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Grünzeit Nr. 24/2008 (PDF, 3 MB) - Stadt Zürich

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Grünzeit
Januar 2008
Ausgabe 24
Fr. 4.50
Zeitschrift für den Lebensraum Zürich
Zürichs Familiengartenareale:
Gartenland für alle mit grünem Daumen
Man sieht nur, was man kennt:
Gehegebeschriftungen im Wildpark Langenberg
Kein Baum wird grundlos gefällt:
Zustand der Strassenbäume wird jährlich geprüft
Kontakte
Grün Stadt Zürich............................... Beatenplatz 2
Verbund Lebensraum Zürich.............. Beatenplatz 2
....................................... 8001 Zürich, 044 412 27 68
....................................... 8001 Zürich, 044 412 27 68
.......... gsz-info @ zuerich.ch, www.stadt-zuerich.ch/gsz
Dekoration und Innenbegrünung......044 491 84 55
Feuerbrand-Meldungen.....................044 412 42 30
Grünflächenbezirke (Unterhalt):
Affoltern, Seebach................................044 302 17 44
Altstadt links der Limmat, Enge.............044 201 75 00
Altstetten, Albisrieden...........................044 431 57 61
Friedhof Nordheim................................044 361 24 00
Höngg, Grünau.....................................044 344 14 00
Hottingen, Riesbach..............................044 422 54 97
Oerlikon, Schwamendingen...................044 322 02 20
Sihlfeld..................................................044 492 17 50
Wiedikon, Aussersihl.............................044 461 21 17
Wipkingen, Fluntern,
Unter-/Oberstrass.................................044 361 63 18
Mitgliedervereine:
Blumenschmuck in Zürich.................044 251 94 62
Förderverein
Sukkulenten-Sammlung Zürich.........043 344 34 80
Förderverein Tierpark Waidberg.......044 341 69 25
Gesellschaft zur Förderung
des Wildparks Langenberg...............044 492 45 70
Holzkorporation Altstetten................044 432 04 40
Holzkorporation Hürst.......................044 371 04 09
Holzkorporation Schwamendingen..044 325 26 26
.....................................................h.r.gut @ guttrans.ch
Igelzentrum Zürich.............................044 362 02 03
Grünzeit ist offizielles Organ des Verbunds
.............................................. info @ izz.ch, www.izz.ch
Lebensraum Zürich. Mitglieder der angeschlossenen
Pro Natura Zürich..............................044 463 07 74
Vereine erhalten die Zeitschrift gratis.
...... pronatura-zh@ pronatura.ch, www.pronatura.ch/zh
Quartierhof Weinegg..........................044 383 47 86
Abonnieren Sie jetzt!
Stiftung Fledermausschutz...............044 254 26 80
Falls Sie Mitglied eines der genannten Vereine sind,
.....................................................fledermaus @ zoo.ch
erhalten Sie die Grünzeit gratis.
Gutsbetrieb Juchhof..........................044 432 34 88
Uetlibergverein...................................044 463 99 84
Möchten Sie Vereinsmitglied werden, melden Sie sich
..................................... www.stadt-zuerich.ch/juchhof
Verein Aquarium Zürich.....................079 297 60 37
bitte direkt unter den aufgeführten Telefonnummern an.
............................................info @ vaz.ch, www.vaz.ch
Wenn Sie die Zeitschrift Grünzeit ohne Vereinsmitglied­
Verein für Familiengärten Zürich......044 371 86 36
Adlisberg Waldschule............................044 252 23 59
schaft abonnieren möchten, bestellen Sie ein Jahres­
Verein für Pilzkunde Zürich...............043 244 71 39
Allmendschule.......................................044 480 13 80
abonnement (4 Ausgaben für 18 Franken) unter:
Verein Voliere Zürich 11.....................044 381 50 52
Hönggerberg Waldschule......................044 372 17 78
Redaktion Grünzeit,
Verein Zürcher Bienenfreunde..........044 361 75 72
Sihlwaldschule......................................044 720 78 70
Beatenplatz 2, 8001 Zürich,
.................................www.zuercher-bienenfreunde.ch
Wildparkschule Langenberg..................044 713 46 46
Voliere Gesellschaft Zürich...............044 201 05 36
044 412 27 68, gruenzeit@ zuerich.ch,
www.stadt-zuerich.ch/gruenzeit
Witikon.................................................044 381 01 00
Wollishofen, Leimbach..........................044 482 10 03
Naturschulen.......www.stadt-zuerich.ch/naturschulen
Naturzentrum Sihlwald......................044 412 27 79
.................................... www.stadt-zuerich.ch/sihlwald
...................................info @ voliere.ch, www.voliere.ch
Verschönerungsverein Höngg...........044 341 77 92
Verschönerungsverein Zürich...........044 322 97 94
Stadtgärtnerei....................................044 492 14 23
.............................................................. www.vvzh.ch
......................... www.stadt-zuerich.ch/stadtgaertnerei
Waldweggenossenschaft
Zürich Witikon ...................................044 980 20 44
Sukkulenten-Sammlung Zürich.........043 344 34 80
Zürcher Vogelschutz,
.............................. www.stadt-zuerich.ch/sukkulenten
Regionalgruppe Zürich......................044 362 11 23
Sprechstunde: Mi, 14–16 Uhr...............043 344 34 84
.......................................susanne.ruppen @ bluewin.ch
Veranstaltungsbewilligungen............044 412 27 69
Impressum
Grünzeit, Januar 2008, Ausgabe 24
Auflage: 18 000 Exemplare
Grünzeit erscheint viermal jährlich
Eine Einzelausgabe im Ausland kostet
4,50
Herausgabe
Verbund Lebensraum Zürich (VLZ)
Grün Stadt Zürich (GSZ)
..................... www.stadt-zuerich.ch/gsz-bewilligungen
Redaktion
Lukas Handschin, Grün Stadt Zürich
Waldreviere...................... www.stadt-zuerich.ch/wald
Redaktionskommission
Ernst Tschannen, Direktor Grün Stadt Zürich
Lukas Handschin, Grün Stadt Zürich
Brigitte Biedermann, Grün Stadt Zürich
Ernst Hiestand + Partner
Zürich Nord..........................................044 251 89 47
Uetliberg...............................................044 463 14 04
Werkstätten und Logistik..................044 492 30 06
Wildpark Langenberg........................044 713 22 80
................................... www.stadt-zuerich.ch/wildpark
Wildschonreviere (Wildhüter)
Hönggerberg, Käferberg, Seebach........079 219 91 03
Gestaltung
Ernst Hiestand + Partner,
Studio für Design-Beratung, Visuelle Gestaltung,
Zollikerberg
Produktion
prp mathys prepress & print, Zollikerberg
gedruckt auf «RecyStar», 100% Recyclingpapier
Uetliberg, Altstetten..............................079 219 91 05
Redaktionsadresse
Redaktion Grünzeit, Beatenplatz 2, 8001 Zürich,
044 412 27 68, gruenzeit @ zuerich.ch
Vögel....................................................079 219 91 02
> www.stadt-zuerich.ch/gruenzeit
Zürichberg............................................079 219 91 04
Inhalt
2
Titelbild
Grünes Privileg für alle
Zweihundert Quadratmeter Gartenland für alle mit grünem Daumen
Gegründet wegen Missernten und Not
«Familiengärten» gibt es in Zürich seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert
6
Bild: Hans Grob
So vielfältig und bunt wie die Stadt Zürich
Die Familiengartenvereine sorgen für ein reibungsloses Zusammenleben
8
«Es ist einfach genial!» 10
Was zwei Mütter mit ihren fünf Kindern bewog, einen Kleingarten zu pachten
«Wir brauchen starke Vereine!» 11
Interview mit Beat Locher, Präsident des Dachverbands der Familiengartenvereine
Patumbah – eine unendliche Geschichte? 12
Irrungen und Wirrungen um die Zukunft eines zweigeteilten Parks
Man sieht nur, was man kennt 14
Informationsangebote im Wildpark Langenberg auf dem Prüfstand
Kein Baum wird grundlos gefällt 16
Jedes Jahr nimmt Grün Stadt Zürich alle 22 000 Strassenbäume unter die Lupe
Natur und Kunst 18
Ingrid Berney, wissenschaftliche Zeichnerin, gestaltet die Grusskarten von Grün Stadt Zürich
Ökologische «Rasenmäääher» 19
Von Weihnachtsbäumen und fleissigen Schafen im Wald und auf dem Friedhof
NEU: Bücherbord 20
Interessante Neuerscheinungen mit grünen Themen
Mein grünes Zürich 21
Ellen Ringier, Juristin, Fundraiserin und Sozialtäterin
Seit Jahren wird um die Erhaltung des
Patumbah Parks in Riesbach gerungen und in
den lokalen Medien darüber berichtet.
Selbst für Interessierte ist es anspruchsvoll,
den Überblick in dieser verzwickten Geschichte
mit weiterhin offenem Ende zu wahren.
Eine Zwischenbilanz.
Seite 12
Dieses Jahr brachte die Liechtensteinische
Post eine Briefmarkenserie mit Käfern in
Umlauf. Gestaltet wurden die Marken von der
wissenschaftlichen Zeichnerin Ingrid Berney,
die für Grün Stadt Zürich jedes Jahr
zwei Grusskarten mit Motiven von Zürcher
Stadtbäumen kreiert.
Seite 18
Kleingarten im
Familiengartenareal
Probstei.
Ein Schaf hat niemals einen leeren Bauch,
so lautet ein chinesisches Sprichwort.
Bei der naturnahen Bewirtschaftung der
Weihnachtsbaumplantagen und des
Friedhofs Manegg setzt Grün Stadt Zürich
auf vierbeinige Helfer:
Shropshire- und Schwarznasenschafe.
Seite 19
Zweihundert Quadratmeter Gartenland für alle mit grünem Daumen
Grünes Privileg für alle
Nirgends kommen sich
verschiedene Nationalitäten
und Lebensstile so nah wie
in einem Kleingartenareal.
Für die Stadtnatur und das Zusammenleben unterschiedlichster Bevölkerungs­gruppen
spielen die Familiengärten eine wichtige Rolle. Um sie auch langfristig zu erhalten,
haben sich die Familiengartenvereine neu organisiert und ihre Beziehung zu Grün Stadt
Zürich neu geregelt.
Erzählt wird die Geschichte eines Touristen
Pachten und Mieten bei Grün Stadt Zürich und
Sanfte Reform
aus einem fernen Land, der auf der Zugfahrt
betreut seit Mai 2007 zusammen mit seinem
Für die Stadt steht angesichts dieser Pluspunkte
nach Zürich beim Anblick der Familiengärten
Team unter anderem auch jene 78 Areale mit
ausser Frage, dass die Familiengärten langfristig
links und rechts der Bahngleise staunend be­
145 Hektar Land, auf denen die über 6000 Fami­
erhalten bleiben – wie es auch das «Grünbuch»
merkte: «In Zürich sind selbst die Slums or­
liengärten von Zürich angelegt sind. Ein Hektar
festhält, das die Strategie von Grün Stadt Zürich
dentlich und gepflegt!» Ob diese Geschichte
entspricht ungefähr einem Fussballplatz – die
für die nächsten zehn Jahre beschreibt. Dennoch
eines Missverständnisses wahr ist, lässt sich
Fläche, welche die Familiengärten in der Stadt
bleibt in den Gärten nicht alles beim Alten.
nicht mehr eruieren, doch wird sie immer wie­
belegen, ist also riesig. Entsprechend gross
Die heutige Struktur des Familiengartenwesens
der gerne kolportiert. Die Familiengärten sind
sei auch die Bedeutung der Gärten für Zürich,
in der Stadt Zürich, mit einem Dachverband
eben so etwas wie ein Symbol für die gute alte
findet Hans Balmer. «Früher wurden die Fami­
und 13 Familiengartenvereinen, ist das Ergeb­
Schweiz: Sie sind urdemokratisch: Die Gärten
liengärten vorwiegend als ‹Pflanzblätz› genutzt
nis eines mehrjährigen, mit Grün Stadt Zürich
sind alle gleich gross, ordentlich aneinander­
– heute dienen sie auch anderen Zwecken.»
angegangenen Reformprozesses. «Das Ziel
gereiht, sorgfältig gepflegt und erst noch stark
Zum Beispiel der Erholung und der Gesellig­
der rechtlichen Selbstständigkeit der Familien­
durchmischt. Die vielen Kantonsfähnchen und
keit – und leisten so nicht zuletzt auch einiges
gartenvereine und die Klärung der beidersei­
Länderflaggen, die bei schönem Wetter über
in Sachen Integration. «Die Gesellschaft in den
tigen Rechte und Pflichten haben wir zu einem
den Arealen wehen, weisen diese als eigent­
Familiengartenarealen ist sehr international»,
guten Teil erreicht», meint Christian Portmann,
liche Schmelztigel aus.
sagt Hans Balmer. «Wohl nirgends in Zürich
zuständiger Geschäftsbereichsleiter bei Grün
kommen sich die unterschiedlichsten Kulturen
Stadt Zürich, der dem Reformprozess in der
Riesige Areale – vielfältiger Nutzen
regelmässig so nah.»
Schlussphase zum Erfolg verhalf.
«Die Familiengärten sind eine Bereicherung für
Dass die Familiengärten zudem Fauna und Flo­
Analog zu den Arealpachtverträgen zwischen
unsere Stadt», sagt Hans Balmer. Der Kultur­
ra mitten in der Stadt einen vielfältigen Lebens­
Grün Stadt Zürich und den Familiengarten­
ingenieur leitet den Fachbereich Landwirtschaft,­
raum bieten, versteht sich von selbst.
vereinen werden spätestens im November 2008
Grünzeit Januar 2008
Hans Balmer, Leiter der Fachstelle Landwirtschaft,
Pachten und Mieten bei Grün Stadt Zürich:
«Wir setzen auf naturnahes Gärtnern.»
