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Alles, was kreucht und fleucht - Docwarter.com

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WOCHENENDE
S A M ST A G, 2 1 . APR I L 2 0 12
WO CH E NE ND E @S AL Z BU RG .C OM
Käfer
Alles, was kreucht
und fleucht
d:
Bil
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TO
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N
S
TANJA WARTER
Im Müsli, im Badesee oder im
Gletschereis, Käfer kommen fast
überall vor. Bis auf das Meer und
die Antarktis haben sie jeden
Lebensraum erobert, keine andere
Tiergruppe ist größer und
vielfältiger. Erst jetzt verstehen wir
erste Details der ausgeklügelten
Überlebensstrategien – und
kopieren sie.
Gastautor
Ob eine Gartenschere betet? Jochen
Jung, mitten im
Leben. Seite IV
J
eden Morgen macht der Nebeltrinkerkäfer in der
afrikanischen Namib-Wüste einen Kopfstand. Er hat
Durst und das ist seine spezielle Art und Weise, an Flüssigkeit zu gelangen. An seinem kleinen schwarzen Körper
lässt er das Wasser aus dem Nebel kondensieren. Die Tröpfchen fließen geradewegs hinunter in sein Maul. Diese Technik
war Vorbild für jene Nebelnetze, die seit einigen Jahren in trockenen Regionen der Erde aufgestellt werden und zur Gewinnung
von Trinkwasser dienen.
Der in Mitteleuropa heimische Bombardierkäfer ist mit einer
einzigartigen Waffe ausgestattet. Droht Gefahr, kommt es in seinem Hinterleib zu einer Explosion, deren Knall deutlich hörbar
ist. Der Käfer schleudert seinem Gegner ein 100 Grad Celsius heißes, ätzendes Gasgemisch entgegen. Die Wendigkeit des biologischen Schussapparats sichert den Trefferfolg, der Käfer kann sein
Hinterteil in alle Richtungen biegen. Experten für Thermodynamik aus Großbritannien haben bereits versucht, eine ähnliche
Brennkammer mit einem so perfekten Ventilsystem zu erzeugen.
Doch die Vorgaben der Natur scheinen unerreichbar: Der Bombardierkäfer schafft 500 Dampfstrahlen pro Sekunde, die Bioniker mit Glück 15. Gelungen ist den Forschern aber ein Nachbau,
mit dem sich die Tröpfchengröße kontrollieren lässt. Dieses inzwischen lizenzierte System könnte zukunftsweisend für ein effi-
Porträt
Die bunte Welt
der LifestylePionierin Katarina Noever.
Seite V
zienteres Einspritzverfahren für Verbrennungsmotoren
sein oder zur Herstellung medizinischer Sprays
dienen.
Das Glühwürmchen – sein Name ist irreführend, denn es handelt sich um einen Käfer und keinen Wurm – stellt Techniker vor eine offenbar unlösbare Aufgabe. Für die Partnersuche erzeugt es Licht, das zwar
extrem hell strahlt, dabei aber kaum Wärme abgibt. Der Wirkungsgrad liegt bei über 95 Prozent. Obwohl die Geheimnisse dieser
Lichterzeugung längst entschlüsselt sind, schaffen wir es nicht annähernd, ein ähnlich gutes Leuchtmittel in den Elektrohandel zu
bringen. Eine moderne LED-Lampe erreicht einen Wirkungsgrad
von 45 Prozent, die alte Glühbirne gar nur fünf Prozent.
Leider haben Käfer nicht nur Fähigkeiten, von denen wir etwas
lernen können, sondern auch Eigenschaften, die der Mensch mit
allen Mitteln zu bekämpfen versucht. Am Arbeitsplatz von Notburga Pfabigan sind ungewöhnliche Geräusche zu hören. Fast klingt es
wie ein Schmatzen, das da aus der Schublade dringt. Ein Schmatzen, laut, genussvoll und ohne jeden Anstand. „Über dieses Geräusch wundern sich unsere Besucher oft“, sagt die Biologin, die
bei der Holzforschung Austria in Wien tätig ist. Doch wenn Notburga Pfabigan eine der Schubladen öffnet, in denen geschmatzt
wird, sind nur Holzklötze zu sehen.
