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BONIFATIUS UND DIE »SEELE EUROPAS« »WAS IST GLÜCK

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3 • 2004
zur Praxis des Religionsunterrichtes
forum
religion
mit Medienservice
themenschwerpunkt
medienbeitrag
BONIFATIUS UND DIE FOLGEN
BONIFATIUS UND DIE »SEELE EUROPAS«
Zum 1250. Todestag des Missionars – Informationen und Materialien für Sek I/II
unterrichtsentwurf
»WAS IST GLÜCK?«
Unterrichtsimpulse zu Fragen nach Glück und Unglück, Zufall und Schicksal
werkstatt schule
TESTFALL »MATTHÄI AM LETZTEN«
Kinder untersuchen Kinderbibeln an einem christlichen Grund-Text
Liebe Leserin,
lieber Leser,
INHALT
»Was ist Europa? – Ein Getümmel sich erbittert herumschlagender Nachbarn« schreibt
der französische Philosoph Paul Hazard in seinem Buch »Die Krise des europäischen
Geistes« 1939, wohl in Vorahnung des Unheils, das noch kommen sollte. Aber er fügt
hinzu: »Und doch hört man, wenn man lange dem Klagen gelauscht hat, aus diesem
gequälten Stück Erde allmählich einen Hymnus aufsteigen, dem keine Macht der Welt
gleichkommt ...«
Welcher »Hymnus« wird im Europa der Zukunft zu hören sein, auf welchen Grundlagen
wird und soll er beruhen?
Mindestens zwei Ereignisse des Jahres 2004 geben Anlass, darüber nachzudenken: Die
»Ost-Erweiterung« der europäischen Union am 1. Mai und das Gedenken an den Missionar Bonifatius, der am 5. Juni vor 1250 Jahren ermordet wurde. Sein Wirken steht
für die Christianisierung unserer Vorfahren und damit zugleich für die Geburtsstunde
des »christlichen Europa«.
Das vorliegende Heft nimmt beides auf und versucht, »Bonifatius« als exemplarisches
(kirchen-)geschichtliches Thema in seiner »Tiefenwirkung«, besonders im Blick auf die
Frage nach der Identität Europas, zu entfalten. Was haben christlicher Glaube, Bildung
und Kultur beigetragen, was sollen sie zukünftig beitragen zu diesem Europa, das sich
zwar nicht mehr »erbittert herumschlägt«, wohl aber mit neuen Problemen nicht nur
wirtschaftlicher Art zu tun hat, die seinen »Hymnus« (Jacques Delors prägte das Wort
von der »Seele«) zu ersticken drohen?
Dabei versuchen die Beiträge von Bernhard Böttge, Susanne Merten und Doris WimmerHempfling geschichtliche und religiöse Zusammenhänge von damals bis heute für den
Unterricht aufzubereiten. Der Beitrag von Reiner Andreas Neuschäfer nimmt den entscheidenden christlichen Missionstext (»Matthäi am letzten«) auf und kombiniert exegetische Überlegungen mit Anregungen, wie Schüler/innen in der Grundschule daran
Kinderbibeln selbst »unter die Lupe nehmen« können.
Einen Nachtrag zum Thema des vorigen Heftes bieten die Unterrichtsideen von Rainer
Oberthür zum Thema »Glück« für die Grundschule. Der Autor von »Neles Buch der großen Fragen« bezieht das den Leser/innen von »forum religion« schon aus Heft 2/2001
bekannte Globus-Spiel mit ein, das die Kinder nicht nur zum Spielen, sondern zu vielen
Fragen über »Glück« und »Pech« anregt. Es ist über das pti Kassel zu beziehen.
Bernhard Böttge
Bonifatius – oder die Professionalität des RU
2
zum thema
medienbeitrag
Bernhard Böttge
unter Mitarbeit von
Susanne Merten und Sabine Reich
Bonifatius und die »Seele Europas«
Zum 1250. Todestag des Missionars – Informationen u. Materialien für Sek I/II 4
Susanne Merten
Was vor Bonifatius war ...
Lektüretext für Schüler/innen (M 1) 15
Doris Wimmer-Hempfling
Germanische Eichen und heidnische
Seelen
Ein Spielvorschlag zu Bonifatius
für Sek I (M 9)
19
werkstatt schule
Reiner Andreas Neuschäfer
Testfall »Matthäi am letzten«
Kinder untersuchen Kinderbibeln an
einem christlichen Grund-Text
23
unterrichtsentwurf
Rainer Oberthür
unter Mitarbeit von Alois Mayer
»Was ist Glück?«
Unterrichtsimpulse zu Fragen nach Glück
und Unglück, Zufall und Schicksal
32
Bernhard Böttge
rezension
filmtipp
materialien
41
42
44
1
forum religion 3/2004
zum thema
Bonifatius –
oder die Professionalität des RU
Von Bernhard Böttge
Kirchengeschichtliche Themen gehören gewiss nicht zu den »Muntermachern« im Religionsunterricht.
Dieses Schicksal teilen sie mit Themen, die sich mit biblischen Texten
beschäftigen. Es fällt im RU schwer,
für diese »alten« Inhalte das Interesse der Schüler/innen zu gewinnen.
Damit steht der RU vor dem merkwürdigen Dilemma, dass gerade die
Inhalte, die zu seiner Substanz und
Professionalität gehören, offenkundig besonders schwer zu vermitteln
sind. Dies steht in einem merkwürdigen Gegensatz dazu, dass historische
Inhalte, in einem weiten Bogen von
»Harry Potter« bis zum »Herrn der Ringe«, der »Passion Christi« und vielen
Computerspielen, die archaische historische Elemente verwenden, auf großes Interesse stoßen.
Da wird Vergangenheit offenbar als
etwas Faszinierendes erlebt. Die Frage, die den Unterricht lähmen kann
wie kaum eine andere: »Warum müssen wir diese alten Sachen machen?«
stellt sich hier offensichtlich nicht.
Wie sind diese gegensätzlichen Erfahrungen zu erklären? Sicherlich
liegt es zum einen an der medialen
»Performance«, mit der der Schulunterricht kaum konkurrieren kann.
Aber hat es nicht auch damit zu tun,
dass Inhalte im Unterricht, seien sie
aus der Bibel oder Kirchengeschichte,
von vornherein – als gäbe es da nichts
Spannendes zu lernen – unter der
pädagogischen Rechtfertigung »verlangweilen«: »das ist wichtig, weil ...«
(wir müssen schließlich wissen, warum wir christlich sind, was die Grundlagen »unserer« Kultur sind ...)? Im
Zusammenhang mit Bonifatius ließen
sich ja bedeutende Gründe nennen:
2
forum religion 3/2004
Sein Wirken symbolisiert nichts
weniger als die Geburt einer neuen
Welt, die Ablösung der rund tausendjährigen antiken Ordnung des römischen Reiches, die Überwindung der
»heidnischen« Religiosität durch das
Christentum und das Entstehen des
heutigen Europa. Aber: Um diesen
Schatz zu heben, müsste ein neuer
Fragehorizont entstehen!
Wie und warum geschah es, dass
die mittel- und nordeuropäischen
Völker ihre bisherige Religion hinter
sich ließen? In welcher Weise haben
staatliche und kirchliche Kräfte darauf eingewirkt, was haben die Menschen dadurch gewonnen, was ging
ihnen aber auch verloren?
Zweifellos: Der christliche Glaube hat
während seines Siegeszugs im römischen Imperium eine Metamorphose durchgemacht. Sie setzt sich nun
fort in der Christianisierung der
mittel- und nordeuorpäischen Gebiete. Was bedeutet es, wenn ein Glaube, der sich zunächst nur durch Predigt und Praxis ausbreitete, nun zur
staatlich geförderten Christianisierung im päpstlichen Auftrag wird?
Diese Aspekte wurden sehr unterschiedlich bewertet aus katholischer
und protestantischer Sicht. Gab es
zunächst eine Übereinstimmung zumindest darin, dass man Bonifatius
die Befreiung unserer Vorfahren von
der »Fessel des Heidentums« zuschrieb und im christlichen Glauben
eine europäische Gemeinsamkeit
unabhängig von der Volkszugehörigkeit sah, so änderte sich dies auf
dem Hintergrund der revolutionären
und nationalstaatlichen Tendenzen
im 19. Jahrhundert. Katholische In-
terpreten (wie Ignaz Döllinger) betonten nun, dass nur durch die enge
Bindung an Rom, die der Missionar
praktizierte, das Heidentum überwunden und die Voraussetzungen für
das Entstehen einer deutschen Nation geschaffen wurden. Protestantische Stimmen (wie David Erdmann)
sprachen jedoch davon, Bonifatius
habe die Vorfahren unter das »römische Joch« gezwungen. Nicht Bonifatius, sondern Martin Luther sei der
wahre »Apostel der Deutschen«,
denn er habe dieses Joch abgeschüttelt – so wie in der Schlacht im Teutoburger Walde »Hermann der Cherusker« die Germanen vom Joch des
römischen Imperiums befreit habe.
Mit heroischen Denkmälern suchten
diese kontroversen Sichtweisen um
1850 herum ihren Ausdruck: es entstanden das Bonifatius-Denkmal in
Fulda, das Luther-Denkmal in Wittenberg und das Hermanns-Denkmal in
der Nähe von Detmold, interessanterweise auch das Vercingetorix-Denkmal in Alésia (Frankreich).
Sahen Protestanten in den nationalen Freiheitsbestrebungen des 19.
Jh. eine Fortsetzung der Befreiung,
die durch Luther erreicht worden sei
(auch die Fortsetzung deutsch-nationaler Bestrebungen, die Luther zugeschrieben wurden), ließ die katholische Deutung Bonifatius wieder die
Axt schwingen – gegen die Bäume
der Revolution und Aufklärung, des
nationalen, »romfreien« Denkens,
der protestantischen Spalterei. In
dieser Kontroverse trat die Bezeichnung »Apostel der Deutschen«, die
schon im Mittelalter geprägt wurde,
verständlicherweise zurück. Nach
dem zweiten Weltkrieg mehren sich
zum thema
die Stimmen, die den Bogen weiter
spannen und die Bedeutung des Bonifatius für das Werden des heutigen
Europas betonen. Aus dem »Apostel
der Deutschen« wird der »Apostel
Europas«. Bei den 1200-Jahr-Feiern
des Bonifatius 1954 in Fulda rief
Bundeskanzler Konrad Adenauer aus:
»... Bonifatius ist nicht nur der Apostel der Deutschen. Er ist Europäer ...
Er erweckte durch seine Reisen nach
Frankreich und Italien das Gefühl der
Zusammengehörigkeit in den Völkern
Europas. Diese Idee blieb 12 Jahrhunderte am Leben ... Mit ihr, also dem
Lebenswerk des Heiligen Bonifatius,
ist das Wirken ... der europäischen
Politiker von heute aufs engste verbunden ...« (13. Juni 1954).
Nach dem 01.05.2004, mit dem Beitritt der zehn osteuropäischen Länder in die EU, hat sich der »Schwerpunkt« Europas weiter nach Osten
verlagert, und damit vom bonifatianisch-karolingischen Bereich (des
»Kerneuropa«) auf die Bereiche der
Slawenmission, die mit den Namen
Methodius und Cyrill (um 850) verbunden sind. Trotz vieler Gegensätze
war es aber das Christentum, das
eine Klammer für die Völker Europas
und ein gemeinsames Bewußtsein
entwickelte, das das national-staatliche Denken später wieder zerstörte,
bevor es mit der europäischen Einigung neu entstand.
Aus all dem erwachsen für die Bearbeitung des Themas im RU wichtige,
aktuelle Perspektiven: Inwiefern gehören christlicher Glaube, Kultur und
Bildung – durchaus auf dem Hintergrund der »heidnischen« Religion der
Vorfahren – zu den Wurzeln Europas?
Was bedeuten sie uns, wie können
sie neu zur Geltung gebracht werden,
was tragen sie zur »Seele« Europas
(Jacques Delors) bei? Können sie helfen, aus Europa mehr zu machen als
einen gemeinsamen Markt mit
gemeinsamer Währung? Was heißt
»Mission« angesichts religiöser, gesellschaftlicher Pluralität und GleichGültigkeit? Ist es notwendig, Christ zu
sein? Kann man nicht als Anders-
oder Ungläubiger genauso gut leben?
Wäre es aus der geschichtlichen Erfahrung geboten, den »Gottesbezug«
in die europäische Verfassung doch
aufzunehmen? Gehört der Islam zu
»Europa«?
All das ist mit der Thematik »Bonifatius« verbunden und zeigt die grundlegende Bedeutung geschichtlicher
und biblischer Dimensionen im Religionsunterricht. Geschichte ist (auch)
Gegenwart; aber Gegenwart ist (auch)
Geschichte. Der biblische Glaube betrachtet die Wirklichkeit im Werden. Er
nimmt den sichtbaren Teil des Ganzen
nicht als das einzig Gegebene hin, sondern schaut, »was darunter« ist und
wie es sich in der Zukunft entwickeln
kann.
Das Vergangene ist also keineswegs
Vergangenheit. Vor der Lebensdynamik
Gottes gibt es nichts, das endgültig
»beendet« wäre. »Vor ihm ist alles
lebendig« (vergl. Lk 20, 38). Das ist
»Wissen, das tiefer geht«. Im Bild des
Eisbergs wird es deutlich: Dieses Wissen kann lebensbewahrend sein. Solches Wissen zu vermitteln macht die
Professionalität des RU aus. Dazu sind
geschichtliche und biblische Dimensionen unerlässlich.
Der französische Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie, Mitbegründer
der »Nouvelle Histoire« in Frankreich, formulierte einmal: »Explorer
le passé c’est préparer l’avenir« (»Das
Vergangene erforschen heißt: das
Kommende vorbereiten«).
Schwer vorstellbar, dass Schüler/innen daran kein Interesse haben
könnten ...
Religion: Wissen, das tiefer geht (Folie F 8/siehe Medienbeitrag);
die passende Werbung zur »Professionalität des Religionsunterrichtes ...«
Mit freundlicher Genehmigung der BHF-Bank Ffm.
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forum religion 3/2004
medienbeitrag
Bonifatius und die »Seele Europas«
Zum 1250. Todestag des Missionars – Informationen und Materialien für Sek I/II
Von Bernhard Böttge
unter Mitarbeit von Susanne Merten und Sabine Reich
Bonifatius – Geburt einer neuen Welt
Die Vor-Geschichte
Als Wynfreth, der spätere Bonifatius, wohl zwischen 672
und 675 in Wessex, in der Nähe von Exeter, geboren wurde und 716 mit einer Reise zu den Friesen seine Missionstätigkeit auf dem Festland zunächst erfolglos begann, waren grundlegende Weichenstellungen, die zur
»Geburt einer neuen Welt« führten, schon vollzogen.
Während das oströmische Reich mit der Hauptstadt
Byzanz/Konstantinopel noch lange, nämlich bis zur
Niederlage gegen die Türken 1451 bestand, hatte im Jahre 476 bereits das weströmische Reich mit dem Sturz des
Kaisers Romulus Augustulus durch den germanischen
Heerführer Odoaker sein Ende gefunden. Schon vorher
hatten sich die Germanen von Nordosteuropa kommend in
den Süden ausgebreitet. Sie haben dabei auch noch Reste der früheren keltischen Bevölkerung verdrängt, die
zuvor großenteils bereits vor den Römern über die Bretagne nach England und Irland geflohen waren, nach der
legendären Schlacht um Alésia, in der sich ihr letzter Führer, Vercingetorix, Gaius Julius Cäsar ergab (52 v. Chr.). In
Gallien hielt sich die römische Herrschaft noch zehn Jahre länger als in Italien; 486 jedoch bezwang der Frankenkönig Chlodwig bei Soissons den letzten römischen
Machthaber Syagrius. Die Franken erwiesen sich in den
folgenden dramatischen Völkerbewegungen als neue Ordnungsmacht, teils durch militärische Siege, teils durch
Abkommen und Heiraten. Die Heirat Chlodwigs mit der
burgundischen Königstochter Chlothilde sollte von besonderer Bedeutung werden. Sie war, anders als ihr zukünftiger Gatte, bereits Christin. Sie hatte offenbar großen
Anteil daran, dass ihr Mann sich 498 in der Kathedrale zu
Reims taufen ließ. Der Bischof von Tours, Gregor,
beschreibt rund 100 Jahre später in seinen »Zehn
Büchern der Geschichte«, wie sich dies zugetragen habe:
Zunächst hoffte Chlothilde vergeblich, dass ihr Mann wenigstens zustimmte, ihren ersten Sohn zu taufen. Dann aber
brachte, wie bei dem römischen Kaiser Konstantin 312, ein
Gelübde vor einer Schlacht die Wende. Beim Kampf gegen
die Alemannen schwor der König, sollte ihm der Sieg
zuteil werden, wolle er das als Machterweis des Christen4
forum religion 3/2004
gottes betrachten und sich taufen lassen. Bald nach dem
Sieg ließ die Königin den Bischof Remigius von Reims
kommen und die Taufe vorbereiten. Die Darstellung des
Gregor von Tous ist sicherlich an dem Vorbild des Kirchenvaters Eusebius (Bischof der römischen Garnisonsstadt Caesarea in Palästina um 314) orientiert, der die
Begleitumstände der Zuwendung Konstantins zum Christentum schildert. Auch wenn legendarische Ausschmückungen zu vermuten sind, scheint sich ein Kernbestand
von Umständen zu ergeben, die bei einem Sinneswandel
ehemals heidnischer Führer zum Christentum hin eine
Rolle spielten:
• christliche Einflüsse aus der unmittelbaren eigenen
Umgebung
• eine situative Zuspitzung (etwa im Sinne eines religiösen Gelübdes: Wenn ich siege – dann werde ich ...)
• eine politisch-gesellschaftliche Interessenlage.
Chlodwig hatte mit seiner Taufe, der sich viele seiner
Herzöge anschlossen, auch eine kirchenpolitische Weichenstellung vollzogen: Er wurde dadurch nämlich »rechtgläubiger« Christ, anders als viele Germanenstämme wie
Goten, Wandalen, Burgunder und Langobarden, die noch
bis ins siebte Jahrhundert hinein das auf dem Konzil von
Nicäa 325 verurteilte arianische Glaubensbekenntnis hatten. Es war Konstantin, der das Dogma von der Wesengleichheit von Gott-Vater, Sohn und Hl. Geist, das gegen
die Lehre des Arius von der Wesensähnlichkeit formuliert
wurde, als Reichsgesetz verkünden ließ. Damit war die Verbindung des Frankenreichs zur religiösen Zentrale in Rom,
gegeben und zugleich die Verbindung zum ehemaligen
Römerimperium.
Auch wenn das Frankenreich nach Chlodwig (+ 511) unter
seinen Söhnen aufgeteilt wird, behält es seine führende
Stellung in Mitteleuropa und wird durch erfolgreiche Eroberungen (etwa des Königreiches Thüringen 531) vergrößert und gefestigt. Im sechsten Jahrhundert wird die »Lex
Salica«, ein Rechtskodex der salischen Franken, formuliert.
Dort heißt es in der »Präambel«: »Vivat qui Francos diligit
Christus« (»Es lebe Christus, der die Franken liebt«). Wenn
man so will, findet diese bei Chlodwig eröffnete geschichtliche Perspektive ihren Zielpunkt in der Kaiserkrönung Karls
medienbeitrag
des Großen in Rom im Jahre 800 und setzt sich fort im
»Heiligen Römischen Reich deutscher Nation« bis zu dessen
formeller Auflösung 1803.
Die Kirchenstruktur jedoch im Frankenreich war zunächst
vom Papsttum wenig zu beeinflussen; der König besetzte
Bischofsstühle mit eigenen Vertrauten, oft ohne Rücksicht auf die Eignung der betreffenden Personen. Es handelte sich im Grunde um eine Landeskirche mit römischem Bekenntnis; eine Struktur, die in der Reformation
mit dem landesherrlichen Kirchenregiment wieder auflebte. Wie entwickelte sich auf diesem Hintergrund die
christliche Mission?
Da lassen sich von Chlodwig bis in die Zeit des Bonifatius
(in der Karl Martell als »Hausmaier« so bedeutend war,
dass der Königssitz lange Zeit unbesetzt blieb), drei Phasen unterscheiden:
• nach der Taufe Chlodwigs, die die Taufe vieler aus der
Führungsschicht nach sich zog, war das Land offen für
»römische« Missionare, die aus Gallien (vor allem
Mönche aus dem Rhônetal) in den nördlichen Landesteilen und neu eroberten Gebieten tätig wurden
• dann setzte etwas ganz anderes ein, nämlich die Missionsarbeit der iroschottischen Mönche, die keine
enge Verbindung zu Rom hatten
• schließlich wurde die Mission von angelsächsischen
benediktinischen Mönchen fortgeführt, die eine enge
Verbindung zu Rom hatten. In diesem Kontext steht Bonifatius, der nach seinem ersten erfolglosen Missionsversuch auf »eigene Faust« 716 in Friesland konsequent
die Verbindung zum Papsttum suchte und seine weitere
Arbeit in enger Kooperation mit Rom durchführte.