Hans Grob, Verbindungsmann zu den Familien­
gartenvereinen: «Abfall am Waldrand zu entsorgen,
ist hochgradig unanständig und strafbar.»
auch alle Pächterinnen und Pächter einer Klein­
die Areale.» Entscheiden werde man im Ein­
gartenparzelle von den Familiengartenvereinen
zelfall und in enger Zusammenarbeit mit den
Bürger-, Familien-, Freizeit-, Kleingärten, Lauben-
einen neuen Parzellenpachtvertrag erhalten.
Familiengartenvereinen.
kolonien oder Schrebergärten: Alle diese Be-
Inhaltlich ändert sich für die einzelnen Pächter
Mitsprache: Vorstände der 13 Ortsvereine diskutierten
im Oktober mit Vertretern von Grün Stadt Zürich in der
Stadtgärtnerei die neue Kleingartenverordnung.
› Terminologie für Fortgeschrittene
zeichnungen meinen im Prinzip das Gleiche. Um
dem Wirrwarr ein Ende zu bereiten, verwendet
wenig. Es gehe dabei vor allem darum, die wich­
Neue Stiftung zum Schutz des Bodens
tigsten Regeln allen in Erinnerung zu rufen.
Nicht erst mit der aktuellen Reform, sondern
Kleingärten bzw. Kleingartenareale. Letztere
«Ein wichtiges Instrument für die Nachhaltig­
schon seit Jahren setzt Grün Stadt Zürich in
werden jedoch weiterhin von den dreizehn als
keit in Familiengärten ist die in Vorbereitung
den Kleingartenarealen auf naturnahe Bewirt­
Ortsvereine organisierten Familiengartenvereinen
befindliche stadträtliche Kleingartenverord­
schaftung. Zu mehr Ökologie wird auch die Bo­
verwaltet. Alles klar oder etwa doch nicht?
nung. Diese regelt die Bewirtschaftung und das
denschutzstiftung beitragen. In vielen Parzellen
Bauen und fasst alle bisherigen Regelungen der
ist der Boden mit Nährstoffen überversorgt und
Familiengartenvereine und der Stadt Zürich, im
teilweise mit Schadstoffen belastet: Sei es in­
Einklang mit dem geltenden Recht, zusammen.
folge von Bränden, unsachgemässer Düngung
garten (ca. 145 ha, verpachtet von den Familien-
Wir versprechen uns davon vor allem eine er­
oder übermässigen Gebrauchs von Holzschutz­
garten-Ortsvereinen an ihre Mitglieder) und
höhte Rechtssicherheit und die Unterstützung
mitteln und anderen Chemikalien. Oft lässt sich
Freizeitgarten (ca. 40 ha von Grün Stadt Zürich
der Familiengartenvereine in ihrer Arbeit», sagt
aber nicht mehr feststellen, wer für die Verun­
direkt an Private verpachtet) zusammengefasst.
Christian Portmann. «Die neuen Regelungen
reinigung verantwortlich war. Um komplizierte
sollen vor allem dazu beitragen, dass die Gär­
rechtliche Auseinandersetzungen zu vermeiden,
ten auch Gärten bleiben.»
errichtet die Stadt die «Stiftung Bodenschutz
6000 Kleingartenparzellen zu je etwa 200 Quadrat-
in Kleingärten der Stadt Zürich». Die Stiftung,
meter an ihre Mitglieder. Diese Kleingartenareale
Gärtnern soll im Vordergrund stehen
die auch die Bodenuntersuchungen finanziert,
liegen gemäss Bau- und Zonenordnung (BZO)
Heute begegnet man da und dort komfortabel
trägt in solchen Fällen die Kosten. Alimentiert
der Stadt Zürich weitgehend in der Erholungs-
ausgebauten Häuschen, die weit über das hin­
wird sie durch eine Einmaleinlage der Stadt und
ausgehen, was man gemeinhin unter einem
des Dachverbands der Familiengartenvereine.
Gartenhaus versteht. «Kleingartenareale sind
Künftig wird sie durch einen jährlichen, solida­
keine Ferienhauszone», betont Hans Balmer.
rischen Beitrag der Pächterinnen und Pächter
Diese sind in der Regel deutlich grösser und die
Wichtig ist dabei auch der sozialpolitische As­
finanziert, auch jener, die ihren Freizeitgarten
Nutzung vielfältiger: Nebst Gartenbau beispiels-
pekt. Bei einem Pächterwechsel müssen die
direkt von Grün Stadt Zürich gepachtet haben.
weise auch Kleintierhaltung und Bienenzucht.
Bauten übernommen werden. «Je aufwendiger
«Eine zukunftsorientierte und nachhaltige Lö­
Zur Unterscheidung von den Familiengärten wer-
die Häuschen ausgebaut wurden, desto teurer
sung», sagt Christian Portmann.
kommt dies für die Nachfolger zu stehen. Das
Grün Stadt Zürich künftig nur noch den Begriff
Die Grünzeit bat Hans Balmer, verantwortlich bei
Grün Stadt Zürich für die Belange der Kleingärten, um eine Klärung: «Mit dem Begriff Kleingarten werden die bisherigen Begriffe Familien-
Grün Stadt Zürich verpachtet derzeit 8 Gartenareale an 13 Familiengarten-Ortsvereine. Die
Ortsvereine ihrerseits verpachten insgesamt ca.
zone E3, die für den Betrieb von «Familiengartenarealen» vorgesehen ist.
Weiter verpachtet Grün Stadt Zürich etwa 400
Gartenparzellen direkt an interessierte Private.
den diese Flächen Freizeitgärten genannt. Die
Freizeitgartenareale liegen teilweise ebenfalls in
der Erholungszone E3, grösstenteils jedoch in
widerspricht jedoch dem Grundgedanken
Asbest im Dach
des Familiengartens. Das Gärtnern soll ein
Eine weitere Sanierungsaufgabe betrifft die
Zur Regelung der Nutzungs- und Bauvorschriften
günstiges Hobby bleiben, das sich alle leisten
Eternitdächer: Bei rund einem Drittel aller
für Kleingärten wird zurzeit eine Kleingartenver-
können.»
6000 Gartenhäuschen besteht das Dach aus
ordnung erarbeitet. Als Kleingärten im Sinne die-
Werden die Besitzer von zu grossen Häuschen
asbesthaltigem Eternit. Asbestfasern sind ge­
diese also abreissen müssen? «Es gibt kulante
sundheitsgefährdend – jedoch nur, wenn sie
Übergangsbestimmungen», verspricht Hans
freigesetzt und eingeatmet werden. So lange
Grob. Der gelernte Gärtner und profunde Ken­
die Dächer nicht mit Säge, Hammer oder Boh­
Nicht als Kleingärten gelten demnach gewerblich
ner der Szene ist seit vier Jahren Ansprechpart­
rer bearbeitet werden, besteht keine Gefahr.
genutzte Pachtflächen (55 ha, z. B. Schafweiden,
ner der Familiengärtner bei Grün Stadt Zürich
Auch Böden oder Kulturen sind durch Asbest
Gärtnereien) sowie private Haus- und Siedlungs-
für die baulichen und gärtnerischen Belange.
nicht gefährdet. Grün Stadt Zürich und der
gärten.
«Wir spazieren nicht mit der Verordnung durch
Dachverband der Familiengartenvereine haben
der Freihaltezone.
ser Verordnung gelten Flächen im Eigentum der
Stadt Zürich, die Dritten zur nicht gewerblichen,
vorwiegend gartenbaulichen Nutzung sowie zur
naturorientierten Erholung verpachtet werden.
Grünzeit Januar 2008
3
Familiengärten
Eine Parzelle umfasst normalerweise 200 Quadratmeter. Darauf stehen in der Regel ein als Geräteschopf ausgestaltetes Gartenhäuschen,
ein Hochstamm­Obstbaum, ein Frühbeet, ein Komposthaufen und ein Gartencheminée, das nur zum Grillieren verwendet werden darf.
dennoch im Sinn, Asbest und andere proble­
Verordnungen, noch mit anderen Massnahmen
auf das Vereinsleben aus. Der freiwillige Einsatz
matische Stoffe über kurz oder lang aus den
von Grün Stadt Zürich lösen. Etwa die Tatsache,
für die Gemeinschaft, einst eine Selbstverständ­
Kleingartenarealen zu entfernen – auch mit
dass die Familiengärten ihrem Namen kaum
lichkeit, wird heute kaum mehr geleistet. Immer
Unterstützung der Eternit AG, jener Firma, die
noch gerecht werden. Deshalb zieht man es
häufiger müssen die Ortsvereine deshalb solche
einst die asbesthaltigen Dächer produzierte.
bei Grün Stadt Zürich heute vor, von Kleingar­
Leistungen einkaufen, was sich natürlich auf
tenarealen zu sprechen.
den Pachtzins auswirkt. Pro Parzelle gehen 44
Überalterung und Nachwuchsprobleme
Junge Familien bilden unter den Pächtern aus
Franken an Grün Stadt Zürich. Hinzu kommen
Einige Probleme rund um die Familiengarten­
verschiedenen Gründen leider eine Minder­
teilweise deutlich höhere Beiträge an den Orts­
areale lassen sich indessen weder mit neuen
heit. Über zwei Drittel aller Pächterinnen und
verein. Die Pacht eines Kleingartens bleibt aber
Pächter sind über 50 Jahre alt. Jüngere Leute
weiterhin ein sehr kostengünstiges Hobby.
› Familiengärten im Grünbuch
zeigen wenig Interesse am zeit­ und arbeits­
intensiven Hobby der Gartenpflege. Zudem
Neunzig Prozent der Gärten gesichert
Im «Grünbuch der Stadt Zürich», das Grün Stadt
fehlt es oft an kindergerechten Angeboten in
Wirtschaftlich betrachtet sind die Kleingarten­
Zürich als Grundlage für die Strategie der nächs-
den Arealen.
areale für die Stadt kein Geschäft. In einer Zeit,
Das veränderte Freizeitverhalten hat sich spür­
in der das Renditedenken alles beherrscht,
bar auf die Nachfrage ausgewirkt. Die Zeit, als
könnten sie daher Begehrlichkeiten wecken. Die
keiten zur Bewirtschaftung und Erholung und
für jede frei gewordene Parzelle mehrere Inter­
meisten sind aber langfristig gesichert – neun­
haben eine gesellschaftlich integrative Wirkung.
essierte bereitstanden, ist vorbei. «Angebot
zig Prozent der Gärten liegen in der Erholungs­
Dank Wegen und Aufenthaltsbereichen ergänzen
und Nachfrage stehen heute in einem ausgegli­
zone E3, für die keine andere Nutzung vorge­
die durchlässigen Areale das Erholungsangebot
chenen Verhältnis», sagt Beat Locher, Präsident
sehen ist. Zehn Prozent verteilen sich auf über
des Dachverbandes der Familiengartenvereine
zehn verschiedene Zonen. Ein Teil dieser Areale
(siehe auch das Interview auf Seite 11). «Wer
geht mittelfristig wohl verloren. Umzonungen
einen Garten haben will, muss sich nicht mehr
bedürfen aber immer eines Entscheids des Ge­
jahrelang auf Wartelisten setzen lassen.»
meinderats oder einer Volksabstimmung
ten zehn Jahre dient, heisst es u. a.: «Die Familien- und Freizeitgärten bieten den PächterInnen
bedarfsgerechte, vielfältige Nutzungsmöglich-
für die Quartierbevölkerung. Die Familiengartenareale sind einsehbar, und ihre Elemente wie
Bauten, Hecken oder Obstbäume sind gut ins
Landschaftsbild eingebunden. Die ausschliesslich naturnah bewirtschafteten Flächen […] tra-
Die Auflösung von Kleingärten sei immer ein
gen als ökologisch hochwertige Lebensräume
4
wesentlich zur Vielfalt von Flora und Fauna bei.»
Günstige Pachtzinsen
schwieriger Entscheid, sagt Hans Balmer. «Für
> www.stadt-zuerich.ch/gruenbuch
Gesellschaftliche Veränderungen wirken sich
viele Menschen ist ihr Garten ein Stück Heimat,
nicht nur auf die Pächterstruktur, sondern auch
mit dem sie seit Jahrzehnten verbunden sind.»
Grünzeit Januar 2008
Familiengärten
Gartenhausbrände belasten den Boden.
Nach einem Brand wird der Boden auf Schadstoffe untersucht.
Entsprechend stark sind denn auch die Wider­
Umgebung wesentlich stärker. Hochgiftige Dio-
stände gegen Arealschliessungen – wie im Fall
xine lagern sich auf den Pflanzen in der Umge-
des etwa hundert Gärten umfassenden Areals
bung ab. Besonders betroffen sind dabei Blatt-
Pfingstweid, das im boomenden Quartier Zü­
gemüse – ihre ausladenden Blätter fangen diese
Schadstoffe geradezu ein. Mit der Nahrung gelan-
rich West teilweise Infrastrukturbauten weichen
gen sie anschliessend in den Körper von Mensch
muss. «Die Ortsvereine bemühen sich gemein­
und Tier.
sam, für alle einen Ersatz zu finden», sagt Hans
Ein Kilogramm Abfall, das illegal verbrannt wird,
Balmer. Nicht immer gelingt es, alle Wünsche
belastet die Umwelt gleich stark mit Schadstoffen
zu erfüllen, denn die meisten Pächterinnen und
wie zehn Tonnen Kehricht, die in einer Kehricht-
Pächter möchten einen Garten in der Nähe ihres
› Abfallverbrennen verboten
verbrennungsanlage verbrannt werden. Das Ab-
Wohnorts. Tatsächlich weisen die Areale in der
Feuer im Garten sind nur zum Grillieren erlaubt.
fallverbrennen im Freien ist eine massgebliche
Regel einen starken Quartierbezug auf; nur bei
Dazu ist ausschliesslich naturbelassenes, trocke-
Quelle für Feinstaub.
nes Holz, Holzkohle oder Gas zu verwenden. Holz,
> www.fairfeuern.ch
das mit Nägeln oder Leim zusammengefügt wurde,
> www.boden.zh.ch
einer Minderheit liegt der Garten weiter als drei
Kilometer vom Wohnort entfernt, vierzig Pro­
gilt nicht als naturbelassen (z. B. Altholz aus Ge-
zent müssen gar weniger als einen Kilometer
bäudeabbrüchen wie Balken, Täfer, Fenster usw.).
zurücklegen, um zu ihrem Garten zu gelangen.