Fortsetzung Seite II
Reportage
Ein Oligarch
und sein Imperium aus Stahl:
Magnitogorsk.
Seite VII
Reisen
Im arktischen
Norden: Steife
Brise und
Mythos pur.
Seiten IX, X
II THEMA
ZUM Inhalt
Süße und
andere Käfer
NORBERT LUBLASSER
„Süßer Käfer“, so nannte man
in Zeiten des Wirtschaftswunders politisch vollkommen
inkorrekt liebreizende Damen
jugendlichen Alters. Peter
Alexander hat es sicher in
einem seiner Filmen einer
Angebeteten ins Ohr geflüstert.
Süße Käfer gab es aber auch
einst zum kulinarischen
Verzehr: Noch bis Mitte des 20.
Jahrhunderts, weiß Wikipedia,
wurden in unseren Breiten
Maikäfer kandiert oder gezuckert in Konditoreien angeboten. Oder auch geröstet in einer
Suppe verarbeitet. Mittlerweile
gibt es kaum mehr Maikäfer,
die meisten fielen der chemischen Keule zum Opfer. Andere
Käfer gedeihen prächtig, wie
Tanja Warter weiß.
Schönes Wochenende!
IM Detail
Käfer haben im Grundaufbau wie alle Insekten sechs Beine und vier Flügel. Trotzdem
unterscheiden sie sich wesentlich von Fliegen,
Läusen, Flöhen und Schmetterlingen, die
ebenfalls alle Insekten sind. Das vordere
Flügelpaar wurde bei Käfern im Laufe der
Evolution immer dicker und kräftiger, jetzt
dienen diese harten Flügel dem Schutz des
Körpers und werden Deckflügel genannt. Mit
dem Flugvermögen haben sie nichts zu tun.
Käfer, die fliegen können, spreizen die Deckflügel ab und flattern mit dem zweiten, viel
dünneren Flügelpaar.
In ihrer individuellen Entwicklung durchlaufen
Käfer mehrere Stadien. Zunächst schlüpfen
sie als Larve aus dem Ei. Diese Larve häutet
sich mehrfach – die Anzahl der Häutungen
variiert stark. Ist die Larve ausgewachsen,
verpuppt sie sich. Jetzt findet die Verwandlung
zum ausgewachsenen Käfer statt, der schließlich schlüpft. Vom Ei bis zu diesem Zeitpunkt
vergeht meist ein Jahr, manchmal auch mehr.
Das Erwachsenenleben ist hingegen bei vielen
Käfern sehr kurz, Hirschkäfer leben beispielsweise nur gut einen Monat. Ihr einziges Ziel
ist es, sich so rasch wie möglich zu paaren.
SA MS TA G , 2 1. AP RI L 2 012
Fortsetzung von Seite I
D
er Hausbock ist ein heimischer
Käfer. Bevorzugt siedelt er sich in
Dachstühlen und Holzhäusern
an. Seine Larven sind gefräßig.
Sie werden gut drei Zentimeter
groß, sind dick und gelblich und fressen bis
zu 2,5 Zentimeter große Löcher und Gänge
in das Holz. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen langlebigen Dachstuhl. Gegen einen Befall schützt eine vorbeugende Behandlung mit einem Holzschutzmittel. Solche Mittel testet die Holzforschung Austria und beherbergt dafür
eine Hausbockzucht mit mehreren Tausend Tieren. Genormte Holzklötze werden
mit den Präparaten behandelt und dann
den Larven zum Fraß vorgesetzt. Ist das
Holzschutzmittel wirksam, dann war es ihre Henkersmahlzeit.