Die iroschottische Mission
Auf dem Fundament der Propheten und Apostel
Bereits vor 400 scheint das Christentum Irland erreicht
zu haben. 431 wird der Diakon Palladius von Papst Coelestin als Bischof zu den Iren gesandt. Als eigentlicher
Missionar Irlands muss aber der Brite Patrick gelten (ca.
385 - 461), der Nachfolger des Palladius wurde. In der
städtelosen Insel bildeten nicht die Bischofssitze, sondern Klöster die religiösen Zentren. Strenge Bußdisziplin,
Ehelosigkeit und ein asketisches Leben waren die Grundlagen, die auf die Bevölkerung offensichtlich glaubwürdig
und attraktiv wirkten; vielleicht sah man in diesen Mönchen die alte Tradition der Druiden sich fortsetzen. Bei
manchen dieser irischen Mönche lässt sich aus den Namen eine keltische Abstammung nahe legen, so etwa bei
Korbinian. Ironie des Schicksals: Die Kelten, nach ihrer
Verdrängung aus Mitteleuropa auf die britischen Inseln
und Irland gleichsam die »Verlierer« der Entwicklung,
kommen als christliche Missionare mit religiösem Feuereifer nach Mitteleuropa zurück. Der wichtigste war
Columbian der Jüngere (530 - 615). Mit 12 Gefährten, wie
seinerzeit Christus mit den Aposteln, brach er 590 aus
Irland auf und reiste missionierend durch die Bretagne,
durch Gallien und Burgund, um schließlich in den Vogesen drei Klöster mit einer strengen Regel zu gründen, die
zu einem Anziehungspunkt für Scharen von jungen Männern wurden, die sich für das Mönchsideal begeisterten.
Dabei scherte er sich offensichtlich wenig um die Regel
des hl. Benedikt, die ja schon seit 529 bestand und kirchliche Anerkennung gefunden hatte. War Benedikt an einer
Regel für ein monastisches Leben in der Gemeinschaft
gelegen, atmet die Regel des Columbanus den Geist des
strengen Eremitentums. Entsprechend unbeliebt machte
er sich gegenüber den eher lässigen Sitten in den Adelsund Königshäusern, die ihn zur Flucht aus dem Elsass
zwangen.
Die angelsächsische Mission
Auf dem Fundament der römischen Kirche
Das Christentum unter den Angelsachsen fußte auf anderen Voraussetzungen und offensichtlich auch einer anderen Mentalität. 596 hatte Papst Gregor d. Gr. (590 604) den Prior des benediktinischen Andreasklosters in
Rom mit 40 Mönchen nach England entsandt. Sie wurden
freundlich aufgenommen und machten Canterbury zu
ihrem Zentrum. Schon Weihnachten 597 gelang ihnen die
Taufe von etwa 10.000 Personen.
Papst Gregor gab in einem Brief nach Canterbury 601
den Ratschlag, sensibel und klug mit den bestehenden
religiösen Bräuchen umzugehen und den »Heiden« nicht
alles zu nehmen, woran sie bisher Freude gehabt hätten:
»Denn wenn man den Menschen diese äußere Freude
gönnt, werden sie leichter die innere Freude finden. Wer
einen hohen Berg erklimmen will, tut das ... schrittweise
und langsam ...«. Ermutigt durch Erfolge, entsandte er
weitere Mönche nach England. Bald wurden ganze Königreiche christianisiert: Kent, Wessex (aus dem Bonifatius
stammte) und Northumbrien, das den Lehrer des Bonifatius, Willibrord, hervorbrachte. Als schließlich der hochgelehrte Theodor von Tarsus um 670 Bischof von Canterbury wurde, war die angelsächsische Kirche auf dem
Höhepunkt ihrer Kraft. Bedeutende Klosterschulen, auch
für Frauen, entstanden, eine Blüte der Wissenschaft setzte ein, der Name des Kirchenlehrers Beda Venerabilis (672
- 735) steht für diese Entwicklung. Bald schon fühlten
sich die angelsächsischen Benediktiner motiviert, ihre in
England praktisch abgeschlossene Missionsarbeit zu
ergänzen durch die Mission ihrer stamm- und sprachverwandten sächsischen und friesischen Festlandsnachbarn.
Dabei gingen sie anders vor als ihre iroschottischen Vorgänger: Hatten diese versucht, das einfache Volk zu
5
forum religion 3/2004
medienbeitrag
Folie 5.1
Stonehenge – Heiligtum und Sternwarte (um 2250 v. Chr.)
Folie 5.2
Gallo-römischer Tempelbezirk bei Nettersheim/Eifel (um 150 n. Chr.)
6
forum religion 3/2004
medienbeitrag
Folie 6.1
»Taufquelle« des Bonifatius
unterhalb Amöneburg
Folie 6.2
Pfalzkapelle (Dom) zu Aachen, 805 geweiht
Thron Karls des Großen
7
forum religion 3/2004
medienbeitrag
gewinnen und die Menschen durch eine asketische Lebenspraxis zu überzeugen, ohne sich um kirchliche Gesamtbelange zu kümmern, ließen sich die angelsächsischen Missionare ihre Arbeit vom Papst sanktionieren und
von den Frankenkönigen bzw. deren Beamten unterstützen. Ausgerüstet mit päpstlichen Sendschreiben und
fränkischen Schutzbriefen traten sie zuallererst vor die
regionalen Führer und Stammesherzöge des Volkes. Gelang es, diese zu gewinnen, war die konkrete Arbeit »vor
Ort« nur noch halb so schwierig. Genau diese Erfahrung
bestimmte wohl auch Bonifatius, der sich nach seinem
ersten Missionsversuch auf »eigene Rechnung« im Friesenreich schnell zurückzog und wenig später, nach einer
Romreise, ausgestattet mit päpstlichem Auftrag, seine
Arbeit zunächst im Frankenreich wiederaufnahm, wo er
sich in einigermaßen abgesicherten Rahmenbedingungen
bewegen konnte.
Der Weg des Bonifatius
Verbindung von Mission und Reform
Die Rahmendaten seines Lebens und Wirkens sind in M 8
dargestellt. Dabei ist zu beachten, dass es bei einigen
Daten Unsicherheiten in den Quellen gibt. Hauptquelle
sind eine Reihe von Briefen des Bonifatius, vor allem an
den Papst und dessen Antwortschreiben sowie die Lebensbeschreibung des angelsächsischen Benediktinermönchs Willibald, die um 760 entstanden ist.
Als etwa Siebenjähriger kam Wynfreth in das Kloster Exeter, später in das Kloster Nursling bei Winchester. Mit 30
Jahren wurde er zum Priester geweiht.
Seine Aufgabe war die Leitung der Klosterschule. Was
zunächst wie eine erfolgreiche »Klosterkarriere« anfing,
nahm 716 eine Wende, als er das Kloster verließ und sich
dem apostolischen Ideal der peregrinatio Christi verschrieb. Nur etwa ein halbes Jahr blieb er in Friesland, wo
er durch den heidnischen König Radbod zwar die Erlaubnis zur Mission, aber keinerlei Unterstützung erhielt.
Nach der Rückkehr in sein Kloster wurde er dort zum Abt
gewählt, ließ sich aber bald schon durch den Abt Stephan
ersetzen, um im Spätherbst 718 eine Reise nach Rom anzutreten. Am 15. Mai 719 überreicht ihm Papst Gregor II.
die Bevollmächtigungsurkunde zur Mission, um »... den
im Unglauben befangenen Völkern ... und unkundigen
Gemütern ... im Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit die Botschaft beider Testamente zu verkünden«.
Zugleich gibt der Papst dem Wynfreth eine neue Identität
für seine neue Aufgabe: Er nennt ihn nach dem Tagesheiligen des Vortags »Bonifatius« (Eutyches). Ausdrücklich
werden in der Urkunde die Amtsvorschriften zum Sakrament der Taufe erwähnt, an die der Missionar gebunden
ist. Gerade das Taufsakrament war für eine Missionstätigkeit von ausschlaggebender Bedeutung. Hier gab es im
8
forum religion 3/2004
Laufe der Missionsarbeit immer wieder Verwirrung, wenn
Bonifatius etwa auf Menschen stieß, die behaupteten
längst getauft zu sein, ohne es aber nachweisen zu können, oder deren Taufe von nicht befugten oder befähigten Geistlichen vollzogen worden war. Während Bonifatius in solchen Fällen am liebsten die Taufe noch einmal
»richtig« vollzogen hätte, hält der Papst an der grundlegenden Regel fest, dass eine zweite Taufe nicht statthaft
sei, selbst wenn die erste »ohne Abfragen des Bekenntnisses von ehebrecherischen und unwürdigen Priestern«
erfolgt sei. »Denn (der Täufling) hat das Geschenk dieser
Gnade nicht im Namen des Taufenden, sondern im Namen
der Dreifaltigkeit empfangen« (Brief Gregors II. an Bonifatius vom 22. November 726).
Mit päpstlichem Rückenwind versehen, reist Bonifatius
über Bayern, Thüringen und Hessen nach Utrecht in Friesland, offenbar motiviert von der Nachricht des Todes von
König Radbod. In Utrecht wirkte bereits Willibrord, der,
ebenfalls aus England kommend, seit 690 in Friesland
Mission betrieb und als der Lehrer des Bonifatius bezeichnet werden kann. Willibrord hatte vorgemacht, wie die
Rahmenbedingungen der Mission zu gestalten waren: Er
hatte sich zuvor in Rom »Erlaubnis und Segen« zur Mission geholt, hatte die Zusammenarbeit mit dem fränkischen Herrscher Pippin gesucht und setzte in dem Augenblick mit seiner Tätigkeit ein, als die Franken gerade
einen Sieg über die Friesen errungen und damit Einfluss
auf deren Gebiet gewonnen hatten. Außerdem hatte er
sich auf einer erneuten Romreise die Erzbischofswürde
geholt, die ihm nun das Recht gab, selbst Bischöfe zu
ernennen und damit Kirche zu organisieren. Dies sind
genau die Schritte, die Bonifatius selber im Zeitraum von
719 bis 732 (Verleihung des Pallium durch Papst Gregor
III.) vollzieht. Die besondere Fokussierung der Mission
auf die Friesen ergab sich daraus, dass dort noch überwiegend Nichtchristen lebten, während in den fränkischen Gebieten große Teile der Bevölkerung schon zum
Christentum übergetreten waren.
Doch Bonifatius sah seine Aufgabe offenbar nicht darin, länger neben Willibrord zu wirken. Nach drei Jahren
der Zusammenarbeit schlägt er das Angebot, in Utrecht
Chorbischof und später einmal Nachfolger Willibrords zu
werden, aus und begibt sich zur Missionsarbeit nach Hessen. Sein erster Stützpunkt dort war die fränkische Festung Amöneburg auf einem Basaltkegel nahe Marburg an
der Lahn gelegen. Dort gründete er 721/22 ein Kloster.
Am Fuße des Berges entspringt eine Quelle. Dies ist nach
der Überlieferung der Ort, an dem er die ersten Chatten
getauft haben soll (s. F 6.1). Amöneburg lag im Grenzbereich des fränkischen und friesischen Gebiets, insofern
geradezu ideal für die Missionsarbeit: Die Bevölkerung
war noch weitgehend heidnisch, aber zugleich gab es
schon einen (auch militärischen) Rückhalt im Franken-
medienbeitrag
reich. Auf seiner zweiten Romreise 722 wird Bonifatius
zum Bischof ohne festen Sitz geweiht. 723 kehrt er, mit
einem Schutzbrief von Karl Martell versehen, nach Hessen
zurück und verschiebt den Schwerpunkt seiner Arbeit
noch ein Stück nach Norden ins friesische Gebiet, in den
Raum von Fritzlar. Auch dort befand sich eine fränkische
Festung: Büraburg. Auch hier gründet er ein kleines Kloster; später (742) macht er Büraburg sogar zu einem
Bischofssitz, trotz der Skepsis des Papstes Zacharias, der
ihn mahnt, für Bischofssitze nicht allzu kleine Ortschaften auszuwählen. Die Skepsis war berechtigt: Das Bistum
überdauerte nur wenige Jahre. In dieser Gegend kam es
wohl auch zu dem Ereignis, das in der Wahrnehmung der
Kirchengeschichte eine ähnliche Bekanntheit und nahezu
mythologische Bedeutung erlangt hat wie der Thesenanschlag Luthers: Die Fällung der Donareiche. Nach Willibalds Vita Bonifatii geschah dies in Geismar, und tatsächlich gibt es bei Fritzlar einen Ort dieses Namens, der
dieses Ereignis für sich in Anspruch nehmen kann.
Willibald schildert, dass diese Aktion sogar auf Anraten
von Sympathisanten des Bonifatius zustande kam und
eine wunderbare Wirkung auf die Umstehenden hatte.
Die vier Stücke, in die der gefällte Baum zerbarst, nutzte
Bonifatius zum Bau einer dem Petrus geweihten Kapelle
an der Stelle, wo sich heute der Fritzlarer Dom erhebt. Ein
1999 errichtetes Denkmal auf dem Domplatz in Fritzlar
erinnert an dieses Ereignis.
Ab 724 wendet sich Bonifatius nach Thüringen. Schwerpunkt seiner Arbeit war der Raum Arnstadt/Erfurt/Ohrdruf. In Thüringen war die Situation anders als in Hessen:
Es gab schon eine lange, bis etwa 500 zurückreichende
christliche Tradition; aber die kirchlichen Verhältnisse
waren nicht nach dem Geschmack unseres Missionars.
Christliche Priester vollzogen heidnische Opfer und Zeremonien; Ehebruch, Völlerei und Trunksucht waren unter
der Priesterschaft verbreitet, mancher wusste nicht mehr
genau, ob und von wem er getauft worden sei, Christen
beteiligten sich am Sklavenhandel mit Heiden (Sklaverei
war kirchlich verboten [das Verbot ist in einem Brief
Papst Johannes’ VIII. vom September 873 nachweisbar]).
Insofern lag der Akzent seiner Arbeit in Thüringen mehr
auf dem Gebiet der Reform und Reorganisation des christlich-kirchlichen Lebens. Dieser Aspekt gewann für Bonifatius insgesamt zunehmende Bedeutung, vor allem nach
seiner Ernennung zum päpstlichen Legaten für ganz Germanien, die bei seiner dritten Romreise 738 erfolgte. Nun
war er offizieller Vertreter des Papstes in Germanien, und
die Reform der gesamten fränkischen Kirche wurde seine
Aufgabe. Dabei kam es zu Spannungen mit Bischöfen, die
sich den Reformvorschlägen des neu ernannten Legaten
nicht beugen wollten. Bonifatius versuchte das Problem
durch Neuordnung und Neugründung von Bistümern so-
wie weitere Klosterneugründungen zu lösen, die er mit
Vertrauten besetzte.
So gründete er die Bistümer Regensburg, Passau, Salzburg,
Freising, Büraburg und Erfurt neu; ferner Klöster in Tauberbischofsheim (als Äbtissin bestimmte er seine Verwandte,
Lioba) und, nicht zuletzt, Fulda, das er durch Lullus, seinen
Sekretär, gründen ließ. Mit Fulda zeigt sich eine weitere
Parallele zum Wirken seines Lehrers Willibrord: Dieser hatte während seiner Missionstätigkeit in Utrecht weiter südlich, im luxemburgischen Echternach, sozusagen hinter der
missionarischen Front, ein Kloster errichten lassen, in das
er sich immer wieder zurückziehen konnte, und das er zum
Ort seiner letzten Ruhe bestimmte. Eine ähnliche Funktion
gewann Fulda für Bonifatius. Auch wenn ihm 746 Papst
Zacharias mit Mainz einen festen Bischofssitz übertrug,
blieb doch Fulda sein »Lieblingsort«. Das Kloster sollte seine letzte Ruhestätte werden.
Zuvor, 742 oder 743, war es Bonifatius noch gelungen,
eine Synode mit vielen Bischöfen zusammenzubringen
(»Concilium Germanicum«), um Streitfälle zu lösen und
dauerhafte Kirchenstrukturen, regelmäßige Beratungen
und vor allem die Wiederherstellung der Geltung des Kirchenrechtes zu vereinbaren, darunter auch die Absetzung
unwürdiger Priester und Diakone. Die Aussagen der Synode beschreiben eindrucksvoll die kirchliche Situation im
Frankenreich (s. M 7). Sie war neben den erwähnten Missständen auch geprägt durch einen Gegensatz vom »alten«
Episkopat, das weithin noch aus dem fränkischen Adel
bestand, und dem »neuen«, das von Bonifatius eingesetzt
wurde und meist aus England kam.
In der Spätzeit seines Wirkens stößt Bonifatius in seiner
Reformarbeit auf verstärkten Widerstand. Es gibt Anträge
an den Papst, einen anderen als Legaten zu bestimmen,
das lehnt dieser aber ab. In vielen Bereichen versuchten
jedoch fränkische Beamte und Bischöfe, Bonifatius zu
umgehen und direkt mit Rom zu verhandeln. Vielleicht ist
das ein Grund, dass er am Ende seine Tätigkeit vom Anfang noch einmal aufnimmt.
Er begibt sich 753, bereits hochbetagt, erneut nach Friesland. Dort bestellt er Eoban zum Bischof von Utrecht und
tritt mit ihm eine Missionsreise an. Am 5. Juni 754 wird
er, zusammen mit Eoban und anderen, bei Dokkum wohl
während eines Gottesdienstes erschlagen. Mit einem
Buch soll er sich vor den Schwerthieben noch haben
schützen wollen (M 12). Seine Leiche wird über Utrecht
nach Mainz gebracht und dann, seinem Wunsch gemäß,
im Kloster Fulda beigesetzt.
Sein Tod, wohl Folge eines räuberischen Überfalls, wird
sofort als Märtyrertod verstanden. Bald gilt er als Heiliger, dessen Grab in Fulda zur Wallfahrtsstätte wird. Seit
1867 werden die Tagungen der Deutschen katholischen
Bischofskonferenz in Fulda durchgeführt und beginnen
ihre Beratungen mit einer Andacht an dem Grab des Bonifatius.
9
forum religion 3/2004
medienbeitrag
M8
850 Jahre, die das Gesicht Europas veränderten
52 v. Chr.
723
• Ausstellung eines persönlichen Schutzbriefes durch Karl Martell
• Bonifatius fällt die Donareiche bei Geismar (Nach der Legende
wird ihr Holz beim Bau der Peterskirche in Fritzlar verwendet)
• Cäsar schlägt Vercingetorix bei Alesia; Gallien ist Teil des
römischen Reichs
724/25
9 n. Chr.
ca. 730
• Varus unterliegt in der Schlacht im Teutoburger Wald gegen
Hermann den Cherusker. Die Römer ziehen sich hinter den Rhein
zurück
• Gründung des Klosters in Fritzlar
• Mission in Thüringen (Raum Arnstadt/Ohrdruf/Erfurt)
732
• Beginn der christlichen Mission (Petrus, Paulus)
• Bonifatius lässt in Fritzlar und in Amöneburg Kirchen zu Ehren
des hl. Michael errichten
• Gregor III. weiht Bonifatius zum Erzbischof ohne eigenen Sitz
313
732 - 737
• Die Christenverfolgungen im Römerreich werden eingestellt
(Toleranzedikt von Mailand durch Kaiser Konstantin)
• Begegnung mit dem Mönch Sturmi, der sich Bonifatius anschließt
• Anfang der kirchlichen Organisation in den missionierten Gebieten
• Kirchenvisitationen Thüringen und Hessen
ab etwa 33 n. Chr.
