiert den Sohn Gottes in die High-Tech-Auferstehung einer
ent-spiritualisierten (und lieblosen?) Zeit. Eine von Flachbildschirmen geprägte Ära der Menschheit, mit neu
belebten Illusionen, die filmische Endlosschleifen wiederholen. Der moderne Jesus zappelt noch immer und
wird es noch lange tun müssen, weil global das „Auge um Auge“ und „das Zahn um Zahn“ noch immer dem
„Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die Linke hin“, nicht gewichen ist. Der
Videokünstler Ralf Kopp zeigt uns tiefsinnig die Nichtveränderung auf, welche gleichermaßen subtil und
provokant auf uns wirkt. Die Verabsäumung, dem Aufruf nach Vergebung und Verhaltensänderung Folge
zu leisten. Könnte man damit aufhören sich gegenseitig zu erschlagen, würden sich die ewig wiederholende
Zelebration des Leidens und das Kreuz als Bildnis der Mahnung erübrigen.
Das Thema von „Sein und nicht sein, das ist hier die Frage“ wird vielfach ausgelotet. (Unter Bezugnahme
auf die stark gekürzte Internet-Fassung des Videofilms ist zu erwähnen, dass die Videofilme in der realen
Installation 30 Minuten oder länger dauern können.)
In der Arbeit mit dem Titel „Geburt und Tod eines Arztes“ ist der Hauptdarsteller ein kleines PlaymobilMännlein, mit weißer Kleidung und einem Arztkoffer. In der ersten kurzen Szene liegt es auf dem Rücken.
Dann steht es auf, um Minuten später wieder umzufallen. Geburt und Tod – so schnell kann es gehen – eine
Lebens-Komprimierung ohne Zeitraffereffekte, eine filmische Entschleunigung der einschneidenden
Lebensereignisse ´Anfang und Ende` - für die jeweiligen Darsteller mit tödlichem Ausgang. Andere 30minütige Tragödien zeigen Geburt und Tod eines Polizisten, oder Geburt und Tod einer Gräfin. Ralf Kopp
installiert, fotografiert, objektiviert, animiert, experimentiert und manifestiert. Alles in allem wird das bereits
Vorhandene neu konstruiert, in den Kontext der Gegenüberstellung gebracht und in mannigfaltiger Variation
zu einem technisch hochgradig ausgefeilten, künstlichen Leben erweckt, das Grundsätzliches spielerisch in
Frage stellt und progressiv ventiliert.
Der Künstler wurde 1973 geboren und lebt heute in Darmstadt. Seit 1999 ist er als Videokünstler tätig und
seit 2005 als Freelancer in den Bereichen Grafik, Animation, 3D, Online und Flash. Ralf Kopp gewann den
Latelounge- Publikumspreis des hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main beim Ed-Ward 2002, einen
Nachwuchsfilmpreis der Landesinitiative der Hessen Media. Er blickt auf viele internationale
Ausstellungen zurück, die ihn mit seinen Werken aus dem Bereich der Neuen Medien auf Kunstmessen, in
Museen, Kunstinstitute und in Galerien nach Frankfurt, München, Berlin, Hamburg, Shanghai, New York,
Washington D.C. und viele andere Großstädte führten.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2009
„Social-Network“, Johnny Fortmüller, Österreich
Im Zentrum der Ausstellung „Social-Network“ steht eine Installation mit Fäden verbundener Skulpturen,
welche sich auf händischen Zug hin verändert. Sie gibt Einsicht in das komplexe tüftlerische Denken des
Johnny Fortmüller, welches sich im Anblick seiner skulpturalen, neokubistischen Kreaturen offenbart.
Nach der Hypothese, dass jeder Mensch ein sozialer Akteur ist und mit jedem anderen Networker in
irgendeiner Form verbunden sein könnte oder auch ist, stellt der Künstler allegorisch die kurze Kette von
Bekanntschaftsbeziehungen, die Fortmüllersche-Spiderman-Vernetzung unserer persönlichen kleinen Welt
und den Auswirkungen in dieser, dar. Es wird gelacht werden dürfen, denn die persiflierenden Werke
Fortmüllers stehen für menschliche Tragik und eine delikat-erschütternde Ur-Komik gleichermaßen.
Fortmüllers Freunderlwirtschaft beruht jedoch auf dem Streben nach Individuation und nicht auf den
Bedürfnissen einer dichten Masse gleichgesinnter Wahlzettel-Kreuzl-Macher. Hinter der Fassade sind wir
so, wie Fortmüller es übertrieben und entblößend darstellt: das personifizierte Missing-Link, frei
interpretierbar nach dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der seinen Glauben an eine mögliche
höherentwickelte Menschheit damit zum Ausdruck bringen wollte (1963). Eckig abweisend, gestisch und
mimisch verzerrt, einsam, seelisch unrund und unausgegoren, aber allgegenwärtig ausdrucksstark. Wir, die
sozialen Akteure einer modernen, fragwürdigen weil unfertigen Gesellschaft, dürfen und sollen mit seinen
Skulpturen in Kontakt treten, in-bonding sein, also in Banden sein und in Beziehung gehen. Dies tun wir,
indem wir die Gedanken-Fäden auf und in die Hand nehmen, welche Fortmüller präzise spinnt und für den
Betrachter auslegt. Fortmüllers Vernetzungsabsichten zeigen den hohen Grad abkürzender Wege durch
persönliches agieren. Der Akteur wird selbst zum verzeitlichten Knotenpunkt seiner Hand-lung im
komplexen Beziehungsnetz einer Weisheit, die besagt, dass es keine Nicht-Kommunikation geben kann,
weil auch eine Nicht-Handlung etwas zum Ausdruck bringt. Denn bleibt die Handlung aus, wird
wenigstens ein humanes Desinteresse signalisiert. Hieraus entsteht ein interaktives Vakuum, vorzustellen
als eine Sprechblase ohne Worte die man noch ausfüllen könnte, wie in einem Comic-Rohling. Dieses
inaktive Handlungsloch soll laut Fortmüller verhindert werden, die Kleine-Welt-Situation soll zum
Erlebnis werden, zum experimentellen Selbsterfahrungsprozess der neue Denkansätze und Spielraum
offeriert, indem die Marionette Betrachter aktiv zum dialogisierenden Puppenspieler wird.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2008
„Am Anfang war Nichts“ – oder die Kunst ein Outsider-Künstler zu sein, Art Brut, Martin Trebuch,
Österreich
Vom Nichts zum Etwas zu kommen, bedeutet, sich auf den Weg zu machen, der mit dem ersten Schritt
beginnt. Einen eigenen Weg zu gehen ist schwer, da man diesen – einem Abenteurer gleich - in sich selbst
erst entdecken muss. Um diesen eigenen Weg entwickeln zu können, ist es nötig in sich selbst hinein zu
sehen und das Gesichtete nach außen zu projizieren, um seiner habhaft werden zu können, um das Gesehene
am Ende zu verlebendigen. Ein junger Mensch ist auf der Suche. Er sucht einen Weg, er sucht eine Form zu
leben, er sucht nach tragbaren Beziehungen, er sucht seine eigene Sprache, mittels derer er sich mit seiner
Umwelt verständigen kann, auf einer Ebene, die ihm in seinem persönlichen Sosein entspricht.
Er sucht letztlich nach sich selbst und dem, was in ihm verborgen sein könnte. Nach einem Medium, das
Sprache ersetzt oder ergänzt. Doch ist diese Sprache nicht für Jeden verständlich. Teils, weil sie wild und
roh erscheint, teils, weil sie reduziert ist auf Farbe, die nach einer gezielteren Pinselführung schreit und eine
wahrhaft antiakademische Ästhetik zeitigt. Teils, weil sie in der Verweigerung verharrt, sich bildnerisch zu
konkretisieren.
Die Titel der Werke von Martin Trebuch erhellen die Abgründe, in denen er sich temporär befindet. „Echt
schizo – oder was“ widmet sich der absurd-existenziell-wirkenden Frage, die einst irgendwo vom Künstler
aufgeschnappt und sich zu Herzen genommen wurde: „Wer bin ich – und wenn ja – wie viele bin ich?“.
Somit wird klar: man ist im Zweifel. Man ist sich nicht sicher, ist der, der man ist, man selbst oder ist man
manchmal ein Anderer, Einer, den man noch gar nicht kennt, oder Einer, den man nicht kennen will. Davon
gibt es möglicherweise mehrere, die nebeneinander leben und manchmal vielleicht auch miteinander, wenn
man ihnen zuhört und sie reden lässt. In diesem Zwiespalt zu sein, bedeutet in der Angst leben zu müssen,
dass Einer in einem drin steckt, den man gar nicht haben will, der ein Eigenleben führt und seiner
Privatlogik frönt.
Und es bedeutet, im Leben eine ungeahnte Präsenz entwickeln zu müssen, und dazu eine geistige Abstinenz,
eine besondere mentale Diät, die verhindert, dass die ungebetenen Gäste, die Fresszellen, welche Vernunft,
Klarheit und Logik verschlingen, in der eigenen Persönlichkeit eine Eigendynamik entwickeln und in Streit
verfallen. Aus diesem Grunde ist es gut, dass es Pinsel und Leinwand gibt. Es ist gut, dass die Fragen nach
dem Sinn des eigenen Lebens in Farbe, Figur und Nichtfigur Ausdruck finden können. Das es Bilder gibt,
die heißen „Bis das uns irgendjemand scheidet“, weil Trennung heute leichter ist als früher und vieles klarer,
aber doch so vieles ungeklärt. Und manches ist ganz einfach. Wenn sich jemand bei einem grünen Bild
erkundigt: „Gibt’s das denn auch in Pink?“ und dann das grüne Bild irgendwann „Veronika, der Lenz ist
da“ betitelt werden wird und auf einen neuen Frühling hoffen lässt, in dem ein jeglicher, jugendlicher
Trennungsschmerz verblasst.