Damit hat Notburga Pfabigan kein Problem, obwohl sie, Chefin der größten Hausbockzucht Österreichs, Käfer eigentlich
mag. „Alle Produkte, die auf den Markt
kommen, müssen abtötende Wirkung haben“, erklärt sie. Ist die Substanz aber unwirksam, fressen sich die Larven fröhlich
weiter durch den genormten Holzklotz.
Dabei schmatzen sie.
Noch viel mehr Käfer krabbeln im
Dienst der Menschen im Keller der Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) in
Berlin herum. Mit Holzwürmern (auch das
sind Käfer) und Splintholzkäfern werden
ähnliche Tests gemacht wie mit den Hausböcken in Wien. Aber nicht nur Holz wird
von Käfern befallen. Auch Wollpullover,
Teppiche und Kissen können von Larven
zerlegt werden. Übeltäter in diesen Fällen:
der Polsterwarenkäfer.
Der Herr
der
Maden
national anerkannten Prüforganismus“ gebracht. Er wird weltweit für Testzwecke
eingesetzt, weshalb Rüdiger Plarre mit seinen Zuchttieren sogar handelt. Deren vorhersehbarer Tod ist Teil des Verfahrens.
Auch Mark Benecke hat es beruflich mit
Käfern zu tun. Sein Job ist eher aus Krimis
bekannt, spannend und gleichzeitig gruselig. Der Kölner ist forensischer Entomologe. Das heißt, er untersucht unter anderem
Leichen auf Krabbeltiere, die sich während
des Zersetzungsprozesses ansiedeln. „Zuerst kommen immer die Fliegen, die ihre
Eier in den Körperöffnungen ablegen“, erklärt der Experte. „Aber schon kurz danach
tauchen auch die Käfer auf.“
Es sind jene, die als Aufräumer in der
Natur gelten: die Aaskäfer. Im Erwachsenenalter fressen sie Pflanzenreste, Pilze,
Exkremente oder fremde Maden. Ihre Larven aber füttern sie stets mit den Überresten toter Tiere – oder Menschen.
Der Totengräber ist einer dieser Aaskäfer. Seinem Namen macht er besondere Ehre, denn die Weibchen vergraben regelmäßig Kadaver in der Erde. Gleich neben dieses Erdgrab bauen sie eine unterirdische
Kammer, in die sie ihre Eier legen und die
kurze Zeit später als Kinderstube dient.
Aus Teilen des verwesenden Körpers formen die Totengräber Futterkugeln und
schleppen sie zu den Larven nach nebenan.
Mit diesem Verhalten fallen sie ebenso in
Beneckes Repertoire wie die Speckkäfer,
die sich gern von Hautschuppen ernähren.
Findet er ein solches Exemplar auf einer
Leiche, deutet das auf Austrocknung hin.
„Aber die meisten erwachsenen Käfer
krabbeln weg, wenn eine Leiche befördert
wird“, erklärt der Profi, der sich deshalb
auf die Maden konzentriert. „Manche die-
„Alle relevanten Schädlinge
sind längst Kosmopoliten“
Käferfraß kann in Kriminalfällen
zu fatalen Irrtümern führen
Sein Nachwuchs ernährt sich von allem,
was Keratin enthält. Dazu gehören Wolle,
Federn und Haare. Biologe Rüdiger Plarre
kennt die ungewöhnlichsten Schadstellen:
„Polsterwarenkäfer lieben naturkundliche
Sammlungen. Seehundschuhe der Inuit,
Federschmuck der Indianer, dort siedeln
sie sich gern an.“ In diesen Lebensräumen
haben sie meist einen engen Verwandten,
den Museumskäfer, im Schlepptau. Dessen
Larven futtern auch Chitin, aus dem die Insekten selbst aufgebaut sind. Museumskäfer zerstören deshalb vor allem Insektensammlungen und sind dort außerordentlich gefürchtet.