476
• Der letzte west-römische Kaiser Romulus Augustulus wird
gestürzt
737/738
• Taufe des Frankenkönigs Chlodwig in Reims
• Dritte Romreise; Ernennung zum Missionslegaten für ganz
Germanien
• Auftrag zur Reform der fränkischen Kirche
529
738/39
• Gründung des Klosters Monte Cassino durch Benedikt v. Nursia. Seine Mönchsregel wird Vorbild für alle späteren Orden
• Neugründung der Bistümer Regensburg, Passau, Salzburg, Freising
• Gründung des Klosters Tauberbischofsheim
um 590
741
• Iroschottische Mission in Gallien, Burgund und im Elsass
durch Columbian
• Eröffnung der ersten Reformsynode (Concilium Germanicum)
an einem unbekannten Ort in Austrien
ab 596
742
• Beginn der Mission der Angelsachsen; geistliches Zentrum in
Canterbury
• Bonifatius gründet die Bistümer Erfurt (Erphesfurt) und Würzburg
• weitere jährliche Synoden in Soissons
ab 650
744
• Angelsächsische Mission auf dem Festland
• Gründung der Abtei Fulda durch Lullus, Schüler des Bonifatius
672/73
746
• Wynfreth als Sohn einer Adelsfamilie im angelsächsischen
Königreich Wessex (Südengland) geboren
• 7-jährig Eintritt in das Kloster Exeter
• Bonifatius wird durch Papst Zacharias zum Erzbischof von
Mainz ernannt
ca. 700
• fränkische Bischöfe opponieren gegen Bonifatius
• Mönch im Kloster Nhutseelle (heute: Nursling bei Winchester)
ca. 705
• Priesterweihe Wynfreths
752
• Bonifatius bittet um Absicherung seiner Mitarbeiter im Fall
498
715/16
• erste Missionsreise nach Friesland als Unterstützung für Willibrord, Bischof von Utrecht
747
seines Todes
• Er bestimmt Lullus zu seinem Nachfolger
754
721/22
• Bonifatius beginnt erneut eine Missionsreise nach Friesland
• Pippin d. Jüngere verpflichtet sich »allen Weisungen und
Mahnungen des Papstes zu gehorchen«
• Bonifatius und seine Gefährten werden am 05. Juni bei Dokkum (Dongeradell, NL) erschlagen
• Entstehung der »Konstantinischen Schenkung«; eine Urkunde,
nach der Kaiser Konstantin dem Papst Rom, Italien und das
weströmische Reich zugesprochen habe. Sie wurde bereits um
1425 von Nikolaus Cusanus als Fälschung erkannt
• selbständige Missionsarbeit in Hessen
800
722
• Karl der Große wird in Rom zum Kaiser (Nachfolger der weströmischen Kaiser) gekrönt: Grundlage für das »Heilige römische
Reich deutscher Nation«
718/719
• erste Romreise; Gregor II. erteilt Wynfreth eine Missionserlaubnis für Germanien
• Wynfreth erhält den Namen »Bonifatius«, reist durch Bayern
und Thüringen
719 - 721
• gemeinsame Missionsarbeit mit Bischof Willibrord in Friesland
• zweite Romreise, Papst Gregor II. weiht Bonifatius zum Missionsbischof
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forum religion 3/2004
medienbeitrag
Bonifatius und »Europas Seele«
Unterrichtsbausteine für Sek I/II
Im Folgenden sind aus der Fülle des Materials vier
Schwerpunkte herausgegriffen, die die europäische Frage
und damit die Tiefenwirkung der Thematik Bonifatius
konkretisieren sollen. Dabei ist bewusst der Aspekt des
europäischen Lernens einbezogen. Er wird in den Lehrplänen immer wieder gefordert, und gerade der RU hat
dafür die besten Voraussetzungen.
Im Folgenden beziehen sich die Buchstaben »F« auf die
Folien (im Medienservice); die Buchstaben »M« auf die
Texte, die (außer M 1, M 8 und M 9) diesmal nicht im
Heft, sondern vollständig in einer Beilage zum Medienservice wiedergegeben sind.
Die Darstellung beschränkt sich auf wenige Hinweise zu
Inhalt und möglichem Ablauf, da die Materialien durchaus auch anders kombinierbar und in anderen unterrichtlichen Bezügen einsetzbar sind.
Baustein I
Europa – Licht und Schatten
1. Schritt: »Nacht über Europa«
F 1 (NASA-Satellitenaufnahme: Europa bei Nacht) wird,
ohne Kommentar, aufgelegt. Die SuS beschreiben, was sie
sehen und wie das Bild entstanden ist. Dann orientieren
sie sich an den Namen der Hauptstädte und lösen »SuchAufgaben:
• welche europäischen Städte kann ich noch identifizieren?
• ist unser Wohnort zu entdecken (bzw.: wo müsste er
etwa liegen?)
anhand entsprechender Karten im Geschichtsatlas einen
Überblick zu verschaffen und darüber im Plenum zu
berichten. Sinnvoll wäre die Berücksichtigung der Epochen, die Europa besonders geprägt und verändert haben,
also z.B.: die Ost-West-Blockbildung, das »Dritte Reich«,
die Reformationszeit, die Zeit der Staufer, das Karolingerreich, die Völkerwanderung, das römische Imperium
und die Ausbreitung der (keltischen) La-Tène-Kultur.
Nach den Gruppenberichten wird die Rolle des Christentums in diesem Verlauf thematisiert. Woher kam das
Christentum, warum und wo hat es sich ausgebreitet? Wo
entwickelte sich der Islam? In welchen Epochen Europas
spielte die Religion eine besondere Rolle?
Baustein II
»Macht zu Jüngern alle Völker der Erde«
1. Schritt: »Warum und wo sich das Christentum
ausgebreitet hat«
Mit F 3 lokalisieren die SuS Schwerpunkte der Ausbreitung des Christentums. Sie stellen fest, dass zunächst das
Römerreich den Rahmen bildet; sie überlegen Gründe
dafür. Anhand der Bibeltexte Mt 28, 18-20 und Rm 1, 16 (sowie ggfls. weiterer) überlegen sie Ursachen der Ausbreitung. Sie stellen die Besonderheit fest, dass diese
Entwicklung zunächst weder durch Krieg noch mit staatlicher Unterstützung verlief, sondern rein religiösen Motiven folgte und z. T. Konflikte mit dem Staat in Kauf nahm
(dazu evtl. 2. Kor. 4-11; 6, 4-10 als zusätzliche Texte).
Die grundlegenden Veränderungen in der Zeit des Kaisers
Konstantin und danach können in diesem Zusammenhang
angesprochen werden.
2. Schritt: »Unsere Vorfahren werden Christen«
2. Schritt: »Was Europa ausmacht«
L schreibt »EUROPA« auf die Tafelmitte. Die SuS werden
gebeten, alles, was ihnen zu Europa einfällt, um dieses
Wort herum aufzuschreiben. L kann dabei durch Stichworte wie »Sport«, »Wirtschaft«, »Kultur«, »Religionen«
usw. Impulse geben. So weit möglich und sinnvoll, werden Einzelheiten auf dem Satellitenbild lokalisiert.
Die Gruppe aus Baustein I/3.Schritt, die sich mit dem
Römerreich und der Völkerwanderung beschäftigt hat,
ruft die Situation um 500 - 600 in Erinnerung. F 4 (iroschottische und angelsächsische Mission) wird bearbeitet: Das Christentum überschreitet nun den Rahmen des
Römerreichs. Worauf stießen die Missionare in diesen
nördlichen Regionen? Die Frage der Religionen vor dem
Christentum wird aufgeworfen.
3. Schritt: »Wie Europa geworden ist«
F 2 (Karte der Europäischen Union nach der Erweiterung
vom 1. 5. 2004) wird aufgelegt. L fragt nach Besonderheit und Anlass der Karte; Bezüge zum Satellitenfoto
werden hergestellt. Nun wird zurückgefragt, wie die Grenzen früher verlaufen sind: Erinnerung an den »Eisernen
Vorhang«, das »Dritte Reich« ... Ausgehend von diesem
Unterrichtsgespräch werden Gruppen gebildet. Sie erhalten den Auftrag, sich jeweils über eine wichtige Epoche
Baustein III
»Von heiligen Hainen, Bäumen, Quellen«
1. Schritt: »Aus der Welt des Bonifatius«
Anhand der Abbildungen auf F 5/6 werden erste Überlegungen zur Religion der Kelten und Germanen angestellt.
Zugleich wird reflektiert, welche (religions-)geschichtliche
Entwicklung die vier Bilder symbolisieren könnten: Stone11
forum religion 3/2004
medienbeitrag
henge (F 5.1) deutet die keltische Religion an, auch
wenn seine Errichtung noch vor der eigentlichen keltischen Epoche liegt (Entstehung wird auf ca. 2250 v. Chr.
geschätzt). Es handelt sich um das wohl bedeutendste
vorchristliche Heiligtum des Nordens, das auch der
Gestirnsbeobachtung diente. Bonifatius wird es gekannt
haben: Sein erstes Kloster (Exeter) liegt 90 km, sein zweites (Nursling) nur 25 km davon entfernt. F 5.2: ein gallo-römischer Tempelbezirk in der Eifel bei Nettersheim (65
km südöstlich von Aachen), bezeichnet die keltisch-germanisch-römische Mischkultur, die in den Grenzbereichen
des römischen Imperiums und der germanischen Gebiete
etwa von der Zeitenwende bis ins 5. Jh. bestand. Einfache Umgangstempel, deren Reste im Hintergrund zu sehen sind, wurden von allen Bevölkerungsteilen friedlich
genutzt; den lokalen Muttergottheiten zugedachte Weihesteine zeugen von der Einlösung religiöser Gelübde
(die Rekonstruktion eines solchen Tempels findet sich auf
der Puzzlefolie F 7).
F 6.1 zeigt die überlieferte Stelle bei Amöneburg, wo
Bonifatius die ersten Chatten an einer noch heute sprudelnden Quelle getauft haben soll. Die im Bild erkennbaren Steinbecken, in die das Quellwasser fließt, sind erst
im Mittelalter errichtet worden. Die Symbolik des Wassers
ist bei Kelten und Germanen von großer Bedeutung. Sie
wurde in der christlichen Taufe mit aufgenommen, die
den Germanen von den christlichen Missionaren gern als
Übergang in das ewige Leben bzw. die Unsterblichkeit
dargestellt wurde, was ihre Attraktivität erhöht haben
wird. Schließlich zeigt F 6.2 den Kaiserthron im Dom der
von Karl dem Großen zur Hauptstadt seines Reiches gekürten Stadt Aachen. Der Dom ist Teil einer großen
Palastanlage, die noch heute das Zentrum der Stadt darstellt. Seine Gestaltung gibt bis heute Rätsel auf: Nicht
nur, dass Aachen auf demselben Breitengrad wie Stonehenge liegt; das achteckige Gebäude weist, nach Messungen englischer Forscher, dieselben Maße auf wie der innere Steinkreis der Anlage von Stonhenge. Wenn das zutrifft
und in der Absicht des Kaisers lag, symbolisiert dieses
Gebäude nicht nur den Abschluss der »Geburtsstunde
Europas«, die eine Verbindung von Christentum/Kirche
mit dem Staat bzw. den Staaten mit einschließt, sondern
zugleich die Integration der alten Religion in dieses
Neue. Im heutigen Rathaus, wenige hundert Meter vom
Dom entfernt, findet alljährlich die Verleihung des Karlspreises an verdiente Europäer statt.
2. Schritt: »Was vor Bonifatius war«
Nach der »bildhaften« Eröffnung im 1. Schritt sollen nun
vorchristliche religiöse Vorstellungen genauer erarbeitet
und ihre Spuren bis in die Gegenwart hinein verfolgt werden. Dazu dient der Text M 1 (S. 15 ff). Es werden wieder
Gruppen gebildet, die jeweils einen Abschnitt (1.1 bis 1.5)
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erarbeiten und sich eine Form überlegen, wie die Informationen im Plenum präsentiert werden. Dabei können
die beigefügten Abbildungen genutzt werden; zusätzliche
Informationen aus anderen Quellen sind möglich.
3. Schritt: »Was davon geblieben ist«
Auf dem Hintergrund der Erarbeitung von M 1 sammeln
die SuS Aspekte in zwei Richtungen: Was von der vorchristlichen Religion ist auch heute nachvollziehbar und
faszinierend? Welche Spuren dieser Religiosität treffen
wir noch heute an?
Dazu können Impulse gegeben werden, etwa indem L
Stichworte wie »Wald«, »Quelle«, »Gottheiten«, »Natur«
u.a. an die Tafel schreibt, wozu Überlegungen gesammelt
werden. Überlegungen zu den heutigen Spuren können
mit M 2 (Wochentage) und M 3 (Sonnenwendfeier) eröffnet werden (s. Beilage zum Medienservice).
Baustein IV
»Den unkundigen Gemütern die Botschaft bringen«
1. Schritt: »Vom Alltag eines Missionars«
In diesem Schritt sollen Aspekte der konkreten Arbeit
des Bonifatius anschaulich werden. Dazu werden die
Texte M 4 - M 7 für eine Gruppenarbeit zugrunde gelegt.
Sie enthalten Darstellungen aus Willibalds »Vita Bonifatii« und Auszüge aus den Briefwechseln des Bonifatius.
Die Gruppen erarbeiten je einen Text. Sie achten dabei
besonders auf drei Fragen: Was ist Anlass und Thema des
Textes? Welche Situation klingt an? Was gibt der Text im
Blick auf Inhalt und Praxis der Tätigkeit des Bonifatius zu
erkennen? Zusätzlich erhalten die SuS die Geschichtsübersicht M 8 und versuchen, ihren Text einem der dort
dargestellten Ereignisse zuzuordnen. Im Plenum werden
die so gewonnenen Ergebnisse mit denen der anderen
Gruppen verglichen und ggfs. ergänzt oder korrigiert.
2. Schritt: »Die Donar-Eiche – eine gelungene
missionarische Aktion?«
Hier bietet sich das Spiel M 9 an (»Germanische Eichen
und heidnische Seelen«, s. S. 19). Auch wenn es einen
gewissen ironischen Unterton hat, fußt es doch auf Details, die aus historischen Quellen entnommen sind. Nach
dem Spiel äußern sich die SuS zu ihren Gefühlen und
Gedanken, die sie während des Ablaufs hatten.
Im Anschluss daran könnte eine Grundfrage erörtert werden: War das eine überzeugende »Missions-Aktion«? »Beweist« diese Aktion die Unwirksamkeit, ja Nicht-Existenz
des Gottes Donar? Müsste nicht dann die Ermordung des
Bonifatius in Dokkum gleichermaßen die Unwirksamkeit
medienbeitrag
und Nicht-Existenz des Christengottes »beweisen«? Kann,
sollte die christliche Mission auf solche – im wahrsten
Sinne des Wortes – »holzschnittartigen« Methoden
zurückgreifen, die doch auch »nach hinten losgehen«
können ...? Was können die »Heiden« durch diese Aktion
für ihr Leben gewonnen haben?
Wie man es anders machen kann, zeigt die von Lukas
gestaltete Missionsrede des Paulus unter den »Heiden« in
Athen (Apg. 17, 22 - 33). Die SuS können aus diesem Text
herausarbeiten, wie Paulus als Missionar an die Vorstellungen seiner Zuhörer anknüpft und ihnen Wertschätzung
ausdrückt, aber doch seine »Botschaft« zur Geltung
bringt. Tatsächlich zeigen sich auch in der germanischen
Religion manche Anknüpfungspunkte dazu: etwa, dass
Gott nicht in Tempeln wohnt, oder dass hinter den sichtbaren Repräsentationen der Gottheiten z.B. in der Natur
oder bildlichen Darstellungen eine höchste, nicht sichtbare Gottheit steht, die alles Sichtbare geschaffen hat.
Auf dem Hintergrund solcher Überlegungen könnten die
SuS (evtl. in Gruppen) die Szene in Geismar so umschreiben, wie sie einer von ihnen akzeptierten »MissionsAktion« entspräche. Was hätte Bonifatius predigen, wie
mit dem »heiligen Baum« umgehen sollen? Daraus könnte ein »Alternativ-Spiel« entstehen, das den Baum vielleicht stehen lässt als Symbol für Gottes Schöpfung?
3. Schritt: »Bilderpuzzle: 850 Jahre, die das
Gesicht Europas veränderten«
Als Abschluss des historischen Teils verwenden die SuS
F 7. Die Folie wird in die einzelnen SW-Abbildungen zerschnitten. Aufgabe des SuS ist es, am OHP diese Bilder in
eine geschichtlich »richtige« Reihenfolge zu bringen und
zu kommentieren. Sie stützen sich dazu auf den bisherigen Unterricht und die geschichtliche Übersicht M 8.
Baustein V
»Bonifatius und die Seele Europas«
Welches sind die bestimmenden Faktoren, die Europa ausmachen? Deuten sie so etwas wie eine »Seele« an?
2. Schritt: »In Vielfalt geeint: Die Europäische
Verfassung«
Die Ergebnisse werden nun mit M 11 (Ausschnitte der
Europäischen Verfassung) verglichen. Welche Aussagen
der Verfassung stimmen mit der Anzeige der Bundesregierung überein? Welche gehen darüber hinaus? In welchen wird ein gemeinsames europäisches Bewusstsein auf
dem Hintergrund der geschichtlichen Erfahrungen, eine
gemeinsame Identität deutlich? Ein Vergleich mit Präambel, AA. 1-5 GG wäre sinnvoll (Gottesbezug!). Dieser
Schritt könnte in arbeitsgleichen Gruppen stattfinden.
3. Schritt: »Wissen, das tiefer geht: Der Beitrag
der Religion«
L legt F 8 (Bild des Eisbergs) auf. Die SuS beschreiben
und deuten das Bild und stellen Vermutungen an, was es
mit dem Unterrichtsthema zu tun haben könnte. Im
Unterrichtsgespräch werden die Aspekte herausgearbeitet: »Religion« als Erinnerung an die Wurzeln und
Ursprünge, die oft mehr sind als das, was über der Oberfläche ist. Das, was sich über der Oberfläche bildet, hängt
ab von dem, was unter der Oberfläche ist. Unter diesem
Aspekt analysieren die SuS in Gruppen die Auszüge aus
der europäischen Verfassung. Sie arbeiten heraus, wo
religiöse Inhalte »verarbeitet« sind, ohne dass diese
immer genannt werden (Beispiele etwa: Wertefrage,
Wohlfahrt auch für die Schwächsten, Frage der Gleichheit
aller, der Bewahrung der Umwelt usw.)
Abschließend könnte eine Diskussion geführt werden zu
den Fragen: »Wäre es gut, wenn in die europäische Verfassung ein ausdrücklicher Bezug zu Gott in der Präambel aufgenommen wäre? Würde das der Geschichte Europas entsprechen? Was würde das für die weitere Entwicklung von
Europa bedeuten? Könnte man aus der Geschichte etwas
lernen für die Gestaltung eines Europas der Zukunft?«
1. Schritt: »10 gute Gründe für Europa«
Bereits im Bilderpuzzle F 7 war mit der Abbildung des
Europa-Parlaments eine Überleitung zur diesem »SchlussBaustein« gegeben. Daran wird nun angeknüpft. Die SuS
erhalten M 10, eine Anzeige der Bundesregierung aus
dem Frühjahr 2004, in der die Vorteile der EU und insbesondere ihrer Ost-Erweiterung dargestellt werden. Die SuS
bilden arbeitsgleiche Gruppen, die diese Anzeige daraufhin prüfen, was sie über Sachverhalte aussagt, die auf
eine »Seele« Europas hindeuten. Im Plenum wird ein
Tafelbild erarbeitet, in dem die Aspekte und Argumente
zusammengestellt werden. Sind die Gründe überzeugend?
Literaturhinweise:
- Arnold Angenendt: Das Frühmittelalter; Kohlhammer, Stuttgart
Berlin Köln 2001
- Frédéric Delouche u.a.: Europäisches Geschichtsbuch; Hachette
Paris 1992, Klett Stuttgart 1996.
- M. Imhof, G.K. Stasch (hrsg.): Bonifatius. Vom angelsächsischen Missionar zum Apostel der Deutschen; Imhof-Verlag FuldaPetersberg 2004.
- Angus Konstam: Atlas des mittelalterlichen Europa; Tosa Verlag
Wien 2001.
- Lutz E. v. Padberg: Bonifatius. Missionar und Reformer: C.H.
Beck, München 2003.
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medienbeitrag
F 7 »Bilderpuzzle«: 850 Jahre, die das Gesicht Europas veränderten
Bilderläuterungen 1 - 13 im Medienservice
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medienbeitrag
M1
Was vor Bonifatius war ...
Lektüretext für Schüler/innen
Von Susanne Merten
Die Reise in die keltisch-germanische Vergangenheit
Mittel- und Nordeuropas ist ein spannendes Abenteuer.
Lässt man sich darauf ein, verblasst die gängige Vorstellung von germanischen Trunkgelagen auf Bärenhäuten,
kriegslüsternen Gottheiten und baumanbetenden Heiden
schnell. Staunend bemerkt man, wie vielschichtig und
umfassend das Denken unserer Vorfahren war.
Der Kosmos der Germanen ist ein gigantisches dreidimensionales Gewebe, in dem alles mit jedem verbunden war
und nichts ohne Wirkung blieb. Und nicht zuletzt stößt
man immer wieder auf tiefere Schichten, die sich auch
hinter scheinbar »rein Christlichem« verbergen. Lasst
euch einladen zu einem kleinen Streifzug!
1.1 Heilige Haine und der ›Genius loci‹
Wir beginnen mit der wohl bemerkenswertesten Beschreibung germanischer Frömmigkeit, die uns der römische Historiker Tacitus (56 – 120 n. Chr.) in seiner »Germania« (9) überliefert hat: »Im übrigen glauben die Germanen, dass es der Erhabenheit des Himmlischen nicht
gemäß sei, sie in Wände einzuschließen oder irgendwie der
menschlichen Gestalt nachzubilden. Sie weihen ihnen Haine und Wälder, und mit göttlichem Namen benennen sie
jenes geheimnisvolle Wesen, das sie nur in frommem
Schauer erblicken.«
Diese Beschreibung eines heiligen Haines ist die älteste
bekannte. Der heilige Hain war mehr als nur ein Stück
Wald. Vor allem ein Blick in die alten Sprachen verrät uns
mehr über dessen Bedeutung. Es gab viele Worte für Heiligtum/Tempel und Wald/Hain/Baum; oft waren sie eng
miteinander verwandt. Das Gotische veiha, vaih, vaihum
(»ich weihe«) bildete die Wurzel für althochdeutsch
Wihu, weih, wihum (»ich weihe«); für wih (»Wald,
Hain«), und auch für altnordisch vear (»göttliche
Wesen«), ve (»ein heiliger Ort«) und Ve (Name einer altnordischen Gottheit).