Sperrgut oder Hauskehricht zu verbrennen, ist
Entsorgung von Gartenabraum
illegal. Die Stadt Zürich hat über die gesetzlichen
Genuss für alle – statt Luxus für wenige
Hans Balmer ist überzeugt: «Die Situation
in Zürich West ist nicht symptomatisch – die
Kleingärten in der Stadt werden nicht ver­
Bestimmungen von Bund und Kanton hinaus das
Verbrennen von Wald-, Feld- und Gartenabfällen
wegen des hohen Belästigungspotenzials grundsätzlich untersagt. Garten- und Forstabraum gelten als kompostierbare Wertstoffe.
schwinden, auch wenn sie wertvollen Boden
Wer dagegen verstösst, hat mit einer Verzeigung
beanspruchen.» Kürzlich habe er einem japa­
bei der Polizei zu rechnen. Die Asche darf zum
nischen Architekturstudenten das Areal am
Schutz des Bodens nicht im Garten ausgebracht
Susenberg gezeigt. «Er konnte kaum glauben,
werden. Diese muss in ausgekühltem Zustand im
Immer wieder wird ausserhalb der Umzäunung
Zürisack der ordentlichen Kehrichtabfuhr mitge-
Material «entsorgt» – ganz nach dem Motto «Aus
geben werden.
den Augen, aus dem Sinn». In Wiesen, an Wald-
Das Verbrennen von Abfällen im Freien ist insbe-
rändern oder Bächen sind Schnittgut von Rasen,
die Pächter vom Susenberg als äusserst privi­
sondere deswegen verboten, weil dabei giftige
Stauden, Gehölzen, gejätete Pflanzen, Erde und
legiert bezeichnen; von ihren Gärten geniessen
Rauchgase entstehen. Je nach Art des Abfalls und
sogar Abfallsäcke zu finden. Diese Art der Abfall-
sie eine fantastische Sicht auf Stadt, See und
der Verbrennungstemperatur sind in den Rauch-
beseitigung ist nicht nur hochgradig unanständig,
Alpen. Das Land ist viele Millionen wert. Und
gasen neben Kohlenmonoxid, Stickoxid, Schwefel-
sondern verboten. Die Familiengartenvereine sind
dioxid auch gefährliche Substanzen wie Salzsäure-
angehalten, ihre Mitglieder für dieses Problem zu
gas, Formaldehyd, Schwermetalle sowie Dioxine
sensibilisieren, das illegal deponierte Material
und Furane zu finden.
einzusammeln und korrekt zu entsorgen.
Im Unterschied zu den gereinigten Abgasen aus
Ab 2008 stellt ERZ Entsorgung + Recycling Zürich
Familiengärten steckt, ist hier, hoch oben über
den Hochkaminen der Kehrichtheizkraftwerke
in Zusammenarbeit mit Grün Stadt Zürich bei den
der Stadt ganz besonders spürbar.
werden die Abgase bei der illegalen Abfallverbren-
Gartenarealen oder in deren Nähe Abfallcontainer
Text: Marius Leutenegger
Bilder: Hans Grob, Marius Leutenegger
nung ungefiltert und in Bodennähe freigesetzt; sie
für Zürisäcke auf.
belasten deshalb die Atemluft sowie die nächste
Text: Hans Grob
dass Zürich es sich leistet, solche Toplagen für
Kleingärten frei zu halten.» Tatsächlich darf man
würde – käme es auf den Markt – wohl sofort
mit renditeträchtigen Immobilien überbaut. Der
soziale Gedanke, der hinter der Schaffung der
> www.familiengartenverein.ch
Grünzeit Januar 2008
5
«Familiengärten» gibt es in Zürich seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert
Gegründet wegen Missernten und Not
Gemüseanbau statt Tramdepot: Die ersten
Bürgergärten Zürichs wurden im Hard
angelegt. Blick vom heutigen Escher-WyssPlatz nach Westen Richtung Hardturm.
Bild: Tuschezeichnung von J. J. Hofmann, 1745,
Zentralbibliothek Zürich
In Zürich sagt man nicht Schrebergärten, sondern Familiengärten – und
sich – heute unauffindbar – irgendwo unter der
nach dem Willen von Grün Stadt Zürich demnächst Kleingärten. Doch eigentlich
Grasnarbe einer öffentlichen Grünanlage in
müssten sie Pflügergärten heissen. Ihre heutige Form verdanken sie nämlich
­Leipzig.
Stadtrat Paul Pflüger, der während des Ersten Weltkriegs Massnahmen gegen
Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg wurden
die Arbeitslosigkeit ergriff.
in Europa vielerorts Kleingartenareale ausge­
schieden, um der Bevölkerung Selbstversor­
Die Bezeichnung Schrebergarten verweist auf
1864 gründete sein Schwiegersohn, der Leip­
gung und eine gesunde Ernährung zu ermög­
den Leipziger Arzt und Hochschullehrer Daniel
ziger Schuldirektor Ernst Innozenz Hauschild,
lichen. Wegen des akuten Wohnungsmangels
Gottlob Moritz Schreber (1808­ –1861), der sich
den ersten Schreberverein. 1865 feierte man
in den ausgebombten Städten Deutschlands
intensiv mit dem Einfluss der Industrialisierung
die Einweihung des ersten Schreberplatzes am
wurden die bewohnbar gemachten, erweiterten
auf die Gesundheit beschäftigte. Schreber for­
Johannapark in Leipzig, einer Spielwiese, auf
Gartenlauben von den Stadtverwaltungen zu­
derte nicht nur Spielplätze für Stadtfamilien
der Kinder von Fabrikarbeitern unter Betreuung
meist geduldet und den Pächtern auch später
und ihre Kinder, sondern entwarf auch eine
eines Pädagogen spielen und turnen konnten.
weiterhin das Wohnrecht zugestanden.
um­strittene «systematische Heilgymnastik»
Von Gärten noch keine Spur. Erst später legte
so­wie mechanische Geräte, die junge Männer
ein Lehrer namens Heinrich Karl Gesell an
Alles begann mit einer Missernte
vom Masturbieren abhalten sollten. Heutigen
diesem Platz Gärten an. Zunächst als weitere
Auch in Zürich gab es schon lange vor Schre­
Erziehern gilt er als Exponent einer «Schwar­
Beschäftigung für die Kinder gedacht, entwi­
ber Vorläufer der heutigen Kleingärten. 1692
zen Pädagogik», die die Rechte von Kindern
ckelten sich die «Kinderbeete» bald einmal zu
kletterten in Zürich die Preise für Lebensmit­
missachtet.
«Familienbeeten», die man später parzellierte,
tel infolge von Missernten massiv in die Höhe.
Schreber verlieh zwar den im 19. Jahrhundert
umzäunte und fortan Schrebergärten nannte.
Die Stadt reagierte auf die Versorgungseng­
als «Armen- und Specialgärten» bezeichneten,
Die historische Kleingartenanlage «Dr. Schreber»
pässe, indem sie auf der Burgerallmend Hard
heute weitherum als Schrebergärten bekannten
steht unter Denkmalschutz und beherbergt
– wo sich heute das Tramdepot Hard befin­
Kleingärten ihren Namen, jedoch wurde dieser
seit 1996 das Deutsche Kleingärtnermuseum.
det – 130 Gärten à 800 Quadratmeter schuf.
Begriff erst nach seinem Tod verwendet: Im Jahr
­Schrebers letzte Ruhestätte übrigens befindet
Stadtbewohner konnten die Parzellen für je­
Grünzeit Januar 2008
Familiengärten
_rubrik
«Tausenden von Familien wurde es möglich gemacht,
in diesen schweren Zeiten aus dem Familiengarten
die Lebenshaltung billiger zu gestalten. Ebenso gross sind
aber die Vorteile, die durch diese nützliche Betätigung
im Freien die Gesundheit beeinflussen. Der Garten ist den
Besitzern lieb und wert geworden, sie sind sozusagen
mit ihm verwachsen.»
Der Familiengarten, Jg. 1, Nr. 1, 1917.
Am 1. November 2006 wurde die Strasse, die
zum Kleingartenareal Juchhof und zum Kompos­
tierwerk von ERZ Entsorgung + Recycling Zürich
führt, zu Ehren des Gründers des Vereins für
Familiengärten in Paul-Pflüger-Strasse benannt.
Die Anregung dazu kam von Grün Stadt Zürich.
weils sechs Jahre pachten und darauf Gemüse
je 180 Quadratmeter gross. Hohe Bäume durf­
Höchststand 1945
zur Selbstversorgung anbauen. Diese Gärten
ten nicht gepflanzt werden und die Bauten nicht
Heute verwalten diese Familiengartenvereine
bestanden bis 1816. 1790 wurden am Platz­
höher als 2,80 Meter sein; ansonsten waren die
insgesamt gut 6000 Parzellen. Die höchste Zahl
spitz weitere dreissig solcher «Bürgergärten»
Pächter frei. Das Konzept kam an – insbeson­
an Familiengärten wurde 1945 erreicht. Zu­
angelegt, ­ wenige Jahre später standen dort
dere beim damaligen Pfarrer, Stadtrat, Sozial­
sätzlich zu den 8516 regulären Familiengärten
bereits 71 Parzellen à 400 Quadratmeter zur
politiker und Schriftsteller Paul Pflüger. Dieser
­kamen damals noch 2287 Kriegsgärten hinzu,
Verfügung. Sie wurden jeweils für die Dauer
gründete 1913 den gemeinnützigen Verband
die im Rahmen der Anbauschlacht die Versor­
von zwölf Jahren verlost. Häuschen durften auf
«Arbeitshütte». Der Verband bot arbeitslosen
gung der Bevölkerung während des Zweiten
den Parzellen eigentlich nicht errichtet werden.
Männern eine sinnvolle Beschäftigung und
Weltkriegs sicherstellen sollten. Familiengärten
Diese Vorschrift wurde aber oft ignoriert; heu­
propagierte die Einrichtung von Familiengärten
waren nicht einfach nur ein Hobby, sondern eine
tige Pächter, die ihre Gartenhäuschen zu re­
– «in der Überzeugung, dass damit den Familien
ganz elementare Notwendigkeit. Heute stehen
gelrechten Wochenendvillen ausbauen, haben
in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht besser
oft nicht mehr die Produktion und der Aspekt
demnach auch in Zürich durchaus historische
gedient sein würde», wie es in einer Chronik
des Nutzgartens im Vordergrund. Die Nutzung
Vorgänger.
heisst. Die Stadtverwaltung liess sich vom
verschiebt sich mehr und mehr von der Selbst­
Konzept überzeugen. 1915 wurden in Wipkin­
versorgung in Richtung Freizeitbeschäftigung.
Vom Verband Arbeitshütte zum Verein
gen, Oberstrass, Neumünster und Aussersihl
Text: Marius Leutenegger
für Familiengärten
die ersten 316 Gärten in Betrieb genommen.
Die Geschichte der Familiengärten, wie wir sie
1916 erfolgte die Gründung des Vereins für
> www.familiengarten.ch
> www.kleingarten-museum.de
heute kennen, begann vor genau 100 Jahren:
Familiengärten. Dieser nahm das Land fortan
1907 errichtete der Naturheilverein Zürich am
bei der Stadt in Pacht und verpachtete es wei­
Susenberg eine Anlage nach dem Konzept von
ter an ­Familien. Den Verein gibts noch immer,
Doktor Schreber – just dort, wo sich heute noch
seine Aufgaben haben sich inzwischen aber
eines der schönsten Kleingartenareale und der
geändert: Er ist nunmehr der Dachverband der
Schreberweg befinden. Die 51 Parzellen waren
Familien­gartenvereine.
Die wichtigste zusammenfassende Quelle zur Ge­
schichte der Zürcher Familiengärten ist der von Walter
Mathis nachgeführte Jubiläumsbericht des Vereins für
Familiengärten Zürich aus dem Jahr 1989: «Zur Ge­
schichte des Vereins für Familiengärten Zürich», Walter
Mathis, Selbstverlag, 2002, 399 Seiten, mit zahlreichen
Tabellen und Abbildungen. (Blätter zur Geschichte des
Vereins für Familiengärten Zürich, Nr. 24)
Grünzeit Januar 2008
Die Familiengartenvereine sorgen für ein reibungsloses Zusammenleben
So vielfältig und bunt wie die Stadt Zürich
Die rund 6000 städtischen Kleingärten auf 78 Arealen werden von dreizehn Familiengartenvereinen verwaltet.
Sie sorgen dafür, dass die Areale in Schuss gehalten werden und das Zusammenleben in den Anlagen funktioniert.
A F F O LT E R N
Kassierin Micheline Beck:
255 Parzellen
«Alle unsere Gärten sind verpachtet, auf
länger ernten als an anderen Orten. Mediter­
Areale: Wannenholz, Althoos 1 bis 3,
­unserer Warteliste stehen rund vierzig Namen.­
rane Kräuter, Blumen und Gemüse gedeihen
Unsere Pächterinnen und Pächter sind vor­
hier vorzüglich. Im Sommer wird es tagsüber
wiegend Leute aus der Schweiz, dem ehe­
allerdings sehr heiss; am schönsten ist es zu
dieser Jahreszeit am Abend.»
Glaubten, Nordheim
Präsidentin Trudi Kohler:
«In unserer Gartenfamilie haben alle Platz!
maligen Jugoslawien, aus Italien, Spanien und
Wir verfügen über einige Areale, die wunder­
Portugal. Wir haben einige Schwierigkeiten,
schön am Waldrand liegen; ein paar Parzellen
den Vorstand zu besetzen, deshalb wünsche
JUCHHOF
sind noch frei, deshalb freuen wir uns über neue
ich mir für die Zukunft vor allem mehr Enga­
829 Parzellen
Pächte­rinnen und Pächter. Während die Älteren
gement fürs Vereinsleben seitens der Pächte­
Areale: Juchhof Nord und Süd, Pfingstweid
ihre Gärten besonders gut pflegen, setzen die
rinnen und Pächter.»