Doch weder die Museen noch die löchrigen Teppiche sind der eigentliche Grund
dafür, warum die BAM diese Käferart
züchtet und erforscht. Plarre: „Die Tiere
gehen auf Dämmmaterial los, das immer
öfter aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt wird. Ist davon in einem Haus alles
aufgefuttert, geht nicht nur die Dämmwirkung verloren, die Käfer machen sich auf
die Suche nach neuen Futterquellen.“ Die
nächstbeste Nahrung sind Daunenbettzeug
und Wollkleidung.
„Alle relevanten Schädlinge sind längst
Kosmopoliten“, erklärt Plarre. Darum
müssen alle Prüfverfahren streng standardisiert ablaufen. Durch diese Vorgabe hat
es der Polsterwarenkäfer zu einem „inter-
ser Maden bohren Löcher in den Körper,
die genau so aussehen wie Einschusskanäle. Das kann natürlich zu fatalen Irrtümern
in Kriminalfällen führen.“
Weltweit gibt es rund 300 verschiedene
Aaskäferarten, allein in Mitteleuropa sind
es 47. Damit bilden sie nur einen kleinen
Teil innerhalb der zoologischen Ordnung
der Käfer. Farbenpracht, Formen, Verhalten und Überlebensstrategien sind unglaublich vielfältig. Es gibt Laufkäfer,
Schwimmkäfer, Bockkäfer, Schnellkäfer,
Ölkäfer, Prachtkäfer, Rüsselkäfer, Blattkäfer, Buntkäfer, Borkenkäfer, Schwarzkäfer,
Weichkäfer, Goliathkäfer, Purzelkäfer, Zuckerkäfer und so weiter und so fort.
Eine 230 Millionen Jahre währende Evolution hat ihnen faszinierende Fähigkeiten
zugedacht: Sie können laufen, fliegen,
schwimmen, graben, klettern, bohren oder
tauchen. Sie duften, erzeugen Licht, geben
Klopfzeichen oder musizieren, haben spektakuläre chemische Waffen, kommunizieren mit ihren Farben und schleudern Gifte.
Unterteilt in 179 Familien, sind bis jetzt
rund 350.000 Arten bekannt. Damit ist
schon heute klar, dass mindestens jedes
vierte Tier auf der Erde ein Käfer ist. Biosystematiker schätzen die Anzahl viel höher. Sie gehen von bis zu einer Million Arten aus. Viele dieser Käfer werden noch
vor ihrer Entdeckung ausgestorben sein.
Mark Benecke untersucht Leichen auf allerlei
Getier. Auf Schaben (Foto), Fliegen und Käfer,
vor allem aber auf Maden. Bild: SN/TH. VAN DE SCHECK
KÄFERParade
Der Hausbock
Er ist ein häufiger und nicht gern gesehener
Vertreter der Bockkäfer, die sich durch ihre langen
Fühler auszeichnen. Ausgewachsen wird er etwa
zwei Zentimeter groß, seine Grundfarbe ist braun.
Das Leben eines Hausbocks dauert nur kurz, in
dieser Zeit beschnuppert das Männchen verschiedene Hölzer auf Eignung für die Eiablage, denn
seine Larven fressen ausschließlich totes Nadelholz.
Findet er etwas Passendes, lockt er mit Duftstoffen
Weibchen herbei. Dachstühle liebt er.
Der Bombardierkäfer
Höchstens 1,5 Zentimeter wird dieser vor allem
im südlichen Europa weit verbreitete Laufkäfer
groß. Berühmt ist der Bombardierkäfer für seine
explosive Verteidigungsstrategie. Droht Gefahr,
mischt er in seinem Hinterteil zwei hochreaktive
Substanzen zusammen und schleudert sie dem
Gegner als bis zu 100 Grad Celsius heißes, ätzendes
Gasgemisch entgegen. Er kann sogar unter dem
Bauch hindurch nach vorn schießen. Distanz, die
er mit dem Gift überbrückt: 20 Zentimeter.