Viele andere Zusammenhänge zeigen, dass Wald, Tempel,
Heiligtum und höheres Wesen in enger Bedeutung ste-
hen. Der heilige Hain wird überall beschrieben als ein Ort
der geistigen Wiedergeburt. Die unendlichen Wälder der
gemäßigten Zone hatten eine tiefgehende Wirkung auf
die menschliche Seele.
Jakob Grimm, der im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts die Bedeutung der Sprache für die mythologische Forschung analysierte, beschreibt es so: »Was wir
uns als ein erbautes Haus vorstellen, entpuppt sich, je weiter wir zurückgehen als ein heiliger Ort, der von Menschenhand unberührt ist, überdacht und in sich abgeschlossen
durch von selbst gewachsenen Bäumen. Dort wohnt die
Gottheit, ihre Form im rauschenden Laub der Zweige verhüllend. Ich behaupte nicht, dass sich mit dieser Waldverehrung alle Auffassungen, die unsere Vorfahren von Gott
hatten, erschöpften; sie jedoch war die Wichtigste. Hier
und dort mochte ein Gott eine Bergspitze, eine Felshöhle,
einen Fluss bewohnen; aber der große, allgemeine Gottesdienst der Menschen hatte seinen Sitz im Hain.« Ähnlich
formulierte es sehr viel früher Bernhard von Clairvaux: »Du
wirst mehr in den Wäldern finden als in Büchern. Die Bäume und die Steine werden dich Dinge lehren, die dir kein
Mensch sagen wird.«
Das englische Wort für Naturschutzgebiet »sanctuary«
bezeichnet diese Heiligkeit des Ortes noch heute (lat.
sanctus – heilig).
Alle vorchristlichen Priester und Propheten waren genau
genommen »Waldwissende«. Zerlegt man das keltische
Wort Druide, findet man die Vorsilbe dru mit der Bedeutung für Treue, Festigkeit, Baum – womit in den meisten
indogermanischen Sprachen die Eiche gemeint war – und
als sprachliche Wurzel von Wörtern, wie Wissen, Seher,
Wald. Zwanzig Jahre dauerte die Ausbildung zum Druiden
– diese Jahre wurden in der Abgeschiedenheit des Waldes
verbracht. Erst danach waren sie vollamtliche Träger der
Gesellschaft. Die späteren »Nachfahren« der keltischen
Druiden, iroschottische Mönche, die das Christum in Europa verbreiteten, hatten offenbar noch – anders als spätere christliche Missionare – deren tiefen Respekt vor der
Natur.
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1.2 Die Stellung der Frauen
Beleuchten wir einen zweiten interessanten Aspekt vorchristlicher Frömmigkeit, die Stellung der Frauen in der
keltisch-germanischen Welt. Auch hierzu schreibt Tacitus
in Germania (8): »Die Germanen erblicken in den Frauen
so etwas wie heilige Wesen mit Sehergabe, daher beachten
sie deren Ratschläge und richten sich nach ihren Weissagungen. Haben wir es doch selbst erlebt, wie während der
Regierung des verewigten Kaisers Vespasian die Seherin
Veleda lange Zeit bei den meisten Verehrung genoss wie
ein höheres Wesen. Ebenso hat man einstens der Aurinia
und mancher anderen Frau derartige Verehrung erwiesen.«
Germanen glaubten an die prophetische Kraft des Weiblichen. Besonders das Gebiet zwischen Rhein und Eifel
weist hier eine Besonderheit auf. Hier stößt man auf Reste kleiner Tempel und steinerner Denkmäler mit drei Frauengestalten. Die Römer hatten von der einheimischen
Bevölkerung die Verehrung dieser als Matronen bezeichneten Frauengestalten übernommen und in Stein verewigt. Die Zahl Drei galt seit Urzeiten als Zahl der Vollkommenheit, der Unendlichkeit und allumfassenden Einheit. Auch die germanischen Nornen (Schicksalsgöttinnen)
treten stets in Dreizahl auf.
Christen zur »Hölle« verwandelt. Der Baum selbst hat drei
mächtige Wurzeln und an ihnen befinden sich drei heilige
Quellen. Von dort kommt der Tau, der in die Täler fällt.
1.4 Der vorchristliche Jahreskreis
In der wohl tausendjährigen Geschichte der Kelten gab
es verschiedene Systeme der Zeiteinteilung. Ende des 19.
Jahrhunderts fand man in Frankreich Fragmente eines
druidischen Kalenders aus dem 1. Jahrhundert n.u.Z., der
in einem 19-jährigen Zyklus den synodischen Rhythmus
des Mondes mit dem Sonnenlauf in Einklang bringt. Die
Kelten, so wie die meisten naturverbundenen Völker,
empfanden die Zeit als Kreis und nicht als linearen
Ablauf. Innerhalb des Jahreskreises finden wir Monatskreise, darin Tages- und Stundenkreise. Jeder Kreis enthielt eine helle und eine dunkle Seite. Den Anfang bildete immer das Dunkel. Monate fingen mit dem dunklen
Neumond an, der Tag mit der Abenddämmerung, wenn der
Flug der Schwalbe dem der Fledermäuse weicht und auch
das keltische Jahr hatte seinen Anfang im düsteren
November.
Das keltische Jahr bestand aus vier vom Sonnenlauf vorgegebenen Kardinalpunkten, die Sonnenwenden und
Tagundnachtgleichen. Dieses kosmische Kreuz markierte
1.3 Der Baum als Symbol für Kosmos und Leben
gleichzeitig die Hauptfeiertage: Wintersonnenwende,
Alban Arthuan, im Dezember; FrühlingstaIm Baum wurde eine dreifache Symbolik
gundnachtgleiche, Alban Eilir, im März:
mit Wurzeln, Blättern und Stamm als
Sommersonnenwende, Alban Hevin,
Mittler zwischen Unterwelt, Himmel
im Juni und Herbsttagundnachtund Erde gesehen. Der Weltengleiche, Alban Elved, im Oktbaum Yggdrasil ist die nördliche
ober. Dazwischen lagen die
Version des Lebensbaumes.
ebenso wichtigen Kreuz-VierSeine Beschreibung ist die
tel-Tage, die dem Mond zugeausführlichste, die sich
ordnet waren und sich genau
erhalten hat. Yggdrasil
zwischen den vier Kardinalumfasst neun Welten, drei
punkten befanden. Durch
mal drei (Höchstmaß an
den Mondrhythmus waren sie
Vollkommenheit),
von
bewegliche Feiertage. So
denen die mittlere Schicht
feierte man die Vollmondtage
die Welt der Menschen, die
des Februar (Imbolc), kam zum
Mittelerde, enthält. Diesen
Maifest (Beltane) zusammen,
Begriff hat sich später J. R. Tolkien
beging Anfang August das Kornfest
für seinen berühmten Roman »Herr
(Lugnasad) und zelebrierte im
der Ringe« ausgeliehen und populär
November den Anfang des neuen
gemacht. Zwerge wohnten im Norkeltischen Jahres (Samhain).
den, in Myrkheim, der dunklen
Unter römisch-kirchlichem Einfluss
Welt; Riesen im Land Jotunheimen.
wurden daraus die uns allen bekannten
Die Unterwelt, ein Land der Seelen, FeuFeste:
Weihnachten,
erriesen und NebelgeDie Weltenesche Yggdrasil bildet die Achse und Stütze der Welt.
Mariä Lichtmess (Imstalten bildete VindWie eine lebendige Säule durchdringt und verbindet sie Götterstadt,
bolc), Ostern, Tag der
heimr, Muspelheimr und
Riesenland und Unterwelt.
heiligen Walpurga (BelNiflheimr (Nebenwelt),
die gleichzeitig das Totenreich Hel verbarg. Hel wurde von tane), Allerheiligen (Samhain). Das Fest der Winterson16
forum religion 3/2004
medienbeitrag
nenwende war eine besondere Zwischenzeit; bis heute
sagt man zum Zeitraum vom 25.12. bis 06.01. »zwischen
den Jahren«. Schon bei den Kelten und später den Germanen ruhte an diesen 12 Tagen die Arbeit, man hatte
vorher Haus- und Hof gereinigt und mit immergrünen
Zweigen geschmückt, geweihte Speisen wurden gegessen
und man brachte Speise- und Futteropfer dar. Allgemeine
Gastlichkeit, gegenseitiges Beschenken und ein Einstellen jeglicher kriegerischer Auseinandersetzungen deuten
darauf hin, dass man Götterfrieden und Götternähe suchte. Unsere anderen christlichen Hauptfeste enthalten
beim genaueren Betrachten noch manches alte Brauchtum. Angefangen bei der Fruchtbarkeitssymbolik von
Osterhasen, Ostereiern und Osterwasser bis hin zum Maibaumaufstellen haben sich die ursprünglichen Rituale
immer wieder durchgesetzt. Ein wichtiger Bestandteil
aller vorchristlichen Feiertage bildete die Entzündung des
Feuers. Die reinigende und heilbringende Wirkung des
Feuers wurde verstärkt, indem man Köpfe geschlachteter
Opfertiere darin verbrannte und gleichzeitig auch selbst
einen Sprung durchs Feuer wagte. Auch davon hat sich
jede Menge alter Volkskult in den derzeit wieder immer
beliebter werdenden Oster- und Johannisfeuern erhalten.
Die Veränderungen im Jahreslauf werden besonders an
der aus dem Grimm-Märchen bekannten »Frau Holle«
deutlich. Vom Namen her ist Holla eine germanische Göttin, die sich kaum von anderen Muttergottheiten unterscheidet, doch im Verlauf des Jahres einer steten Wandlung unterworfen ist. Frau Holle galt als Göttin der Geburt und wird vor allem an Teichen und Brunnen verehrt;
dort holten sich nach alten Mythen die Frauen den Kindersegen beim Wasserholen. Aber das Wasser ist auch das
Elixier des Überganges vom Leben zum Tod. Die Germanen
glaubten an ein überseeisches Totenreich, das mit dem
Schiff erreicht werden musste. Zu Holla, der Wasserfrau,
kehren die Toten heim, ihr Reich ist Hel, das dunkle
Erdinnere. Vom vierten bis zehnten Jahrhundert heißt die
Hölle noch halja oder hella und bedeutet einfach Totenreich. Erst im 13. Jahrhundert machte man sie zu einem
Qualort, zu unserer Hölle.
Im Jahreslauf begegnen wir der Göttin in veränderlicher
Gestalt. Als zarte Gestalt des Frühlingswesens erscheint
sie uns als Blüten- und Lichtbringerin, ihr zu Ehren
schöpfte man das heute noch bekannte Osterwasser, das
am frühen Morgen besondere Heilkraft besitzen soll. Ihre
zarte Erscheinung wandelt sich mit dem Wachstum des
Frühlings zur üppigen Maigöttin. Überliefert ist uns das
Fest in seiner gezähmten christlichen Entsprechung als
das Fest der Heiligen Walpurga am 01. Mai. Mit Maria und
Walpurga versuchte die Kirche die entfesselte Maigöttin
zu bändigen. Walpurgis war eine große Fruchtbarkeitsfeier. Dieses Hochzeitsfest wurde im Christentum zu
einem Hexenfest herabgewürdigt.
Doch gehen wir im Festkreis weiter zum Johannisfest. Am
Johannisfest erreicht die Sonne im Jahreslauf ihren
höchsten Punkt; eine Wende kündigt sich an. Die Vegetation blüht leise und noch unmerklich ihrem Niedergang
zu, die Göttin holt das ausgesendete Leben langsam zu
sich zurück. Frau Holle wandelt sich zur Wettermacherin.
Im Herbst wird sie zur Nebelfrau, zur Regenwolke und
Windsbraut. Sie fährt durch Kamine, rüttelt an Häusern
und Bäumen. Die winterlichen Naturerscheinungen waren
den Menschen wichtige Vorzeichen für Wetter und Ernteerfolge des neuen Jahres. Die zwölf Tage »zwischen den
Jahren« wurden im Wetterorakel auf die zwölf Monate des
Jahres bezogen.
1.5 Pferdekult
Schon Jakob Grimm stellt im Band II seiner »Deutschen
Mythologie« fest, dass unter allen Haustieren der Germanen dem Pferd eine besondere Stellung zuteil wird. Beinahe jeder Gott hat sein besonderes mit Wunderkräften
ausgestattetes Pferd, am bekanntesten davon ist wohl
Odins Ross Sleipnir, das gleich den Riesen und Helden
achtfüßig war und auf dem er über die Brücke des Regenbogens zur Quelle des Weltenbaumes ritt. Wahrscheinlich
züchtete man schon sehr früh Pferde für heilige Handlungen. Sie wurden besonders genährt und gepflegt, ihre
Mähnen sorgsam und kunstvoll geschmückt, man band
ihnen Gold- und Silberbänder hinein und flocht auch den
Schweif. Weiß galt als edelste und reinste Farbe, so dass
besonders Könige auf Schimmeln ritten. Tacitus beschreibt, dass die Priester Pferdewiehern und Hufscharren
als heilbringendes Zeichen deuten. Das zeremonielle
Schlachten von Pferden für ein heiliges Mahl war Teil des
nordeuropäischen Heidentums. Papst Gregor III verbot im
achten Jahrhundert das Essen von Pferdefleisch wegen
seiner sakralen Nebenbedeutungen als eine »unreine und
abscheuliche Handlung«. Das Konzil von Celchyth (787)
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forum religion 3/2004
medienbeitrag
verdammte den Verzehr von Pferdefleisch als einen
»Schandfleck auf dem Charakter britischer Völker«. Aber
die Tradition starb nicht sofort aus. Die Mönche der Abtei
St. Gallen aßen Pferdefleisch und dankten dafür mit einem
rhythmischen Tischgebet, das Mönch Ekkehard III. (1036)
geschrieben hatte. In Dänemark wurde das Pferdeopfer bis
ins frühe elfte Jahrhundert fortgesetzt und als Begräbnisritual von Königen und Rittern beibehalten.
Vermutlich wurden Pferde gemeinsam mit ihrem Herrn bestattet. Diese Praxis hielt sich wohl bis weit in christliche Zeiten hinein. Es gibt zahlreiche Beispiele für das
Vergraben von Pferdeschädeln in Kirchen. In der Kanzel
des Bristol Street Meeting House in Edinburgh fand man
1883 acht vergrabene Pferdeschädel. Das Anbringen von
Pferdehäuptern auf Dächern von Wohnhäusern und Stallungen galt als heil- und segenspendendes Zeichen. Bis
auf den heutigen Tag findet man in Niedersachsen und
Mecklenburg am Giebel der Bauernhöfe geschnitzte Pferdeköpfe. Man glaubte, dass auswärts schauende Pferdehäupter Unheil abwenden könnten.
Bearbeitungshinweis:
Die Abschnitte 1.1 bis 1.5 werden in Gruppen aufgeteilt
und erarbeitet. Die wichtigsten Informationen daraus
werden zusammengestellt und auf einer Folie übersichtlich dargestellt. Mit diesen Folien berichtet die Gruppe im
Plenum. Zusätzliche Informationen aus anderen Quellen
zu den einzelnen Themen sind zur Ergänzung erwünscht!
- Hans-Jörg Uther »Die schönsten Pferdemärchen«, Knaur,
München 2002
- Wolf-Dieter Storl »Pflanzen der Kelten«, AT, Aarau 2001
- Jakob Grimm »Deutsche Mythologie« Band II, Drei Lilien,
Berlin 1875
- Prudence Jones und Nigel Pennick »Heidnisches Europa«, Arun,
Engerda 1997
- Georg Grupp »Kultur der alten Kelten und Germanen«, Allgemeine Verlagsgesellschaft, München 1905
- Francoise le Roux u.a. »La civilisation celtique« Editions
Ouest-France, Rennes 1990
- A. V. Ström, H. Biezais »Germanische und baltische Religion«,
Kohlhammer, Stuttgart 1975
HINWEIS: Der Medienservice enthält 8 Farbfolien und
eine Beilage, in der auf Arbeitsblättern und Kopiervorlagen alle Texte wiedergegeben sind, auf die in den Unterrichtsbausteinen Bezug genommen wird (mit Ausnahme
von M 1, M 8 und M 9, die im Heft wiedergegeben sind).
Außerdem sind zusätzliche Informationen und Anregungen für einen Projektunterricht zum Thema enthalten.
Das Medienpaket »Bonifatius und die Seele Europas« ist zu
einem Preis von Euro 14,50 zu beziehen beim PädagogischTheologischen Institut Kassel, Frau Bärbel Nautz, HeinrichWimmer-Straße 4, 34131 Kassel, Telefon: 0561-9307-131,
Telefax: 0561-9307-177; E-Mail: baerbel.nautz@reliweb.de
Verwendete Literatur:
Das »Weiße Pferd«
Bodenformation vor der Festung
›Uffington Castle‹ (2. Jh. v. Chr.)
bei Avebury/Südengland
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medienbeitrag
M9
Germanische Eichen und heidnische Seelen
Ein Spielvorschlag zu Bonifatius für Sek I
Von Doris Wimmer-Hempfling
Dieses fast fromme Rollenspiel dauert etwa eine halbe
Stunde. Es erfordert von den Teilnehmern keine Vorbereitung. Nur der »Regisseur« sollte den Verlauf kennen und
die Materialien vorbereitet haben.
Teilnehmer/in liest M 9.5 vor:
»Ihr Heiden, der Heiland hat den Christen fruchtbare Felder im warmen Süden geschenkt, reich an Öl und Wein.
Ihr Anbeter des Wotan dagegen habt nur Länder, die vor
Kälte starren. Wollt ihr zu seinem Gefolge gehören?«
1. Verlauf
Die Teilnehmer/innen (mindestens 14 Personen sind dazu
nötig) und die Gruppenleitung (»Regisseur« mit vorbereiteten Materialien M 9.1 bis M 9.16) stehen alle an einer
Seite eines freien Platzes.
Regisseur: »Wir sind hier, um in einem Schnellkurs etwas
über den Umgang mit germanischen Eichen und Heiden,
d.h. Andersgläubigen, zu lernen.
Was braucht man nun für einen Schnellkurs?«
Der Regisseur lässt etwas Zeit für Meldungen.
»Das Wichtigste sind lernwillige Teilnehmer/innen.«
Die Teilnehmerliste (M 9.1) wird ausgerollt und vorgelesen.
»Die Gruppenstärken für Soldaten, Mönche, Germanen (bekehrte und nichtbekehrte) sollten etwa gleich groß sein.«
Die Liste wird aufgehängt und wird jeweils dann abgehakt,
wenn die jeweiligen Teilnehmer/innen stehen.
»Zuerst brauchen wir eine stattliche Eiche. Wer möchte
die Eiche sein?« (Auf Meldung warten)
Die Eiche bekommt einen Eichenzweig (M 9.2) und stellt
sich mitten auf den Platz.
»Es ist die Donareiche. Wir befinden uns im Jahr 724.«
Ein Tuch (M 9.3) wird neben der Eiche ausgebreitet.
»Diese Eiche ist eben gefällt worden.«
Die Eiche legt sich auf das Tuch.
»Ihr ahnt, von wem?« ...
»Nun brauchen wir Germanen vom Stamm der Hessen.
Für sie ist diese Eiche wichtig als religiöser und rechtlicher Mittelpunkt. Wer möchte Germane sein ...?«
Die Germanen erhalten alle einen kleinen Eichenzweig (M 9.4)
und stecken sich diesen an. Sie stellen sich hinter der Eiche
auf. Eine(r) bekommt den Zettel (M 9.5 – Predigt) und den
Hinweis, dass er/sie dann vorlesen soll, wenn er/sie darum
gebeten wird.
»Diese Germanen haben Bonifatius kennen gelernt, aber sich
nicht von ihrem überlieferten Glauben abbringen lassen.
Eine(r) von ihnen kann sogar etwas aus einer seiner Predigten zitieren.«
Regisseur: »Diese Germanen waren kein fruchtbarer
Boden für diese Worte. Sie sind damals kopfschüttelnd
und unwillig brummend weggegangen, denn sie waren
mit ihrem Land zufrieden.«
Zu den Germanen:
»Aber jetzt müsst ihr erkennen: Eure Götter haben den
Frevel nicht gestraft.
Wisst ihr schon, wie ihr auf diese Baumfäll-Aktion reagieren wollt?« (Gelegenheit zum Antwortgeben)
»Jetzt brauchen wir Soldaten. Wer ...?«
Sie erhalten einen »Metallgürtel« (z.B. aus Alufolie, M 9.6)
und sollen sich neben die Germanen stellen.
»Sie sind die Schutztruppe, die ›Hauskerle‹, die der fränkische Herrscher Karl Martell dem Bonifatius zur Verfügung gestellt hat. Die einen haben gewettet, dass die
germanischen Götter ihren Gläubigen die Treue halten,
dass sie sich als stärker erweisen.
Die andern haben gewettet, dass der christliche Gott
stärker ist und Bonifatius an seiner Macht teilhaben
lässt.«
Zu den Soldaten:
»Wer von euch meint, dass die germanischen Götter stärker sind als der christliche Gott?
