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"Hätt ich Siebenmeilenstiefel, da wüßte ich, was ich täte!" Lippische

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"Hätt ich Siebenmeilenstiefel,
da wüßte ich, was ich täte!"
"Es muß hinausgegangen sein. Hätt ich Siebenmeilenstiefel, da wüßte ich, was ich
täte!" Diesen Satz schrieb Georg Weerth am 31. Mai des Jahres 1843 an seine Mutter.
Da lebte er als Handelskorrespondent in Bonn und überlegte, welche
Freizeitunternehmung er sich für die bevorstehenden Pfingstfeiertage vornehmen
sollte. Seinen Geburtsort Detmold hatte der unternehmungslustige junge Mann schon
lange verlassen; als Vierzehnjähriger hatte er 1836 eine Lehre in Elberfeld angefangen,
und seit 1839 bereits war er im kaufmännischen Bereich berufstätig.
Ende 1843 übersiedelte Weerth in die englische Industriemetropole Bradford, das
Zentrum der globalen Textilwirtschaft, dessen soziale Verhältnisse ihn rapide
politisierten. Mit seinen sozialkritischen Gedichten und Prosaarbeiten aus dieser Zeit
eroberte er sich bleibenden Ruhm als geistreicher Satiriker.
Und seither war er eigentlich immer auf Reisen – nicht nur im nordenglischen
Industrierevier, sondern auch in Belgien, Frankreich und den Niederlanden, als
Handelsvertreter wie als Kurier der deutschen Exilkommunisten, im Paris der
Februarrevolution von 1848 und im Deutschland der Revolution von 1848/1849.
„Diese Revolution wird die Gestalt der Erde ändern“, hoffte er. Enttäuscht vom
Scheitern dieser Hoffnung zog er sich die Siebenmeilenstiefel dann wirklich an und
erkundete in großen Schritten ferne Länder. Für seine englische Textilfirma bereiste er
im Nachmärz Spanien und Portugal. ‘Europamüde’ weitete er seine ausgedehnten
Geschäftsreisen nach Lateinamerika aus, bis er im Juli 1856 innerhalb weniger Tage
einer gefährlichen Form der Malaria erlag, die er sich auf Haiti eingefangen hatte.
Die Ausstellung der Lippischen Landesbibliothek macht mit diesem interessanten
Leben auf Reisen bekannt. Sie stellt in 200 Exponaten den Schriftsteller Georg
Weerth als ausgesprochen modernen Zeitgenossen vor.
Die ausgestellten Objekte entstammen vorzüglich den eigenen Sammlungen der
Bibliothek. Dank gebührt dem Lippischen Landesmuseum Detmold, das durch
Bereitstellung von Naturalien die Ausstellung sehr bereichert. Diese Präparate hat
Georg Weerth nachweislich auf seinen Reisen für das Detmolder Museum gesammelt
und per Überseefracht in die Heimatstadt expediert.
Ein Leben auf Reisen
Ausstellung zum 150. Todestag von Georg Weerth
Lippische Landesbibliothek Detmold
16. Juni bis 15. September 2006
Einige Objekte haben in der Ausstellung keinen Platz gefunden. Sie sind im WWWAusstellungskatalog aufgeführt unter
<http://www.llb-detmold.de/wir-ueber-uns/aus-unsererarbeit/ausstellungen/ausstellung-2006-4.html.>
I
Erste Schritte aus dem Elternhaus
Kindheit in Detmold 1822-1836
1-15
Georg Weerth wurde am 17. Februar 1822 als viertes Kind des lippischen
Generalsuperintendenten Ferdinand Weerth und seiner Frau Wilhelmine in
Detmold geboren. Er wuchs mit seinen älteren Geschwistern Carl,
Charlotte und Wilhelm und dem jüngeren Bruder Ferdinand in der
Generalsuperintendentur Unter der Wehme auf. Wie seine Brüder besuchte
er das Detmolder Gymnasium, war aber kein besonders begabter Schüler.
16-19
Nach Abschluss der Obersekunda verließ Weerth seine Heimatstadt. Im
Alter von vierzehn Jahren ging er nach Elberfeld, um dort eine
kaufmännische Lehre zu beginnen. Vier Wochen später erlag der Vater
einem Schlaganfall, und weitere fünf Wochen später starb die Schwester
Charlotte mit 22 Jahren am Kindbettfieber. Die Familie räumte das Haus
und musste sich fortan finanziell einschränken. Eine unbeschwerte und
behütete Kindheit war zu Ende.
II
"Die einmal angefangene Reise
durch das Leben reut mich nicht"
Lehre in Elberfeld 1836-1840
20
"Die einmal angefangene Reise durch das Leben reut mich nicht, jeden Tag
gewinne ich sie lieber und finde sie angenehmer als jede andre ... denn unsre
Korrespondenzen erstrecken sich bis über die Erde von einem Ende bis
zum andern ...", schrieb Georg Weerth an seinen Bruder Wilhelm im
Dezember 1837. Seit Herbst 1836 absolvierte er eine kaufmännische Lehre
bei der Twist-, Seide- und Wollgarnhandlung J. H. Brink & Co. in Elberfeld.