Der VW-Käfer
Früher sah man ihn häufig in Hauseinfahrten oder
auf Wald- und Wiesenwegen. Heute ist er rar
geworden. Sein Schicksal: Er hat die Fähigkeit
zur arterhaltenden Reproduktion verloren, die
jüngsten Nachkommen tragen deutliche Mutationen davon. Erstmals aufgetaucht ist der VWKäfer im Jahr 1938, über Jahrzehnte wurde er
gehegt und gepflegt. Mittlerweile scheint sein
Aussterben unausweichlich, es gibt nur noch
wenige in die Jahre gekommene Exemplare.
Der Polsterwarenkäfer
Die Larven dieses nur wenige Millimeter großen
Käfers, der zu den Speckkäfern zählt, futtern unter
anderem Wolle oder Federn und zerstören beispielsweise Teppiche, Pullover oder Daunenmäntel.
Sie sind spezialisiert auf tierische Produkte, in
denen Keratin enthalten ist. Gewebtes aus Baumwolle rühren sie nicht an. Schädlich wegen ihres
großen Appetits sind nur die Larven. Das Leben
der Erwachsenen ist so kurz, dass sie erst gar keine
Nahrung aufnehmen.
THEMA III
S A M ST A G, 2 1 . APR I L 2 0 12
Kleine Käfer und große Politik
Es war nach Ende des Zweiten
Weltkriegs, als sich der
Kartoffelkäfer immer weiter in
Richtung Osteuropa ausbreitete.
1950 war für ihn witterungsbedingt
ein besonders gutes Jahr. Wegen
ihres massenhaften Auftretens
gerieten die Tiere in das Visier der
sozialistischen Propaganda und
die Amerikaner in den Verdacht,
die Schädlinge gezielt aus
Flugzeugen abgeworfen zu haben.
TANJA WARTER
Bild: SN/FOTOLIA
W
o sie einfallen, bleibt von
Erdäpfelpflanzen
nicht
viel übrig. Ein paar Stiele
vielleicht, das eine oder
andere vergammelte Blatt.
Kartoffelkäfer hinterlassen Felder der Verwüstung. Ist alles weggefuttert, suchen die
Tiere im Hochsommer nach schattigen
Plätzen und siedeln sich auch in Wohnhäusern an. Erst vor vier Jahren durften die
Bewohner von Lasberg im Mühlviertel am
eigenen Leib erfahren, was eine Invasion
ist. Tausend Kartoffelkäfer sammelte eine
Familie an einem einzigen Tag in ihrem
Haus zusammen. Erst als der betroffene
Bauer mit der chemischen Keule zuschlug,
besserte sich die Lage.
Der Grund, warum sich der Kartoffelkäfer in Europa so rasend vermehrt, ist simpel: Er hat keine Fressfeinde. Dieses Phänomen ist von der Natur nicht vorgesehen.
Aber die Geschichte des Kartoffelkäfers
unterscheidet sich von der anderer Insekten. Erst der Mensch ermöglichte ihm die
weite Reise in das Schlaraffenland.
In den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts lebten auf den Feldern des US-Bundesstaats Colorado niedliche, kugelige Käfer, gelb-schwarz gefärbt mit zehn Längsstreifen auf dem Rücken. Sie ernährten
sich von einer unbedeutenden Pflanze namens Stachel-Nachtschatten. Probleme
mit ihnen gab es nie. Bis sich immer mehr
europäische Siedler in den USA einfanden.
Im Gepäck die Kartoffel. Auch die ist ein
Nachtschattengewächs und schmeckte den
Käfern viel besser als das bisherige Futter.
Mit dem großflächigen Erdäpfelanbau
gediehen sie prächtig und ihre Anzahl
wuchs und wuchs. Die Siedler staunten
nicht schlecht über das schicke Tierchen.
Als Zierobjekt dürften sie es zuerst mit
nach Großbritannien und in die Niederlande gebracht haben, denn Kartoffelkäfer
tauchten erstmals in den Häfen von Liverpool und Rotterdam auf. Es war die große
Stunde des „Colorado Beetle“ und der Beginn eines weltweiten Siegeszugs.