Anderes ist in der Deutung kniffliger, wenn es etwas heißt: „Dirigent Vogel und das Orchester der
Vorstellungskraft“. Weil in diesem Gemälde ein seltsamer Vogel, der Dirigent der Gedanken nämlich, in
seinem Orchester der Vorstellungskraft ein wildgewordenes Wildschwein über die Leinwand rasen lässt und
in abgrenzend-kontrastierenden Farben keinen Raum für sanfte Zwischen-Töne bietet. Während die vom
Künstler losgelassene Wildsau, mit zusammen gebissenen Zähnen und einem bangen Blick nach hinten in
Richtung Dirigent, der Frage nach Selbst-Erkennung und Rudelfindung mit einem roboterhaften und
strammen Marschschritt entgegen jagt, als sei sie fremdbestimmt und liefe vor sich selber weg.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2009
„Die mit dem grünen Dackel tanzt“, Maike Günther, BRD
Adieu Abstraktion. Welcome Pop-Art. Maike Günther lässt endlich den grünen Dackel raus. Und das äußert
sich so: Der giftgrüne Dackel ragt im Profil dargestellt, mit seiner Schnauze in ein gelbes Puzzleteil. Zwei
isolierte Hände etwas darüber, jeweils in den Farben Türkis und Lila gehalten, zeigen wie im Gruß, zum
Betrachter auf. Körperhaftes steht flächig-bunt und durch Outlines getrennt über dem Dackel. Ein roter
Kreis in einem orange-farbenen Feld könnte eine weibliche Brust markieren, da die Form unterhalb der
Schulter angesiedelt ist. Allerdings sieht man keinen Nippel, was Fragen aufwirft. Ist die minimalistische
Brust daher vielleicht nur ein roter Tennisball, weil die Figur mit uns und ihren Bildmanifesten
Andeutungen spielen möchte? Oder hat die derart Dargestellte ihre lustspendenden Erhebungen verloren und
ihrem ursprünglichen Nutzen des Still- und Nuckelvermögens für Andere entzogen? Das orange Etwas, in
dem der rätselhafte rote Kreis verortet ist, mündet jedenfalls in ein Halsförmiges geschwungenes Farbfeld.
Darauf aufgesetzt ist ein Mittelding aus Ball- und Eierförmigen Kopf. Das Gesicht schaut uns geradeheraus
entgegen. Jedenfalls mit einem Auge. Denn das zweite Auge ist geschlossen und wird reduziert als fetter
schwarzer Strich dargestellt. Das „Eyes wide shut“ deklariert ein Habitus der Ambivalenz. Sehen und nicht
sehen können. Wobei das Gemälde keinen Rückschluss darauf zulässt, warum die Augen nicht beide
geöffnet sind, wie es in einer zwischenmenschlichen Begegnung und daraus resultierenden Kommunikation
zu erwarten wäre. Durch das Medium des Bildes schaut die Künstlerin sich selbst und/oder uns entgegen.
Interessant hierbei ist, wie sie es tut. Mit einer halbseitigen, hoffentlich nur temporären Blindheit, die eine
Halbwahrheit oder Noch-Nicht-Ganz-Erkenntnis andeuten mag.
Ich stehe als Betrachter vor diesem Werk. Und es signalisiert mir eindeutig und zugleich doppelbödig ein
sowohl als auch: ich seh dich, ich seh dich nicht. Und zwar ohne mit der Wimper zu zucken, denn dieses
Wesen ist auch Wimpern- und Augenbrauenlos. Und ist somit einem weiteren weiblichen Attribut verlustig
gegangen, hat also an dem geschlechtstypischen Ausdruck- und ihrer Strahlkraft verloren. Nix da mit
Augenklimpern und Anmache. Das Erstaunliche an diesem Werk und der neuen Malrichtung der Künstlerin,
welche uns die nur scheinbar lustigen Bilder in einem Zyklus präsentiert, ist nicht das, was vorhanden und
erkennbar ist, sondern das was fehlt. Denn auch Unentdeckbare, weil nicht vorhandene Ohren, keine
weiteren Gliedmaßen oder klar definierte Körperpartien lassen diese Figur aus Puzzleteilen picassoeskzerschnitten, aus einem einfarbigen Hintergrund dimensionslos hervortreten. Zur Taubheit verdammt, im
Bild ohne Beine und Fluchtmöglichkeit gemalt worden zu sein, verharrt die Figur und kann ihrem
Schoßhündchen, dem sie bildkompositorisch aufgesessen ist, nicht entfliehen. Ohne Ablenkung, direkt, ohne
Tiefe und flächig in der typischen Abbildhaftigkeit einer Neo-Pop-Art, welche sich nur auf das Menschhafte
bezieht und die für die Stilrichtung üblichen Alltagsgegenstände ausklammert, starrt sie uns wartend an.
Basis des Werkes - der titelspendende grüne Dackel mit ungeöffneter Schnauze, welche nicht mal ein loses,
oder gar bissiges und wehrhaftes Mundwerk andeutet, weil kein entsprechender Strich vorhanden.
Korrespondierend ist sein geschlossenes Mundwerk mit dem geschlossenen eindeutig weiblich roten Mund,
mit leicht nach oben gezogenen Mundwinkeln im viergeteilten Sektoren-Gesicht. Korrespondierend ist seine
Körperfarbe mit einem grünen Kapperl oder einer grünen Schädeldecke, jedenfalls unattraktiv-unweiblichunbehaart, die am oberen, mittleren Bildrand die mit dem Dackel verbundene Figur abschließt. Wieso ein
Dackel und kein Bernhardiner? Wieso ein Dackel ohne Beine und ohne Rute als Ausdrucksmittel für Freude
oder Demut, als des Menschen bester Freund? Wo doch die Dackelseele für Eigensinn und Hilflosigkeit
interpretiert wird. Ist Maike Günther im Grunde ihres Herzens eine Dadaistin, die ihre abstrakte Phase in die
verwandte Alltags- und Dingwirklichkeitswelt der Pop-Art, mit mehr als bemerkenswerten Ergebnissen
bringt?
© Florinda Ke Sophie, Graz 2010
"Automobile - echt feurig oder echt am Arsch", Robert G. Tomaschek, Österreich
Die eisige Kälte kriecht in die Ritzen und Spalten des metallischen Mantels eines längst verstorbenen
Automobils, welches in der Landschaft, in der Nähe einer Siedlung verschrottungsreif zurückgelassen
wurde. Das Dach des roten VW-Käfers ziert, einer königlichen Krone gleich, der alte Reifen eines Traktors.
Der Käfer ist – post mortem - von Gestrüpp eingewachsen und ruht in einer winterlichen Gegend. Einsam.
Verlassen. Vergessen. Die Schneedecke ruht sanft auf dem Verstorbenen. Auf einem, der nicht mehr
gebraucht wurde, der seine Dienste wohl getan haben wird, für den es sich nicht lohnte, weitere
Investitionen zu tätigen. Links liegen gelassen, ist er der Verrottung preisgegeben und harrt einer
Zersetzung, die viele Jahre in Anspruch nehmen könnte.
Würde man dieses vor sich hin „verwesende“ Auto als Symbol für einen Menschen interpretieren, weil der
Begriff „Auto“ aus dem griechischen kommend, das „Selbst“ bedeutet, könnte man dem jungen Künstler
Tomaschek eine Neigung zum Todestrieb unterstellen. Da der Todestrieb laut Freudscher Interpretation,
nach Zurückführung des Lebens in den anorganischen Zustand des Unbelebten, also der Starre und damit
des Todes, strebt. Das „weiße Leichentuch“ aus Schnee würde diese Interpretationssicht bestärken.
Fakt ist, dass Robert Tomaschek sich vorzugsweise in seiner künstlerischen Arbeit dem äußerst
Individuellen zuwendet. Der Gegenpol zum verstorbenen VW-Käfer wäre hier als Ausdruck seines
jugendlichen Lebenstriebs, der rassige Lamborghini Diablo oder ein Ferrari in voller Fahrt. Tomaschek
bewegt sich in einem Spannungsfeld der Extreme: Fahruntüchtiges, bewegungsunfähiges, die Non-Mobilität
also, gegen hochkarätige PS- und Nobelkarosserien. Der Volks-Wagen - der Wagen fürs Volk, ein echter
Lahmarsch für alle, liegt im Widerstreit mit den Superkutschen für wenige Einzelne, einer elitären
Prestigeklasse und den Siegertypen, die es im Leben geschafft haben. Wie etwa ein Michael Schuhmacher,
Jochen Rindt oder Enzo Ferrari, die auf seinen Bildern dargestellt werden. Menschen also, die sich durch ihr
herausragendes Können und Wirken als Identifikationsfiguren anbieten und durch die Darstellung in
Tomascheks Werken seine (mögliche) innere Spaltung aufzeigen: Auf der einen Seite das Morbide, das dem
Tode geweihten und auf der anderen Seite das vor Vitalität und Lebensfreude strotzende. Das im Leben
schnell vorwärtskommende.
Daher gilt eine weitere Leidenschaft ebenso der einschienigen Fortbewegungsart, der guten alten Eisenbahn
mit Dampflokmotoren, welcher sich Tomaschek in Grafik, Malerei und in der Buchillustration widmet. Die
eingleisige, also die unwendige und die für das Mobil absolut nur in eine Richtung führende, urtümliche und
nostalgisch anheimelnde, relativ langsame Fortbewegungsart, könnte hierbei symbolisch den Künstler selbst
repräsentieren. Der junge Tomaschek auf seinem selbstgewählten Lebensweg: Ist diese tonnenschwere Lok
erst einmal in Gang gekommen, rollt sie auf ihrer vorgegebenen Lebens-Bahnstrecke, kann sich ihrer
Lebensreise und ihrem Potenzial so leicht nichts in die Quere stellen. (Denn was würde geschehen, wenn
man in die Versuchung käme gegen eine Dampflok anzurempeln?)
Freilich bleiben die Automobile auf ihren Wegen oft alleine, wie es sich für einen Künstler gehört: man fühlt
sich in seinem Tun von seiner Umwelt unverstanden und eben einfach anders. Vielleicht mit ein Grund,
warum man auf den Automobil-Werken nur eher selten irgendwelche Menschen sieht. Egal ob Nobelwagen,
Traktor, LKW oder Käfer, die Old- und Youngtimer bleiben scheinbar lieber für sich.
Robert Gordon Tomaschek wurde 1987 in Graz geboren und lebt heute in Kaindorf a. d. Sulm. Er arbeitet in
Aquarell- und Ölmalerei, Grafik- und Drucktechniken, in seinem Spezialgebiet, den AutomobilDarstellungen, wie auch in der Landschaftsmalerei.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2010
„Namaste Rose“, Antonia Wöhrer, Österreich
Als wir uns kennen lernten erzählte mir Antonia Wöhrer von einem Heim für alte Menschen im
südsteirischen Allerheiligen, indem sie im Jahre 2008 arbeitete. Ich regte dazu an, diese Menschen, welche
der Künstlerin so sehr am Herzen lagen, doch zu porträtieren und ihnen eine Ausstellung zu widmen. So
fertigte Antonia Wöhrer Zehn-Minuten-Skizzen an, nach denen später, die in Japan-Spachtel-Technik
gefertigten Portraits der von ihr betreuten Menschen entstanden.