Die Firma unterhielt internationale Geschäftsbeziehungen und beschäftigte
ihren Lehrling hauptsächlich als Briefkopisten.
21-23
Das Bergische Land war eine führende Region der Frühindustrialisierung.
Die Städte Elberfeld und Barmen waren Zentrum der aufstrebenden
Textilindustrie. Angelockt von Arbeitsplätzen in Spinnereien, Färbereien
oder Webereien vervielfachte sich die Bevölkerung in kurzer Zeit.
Wohnungsnot und katastrophale Lebensverhältnisse waren die
Begleiterscheinung. Es grassierten Cholera und Tuberku-
lose; Hunger und Unterernährung gehörten zum Alltag.
24-28
Der Kaufmannslehrling Weerth bewegte sich in den Kreisen der
wohlhabenden Kaufmannsfamilien. In seinem möblierten Zimmer stand
sogar ein Flügel. Das Geschäftsleben gefiel ihm gut, von Anfang an hielt er
es für den ihm gemäßen Beruf. Er nahm Nachhilfe im Rechnen und
büffelte in seiner Freizeit Französisch und Englisch für die fremdsprachige
Handelskorrespondenz. Im Juli 1838 berichtete er dem Bruder Wilhelm:
"Meine freien Stunden fülle ich mit dem Studium der englischen und
französischen Sprache aus, was mir auch fürs erste am meisten not tut, denn
hierauf kommt später alles an."
29-30
Engster Freund und Mentor in der Elberfelder Zeit wurde der elf Jahre
ältere Hermann Püttmann (1811-1874), Redakteur der liberalen „Barmer
Zeitung“. Selbst als Lyriker und Kunstschriftsteller
tätig, förderte er früh Weerths schriftstellerisches Talent. Als Frühsozialist
und Republikaner schärfte er auch dessen Blick für soziale Fragen. 1843
schrieb Weerth über ihn: "Was er mir schon im Leben genützt hat, kann ich
ihm nicht vergelten. – Das wünsche ich einem jeden, daß er in seinem
sechzehnten Jahre ihn zum Freund erhalte.
– Ich hatte das Glück!"
31-34
Ähnlich wie nach ihm Georg Weerth hatte der Detmolder Ferdinand
Freiligrath (1810-1876) seine Heimatstadt als Fünfzehnjähriger verlassen,
um in Soest eine kaufmännische Lehre zu beginnen. Von 1832 bis 1836
arbeitete er in Amsterdam. Im Mai 1837 nahm er eine Stelle als
Korrespondent bei der Firma J. P. von Eynern & Söhne in Barmen an.
Nach Detmold schrieb er: "Den kleinen Georg Weerth seh’ ich zuweilen in
Elberfeld vor seinem Comptoir stehen – es scheint ein nettes, anstelliges
Bürsch[ch]en zu sein." Ab Ende 1839 gehörte Weerth einem Literaturzirkel
an, den Freiligrath in Barmen gegründet hatte. Dort trug er seine ersten
Gedichte vor.
Früh schon stand Weerths Entschluss fest, nach Ende der Lehrzeit nicht
länger seine "Jugend in dem Dampfe einer Fabrikstadt zu verschlummern."
Als erstes bewarb er sich in Buenos Aires, dann in Mailand. Zuletzt landete
er aber doch nicht weit von Elberfeld entfernt: im Kölner Kontor der Firma
Graf Meinertzhagen.
III
"Politische Nullitäten" und rheinischer Frühkapitalismus
Berufstätigkeit in Köln und Bonn 1840-1843
35-40
Im Frühjahr 1840 trat Weerth in Köln als Buchhalter in die Firma Graf
Meinertzhagen ein. Die Firma unterhielt mehrere Bleierzbergwerke in der
Eifel, deren kaufmännische Verwaltung von Köln aus geleitet wurde.
Weerth fand die Arbeit uninteressant, lebte aber gern in Köln. Er pflegte
einen geselligen Lebensstil, begeisterte sich für den Karneval, besuchte das
Theater und schrieb Gedichte und Prosaskizzen auf die Stadt Köln. An
freien Tagen unternahm er Streifzüge ins Siebengebirge und an langen
Wochenenden auch größere Touren – wie Pfingsten 1841 an die Ahr.
41-42
49
Im Frühjahr 1842 wechselte Weerth als Korrespondent nach Bonn in die
Baumwollspinnerei und Weberei Weerth & Peill. Das Unternehmen
unterhielt auch Druckereien und eine Bank. Der Firmenchef Friedrich
aus’m Weerth (1779-1852), ein Cousins seines Vaters, war einer der
führenden Repräsentanten des rheinischen Industriekapitalismus. Er war
Mitglied des Bonner Stadtrats und Abgeordneter der Rheinischen
Provinziallandtage 1843/1845, außerdem ein eifriger Verfechter der
Schutzzölle, die die rheinische Industrie vor der starken englischen
Konkurrenz bewahren sollten.
43-48
Alsbald zum Privatsekretär des Kommerzienrats aufgerückt, hatte auch
Weerth mit entsprechenden Korrespondenzen zu tun. In den
"Humoristischen Skizzen aus dem deutschen Handelsleben" hat er später
pointiert und witzig seinen Bonner Erfahrungen ein Denkmal gesetzt und
dem Wirtschaftsbürgertum satirisch den Prozess gemacht.