Schon 1887 kam es zu vereinzeltem Massenauftreten, die erste Vernichtung ganzer
Felder fand 1922 in Frankreich statt. Von
hier aus krabbelte der Käfer unaufhaltsam
in Richtung Osten. 1936 trat er in Luxemburg auf, im selben Jahr gelangte er über
den Rhein. Mit einer Geschwindigkeit von
20 bis 30 Kilometern pro Jahr ging es kontinuierlich weiter. Bis 1950 hatte er den Osten Deutschlands durchquert.
Hier, in der sowjetischen Besatzungszone, dürfte er besonders
gute Bedingungen vorgefunden
haben. Die Bestände stiegen
sprunghaft und erreichten katastrophale Ausmaße für die sozialistische
Landwirtschaft.
Unfähig, der Lage auch nur annähernd Herr zu werden, nutzte die Führung die Käferplage
zu Propagandazwecken.
Die Amerikaner züchteten die Käfer, um
sie dann als biologische Waffe im Kalten
Krieg gezielt über den Äckern abzuwerfen,
hieß es. Radio Moskau verbreitete diese
Botschaft, das Informationsamt der Regierung verschickte Aussendungen, in denen
es mitteilte, bei der Käferplage handle es
sich um einen „verbrecherischen Anschlag
der angloamerikanischen Imperialisten
auf unsere Volksernährung“. Über diese
Anschuldigungen staunte man in Washington nicht schlecht. Die Amerikaner waren
zunächst sauer, doch dann nahmen sie es
mit spöttischem Humor und verschickten
Pappkäfer an alle Gemeinderäte der DDR.
Die hatten zwischenzeitlich zu „Sondersuchtagen“ aufgerufen, an denen die gesamte Bevölkerung vom Kind bis zur Großmutter zum Käfersammeln aufbrach. Mit
dem Einbruch der kalten Jahreszeit verschwanden die Plagegeister und mit ihnen
die Vorwürfe gegen die Amerikaner. 1951,
es war vermutlich ein schwächeres Käferjahr, verstummten die Anschuldigungen
dann endgültig.
Bis 1960 besiedelte der Kartoffelkäfer
Polen und erreichte die Grenze
zur ehemaligen Sowjetunion.
Heute ist er längst bis Asien verbreitet.
Wenige Jahre nach der Ankunft des Kartoffelkäfers in Europa machte sich auch in Mexiko
ein Insekt auf die Reise. Ein unscheinbarer Käfer namens Anthonomus grandis schaffte es,
den Rio Grande zu überqueren
und in Texas Fuß zu fassen.
Ähnlich dem Kartoffelkäfer eroberte er
Jahr um Jahr Region für Region. In den
1920er-Jahren schließlich stürzte das Krabbeltier den Südosten der USA, wo Baumwolle für Wohlstand gesorgt hatte, in eine
wirtschaftliche Katastrophe. Allein in Alabama ruinierte er über Jahre hinweg mehr
als 60 Prozent der Ernte.
Anthonomus grandis, der später den
deutschen Namen „Baumwollkapselkäfer“
bekam, knabbert Löcher in die Knospen
der Baumwollpflanzen und legt seine Eier
hinein. Nach dem Schlupf fressen sich die
Larven durch die Blüten und Fruchtkapseln und sind bereits vier Wochen später
wieder geschlechtsreif. So entwickeln sich
pro Jahr bis zu zehn neue gefräßige Generationen. Die verzweifelten Farmer suchten nach Möglichkeiten, sich vor dem
Bankrott zu retten. Also bauten sie andere
Spezialitäten an. Erdnüsse zum Beispiel
oder Mais. Diese Neuerung in der Agrarwirtschaft hatte ungeahnte Folgen: Die Gewinne der Landwirte überstiegen jene der
besten Baumwolljahre. Und der Baumwollkapselkäfer erhielt ein Denkmal.