Präsident Kurt Zürcher:
Jüngeren eher auf Gemütlichkeit. Es ist mein
grosses Ziel, dass alle miteinander auskommen.»
«Unser Ortsverein ist der grösste der
FLUNTERN
Schweiz; wir betreiben eine eigene Verkaufs­
88 Parzellen
stelle von Gartenartikeln, bei der auch andere
A LT S T E T T E N - A L B I S R I E D E N
Areale: Dreiwiesen, Krähbühl
Familiengartenvereine einkaufen. Das Durch­
657 Parzellen
Präsident Walter Zbinden:
schnittsalter unserer Pächterinnen und Päch­
Areale: Vulkan, Bändli, Schwanden, Herrenbergli,
«Unser Ortsverein ist der kleinste in der
ter liegt bei 56 Jahren. Wir haben leider immer
Hagenbuchrain, Lyrenweg, Salzweg,
Stadt Zürich, weshalb wir in finanzieller Hin­
wieder Probleme, den Vorstand zu besetzen.
Bachwiesen, Alte Mühle, Buckhauser
sicht sehr wenig Spielraum haben. Die Gärten
Von den Ausländern stellt sich niemand zur
sind vorwiegend an Schweizer Familien oder
Verfügung, die Schweizer sind bald alle zu alt.
«Wir verwalten ein weiträumiges Gebiet mit
Ehepaare verpachtet. Ein Dauerthema ist die
Wir hoffen, dass unsere Familiengärten erhal­
zehn Arealen; es reicht von der Grünau bis nach
Durchsetzung der Gartenvorschriften. Wird ein
ten bleiben – und nicht Fussballplätzen, Stras­
Uitikon, dazu gehört auch das Aussenareal­
Garten schlecht gepflegt – zum Beispiel wenn
sen, dem Tram Zürich West oder Geschäfts­
­Schwanden auf Birmensdorfer Gemeindege­
jemand nicht mehr so recht mag –, sorgt das
überbauungen Platz machen müssen.»
biet. Im Verein sind rund 25 Nationen vertreten.
bei den Nachbarn für Missmut. Dennoch ist
Die verschiedenen Mentalitäten unter einen Hut
der Betrieb in der Vergangenheit gut gelaufen.
OERLIKON-SCHWAMENDINGEN
zu bringen, ist manchmal nicht leicht. Wir freuen
Liegt die neue Kleingartenverordnung vor, wird
455 Parzellen
uns, wenn die Areale langfristig gesichert blei­
sie wohl viele kleinere Probleme lösen.»
Areale: Au, Probstei, Heerenschürli
Präsident Benjamin Jaggi:
ben, der Einfluss von aussen nicht zu gross wird
nen, im Herbst kann man bis zu vier Wochen
Präsident Franz Ledergerber:
und die Pächterinnen und Pächter ihr gesundes
HÖNGG
Hobby voll und ganz geniessen können.»
91 Parzellen
ist, dass wir im Heerenschürli vier Parzellen
Areale: Allmend, Tobelegg-Halden,
in der Kehrschleife der VBZ verpachten – und
AUSSERSIHL
dass wir seit 1950 eine eigene Theatergruppe
464 Parzellen
Präsident Alfred Grieser:
Areale: Friedhof, Im Saum (Schweighof), Gut,
«Tobelegg-Halden ist unser grösstes Areal.­
lung ein Stück aufführt. Unser ältester Pächter
Dank der Weinberglage können wir dort im
ist 92 Jahre alt, das Durchschnittsalter liegt bei
Frühling mit allem drei Wochen früher begin­
57 Jahren.»
Fellenberg, Uto, Hard, Freilager, Neu-Freilager
Grünzeit Januar 2008
Hohenklingen
«Das Besondere an unserem Ortsverein
haben, die jedes Jahr an der Generalversamm­
Familiengärten
OST
SÜD
WIEDIKON
434 Parzellen
500 Parzellen
776 Parzellen
Areale: Wehrenbach, Eierbrecht, Heuelsteig,
Areale: Unteres Paradies, Moos, Grüt,
Areale: Albisgüetli, Bachtobel 1 und 2,
Lengg, Kienastenwies, Rehalp Zürich,
Stotzstrasse, Oberes Paradies, Filter,
Eichhalde, Trichtenhausen, Burgwies,
Kalchbühl, Butzenstrasse
Präsident Peter Eckert:
Drusberg, Rehalp Zollikon
Vorstandsmitglied Irène Müller:
Friesenberg, Lüchinger, Neu-Friesenberg
«Ein grosser Teil der Gärten in unseren
«Wir sind im wahrsten Sinn des Wortes ein
Arealen bietet eine wundervolle Aussicht über
«Bevölkerungs- und Siedlungsstruktur un­
Familiengartenverein – bei uns pflegen und
die Stadt und auf den See. Die meisten frei
seres Gebiets – mit vielen Einfamilienhäusern
hegen vorwiegend Familien einen Garten. An­
werdenden Gärten gehen an Ausländer. Viele
und eher tiefem Ausländeranteil – führen zu
gebaut werden Gemüse, Früchte und Beeren
Interessierte sind nicht gewillt, den Preis für
einer eher unterdurchschnittlichen Nachfrage.
als Gaumenfreuden und ein buntes Blumen­
das Gartenhaus, das übernommen werden
Wir hatten in den letzten zwei Jahren eine jähr­
bouquet für Auge und Nase – ein Fest der
muss, zu bezahlen. Ich wünsche mir vor allem
liche Fluktuation von gegen zehn Prozent; mit
Sinne! Für die Zukunft wünsche ich, dass wir
ein friedliches Einvernehmen zwischen den
vermehrter Öffentlichkeitsarbeit versuchen wir
alle erkennen, wie viel besser wir leben, wenn
verschiedenen Nationen und Verständnis für
neue Pächterinnen und Pächter zu gewinnen.
wir dies im Einklang mit der Natur tun!»
andere Gewohnheiten und Traditionen.»
mehr optimal gepflegter Gärten. Im Gespräch
SUSENBERG
WIPKINGEN
versuchen wir, dem entgegenzuwirken und Ver­
350 Parzellen
726 Parzellen
besserungen zu erreichen.»
Areale: A, B, C, D am Susenberg
Areale: Käferberg, Emil-Klöti, Waidburg 1 und 2,
Präsident Markus Knecht und
Steinkluppe, Breitenstein, Waid, Müseli,
SEEBACH
Vizepräsident Stefan Ulmi:
Brunnenhof
233 Parzellen
«Wir verwalten sehr schöne, gut besonnte
Präsidentin Rose-Marie Nietlisbach:
Areale: Grubenacker, Kelinbühl,
Parzellen am Zürichberg. Das Verhältnis zwi­
beim Schützenhaus, Seebacherstrasse,
schen den Pächterinnen und Pächtern ist
Standorte an wunderschönen Lagen; in den
Eichrain, Frohbühl
äusserst angenehm. Wir rechnen allerdings
Gärten wird die ganze Palette von Südfrüchten
Präsident Alois Kähli:
Präsident Hanspeter Näf:
Sorge bereitet uns die steigende Zahl nicht
«Wir verfügen über neun verschiedene
mit einem Generationenwechsel und hoffen,
bis zu Erdäpfeln angepflanzt, Blumen gibt es
«Das alte Schützenhaus Grubenacker aus
junge Leute zu finden, die sich für einen Garten
von A wie Astern bis Z wie Zinien. Gegenwärtig
dem Jahr 1899 steht mitten in unseren Gärten
interessieren. Diesbezüglich arbeiten wir auch
stehen grössere Reparaturen an, etwa an den
und ist seit zwanzig Jahren Eigentum unseres
mit Quartiervereinen und deren Publikations­
alten Wasserleitungen. Leider müssen wir ver­
Vereins. Am Begegnungstisch vor dem Schüt­
organen zusammen. Die Zusammenarbeit mit
mehrt Einbrüche und Diebstähle registrieren.
zenhaus wird viel diskutiert, oft werden die hier
Grün Stadt Zürich ist bestens, wir hoffen aber,
Ich freue mich, wenn wir weiterhin von Grün
geknüpften Kontakte auch im privaten Rahmen
dass die Familiengärten politisch noch mehr
Stadt Zürich unterstützt werden – und das
weiter gepflegt. Etwa drei Viertel unserer Parzel­
akzeptiert werden – als grüne Lunge der Stadt
friedliche Zusammenleben der unterschied­
len stehen auf Bauland; das heisst, die Zukunft
Zürich.»
lichsten Kulturen klappt!»
dieser Gärten ist sehr unsicher. Ich wäre froh,
die Stadt würde mit der Überbauung zuwarten
und wir hätten mehr gesicherte Areale.»
Zusammenstellung und Interviews: Marius Leutenegger
Bilder: Hans Grob
Grünzeit Januar 2008
Was zwei Mütter mit ihren fünf Kindern bewog, einen Kleingarten zu pachten
«Es ist einfach genial!»
Gleich neben dem kleinen Areal Burgwies, in dem Marianne Unger seit
zwei Jahren einen Garten gepachtet hat, plätschert ein Bach. Von der Parzelle
blickt man auf Wiesen und Wald. Kein Verkehrslärm stört die Idylle.
«Als ich damals von Bekannten hörte, hier
Angepflanzt haben Marianne Unger und Elisa­
werde eine Parzelle frei, griff ich sofort zu.» Der
beth Ritzmann vor allem Beeren, «die viel bes­
Garten liegt für Marianne Unger, Mutter dreier
ser schmecken als jene aus dem Laden», Salat,
Töchter, ideal. Mit dem Fahrrad nur wenige
Zucchetti, Kürbisse und Kartoffeln. Mit Toma­
Minuten von ihrer Wohnung entfernt.
ten hatten sie bislang wenig Glück. Da und dort
Ein ganz klein wenig Überwindung habe es sie
wächst das Gemüse noch nicht wunschgemäss.
dennoch gekostet, gesteht Marianne Unger.
In die Gartenarbeit wachsen die beiden Frauen
«Ich dachte: Ein Familiengarten – das ist doch
immer besser hinein; sie lesen Fachbücher oder
etwas für Spiessbürger!» Ein Vorurteil, wie sich
holen sich Rat bei erfahrenen Nachbarn oder
bald einmal herausstellte. Um dem Spiessbür­
Verwandten. «Es ist schon spannend, wie viel
gertum nicht allein ausgeliefert zu sein, fragte
man über die Natur erfährt, wenn man einen
sie ihre Bekannte Elisabeth Ritzmann, ob sie den
Garten hat», sagt Elisabeth Ritzmann. «Die Par­
Garten mit ihr zusammen bewirtschaften wolle.
zelle ist genial; uns stehen hier am Zürichberg
«Zu zweit geht doch alles viel einfacher.»
200 Quadratmeter zur Verfügung. Dafür bezah­
Was bewog die beiden Frauen ausser der guten
len wir im Jahr ein paar hundert Franken. Einen
Lage, einen Familiengarten zu pachten? Ma­
solchen Garten könnten wir uns sonst niemals
rianne Unger: «Ich wuchs auf einem Bauernhof
leisten!»
auf. Ich liebe die Natur und bin ein Bewegungs­
Text und Bild: Marius Leutenegger
mensch. Ausserdem finde ich es schön, dass
man in einem Garten mit den Jahreszeiten lebt.»
Ihre Kinder seien inzwischen älter und selbst­
Marianne Unger und Elisabeth Ritzmann,
Pächterinnen in der Burgwies: «Die Kinder sollen
wissen, woher die Pommes frites kommen.»
ständiger. «Ich brauchte eine Aufgabe draussen
im Freien, um nicht zur Stubenhockerin zu wer­
den.» Elisabeth Ritzmann ergänzt: «Ich möch­
Auf der Website des Vereins für Familiengärten Zürich können die Anmeldeformulare
Pommes frites aus Kartoffeln gemacht werden.
der einzelnen Ortsvereine heruntergeladen werden. Die Bestimmungen und Preise der
Tatsächlich ist alles, was aus unserem Garten
kommt, für sie von besonderem Wert. Sie essen
einzelnen Familiengartenvereine sind unterschiedlich.
• Die Mietkosten betragen zwischen 300 und 350 Franken pro Jahr für eine Normparzelle
in der Grösse von ca. 200 Quadratmetern. Die Kosten setzen sich zusammen aus
sogar die Zucchetti!»
– Aufwand für Unterhalt der Vereinsbauten (WC, Materialhütten), Gartenzäune usw.
Und wie ist der Kontakt zu den Nachbarn – alles
und Vereinskosten (Versicherungen, Vorstandsarbeit),
Spiessbürger oder was? «Ganz und gar nicht!»,
– dem Verein durch die Stadt auferlegten Kosten (Landmiete, Wasser, Bodenschutz-
wehrt Marianne Unger ab. «Schon am Einfüh­
stiftung).
rungsabend traf ich erstaunlich viele bekannte
Gesichter. Hier haben Leute eine Parzelle, von
denen ich das nie gedacht hätte. Die Stim­
mung im Areal ist tolerant. Man lässt einander
leben.»
10
› Wie komme ich zu einem Familiengarten?
te, dass meine beiden Kinder wissen, dass
Grünzeit Januar 2008
• Einmalige Kosten: In der Regel steht auf der Parzelle ein Gartenhaus, das dem Vorgänger
oder der Vorgängerin gehörte und abgekauft werden muss. Einige Vereine verlangen bei
Vertragsabschluss ein Depot.
• Mietdauer: Das Gartenjahr dauert jeweils vom 1. November bis 31. Oktober.
> www.familiengartenverein.ch
Interview mit Beat Locher, Präsident des Dachverbands der Familiengartenvereine
«Wir brauchen starke Vereine!»