„Namaste Rose“ - Die Blumenkinder aus Allerheiligen, wie Antonia Wöhrer die zu Pflegenden liebevoll
nennt, ist von daher eine besondere Ausstellung. Sie zeigt die durch die Künstlerin sensibel studierten
Gesichter einer Gruppe von Menschen, die nach einem gelebten Leben an den Rand der Gesellschaft
gedrängt wurden. Das Wort Namaste stammt aus dem Sprachschatz der Hindus und heißt soviel wie
Verbeugung. Es ist in Indien eine allgegenwärtige Grußformel und Grußgeste, in der zum Ausdruck
gebracht wird: Ich verbeuge mich vor dir. Worin Ehrerbietung, Achtung und Respekt gegenüber anderen
Menschen oder aber gegenüber dem göttlichen in einem Heiligtum gezollt wird.
„Namaste Rose“ ist somit eine gelungene Hommage an eine Randgruppe, die uns heute vorspiegelt, was wir
unter Umständen morgen zu erwarten haben. Und sich unseren Familien, so vorhanden, aber auch uns selbst
die unbequeme Frage stellen wird: „Wohin für die restlich verbleibenden Jahre“? Wohin, wenn man nicht
mehr funktionstüchtig ist, wohin, wenn man Anderen zur Last wird? Wohin, wenn man ausgedient hat?
Diese Fragen kommen auf uns zu und sie gehen in unserem letzten Lebensabschnitt einher, mit der
Auseinandersetzung um Verfall, Schwäche, Krankheit und Tod, aber auch mit der Option des Rückblicks
auf das was war, was uns das Leben schenkte.
Was die Künstlerin sehr stark bewegte, war der Umstand, dass die BewohnerInnen des Seniorenheims in
dieser besonderen Phase ihres Lebens ein weiteres Mal verpflanzt werden mussten, als sich herausstellte,
dass ihr Heim den fortschrittlichen Ansprüchen unserer heutigen Zeit nicht mehr genügen konnte. In ihren
Porträts sprechen die Augen und Gesichter der Gemalten Bände und zeugt die künstlerische Ausdrucksweise
von Antonia Wöhrer von einer äußerst tiefen Empathie gegenüber Menschen, die oftmals nicht mehr
verstehen können, was mit ihnen geschieht, weshalb ihr Schicksal der Duldung des Unausweichlichen
gleichkommt. Antonia Wöhrer lässt uns zu ihrer Ausstellung gedanklich teilhaben:
„Allerheiligen, ein idyllischer Ort in der Südsteiermark. Rose ist eine Bewohnerin in einem Seniorenheim.
Die Hände gefaltet, mit rauchiger Stimme und der Frage: „hast a Zuckerl“, begrüßte sie mich jeden Morgen.
Rose und ihre Generation haben den Krieg erlebt und überlebt. Ihre Kinder sind die eigentlichen 68er.
Sie leben im Abseits wie seltene Blumen. Die Leistungsgesellschaft und die Alltagszwänge haben sie teils
vergessen und längst zurückgelassen. Sie selbst sind aufgebrochen in eine eigene Welt, manchmal
versunken in Schweigen, Vergessen oder auch heiteres Gelächter.
Dann plötzlich die einschneidende Entscheidung – der Auszug von „Zuhause“.
Politische Entscheidungsträger, die als Täter fungieren, setzten die Hebel an. Bauliche Vorschriften in
Heimen und Einrichtungen sind einzuhalten oder müssen neu gesetzt werden! Gangbreiten,
Reglementierungen, immer wieder neu erdacht und Fristen gesetzt. Rose, Heinz, Karl und alle, die dort ihr
Zuhause gefunden haben, zählen als Menschen mit besonderen Bedürfnissen in diesen Kategorien von
schlauen und grauen Köpfen nicht.
Professionelle Pflege und liebevolle Betreuung sind keine Parameter den Auszug zu verhindern und
kommen als Kriterien nicht zum tragen. Kleine Einrichtungen und Institutionen werden finanziell geknebelt
und so gezwungen aufzugeben. Aufbruch – Abbruch, ein Lebenswerk dahin.
Rose und ihre Mitbewohner jedoch werden sich auf den Weg machen. Aufbrechen, in eine andere, neue
Umgebung, vielleicht auch bald in eine andere Dimension.
Mutig und mit Träumen von „Röhrlsalat“, den sie selbstvergessen hemmungslos essen, wagen sie die Reise.
Ein neuer Frühling, eine neue Erfahrung – wohl auch mit der stillen (unerfüllbaren) Hoffnung wieder
heimzukehren.
Die Blumen aus dem Titel dieser Ausstellung als ein Symbol der Sehnsucht, dem Wunsch nach einer
humaneren Sichtweise, einer bunten und lebenswerten Welt – auch für ältere Menschen. Jede Einzelne ist
ein Appell, für die Schönheit und Würde alter Menschen einzustehen und für Werte wie Toleranz, Freiheit,
Liebe und Respekt. Man wird doch träumen dürfen - die Realität alter Menschen sieht aber anders aus.
Sie sind mir Brüder und Schwestern, verwoben ist der gemeinsam erlebte Raum in Gegenwart,
Vergangenheit und Zukunft.
Was ich, frei nach Jim Morrison, den Blumenkindern wünsche:
Die wichtigste Art von Freiheit ist die, der zu sein, der du wirklich bist. Namaste!“
© Florinda Ke Sophie, Graz 2009, Zitat: Antonia Wöhrer
„S T E I N Z E I T - WEIL ICH NICHT IM GLASHAUS SITZE“, Hanna Scheibenpflug, Österreich
„Das Malen ist Egoismus pur“ sagt Mag.a Hanna Scheibenpflug, die sich als Künstlerin Hannana nennt und
1955 in Wien geboren wurde, wo sie später ihr Studium an der Universität für angewandte Kunst
absolvierte. Hinter dem Egoismus, der ihr persönliches Glashaus sein könnte, in dem sie nicht sitzen mag,
weil sie es draußen in der Natur viel schöner findet und sich dort gerne inspirieren lässt, steht für sie die
zentrale Frage nach dem „woher komme ich und wohin gehe ich“. Warum aber ausgerechnet Steine malen,
um in die Höhle der Suche nach Selbsterkenntnis einzutauchen?
Hanna Scheibenpflug erhellt diese Frage folgendermaßen: „Steine, Gebirge, Höhlen ...sind sie etwas
Alltägliches? Sie erzählen die Geschichte dieser Erde und Geschichten inspirieren mich. Steine zählen zu
den bevorzugten Motiven meiner Bilder, weil sie viele Parallelen zum menschlichen Dasein haben.“
Metaphorisch vergleicht Hanna Scheibenpflug die Menschen mit Steinen:
“ Sie werden durch Naturgewalten aus dem Erdinneren geboren, zu Gebirgen aufgetürmt, der Verwitterung
ausgesetzt, abgebrochen, rollen zu Tal, werden schlussendlich zu Sand feingerieben und wieder Teil der
Erde.
Ein raukantiger Brocken wird durch das Geschiebe im Fluss langsam zum
Kiesel abgerundet. Manchen Steinen geben wir als Edelsteinen einen besonderen Wert, andere enden
vorläufig als Schüttmaterial.
Es gibt Steine in unendlich vielen Farbnuancen, die oft erst durch das
Wasser zum Leuchten gebracht werden. Sie sind von Moosen und Flechten bewohnt, dienen als Behausung
und Schutz. Sie markieren Grenzen, dienen religiösen und heilenden Riten, sie werden von uns mit Füßen
getreten - manche landen auch als Kunstwerk im Museum.“
In der aktuellen Werkschau „Steinzeit“, die sich nicht auf die erste Epoche menschlichen Wirkens mittels
Werkzeug aus Stein bezieht, widmet sich Hanna
Scheibenpflug der Vielgestaltigkeit von Steinen und lenkt damit unseren Blick auf etwas, was wir manchmal
am Wegrand liegen sehen und unserer Aufmerksamkeit entgehen lassen, weil uns Steine als unbelebt
erscheinen, obwohl sie Informationen in sich tragen.
Eine besondere Arbeit ist das Werk „Cenote“, das in Zusammenhang mit der untergegangenen Kultur der
Mayas auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán steht und ein schachtartiges Kalksteinloch zeigt, das durch
den Einsturz einer Höhle entstanden und mit Süßwasser gefüllt ist. Cenoten entstehen in Karstgebieten.
Durch die Auflösung des Kalkgesteins bilden sich Höhlen und unterirdische Wasserläufe. Brechen die
Decken dieser Höhlen ein, so entstehen Tagöffnungen, die bis zum Grundwasser reichen und sich mit
Regenwasser füllen können. Man nimmt an, dass dieses Höhlensystem, das zum größten Teil unter Wasser
steht, der Grund für die Entwicklung der Maya-Zivilisation besonders im nordwestlichen Teil von Yucatán
war. Die Maya nutzten die Cenoten als Brunnen, sie dienten damit der Wasserversorgung. Auf Yucatán gibt
es mehr als 3000 Cenoten. Sie besitzen im Durchschnitt eine Tiefe von etwa 20 Metern, vereinzelt auch von
einigen 100 Metern. Die Maya betrachteten die Cenoten aber auch als Eingänge zur Unterwelt, die sie
Xibalbá nannten. In Xibalbá verweilten nach dem Glauben der Maya die Ahnen so lange, bis sie diesen Ort
nach bestandenen Prüfungen, Kämpfen und auferlegten Leiden verlassen durften. Selbstmörder, Geopferte
und Frauen, die im Kindbett starben, stiegen direkt zu den Göttern auf und mussten nicht erst in Xibalbá
verweilen.