50-57
58-63
Neben der Arbeit besuchte Weerth Lehrveranstaltungen an der Bonner
Universität. So kam er in Kontakt mit dem Theologen Gottfried Kinkel und
dem Altgermanisten Karl Simrock. Beide unterhielten freisinnige
Dichterzirkel und ermunterten Weerth zu literarischer Produktion –
humoristischen Gedichten zumeist. Der Freund Püttmann, ab 1842
Feuilletonredakteur der "Kölnischen Zeitung", sorgte für den
Zeitungsdruck von Weerths Gedicht "Die Schenke" und vermittelte 1843
den Abdruck von drei Gedichten im "Jahrbuch für Kunst und Poesie".
Mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. von Preußen 1840
verband sich deutschlandweit die Hoffnung auf eine politische Libe-
ralisierung. Die Lockerung der Zensur in Preußen schien das Erscheinen
auch oppositioneller politischer Dichtung zu ermöglichen. Die radikalen
Erzeugnisse jungdeutscher Autoren wurden gleichwohl überall verboten.
Weerth wusste sie sich zu beschaffen. Er las mit großer Zustimmung die
Zeitgedichte des politisch verfolgten August Heinrich Hoffmann von
Fallersleben, aber auch Ludwig Börnes in Preußen verbotene "Briefe aus
Paris", die revolutionäre Lyrik des Exilanten Georg Herwegh und die nicht
minder prekären Gedichte seines Altersgenossen Rudolf Gottschall, die
anonym in der Schweiz gedruckt worden waren.
64-66
Die Bonner Zeit endete, als er im September 1843 ungewollt einen
politischen Skandal verursachte. In den Unterlagen seines Onkels hatte er
Belege dafür gefunden, dass der Bonner Oberbürgermeister, mit Friedrich
aus’m Weerth eng befreundet, die von ihm offiziell unterstützte Petition der
Bonner Bürger für Pressefreiheit und die von Friedrich aus’m Weerth
angeführte Bonner Kampagne für die rechtliche Gleichstellung der Juden
hintertrieb. Durch Weerths Indiskretion flog die Sache auf. Er zog die
Konsequenz und kündigte.
IV
"auf dem interessantesten Boden der Gegenwart"
Im Zentrum der englischen Textilindustrie 1843-184
67-73
Im Dezember 1843 zog Weerth nach Bradford in Yorkshire, wo er eine
Stellung als Korrespondent bei Ph. Passavant & Co. angenommen hatte.
Die Firma war die Filiale eines Kammgarn- und Wollunternehmens mit
Hauptsitz in Manchester. Sein zweieinhalbjähriger Aufenthalt im
nordenglischen Industriebezirk prägte Weerth ganz entscheidend.
74-80
Vom Ausmaß der Industrialisierung dort hatte Weerth zuvor keine
Vorstellung gehabt. In Bradford schufteten zehntausende Arbeiter in
Spinnereien und Eisengießereien. Die in den dreißiger Jahren des 19.
Jahrhunderts rapide gewachsene Bevölkerung hatte die Landstadt in einen
der schlimmsten Slums des viktorianischen England verwandelt. Nicht nur
die katastrophalen Wohnverhältnisse, auch die extreme Luftverschmutzung
und die infolge fehlender Wasserversorgung und Kanalisation fatale
Hygienesituation verursachten Verelendung und hohe Sterblichkeit. Auch
Weerth litt an chronischer Bronchitis.
81-87
91-94
Im Frühjahr 1844 traf Weerth in Manchester mit Friedrich Engels
zusammen, der dort als kaufmännischer Angestellter einer
Baumwollspinnerei tätig war. Die beiden jungen Textilkaufleute freundeten
sich rasch an und reisten gemeinsam in Nordengland. Engels hatte großen
Einfluss auf Weerth, dem er in der Erkenntnis ökonomischer und sozialer
Zusammenhänge weit voraus war; er arbeitete zu dieser Zeit gerade an
einem Buch über die Lage der arbeitenden Klasse in England. Auf seine
Veranlassung hin beschäftigte sich auch Weerth mit der Philosophie Ludwig
Feuerbachs, den Schriften der englischen Nationalökonomen Smith,
Malthus, Ricardo und McCulloch und den Theorien der englischen
Sozialisten.
lieh. Sie erschienen zum Teil in den Zeitschriften und Anthologien seines
Freundes Hermann Püttmann: dem "Deutschen Bürgerbuch", dem
"Album" und den "Rheinischen Jahrbüchern". Die Kölnische Zeitung
druckte 1844-1846 Weerths Feuilletons "Englische Reisen", die er später als
Buch herausgeben wollte. Eingebettet in eine anekdotenhafte Beschreibung
von Land und Leuten informieren sie die deutschen Leser über die sozialen
und politischen Verhältnisse in Großbritannien.