Wer meint, dass der christliche Gott stärker ist?«
»Nun fehlen uns noch christliche Mönche. Wer ...?«
Sie erhalten Kapuzen (M 9.7)
»Sie sind Angelsachsen, gut organisiert, nicht wie diese
Individualisten, die iro-schottischen Mönche, die mit einem Bündel auf dem Rücken und einem Knüppel in der
Hand – gegen Bären und Wölfe – herumziehen und den
Gläubigen Bußen auferlegen: zum Beispiel auf Brennnesseln zu schlafen oder im Grab neben einer Leiche.«
Zu den Mönchen:
»Wie reagiert ihr, wenn euch die Eingeborenen (Regisseur
zeigt auf die Germanen) nachrufen: Verflucht seid ihr
Fremden und euer fremder Gott?«
»Und schließlich brauchen wir noch Bonifatius. Wer ...?«
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medienbeitrag
Er erhält ebenfalls eine Kapuze (M 9.8) und zwei Zettel (M 9.9
– Botschaft und M 9.10 – Schutzbrief) und stellt sich neben die
Mönche.
»Er ist ein Benediktiner-Mönch. Mit etwa 40 Jahren war
er bereit, das weiße Martyrium – nämlich ein entsagungsvolles Leben im Kloster – in ein rotes Martyrium zu
verwandeln. Er wurde missionierender Blutzeuge.
Sein Leben lang handelte er klug nach dem Motto: Tue
Gutes, und lass es auch den Papst wissen.
Immerhin ist er in seinem Leben dreimal nach Rom
gereist – das macht über 10 000 km in einer Gesamtreisezeit von etwa 360 Tagen.«
Zu Bonifatius:
»Bonifatius, warum bist du nicht in England geblieben,
sondern auf den Kontinent gekommen?«
»Bitte lies vor, was du den Heiden vermitteln möchtest.«
Bonifatius liest seine Botschaft (M 9.9) vor:
»Ich bringe euch die frohe Nachricht vom Herrn Jesus
Christus. Zwölf starke Recken haben ihn begleitet.
Wohin er kam, tat er Wunder: er heilte Kranke, er weckte
Tote auf, er vermehrte das Brot.
Einer von den zwölfen war Petrus – ein Kerl nach eurem
Geschmack. Er griff zum Schwert und verteidigte seinen
Herrn und hieb einem Soldaten das Ohr ab.«
Regisseur, zu den Germanen gewandt:
»Wie findet ihr Heiden diese Geschichten?«
Zu Bonifatius:
»Stimmt es, dass du Kisten voller Reliquien, Knochen von
Heiligen, aus Rom mitgebracht hast, um dem alten Aberglauben etwas entgegen zu setzen?«
»Und wer steht hinter Bonifatius? Der Papst.«
Er erhält ein rotes Tuch zum Umhängen (M 9.11) und
einen Text (M 9.12 – Ernennungsurkunde).
»Er hat Bonifatius fünf Jahre zuvor (am 15.05.719) den
Auftrag zur Heidenmission gegeben. Er hat ihm, dem
Winfried, auch den Namen Bonifatius gegeben nach dem
›Heiligen des Tages‹.«
Regisseur richtet sich an den Papst:
»Bitte würden Sie die Ernennungsurkunde vorlesen.«
Papst liest vor:
»Wir befehlen, dass du in der Gnade Gottes zu allen Völkern, die in dem Irrtum des Unglaubens gefangen sind,
schleunigst dich aufmachst und den Dienst des Reiches
Gottes durch die Verbreitung des Namens Christi überzeugend ausdehnst.»
Regisseur:
»Zuerst missionierte Bonifatius in Friesland.«
Frage an den Papst:
»Hielten Sie ihn für geeignet, die wilden Friesen zum
Christentum zu bekehren?«
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forum religion 3/2004
Regisseur an alle:
»In Friesland war Bonifatius nicht erfolgreich. Die Friesen
raunten: ›Vielleicht sind diese Kapuzenmänner Spione des
verhassten Frankenkönigs?‹
Wenn Bonifatius fragte: ›Widersagt ihr dem Gott Donar
und dem Pferdefleisch?‹ sah er nur Kopfschütteln.
722, in der ›provinica, quam Hessi inhabitant‹ war er
erfolgreicher. Zu Pfingsten hielt er dort eine Massentaufe. Er schickte seinen Mitarbeiter Bynnas mit einer Erfolgsmeldung nach Rom.«
Frage an den Papst:
»Was haben Sie sich da gedacht?«
Regisseur an alle:
»Die Karriereleiter von Bonifatius stand sicher. Der Papst
setzte ihn ein als Missionsbischof und später als Erzbischof. Als solcher schrieb Bonifatius an den Papst und
berichtete ihm von den Missständen in deutschen Landen: ›Die Diakone halten sich vier, fünf und noch mehr
Konkubinen nachts im Bett und werden Priester, ja sogar
Bischöfe.‹
Neben dem geistlichen hielt es auch der weltliche Herrscher für klug, Bonifatius zu unterstützen. Er ließ für ihn
einen Schutzbrief ausfertigen.«
Frage an Bonifatius:
»Was steht in diesem Schutzbrief?«
Bonifatius liest den Schutzbrief (M 9.10) vor:
»Vernehmt, dass der Bischof Bonifatius zu uns gekommen
ist und das Ansinnen gestellt hat, dass wir ihn in unseren Schutz nehmen mögen. Das haben wir, Karl Martell,
auch getan. Daher haben wir diese Urkunde anfertigen
lassen, damit er, wo immer er sich aufhält, gesichert sein
solle.«
Regisseur:
»Noch eine Person gibt es im Hintergrund. Sie ist nicht
körperlich, sondern seelisch anwesend:
Lioba, eine Verwandte von Winfried Bonifatius, die auch
aufs Festland kam, um dort zu wirken.«
Lioba erhält ein feines Tuch als Kopfbedeckung (M 9.13)
»Sie ist anders als die Weibspersonen und verschleierten
Frauen, über die Bonifatius an den Bischof von Canterbury geschrieben hatte: ›Zur Minderung der Schmach sollte man diesen die häufigen Reisen nach Rom verbieten,
denn viele gehen dabei sittlich zugrunde und wenige kehren unverletzt zurück‹.«
Zu Lioba:
»Lioba, Sie werden als ausgeglichene und feingebildete
Persönlichkeit geschildert.
Es wird Ihnen sichere, gütige Autorität bescheinigt, heitere Gelassenheit und maßvolle Askese. Wird man Ihnen
damit gerecht?«
»Nun brauchen wir noch bekehrte Germanen.«
medienbeitrag
Von ihnen erhält jede/r eine lange weiße Stoffbahn (M 9.14),
die er/sie sich vorne anheftet.
Sie stellen sich neben Bonifatius.
»Sie haben sich vor zwei Jahren, zu Pfingsten 722, taufen lassen. Sie vertrauen nicht mehr auf Thor, der mit
dem Hammer gegen das Böse kämpft, und auch nicht
mehr auf die anderen germanischen Götter.«
Frage an die bekehrten Germanen:
»Wie findet ihr es, dass Bonifatius die Eiche gefällt hat?
Wollt ihr diesen Heiden (deutet auf die Gruppe der nicht
bekehrten Germanen) etwas sagen?«
Frage an die nicht bekehrten Germanen:
»Wer von euch möchte sich bekehren zum einzigen wahren
Glauben? ... der geselle sich nun zu den Bekehrten.«
Bonifatius
Welch Liebe wallt in deiner Brust
zu so entfernten Seelen?
Wer machte dir die feurig‘ Lust,
das deutsche Land zu wählen?
Mit Recht hält dich das deutsche Reich
in Ehren, den Aposteln gleich.
»Nun fehlt noch einer: der Biograph Willibald.«
Er erhält seinen »Bericht« und eine Gänsefeder (M 9.15):
»Er hat aufgeschrieben, wie es sich wirklich zugetragen
hat (oder hätte sein sollen ...)«.
Was haben wir nun über den Umgang mit germanischen
Eichen gelernt?
Es geht ja hierbei um die Frage: Wie geht jemand mit den
Heiligtümern anderer um?
Wie reagieren wir, wenn sich jemand an einem unserer
Bäume vergreifen will?
Hier ist zum Abschluss eine Anregung.«
M 9.16 (Karikatur) wird herumgezeigt.
Bitte an Willibald:
»Bitte lesen Sie vor, was Sie geschrieben haben über das
Fällen der Donareiche, oder, wie man sie in lateinischer
Sprache nannte: die Jupiter-Eiche.«
Willibald liest vor:
»Bonifatius unternahm es, eine ungeheure Jupiter-Eiche
in einem Ort Gäsmere im Beisein der ihn umgebenden
Knechte Gottes zu fällen.
Als er nun in der Zuversicht seines standhaften Geistes
den Baum zu fällen begonnen hatte, verwünschte ihn die
große Menge der anwesenden Heiden als einen Feind
ihrer Götter lebhaft in ihrem Inneren. Als er jedoch nur
ein wenig den Baum angehauen hatte, wurde sofort die
gewaltige Masse der Eiche von höherem göttlichem
Wehen geschüttelt und stürzte mit gebrochener Krone zur
Erde, und wie durch höheren Winkes Kraft barst sie sofort
in vier Teile ...
Als dies die vorher fluchenden Heiden sahen, wurden sie
umgewandelt, ließen von ihrem früheren Lästern ab, priesen Gott und glaubten an ihn.
Darauf aber erbaute der hochheilige Bischof, nachdem er
sich mit den Brüdern beraten, aus dem Holzwerk des Baumes ein Bethaus und weihte es zu Ehren des heiligen
Apostels Petrus.«
Wie heilig hast du, Gottesfreund,
hier nach dem Heil gestrebet,
wie selig bist du dort vereint
mit Gott, dem du gelebet.
Nun schaust du Gottes Herrlichkeit
in himmlischer Zufriedenheit.
Regisseur an alle:
»Ich hoffe, jede/r von euch hat etwas Wichtiges gelernt.
Dankeschön fürs Mitmachen!«
2. Materialien M 9.1 bis M 9.16
M 9.1:
Teilnehmerliste:
– eine germanische Eiche
– Germanen (nicht bekehrt)
– Soldaten
– christliche Mönche
– Bonifatius
– ein Papst
– Lioba
– Germanen (bekehrt)
– Willibald, der Biograph
M 9.2
Eichenzweig für die »Eiche«
Regisseur:
»Diese Tat, neben anderen Verdiensten eher organisatorischer Art, hat bewirkt, dass Bonifatius in den folgenden
Jahrhunderten hoch geehrt wurde.
Ja, er wurde sogar aus bisher nicht bekanntem Grund der
Schutzpatron der Bierbrauer und der Schneider.
1778 dichtete jemand ein Lied mit 16 Strophen, wovon
ich zwei zum Abschluss vortragen möchte:
M 9.3
Tuch für die »Eiche«
M 9.4
kleine Eichenzweige für die Germanen
M 9.5
Predigt von Bonifatius:
»Ihr Heiden, der Heiland hat den Christen fruchtbare Felder im
warmen Süden geschenkt, reich an Ö1 und Wein. Ihr Anbeter des
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medienbeitrag
Wotan dagegen habt nur Länder, die vor Kälte starren. Wollt ihr
zu seinem Gefolge gehören?«
M 9.16
M 9.6
Gürtel (aus Alufolie) für die Soldaten
M 9.7
Kapuzen für die Mönche (aus Stoff oder Papier)
M 9.8
Kapuze für Bonifatius (aus Stoff oder Papier)
M 9.9
Botschaft von Bonifatius:
»Ich bringe euch die frohe Nachricht vom Herrn Jesus Christus.
Zwölf starke Recken haben ihn begleitet.
Wohin er kam, tat er Wunder: er heilte Kranke, er weckte Tote
auf, er vermehrte das Brot ...
Einer von den zwölfen war Petrus – ein Kerl nach eurem
Geschmack: er griff zum Schwert und verteidigte seinen Herrn
und hieb einem Soldaten das Ohr ab.«
M 9.10
Schutzbrief:
»Vernehmt, dass der Bischof Bonifatius zu uns gekommen ist
und das Ansinnen gestellt hat, dass wir ihn in unseren Schutz
nehmen mögen. Das haben wir, Karl Martell, auch getan. Daher
haben wir diese Urkunde anfertigen lassen, damit er, wo immer
er sich aufhält, gesichert sein solle ...«
M 9.11
rotes Tuch für den Papst
M 9.12
Ernennungsurkunde des Papstes:
»Wir befehlen, dass du in der Gnade Gottes zu allen Völkern, die
in dem Irrtum des Unglaubens gefangen sind, schleunigst dich
aufmachst und den Dienst des Reiches Gottes durch die Verbreitung des Namens Christi überzeugend ausdehnst.«
entnommen aus der TAZ
M 9.13
feines Tuch als Liobas Kopfbedeckung
M 9.14
weiße Stoffbahnen für die bekehrten Germanen
M 9.15
Gänsefeder; Bericht von Willibald:
»Bonifatius unternahm es, eine ungeheure Jupiter-Eiche in einem
Ort Gäsmere im Beisein der ihn umgebenden Knechte Gottes zu
fällen. Als er nun in der Zuversicht seines standhaften Geistes
den Baum zu fällen begonnen hatte, verwünschte ihn die große
Menge der anwesenden Heiden als einen Feind ihrer Götter lebhaft in ihrem Inneren. Als er jedoch nur ein wenig den Baum
angehauen hatte, wurde sofort die gewaltige Masse der Eiche
von höherem göttlichem Wehen geschüttelt und stürzte mit gebrochener Krone zur Erde, und wie durch höheren Winkes Kraft
barst sie sofort in vier Teile ...
Als dies die vorher fluchenden Heiden gesehen, wurden sie
umgewandelt, ließen von ihrem früheren Lästern ab, priesen
Gott und glaubten an ihn. Darauf aber erbaute der hochheilige
Bischof, nachdem er sich mit den Brüdern beraten, aus dem
Holzwerk des Baumes ein Bethaus und weihte es zu Ehren des
heiligen Apostels Petrus.«
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Verwendete Literatur
- Christentum in der Geschichte; Eingreifprogramm; Anfänge
des Christentums bei den Germanen; Hildesheim 1981
- Das große Buch der Heiligen; München 1996
- Gutschera, H, Maier, J., Thierfelder J.: Geschichte der Kirchen;
Mainz 1992
- Haendler, G., Ströhl G.: Die Kirche in ihrer Geschichte; Frühmittelalter, Germanenmission Slawenmission; Göttingen 1976
- Hartmann, K.: Zwanzig Jahrhunderte Kirchengeschichte; Lahr
1992
- Suchen und Glauben 5/6; Hildesheim 1977
- Steinwede, D.: Erzählbuch Kirchengeschichte, Band 1; Lahr
1982
- Strohm, L.: Zweitausend Jahre Christentum; Stuttgart 1999
- Wendepunkte; Arbeitshefte zur Kirchengeschichte, Heft 1: Das
Christentum bei den Germanen; Düsseldorf 1978
- Zeitschrift: entwurf 1/86
- Zweitausend Jahre Christentum, Band 1; Göttingen 1989
Internet-Adresse: www.heiliger-bonifatius.de
werkstatt schule
Testfall »Matthäi am letzten«
Kinder untersuchen Kinderbibeln an einem christlichen Grund-Text
Von Reiner Andreas Neuschäfer
Den Missionsauftrag im Unterricht zur
Sprache bringen!?
Religionsdidaktische und biblisch-theologische Aspekte
»Matthäi am letzten« ist wegen mancher Vorbehalte gegenüber ›Mission‹ kein Thema im Religionsunterricht, nicht
nur der ersten Schuljahre. In der Regel taucht Mt 28 in den
Lehrplänen nicht auf und wird höchstens in Zusammenhang
mit Christi Himmelfahrt erwähnt. Dabei gehört dieser Bibelabschnitt neben Vaterunser, Zehn Gebote, Seligpreisungen,
Psalm 23 u.ä. zu den »Grundtexten kirchlicher Kultur«, deren
kritisch-konstruktive Kenntnis mit zur religiösen Bildung gehört. Mt 28 spielt einerseits als Redensart1 seit Luthers Kleinem Katechismus auch außerhalb der Kirchenmauern eine
Rolle und wird andererseits in der Regel als Einstimmung in
die Tauffeier eines Gottesdienstes ins Spiel gebracht.
Der Text selbst ist vielschichtig und kann so im Unterricht
mit unterschiedlichen Akzenten zur Sprache kommen:
• Jesu Proklamation unendlicher Mittel und Möglichkeiten (»Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf
Erden ...«). Hier spielen z.B. Begriffe wie Macht-Ohnmacht oder Können-Versagen eine Rolle.
• Jesu Aufforderung (»Darum geht hin und macht zu Jüngern ...«). Hier sind Anfragen bezüglich Chancen und
Grenzen in Zusammenhang mit der Andersartigkeit im
Leben und Glauben anderer Menschen möglich.
• Jesu Taufauftrag (»Indem ihr sie tauft auf den Namen
des Vaters ...«) kann ein Korrektiv zum sonst häufig
gewählten Anknüpfen bei der eigenen Taufe Jesu
durch Johannes im Unterricht sein.
• Jesu Lehrauftrag (»Und lehrt sie halten, alles, was ich
euch befohlen habe«) ermöglicht einerseits rückschauend eine In-Blicknahme von Gleichnissen und Reden
Jesu; andererseits sind hier auch ideologiekritische
Ressourcen z.B. bezüglich Gehorsam gegeben.
• Jesu Verheißung (»Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis
an der Welt Ende«) wird v.a. aufgrund des Zuspruchcharakters hervorzuheben sein.
• »Matthäi am letzten« ist auch ein Abschiedstext. Dies
bietet die Möglichkeit, den Akzent auf die Frage des
Abschiednehmens in der damaligen Situation oder
auch bei den Schülern/innen zu legen.
Folgende Ideen und Impulse wollen einerseits den Text
selbst sprechen lassen; andererseits regen sie an, Kinderbibeln als elementare religiöse Medien in die Spurensuche
einzubeziehen.
Für die eigene Unterrichtsvorbereitung sind folgende religionsdidaktische und biblisch-theologische Fragen und
Einsichten2 elementar:
• Welche Bibelkenntnisse und Umgangserfahrungen mit
biblischer Literatur haben die Schüler/innen?
• Wie wurde bisher im Religionsunterricht das Leben
Jesu, die Osterereignisse und Christi Himmelfahrt verankert?
• Welche Bedeutung haben Kinderbibeln vermutlich für
die Schüler/innen?
• Wie gehe ich mit der Heterogenität der Lerngruppe in
puncto religiöser Bildung, Begleitung und Identität
um?
• Mt 28 hat verschiedene Gesichter. Wie werden vermutlich die Schüler/innen auf diese Gesichter »anspringen«?
• Wer den biblischen Missionsauftrag im Blick hat, kann
sich zwar auf Mt 28, 18-20 konzentrieren, sollte diesen Text aber nicht isoliert betrachten3: Nicht erst
»Matthäi am letzten« ist für einladend-missionarisches
Reden und Handeln ausschlaggebend; vielmehr stellt
Mission so etwas wie einen biblischen Grundzug dar.
Dies verhindert auch die Auffassung, dass Mission nur
deshalb zu praktizieren sei, weil dies als »Befehl« in
der Bibel stehe, dem man »gehorsam« sein müsse ...
• Die den Missionsauftrag des Auferstandenen als erste
hörten, waren nicht von Triumph erfüllt, sondern von
einer Niederlage, von Enttäuschung, Zweifel und Verzweiflung gezeichnet. Zweifel, Nichtverstehen und
Ablehnung sind also nicht erst ein Problem des neuzeitlichen Menschen, sondern gehören von Anfang an
zur Wirklichkeit des Glaubens, der immer den Charakter des Geschenks haben wird.
• Im Neuen Testament gibt es keinen einheitlichen
Begriff für Mission. Vielmehr ist dort von einer etwa
hundert Begriffe umfassenden Terminologie zur Beschreibung von Mission auszugehen4, wobei viele
Begriffe eine sehr viel weitergehende Bedeutung
haben, als das im Deutschen sichtbar wird.
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forum religion 3/2004
werkstatt schule
• In Bezug auf das Matthäus-Evangelium kann man in
der anfänglichen Bezeichnung für Jesus Immanuel
(»Gott mit uns«) nach Jes. 7, 14 und der abschließenden Zusage im Missionsauftrag (»Ich bin bei euch alle
Tage«) »einen Rahmen (...) sehen, der sich um das
ganze Evangelium spannt.«5
• Die Missionsbewegungen hatten ihren Ursprung im
Osterereignis. Die Zielrichtung ist die Ökumene, die
ganze, bekannte und bewohnte Welt. Mission und
Ökumene gehören von Anfang an zusammen.
• Gegen die verbreitete Vorstellung, der Missionsauftrag, wie ihn Mt 28,18-20 widerspiegelt, sei nicht von
Jesus selbst formuliert worden, gehen aktuelle Studien deutlich von einer grundsätzlichen Authentizität
dieses Jesus-Wortes aus und sehen den Missionsauftrag am Anfang der urchristlichen Missionsgeschichte.6
• Der Missionsauftrag gliedert sich in drei grundlegende
Elemente: a) Vollmachtswort (V.18b); b) Auftragswort
(V.19a-20a) und c) Verheißungswort (V.20b).