Das Werk „Cenote“ zeigt uns also eine Zwischenwelt, gekennzeichnet von einem undurchdringlichen
Schwarz, das uns andeutet, die Höhle der Suche nach Selbsterkenntnis ist manchmal sehr finster. Wer sich
in diese Höhle begibt, braucht den Mut dem Nichts oder aber der Fülle von Erfahrungen zu begegnen und
das auch aushalten zu können. In dem Gemälde „Cenote“ schaltet Hanna Scheibenpflug für uns die
Stirnlampe der Speläologen ein und schenkt uns Einblick in das oder auf das, was kryptisch erscheint. Sie
bringt uns in die Irritation der malerisch manifestierten Illusion, nicht zu wissen, ob man auf eine
beleuchtete Höhlenwand sieht, die einen nicht erhellten Spalt aufweist, oder ob man aus der
Vogelperspektive eine durchlöcherte Landschaft betrachtet, in die man hinein fallen könnte.
Wenn Hanna Scheibenpflug als Künstlerin nicht im Glashaus sitzt, sich also in keiner heiklen Situation
befindet, in der man nichts Unüberlegtes tun sollte, dann wohl deshalb, weil sie neben Experimentierfreude
und Spontanität auch eine sehr „behirnte“ Strömung in sich weiß, die optische Delikatessen entstehen lässt,
ohne ihren künstlerischen Freiheitsanspruch zu verleugnen, zu malen, was ihr eben gefällt und was abseits
vom Mainstream liegt.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2009
„SonneWechselhaft & Sturmgefahr“, Peter Bernthaler, Österreich
„SonneWechselhaft & Sturmgefahr“ lautet unter Bezug auf die in der Bild-Auswahl herrschenden
unterschiedlichen Bild-Temperamente, der Titel der Ausstellung des Malers Mag. Peter Bernthaler. Er
wurde 1967 in Wien geboren und absolvierte später das Studium der Kunstgeschichte und Publizistik mit
dem Schwerpunkt Journalismus an der Universität Wien. Durch seine Arbeit als Journalist für diverse
Medien ist er mit den Themen Politik, Medizin und Wirtschaft, bevorzugt aber mit Kultur- und
Ausstellungsbeiträgen befasst. In seiner freien Zeit widmet sich Bernthaler seit seiner Jugend kontinuierlich
der Malerei und Grafik. Er unternimmt regelmäßige Ausfahrten in die malerisch-inspirierende Aulandschaft
nach Haslau an der Donau und zu anderen Orten, um bspw. mit Tusche und Rohrfeder
Landschaftseindrücke zu skizzieren, die er später in Gouache-, Acryl- oder Öl-Bilder umsetzt. Mehr und
mehr tritt nach den grafischen Werken, die meist ein Bild-Konzept festhalten oder anreißen sollen, die
Malerei in den Vordergrund und wird das Arbeiten mit Öl auf Leinwand zur dominierenden Arbeitsweise.
Bernthaler erschafft bevorzugt Stillleben, Landschaften und Figürliches. In den letzten vier Jahren entsteht
eine solche Menge an Bildern, dass aus Raumnot einer von zwei Salonflügeln verkauft wird, um im Atelier
neuen Platz zu schaffen. Er entscheidet sich, seinen Beruf als angestellter Journalist aufzugeben, um sich
nur noch der Malerei und Ausstellungstätigkeit widmen zu können.
Wir finden in Peter Bernthalers Werken einen sehr eigenen Duktus wieder, also die charakteristische Art der
künstlerischen Formgebung, der Linienführung, welche ihm die intensive und langjährige
Auseinandersetzung mit seiner Arbeitsweise attestiert. Sein Stil ist expressionistisch und erinnert an die
großen Vorreiter dieser Kunst des frühen 20. Jahrhunderts wie Erich Heckel, Oskar Kokoschka, Wassily
Kandinsky oder Max Beckmann.
Im Expressionismus wird die innere Beteiligung des Künstlers an seinen Motiven anschaulich. Vereinfachte
und auf elementare Abkürzungen reduzierte Formen und eine freie, aber subjektive, heftige Farbgebung
zeichnen ihn aus. Besonders dieses Element ist in Bernthalers Werk vorzufinden: Er setzt die ganze Palette
kräftigster Farben ein und wirft sie mit einem wilden und leidenschaftlichen Strich auf die Leinwand, dieser
besondere Strich, der auf eine unbändige Natur schließen lässt und uns verkündet: Ich kann, ich will, ich
werde.
Peter Bernthaler lässt uns an seinen eigenen Gedanken zu seinem Werk in folgendem Statement zur Grazer
Ausstellung „SonneWechselhaft & Sturmgefahr“ teilhaben:
„Ich bin überzeugt, dass Menschen in der Mehrzahl ein Bedürfnis nach fassbaren, begreifbaren Inhalten
haben – sei es in der Bildenden Kunst generell, in der Musik oder der Literatur. Von daher empfinde ich
mich als traditionellen Maler. Die Kunstgeschichte regt sich in mir mit einer Vielzahl an Strömungen. Ich
sehe keine Veranlassung, mutwillig in die Diskussion um die Notwendigkeit der Darstellung moderner
Inhalte – und ob diese Inhalte notwendig sind – einzugreifen.
Das Gegenständliche, die erkennbaren Inhalte in einem großen Teil meiner Malerei sehe ich als Zeichen
meiner Verbundenheit mit einer malerischen Tradition, mit der Fortführung einer Bild-Sicht, die sich seit
der antiken Malerei bis zur Moderne des beginnenden 20. Jahrhunderts kontinuierlich entwickelt hat.
Gegenständlichkeit deswegen, weil die reale Welt mit ihren Erscheinungsformen, die ich in einem
bestimmten bildlichen Zusammenhang – also in der Komposition – als schön, als darstellenswert empfinde,
so viele Möglichkeiten der Darstellung erlaubt, die sich stärker oder schwächer dem Dargestellten annähern.
Hin und wieder abstrahiere ich Formen: Ich variiere dabei entweder ein Vor-Bild aus der Natur oder
komponiere farbige Flächen, die die Aufgabe haben, in ein Spannungsverhältnis zur Gegenständlichkeit der
Objekte zu treten.
Wenn das Abstrakte eine spontan geschaffene Form ohne jegliches Vorbild in der Natur ist, dann bin ich
kein abstrakter Maler. Auch da nicht, wo sich kaum oder nur schwer das Gegenständliche sehen lässt. Das
Abstrakte, so mein Eindruck, verkommt heute sehr schnell zu großformatiger Wandgestaltung. Abstrakte
Bilder sind in vielen Fällen mehr oder weniger gelungene Selbstportraits. Gleichzeitig legen sie vieles offen
und verbergen gleichermaßen. Mit der reinen Abstraktion endet die mehr oder weniger willkürliche,
gegenseitige Abhängigkeit von Farbe und Form völlig. Die reine Abstraktion stellt den Betrachter im
Extremfall vor zwei Möglichkeiten: Alles zu sehen (was er möchte), oder nichts. Die reine Abstraktion ist
mit meiner Art von Bild-Idee und künstlerischer Überzeugung kaum vereinbar. Vielleicht sollte ich
vorsichtshalber sagen: Noch oder einstweilen kaum vereinbar, weil ich meine künstlerische Entwicklung
nicht vorhersehen kann.“
© Text Florinda Ke Sophie, Zitat Peter Bernthaler, Graz 2009
„Horizonte“, Heidi Hahn, BRD
Caspar David Friedrich soll gesagt haben, „der Maler solle nicht nur malen, was er vor sich sieht, sondern
was er in sich sieht. Und falls er nichts in sich sehe, so solle er das malen unterlassen.“
Im Gegensatz hierzu, in sich selbst aber vieles sehen zu können, bekennt sich die deutsche Malerin Heidi
Hahn zu einer Besonderheit ihrer Augen, dass sie in einer gewissen Konturenlosigkeit weitaus mehr Licht
und Farben erkennen kann und daher die inneren Horizonte auf die es in der Malerei ankommt und auf die
Caspar David Friedrich anspielte, umso besser auszudrücken vermag. Unscharfe Umrisse haben den Vorteil
farbliche Zwischentöne und deren Vielschichtigkeit erst hervorzubringen – Heidi Hahns künstlerischer
Ausdruck zeitigt entsprechend erstaunlich anspruchsvolle und ästhetische Ergebnisse.
Es ist Morgen oder Abend. Je nachdem. Wir sehen Licht.
Licht über dem Wasser. Licht über den Bergen. Über dem Fluss, Licht, welches sich über ein
Mohnblumenfeld tastet. Über den Wolken. Im Park. Oder das Licht, welches den Nebel kriechend
durchdringt. Heidi Hahn ist eine Jägerin des Lichts und der kurzen Momente, die unsere Welt in
romantische und verletzliche, weil stets vergängliche Szenen, eintaucht.
Menschenlos bietet sich das Licht dar, fast als reines Selbst, als wäre die Welt frei von Akteuren, als gäbe es
nur die Natur und das Licht, dass sie bespielt wie eine Bühne im Theater Gottes. Mit dieser auf den
Betrachter sehr beruhigend wirkenden Menschenlosigkeit distanziert Heidi Hahn sich mehr als deutlich von
den großen Wegbereitern der romantischen Kunst, welche als Vorläufer des Impressionismus in der
kulturgeschichtlichen Epoche der Malerei Mitte des 18. Jahrhunderts bis weit in das 19. Jahrhundert hinein
reichte.
Romantiker, wie der berühmte englische Maler William Turner „verorteten einen Bruch, der die Welt
gespalten habe in die Welt der Vernunft und in die Welt des Wunderbaren“, wie es Novalis der deutsche
Philosoph und Frühromantiker treffsicher formulierte. Eine Sehnsucht nach Reinheit und Ursprünglichkeit
die ins Unendliche gerichtet war und nach der Zusammenführung von Gegensätzen zu einem harmonischen
Ganzen suchte. Orte wurden symbolträchtig und konnten in ein Bild gefasst, die menschlichen Grundthemen
wie Leidenschaft, Individualität und die oftmals dramatischen Zustände der Seele darstellen. Turner nahm
die Entwicklungen des späteren 19. Jahrhunderts und damit des Impressionismus vorweg und wurde
seinerzeit mit Spott und Kritik belegt, da seine Werke sich zu sehr vom Realistischen und Gegenständlichen
entfernt hätten. Dennoch gilt er neben Goya und Friedrich heute als Wegbereiter der Moderne in deren
Fußstapfen nun Heidi Hahn, ohne Turner als ihr Vorbild zu nennen, ihren eigenen künstlerischen Weg
beschreitet. Vortrefflich lässt sie die Reflektionen über die Leinwand tanzen. Man fühlt sich ganz einsam
und seltsam geborgen, wenn man sich versinken lässt in ihre Landschaften, die einen Hauch vergänglicher
Ewigkeit in sich tragen, der sich durch die Wiederholung des Themas Licht und der Suche nach selbigem
manifestiert.