Eigentlich hatte ein deutscher Kaufmann in Bradford keinen Kontakt zur
Arbeiterschaft. Weerth nutzte jedoch seine Freundschaft zu dem Arzt John
L. MacMichan, der in den Arbeitervierteln praktizierte, um die sozialen
Missstände näher kennen zu lernen. An seine Mutter schrieb er: "Man muß
sich in England mit dem armen Volke abgegeben haben, um zu wissen, was
es für Unglück auf der Welt gibt. Es kann einen Bär zum Weinen bringen,
ein Schaf zum Tiger machen." Er lieferte mehrfach Berichte über die
empörenden Zustände an deutsche Zeitschriften. So erschien unter
anderem seine Reportage "Der Gesundheitszustand der Arbeiter in
Bradford" 1845 im "Gesellschaftsspiegel" und sein Bericht "Proletarier in
England" zur gleichen Zeit in den "Rheinischen Jahrbüchern".
104-105 Im Juli/August 1845 besuchte Weerth in Brüssel den Freund Friedrich
Engels und lernte dort auch Karl Marx kennen. Er beschloss, möglichst
bald in die Nähe der beiden Freunde zu ziehen. Im April 1846 übernahm er
eine Handelsvertretung für die in Bradford, Hamburg und Moskau
ansässige Textilfirma Emanuel & Son. Von Brüssel aus tätigte er
Kommissionsgeschäfte mit Wolle, Leinen und Seide in Belgien, Holland
und Frankreich und erweiterte den Absatzmarkt seiner Firma in
Westeuropa.
"Ich mache in allerlei Erkenntnisse und Fortschritte", meldete Weerth der
Mutter im Frühjahr 1845, "ich lebe ganz der Politik und dem Sozialismus".
In kurzer Zeit entwickelte er sich zum scharfen Kritiker der kapitalistischen
Verhältnisse. Auch mit den Führern der englischen Arbeiterschaft unterhielt
Weerth nun Kontakte, besuchte die politischen Versammlungen der
Arbeiter. Er nahm Partei für den radikalen Flügel der Chartisten, die die
aktuellen Missstände mit Gewalt beseitigen wollte, und war überzeugt,
England sei das Terrain, "auf dem die nächste Revolution wächst".
88-90
95-100
Während seines Englandaufenthalts schrieb Weerth eine Vielzahl von
kritischen Gedichten und Reportagen, die sein politisches und soziales
Interesse widerspiegeln. Seine Gedichte, die das Elend der englischen
Arbeiter beschreiben, einen revolutionären Umsturz und eine grundlegende
Neuordnung der Besitzverhältnisse voraussagen, begründeten seinen Ruf als
"erster und bedeutendster Dichter des Proletariats" – ein Attribut, das ihm
Friedrich Engels posthum ver-
V
"Heutzutage das interessanteste Thema der Welt"
Als Handelsreisender in Brüssel 1846-1848
102-103 Seine Geschäftsreisen führten ihn besonders oft nach Antwerpen und
106-114 Lüttich, nach Amsterdam, Rotterdam und Utrecht – und zweimal auch nach
Paris, wo er als "Revolutionstourist" die Stätten der Französischen
Revolution aufsuchte. Die Vorzüge seiner neuen Tätigkeit lernte er schnell
zu schätzen: Freizügigkeit, selbstbestimmtes Arbeiten und eine jederzeit
mögliche Verknüpfung seiner Geschäfte mit seinen Privatinteressen.
101
Brüssel war das kontinentale Zentrum der europäischen Emigration. Hier
trafen politische Exilanten aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich
zusammen. Von hier aus wurde der internationale Zusammenhalt der
revolutionären Bewegung organisiert. Für das von Marx und Engels 1846
gegründete "Kommunistische Korrespondenz-Komitee" und für den 1847
neuorganisierten "Bund der Kommunisten" übernahm Weerth
Kurierdienste. Er eignete sich hervorragend dazu, da er nicht unter
polizeilicher Beobachtung stand und sich als Handelsreisender frei bewegen
konnte. Marx und Engels vertrauten ihm zwar ihre Kassiber an,
bezweifelten allerdings seine unbedingte Loyalität – da er auf seiner
Unabhängigkeit bestand, war er als Parteifunktionär völlig ungeeignet.
88-89
43-48
100
Die Geschäfte liefen zufriedenstellend und ließen ihm ab Ende 1846 wieder
Zeit für literarische Arbeiten. Weerth arbeitete weiter an den "Englischen
Reisen", schrieb die "Humoristischen Skizzen aus dem deutschen
Handelsleben" und veröffentlichte diese sowie einige weitere Artikel in der
Kölnischen Zeitung. Auch einen autobiographisch gefärbten Roman nahm
er in Angriff, der eine Gesamtschau der deutschen Gesellschaft zur Zeit der
Frühindustrialisierung sein sollte, aber unvollendet blieb.
116
Seine zum größten Teil unveröffentlichten Gedichte wollte er nun
gesammelt als Band herausgeben. Er gab den Plan jedoch auf und
veröffentlichte nur einige Gedichte im Emigrantenblatt "Deutsche Brüsseler
Zeitung". Fest stand für ihn immer, dass die Literatur Nebenbeschäftigung
sein und der Kaufmannsberuf an erster Stelle stehen sollte, und das nicht
nur aus Gründen finanzieller Unabhängigkeit. Aus seinem Blickwinkel auf
das Gegenwartsgeschehen stand fest: "Handel und Industrie ist wirklich
heutzutage das interessanteste Thema der Welt."