• Die Gegenwartsform des Verheißungswortes unterstreicht die Dauer der Verheißung.
• Auffällig ist die häufige Verwendung von »alle(s)«:
»alle Macht«, »alle Völker«, »alles zu befolgen«, »alle
Tage«. Hier zeigt sich eine universale Perspektive.
Ein Auftrag und ein Versprechen
Annäherungen an Mt 28 im Religionsunterricht
Über die Anknüpfungsmöglichkeit bei den Ostergeschichten, dem Oster- oder Himmelfahrtsfest in Form einer Erzählung oder mit Bezug auf den Jahresfestkreis
hinaus, bieten sich auch folgende Vorschläge7 an, die das
Thema »Mission« als ›Grundtext‹ des christlichen Glaubens bewusst machen:
• Wer den Akzent auf das Verheißungswort legen (und
dieses nicht nur auf die Begleitung des Auferstandenen bei spezifisch missionarischem Einsatz reduzieren
möchte), kann z.B. mit dem Gesprächsimpuls einsteigen: »Ein Versprechen, das später nicht eingehalten
wurde ...« bzw. »Eine große Enttäuschung habe ich
erlebt als ...«. Dann kann die Überwindung bzw. Überforderung thematisiert werden, trotz etlicher Enttäuschungen (über sich selbst und über andere) immer
wieder neue Versprechen zu hören und Neuanfänge zu
wagen!
• In sprachspielerischer Weise lässt sich »Matthäi am
letzten« mit Hilfe eines »Jenga-Turms« in Szene setzen. Hierbei wird das Sprachgefühl der Schüler/innen
gestärkt und deren Aufmerksamkeit auf einzelne Formulierungen gelenkt. Dazu werden zunächst einige
Holzstäbe des Turms mit folgenden Begriffen einseitig
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forum religion 3/2004
beschriftet (unproblematisch gestaltet sich die Beschriftung mit Bleistift): Auftrag, Befehl, Wunsch,
Voraussage, Bitte, Flehen, Aufforderung, Aufruf, Einladung, Ermahnung, Nötigung, Drohung, Gesetz, Verpflichtung, Erlass usw. Danach wird der Turm aus allen
Holzstäben aufgebaut, indem jeweils drei Balken
nebeneinander liegen. Die nächste Reihe wird jeweils
versetzt auf die untere Reihe aufgebaut. Dies wird so
lange fortgesetzt bis der letzte Holzstab verbaut ist.
Beim eigentlichen Spiel geht es darum, jeweils immer
einen Holzstab aus der Mitte oder dem Boden des
Turms zu entfernen und ihn wieder neu obenauf zu
plazieren, ohne dass der Turm zusammenfällt. Das
Spiel geht jeweils reihum, bis der Turm einstürzt. Wer
einen Holzstab mit einem Begriff gezogen hat, hat
die Aufgabe, Mt 28,18-20 in eben dieser Ausdrucksweise (z.B. als Auftrag, Befehl, Einladung usw.) zur
Sprache zu bringen. Dies kann entweder den ganzen
Text beinhalten (dann bietet es sich an, den Text als
Tafelanschrieb für die Schüler/innen zu visualisieren)
oder auf einzelne Textabschnitte beschränkt bleiben.
Neben der Sensibilität für die performative (Wirklichkeit schaffende) Funktion von Sprache wird bei diesem Schritt die »Originalversion« von Mt 28,18-20 in
ihrem Wortlaut eingeprägt. In der Reflexion dieses
Spiels kann gemeinsam entdeckt werden, wie unterschiedlich man ein und denselben Satz mit einem
Begriff (Auftrag, Befehl, Einladung usw.) charakterisieren kann oder es ist möglich dem nachzuspüren,
was sich durch die unterschiedlichen Ausdrucksweisen
verändert.
»Jenga-Turm«
werkstatt schule
• Wer bei den Schülern/innen ein Gefühl für die Struktur von »Matthäi am letzten« herausarbeiten möchte,
kann mit Hilfe von sog. »Karten-Haltern« einzelne
Worte bzw. Wortgruppen auf Karten schreiben (lassen). Mit Hilfe von Kartenhaltern können die Schüler/innen eine Gliederung des Textes (z.B. in Vollmachtswort, Auftragswort und Verheißungswort) durch
bestimmte Zusammenstellung der Worte veranschaulichen.
• Um den Bibeltext sprachlich genauer unter die Lupe
zu nehmen, lassen sich die Schüler/innen Wort-Übertragungen bzw. Umschreibungen einfallen, die parallel
zum Text den Inhalt in eigenen Worten wiedergeben.
• Wer auch musikalische Möglichkeiten ausschöpfen
möchte, findet nur wenige Lieder, die Mt 28 berücksichtigen. Hervorzuheben ist jedoch das Lied »Auf
dem Berge der Erscheinung« von Dieter Stork (Text)
und Siegfried Fietz (Melodie) auf der CD »Christus ist
auferstanden/Hinauf nach Jerusalem« (Abakus-Verlag
1999) bzw. im Liederbuch »Heissa, wir dürfen leben.
Kinderlieder« (Abakus-Verlag 1984). Hier wird nicht
nur der Missionsauftrag aufgegriffen, sondern auch
die Reich-Gottes-Frage und die Erscheinungen des
Auferstandenen. Andere angemessene Lieder, welche
die Thematik von Mt 28 berühren sind: »Gib uns
Ohren, die hören ...« (Bernd Schlaudt), »Tragt in die
Welt nun ein Licht« (Wolfgang Longardt; zum Teil im
EG) oder »Ins Wasser fällt ein Stein« (zum Teil im
EG).
• Wer vor spirituellen Dimensionen, die Religion »zeigen«, nicht zurückschreckt, kann die Schüler/innen
an das, früher Franz von Assisi zugeschriebene Gebet
»Herr, mach mich zum Werkzeug Deines Friedens«
(Text im EG, in Büchern und auf Karten) heranführen
und eine veränderte Sichtweise auf die Begegnung
anderer Menschen anbahnen.
Kinder prüfen Kinderbibeln
Zum Einsatz von Kinderbibeln im Religionsunterricht
Wo verschiedene Kinderbibeln im Unterrichtsalltag zum
Tragen kommen, können die Schüler/innen in einen konstruktiv-kritischen Umgang mit Medien eingestimmt und
diesbezügliche Kompetenzen vertieft werden.
Zwei Möglichkeiten bieten sich als Herangehensweise an:
Entweder haben sich die Schüler/innen bereits mit dem
Bibeltext vertraut gemacht und untersuchen nun Kinderbibeln nach dem, was sie hinsichtlich »Matthäi am letzten« textlich bieten, verschweigen und verändern oder
durch Illustrationen vor Augen malen. Oder die Schüler/innen haben sich in den vorherigen Unterrichtsstun-
den mit Fragen der Kinderbibel-Einschätzung bzw. Bibelbearbeitung in Form von Kinderbibeln bereits beschäftigt8 und konkretisieren dies nun beispielhaft an Mt 28.
Um die kritisch-konstruktive Annäherung an Kinderbibeln als Medien (die nicht einfach hinzunehmen, sondern
zu hinterfragen sind) zu verankern, bietet sich der Zugang über das Motiv »Detektiv« oder »Lupe« (Symbol für
genaueres Wahrnehmen) an.9
Es hat sich gezeigt, dass Schüler/innen hierdurch eher in
die Welt des Entdecken- u. Erforschenwollens hinein tauchen können. Lupen lassen sich entweder selbst herstellen oder günstig in Brillenfachgeschäften besorgen und
dann individuell von den Schülern/innen gestalten. Ausgehend von Überlegungen, wozu Detektive bzw. Lupen da
sind, werden die Schüler/innen mit vielen, verschiedenartigen Kinderbibel-Exemplaren vertraut durch eigenverantwortliches, freies Entdecken und mit Hilfe eines Fragebogens, der in Partnerarbeit ausgefüllt wird (siehe
Arbeitsblatt).10 Bei diesem Schritt geht es nicht um Vollgültigkeit, sondern um eine Annäherung und Anregung
zum genaueren Betrachten von Kinderbibeln durch die
Schüler/innen – also eine erste Einführung; das vergleichende Lesen bewirkt eine intensive Auseinandersetzung
mit dem Bibeltext. Äußerer Anlass dieser Unterrichtsarbeit könnte sein: »Wir wollen für unsere Schule (und unseren RU) eine neue Kinderbibel anschaffen – und ihr könnt
mitbestimmen, welche das werden soll!« Möglichst viele
Kinderbibeln werden zusammengetragen: die bisher an
der Schule benutzte; Bibeln, die Kinder von zuhause mitbringen; Bibeln, die sich die Lehrer/in von Verlagen als
Ansichtsexemplar zur Verfügung stellen lässt (siehe nachfolgende Übersicht) oder aus den kirchlichen Religionspädagogischen Instituten, Medienstellen usw. ausleiht.
Alle Bibeln werden in die Raummitte gelegt; die Schüler/innen wählen sich jeweils in Partnerarbeit eine Bibel,
die sie unter die Lupe nehmen. In der Partnerarbeit wird
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werkstatt schule
das Arbeitsblatt zur Ergebnis-Sicherung und als Grundlage für das anschließende Plenums-Gespräch und ggfls.
die Entscheidung für die »beste Bibel« ausgefüllt (auch
ohne den konkreten »Neuanschaffungs-Aspekt« wäre eine
solche gemeinsame Arbeit fruchtbar).
In einem nächsten Schritt ist nach dem zu forschen, was
in der jeweiligen Kinderbibel zu dem berichtet wird, was
zwischen Ostern und Pfingsten geschah. Hierbei werden
die Schüler/innen entdecken, dass in etlichen Kinderbibeln »Matthäi am letzten« gar nicht erwähnt wird. Wo
Spuren dieses Bibelabschnitts dennoch auszumachen
sind, werden die Schüler/innen aufgefordert, ihre Entdeckungen mit dem »Vollbibel«-Text zu vergleichen:
• Welche Wörter tauchen anders auf?
• Wie wird etwas näher erläutert?
• Was verändert sich in der Aussage durch die
Veränderungen? usw.
Hierbei kann auch auf die Karten-Halter zurückgegriffen
und vor Augen gemalt werden, welche Text-Teile des Missionsauftrags in der Kinderbibel einen Niederschlag gefunden haben und welche nicht. Die Illustrationen und
Bilder sollten dabei berücksichtigt werden. Abschließend
haben die Schüler/innen ihre Entdeckungen in Partneroder Tischgruppen-Arbeit der Gesamtlerngruppe zu präsentieren und ihre Kinderbibel anhand der Beobachtungen zu »Matthäi am letzten« einzuschätzen – beispielsweise indem ihnen Noten gegeben werden. Nachdem alle
Einschätzungen präsentiert wurden, können die Kinderbibeln von den Schülern/innen in eine entsprechende Reihenfolge gelegt werden. Das »fantastischste« und »fragwürdigste« Beispiel für »Matthäi am letzten« in Kinderbibeln wird noch einmal zur Sprache gebracht und das
Erarbeiten reflektiert.
Beispielhaftes zu Mt 28 aus Kinderbibeln
Eine Übersicht
Wer auf Spurensuche in Kinderbibeln geht findet bezüglich »Matthäi am letzten« viele fragwürdige, aber auch
fantastische Beispiele. Folgende Punkte verdienen bei der
eigenen Einschätzung ein besonderes Augenmerk und
können Orientierung geben für die Spurensuche mit den
Schülern/innen:
• Kommt Mt 28 überhaupt vor?
• Wie sieht der Kontext aus, in dem der Missionsauftrag geschildert wird?
• Wie ist die Verbindung Zusage – Auftrag?
• Bleibt die Zusage eine Zusage, oder wird aus der
Zusage ein Befehl, dieses Versprechen nicht zu
vergessen?
• Erklärung der Taufe?
• Übersetzung von »Vollmacht«?
• Wie sieht die Reaktion der Jünger/innen aus?
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• Allgemeine Beobachtungen zur Sicht auf »Ungläubige«
• Ende der Welt – zeitlich oder örtlich?
Folgende Entdeckungen malen die Mannigfaltigkeit vor
Augen, wie der Missionsauftrag in Kinderbibeln einen
Ausdruck findet:
– Sehr nah an der Bibel orientiert sich »Die große Kinderbibel« von Murray Watts, die 2002 im Pattlochverlag
Augsburg bzw. Brunnen-Verlag Gießen erschien: »Doch
Jesus sagte zu ihnen: ›Habt keine Angst. Gott hat mir
unbeschränkte Vollmacht im Himmel und auf der Erde
gegeben. Darum geht in die Welt hinaus und ladet alle
Menschen ein, meine Nachfolger zu werden. Tauft sie im
Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Und vertraut darauf: Ich bin jeden Tag bei euch – bis ans
Ende der Welt.‹ Die Jünger konnten von dem Berg aus an
der gegenüberliegenden Seite des Sees Genezareth kleinere Dörfer und größere Städte sehen, und sie stellten
sich vor, wie die ganze Welt vor ihnen lag, um die frohe
Botschaft von Jesus zu hören.« An diese Schilderung
schließt sich sogar die in Apg 1 erzählte Version an!
Auffällig ist, wie die Jünger-Reaktion sehr auf die
menschliche Dimension beschränkt wird (»stellten sie
sich vor, wie die ganze Welt vor ihnen lag, um ...«).
– Sehr eng am Deutsch der Luther-Bibel hält sich Werner
Laubi in seiner »Kinderbibel« (S. 258).
– In »Die coolste KIBI zwischen Alfdorf und Texas«, die
selbst sehr missionarische Züge in aufdrängender Weise
enthält, kommt der Missionsauftrag Jesu explizit gar
nicht vor! Dort heißt es lapidar: »40 Tage lang war Jesus
noch bei den Jüngern und lehrte sie. Danach wurde er
direkt vor ihren Augen in den Himmel aufgenommen. Eine
Wolke verhüllte ihn, und sie konnten ihn nicht mehr
sehen.« Dazu wird karikierend ein nach oben schwebender Jesus vor staunenden Jüngern gezeichnet (S. 402f.).
– Anne der Vries (2002, S. 233) schmückt den Bibeltext weiter aus: »Aber die andern waren alle versammelt und hörten
dem Herrn gut zu (!), denn sie wussten, dass er zum letzten
Mal bei ihnen war(!). Jesus sagte, die Jünger sollten bald
das große Werk beginnen, das er sie gelehrt hatte.«
– Evert Kuijt (»Der Herr ist mein Hirte«) verurteilt ungewöhnlich die Ungewißheit der Jünger, indem er formuliert: »Die Jünger sind gar nicht damit einverstanden,
dass Jesus von ihnen geht. Sie hoffen noch immer, dass
er auf der Erde König wird. ‚Herr, wirst du nun bald König
in Israel‘ fragen sie ihn. Wie dumm sind sie doch! (!) Er
hat ihnen doch deutlich gesagt, daß er kein irdischer
König sein wird. Jesus ist traurig über ihre Frage. Er sagt
noch einmal (...)« (S. 170). Hier wird ein Glaube forciert,
der nicht und nichts mehr in Frage stellt ...
– In der Brunnen-Kinderbibel von 1976 (5. leicht gekürzte Aufl. 1983) wird der Missionsauftrag noch detaillierter
beschrieben: »Ihr sollt hinausgehen in die Welt und das
Evangelium verkündigen«, gebot er ihnen. »Ihr müsst die
werkstatt schule
Völker lehren und ihnen sagen, dass Gottes Sohn für die
Menschen gestorben ist. Erzählt alles, was ich euch gesagt habe. Macht Kranke gesund, fordert die Menschen
auf, meine Jünger zu werden und alle Gebote einzuhalten, die ich euch gegeben habe. Vergesst nie, dass ich
jeden Tag bis zum Ende der Welt bei euch bin. Wartet in
Jerusalem, bis der Heilige Geist kommt.«
Hier wird aus der Zusage »Siehe, ich bin bei Euch« ein
Befehl, nicht zu vergessen. Auch sonst tauchen viele Vokabeln, die im weiteren oder engeren Sinne mit Gehorsam zu
tun haben, auf und verstärken damit diese Dimension ...
– In der »Kinderbibel« von Lois Rock und Christina Balit
(Stuttgart 2001) heißt es zur Verortung des Missionsauftrags lapidar »Einmal sagte er ...« ohne nähere zeitliche
oder örtliche Bestimmung. Der Missionsauftrag wird in
die Worte gekleidet »Verbreitet die Botschaft von Gottes
Herrschaft in der ganzen Welt. Doch wartet noch eine
Weile. Gott wird euch seinen Heiligen Geist senden, der
euch dabei helfen wird« (S. 212). Hier fehlt die Rückbindung an Jesus. Es bleibt unverständlich, warum sie nicht
sofort antreten sollen ...
– Die Neukirchener Kinderbibel (Neukirchen-Vluyn 13.
Aufl. 2003) bietet den Bibeltext Mt 28,16-20 als Vortext
zu den Himmelfahrt- und Pfingsterzählungen, ohne diesen dann selbst zu erzählen.
– Unter der Überschrift »Abschied und Auftrag« bringt
Peter Spangenbergs Kinderbibel (»Das Geheimnis von Himmel und Erde. Die Bibel in Auswahl zum Lesen und Vorlesen«, Hamburg 2001) zuerst eine Verbindung zu Moses’
Bergerfahrungen und betont »die besondere Luft, die
Andacht, die Demut«.
– Die Elementarbibel (Lahr 1998) bemüht sich um enge
Orientierung am Bibeltext. Fragwürdig ist dennoch eine
Formulierung wie »Einige aber glaubten nicht, dass er es
war.« Bibeltextlich korrekt aber weit entfernt von kindgerechter Sprache ist die Formulierung »Verlasst euch
darauf: Ich bin bei euch an jedem Tag, bis die Weltzeit
vollendet ist.«
– Das Vollmachtswort fehlt in der Kinderbibel von Wilfried
Pioch (Hamburg 1989), die aber sonst kindgerechte Übertragungen bietet.
– Nicht nur formal entfernt vom Bibeltext ist die große Arena-Kinderbibel (Würzburg 2002), wenn es beispielsweise heißt: »Gott hat mir für das, was ich euch
sagen werde, alle Macht im Himmel und auf der Erde
gegeben.« Oder »Tauft alle, die glauben, im Namen des
Vaters ...«.
In Dankbarkeit gewidmet Lehrer Lambert Hensen,
Erkelenz-Genhof
Literatur:
– Ruth B. Bottigheimer: Eva biss mit Frevel an; Rezeptionskritisches
Arbeiten mit Kinderbibeln in Schule und Gemeinde; Göttingen 2003
– Reiner Andreas Neuschäfer: Mit Kinderbibeln Jesus ins Spiel
bringen. Praxisimpulse in religionspädagogischer Perspektive,
in: Hans-Gerd Wirtz (Hg.): Der Fremde aus Nazareth – Jesus
Christus in Kinderbibeln (Schriften zur internationalen Kulturund Geisteswelt; Bd. 20); Weimar, Bertuch Verlag 2004, 44-59
– Eckhard J. Schnabel: Urchristliche Mission; Wuppertal 2002,
344-378
– Andrea Schulte, Ingrid Wiedenroth-Gabler: Religionspädagogik; Stuttgart 2003 (ctb; 94)
– Manfred Seitz: Mission – das Urwissen vom Leben für viele öffnen, in: Manfred Josuttis u.a. (Hg.): Auf dem Weg zu einer seelsorglichen Kirche; FS Christian Möller; Göttingen 2000, 199-208
– Peter Stuhlmacher: Zur missionsgeschichtlichen Bedeutung
von Mt 28,16-20, in: Evangelische Theologie 59/1999, 108-130
aus: Chrstiane Herrlinger; Dieter Konsek:
Unter Gottes weitem Himmel. Die Bibel für Kinder.
Stuttgart 2003, S. 261, Dt. Bibelgesellschaft Stuttgart.
Anmerkungen:
1 Siehe Lutz Röhrich: Das große Lexikon der sprichwörtlichen
Redensarten; Bd. 2; Darmstadt 2001, 1007.
2 Siehe näher: Reiner Andreas Neuschäfer: Mit Kinderbibeln
Jesus ins Spiel bringen; Praxisimpulse in religionspädagogischer Perspektive, in: Hans-Gerd Wirtz (Hg.): Der Fremde aus
Nazareth – Jesus Christus in Kinderbibeln; Weimar: Bertuch
Verlag 2004, 44-59.
3 Siehe Hubert Frankemölle, Andreas Grünschloß: Art. »Missionsbefehl«, in: RGG 5 (4. Aufl. 2002), 1302-1304.
4 Vgl. Rudolf Pesch: Voraussetzung und Anfänge der urchristlichen Mission, in: Mission im Neuen Testament; hrsg. v. Karl
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Kertelge; Frankfurt am Main u.a. 1982 (Questiones Disputatae; 93), 11-70.
5 Vgl. Peter Müller: Kindheitserzählungen nach Lukas und Matthäus, in: Rainer Lachmann, Gottfried Adam, Christine
Reents (Hg.): Elementare Bibeltexte; Exegetisch – systematisch – didaktisch; Göttingen 2001 (TLL; 2), 243-258, hier:
251.