Die Künstlerin wurde 1964 in Nürtingen bei Stuttgart geboren. Sie studierte Theaterwissenschaft, schloss ihr
Studium aber in Kunst und Germanistik ab. Ihre beruflichen Tätigkeiten ließen sie viele Kulturereignisse ins
Leben rufen, ob als Rundfunkredakteurin, als Journalistin, als Kultur- und Pressereferentin und als
freischaffende Künstlerin, welche ihre Ausstellungen weit gestreut über Deutschland, Frankreich, Spanien,
Portugal und Hong Kong einem breiten Publikum präsentieren konnte. Seit vielen Jahren widmet sich Heidi
Hahn auch verstärkt Installationen und Großprojekten in der Natur, wie den „muros vivendos“ und „faces“,
den Land-Art-Projekten in Portugal, dem weitere folgen sollen.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2009
„Formen und Linien“, Werner Pirker, Österreich
Geprägt durch die malerische Landschaft in Oberkärnten, in welcher der 1979 geborene Bildhauer Werner
Pirker aufwuchs, widmet sich der gebürtige Tiroler in seiner Arbeit DEM Werkstoff mit Vorliebe, welcher
ihn visuell seit Kindesbeinen an begleitet, den Bäumen und dem Holz.
Werner Pirker absolvierte eine 4-jährige Ausbildung für Bildhauerei in Elbigenalp und ist seit 2004 als
freischaffender Bildhauer in dem Ort Berg in Kärnten tätig. Seine Ausstellungen und die Teilnahme an
Bildhauer-Symposien liegen mit dem Schwerpunkt in Kärnten und Tirol. Sie führten ihn aber unter anderem
auch nach Kassel in Deutschland, nach Italien, Wien und in diesem Jahr erstmalig nach Graz. Ein
besonderes Können bewies er in seinen leider vergänglichen Werken aus Schnee bei der Mitgestaltung der
Schneebühnen in Lech in Vorarlberg, der „größten Weihnachtsgrippe der Welt“ in Aguntum in Osttirol, der
Gestaltung „Die Reise der Pinguine“ im Pitztal in Tirol, sowie beim Erschaffen von Schneeskulpturen im
osttiroler Schigebiet Silian.
In Graz präsentiert uns Werner Pirker unter anderem eine an schlanker Ästhetik kaum zu übertreffende
„Venus“ aus Nusswurzelholz, welche wie aus dem Boden, aus Mutter Erde gewachsen erscheint. Aus den
Formen und Linien, welche das Holz naturgemäß im langsamen und stetigen Prozess des Wachstums
entwickelt, schält er das für sich Wesentliche, das unter der hölzernen Rinde bislang ruhende, für sich
heraus. Diese Figur verführt den Betrachter zum Wunsch nach Berührung, wie auch die Skulptur aus
Birkenholz „Illusionen“ das Bedürfnis nach sensitiver Auseinandersetzung weckt. Man möchte die Hand
ausstrecken und berühren, was sich geschwungen und fein geschliffen einem als optischer Genuss
entgegenstellt.
Die Stele „Leitfaden“ zelebriert eine Erkenntnis, wie Werner Pirker über sie sagt: „Jedes Leben leitet sich in
irgendeiner Weise von selbst. Durch verschiedene Situationen oder Begegnungen sind Veränderungen
unausweichlich. Diese sind durch Richtungsänderungen und Durchbrüche in Form eines Seiles dargestellt.“
Anknüpfend an diesen Gedanken erscheinen die meist solitär gestalteten Figuren und Objekte Werner
Pirkers wie eine Transformation des Materials aus dem sie geschaffen sind, gleichermaßen als das Abbild
eines nach Ausdruck und Wachstum unermüdlich suchenden Einzelwesens, das sich mit dem, was ihn
täglich umgibt, vollends identifiziert. Der solitäre Baum steht in seiner Umwelt und wächst. Er ist
verwurzelt mit der Erde, die ihn nährt, kann seinem Standort und seiner Bestimmung nicht entfliehen. Er ist
unumstößlich bis zu dem Tag, an dem er fällt, sei es durch Naturgewalt, durch Menschenhand oder, weil
seine Zeit zu gehen, gekommen ist. Solange strebt er in die Höhe und verbindet sich mit dem, was über
unserer menschlichen Größe liegt, dem Himmel.
In mannigfaltigen Variationen lebt der Künstler sein Vorbild. Er nährt sich innerlich vom Boden seiner
Heimat, in dem er den Baum auswählt, den er bearbeiten will. Das gibt ihm Kraft, die sich als Inspiration
darstellt. Das Holz, welches in sich Bilder verbirgt, Maserungen, Formen und Linien ist metaphorisch seine
Nahrung. Unumstößlich wie ein Baum, der mit seinen Wurzeln lebensnotwendige Informationen durch
Erde, Regenwasser und Mikroorganismen in sich aufsaugt um wachsen zu können, lebt der Künstler seinen
Willen zu kreieren und Neues aus altem zu erschaffen um sich mit der Höhe zu verbinden, die ihm seine
künstlerische Begabung als Wachstumsfaktor in die Wiege legte.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2009
“B I R U trifft X A N H L A M” – BEGEGNUNG IN BLAU, Thomas Hirsch, BRD
“B I R U trifft X A N H L A M” – BEGEGNUNG IN BLAU
ist das Thema der aktuellen Werkschau des 1966 in Giessen/BRD geborenen Malers Thomas Hirsch. In
diesem Titel kommen zweierlei Dinge zum Ausdruck: Der Maler mag die Exotik fremder, ihm unbekannter
Länder, die er gerne bereist um Neues zu entdecken, um die inneren Horizonte zu erweitern. Er mag aber
auch die Farbe Blau und deshalb widmet er sich ihr mit einer besonderen Aufmerksamkeit.
B I R U bedeutet „blau“ auf Indonesisch und X A N H L A M bedeutet ebenso „blau“ in der Sprache der
Vietnamesen. Die Gemälde dieser Ausstellung treffen erstmalig in Graz aufeinander und sind deshalb eine
Begegnung in Blau. Der international ausstellende Künstler Thomas Hirsch sagt von seinen Arbeiten, die
Werke hätten nichts miteinander gemeinsam, außer, dass sie in der Farbe Blau gehalten sein. Sie stünden ein
jedes für sich, ein jedes mit einer eigenen Geschichte, einem eigenen Ausdruck und einem eigenen Sinn. Ein
jedes enthält somit auch ein Rätsel oder ein Geheimnis, weil wir nicht wissen können, was den Maler
bewegt hat, in jenen Stunden der Entstehung, in der sein Geist eine Wanderung angetreten hat. Nun treffen
die Bilder aufeinander, wie eine Gruppe Reisender in einem fernen Land. Ohne Augen zu haben,
kommunizieren sie miteinander. Ohne Münder zu haben, sprechen sie.
Die Titel der Bilder spenden kleine Denkanstöße und verbinden, was durch die Einbringung von Worten
besser verstanden werden kann. In „Aussenden von Unfreiheit“ finden wir eine Szene vor, welche aus den
innersten Gefilden eines weiblichen Körpers stammen könnte, wie eine Momentaufnahme im Kosmos
Gebärmutter.
Hirsch lässt uns durch das Mikroskop blicken: Eine einzige Eizelle steht in Berührung mit einem
fadenähnlichen Gebilde, dass sich am Kopfende, also dort wo das Bewusstsein seine Heimat hat, in
Auflösung befindlich erscheint. Es erinnert an eine Samenzelle unter der sich weitere Samenzellen befinden,
die alle gemeinsam versuchen aus dem Bildrand hinaus zu schwimmen. Und so liegt die Frage nahe, warum
sie das denn tun? Entgegen ihrer eigentlichen Bestimmung auf die weibliche Eizelle zu zusteuern und in sie
einzudringen, bewegen sie sich in die entgegengesetzte Richtung, als seien sie auf der Flucht. Hier findet
eine Verweigerung statt und in Anbindung an den Titel des Bildes, könnte man sagen, es ist eine
Verweigerung Leben zu spenden. Denn die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, würde sie denn
stattfinden, inkludiert die Entstehung neuen Lebens, damit aber auch zwangsweise die Entstehung von
Abhängigkeit und Unfreiheit. Der Kreis schließt sich und mündet im dazu exakt passenden Titel.
In dem Gemälde „H2O mit Schatten“ finden wir die chemische Formel für Wasser vor. Auch hier
beschäftigt sich der Künstler mit dem Thema Leben. Denn das lebenspendende Wasser ist eine Verbindung
aus dem Element Wasserstoff (H) und dem Element Sauerstoff (O).
Betrachten wir das, was uns in den westlichen Ländern täglich und problemlos zur Verfügung steht, was
also unser aller Leben erhält, das Element und den Begriff „Wasser“ etwas genauer. Das Wort „Wasser“
wird besonders für den flüssigen Aggregatzustand verwendet. Im festen oder gefrorenen Zustand bezeichnen
wir Wasser als Eis und im gasförmigen Zustand sprechen wir von Wasserdampf, welcher beispielsweise
entsteht, wenn man Wasser zum kochen bringt oder sich in Form von Wolkenbildung am Himmel zeigt.
Wasser stellt die einzige chemische Verbindung dar, welche in der Natur in allen genannten drei
Aggregatzuständen vorkommt. Damit ist Wasser etwas sehr besonderes. Das Wasser des Meeres und auch
der Himmel werden in der Farbe Blau wahrgenommen.
Zurück zum vorliegenden Bild. Etwa die Hälfte des Bildes wird diagonal von etwas bedeckt, das eine
schräge Wand sein könnte, oder, ließe man der Fantasie ihren freien Lauf und nimmt man Bezug auf den
Titel, auch ein Teil eines Eisblocks sein könnte, der sich beherrschend vor die eigentliche Szene schiebt. Im
hinteren Bereich des Bildes sieht man die obere Ecke eines Raumes. Dort steht eine Figur, die ein Mensch
oder auch ein Geist sein könnte. Ein Gesicht ist nicht erkennbar und verschließt sich somit einer Zuordnung.