Beat Locher (59) ist seit drei Jahren Pächter einer Parzelle in Wollishofen.
Als Präsident des Ortsvereins Süd und des Dachverbands der Familiengarten­
vereine amtet er sozusagen als oberster Familiengärtner der Stadt.
Wie stehen Sie zu den Neuerungen,
die Grün Stadt Zürich bei den Familien­
gärten einführt?
Grün Stadt Zürich will, dass die Gärten grüner
werden – das kann ich nur unterstützen. Viele
Gärten sind heute überdüngt. Die Natur muss
in den Gärten zu ihrem Recht kommen. Grund­
sätzlich hoffe ich aber, dass die Bürokratie nicht
überhand nimmt – und dass nicht irgendwann
jedes Gartenhäuschen vom Baudepartement
abgesegnet werden muss.
Was halten Sie von der Öffnung der ­Areale
Beat Locher: «Viele wissen gar nicht, wie schön sie es haben.»
für Aussenstehende?
Wenn wir die Familiengartenareale langfristig er­
halten wollen – und das wollen wir unbedingt –,
Grünzeit: Beat Locher, was bedeuten
tenhäuschen. Solche Situationen führen immer
führt kein Weg an solchen Innovationen vorbei.
Ihnen die Familiengärten?
wieder zu Reibereien. Aber die Familiengärten
Wie der Zugang ausgestaltet werden soll, muss
Beat Locher: Sie sind ein wunderbarer Tum­
sind deshalb noch lange keine Kampfzone. In
man aber mit den Verantwortlichen der jewei­
melplatz und ein grossartiges Betätigungsfeld.
90 Prozent der Fälle klappt es menschlich her­
ligen Arealen aushandeln.
Sie ermöglichen Kontakte zur Natur und weisen
vorragend, das Positive überwiegt. Manchmal
hinsichtlich der Integration von Menschen aus
habe ich den Eindruck, dass viele gar nicht
Und Ihre Wünsche bezüglich Familien­
verschiedenen Kulturen ein enormes Potenzial
­wissen, wie schön sie es haben.
gärten?
auf. Ich bin sehr glücklich darüber, dass wir in
Viele Areale befinden sich an exponierter Lage,
Wie ist der Überalterung beizukommen?
bei Autobahnen oder neben Bahnge­leisen.
Dazu braucht es viele kleine Schritte: Man muss
Viele weniger begüterte Pächterinnen und
Welches ist gegenwärtig die grösste
den jungen Familien zeigen, was für ein tolles An-­
Pächter wohnen bereits an lärmigen Orten
­Herausforderung?
gebot es für sie gibt. Familien sollen auch wissen,
und bräuchten den Garten, um sich erholen zu
Der Generationenwechsel! Die Vereine sind
dass Kinder in den Gärten willkommen sind.
können. Ich wünschte mir darum, dass man die
der Stadt ein derartiges Angebot haben.
überaltert. Ich stelle leider auch immer wieder
Gärten besser vor Lärm und Gestank schützt.
fest, dass es an gegenseitiger Toleranz und
Sie erwähnten Konflikte zwischen Päch-
Weiter hoffe ich, dass es uns auch künftig ge­
Rücksichtnahme mangelt – zwischen Leuten
tern unterschiedlicher Nationen. Was kann
lingt, die Vorstände der Familiengartenvereine
verschiedener Kulturen, aber auch zwischen
dagegen unternommen werden?
zu besetzen. Das ist nicht einfach, aber weil die
Menschen mit unterschiedlichen Lebenswei­
Wir müssen uns überall für eine gute Durch­
Familiengärten in Konkurrenz zu anderen Nut­
sen. Manche Pensionäre wollen zum Beispiel
mischung einsetzen. Wichtig erscheint mir
zungen stehen, brauchen wir starke und flexible
keine alleinerziehende Frau im Garten nebenan
auch, dass wir die ausländischen Parzellen­
Vereine, die für die notwendigen Erneuerungen
haben; einige suchen im Garten Ruhe, andere
pächter besser in das Vereinsleben integrieren.
im Familiengartenwesen offen sind.
nutzen ihn vor allem für Feste und hätten am
Vor allem geht es aber um mehr Toleranz – auf
Interview: Marius Leutenegger
liebsten gleich einen Parkplatz vor ihrem Gar­
­allen Seiten.
Grünzeit Januar 2008
11
Irrungen und Wirrungen um die Zukunft eines zweigeteilten Parks
Patumbah – eine unendliche Geschichte?
Kolorierter Projektplan des
Gartenarchitekten Evariste
Mertens, datiert 13.XII.1890,
nach dem seinerzeit der
Park der Villa Patumbah
ausgeführt wurde.
Der Schnitt durch den Plan
zeigt den Verlauf des Zauns,
der das Grundstück zerteilt.
Bild: Gartendenkmalpflege,
Grün Stadt Zürich
Seit Jahren wird um die Erhaltung des Patumbah Parks in Riesbach gerungen und
die selbst Arbeits­ und Berufskollegen ent­
in den lokalen Medien darüber berichtet. Selbst für Interessierte ist es anspruchsvoll,
zweit. Dabei engagieren sich alle letztlich aus
den Überblick in dieser verzwickten Geschichte mit weiterhin offenem Ende zu
demselben Motiv: Sie möchten das Kulturgut
wahren. Eine Zwischenbilanz.
Patumbah Park bestmöglichst sichern und
kommenden Generationen weitergeben.
«Patumbah» ist Malaiisch und bedeutet «Er­
indem die vorgesehenen Bauten an den Park­
Als die Stadt 1977 den Diakonissinnen des
sehntes Land». Der Bauherr Karl Fürchtegott
rändern entlang der Zolliker­ und der Mühle­
Diakoniewerks Neumünster den kleineren Park­
Grob­Zundel hat Ende des 19. Jahrhunderts
bachstrasse konzentriert werden. Die freige­
teil mitsamt der Villa abkaufte, war für Laien
wohl kaum erahnt, wie sehr dieser klangvolle
spielte Mitte soll mit der städtischen Parkhälfte
nicht mehr erkennbar, dass die Villa Patumbah
Name einmal Programm werden sollte. Die
vereint und der Öffentlichkeit wieder als Ganzes
über einem herausragenden Landschaftspark
Entwicklung des Patumbah Parks nahm vor
zugänglich gemacht werden.
thronte. Die Diakonissinnen hatten den villen­
rund 80 Jahren eine schicksalshafte Wende, als
Wann allerdings mit dem Bau begonnen wer­
nahen Park in einen Nutzgarten verwandelt und
die damaligen Besitzer den kunstvollen Land­
den kann, ist ungewiss. Es sind zwei Rekurse
die fast 50 Jahre mit einem Zaun abgetrennte,
schaftspark zweiteilten und die grössere Hälfte
gegen das Bauvorhaben hängig. Zudem haben
private Parkhälfte schlummerte derweil schein­
als Bauland verkauften.
dieselben Rekurrenten eine Volksinitiative zu
bar bezugslos in einem Dornröschenschlaf vor
Der kleinere Parkteil mit der Villa kam 1977 in
Stande gebracht, welche die Umzonung der
sich hin.
den Besitz der Stadt Zürich und wurde nach
privaten Parkhälfte in die Freihaltezone fordert.
Erst als Profilstangen unterhalb der Villa den
zähem Hin und Her 1988 – 1990 nach den
Somit werden unter Umständen die Zürcher
Neubau eines Altersheims an der Mühlebach­
ursprünglichen Plänen des Parkgestalters
Stimmberechtigten darüber entscheiden, ob der
strasse ankündigten, formierte sich im Quartier
Evariste Mertens rekonstruiert. Die weiterhin
Patumbah Park integral – gegen eine entspre­
ein Initiativkomitee, um die «Grüne Oase» zu
private, grössere Parkhälfte ist dagegen rechts­
chende finanzielle Entschädigung in zweistelli­
retten. Durch die Arbeit des bald einmal von
gültig eingezontes Bauland, nachdem die Stadt
ger Millionenhöhe – oder als Fragment erhalten
Fachleuten unterstützten Komitees festigte
vor Gericht mit einer Unterschutzstellung ge­
und geöffnet werden kann.
sich das Wissen um den Park und dessen Be­
scheitert ist.
12
deutung. Anhand des Originalplans von Eva­
Ein im Januar 2007 bewilligtes Bauprojekt ver­
Emotional geführte Diskussionen
riste Mertens konnte die einstige Umsetzung
sucht zumindest den Kern des Landschafts­
Vor allem in Fachkreisen hat die Entwicklung
zweifelsfrei belegt werden. 1985 wurde die
parks auf der privaten Parzelle zu bewahren,
der letzten Monate eine Diskussion ausgelöst,
erste Patumbah­Initiative, die den städtischen
Grünzeit Januar 2008
Wuchernde Wildnis: Der Patumbah Park wird
durch einen rostigen Zaun zweigeteilt.
Profilstangen im verwilderten Teil des
Patumbah Parks.
Unter der Grasnarbe ist die ursprüngliche
Gartengestaltung von Evariste Mertens erhalten.
Parkteil der Freihaltezone zuweisen wollte, an­
em Inhalt gefüllt. Hauptsächlich aber fand die
bereits enorm viel privates Engagement zur
genommen. Anschliessend erfolgte die weit­
Stiftung mit Lis Mijnssen jene Person, die den
freiwilligen Teilerhaltung auf einer gerichtlich als
gehende Rekonstruktion der städtischen Park­
ersten Besitzern die Privatparzelle abkaufte,
Bauland deklarierten Parzelle geleistet wurde.
hälfte als Pilotprojekt der damals im Entstehen
der Stiftung nochmals drei Jahre Zeit gewährte
begriffenen Zürcher Gartendenkmalpflege.
und sich aktiv an der Suche nach einer Lösung
Niemand wagt heute, eine verlässliche Prog­
beteiligte. Schliesslich hat sie – immer das Stif­
nose für den Ausgang dieser fast endlos schei­
Unter dem Gestrüpp liegt der Park
tungsziel vor Augen – eine massvolle Bebauung
nenden Geschichte zu geben. Bis zur Volksab­
Als zu Beginn der 1990er Jahre die Besitzer der
des Grundstücks geplant, um den Park freiwillig
stimmung kann es noch rund zweieinhalb Jahre
privaten Parkparzelle die Schutzabklärung ver­
so weit wie möglich zu schonen und später der
dauern. Bleibt zu hoffen, dass niemandem der
langten und die Stadt auch diese Parzelle unter
Bevölkerung wieder zugänglich zu machen. In
Geduldsfaden reisst und als Resultat aller Be­
Schutz stellen wollte, sahen die Gerichte in der
enger Zusammenarbeit mit der Stiftung akzep­
mühungen einzig ein Scherbenhaufen übrig
verwilderten Parkparzelle kein Schutzobjekt
tierte die neue Besitzerin den geschwungenen
bleibt.
mehr. Ironischerweise spielte die frisch rekon­
Bretzelweg von Mertens, dessen starker Stein­
struierte städtische Hälfte dabei eine entschei­
koffer unter der Grasnarbe noch vollständig
Text: Judith Rohrer
Bilder: Lukas Handschin
dende Rolle, indem ihre neu angelegte Pracht
erhalten ist, als Grenze der Baufelder entlang
die Privatparzelle umso mehr degradierte.
Zolliker­ und Mühlebachstrasse. Somit wird
Heute ist man sich in weiten Kreisen einig, dass
der Erhalt der ursprünglichen Parkgestaltung
unter der wuchernden Vegetation der Park von
gewährleistet.
Evariste Mertens beispielsweise in der Gestalt
Sieben Jahre hat die Zusammenarbeit der Stif­
der Geländemodellierung, des Wegnetzes und
tung mit Lis Mijnssen, der Initiantin des jetzt
der Gehölze immer noch erhalten ist. Somit ist
bewilligten, aber angefochtenen Bauvorhabens
der private Teil der weit echtere Geschichtszeu­
bisher gedauert, was Sorgfalt und Qualität der
ge als die rekonstruierte städtische Parkhälfte.
Arbeit, aber auch die Komplexität der Aufgabe
Da eine Unterschutzstellung auf dem Rechts­
verdeutlicht. Die Stadt steht dem Projekt des
weg gescheitert war, drohte Mitte der 1990er
Wohnens im öffentlichen Park übrigens sehr
Jahre die Bebauung der Privatparzelle. Dank
positiv gegenüber. Es hat als Beispiel für die
der Gründung einer Stiftung zur Erhaltung
viel gelobte Public Private Partnership Modell­
des Patumbah Parks gelang es jedoch, bei den
charakter. Neben der freiwilligen Erhaltung und
ten – Historische Anlagen in Zürich» gewürdigt,
bauwilligen Eigentümern Zeit für die Entwick­
Öffnung der zentralen Elemente des Patumbah
das 2004 zum 15-Jahr-Jubiläum der Gartendenk-
lung einer konstruktiven Lösung auszuhandeln.
Parks bietet das Projekt einen Hammam und
malpflege erschien. Die zwölf Portraits von Gar-
Was die Stiftung auf der Suche nach Geld für
qualitativ hochwertigen und familienfreund­
tenanlagen in der Stadt Zürich geben fundierte
die private Parkhälfte alles erlebt hat, hat das
lichen Wohnraum.
Zeug zu einem Krimi mit internationaler Be­
teiligung, sprengt jedoch den Rahmen dieses
Volksentscheid vermutlich in zwei Jahren
Artikels.
Die Lancierung der zweiten Patumbah­Initiative
› Gärten in Zürich
Der Patumbah Park wird auch im Buch «12 Gär-
Einblicke in die Aufgaben, die sich der Gartendenkmalpflege heute stellen. Das Buch kann
direkt bei Grün Stadt Zürich bezogen werden
(143 Seiten, zahlreiche Abbildungen; 20 Franken,
zuzüglich 5 Franken Versandkostenanteil).