Wer glaubt, solche Invasionen seien heute nicht mehr möglich, denke an die Marienkäfer, die seit einigen Jahren massenhaft in Mitteleuropa auftreten. Dabei handelt es sich nicht um eine der heimischen
Arten mit zwei oder sieben Punkten, sondern um eine größere, asiatische Variante
mit 19 Punkten. Sie fiel wegen ihres unstillbaren Hungers auf Blattläuse auf. Die Idee,
diese Marienkäfer als effizientes, natürliches Bekämpfungsmittel einzusetzen,
klingt zunächst unter ökologischen Aspekten lobenswert. Doch sie entkamen den
Gewächshäusern und vermehrten sich in
Freiheit rasend schnell. In Frankreich hat
es bereits Versuche gegeben, einen flügellosen Stamm rein für die Schädlingsbekämpfung zu züchten. Ohne Erfolg.
Die Biester sind lästig, weil sie in Fensterstöcken überwintern und während ihrer
Nahrungssuche auch in Wohnungen und
Häuser eindringen. Inzwischen fressen sie
unseren heimischen Glücksbringern alles
weg. Finden sie nicht schnell genug neue
Nahrung, verspeisen sie sogar unsere
Zwei- und Siebenpunkte. Damit sind sie
auf dem besten Weg, zu einem ernsthaften
Schädling zu werden.
KÄFERParade
Der Marienkäfer
Ihre Schönheit brachte ihnen die Sympathien der
Menschen ein. Dabei signalisiert ihre rote Farbe
den potenziellen Feinden in der Natur die Botschaft:
Achtung, ich bin giftig! Dieses leichte Gift kann
man riechen, wenn ein Marienkäfer über die Hand
gekrabbelt ist. Beliebt sind Marienkäfer außerdem,
weil sie Läuse verspeisen. Das freut die Gartenbesitzer. Die heimischen Arten haben entweder
zwei oder sieben Punkte und bekamen kurzerhand
die Namen Zwei- bzw. Siebenpunktmarienkäfer.
Das Glühwürmchen
Sie leuchten, um einen Partner zu finden. Glühwürmchen haben mit Würmchen nichts am Hut,
sie sind Leuchtkäfer. Dafür sorgt der körpereigene
Stoff Luciferin. Er wird unter Beteiligung von
Sauerstoff mit einem Enzym gespalten. Dabei
wird Energie frei, die in Form von Licht abgegeben
wird. Weltweit gibt es 2000 Arten von Leuchtkäfern.
Manche Weibchen können sogar das Blinken einer
anderen Art imitieren. Damit locken sie fremdartige
Männchen an und töten sie dann.
Der Maikäfer
Ganz typisch für den Maikäfer sind seine fächerartigen Fühler. Sie sind das Markenzeichen aller
Blatthornkäfer. Die Fühler haben bei den männlichen Tieren sieben Enden, bei den Weibchen
sind es nur sechs. Maikäfer heißt er deshalb, weil
in diesem Monat die Metamorphose unter der
Erde beendet ist und die Käfer nach vier Jahren
Dasein als Engerling in der Dunkelheit endlich
ans Licht krabbeln. Danach ist das Leben kurz:
Gleich nach der Vermehrung sterben sie.
Der Heilige Pillendreher
Die alten Ägypter waren von ihm begeistert. Der
Heilige Pillendreher, so glaubten sie, könne sich
aus dem Nichts vermehren. So wurde er zum
Symbol für die Schöpfungskraft. In Wahrheit rollt
er eine Kugel aus Dung vor sich her, aus der
tatsächlich neues Leben kommt. Natürlich nicht
aus dem Nichts, sondern nur, weil vorher ein
Weibchen seine Eier hineingelegt hat. Beheimatet
ist der drei Zentimeter große Käfer rund um das
Mittelmeer und im gesamten Afrika.
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