6 Vgl. Otto Betz: Art. »Mission III; Neues Testament«, in: TRE
23 (1994), 23-31 und Peter Stuhlmacher: Zur missionsgeschichtlichen Bedeutung von Mt 28, 16-20, in: Evangelische
Theologie 59./1999, 108-130. Siehe auch Hans-Joachim
Eckstein: Der aus Glauben Gerechte wird leben. Beiträge zur
Theologie des Neuen Testaments; Münster 2003, 102-107
7 Zum Umgang mit sprachlichen und textlichen Ausdrucksformen bei der Gestaltung von religiösen Lernprozessen siehe
grundsätzlich Andrea Schulte, Ingrid Wiedenroth-Gabler:
Religionspädagogik; Stuttgart 2003, 151-154.
8 Siehe zu Fragen von Einschätzung und Umsetzung: Reiner
Andreas Neuschäfer: Kinderbibeln im Religionsunterricht;
Religionspädagogische Kompetenzen zwischen Qualität und
Kitsch, in: forum religion 1/2003, 34-36.
9 Diese Anregung verdanke ich Thomas Hanselmann: Untersuchung zur Auswahl von Kinderbibeln. Ein Vergleich der Beurteilung von Fachdidaktikern und Schülern einer Klassenstufe
3/4 am Beispiel der Perikope vom barmherzigen Samariter
(Lk 10), Hausarbeit Studienseminar Goslar, Februar 2004.
10 Interessante Vorschläge finden sich bei Ruth B. Bottigheimer: Eva biss mit Frevel an; Rezeptionskritisches Arbeiten
mit Kinderbibeln in Schule und Gemeinde; Göttingen 2003,
87-93.
Materialien
2. Auf dem Berge der Erscheinung
fragen Jünger nach dem Reich.
Wann der Herr es denn errichte,
erst viel später oder gleich?
Christus sagt: In meiner Liebe dieses Reich den Anfang nimmt, wo
ein jeder jeden andern als den
Bruder gern annimmt.
Sagt allen Menschen ...
3. Auf dem Berge der Erscheinung
fragt man nach der Gottesstadt,
wo Gott wohne auf der Erde, wo er
sich uns Menschen naht?
Christus sagt: Sät jede Stunde der
Versöhnung gute Saat, und es wird
euch der erscheinen, der euch nie
verlassen hat.
Sagt allen Menschen ...
4. Auf dem Berge der Erscheinung
fragt man nach der Herrlichkeit,
wann sie segne, wann sie heile,
wann sie uns zur Freude leit’.
Christus sagt: Ich komme wieder!
Wollt ihr mich schon jetzt
erschaun, müsst ihr Neid und Hass
zertreten und den Gottesfrieden
baun.
Sagt allen Menschen ...
Text: Dieter Stork; Musik: Siegfried Fietz; aus: CD und Notenausgabe »Christus ist auferstanden«
© ABAKUS Musik Barbara Fietz, 35753 Greifenstein
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unterrichtsentwurf
»Was ist Glück?«
Unterrichtsimpulse zu Fragen nach Glück und Unglück, Zufall und Schicksal
(3.-5. Schuljahr)
Von Rainer Oberthür
unter Mitarbeit von Alois Mayer
Kinder wundern sich darüber, dass die Welt so ist, wie
sie ist. Sie denken darüber nach, warum das, was passiert, so und nicht anders geschieht. Sie fragen nach
Glück und Unglück, nach Zufall und Schicksal im Leben.
Die folgenden Unterrichtsimpulse und -bausteine geben
(in Ergänzung zu dem Themenheft »Glück«, s. forum religion Heft 2/2004) solchen Fragen und Gedanken Raum
und Nahrung. Sie waren Bestandteil einer umfangreicheren Unterrichtsreihe, die wir in einem 4. Schuljahr der
Kath. Grundschule Höfchensweg in Aachen durchgeführt
haben. Die steinbruchartige und exemplarische Darstellung bewahrt zugunsten von Offenheit und Anschaulichkeit bewusst den Werkstattcharakter, um zu eigener Praxis zu ermutigen.
1. Zugang:
Was ist Zeit? – Frag den, auf dessen Nacken das Richtschwert
herniedersaust.
Was ist Gnade? – Was nicht?
Quelle: Die fünf Fragen sind Hans Kaspers Gedicht »Elf Fragen«
entnommen, in: Hartmut von Hentig (Hg.), Meine deutschen
Gedichte, Seelze/Velber 2001, S.416.
Vorlesen der Antworten der Kinder (zunächst die vor und
dann die nach des Dichters Antwort) und Gespräch darüber.
Kinderantworten vor der Antwort des Dichters zu »Was ist
Glück?«:
• Was Besonderes, das man nicht beschreiben kann
• Ich glaube Glück ist Liebe und irgendwer liebt dich
immer
• Glück ist ein Gefühl der Freude
• Glück ist für jeden Menschen anders
»Fünf Fragen« von Hans Kasper zur Themenfindung
Einstimmung auf ein neues Thema, das sich in einem
Gedicht versteckt hat.
Das Gedicht besteht aus fünf Fragen und heißt auch so.
Die Kinder bekommen kleine Zettel auf ihre Tische. Die
fünf Fragen werden nacheinander an die Tafel geschrieben. Danach überlegen sich die Kinder Antworten und
schreiben sie auf einen Zettel. Die Kinder antworten als
Dichter.
Was ist Glück?
Was ist Weisheit?
Was ist Wahrheit?
Was ist Zeit?
Was ist Gnade?
Kinderantworten nach der Antwort: »Dass du fragst«:
• Wieso fragst du mich?
• Dass du antworten kannst
• Dass es dich hier gibt und dass ich dich kenne
• Dass du weißt, was du fragst und dass du fragen
kannst
Vergleich der Anzahl der beantworteten Fragen (Favorit
der Kinder war eindeutig die Frage nach Glück, gefolgt
von der Frage nach Zeit). Ankündigung der intensiven Beschäftigung mit der Frage nach dem Glück in den nächsten Stunden.
2. Zugang:
»Selma, das glückliche Schaf« von Jutta Bauer
Wir lesen die Antworten von Hans Kasper vor. Danach
schreiben die Kinder mit einem anderen (roten) Stift weitere Antworten auf, Antworten, die vielleicht von dem
Dichter Hans Kasper angeregt werden.
Was ist Glück? – Dass du fragst.
Was ist Weisheit? – Der Kopf verneigt sich vor dem Herzen.
Was ist Wahrheit? – Reichtum des Armen, Armut des Reichen.
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– Ankündigung eines dreiminütigen Filmes zur Frage »Was
ist Glück?« (Alternative: Text M 1)
– Zweimaliges Betrachten des Films »Selma, das Schaf«
ohne ein Gespräch darüber.
– Im Anschluss daran bekommen die Kinder direkt das erste
Arbeitsblatt, auf dem Selma von einem Reporter nach dem
Glück gefragt wird (M 1.1).
unterrichtsentwurf
– Wir machen die Kinder darauf aufmerksam, dass sie nicht
einfach nur wiederholen sollen, was Selma den ganzen Tag
macht, sondern dass sie Selma direkt auf die Frage nach
dem Glück antworten lassen sollen, dabei sicherlich auch
eigene Antworten auf diese Frage einfließen lassen können.
– Wer seine schriftliche Antwort fertig gestellt hat, bekommt das zweite Arbeitsblatt (M 1.2), auf dem Selma bzw.
die Kinder die Möglichkeit haben, die Frage nach dem Glück
mit einem Bild zu beantworten. Dazu haben die Kinder viel
Zeit.
Quellen: Buch von Jutta Bauer »Selma«, Lappan-Verlag/Film »Selma, das Schaf« von Jutta Bauer, Regie: Alexandra Schatz, Vertrieb:
Kath. Filmwerk GmbH, Ludwigstr. 33, 60327 Frankfurt/M.
3. Zugang:
Selmas Antworten und weitere Geschichten zur
Frage nach Glück und Unglück
– Vorlesen besonders interessanter Antworten von Selma und
Ausstellung aller gezeichneten Bilder der Kinder. Gespräch
darüber und Beziehung zwischen Texten und Bildern.
– Ankündigung eines Liedes von Gerhard Schöne (M 2) zur
Frage nach dem Glück, aber auch nach dem Unglück.
– Hören des Liedes und Nacherzählen der Geschichte einschließlich des Resümees in der letzten Strophe (oder:
Erarbeitung des Textes M 2).
– Vergleich zwischen Selma und dem Bauern im Lied: Beide sind mit ihrem Leben, so wie es ist zufrieden und nehmen das Leben so, wie es kommt.
– Vorlesen der kurzen Geschichte von Christine Nöstlinger: »Eine glückliche Familie« (M 3).
– Gemeinsamkeit zwischen Selma, dem Bauern und der
glücklichen Familie: Die optimistische und zufriedene
Lebenshaltung – bei Selma passiert eigentlich immer dasselbe, beim Bauern wendet sich Glück ins Unglück und
Unglück ins Glück, bei der glücklichen Familie wird jedes
Unglück noch als Glück gedeutet – insofern steigert sich
diese Lebenshaltung von Geschichte zu Geschichte!
Quellen: Lied Gerhard Schöne »Glück oder Unglück?« Noten in:
»Ich muss singen«, zu hören auf der CD Gerhard Schöne »Die
sieben Gaben« (beides erschienen bei: Buschfunk Vertriebs
GmbH, Rodenbergstr. 8, 10439 Berlin)
4. Zugang:
Das Globus-Spiel von Nikolaus Cusanus (1401-1464)
– Auslegen des Spielfeldes (ein Mittelpunkt mit immer
größer werdenden Kreisen) ohne weiteren Kommentar
– Die Schüler überlegen, was das sein könnte
– Erste Information: Es ist ein Spiel, das bereits vor über
500 Jahren erfunden wurde. Worum könnte es in diesem
Spiel gehen? Was ist das Ziel?
– Vermutungen der Schüler
– Zeigen der Holzkugel, mit der gespielt wird
– Schülervermutungen, was das Ziel ist und wie man spielt
– Erste Spielphase: Mit den drei Holzkugeln versuchen die
Kinder zunächst einzeln, dann reihum im Uhrzeigersinn,
einen Plan und Regeln herauszufinden, wie das richtig
erkannte Ziel – die Kugel in der Mitte zu platzieren – am
geschicktesten erreicht werden kann
– Reflexion der Erfahrungen im Spiel: Ist es Glück, Können, Erfahrung, Übung ...? Was verrät uns das GlobusSpiel zu unserer Frage »Was ist Glück?«?
– Weitergabe von guten Erfahrungen und Regeln beim Werfen der Holzkugel und Demonstration dieser Erfahrungen
– Erneute Spielphase, bei der die Kinder die eigenen Erfahrungen und die Hinweise für einen günstigen Wurf
deutlich erfolgreicher umsetzen
– Abschließende Reflexion: Was sagt uns das Globus-Spiel
über das Glück?
HINWEIS: Das Globus-Spiel (Spielkugel und Spielplan) ist
erhältlich zum Preis von 12,50 € im pti Kassel, Heinrich-WimmerStr. 4, 34131 Kassel, Frau Bärbel Nautz, Tel.: 0561-9307-131,
Fax: 0561-9307-177, E-Mail: baerbel.nautz@reliweb.de
Gesprächsauszüge:
Ein Kind hat bereits früh die Theorie, dass die Kugel immer
spiralförmig läuft, sie wird jedoch wieder vergessen.
»Das Runde muss immer zur Mitte hin liegen.«/»Weil der
Schwerpunkt zur Mitte hin liegt, die Delle aber eher nach
außen, ergibt das eine Spirale, die immer kleiner wird.«/»Das
ist Glück.«
Auf die Rückfrage (Ist das nur Glück?):
»Das ist auch ein bisschen Übung.«/»Es hängt mit der
Wurftechnik zusammen und mit Glück.«
R.O.: Kann man sagen: ›Ich kann ganz viel üben, und dann
schaffe ich es sicher‹?
Die Kinder meinen, es kann dann eher klappen, aber nicht
mit Sicherheit. »Man hat ja auch immer eine andere Kraft
im Arm.«/»Man braucht innere Ruhe, auch eine Strategie.«
R.O.: Warum heißt das Spiel wohl Globus-Spiel?
»In der Mitte ist die Sonne und außen sind die Planeten,
die Kreise sind wie die Bahnen der Planeten, d.h. die
Umlaufbahnen der Planeten um die Sonne.«
R.O.: Warum hat Nikolaus Cusanus eine Kugel mit so einer
Delle für das Spiel gebaut, wenn das doch die Erde sein
soll, also der Globus? – Ich helfe euch: Cusanus war nicht
Erdkundelehrer, sondern ein Religionslehrer, also ein Theologe.
»Das soll daran erinnern, dass man die Erde nicht an manchen Teilen vergessen soll. Die Erde hat eine Delle, die ist
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unterrichtsentwurf
nicht nur schön rund.«/»Gott hat die Erde zwar rund
gemacht, aber die Menschen müssen sie vervollständigen.«/»Die Erde will und soll zur Sonne, zum Licht
hin.«/»Nicht nur zur Mitte, sondern auch zum Ziel.«/»Niemand kann ganz zum Ziel kommen, niemand ist perfekt.«
R.O.: Wenn die Kugel keine Delle hätte, würde ich dann
leichter zur Mitte kommen?
Die Kinder meinen, eine runde Kugel würde schnell über
das Ziel hinauslaufen; wenn man die Regeln kennt, wie die
Kugel läuft, dann kommt man besser zur Mitte, wenn die
Kugel eine Delle hat. Das können sie auf ihr Leben beziehen: »Wer sich einbildet, er schafft alles, schafft es vielleicht gerade nicht. Wer seine Dellen und Macken kennt,
schon eher.«
R.O.: Was sagt das über das Glück?
... dass nicht jeder Wurf in die Mitte kommen kann./... dass
man nicht immer der Beste sein kann./... dass es gut ist,
wenn man seine Macken und Dellen hat./... dass man
nicht immer unbedingt sofort die Mitte erreichen muss./ ...
dass man sich Zeit lassen muss./... dass man nicht so hektisch ist./... dass man nicht aufgibt./... dass man nicht
ganz perfekt ist./... dass man an sich glaubt./... dass man
auch seine schlechten Würfe (Seiten) akzeptiert./... dass
man geduldig ist.
5. Zugang:
Glück haben – glücklich sein
– Tafelimpuls zu zwei verschiedenen, doch aufeinander
bezogenen Aspekten der Frage nach dem Glück: Glück haben (linke Tafelseite) – glücklich sein (rechte Tafelseite)
– Unterrichtsgespräch über diese Aspekte/Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Bezüge zueinander/dabei Entwicklung
der folgenden Tafelanschrift:
Glück haben
glücklich sein
äußerlich
innerlich
kommt von außen
ist von innen
Glück als Zufall oder Schicksal
Glück als Lebensgefühl/Haltung zum
Leben/Lebenseinstellung
lateinisches Wort:
lateinische Wörter:
Fortuna
felix – beatus
Nun beziehen wir unsere bisherigen Geschichten und Aktionen auf diese beiden Aspekte:
– Selma hat eindeutig mehr mit dem »glücklich sein« zu tun.
– Das Lied von dem Bauern beschäftigt sich mehr mit
Glück oder eben Unglück haben.
– Die Geschichte von der glücklichen Familie hat mit beidem zu tun: Obwohl sie eigentlich nie Glück haben, sind
die Familienmitglieder weiterhin glücklich.
– Das Globus-Spiel hat ebenfalls mit beidem zu tun, mehr
aber mit der Frage, ob man Glück hat oder nicht. Die Kin34
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der betonen wieder deutlich, dass es nicht nur Schicksal
von außen ist, sondern auch mit dem eigenen Handeln zu
tun hat. Der Wurf in die Mitte ist ein Grund, glücklich zu
sein. Das kann man aber auch sein, ohne dieses Ziel zu
erreichen! Im Gespräch wenden wir die Unterscheidung
von »Glück haben« und »glücklich sein« auf weitere Lebenssituationen an, besonders eindrücklich auf die Frage
nach Krieg und Frieden angesichts der Situation im Irak.
Man kann hier nicht nur von äußerlichem Schicksal sprechen, es hat auch zu tun mit dem Handeln aller beteiligten Menschen.
6. Zugang:
Die Bibel, Gott und das Glück
– Über einzelne elementare Sätze aus dem Alten Testament (z.B.: Ps. 1, Ps. 37,11, 68,7, 73,28)) finden die Kinder heraus, was die Bibel über das Glück sagt und wie es
mit Gott und dem Glück aussieht.
– Zusammenfassung: In der Bibel kommt das Glück zumeist von Gott, es ist Zeichen für den Segen Gottes den
Menschen gegenüber. Das Glück ist auch verbunden mit
dem Vertrauen auf Gott, und Glück findet der Mensch in
der Gemeinschaft mit Gott. Von Gott her das Glück zu finden, wird auch als Gnade bezeichnet.
– Ankündigung von acht neutestamentlichen Sätzen: Sie
stammen von Jesus, der sie bei einer wichtigen Rede auf
dem Berg, der Bergpredigt, den Menschen mitgeteilt hat
(Mt 5,3-10)).
– Vortragen der acht Seligpreisungen mit der Übersetzung
»glücklich, die ...« statt »selig, die ...«.
– Die Kinder suchen sich einen der Sätze aus und schreiben ihn unter eine Kopiervorlage mit einem Rahmen für
ein Bild. Zu dem Satz malen die Kinder ein Bild, das einem Betrachter hilft, den Satz besser zu verstehen.
– Die sehr liebevoll und sorgfältig gemalten Bilder zu den
Seligpreisungen werden in der Reihenfolge der acht Sätze
den anderen Kindern vorgestellt. Jedes Kind kann zu seinem
Bild etwas sagen und beantwortet Fragen zu dem Bild. Es
entstehen intensive Gespräche: z.B. vor dem Hintergrund des
Irak-Krieges zu den dementsprechenden Seligpreisungen oder
zur Art und Weise, auf einem Bild Gott als Person, in Form
eines Symbols (Sonne) oder in einer Kombination von beidem (eine Sonne, in der ein Gesicht zu sehen ist) darzustellen. Den Kindern ist anzumerken, dass ihnen die Seligpreisungen genau zur rechten Zeit begegnen, dass sie von ihnen
sehr angesprochen und auch getröstet sind.
7. Zugang:
Abschluss mit Texten aus »Neles Buch der
großen Fragen«
»Neles Buch der großen Fragen«, meine Gedankenreise zu
den Geheimnissen des Lebens (München 2002, Kösel-Ver-
unterrichtsentwurf
lag, s. hierzu die Rezension in diesem Heft S. 41) enthält
viele Texte zu den Fragen nach dem Zufall bzw. Schicksal
im Leben und auch direkt zur Frage nach dem Glück. Zum
Abschluss lesen wir einige Texte daraus , z.B.:
– Zufall (Martin Auer, Nele, S. 52/M 4))
– Wie anders wäre mein Leben (Nele, S. 71/M 5)
– Lebensreisen und Schicksalswege (Nele, S. 104/M 6)
– Rund um die Welt (Leonie Achtnich, Nele, S. 105)
– Ganz voll vor lauter Staunen (Nele, S. 42)
– Sozusagen grundlos vergnügt (Mascha Kaléko, Nele, S. 43/M 7)
Zwischen diesen Texten finden Gespräche statt. Am Ende
steht das Gedicht von Mascha Kaléko. Glücklich sind wir
dann am Ende der Reihe auch alle, denn die Kinder werden zugleich in die Ferien entlassen.
Materialien
M1
Selma
und die Frage nach dem Glück
Als ich mit der Frage nicht mehr weiter kam, suchte ich den großen Widder ...
Ich fragte ihn: Was ist Glück?
Dazu erzähle ich Dir die Geschichte von Selma, dem Schaf ...
Es war einmal ein Schaf ...
Das fraß jeden Morgen bei Sonnenaufgang etwas Gras ...
... lehrte bis mittags die Kinder sprechen ...
... machte nachmittags etwas Sport ...
... fraß dann wieder Gras ...
... plauderte abends etwas mit Frau Meier ...
... schlief nachts tief und fest.
Gefragt, was es tun würde, wenn es mehr Zeit hätte, sagte es ...:
... ich würde bei Sonnenaufgang etwas Gras fressen ...,
... ich würde mit den Kindern reden, ... mittags!!
Dann etwas Sport machen ...,
... fressen ...
... abends würde ich gern mit Frau Meier plaudern ...
... nicht zu vergessen: ein guter, fester Schlaf.
»Und wenn Sie im Lotto gewinnen würden ...?«
Also, ich würde viel Gras fressen ... am liebsten bei Sonnenaufgang ...
... viel mit den Kindern sprechen ...
... dann etwas Sport machen ...
... am Nachmittag Gras fressen ...
... abends würde ich gerne mit Frau Meier plaudern.
... Dann würde ich in einen tiefen Schlaf fallen ...
aus: Jutta Bauer, Selma, Lappan-Verlag
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unterrichtsentwurf
M 1.1
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unterrichtsentwurf
M 1.2
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unterrichtsentwurf
M2
War ein Bäuerlein, hatte nur ein Pferd.