Die Figur wirkt wie ein Schatten.
Diese Szene im hinteren Bereich ist wie in einem Nebel gehalten, sie ist so wässrig, als würde man in ein
Aquarium blicken mit unklarem Wasser. Der diagonale Block im Vordergrund stellt eine Barriere dar,
spaltet die Situation in zwei fast gleichgrosse Hälften, die es der Figur im Hintergrund verunmöglicht in den
Vordergrund zu treten und dem Betrachter offen lässt, was sich hinter der Eis-Diagonale, verbergen könnte,
oder was da so mächtig erkaltet ist. Dieses Geheimnis bleibt uns verschlossen und soll ein Mysterium
bleiben, weil wir sonst der Magie beraubt werden würden, die uns durch die tieflotende Bildsprache des
Künstlers verzaubert und in die Welt der facettenreich ausgearbeiteten „Begegnung in Blau“ entführt.
© Text, Florinda Ke Sophie, Graz 2009
„Gegenwind“, Karin Rindler, BRD/Österreich
„Das, was unter der Oberfläche schwelt, was auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist, was manchmal
genau das Gegenteil von dem ist, was wir wahrzunehmen glauben oder zugeben wollen, das interessiert
mich am meisten, das versuche ich umzusetzen.
Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht immer der Mensch und seine zwiespältige, hintergründige Beziehung zu
seiner Umgebung, zu seinen Mitmenschen oder zu sich selbst.
Besonders fasziniert mich das menschliche Gesicht mit seiner subtilen Mimik, wobei ich die betreffenden
Personen nicht einfach abbilde, sondern ihrer Ausstrahlung entsprechend inszeniere und damit zu Trägern
einer ganz speziellen Botschaft mache“ beschreibt die 1950 in Kärnten geborene und in Berlin lebende
Künstlerin Karin Rindler ihre Arbeit.
Die Malerin, die auch zugleich Galeristin ist, erhielt für diese Arbeit bereits den Förderpreis der Stadt
Salzburg, sowie den Kunstpreis Köpenick. Nach dem Studium an der Universität für angewandte Kunst in
Wien, besuchte sie die Meisterklasse für freie Malerei und Grafik bei Professor Carl Unger und absolvierte
dort ihr Diplom und Meisterjahr. 1975 verlässt sie Österreich um sich in Berlin der Fotografie und dem Film
zuzuwenden. Sie arbeitet als Dokumentarfilmerin, Autorin und Redakteurin und erhält als Auszeichnung ein
Drehbuchstipendium der FFA Berlin. Ab 2003 nimmt sie die Malerei wieder neu auf und ist ab 2005
ausschließlich als freischaffende Künstlerin tätig. Ihre Ausstellungen führen sie nach Hamburg, Paris, Wien,
Bonn, Meißen und in diesem Jahr nach Graz. Karin Rindler betreibt die Galerie am Gierkeplatz und ihr
Atelier in Berlin- Charlottenburg.
Talent und jahrelange professionelle Schulung verschmelzen in Karin Rindlers Werken zu gekonnt
provokanten Aussagen, die so lebendig wirken, als wären sie für eine Sekunde eingefrorenen. Ein Blick,
eine Bewegung, als wäre ihre Malerei eine Zeitmaschine, mit der man durch ihre kritischen Sichtweisen und
unseren Alltag reist, welchen sie unermüdlich aufs Neue ventiliert. Ihr Duktus ist Bewegung, die sie anhält,
ein stop-and-go, als wären ihre Bilder ein Slow Motion Film, der nur unterbrochen wird, um das Objektiv
der Kamera neu einzustellen, den Blick zu schärfen. Karin Rinder malt gesellschaftlich relevante Inhalte
figurativ, ohne einen Anspruch auf Fotorealismus erheben zu wollen. Ihre Bilder schweben viel mehr in sich
selbst, durch eine gekonnte Technik die Ihresgleichen suchen kann. Der Farbeinsatz gleicht einer Diffusion,
weil sich das Figurative mit dem nebulösen vermischt. Die Ausstellung „Gegenwind“ zeigt daher, was Karin
Rindler selbst als eine „Zweite Ebene der Wahrnehmung“ bezeichnet und uns unvermeidlich einen
Röntgenblick aufsetzt, von dem wir nicht wissen, ob wir ihn haben wollen, weil er uns so ungestüm wie ein
starker Wind ins Gesicht bläst, das man die Luft anzuhalten geneigt ist, denn ihr Malstil ist so bestechend
wie auch unbestechlich.
Um es mit den Worten der Künstlerin zusagen:
„Wir täuschen uns selbst und andere immer wieder und meist nicht deshalb,
weil wir etwas Unlauteres oder gar Böses im Schilde führen, sondern weil wir alle einen Hang zu einer
gewissen mentalen Trägheit haben, zu einer satten Bequemlichkeit, die unsere Sinne abstumpft und unsere
Empathie zerstört. Ich möchte diese Empathie wieder wecken und die Sinne schärfen für Dinge, an die wir
uns gewöhnt haben und die keineswegs in Ordnung sind!“
© Text, Florinda Ke Sophie, Graz 2009, Zitate Karin Rindler, Berlin
Personale „Papier mal drei“ von Rhea Uher, BRD/Österreich
„Papier mal drei“ heißt die Werkschau aus fliegenden Objekten, Aquarellen und des Kunstdruckkalenders
2009 aus dem Portraitprojekt der deutschen Künstlerin Rhea Uher.
Die Künstlerin wurde 1959 in München geboren. Als Absolventin des Studiums der Kunstgeschichte ist sie
seit 1986 freischaffend als Bildende Künstlerin tätig. Seit 1992 betreibt sie ihr Atelier in Niederösterreich
und arbeitet in den Techniken Kohle, Pastell, Acryl und Aquarell, sowie Objektkunst.
Mit den fliegenden Objekten in ihrer Personale „Papier mal drei“ erobert Papier und Karton, das zu
plastischen Figuren geformt wurde, den Raum und findet im Schattenspiel in die 2. Dimension eines
potentiell bewegten Jetzt zurück.
Anfänglich ausgehend von Körper, Gesicht und Auge in ihrer symbolhaften Bedeutung findet Rhea Uher in
den neunziger Jahren eine allmähliche Hinwendung zu Tiersymbolen. Seit 2000 treten Zeichen und
Ornamente in den Vordergrund. Diese Zeichensprache zieht sich als geistiges Kontinuum durch die Arbeiten
und stellt eine Zugangsoption zum Unterbewusstsein des Betrachters dar. Äußere Eindrücke werden in
komprimierter Form in eindrückliche Zeichen umgesetzt.
Die in der letzten Zeit nahezu monochrome Farbgebung in transluzentem Auftrag erschließt hierbei den
emotionalen Zugang. Thematisch kreisen die Arbeiten um das kulturübergreifende Bedürfnis des Menschen
nach Mitteilung in Bild, Schrift und Musik.
Rhea Uhers Stil spricht uns auf einer archaischen Ebene an. Die blaue Serie kühlt unseren Verstand
nachhaltig, erinnert mit ihren oftmals griechischen Titeln an die Existenz längst vergangener Kulturen,
welche sich mit ihren Botschaften als Chiffren in unserem Gehirn über die Jahrtausende eingegraben haben,
wie das Geräusch der Wellen im Gang einer Muschel. Die Energie ihrer Bilder wiegt uns sanft in die
Ablösung von einer Realität, die ihr unersättliches Streben dem Minimalismus von einfachsten Symbolen
entgegensetzt.
In dem im Farbton Braun gehaltenen Bildzyklus „Minoischer Tag – Minoisches Blatt“ strahlt erdige Ruhe
auf uns ein, verbindet und verbündet uns mit Zeiten, in denen man noch nackten Fußes eben diese Farbe
spüren konnte. Erkaltete Lava-Erde. Nächtlicher Wüstensand. Erd-Farbe. Erde, die Leben spendet, Erde, aus
der wir hervor gegangen sind und Erde, von der wir uns getragen fühlen dürfen. Eine Erde, auf der wir
unablässig unsere Spuren hinterlassen.
Formen, Linien, Zeichen und Ornamente ziehen sich wie ein Gesamt- Algorithmus durch Rhea Uhers Werk.
Die Kulmination dieser konsequent durchgeführten Arbeit ist der außergewöhnliche Kunstdruckkalender,
welcher in einem 3 Jahre andauernden Portrait-Projekt entstand und einen Augenschmaus der besonderen
Art darstellt. Das Thema Portrait wird im soeben beendeten Projekt aus einer völlig neuen Perspektive
interpretiert. Losgelöst von Gegenständlichem entstanden 12 Gemälde, deren Charakter in Farben und
Zeichen chiffriert scheint.
Die zu Portraitierenden wurden vor dem Gemälde sitzend, analog zum dahinterliegenden Bild bemalt, so
dass vor dem Auge des Betrachters, bzw. der Kamera, Gemälde und Person in eine mehrdimensionale
Wechselbeziehung treten. Im Unterschied zum herkömmlichen Bodypainting ist das zu erst entstandene
Gemälde, welches die bestimmte Facette einer Person beleuchten soll, das zentrale und ursprüngliche
Thema. Für die Portraitierten hat sich über diese intensive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Bild eine
besondere Beziehung zu dieser Form der Abstraktion und eine neue Selbstwahrnehmung entwickelt.
Denn einen Körper zu bemalen, stellt einen nicht zu unterschätzenden Eingriff in die Privatsphäre einer
Person dar. Dem Wesen nach an rituellen Bemalungen ursprünglicher Kulturen orientiert, entsteht ein
dynamisches Beziehungsdreieck zwischen Bild, Modell und Betrachter. Durch den optischen Dialog des
Gemäldes mit den Bemalten eröffnen sich dem Betrachter neue Interpretationsansätze einer gelungenen
Fusion, die sich der Oberflächlichkeit und Gefälligkeit mit Magie zu entziehen versucht.
Die in diesem spannenden Projekt entstandenen Fotos sind im vorliegenden Kunstdruckkalender für das Jahr
2009 dokumentiert und komplettieren die ein- bis dreidimensionale Ausstellung „Papier mal drei“.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2008
„Zeit(t)räume“, Gisela Mack, BRD/Österreich
Gisela Mack wurde 1944 in Krieglach geboren und lebt seit 1971 in Bad Honnef in der Bundesrepublik
Deutschland, wo sie sich seit 1988 konsequent künstlerischen Studien zuwendet. Mittlerweile auf zahlreiche
Ausstellungen im In- und Ausland zurückblickend, ventiliert sie in ihrem aktuellen Werkzyklus das Thema
„Zeit(t)räume“. Also einerseits das vergangene, gegenwärtige und zukünftige und andererseits die aus dem
Unbewussten stammenden Phantasmen und Visionen, welche untrennbar mit dem Zeiterleben verbunden
sind und das Dasein in Zeit-Räume aufgliedern und es begleiten.