2006 hat daher viele überrascht. Sie ist ein Ver­
Freiwillige Erhaltung der Kernsubstanz
such, kompromisslos den ganzen Patumbah
Wenn auch das primäre Ziel nicht erreicht
Park zu erhalten, was mit einer von den Steuer­
wurde, die Millionen zum Freikauf der Parzelle
zahlenden zu begleichenden Entschädigung
zusammenzubringen, wird heute aufgrund der
einhergehen würde. Es ist bedauerlich, dass
Stiftungstätigkeit die Villa saniert und mit neu­
dieser Schritt erst so spät erfolgte, nachdem
Infoblätter zu den wichtigsten Park- und Grünanlagen sind bei der Gartendenkmalpflege gratis
erhältlich.
Bestellformular für alle Publikationen unter:
www.stadt-zuerich.ch/gsz-beratung
Grünzeit Januar 2008
13
Informationsangebote im Wildpark Langenberg auf dem Prüfstand
Man sieht nur, was man kennt
Mit einer 2006 durchgeführten Besucherumfrage zur Gehegebeschilderung
› Robust und attraktiv
und den Tierboten im Wildpark Langenberg sollte in Erfahrung gebracht
Der Wildpark Langenberg verfügt mittlerweile
werden, wie die beiden Angebote bei den Besuchenden ankommen, wie sie
über eine zwanzigjährige Erfahrung mit Gehege-
genutzt werden und was künftig verbessert werden kann.
beschriftungen. Bis zur heutigen Form war es
allerdings ein langer Weg. Die Informationstafeln
kommen mit zunehmend weniger Worten aus,
Verständnis zu wecken für die einheimischen
Beobachtungen anregen sollen. Diese Art der
sind also auch für die jüngeren Besucher einfach
und ehemals einheimischen Wildtiere der
Beschilderung ist aufwendig in der Erarbeitung
zu verstehen. In mehreren Etappen definieren die
Schweiz, ist einer der Schwerpunkte des Wild­
und konnte deshalb im Wildpark erst bei sie­
Wildbiologinnen des Wildparks zusammen mit
parks Langenberg. Die Angebote im Bereich
ben von sechzehn gezeigten Tierarten realisiert
einer Grafikerin die Themen und ihre mögliche
«Erlebnis und Information» reichen von Füh­
werden: Braunbär, Feldhase, Fuchs, Luchs,
rungen über Workshops für Schulklassen, einen
Wildkatze, Wildschwein und Wolf. Auch bei der
«Wildparkführer» mit Steckbriefen der verschie­
2005 erstellten Biber­ und Fischotteranlage im
denen Tierarten, die halbjährlich erscheinende
Naturzentrum Sihlwald setzte man von Anfang
die Informationstafeln von der Winterthurer
Wildpark­Zeitschrift «Wildnis» bis zum attrak­
an auf die bewährte Form der Informationsver­
Neuen Werkstatt, einem Atelier für Produktge-
tiven Auftritt im Internet.
mittlung. Jüngstes Beispiel sind die Informati­
staltung. Auch dabei gilt es, einiges zu berück-
Die Umfrage konzentrierte sich allerding ledig­
onstafeln bei der im November 2007 eröffneten
sichtigen. Sie müssen unter anderem wetterfest,
lich auf zwei weitere wildparktypische Infor­
Fuchsanlage.
mationsangebote: Die interaktiven Gehegebe­
Eine solche Beschilderung, robust und wetter­
schilderungen und die sogenannten Tierboten,
beständig, steht jederzeit zur Verfügung, hat
Bewährt hat sich Alucobond, eine Sandwich-
die im Sommer – deutlich erkennbar an ihren
aber den Nachteil, dass sie unpersönlich und
konstruktion aus zwei Aluminiumplatten mit
roten T­Shirts – den Besuchenden sowohl im
statisch ist. Regelmässige Besucher finden da­
einem Kunststoffkern. Diese Platten haben den
Wildpark als auch bei der Biber­ und Fischotter­
bei keine neuen Informationen.
Vorteil, dass sie leichter sind als frühere Materia-
Beschilderungen machen neugierig
Die zu jeder Tierart eigens entwickelten Infor­
mationen rund um Verhalten und Fressge­
wohnheiten sind eines der Markenzeichen des
Wildparks. Wichtig dabei sind spielerische
und sinnliche, interaktive Elemente, welche
die Neugier wecken und die Besuchenden zu
14
Grünzeit Januar 2008
sprichwörtlichen Punkt.
Zum professionellen Auftritt gehört auch das
feinmechanische Handwerk. Produziert werden
rostfrei und langlebig sein, das heisst vor allem
der mechanischen Beanspruchung durch vieltausendfaches Öffnen und Schliessen standhalten.
lien und beim Zuklappen weniger Lärm verursa-
anlage im Naturzentrum Sihlwald interessante
Informationen persönlich vermitteln.
Umsetzung und bringen das Ganze auf den
chen. Die Ecken und Kanten sind abgerundet, um
In den Sommermonaten beantworten Tierboten
die Fragen von Gross und Klein.
der Verletzungsgefahr vorzubeugen. (Han.)
Wildpark Langenberg
Die von Angelika Wey gestalteten Informationstafeln zeigen: Je mehr sich der Fuchs der Stadt nähert, desto reicher ist das Nahrungsangebot.
Bild links: Aus einer Scheune können Wildparkbesucher die Füchse in ihrer natürlichen Umgebung beobachten, ohne diese dabei zu stören.
Die Tierboten hingegen informieren individuell.
«Jöh»-Effekt bei Jungtieren ausnutzen
geschickt umgesetzt und vermittelt», gibt sich
Naturwissenschafter erteilen an zwei bis drei
Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Umfrage
Christian Stauffer, der wissenschaftliche Leiter
Standorten mit Anschauungsmaterial den in­
sind:
des Wildparks, überzeugt. Angesichts der oft
teressierten Besuchern Auskunft und schaffen
• Nur wenige Besuchende kommen in den
emotional geführten Diskussionen um die Wie­
damit einen Bezug vom Mensch zum Tier. Sie
Wildpark, um etwas zu lernen. Deshalb soll
deransiedlung des Luchses, die Einwanderung
sind im Sommerhalbjahr jeweils mittwochs und
auch künftig die spielerische und entdeckende
von Bär und Wolf in die Schweiz oder die zu­
sonntags im Einsatz. Die persönliche Informa­
Auseinandersetzung im Vordergrund stehen.
nehmende Präsenz des Fuchses in der Stadt
tionsvermittlung hat den Nachteil der zeitlich
• Jungtiere sollen vermehrt thematisiert wer­
ist die Vermittlung von Fakten und Hintergrund­
begrenzten Verfügbarkeit. Hinzu kommt, dass
den. Auch die Tierboten sollen bei ihren Ein­
wissen sowie die Korrektur von verbreiteten
mangels personeller Ressourcen jeweils nicht
sätzen darauf eingehen.
Vorurteilen für das Zusammenleben von Men­
bei allen Gehegen Tierboten anwesend sein
• Die Tierboten sollen künftig noch stärker bei
schen und Wildtieren unabdingbar.
können. Beiden Informationsangeboten ist ge­
der Auswahl des Anschauungsmaterials bei­
meinsam, dass sie allen Besuchenden unent­
gezogen werden. Weiter sollen sie noch mehr
Text: Ursula Dürst, Carmen Herzog
Bilder: Lukas Handschin Illustrationen: Angelika Wey
geltlich und ohne Voranmeldung zur Verfügung
methodisch­didaktisch geschult werden.
stehen.
• Gehegebeschilderungen und Tierboten sind
Mit der Umfrage wollten die Wildparkverant­
zwei sich ergänzende Angebote. Das Potenzial
Der Wildpark Langenberg, 1869 gegründet, ist der
wortlichen herausfinden, wie die beiden Infor­
der Tierboten liegt in der persönlichen Infor­
älteste und flächenmässig grösste Zoo der
mationsangebote genutzt werden und ob damit
mationsvermittlung. Mit geeignetem Anschau­
die Informationsbedürfnisse der Besuchenden
ungsmaterial, die Sinne anregenden Spiele und
befriedigt werden.
Beobachtungstipps kann eine Brücke zwischen
und artgerechten Anlagen gehalten. Zwölf Kilome-
Mensch und Tier geschlagen werden.
ter ausserhalb Zürichs gelegen, ist er ein wichtiges
Erlebnis steht im Vordergrund
Aufgrund der artgerechten Haltung sind einige
Naherholungsgebiet mit jährlich über 300 000 Be-
Wichtigster Auslöser für einen Wildparkbesuch
Tiere in den weitläufigen Anlagen im ersten
sucherinnen und Besuchern. Der Eintritt ist frei.
war für jede dritte befragte Person ein Ausflug
Moment manchmal gar nicht zu sehen. Umso
mit Freunden oder der Familie. Jede fünfte
wichtiger sind Besucherinformationen, die das
nannte als Beweggrund das Tiererlebnis und
Interesse wecken, Verständnis schaffen und zu
die Tierbeobachtung. Nur knapp jede fünfzigste
eigenen Beobachtungen anregen.
besuchte den Wildpark, weil sie Informationen
› Auf dem Weg zum Naturpark
Schweiz. Auf einer Fläche von knapp 80 Hektar
werden 16 einheimische und ehemals einheimische Säugetierarten in grosszügigen, naturnahen
Als wissenschaftlich geführter Zoo beteiligt sich
der Wildpark an nationalen und internationalen
Projekten, zum Beispiel zur Wiederansiedlung von
Przewalski-Pferden in der Mongolei. 2008 stehen
Wildpark und Naturzentrum Sihlwald im Zeichen
der Amphibien (siehe dazu die Grünagenda).
suchte.
Gefährdung und Schutz thematisieren
Der Wildpark Langenberg und die Naturlandschaft
Am wichtigsten waren den Befragten Informati­
Der Wildpark und das Naturzentrum Sihlwald
Sihlwald gehören heute der Stadt Zürich. Der
onen zu Jungtieren (53%), Verhalten / Fähigkeiten /
haben einen Bildungsauftrag. Die Verantwort­
Besonderheiten (47%) sowie den Ansprüchen
lichen wollen deshalb auch in Zukunft Informa­
an ihren Lebensraum und die Verbreitung (39%).
tionen vermitteln, die nicht an oberster Stelle
Gemeinden des Bezirks Horgen und Pro Natura
Überraschenderweise bevorzugten gut drei
der Besucherwünsche stehen. Beispielsweise
getragene Stiftung Naturpark Zürich. Die bisher
Viertel der Befragten die rund um die Uhr ver­
sollen Themen wie Gefährdung und Schutz
von Grün Stadt Zürich wahrgenommenen Aufga-
fügbaren, aber unpersönlichen Gehegebeschil­
künftig einen höheren Stellenwert erhalten.
ben sollen auf die Stiftung übertragen werden.
derung gegenüber der Informationsvermittlung
«Wir können so auch für schwierige Themen
durch Tierboten.
Verständnis wecken, vorausgesetzt sie werden
Stadtrat beantragt dem Gemeinderat und den
städtischen Stimmberechtigten deren Überführung in eine von Stadt und Kanton Zürich, den
> www.stadt-zuerich.ch/wildpark
> www.stadt-zuerich.ch/sihlwald
Grünzeit Januar 2008
15
Jedes Jahr nimmt Grün Stadt Zürich alle 22 000 Strassenbäume unter die Lupe
Kein Baum wird grundlos gefällt
Nicht nur in Amsterdam, wo der geplante Ersatz einer stattlichen Kastanie im
liegt entsprechend deutlich tiefer als jene von
Hinterhof des Anne-Frank-Hauses international Schlagzeilen machte, auch in Zürich
Gehölzen in Parkanlagen. Umso mehr Gewicht
stossen Baumfällungen hin und wieder auf Unverständnis.
legt man bei Grün Stadt Zürich auf deren Schutz
und Pflege.
Der Klimawandel, eine Vielzahl schädigender
lich geschwächt. Er wird aus Sicherheitsgrün­
Grössere Bauvorhaben können ebenfalls zu
Umwelteinflüsse und andere widrige Umstände
den ersetzt», erklärt Hanspeter Hartmann, stell­
Rodungen führen. Dies ist dann der Fall, wenn
machen den Zürcher Stadtbäumen zu schaf­
vertretender Grünflächenverwalter des Bezirks.
für die Bauinstallationen anderweitig kein Platz
fen. Dennoch vollbringen sie täglich Höchstleis­
Wegen der erhöhten Bruchgefahr wäre es über
vorhanden ist. Aktuell zum Beispiel bei der
tungen trotz Bodenverdichtung und Autoab­
kurz oder lang zu gefährlichen Astabbrüchen
Realisierung der neuen Durchmesserlinie, für
gasen. «Das trockene und heisse Klima in der
gekommen, sei es wegen Schneedrucks oder
deren Bauplatz am Ufer der Sihl einige Platanen
Stadt wäre ohne die regulierende Wirkung der
starken Böen, etwa bei einem Wintersturm.
vorübergehend Platz machen mussten. Auch
Bäume viel weniger erträglich», erklärt Hans­
Die Fällaktion ist im Gegensatz zu den langen
diese Bäume werden nach Abschluss der Bau­
Jürg Bosshard, stellvertretender Leiter Unter­
Vorbereitungen mit einem externen Gutach­
arbeiten ersetzt.
halt bei Grün Stadt Zürich.
ten und dem Einholen der Bewilligungen für
Wenn bei Leitungsbauten Bäume «im Weg ste­
Doch die Belastungen hinterlassen Spuren.
Nachtarbeit von kurzer Dauer. Ein Kran mit
hen», gilt es abzuwägen, was ökologisch bzw.