Lief das Pferd davon und ist nicht heimgekehrt.
Kamen alle Nachbarn an, klagten laut: »Du armer Mann! So ein Unglück!
So ein Unglück! So ein Unglück, nein!«
Doch das Bäuerlein sprach leis: »Ob’s ein Unglück ist, wer weiß?
Morgen bin ich schlauer!«
Als das Pferd tags drauf durch das Hoftor schritt, durch das Hoftor schritt,
brachte es dem Bäuerlein noch ein Wildpferd mit.
Kamen alle Nachbarn an, freuten sich: »Du guter Mann! So ein Glück, hej!
So ein Glück, hej! So ein Glück, hej, hej!«
Doch das Bäuerlein sprach leis: Ob’s ein Glück ist, nun, wer weiß?
Morgen bin ich schlauer!«
Und des Bauern Sohn ritt das Wildpferd ein. Stürzte von dem Pferd und
brach sich ein Bein.
Kamen alle Nachbarn an, klagten laut: »Du armer Mann! So ein Unglück!
So ein Unglück! So ein Unglück, nein!«
Doch das Bäuerlein sprach leis: »Ob’s ein Unglück ist, wer weiß?
Morgen bin ich schlauer!«
Als ein Krieg im Land ausbrach zog man die Burschen ein.
Nur des Bauern Jungen nicht mit dem gebrochenen Bein.
Kamen alle Nachbarn an, freuten sich: »Du guter Mann! So ein Glück, hej!
So ein Glück, hej! So ein Glück, hej, hej!«
Doch das Bäuerlein sprach leis: »Ob’s ein Glück ist, nun, wer weiß?
Morgen bin ich schlauer!«
aus: Ich muss singen
Buschfrank Musik-Verlag, Rodenbergstraße 8, 10439 Berlin
Dein Verhängnis ist doch vielleicht dein Glück? Und dein Hauptgewinn
bricht dir das Genick?
Sei heut’ zufrieden, dass du lebst und noch einen Finger hebst.
Morgen oder übermorgen oder überübermorgen kommt ...
der Tod.
M3
Ein glückliche Familie
Christine Nöstlinger
Die Oma sagt, nachdem ihr die Suppenschüssel aus den Händen gefallen ist:
»Ist ja noch ein Glück, dass keine Suppe drin war!«
Der Vater sagt, nachdem er mit dem Auto in den Straßengraben gefahren ist:
»Ist ja noch ein Glück, dass sich der Wagen nicht überschlagen hat!«
Die Mutter sagt, nachdem man ihr die Geldbörse gestohlen hat:
»Ist ja noch ein Glück, dass die Scheckkarte nicht drin war!«
Der Opa sagt, nachdem er gestürzt ist und sich die Knie blutig geschlagen hat:
»Ist ja noch ein Glück, dass ich mir nichts gebrochen habe!«
Das Kind sagt, nachdem es das alles gehört hat:
»Ist ja noch ein Glück, dass das Unglück allen in der Familie Glück bringt!«
aus: Was für ein Glück; 9. Jahrbuch der Kinderliteratur S. 32, Beltz-Verlag Weinheim/Basel
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unterrichtsentwurf
M4
M5
Zufall
Auf meinem Weg zur Schule gibt es zwei Kreuzungen mit
Ampeln. Wenn ich mich mit meinem Fahrrad nach der
ersten Ampel sehr beeile, schaffe ich es so gerade, die
zweite Ampel bei grün zu überqueren. Wenn nicht, muss ich
ein paar Minuten warten. Dann verläuft der Tag doch ganz
anders. Wenn ich an der Schule ankomme, sehe ich andere
Freunde, führe andere Gespräche, habe andere Gedanken.
In jedem Augenblick entscheiden Menschen sich für oder
gegen etwas und verändern damit die Welt. Wenn ich jetzt
dieses hier nicht schreiben würde, dann wäre die Welt
anders.
Wie anders wäre mein Leben, wenn die Dinosaurier nicht
ausgestorben wären. Wahrscheinlich gäbe es dann gar
keine Menschen und mich schon gar nicht.
Wie anders wäre mein Leben, wenn ich in einer anderen
Zeit geboren wäre, z. B. im Mittelalter, als Kinder wie kleine
Erwachsene behandelt wurden, die schon alles mitmachen
mussten, was die Großen tun.
Wie anders wäre mein Leben, wenn ich an einem anderen
Ort geboren wäre, z. B. auf einer kleinen Insel ohne
Fernsehen, Radio, Computer. Ich wäre dann ein ganz
anderer Mensch geworden.
Nein falsch! Ich wäre ja gar nicht ich gewesen. Ich konnte
nur zu meiner Zeit, an meinem Platz auf die Welt kommen,
als Kind von Mama und Papa,
als Nachfahre meiner beiden Omas und Opas,
meiner vier Ur-Omas und vier Ur-Opas,
meiner acht Urur-Omas und acht Urur-Opas,
meiner 16 Ururur-Omas und 16 Ururur-Opas,
meiner 32 Urururur-Omas und 32 Urururur-Opas,
meiner 64 Ururururur-Omas und 64 Ururururur-Opas
und so weiter und so weiter geboren werden.
Nur weil vorher alles geschah, wie es geschah, konnte es
mich geben. Dass ich nur ich werden konnte, ist kein Zufall,
das ist ein Wunder!
Wenn statt mir jemand anderer
auf die Welt gekommen wär’,
vielleicht meine Schwester
oder mein Bruder
oder irgendein fremdes blödes Luder –
wir wär’ die Welt dann,
ohne mich?
Und wo wäre denn dann ich?
Und würd’ mich irgendwer vermissen?
Es tät ja keiner von mir wissen.
Statt mir wäre hier ein ganz anderes Kind,
würde bei meinen Eltern leben
und hätte mein ganzes Spielzeug im Spind.
Ja, sie hätten ihm sogar
meinen Namen gegeben!
Martin Auer
aus: Rainer Oberthür, Neles Buch der großen Fragen, München 2002
Information
»Kooperative Beratung«
Länderübergreifende Zusatzqualifikation
Gesprächs- und Problemlösungsmethode zur Beratung von Eltern, Schülern und Lehrkräften
Fünf Kurse, beginnend im Herbst 2004
Näheres unter: www.kooperative-beratung.info
39
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unterrichtsentwurf
M6
M7
Wohin wird meine Lebensreise gehen? Werde ich
zufrieden sein und glücklich? Welche Lebenswege
werde ich gehen und welchen gehe ich aus dem
Weg? Wie oft werde dich die Richtung wechseln
und ganz was Neues anfangen? Was für einen
Beruf werde ich haben? Werde ich einen Mann
kennen lernen? Werde ich Kinder bekommen? Wo
werde ich ich leben?
Mama meint, vieles im Leben erscheint einem
zunächst als Zufall. Später merkt man, dass es
eigentlich gar nicht anders kommen konnte. Sie
hat es mir an einem Beispiel erklärt: Hätte mein
Opa nicht durch seinen Beruf in eine andere Stadt
umziehen müssen, wären Mama und Papa nicht in
dieselbe Schule gegangen. So aber lernten sie sich
kennen, wurden erst gute Freunde und Jahre später dann ein Ehepaar. Trotzdem, meinen Mama
und Papa heute, war ihr Zusammentreffen viel
mehr als ein Zufall. Sie wissen zwar, es hätte auch
anders kommen können, doch sie glauben, es sollte so sein, damit sie zueinander finden. Mama
nennt ein solches Ereignis Schicksal.
Was sie dann noch gesagt hat, habe ich nur zum
Teil verstanden: Das Schicksal ist der eigene Weg
im Leben. Manchmal wirst du auf diesen Weg
geschickt, dann wieder kommst du von allein auf
ihn. Du musst deinen Weg aber auch selbst herausfinden, um immer mehr dich selbst zu finden. Am
Ende kannst nur du herausbekommen, wer du bist
und wo dein Platz und deine Aufgabe auf dieser
Welt sind. Sehr oft wirst du dich dabei zwischen
mehreren Wegen entscheiden und einen Weg für
dich finden, der dein Leben verändert. Und meistens spürst du es in dir, in deinem Herzen, welcher
der richtige für dich ist. Und den gehst du dann!
Sozusagen grundlos vergnügt
Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen.
Und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Dass Amseln flöten und dass Immen summen,
dass Mücken stechen und dass Brummer brummen.
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
Dass Spatzen schwatzen. Und dass Fische schweigen.
Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht.
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter.
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn,
man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, dass ich bin.
In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freu mich, dass ich ... dass ich mich freu.
Maschka Keléko
aus: Rainer Oberthür, Neles Buch der großen Fragen, München 2002
HINWEIS:
Die Sprache der Religion
Arbeitsheft für ein Unterrichtsprojekt in Sek I (Materialien für den Unterricht)
Das von Ernst Kreis entwickelte Arbeitsheft bietet Arbeitsblätter, Materialien, Vorschläge für Tests und Unterrichtsanregungen zum Thema »Grammatik der religiösen Sprache«. Ausgehend von der Alltagssprache der Jugendlichen, die
viele »metaphorische« Elemente enthält, werden biblische Sprachbilder entschlüsselt und für den Unterricht entfaltet.
Es ist für Euro 2,00 (im Klassensatz Euro 1,50) erhältlich im Pädagogisch-Theologischen Institut Kassel,
Frau Bärbel Nautz, Heinrich-Wimmer-Str. 4, 34131 Kassel, Telefon: 0561-9307-131, Telefax: 0561-9307-177,
E-Mail: baerbel.nautz@reliweb.de
40
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rezension
Neles Buch der großen Fragen
Eine Entdeckungsreise zu den Geheimnissen des Lebens,
Rainer Oberthür; ab 10 Jahre; Kösel Verlag, München 2002;
3. Auflage 2003; 143 Seiten, 14,95 Euro; ISBN: 3-466-36590-2
Manche, nein, die meisten Buchneuerscheinungen kann ein einzelner Rezensent gar nicht zur Kenntnis nehmen. »Neles Buch
der großen Fragen« hat sich mir aber nun doch noch ins
Bewusstsein gedrängt. Immerhin liegt es nach seinem Erscheinen im letzten Jahr jetzt bereits in der dritten Auflage vor.
Rainer Oberthür, seines Zeichens Dozent für Religionspädagogik
und katholischer Religionslehrer, hat hier ein sehr anspruchsvolles Werk für Kinder vorgelegt, das sich, wenn auch unter
anderen Vorzeichen, an »Sophies Welt« von Jostein Gaarder
messen lässt. Im Gegensatz zu Gaarder geht es Oberthür nicht
um eine didaktisch chronologische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Philosophien, als vielmehr um dezidiert religiös-christliche, keineswegs auf eine Konfession beengte Weltsichten und Fragehaltungen.
Um nicht gleich mit seiner Ich-Erzählerin ins Haus zu fallen,
setzt hier ein »erster Vorhang« den Anfang, der wiederum mit
der programmatischen Zeile beginnt: »Am Anfang war der
Urknall, und heute bist du auf der Welt«. Auf ihn folgt das Gedicht »Raumfahrer!« von Reiner Kunze, das die Erde als blauen
Ball im Weltall schweben lässt.
Schon wird der »zweite Vorhang« aufgezogen und Nele stellt
sich als ein Mädchen »in den besten Jahren« vor, das im Fragen
den Reiz aufzudeckender Geheimnisse sieht. Das Geschenk eines
unbeschriebenen Buches wird zur Herausforderung, und Nele
sammelt darin im Wechsel »eigene« Gedanken und mit ihnen
korrespondierende Gedichte, Geschichten und auch einige Bilder. Die »eigenen« Gedanken sind nicht kindlich formuliert – das
hätte der Autor anmaßend und anbiedernd gefunden – sondern
Nele ist hier sehr bewusst als Identifikations- und Projektionsfigur eingesetzt, die den Fragen der anvisierten Leserschaft eine
angemessene Sprache geben soll. Der Erfolg dieses Buches
scheint diesem zur üblichen Kinderliteratur gegenläufigen Anspruch Recht zu geben. Bevor ich mich dennoch kritisch zu diesem Ansatz äußere, sei auf die ca. 40 mit den Eintragungen Neles korrespondierenden Beiträge hingewiesen. Neben zahlreichen Kinderbuchautoren, insbesondere der Beltz & Gelberg Riege
und hier nicht zuletzt auch aus der Anthologie »Großer Ozean«
von Hans-Joachim Gelberg, wurden auch Autoren wie Walt Whitman, Günter Kunert, Ernst Jandl und Erich Fried ausgewählt.
Deren Texte treffen unabhängig vom Alter der Leser allesamt
den Nagel auf den Kopf, wenn es darum geht, die Fragen nach
dem Woher, dem Wohin, dem Anfang und dem Ende irdischen
Daseins anzustoßen. Dazwischen immer wieder die »11-jährige«
Nele, die z.B. schreibt: »Wieder habe ich etwas von mir selbst
gelernt. Papa erzählte mir, vor einigen Jahren habe ich auf seine Frage: Was ist Leben?, geantwortet: Da-Sein. Und auf die
Frage: Was ist Tod?, sagte ich Weg-Sein. Das sind einfache Antworten, die es aber in sich haben. Denn sie helfen meinen
Gedanken auf die Sprünge.«
Obwohl Jostein Gaarder in »Sophies Welt« eine durchaus didaktische Erzählhaltung eingenommen hat, kann ich mir nach wie
vor nur eine sehr kleine Anzahl 14-Jähriger vorstellen, die so
ein Buch alleine zu bewältigen vermögen. »Neles Buch der großen Fragen« richtet sich an 10-Jährige und ist weit offener, weniger vermittelnd konzipiert. Das hat zwar den Vorteil, dass man
es auch einfach in der Mitte aufschlagen und eine gehaltvolle
Anregung finden kann, außerdem erhielt Rainer Oberthür auf
seinen Lesungen eine Vielzahl von Echos, wonach sogar 8-Jährige Neles Fragen goutieren – wie aber lässt sich das mit den
berüchtigten PISA-Ergebnissen in Eins bringen?
Gekauft wird so ein Buch in der Hauptsache von Erwachsenen.
Mit den besten Absichten. Ein Buch haben und es lesen, ist
aber zweierlei! Es einfach ins Kinderzimmer zu legen, reicht hier
als Impuls nur in den seltensten Fällen aus. Was ich mir aber
sehr gut vorstellen kann, sind dialogische Situationen zwischen
Eltern und ihren Kindern, zwischen Lehrern und Schülern usw.,
in denen erst aus dem Buch vorgelesen und dann darüber gesprochen wird. Zumindest am Anfang. Bleibt das Buch nach solchen Dialogerlebnissen in Griffweite der Kinder, wird das eine
oder andere gewiss auch alleine einen Blick hinein riskieren und
sich daran »festlesen«. Denn hierin gebe ich Oberthür durchaus
Recht: Entsprechend geförderte und geforderte Kinder vermögen
einer Intuition nachzuspüren, die ihnen schon sehr früh ein
Philosophieren und Theologisieren mit für Erwachsene verblüffenden Schlussfolgerungen erlaubt. Zudem haben Kinder generell die Gabe, aus Texten das für sie Relevante herauszuholen
und noch nicht Verständliches einfach (für später) stehen zu
lassen.
Lassen es also die Erwachsenen nicht allein mit dem Kauf bewenden, ist »Neles Buch der großen Fragen« ein Buch zum Hineinwachsen, das nicht so schnell in den Regalen der Kinderzimmerbibliothek verstauben wird.
Ulrich Karger
Information
»Olympische Spiele der griechisch-römischen Antike« – ein besonderes Erlebnisangebot im berühmten biblischen Freilichtmusem Nimwegen verbunden mit einer interaktiven Entdeckungstour in die Welt des Judentums, Christentums und Islam. Ein interessantes Angebot für Schulklassen aller Schulstufen.
Näheres über: Service für Kommunikation, Hinter der alten Kirche 21, 46446 Emmerich, Telefon: 02822-4618,
Fax: 02822-18279 , E-Mail: dorothea.heeks@t-online.de; http: www.heeks-consultant.de
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filmtipp
Tod im Morgengrauen – Bonifatius und
die Bekehrung der Germanen
Deutschland 2003
Dokumentation, 44 Minuten
Das 8. Jahrhundert ist eine politisch und religiös bewegte und
spannungsreiche Zeit, eine Zeit der Wirrungen und Umstrukturierungen. In diese Zeit fällt die Lebens- und Wirkungsgeschichte des aus dem angelsächsischen Raum stammenden und
als Winfried geborenen heiligen Bonifatius – Missionar, Klostergründer und Reformer in Germanien. Er gilt als »Apostel der
Deutschen« und als »Wegbereiter des christlichen Europas«.
Wer war dieser verehrte und umstrittene Bonifatius? Lässt sich
ein von Volksfrömmigkeit und Legendenbildung geprägtes Bild
dieses Mannes freilegen?
Die Dokumentation geht Spuren eines Mannes nach, der, beschrieben als hoch gebildeter, musikalisch, lyrisch und rhetorisch begabter, disziplinierter und angesehener Theologe, alle
Voraussetzungen erfüllt, eine glänzende Karriere als Wissenschaftler einzuschlagen. Aber der Missionsgedanke brennt so
stark in ihm, dass er sich entschlossen auf den mühsamen und
gefährlichen Weg nach Germanien macht, um den christlichen
Glauben zu verbreiten und die alten germanischen Gottheiten
zu bekämpfen. Damit begibt er sich mitten hinein in die politi-
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forum religion 3/2004
schen Auseinandersetzungen zwischen den heidnischen Friesen
und den christlichen Franken.
Mit Hilfe nachgestellter Szenen, stimmungsvoller Landschaftsaufnahmen und Aufnahmen an Originalschauplätzen, führt die
Dokumentation den Zuschauer in Bonifatius’ Welt hinein und
zeichnet seinen Lebensweg nach. Interviews und die Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse unterschiedlicher Disziplinen geben Einblick in das damalige Zeitgeschehen.
Der Film beleuchtet die Mission des Bonifatius nicht unkritisch:
So haben sich die Germanen selten allein aus Überzeugung von
der Botschaft Christi taufen lassen; heidnische Bräuche wurden
oftmals »christianisiert« oder konnten in Koexistenz mit christlichen Glaubenszeichen weiter bestehen bleiben. Unterschlagen
wird nicht, dass die Germanenmission nur erfolgreich stattfinden konnte, weil kirchliche (= römische) und weltliche (und die
damit verbundene militärische) Macht hinter dem Vorhaben
standen, den Anspruch der Kirche gegen den heidnischen Kult
in Germanien durchzusetzen.
Bonifatius war ein bedeutender, aber auch unbequemer Mann,
nicht zuletzt für die Kirche selbst. Seine Reformen des kirchlichen Lebens stießen vermutlich vielerorts auf Ablehnung. Am
Ende seines Lebens wurde Bonifatius – den Zenit seiner Blütezeit überschritten – unter veränderten politischen Bedingungen
ins Abseits gedrängt. Seine Einflussnahme schwandt mehr und
mehr, dennoch kam seine Ermordung offenbar nicht ganz ungelegen …
Die Dokumentation enthält eine Fülle an Informationen. Von
den Zuschauer/innen wird eine konzentrierte Aufmerksamkeit
bei der Sichtung verlangt, wenn es darum geht, die Vielschichtigkeit aufzunehmen. Eine intensive Aufarbeitung des Films
hinsichtlich der grundlegenden Kenntnisse der geschichtlichen
und politischen Zusammenhänge im frühen Mittelalter – am
besten im Vorfeld der Filmvorführung – erscheint mir unerlässlich. Geht es darum, sich der Gestalt Bonifatius’ in seiner Zeit
anzunähern, so ist diese Dokumentation empfehlenswert, auch
wenn man zu Anfang des Films auf eine kriminalgeschichtliche
Fährte geschickt wird, die von untergeordneter Bedeutung ist.
Die Arbeitshilfe, die der Videokassette beiliegt, bietet unterschiedliche Anregungen für ein Filmgespräch, die die Aktualität
Bonifatius’ und seine bleibende Herausforderung thematisieren.
Der Film eignet sich für den Unterricht mit Jugendlichen ab
Klasse 9/10.
Der Film ist in den kirchlichen Medienzentralen ausleihbar, für den
Bereich der EKKW in der Ev. Medienzentrale Kassel, Heinrich-Wimmer-Straße 4, 34131 Kassel (EC–762).
Sabine Wildemann
impressum
Herausgeber
Das Kollegium des pti: Frank Bolz, Bernhard Böttge, Hartmut Feußner,
Hartmut Futterlieb, Dr. Jörg Garscha, Reinhard Grenz, Ernst Kreis,
Werner Meyreiß, Dr. Gudrun Neebe, Brigitte Rohde, Dr. Martin SanderGaiser, Helmut Törner-Roos, Claudia Rudolff, Klaus Heiner Weber,
Brigitte Weißenfeldt, Sabine Wildemann
Redaktion
Bernhard Böttge (verantwortlich), Klaus Heiner Weber, Hartmut Futterlieb,
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Kirche von Kurhessen-Waldeck (pti), Heinrich-Wimmer-Straße 4,
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Berechnungszeitraumes schriftlich der Abonnement-Verwaltung mitzuteilen.
29. Jahrgang
43
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