Auf einem der vorliegenden Gemälde sehen wir eine Menschengruppe, die an eine Familienaufstellung
erinnert. Im linken Bildteil sieht man eine Gestalt, welche groß erscheint und männlich wirkt. Sie hält auf
dem rechten Arm ein kleines Kind, welches eine Mütze oder Kappe trägt. Beide Figuren sind gesichtslos, so,
als sollten sie wie stumme Zeugen unerkannt bleiben. Wir sollen also nicht wissen, um wen sich
vordergründig die Bildgeschichte dreht. Die Hand, welche das Kind hält, sieht überdimensioniert groß und
stark aus. Man könnte daraus schließen, dass sie nicht gewillt ist, das Kind loszulassen oder frei zu geben.
Diese ausdrucksstarke Hand demonstriert einen festen Halt in dieser von Unwägbarkeiten geprägten Welt.
Im linken hinteren Bildteil befindet sich eine weitere Figur, deren Gestalt durch ein langes Gewand auf den
ersten Blick weiblich und erwachsen wirkt. Im Gegensatz zu beiden ersteren, kann man deutlich ein Gesicht
erkennen. Diese Figur blickt aus dem Hintergrund auf das, was sich im vorderen Bildteil in Szene setzt.
Diese Figur verfügt über keine Arme und Hände, was zum Ausdruck bringt, sie sei handlungs-unfähig oder
handlungs-unwillig und könne daher in das Geschehen nicht ein-greifen.
Der vordere rechte Bildteil zeigt eine vierköpfige Gruppe von nicht unfröhlichen Kindern. Sie wirken wie
ein kleiner Gesangschor, denn in ihren Gesichtern sieht man deutlich und einheitlich die Münder zu dem
Vokal O geformt. Paarweise haben diese vier Figuren ihre Gesichter zueinander geneigt, als stünden sie sich
wie Geschwister oder Freunde sehr nahe. Auch ihre Arme, die nur aus dünnen Linien bestehen, sind am
unteren Ende derart miteinander verbunden, als hielten sie sich an den Händen. Auffällig dabei sind ihre
dünnen und langgezogenen Körper, welche einen pubertären Wachstumsschub symbolisieren könnten. Und
damit das herannahen der Erwachsenen-Zeit, für das sie noch nicht genügend gerüstet sind, weil die
strichartig-angedeuteten Arme das Leben noch lange nicht richtig anpacken können. Weist uns hier die
Künstlerin auf die menschlich infantile Neigung hin, sich lieber dem spielerisch-musikalischen hinwenden
zu wollen, anstatt den Ernst des Lebens be-greifen zu müssen?
Wie im Traum, der in Nanosekunden erzeugten inneren Bildschau, manifestiert sich der momentane
Ausdruck dessen, was gesagt werden will. Als Erinnerung von persönlich erlebtem, als Spiegel der
Gesellschaft im Jetzt und als Möglichkeit des zukünftigen durch die Fiktion. Doch die Farbgebung des
Bildes lässt uns nichts Hoffnungsvolles ahnen, da der Schwerpunkt auf der unbunten Farbe Grau liegt. Sie
ist die Farbe der Neutralität, des bedrückenden, der Unsicherheit, der Eintönigkeit, des langweiligen, der
Lebensangst, der Vorsicht und Zurückhaltung, aber auch der Kompromissbereitschaft. Mit dem oberen roten
Farbrand hebt Gisela Mack das Grau gezielt hervor und erweckt den Schein, die Figurengruppe sei ein auf
die Leinwand gebanntes Familienporträt aus einem Zeit-Raum, der auch ein Zeit-Traum ist.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2008
„Emotions“, Barbara Jessl, Österreich
Emotions betitelt die 1965 in Linz geborene Barbara Jessl ihre abstrakte Werkschau in Acryl und versetzt
uns inmitten des Zentrums des Informell - eine scheinbar gegenstandslose europäische Kunstrichtung, die
ursprünglich ab 1945 in Paris entstand und einen Überbegriff abstrakter Malrichtungen meint. Jackson
Pollock entwickelte ungefähr zeitgleich in den USA das Pendant dazu, bekannt als Action-Painting, das
viele Bewunderer fand und Künstlergenerationen beeinflusste. Ein bereits verstorbener, aber berühmter
österreichischer Vertreter des Informell ist Josef Mikl, der davon sprach, (…) „dass es zur Bildwerdung
stets einen Inhalt braucht“. Was also ist unter diesem Gesichtspunkt wirklich gegenstandlos, ohne
Gegenstand also und damit ohne Inhalt, wenn auch Gefühle ein Inhalt sind, nämlich der emotionale Inhalt
eines Menschen in seiner körperlichen Hülle, nur dass Gefühle keine äußere und sichtbare Form haben,
ähnlich einem Atom, das seine Ansicht unserem Auge gekonnt verweigert und dennoch existent ist? Wenn
sich dem Betrachter doch so vieles mitteilt in dem Mikrokosmos Abstraktion, allein durch die
Pinselführung, die Auswahl der Farben, deren Wirkungen und wie sie einander zugeordnet werden,
manchmal so, als würden sie sich selber ablehnen. Da gibt es versetzte Gitterwerke, Strömungen und
Durchkreuzungen, Rundungen, oder etwas das aussieht wie die Innenansicht eines Blutgefäßes, dann
Säbelförmiges, an Blätter erinnerndes, Spinnennetzartiges und Farben die nebeneinander fließen, wie wenn
man auf die bewegte Oberfläche und die Lichtspiele des Wassers eines Baches blickt. Auf die Frage an
Barbara Jessl, was für sie die künstlerische Arbeit bedeute, antwortete sie, dass das Atelier ein persönlicher
Ort des Rückzugs für sie sei, in dem sie nur für sich ihre Emotionen auf die Leinwand bannt, wie einen
Workout im Kraftraum eines Bodybuilding-Centers. Sie agiert das Informell, handelt die Emotionen
bewusst unbewusst ab, weil für sie die Spontaneität und deren unbekümmerter Ausdruck wichtiger als die
Perfektion, die Vernunft und deren Reglementierung ist. Eine abstrakte Darstellung von Objekten,
Landschaften und Menschen wird daher abgelehnt und so kommt es unter dem Ausschluss der Vernunft zu
einer Art von Gedanken-Fotografie, einer temporären intrapsychischen Ablichtung, die Barbara Jessl
konsequent nicht einmal betitelt wissen will. Sie bewegt sich in ihren Werken in einer Kombination aus
„Hard-edge“, also der harten Kante, die ohne sichtbare Kompositionslehre Farben scharf voneinander
abgrenzt, wenig fließende Übergänge zeigt und kaum individuelle Pinselspuren hinterlässt und dem
amerikanischen „Drip-painting“, in dem die Farbe tropfend und schleudernd auf das Medium Leinwand
gebracht wird.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2008
„Schein-Schlag“, Walter Wrussnig, Österreich
Künstlerische Reduktion beginnt im Kopf. Bruch, Ewigkeit, Kreuz, Sturm, Hirn, Ruhe, Blutregen und
Straße heißen die Abstraktionen des Kärntner Architekten und Malers Walter Wrussnig (geb. 1951), der
die prägnanten Kurztitel seiner Werke wie Gedankenspiele fragmentarisch aneinanderreiht. Der Schein
schlägt uns, denn was Wrussnig mit Wortfetzen anreißt, lässt sich durch die vorhandenen SprachCodierungen, die Assoziationen wecken, nicht unmittelbar verifizieren. Wenn es beispielsweise Blut
regnet bleibt die Frage offen, wessen Blut es regnet und wer für etwas bluten musste? Die Farbe Rot allein
erklärt es uns nicht. Ebenso ergeht es uns bei der Betrachtung des Werkes « Straße », die an einem
schwarzen Rechteck endet. Doch unerklärlich bleibt, ob dieses Ende ein menschlich ultimatives ist, oder
eher eine Markierung der Abwesenheit von Licht darstellt, die auch eine Pause auf dem Lebensweg
deklarieren könnte. Wrussnig schlägt also zu mit einem exzentrischen Minimalismus, der sich im Schein
seines Gedankenkonstrukts ständig neu erfindet. Er benennt das als Vorläufigkeit einer Idee gegenüber der
so genannten harten Realität. Ein Kreuz, welches uns in der Ausstellung bildhaft-schmerzlich begegnet
und uns memorieren lässt, was wir manchmal zu tragen haben. Der schmale Grat einer existentiellen
Spurensuche wird zur Manifestation einer Welt, die nichts mehr versprechen kann, weil alles was
aufgebaut und erschaffen wird, nur die Vorstellung einer Wahrnehmung sein könnte, die zuerst als
Erfahrung und später als Erinnerung im Kopf weitergedacht wurde, sich aber durch das erscheinen von
Farbe auf der Leinwand, vehement der Vergänglichkeit zu entziehen versucht.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2008
„Farbensprache in Bildern“, Maike Günther, BRD
„Farbensprache in Bildern“ ist das Thema der Personale von Maike Günther. Die 1968 in
Gaildorf/Deutschland geborene freischaffende Künstlerin entdeckte ihre Liebe zur Malerei in einer FengShui-Ausbildung. Sie lebt und arbeitet in Baden-Baden. Feng Shui bedeutet „Wind und Wasser“. Die
ersten Erwähnungen dieser asiatischen Lebenskunst werden auf 5000-6000 Jahre zurück datiert. Feng Shui
beschreibt, wie unser Leben von den äußeren Einflüssen geprägt ist, daher wählte man die wichtigste Form
und zwar die der Naturelemente. Als wehender Himmelsbote sah man den Wind, der die Wolken und
somit das Wasser herbei bläst und letztlich segensreich alles gedeihen lässt. Beide sind sehr machtvolle
und manchmal zerstörerische Naturerscheinungen, sowohl Wind als auch Wasser, die oft sehr schwer zu
bändigen sind. Dies soll die Lehre Feng Shui ermöglichen, deren Ursprung in Asien liegt und sich in China
weiter entwickelte. In diesen Ländern gehört die Anwendung von Feng Shui zum Alltag. Sie soll ihn
harmonisieren. Dieses Wissen nennt man zusammenfassend auch "Geomantie".