115
Im September 1847 veranstaltete die "Association Belge pour la
Liberté commerciale" in Brüssel einen Freihandelskongress, zu dem
führende Ökonomen aus ganz Europa anreisten. Dabei ging es auch um die
These, dass der Freihandel den Wohlstand der Arbeiterschaft nachhaltig
befördere. Weerth hielt eine impulsive Rede, die in der Versammlung und in
der berichterstattenden Presse Aufsehen erregte. Er bestritt, dass die freie
Marktwirtschaft automatisch die soziale Lage des Industrieproletariats
verbessere, da sie die Prinzipien des Kapitalismus eben nicht außer Kraft
setze. Es müssten daher andere Wege gefunden werden, die
Lebensverhältnisse der Arbeiter zu verbessern, andernfalls würden diese die
Eigentumsverhältnisse auf revolutionärem Wege zu ihren Gunsten wenden.
Die Rede machte Weerth mit einem Schlag international bekannt.
gebungen, war vom Revolutionsfieber gepackt.
Vom Beginn der Märzrevolution in Deutschland erfuhr Weerth in Verviers.
An Geschäfte war nun nicht mehr zu denken. Er eilte nach Köln, ins
rheinische Zentrum der demokratischen Bewegung, und siedelte im April
ganz dorthin über. In Köln unterstützte er Marx und Engels bei der
Gründung der Neuen Rheinischen Zeitung, deren erste Nummer am 1. Juni
1848 erschien. Weerth gehörte dem demokratischen Blatt als Redakteur an,
lieferte Beiträge für den politischen Teil und leitete das Feuilleton. Die
Zeitung erlangte schnell überregionale Bedeutung.
121-123 Am 8. August 1848 begann die Neue Rheinische Zeitung mit dem Abdruck
125-131 von Weerths Roman "Leben und Taten des berühmten Ritters
Schnapphahnski", einer scharfen Polemik gegen den preußischen Adel.
Modell für die satirisch überzeichnete Figur des Schnapphahnski, der seinen
Namen aus Heines "Atta Troll" übernommen hat, war der schlesische
Großgrundbesitzer Felix Fürst von Lichnowsky. Dieser war Mitglied der
deutschen Nationalversammlung, die am 18. Mai 1848 in Frankfurt am
Main zusammengetreten war. Er vertrat dort die Interessen des Adels,
gehörte der monarchistischen Fraktion an und machte sich einen Namen
durch immer neue Attacken gegen seine demokratisch gesinnten politischen
Gegner. Die demokratische Presse schlug unerbittlich zurück. Und Weerth
beteiligte sich daran.
124
Am 18. September 1848 wurde Lichnowsky von einer aufgebrachten Menge
in der Nähe von Frankfurt erschlagen. Da Weerth im "Schnapphahnski" so
viele zutreffende Details aus Lichnowskys Leben persifliert hatte, dass an
der Identität des Romanhelden kein Zweifel bestand, wurde er für den Tod
des Abgeordneten mit verantwortlich gemacht. Er wurde zum Verhör
einbestellt und bestritt jeden Zusammenhang; doch die Tatsache, dass er
den Romanabdruck sofort nach Lichnowskys Tod abgebrochen hatte,
wurde als Schuldeingeständnis angesehen. Im Juli 1849 verurteilte ihn das
Kölner Landgericht wegen Verleumdung zu drei Monaten Haft.
132
Schon im Oktober 1848, als Ferdinand Freiligrath in die Redaktion der
Neuen Rheinischen Zeitung eintrat, nahm Weerth seine Geschäfte für die
Firma Emanuel & Son wieder auf. Im April/Mai 1849 führten ihn
Geschäftsreisen nach Belgien und Holland. Er kam gerade rechtzeitig nach
Köln zurück, um das Ende der Neuen Rheinischen Zeitung mitzuerleben.
Deren Herausgeber und Redakteure
VI
"Diese Revolution wird die Gestalt der Erde ändern"
Märzrevolution 1848/1849
117-120 Im Februar 1848 hörte Weerth in Rotterdam vom Ausbruch der Revolution
in Paris. Er setzte höchste Erwartungen in das Geschehen: "Diese
Revolution wird die Gestalt der Erde ändern – und das ist auch nötig!"
Sofort reiste er nach Paris, wo die Zweite Republik ausgerufen wurde,
beteiligte sich an der Organisation von Kund-
wurden gerichtlich verfolgt, er selbst wurde aus der preußischen
Rheinprovinz ausgewiesen.
133-135 Weerth ging nach Lüttich, um von dort aus seine Geschäfte
weiterzubetreiben. Doch als demokratischer Exilant wurde er auch dort
ausgewiesen und nach Holland abgeschoben. Nun plante er eine neue
Existenz als Kaufmann in England. Im Januar 1850 war der Instanzenweg
für seine gerichtliche Verurteilung ausgeschöpft. Da seine kaufmännischen
Unternehmungen durch das rechtskräftige Urteil sehr eingeschränkt
gewesen wären, beschloss er, sich zu stellen und die Haftstrafe in Köln zu
verbüßen. Von Februar bis Mai 1850 saß er im Kölner Stadtgefängnis ein.
ralisierung. Die Lockerung der Zensur in Preußen schien das Erscheinen
auch oppositioneller politischer Dichtung zu ermöglichen. Die radikalen
Erzeugnisse jungdeutscher Autoren wurden gleichwohl überall verboten.