Deshalb überprüft Grün Stadt Zürich jedes
Greifarm und Säge wird an den Abspannseilen
ökonomisch sinnvoller ist. Eine nicht immer
Jahr alle rund 22 000 Strassenbäume auf ihren
vorbeigezirkelt. Stück für Stück werden die
ganz einfache Aufgabe. Dank verbesserter
Allgemeinzustand und ersetzt im Schnitt etwa
Äste des Baumes abgesägt und auf einen be­
Planungsinstrumente können die Bäume heute
dreihundert von ihnen. Jährlich kommen Neu­
reitstehenden Lastwagen verladen. Das einge­
jedoch meist stehenbleiben.
pflanzungen in etwa im gleichen Umfang hinzu.
spielte Team der Spezialfirma arbeitet präzise
und schnell. Nach einer knappen Stunde bleibt
Gezielter Holzschlag erhöht die Artenvielfalt
Sicherheit hat oberste Priorität
einzig der Baumstrunk übrig. Dort wo einst die
Auch im Stadtwald hat die Sicherheit oberste
Dienstagnacht, Anfang November: Die meisten
Platane stand, schaut man nun an die graue
Priorität. Erholungssuchende und Infrastruk­
Anwohnenden am Limmatplatz schlafen. Im
Hausmauer. Ein gewöhnungsbedürftiges Bild!
turen sollen bestmöglich geschützt werden.
Schein der Strassenlampen jedoch herrscht
Doch schon bald wird hier eine junge Nach­
reges Treiben. Eine der Platanen, die den Platz
folgerin der Platane stehen.
säumen, muss gefällt werden. Damit der Fahr­
16
› Biologische Klimaanlage
Ein Baum hat einen hohen emotionalen und
betrieb von Tram und Bus nicht gestört wird,
Unterschiedliche Gründe für Fällungen
ist die Fällaktion auf 1 Uhr nachts angesetzt,
Hauptgrund für den Ersatz von Bäumen ist in
schön anzusehen, sondern wirken auch als öko-
nachdem das letzte Tram das Depot erreicht
der Regel die Verkehrssicherheit bzw. die Si­
logische Klimaanlage. Bei einer Blattoberfläche
hat und der Strom abgeschaltet wurde.
cherheit der Fussgängerinnen und Fussgänger.
eines achtzigjährigen Laubbaums von rund
Ein Blitzschlag hatte die Platane am Limmat­
Dabei spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle.
1600 Quadratmetern werden pro Stunde 2400 g
platz schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der
Richten wir unseren Blick zunächst ins Stadt­
Baum steht in vollem Blätterkleid da; es braucht
zentrum. Im Schnitt ist es hier 3 bis 4 Grad
ein geübtes Auge, um die Gefahr zu erkennen.
Celsius wärmer als im Umland. Es herrscht
stoff freigesetzt. Dies entspricht in etwa der
Obwohl der Baum zurückgeschnitten wurde,
ein Steppenklima. Hinzu kommen die Verdich­
Sauerstoffmenge, die zwei erwachsene Men-
um ihn zu entlasten, war die Schädigung zu
tung und Versiegelung der Böden sowie die
schen pro Tag benötigen. Neben seiner Leistung
schwer, als dass er sich davon hätte langfristig
zahlreichen unterirdischen Werkleitungen für
als Schattenspender verdunstet ein Baum täglich
erholen können.
Wasser, Gas und Strom. «Strassenbäume le­
Nach eingehender Begutachtung und einer
ben im Dauerstress», so Hans­Jürg Bosshard.
zusätzlich in Auftrag gegebenen Expertise
«Manchmal braucht es schon fast Millimeter­
stand fest: Eine Fällung ist unumgänglich. «Der
arbeit, um in der Stadt einen Baum zu setzen.»
Hauptast ist absterbend und der Baum erheb­
Die Lebenserwartung von Strassenbäumen
Grünzeit Januar 2008
ästhetischen Wert. Bäume sind jedoch nicht nur
Kohlendioxid und 960 g Wasser zusammen mit
605 Kalorien Sonnenlicht in 1600 g des Nährstoffs Glukose verwandelt sowie 112 g Sauer-
bis zu 500 Liter Wasser und kühlt damit die Umgebung durch Wärmeentzug von zirka 300 000 kcal,
was dem Heizwert von 36 Litern Heizöl entspricht. Zudem sind Bäume in der Lage, bis zu
0 Prozent des Feinstaubs in der Luft zu binden.
Strassenbäume
Geschädigte Platane am Limmatplatz:
Vom Boden aus ist dem Baum nicht viel
anzusehen.
Erst der Blick in den Kronenansatz zeigt:
Eine absterbende Rindenrinne zieht sich von
der Hauptvergabelung in den Stamm.
Nächtliche Arbeit mit schwerem Gerät:
Die Fahrleitungen und Abspannkabel erfordern
volle Aufmerksamkeit.
Um dies zu erreichen, müssen schon mal alters­
5200 Weihnachtsbäume aus dem Stadtwald.
von Baumkrankheiten werden die Selbsthei­
schwache, kranke und morsche Bäume wei­
Stefan Studhalter, Verantwortlicher Stadtwald
lungskräfte der Bäume gefördert, so dass nicht
chen. Wichtig für die Stabilisierung von Hängen
bei Grün Stadt Zürich: «Der Wald wird nach­
vorzeitig zu Axt und Motorsäge gegriffen wer­
und Böschungen ist zudem das ausgeglichene
haltig bewirtschaftet. Jährlich werden nur soviel
den muss.
Verhältnis von jungen und älteren Bäumen.
Kubikmeter Holz gefällt wie im selben Zeitraum
Weitere Gründe für das Fällen von Bäumen im
wieder nachwachsen.»
Text: Ivo Bähni
Bilder: Ivo Bähni, Lukas Handschin
Wald sind die Artenförderung sowie die Erhal­
tung und Schaffung von Lebensräumen. Damit
Selbstheilungskräfte fördern
genügend Licht auf den Waldboden fällt und
Mit dem Alleenkonzept und dem Baumkataster
damit ein vielfältiges Leben ermöglicht, werden
hat Grün Stadt Zürich zwei Instrumente ent­
› Schutzverordnung vor Jahren
deshalb gezielt Bäume entfernt. Nebst ökolo­
wickelt, die ein langfristiges Planen erlauben.
gescheitert
gischen spielen auch wirtschaftliche Aspekte
Bestehende und geplante Baumstandorte sind
Die vom Stadtzürcher Stimmvolk in der Abstim-
eine wichtige Rolle: Bäume werden gefällt, um
auf einen Blick ersichtlich und helfen Stadtpla­
Nutz­ und Energieholz zu gewinnen. Nicht zu­
nenden und Architekturbüros gleichermassen,
letzt verkauft Grün Stadt Zürich jährlich rund
sich ein Bild zu machen. «Früher wurden Bäume
mung vom 1. Mai 1992 angenommene Baumschutzverordnung wurde nie in Kraft gesetzt.
Die Baurekurskommission I des Kantons Zürich
hatte mit Beschluss vom 15. Juli 1994 einzelne
nicht zuletzt aus Platzmangel auf Werkleitungen
Bestimmungen der Baumschutzverordnung auf-
gesetzt, was kostspielige Leitungsumbauten
gehoben, sie im Grundsatz jedoch bestätigt. Der
oder gar das Fällen von Bäumen notwendig
von den Rekurrenten angerufene Regierungsrat
Grundsätzlich liegt die Verantwortung beim
machte», erinnert sich Hans­Jürg Bosshard.
hob die Verordnung mit Beschluss vom 22. No-
Grundeigentümer. Bei einem Baugesuch oder
Heute können solch drastische Massnahmen
› Bäume auf Privatgrund
wenn Bäume unter Denkmalschutz stehen, ist
Grün Stadt Zürich zu konsultieren:
Fachbereich Freiraumberatung, Tel. 044 412 2 68,
meist vermieden werden.
Die permanente Weiterbildung der Mitarbeiten­
vember 1995 ganz auf, weil sie nicht mit dem
kantonalen Recht übereinstimme. Das vom Stadtrat angerufene Bundesgericht hat mit Urteil vom
25. Juli 1996 die staatsrechtliche Beschwerde
www.stadt-zuerich.ch/gsz-beratung > Bau-
den im Unterhalt trägt ebenfalls zum Wohl der
gegen den Beschluss des Regierungsrats abge-
beratung
Bäume bei. Dank neuer Erkenntnisse bezüglich
wiesen.
Baumpflege und der frühzeitigen Behandlung
Grünzeit Januar 2008
1
Ingrid Berney, wissenschaftliche Zeichnerin, gestaltet die Grusskarten von Grün Stadt Zürich
«Ich schaue gerne genau hin»
fien am Computer zu bearbeiten, greift Ingrid
Berney immer zuerst zum Zeichenstift. Sie legt
das Objekt unter die Binokularlupe, betrachtet
es von allen Seiten, überträgt es mit Zeichenstift
und Tusche auf Transparentpapier und schält
dabei die wesentlichen Merkmale heraus. Erst
später werden diese Zeichnungen eingescannt.
Das Kolorieren geschieht am Computer. Immer
wieder speichert sie die Zwischenschritte, ex­
Die Linden­Motive aus der Kartenserie für Grün Stadt Zürich.
perimentiert, verwirft und beginnt von neuem,
bis sie mit dem Resultat zufrieden ist.
Seit Anfang September schmücken drei Käfer
die Belegexemplare im Briefkasten. Das wars.
Seit 2005 kreiert Ingrid Berney für Grün Stadt
eine Briefmarkenserie des Fürstentums Liech­
Dass die Veröffentlichung derart formlos über
Zürich jedes Jahr zwei Grusskarten mit Motiven
tenstein. Die drei Wertzeichen zeigen den
die Bühne ging, habe sie schon ein wenig ent­
von Zürcher Stadtbäumen. Nach den Platanen
Gemeinen Bienenkäfer oder Immenkäfer, den
täuscht. «Keine Vernissage, nichts!»
und den Linden sind heuer die Japanischen
Rosenkäfer und den Gelbrandkäfer.
Nun ja, zu diesem Zeitpunkt war Ingrid Berney
Schnurbäume an der Reihe. Auf der Rücksei­
Gestaltet hat die Briefmarken die Zürcher
schon längst wieder in der Kantonsarchäolo­
te der detailreichen Illustrationen werden die
Illustratorin Ingrid Berney. Die wissenschaft­
gie in Luzern beschäftigt, wo sie an drei Tagen
Charakteristika der abgebildeten Baumart kurz
liche Zeichnerin kam durch Zufall in Kontakt
pro Woche an der Auswertung von Grabungen
erklärt. Leserinnen und Leser der Grünzeit kön­
mit der Abteilung Philatelie der Liechtenstei­
und an Ausstellungsprojekten mitarbeitet. «Ich
nen die Karten im Sekretariat von Grün Stadt
nischen Post. «Der sehr eilige Auftrag kam
halte fest, was der Boden vom Leben unserer
Zürich gratis beziehen.
überraschend – und zeitlich etwas ungünstig.
Vorfahren preisgibt: Scherben, Knochen, Waf­
Ich war nämlich gerade bei einer Ausgrabung
fen und entwickle Abbildungen für museale und
als Zeichnerin beschäftigt.» Ingrid Berney legte
didaktische Zwecke.»
Text und Bilder: Lukas Handschin
Illustrationen: Ingrid Berney
Kontakt: ingrid.berney@hispeed.ch
> www.philatelie.li
zwischen zwei Ausgrabungen eine Pause ein
Am liebsten zeichne sie Pflanzen und Tiere,
und machte sich ans Recherchieren. Um sich
gesteht Ingrid Berney. Für die Abbildung eines
inspirieren zu lassen, sammelte sie Käfermar­
Käferpanzers gehen dabei schon mal vier Tage
Schicken Sie ein an Sie selbst adressiertes und
ken aus aller Welt, entwarf und verwarf und
drauf. «Ich schaue eben gerne genau hin.» Ob­
frankiertes C5-Kuvert an: Grün Stadt Zürich,
kniete sich in die Finessen der Gestaltung und
wohl es relativ einfach wäre, lediglich Fotogra­
› Kartenbestellung
Sekretariat, Beatenplatz 2, 8001 Zürich.
Produktion von postalischen Wertzeichen unter
besonderer Berücksichtigung der liechtenstei­
nischen Verhältnisse. «Schon die Bestimmung
des Briefmarkenformats, ob hoch oder quer und
wie gross war ein schwieriger Entscheid.» Kä­
fer gelten zudem nicht unbedingt als Sympathie­
träger. «Werden die Motive wohl akzeptiert?»
Als nach drei Monaten akribischen Zeichnens
– die «Models» lieh sich Ingrid Berney von der
entomologischen Sammlung der ETH aus – die
Vorlagen genehmigt und an die Österreichische
Staatsdruckerei abgeschickt waren, dauerte es
noch einmal ein Jahr, bis die Marken endlich
in Umlauf kamen. Eines schönen Tages lagen
18
Grünzeit Januar 2008
Ingrid Berney
blättert in ihrem
Skizzenbuch.
Von Weihnachtsbäumen und fleissigen Schafen im Wald und auf dem Friedhof
Ökologische «Rasenmäääher»
› Schwarznasen auf dem Friedhof
Auch im Friedhof Manegg hat Grün Stadt Zürich
gute Erfahrungen mit Schafen gemacht. Wenn
nach zwanzig Jahren die Reihengräber aufgehoben und während einiger Jahre extensiv bewirtschaftet werden, kommen in Manegg ebenfalls
Schafe zum Einsatz. Die schadstoffarmen «Rasenmäher» grasen innert vier Wochen jeweils ein Feld
Ein Schaf hat niemals einen leeren Bauch, so lautet ein chinesisches Sprichwort.
ab. Danach werden sie ins nächste gezügelt.
Bei der naturnahen Bewirtschaftung der Forstgärten und des Friedhofs Manegg
Die Schwarznasenschafe kommen im Frühling
setzt Grün Stadt Zürich auf vierbeinige Helfer.
auf den Friedhof, verbringen dort den Sommer
und kehren im Herbst zu ihrem Besitzer zurück.