Geomantie ist die Kunst, die Kräfte der Erde zu erfassen und damit umzugehen. Man kann es auch als eine
ganzheitliche Erfahrungswissenschaft verstehen, die die energetischen, seelischen und geistigen Qualitäten
eines Ortes zu erfassen und durch gezielte Gestaltung zu beeinflussen oder zu heilen versucht. Architektur,
Landschaftsarchitektur, Wohnkultur, Gesundheit und Ökologie sind einige Bereiche, in denen die
Geomantie neue Wege zu mehr Bewusstsein aufzeigt und kreativ-schöpferische Impulse setzt. Farben
spielen hierbei eine große Rolle. Anhand der Evaluierung und der Wirkung des Bildes „Roter Punkt Schwarz“ können wir verstehen wie Maike Günther ihr Bedürfnis als Suche nach Harmonie bildnerisch
umzusetzen trachtet. Wir sehen etwas, dass wie eine von uns entfernte Landschaft wirkt. Im unteren
Bildteil ist als Basis ein kühler, schwarzer und undurchdringlicher Grund zu erkennen, über dem eine
Wasseroberfläche zu ruhen scheint. Darüber schwebt ein roter, sich ausdehnender Punkt. Er lehnt auf
einem dünnen, dunklen Strich an, der eine Brücke sein könnte, die von links nach rechts in der Bildmitte
verbindend wächst. Doch dort entfernt im Hintergrund, lauert ein Gewölk, wie die Ankündigung eines
bedrohlichen (?) Wolkenbruchs. Die Form des Gewölks jedenfalls erinnert an einen Atompilz und damit
an eine unvorstellbar zerstörerische Kraft. Unterhalb der Brücke steigt vertikal ein starker schwarzer
Pinselstrich auf, der wie eine geschwungene Windhose anmutet, die an den roten Punkt anlehnt, oder
anstößt und sich himmelwärts nach oben bewegt und dabei etwas mit sich zieht, das entfernt wie einzelne
Buchstaben wirkt und daher eine Botschaft sein könnte. Dieser Pinselstrich ist so dominant, dass er das
Bild in zwei ungleiche Hälften zu zerteilen scheint. Auch die Grundhaltung des Bildes ist streng
kontrastreich und damit Grenzen ziehend. Wir sehen weiß als die Summe aller Farben. Das weiß nimmt
fast zwei Drittel des Bildes ein. Als Licht sind im weiß alle Regenbogenfarben enthalten. Es symbolisiert
Reinheit, Vollkommenheit, Glauben, Unschuld und Wahrheit. Im Gegensatz zu schwarz, das Finsternis,
Geheimnis, Gefahr, Dominanz, Trauer, Abgrenzung, Leere und Tod symbolisiert. Das aus dem schwarzen
Untergrund punktuell aufsteigende rot dehnt sich am Ende oder dem Anfang der Brücke aus, macht sich
breit und behauptet sich gegen den unheilschwangeren zerteilenden Windhosen-Pinselstrich. Die
Signalfarbe rot will Platz einnehmen und verteidigt wie eine Anballung von Kraft ihre Berechtigung des
Seins als die Farbe der Lebensenergie, des Blutes, der Leidenschaft, der Aktivität, des Überlebenswillen,
der Begierde, Sexualität und Erotik, der Lebenskraft, der Liebe, aber auch der Wut und Aufregung, der
Aggression, des Schmerzes und der Gefahr. In der Bildprojektion konzentrieren sich all diese sich
ergänzenden oder sich widersprechenden zutiefst menschlichen Automatismen und führen, wie Maike
Günther es sagt, zu einem freier fließenden Selbst in der Sprache des Herzens.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2008
„Göttinnen der Jagd“, Annemarie Hamedler, Österreich
Zur Ausstellung "Göttinnen der Jagd" - Inspiriert durch die mythologische Gestalt Diana, der Göttin der
Fruchtbarkeit und Jagd, fokussiert sich Annemarie Hamedlers Ausstellung auf die Darstellung
zeitgenössischer Jagdgöttinnen. Die prominenten, meist erotisch wirkenden Frauen springen uns täglich
durch die Medien ins Auge, erscheinen uns als Heldinnen des Erfolgs, der Jagd nach Macht, Geld und
Männern. Die Zurschaustellung ihrer weiblichen Attribute impliziert ihren Doppel-Status als Jägerin und
Gejagte. Annemarie Hamedler verfremdet die Erfolgreichen, drückt ihnen ihr eigenes Signum auf, indem
sie gekonnt die erotische Ausstrahlung in den Vordergrund stellt, ohne die Hüllen der Göttinnen fallen zu
lassen und maskiert ihre Gesichter durch Austauschbarkeit. Bei der Jagd der Göttinnen nach Objekten ihrer
Begierden, transformieren sie im Dialog mit dem Betrachter selbst zu Objekten der Jagd, denn man fragt
sich „Wer ist die Schönste im Land?“. Annemarie Hamedler wurde 1977 in Oberwart geboren und lebt
heute in Graz. Nach dem Studium der Umweltsystemwissenschaft und Betriebswirtschaft an der KarlFranzens-Universität wandte sie sich malerischen Studien zu, um dem „was in ihrem Kopf ist“ neue
Räume zu verleihen. Der Bildzyklus „Göttinnen der Jagd“ erscheint daher wie eine konsequente
Raumerweiterung und eine erfolgreiche Umsetzung eines gut bearbeiteten Themas. Als Spiegelbild einer
nach Anerkennung strebenden Minderheit, welche im Rampenlicht steht, lebt Annemarie Hamedler in
künstlerischer Hinsicht das, was sie malt: sie jagt.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2008
„Millionär der Lebensfreude“ – oder von Einer, die mit dem Glück tanzt, Tanja Baj, Österreich
Sie strahlt. Und ihre Augen sind so groß und leuchten, als wäre sie noch ein kleines Kind, das zum ersten
Mal einen Weihnachtsbaum mit soeben entzündeten und duftenden Wachskerzen sieht. Voll froher
Erwartung für den Lauf der Dinge, brennt sie darauf, Freude in das Leben anderer Menschen zu bringen.
Und ihre Bilder sagen: umarmt euch Leute, haltet einander lieb, seid doch füreinander da. Das sind die
eigentlichen, wahren Millionen, die das Leben für euch bereit halten kann.
Seit Jahren arbeitet die junge Kärntner Malerin Tanja Baj, welche in der Kommunikation mit einer
ausgesuchten Höflichkeit agiert, an einem never ending Werkzyklus, der einzig und allein die Begegnungen
und Beziehungen von Menschen zum Inhalt hat. Sie sagt mit tiefster Begeisterung und Überzeugung, dass
sie möchte, dass wir Menschen uns einander Gutes tun. Wie ein Kind zerstrittener Eltern nimmt sie uns
deshalb bei der Hand und stellt uns vor ihre gemalten Visionen einer schöneren und auf positive Gefühle
aufbauenden Zukunft: schau hin, man könnte einander umarmen. Und so sind auf fast jedem Bild sich
einander umarmende Menschen dargestellt, weil die Umarmung den Menschen als das uns Verbindende
vom Du zum Ich werden lässt. Der österreichisch-jüdische Religionsphilosoph Martin Buber formulierte in
seiner Schrift „Ich und Du“ einmal, was Tanja Baj mit ihrer Bildsprache vermitteln möchte:
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung.
Die Beziehung zum Du ist unmittelbar. Zwischen Ich und Du steht keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen
und keine Phantasie; und das Gedächtnis selber verwandelt sich, da es aus der Einzelung in die Ganzheit
stürzt. Zwischen Ich und Du steht kein Zweck, keine Gier und keine Vorwegnahme; und die Sehnsucht
selber verwandelt sich, da sie aus dem Traum in die Erscheinung stürzt. (…) Das Wir entsteht nur, wo Du
gesprochen werden kann und eine Mitte vorhanden ist. (…) Gefühle begleiten das metaphysische und
metapsychische Faktum der Liebe, aber sie machen sie nicht aus; und die Gefühle, die es begleiten, können
sehr verschiedener Art sein. Gefühle werden »gehabt«; die Liebe geschieht. Gefühle wohnen im Menschen,
aber der Mensch wohnt in seiner Liebe. Das ist keine Metapher, sondern die Wirklichkeit: die Liebe haftet
dem Ich nicht an, so dass sie das Du nur zum »Inhalt«, zum Gegenstand hätte, sie IST zwischen Ich und Du
(…).“
So möchte die Künstlerin mit Ihrem Werkzyklus ein Bewusstsein für gegenseitige Wertschätzung und
Respekt schaffen und mit den Bildern eine Brücke aus Liebe schlagen. Ihre mit Pastellkreide gezeichneten
Figuren sind ständig in nahem Kontakt zueinander, sind sich zugewandt, halten sich gegenseitig fest,
kuscheln zu zweit oder sind in Gruppen vorzufinden. Und auch da, sich einander haltend und gegenseitig
stützend. Oft umgibt sie ein farblich kontrastierender Reif, in deren Mitte sie sich wie im Tanz im
allerkleinsten Kreise um sich selber drehen.
Die Figuren sind auf einem warmen Hintergrund streng minimalistisch ausgearbeitet: In ihrer sorgsam
anhaltenden Reduktion haben sie zwar einen Kopf aber keine Gesichter, sie haben einen Torso und sie
haben Arme aber keine Hände, weil die Arme des einen mit den Armen des anderen bereits verschmolzen
sind. Sie haben Beine, die nur stehend aber sich nicht bewegend dargestellt werden und sie haben keine
Füße, weil die Beine einfach in den Boden wachsen und durch die sich daraus ergebende
Körperverlängerung eine Rundheit der Darstellung verhindern würden. Die Figuren wirken wie frisch aus
dem Boden sprießende Frühlingsblumen, wie etwa ein Feld phallisch anmutender Krokusse, die kurz davor
stehen, ihre Knospen zu entfalten und sich dem Leben und dem was es bieten kann, von Angesicht zu
Angesicht öffnen zu wollen.
© Text Florinda Ke Sophie, Graz 2010
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Kunst und Fotos
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