Weerth wusste sie sich zu beschaffen. Er las mit großer Zustimmung die
Zeitgedichte des politisch verfolgten August Heinrich Hoffmann von
Fallersleben, aber auch Ludwig Börnes in Preußen verbotene "Briefe aus
Paris", die revolutionäre Lyrik des Exilanten Georg Herwegh und die nicht
minder prekären Gedichte seines Altersgenossen Rudolf Gottschall, die
anonym in der Schweiz gedruckt worden waren.
64-66
VII
"Schwachmatische Stimmung" im Nachmärz
Reisen in Europa 1850-1852
Das Scheitern der Revolution verursachte bei Weerth eine tiefe und
andauernde Resignation. Er betrachtete auch seine schriftstellerische Arbeit
als gescheitert: "Jetzt schreiben! Wofür? Wenn die Weltgeschichte den
Leuten die Hälse bricht, da ist die Feder überflüssig." Nach seiner
Entlassung aus dem Kölner Gefängnis stellte er die politische wie die
literarische Arbeit ein für allemal ein. Er beklagte seine "schwachmatische
Stimmung" und betäubte sich mit rastloser geschäftlicher Aktivität. "Der
Handel ist für mich das weiteste Leben, die höchste Poesie", schrieb er im
Mai 1851 an Ferdinand Lassalle.
137-138 Sofort nach seiner Haftentlassung nahm er in Hamburg seine Arbeit für die
Textilfirma Emanuel & Son wieder auf. Zunächst erledigte er einige
Aufträge in England und Schottland. Dort schiffte er sich Ende August
1850 zu einer halbjährigen Handelsreise nach Portugal und Spanien ein, wo
er neue Geschäftsbeziehungen anbahnen sollte. Dabei ging es weniger um
den Wollhandel, der sein Berufsleben bisher bestimmt hatte, als um den
Handel mit Baumwolle, Leinen, Eisen und Holz, um den Export von Öl
und Trauben und den Import von englischen Industrieprodukten.
139-153 Weerth verbrachte einen Monat in Portugal und wählte dann Cadiz als
Ausgangsstation für seine Fahrten nach Andalusien und Gibraltar. Der
Aufenthalt in der Fremde tat ihm gut nach der großen Enttäuschung all
seiner politischen Hoffnungen: "ich fühle mich wie
Die Bonner Zeit endete, als er im September 1843 ungewollt einen
politischen Skandal verursachte. In den Unterlagen seines Onkels hatte er
Belege dafür gefunden, dass der Bonner Oberbürgermeister, mit Friedrich
aus’m Weerth eng befreundet, die von ihm offiziell unterstützte Petition der
Bonner Bürger für Pressefreiheit und die von Friedrich aus’m Weerth
angeführte Bonner Kampagne für die rechtliche Gleichstellung der Juden
hintertrieb. Durch Weerths Indiskretion flog die Sache auf. Er zog die
Konsequenz und kündigte.
IV
"auf dem interessantesten Boden der Gegenwart"
Im Zentrum der englischen Textilindustrie 1843-184
67-73
Im Dezember 1843 zog Weerth nach Bradford in Yorkshire, wo er eine
Stellung als Korrespondent bei Ph. Passavant & Co. angenommen hatte.
Die Firma war die Filiale eines Kammgarn- und Wollunternehmens mit
Hauptsitz in Manchester. Sein zweieinhalbjähriger Aufenthalt im
nordenglischen Industriebezirk prägte Weerth ganz entscheidend.
74-80
Vom Ausmaß der Industrialisierung dort hatte Weerth zuvor keine
Vorstellung gehabt. In Bradford schufteten zehntausende Arbeiter in
Spinnereien und Eisengießereien. Die in den dreißiger Jahren des 19.
Jahrhunderts rapide gewachsene Bevölkerung hatte die Landstadt in einen
der schlimmsten Slums des viktorianischen England verwandelt. Nicht nur
die katastrophalen Wohnverhältnisse, auch die extreme Luftverschmutzung
und die infolge fehlender Wasserversorgung und Kanalisation fatale
Hygienesituation verursachten Verelendung und hohe Sterblichkeit. Auch
Weerth litt an chronischer Bronchitis.
neugeboren", schrieb er seiner Mutter, und es kam ihm vor, "als ob die
Menschen immer besser würden, je weiter man in den Süden kommt."
Anfang des Jahres 1851 reiste er weiter nach Madrid und Barcelona, dem
Hauptsitz der spanischen Industrie.
Hatte er sich früher für die sozialen und politischen Verhältnisse der von
ihm bereisten Länder interessiert, so trat neben dem Handel jetzt die
Landeskultur in den Vordergrund. Er besuchte Museen, Paläste und
Sehenswürdigkeiten und berichtete in seinen Briefen ausführlich davon.
Seine Reisebriefe ersetzten ihm die literarische Tätigkeit. Die sozialen
Missstände in Spanien, die ihm nicht entgangen sein können, erwähnte er
allerdings mit keinem Wort. Diesen Fragen wollte er sich nicht mehr stellen,
seine "eigene verfehlte Laufbahn" nicht mehr täglich schmerzhaft spüren.