Diese aus dem Oberwallis stammende Schafrasse
Die umstrittene Weihnachtsbeleuchtung hängt
Erstmals wurden 1996 Shropshire­Schafe durch
wieder an der Bahnhofstrasse. Die Schaufens­
Willy Ottiger, der ebenfalls Weihnachtsbäume
genügt ihnen ein Baum als Unterstand. Gehütet
terauslagen und die Regale der Geschäfte
kultivierte, in die Schweiz importiert. Die laute
werden sie durch einen Elektrozaum. Er schützt
wurden bereits im Oktober unter den irritierten
Motorsense und der Mulcher haben seither in
die Lämmer vor zudringlichen Tierliebhabern und
Blicken der Kunden zusammen mit den Hallo­
den Forstgärten von Grün Stadt Zürich aus­
die Blumen auf den noch belegten Gräbern vor
ween­Dekorationen weihnächtlich geschmückt:
gedient. Der Dung der Schafe verbessert das
Vorboten der seltsamen Mischung aus Besinn­
Bodenleben, liefert kontinuierlich Nährstoffe
lichkeit und Profitmaximierung im Zeichen des
und führt so zu gleichmässigem Wuchs und
Jahresschlussverkaufs.
einer verbesserten Nadelfarbe der zukünftigen
Ganz anders die Stimmung im Albisgüetli und
Christbäume.
am Hönggerberg: Zwischen Tännchen weiden
Die äusserst genügsamen Shropshires erleich­
Shropshire­Schafe, eine im 19. Jahrhundert ur­
tern die Arbeit der Forstmitarbeiter und ent­
sprünglich auf Schönheit gezüchtete Schafrasse.
lasten die Stadtkasse um den Gegenwert von
Ein dänischer Weihnachtsbaumzüchter hatte
rund tausend Arbeitstunden pro Jahr – Salzleck­
1980 eine Herde Shropshires im Park eines
stein­Pause inklusive.
Grün
StadtWeihnachtsbaum
Zürich hat
die
Lösung:
Der ökologische
direkt aus
dem Zürcher
Stadtwald Kinder und
Engländers beobachtet und mit Erstaunen fest­
Die kleine Herde setzt sich zusammen aus
Enkelkinder zu den Forstgärten Albisgüetli oder
gestellt, dass die Tiere beim Grasen im Gegen­
18 Tieren, darunter ein Bock, drei Jung­ und
satz zu allen anderen Schafrassen die zarten
vierzehn Muttertiere. Fleissig wird von den zot­
Spitzen der Nadelbäume unversehrt liessen.
teligen Arbeitskräften jeder Quadratzentimeter
schenken – ein Erlebnis für die ganze Familie!
Damit war das Berufsbild für Schafe in Weih­
Gras und Unkraut anspruchslos und effizient
22. Dezember im Forstgarten Hönggerberg
nachtsbaumkulturen perfekt! Sie halten das
weggefressen, bis Ende Oktober ihr Einsatz zu
Details siehe: www.stadt-zuerich.ch/gruenagenda
Gras zwischen den Bäumchen kurz und sorgen
Ende ist.
Weihnachtsbaum online bestellen unter:
damit für optimale Wachstumsbedingungen für
Text und Bilder: Tonia Marzano; Vreni Graf
die kleinen Tannen.
ist ebenfalls recht anspruchslos. Statt eines Stalls
dem knabbernden Zugriff der Schafe.
holenstein & holenstein
› Keine Lust auf Vorweihnachtshektik?
Tel. 044 463 14 04 www.stadt-zuerich.ch/gsz
FSC zertifizierter Betrieb:
Wir bewirtschaften unsere Wälder verantwortungsvoll.
SGS-FM/COC-0371 ©1996 FSC A.C.
Hönggerberg mitnehmen und einen FSC-zertifizierten «Frischbaum» aussuchen, eigenhändig
schneiden, nach Hause tragen oder weiterver-
www.stadt-zuerich.ch/wald > Produkte aus
dem Stadtwald
Grünzeit Januar 2008
19
Bücherbord
F reibad L etzigraben
B otanische G ä rten
B aumriesen in D eutschland
Eine Bilder- und Aufsatzsammlung rund um das
Um 1546 entstanden in Italien die ersten bota­
Der Lindenfan Michael Brunner unternimmt
in den 1940er Jahren von Max Frisch und Gustav­
nischen Gärten. 1589 folgte in Basel der erste
regelmässig Reisen und Exkursionen zu alten
Ammann erbaute Freibad, das im Mai 2007 nach
botanische Garten diesseits der Alpen, der
Bäumen in ganz Europa. Eine unheimliche
umfassender Instandstellung neu eröffnet wurde.
­somit zu den ältesten der Welt gehört. Die
Fleissarbeit und ein Plädoyer zum Schutz und
Freibad Letzigraben von Max Frisch und
Publikation führt zu 27 botanischen Gärten
Erhalt der Linden auch in der Schweiz.
Gustav Ammann. Mit Beiträgen von Ulrich Binder u.a.
und thematischen Pflanzensammlungen in der
Bedeutende Linden: 400 Baumriesen Deutschlands
Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2007
Schweiz. Jedes Gartenporträt enthält Angaben
Michael Brunner
144 Seiten, 44 Franken
zu den Besonderheiten der Sammlung sowie
Bern: Haupt Verlag, 2007
Tipps für den Besuch mit Kindern.
328 Seiten, 79 Franken
V ögel beobachten
Botanische Gärten der Schweiz
Bereits in der 3. Auflage erscheint das handliche
Colette Gremaud
W ertvoll wie S maragde
Buch mit Vorschlägen für ornithologische Wan­
Bern: Ott Verlag, 2007
Hinter dem europäischen Smaragd-Projekt
derungen. Es stellt 50 Gebiete in der Schweiz
172 Seiten, 48 Franken
steht die Einsicht, dass die Biodiversität nur mit
und im angrenzenden Ausland vor, die sich be­
internationalen Netzwerken gesichert werden
sonders gut für die Beobachtung von Vögeln
E in R aubtier ziehts in die S tadt
kann. Einige Arten finden sich in den von Men­
eignen. Mit Hinweisen zur Anreise mit öffent­
Das reich bebilderte Buch zeigt auf, wie Kon­
schen geprägten Lebensräumen gut zurecht,
lichen Verkehrsmitteln und zu Übernachtungs­
flikte zwischen Mensch und Fuchs vermieden
andere nicht. Der Autor hat Wildtierbiologen
möglichkeiten.
werden können.
in der Schweiz auf ihren Streifzügen begleitet,
Vögel beobachten in der Schweiz
Stadtfüchse
Forschungsprojekte mitverfolgt und zeigt, wie
Marco Sacchi u.a.
Ein Wildtier erobert den Siedlungsraum
Ideen für den Artenschutz entwickelt und um­
Bern: Ott Verlag, 2007
Sandra Gloor, Fabio Bontadina, Daniel Hegglin
gesetzt werden.
294 Seiten, 38 Franken (Spezialwanderführer)
Bern: Haupt Verlag, 2006
Biber, Wolf und Wachtelkönig
189 Seiten, 39.90 Franken
23 Wildtiere des Smaragd-Programms
Zustand und Zukunft des Waldes
20
Hansjakob Baumgartner
Viele Waldbesitzer sind kaum noch in der Lage,
S mall is beautiful
Bern: Haupt Verlag, 2007
die Kosten für die Bewirtschaftung und Pflege
Schon eine Regenpfütze liefert Material für
224 Seiten, 39.90 Franken
ihrer Wälder zu decken. Das Buch liefert eine
aufregende Beobachtungen am Binokular. An­
Bestandesaufnahme des Schweizer Waldes und
schaulich und verständlich stellt der pensio­
U rbane F reir ä ume
skizziert einen möglichen Weg, damit die Wäl­
nierte Biologielehrer Pedro Galliker die Unter­
Das schön gestaltete Buch erzählt von Beispie­
der weiterhin ihre wichtigen Funktionen erfüllen
wasserwelt und ihre kleinen Bewohner vor.
len in Basel, Bern und Berlin, wo nicht nur Pio­
können: Als Schutz gegen Naturkatastrophen,
Abenteuer Mikrowelt: Exkursionen in die
nierpflanzen, sondern auch der Austausch un­
Garanten der Artenvielfalt, Hüter der Wasser­
geheimnisvolle Welt der Kleinstlebewesen
ter den Quartierbewohnern wieder zum Blühen
reserven, grüne Lungen und Erholungsräume.
Pedro Galliker
kam. Mit Tipps, Anregungen und Vorschlägen,
Wie steht’s um unseren Wald?
Bern: Haupt Verlag, 2007
die zum Nachahmen anregen.
Zustand und Zukunft der Schweizer Wäder
175 Seiten, mit DVD, 58 Franken
Brachland: Urbane Freiräume neu entdecken
Elisabeth Graf Pannatier
Sabine Tschäppeler, Sabine Gresch, Martin Beutler
Bern: Haupt Verlag, 2006
Bern: Haupt Verlag, 2007
150 Seiten, 19.80 Franken
127 Seiten, 29 Franken
Grünzeit Januar 2008
_rubrik
Mein grünes Zürich
Ellen Ringier
Juristin, Fundraiserin, Sozialtäterin
Die 56-jährige Luzernerin ist bekannt für Ihr soziales
Engagement und tritt für eine Gesellschaft ohne Rassismus
und Antisemitismus ein. Sie präsidiert ausserdem die
Ringier-Sozialstiftung «Humanitas» und die Stiftung «Elternsein», welche das Magazin für Eltern schulpflichtiger
Kinder «Fritz und Fränzi» herausgibt. Als Stiftungsrätin setzt
sie sich unter anderem für die schweizerische Pfadi und
das Konzerthaus Luzern ein. Sie wohnt mit ihrem Mann,
dem Verleger Michael Ringier, und zwei Töchtern in Küsnacht
und hat ihr Büro im Zürcher Seefeld.
«Für einen Baum heisse ich nicht Frau Ringier»
«Das Naherholungsgebiet in meinem Alltag ist der Utoquai, wo ich oft
eine passionierte Reiterin, und beide snowboarden ganz gern, aber sonst
meine Mittagspause verbringe – das ist dann ein Moment der Ruhe in
gehen sie so wenig wie möglich nach draussen. Naja, Teenager eben,
meinem meist hektischen Arbeitstag. Die Atmosphäre am Quai erinnert
die müssen vieles anders machen als die Eltern.
mich intensiv an meine Kindheit in Luzern. Wir wohnten am rechten
Ich selber habe auch heute noch eine starke Beziehung zur Natur – wo­
Seeufer, und mein Schulweg in die Stadt – viermal täglich 30 Minuten
bei sie mir besonders gut in Form grosszügiger, mit Bedacht geordneter
im Eilschritt! – führte am Schweizerhofquai entlang. Im Gymi begann
Grünräume gefällt. In den 1980er Jahren arbeitete ich in einer Anwalts­
die erste Stunde öfter schon um sieben, so dass ich bereits um viertel
kanzlei in der Nähe des Rieterparks, der für mich ein Ort der Kraft und
nach sechs unterwegs war und im Winter die erste Spur in den tiefen
der Ruhe ist; vor allem die prachtvollen alten Bäume geben ihm ein be­
Schnee stapfte oder im Herbst rauschende Platanenblätter aufwirbelte
sonderes Gepräge. Dass Zürich sich so wunderschöne, gepflegte Parks
– das habe ich in besonders schöner Erinnerung. Überhaupt war ich als
und überhaupt so viel Grünes leisten kann, ist ein grosses Glück. Ich
Kind sehr oft draussen in der Natur. Es gab ja die heutigen medialen
kenne viele Grossstädte, die seelenlos sind, weil sie kaum Naturräume
Zerstreuungen noch nicht, und ein Musikinstrument konnte ich wegen
haben – zum Beispiel Bangkok, wo wir neulich erst waren. Da muss
hoffnungsloser Unmusikalität, vor der auch die Ballettlehrerin kapitu­
jeder Quadratzentimeter genutzt, das heisst bebaut und kommerziell
liert hatte, nicht spielen. Also blieben als Freizeitbeschäftigungen Lesen,
ausgebeutet werden; ein Baum scheint nutzlos und hat keinen Platz.
Pfadi und viel, viel Sport: Schwimmen, Tennis, Skirennen, Golf, Klettern,
Dabei sind doch gerade die Bäume so wichtig, weil sie uns auf elegante
Segeln, Langlaufen, Reiten… Ich habe kaum eine Sportart ausgelassen.
Art, nämlich allein durch ihre Präsenz diskret darauf hinweisen, wer wir
Frische Luft schnappen war unser Hausrezept gegen alles. Bei Adoles­
eigentlich sind auf diesem Planeten: Niemande. Die meisten grossen
zenzbeschwerden zum Beispiel gab es keine pädagogische Intervention,
Bäume hier am See zum Beispiel waren schon da, bevor wir da waren
psychologische Beratung, Therapie und weiss ich nicht was alles. Wenn
und werden noch da stehen, wenn wir schon lange wieder weg sind.
eines von uns drei Mädchen ‹den Brüeli drin hatte›, sagte der Vater: ‹Raus
Ihnen ist es völlig wurscht, wer ich bin und wer mein Mann ist, und ob
in den Wald, dann gehts dir wieder besser.› So war damals das Leben.
jemand von uns gestern am Fernsehen zu sehen war – für einen Baum
Der Utoquai ist für mich die Verbindung zu dieser früheren Welt, die so
heisse ich nicht Frau Ringier. Also seien wir doch alle etwas demütiger
sehr im Gegensatz zur heutigen steht. Meine Töchter würden schön
und tun nicht so wichtig.»
schauen, wenn ich sie in den Wald schicken wollte! Die eine ist zwar
Aufzeichnung: Isabel Baumberger
Bild: Susi Lindig
Grünzeit Januar 2008
21
2
DIE SCHÖNSTE ART, AUF DEN
UETLIBERG ZU KOMMEN.
Ein Ausflug auf den Uetzgi ist immer etwas
Besonderes. Am schönsten ist die Fahrt
mit unserem nostalgischen Bähnli, dem liebevoll restaurierten «Uetlibergtram» aus dem
Jahre 1923. Mieten Sie es für Ihren besonderen
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Seele and Geist
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