154-155 Per Schiff und Eisenbahn erreichte er zuletzt innerhalb weniger Tage Paris,
wo er seinem großen Vorbild Heinrich Heine einen Besuch abstattete. Mitte
Februar 1851 war er wieder in Hamburg.
156-161 Weitere Reisen führten ihn innerhalb des nächsten Jahres mehrmals nach
England, er verlegte seinen Wohnsitz wieder nach Bradford und bereiste
von dort aus Holland, Thüringen, Sachsen, Schlesien und Böhmen.
Nirgendwo hielt es ihn länger: "Aber was ist das Rätsel meiner Unstetigkeit
und daß ich keine zehn Minuten ruhig mehr auf dem Hintern sitzen kann?
Die Revolution ist schuld daran! Die Revolution hat mich um alle Heiterkeit
gebracht", heißt es in einem Brief an Marx vom März 1851.
Mitte Mai 1852 rief ein Telegramm Weerth nach Hamburg. Emanuel & Son
steckte in der Insolvenz. Weerth konnte noch einige Geschäfte abwickeln
und Gelder eintreiben. Aber die Firma musste ihn entlassen. Nach seinem
Scheitern in der Politik und in der Literatur stand er nun auch beruflich vor
dem Nichts.
VIII
"Nur Unruhe! Unruhe! sonst bin ich verloren"
Europamüde Abenteuer in Lateinamerika 1852-1855
162-165 Im Herbst 1852 übernahm Weerth für die Firma Steinthal & Co. in
Manchester eine Handelsagentur für Westindien mit dem Auftrag, neue
Geschäftsverbindungen auf dem amerikanischen Kontinent herzustellen. Er
stach am 2. Dezember 1852 in Southampton in See. 17 Tage später
erreichte das Dampfboot die Antillen-Insel St. Tho-
mas, den wichtigsten internationalen Umschlagplatz für Waren aus Mittelund Südamerika. Von dort aus unternahm Weerth in den nächsten Monaten
Geschäftsreisen nach Puerto Rico, Santo Domingo und zu den Kaffee-,
Kakao- und Zuckerplantagen in Venezuela.
166-170 Ein besonderes Erlebnis war im Sommer 1853 eine Schiffsreise auf dem
venezolanischen Orinoco etwa 400 Kilometer flussaufwärts bis nach Ciudad
Bolivar. Die vielfältige Natur im tropischen Überschwemmungsgebiet des
Flusses beeindruckte ihn sehr, er begegnete Tigern, Affen und Alligatoren,
unternahm Exkursionen zu den Goldminen von Upata und den Katarakten
des Nebenflusses Caroni. Von dieser Reise brachte er verschiedene
Souvenirs mit, die er seinem Bruder Carl für die Detmolder
Naturhistorische Sammlung übersandte. Auch bei den folgenden Reisen
sammelte er interessante Naturalien für die Detmolder Sammlung, aus der
das Lippische Landesmuseum hervorging.
171-184 Kaum zurück auf St. Thomas, startete Weerth zu einer ausgedehnten
Mittelamerikareise. Über Kuba reiste er nach Mexiko, durchquerte das Land
vom Atlantik zum Pazifik und besuchte auf diesem Weg die Hauptstadt, die
Silberminen von Guanajuato und die Handelsmesse in San Juan de los
Lagos. Von Mexiko aus ging es per Schiff weiter nach Kalifornien, wo
Weerth sich fünf Tage lang im Minendistrikt der Goldgräber umschaute. Er
beschloss dann, die Reise nach Südamerika auszuweiten und gelangte erst
nach 12 Monaten über Panama und Kolumbien, wo seine Geschäfte einer
Revolution wegen erfolglos blieben, nach St. Thomas zurück.
Über Weerths Reisen sind wir vor allem durch sehr ausführliche Briefe an
seine Mutter unterrichtet. Erstaunlicherweise lassen sie keinerlei Interesse an
politischen oder sozialen Fragen erkennen, im Gegenteil: Seine Äußerungen
über Indios, Farbige und Schwarze vertreten ganz gewöhnliche rassistische
Klischees. In einem Brief an Heine heißt es ganz ohne satirischen Unterton:
"Nichtsdestoweniger bleiben wir Europäer die Aristokraten des Erdkreises
... ". Mehrfach wurde Weerth aufgefordert, seine Reiseerlebnisse in Form
"populär geschriebener Skizzen aus Amerika" für den Abdruck in
Zeitungen zur Verfügung zu stellen oder zu einem kleinen Band
zusammenzufassen. Aber das lag ihm gänzlich fern.
185-190 Ein Brief der Firma Steinthal veranlasste ihn, schon bald erneut auf Reisen
zu gehen, diesmal nach Ecuador, Peru und Chile. In Ecuador
unternahm Weerth eine anstrengende Exkursion zum 6310 Meter hohen
Andengipfel Chimborazo. Von Guayaquil an der Küste gelangte er auf dem
pazifischen Seeweg nach Lima, der Hauptstadt Perus, wo ein Staatsstreich,
den er miterlebte, seine Geschäfte beeinträchtigte. Die nächste Station war
Valparaíso an der chilenischen Küste. Dort entschloss er sich zur Heimfahrt
nach Europa. Statt auf demselben Weg über Panama nach Westindien
zurückzukehren, reiste er auf dem Landweg quer durch Südamerika. Die
Andenüberquerung mit Maultieren, die Nachtlager im Freien, der 750
Kilometer lange Ritt durch die argentinischen Pampas in "feindlichem
Indianergebiet" waren nicht ungefährlich. Aber Weerth überstand alle
Strapazen unbeschadet. Zuletzt erreichte er Buenos Aires. Mit
Zwischenstopps in Montevideo und Rio de Janeiro trat er die Überseereise
nach Southampton an und war Mitte Juni 1855 wieder in Europa.
IX
"Die Alte Welt ist mir zuwider geworden"
Enttäuschte Liebe und erfolgreiche Geschäfte 1855-1856
"Der praktische Erfolg meiner Tour ist relativ. An verschiedenen Punkten
reüssierte ich vollkommen, und meine Freunde in Manchester stehen jetzt
mit den damals angeknüpften Verbindungen in lebhaftem und sicherm
Verkehr. An andern Orten war ich weniger glücklich, namentlich weil mich
politische Unruhen in den südlichen Republiken an Unternehmungen
hinderten. Aber es ist eine gute Basis gelegt, und da ich mit meinen Leuten
in bestem Einverständnis bin, so glaube ich von der Zukunft Gutes hoffen
zu können."
190-192 Kaum in Europa angelangt, meldete Weerth im Juni 1855 nach Detmold,
dass er wohl bald wieder in die Tropen zurückkehren werde. Zunächst
einmal war eine Menge geschäftlicher Dinge bei Steinthal in Manchester zu
erledigen. Mit der Firma kam er überein, sich als ihr Agent ganz in
Westindien niederzulassen. In Hamburg ließ er sich von einer weiteren
Firma anwerben. Das Einkommen, das ihm diese Tätigkeiten im Im- und
Export versprachen, war enorm. Weerth hoffte, nach einigen Jahren nach
Deutschland zurückkehren und dort von seinen Rücklagen leben zu
können. Dann besuchte er seine Familie in Detmold. Als ihm jedoch seine
Cousine Lina Duncker, mit der er im Briefwechsel stand, mitteilte, dass ihre
Schwester Betty in Köln sei, eilte er sofort dorthin.
Schon im Mai 1852 hatte Weerth in Leipzig die zwanzigjährige Betty
Tendering kennen gelernt. Sie hatte tiefen Eindruck auf ihn gemacht, und
der Gedanke an sie hatte ihn seither unablässig verfolgt. Lina Duncker
wusste das und schürte mehrmals brieflich seine Hoffnungen durch die
Mitteilung, dass Betty immer noch unverlobt sei. Weerth schrieb ihr im Juni
1854: "Du weißt, liebe Lina, daß ich mich für Deine Schwester lebendig
interessiere. Ich höre daher gern, daß sie nicht die Frau des bernburgischen
Agamemnons geworden ist, denn das wäre in der Tat zu spaßhaft gewesen.
Aber weshalb horstet sie jetzt auf dem einsamen Ahr? Sie sollte lieber mit
mir die Reise um die Welt machen; ich will fest versprechen, ihr mit jeder
Liebeserklärung vom Halse zu bleiben."
Beim Wiedersehen im September 1855 gelang ihm das aber nicht. Von
seinen neu entflammten Gefühlen überwältigt, machte er der völlig
Überraschten einen Heiratsantrag. Sie wies ihn zurück. Zwar warb er in
seinen Briefen an Betty weiterhin verzweifelt um sie. Sie aber war überzeugt,
dass er ein falsches Bild von ihr hatte, und wehrte ihn ab. Auch in Paris, wo
beide im Oktober 1855 die Weltausstellung besuchten, kam es nicht zu
einer Annäherung. Weerth kehrte nach England zurück, stürzte sich in die
Arbeit. Am 17. November 1855 reiste er wieder nach Westindien ab. Er
hatte gehofft, zu wissen, wofür. Jetzt war ihm Ziel und Zweck seiner
Geschäftigkeit abhanden gekommen. Die Absicht einer späteren Rückkehr
nach Europa gab er auf.
193-200 Im März 1856 verlegte Weerth sein Standquartier von St. Thomas nach
Havanna, dessen Verkehrsverbindungen sich deutlich verbessert hatten. Er
erkundete die Insel, handelte mit Zucker, Tabak, Kaffee und Baumwolle.
Auf dem Rückweg von einer Geschäftsreise nach Santo Domingo
durchquerte er im Juli 1856 Haiti, mitten in der Regenzeit und von Mücken
geplagt. Als er wieder in Havanna eintraf, hatte er bereits hohes Fieber. Er
war desorientiert, verlor das Bewusstsein. Eine Woche später, am 30. Juli
1856, starb er im Alter von 34 Jahren an einer gefährlichen Fom der
zerebralen Malaria. Er hinterließ seiner Familie das beträchtliche Vermögen
von 9212 Talern. Das entsprach etwa dem Zwanzigfachen eines
Jahresgehalts seiner beiden in Fürstlich lippischen Diensten beschäftigten
Brüder.
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Seele and Geist
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