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(4) Konstruktivistische Didaktik Was sehe ich denn? Leben wir in

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(4) Konstruktivistische Didaktik
Zentrale Elemente:
Was sehe ich denn?
Zucker oder Salz auf der Erdbeere?
Wer kennt nicht die berühmten Bilder, die uns
nur das sehen lassen, was wir erkennen:
•
•
•
•
Vase oder zwei Gesichter
Ehefrau oder Schwiegermutter
Indianer oder Eskimo
Prinzessin oder alter Mann
Die hier aufgeführten Beispiele finden Sie in
den folgenden Kapiteln wieder. Es gibt viele
Illusionsbilder dieser Art. Je nachdem, von
welcher Perspektive wir die Bilder betrachten,
zeigen sie uns meist nur ein Bild. Erst wenn wir
darauf hingewiesen werden, sehen wir auch
das andere Bild, das darin versteckt ist.
Bildquelle: Zucker oder Salz?
Leben wir in einer eigenen, von uns konstruierten Welt?
Das Verhältnis zwischen Wissen und Wirklichkeit wird nach traditioneller Auffassung als bildhafte
Übereinstimmung oder Korrespondenz betrachtet. Man erkennt also ein Bild oder man erfährt
seinen Inhalt und seine Bedeutung von anderen.
Der Konstruktivismus dagegen sieht dieses Verhältnis als Anpassung im funktionalen Sinn, man
sieht das, was man sehen will.
Heinz von Foerster findet den Konstruktivisten mit einer einfachen Frage heraus:
„Fragen Sie einen Menschen, ob die folgenden Begriffe Entdeckungen oder Erfindungen
sind: Ordnung, Zahlen, Formeln, Symmetrien, Naturgesetze, Gegenstände, Taxonomien,
usw.
Neigt er dazu, diese Begriffe als Erfindungen zu bezeichnen, so haben Sie es mit einem
Konstruktivisten zu tun." (Foerster 1992, S. 45).
1
Input - Output
Konstruktivismus versus Realismus
Der Wahrnehmungsvorgang aus abbildtheoretischer Sicht
Es gibt auf der einen Seite die Wahrnehmungsobjekte, die nur von außen betrachtet
werden können (Blackbox) und auf der anderen Seite das wahrnehmende Subjekt
mit seinen Sinnesorganen, das in seinem Erfahrungsfeld eingeschlossen ist. Die
Sinneseindrücke sind abhängig von unserer Erfahrung, die wir bisher gemacht haben.
Wir nehmen innerhalb unseres Erfahrungsfeldes Unterscheidungen vor und stellen
zwischen den unterschiedenen Teilen der Erfahrungen Beziehungen her, die wir in die
Relation Objekt – Umfeld setzen. Daraus erlangen wir unsere Erkenntnis und neue
Erfahrungen. Wir konstruieren so unser Wissen.
Durch diese subjektive Erfahrungswelt gibt es keine gemeinsame ontologische
Realität. Der Mensch bildet als Erkennender ein geschlossenes System. Er ist
eingeschlossen in der Welt seiner Erfahrungen, ohne die Möglichkeit einen Zugang zu
einer äußeren Realität zu haben.
Kern der konstruktivistischen Position ist die Auffassung, dass Wissen durch eine
interne subjektive Konstruktion von Ideen und Konzepten entsteht.
Dieses Modell verdeutlicht die Problematik der konstruktivistischen
Didaktik:
Wie können wir etwas lehren, das wir uns selbst konstruiert haben und wovon wir
nicht behaupten können, dass es die Wahrheit ist?
Input - Output - Modell
Wir bekommen keinen Input - Wir nehmen ihn uns - Wir geben keinen Output (Blackbox)
Der Wahrnehmungsvorgang aus abbildtheoretischer Sicht in grafischer Darstellung:
2
Blackbox
Das beobachtete Objekt kann nur von
außen beobachtet werden
man kann
in keinen Menschen hineinsehen
Erfahrungsfeld
Mit Hilfe der Sinnesorgane
Sinneseindrücke
Relation: ObjektUmfeld
Erkenntnis
Erfahrung
Wissen (konstruiertes Wissen)
Erkennen
entspricht machen
konstruieren
erkennen heißt
Begriff
Im Zusammenhang mit der
konstruktivistischen Didaktik gibt es noch
keine offizielle Definition für den
Konstruktivismus. In der bildenden Kunst wird
eine Kunstrichtung des frühen 20. Jh.s. als
Konstruktivismus bezeichnet, die eine
Bildgestaltung mit rein geometrischen Formen
vornimmt.
Konstruktivismus spiegelt sich in dem Wort
„Konstruktion“ wider:
In den verschiedensten Bereichen kann man das
aus dem Lateinischen stammende Wort
„konstruieren“ mit entwerfen, bauen, zeichnen,
zusammensetzen, aufbauen, herstellen etc.
übersetzen.
Durch eine Auswahl von Definitionen
verschiedener Konstruktivisten oder deren
Anhänger kann man einen näheren Bezug zu
dem Wort „Konstrukt“ erkennen:
Duden, Band 5, Fremdwörterlexikon 1974, S.
394: „Arbeitshypothese oder gedankliche
Hilfskonstruktion für die Beschreibung von
Dingen oder Erscheinungen, die nicht konkret
beobachtbar sind, sondern nur aus anderen
beobachtbaren Daten erschlossen werden
können.“
Definitionen
„Was ist Radikaler Konstruktivismus? Einfach ausgedrückt handelt es sich da um eine
unkonventionelle Weise die Probleme des Wissens und Erkennens zu betrachten. Der Radikale
Konstruktivismus beruht auf der Annahme, dass alles Wissen, wie immer man es auch definieren
3
mag, nur in den Köpfen von Menschen existiert und dass das denkende Subjekt sein Wissen nur
auf der Grundlage eigener Erfahrung konstruieren kann. Was wir aus unserer Erfahrung machen,
das allein bildet die Welt, in der wir bewusst leben.“ (Glasersfeld 1996a, S. 22).
„Untersuchung der Art und Weise, wie wir Menschen unsere eigenen Wirklichkeiten erschaffen."
(Watzlawick 1986, S. 115).
Zusammenfassung
Was ist also
„konstruktivistisches
Glaubensbekenntnis“?
Der Konstruktivismus kann als
Erkenntnistheorie beschrieben werden. Er
beschäftigt sich damit, wie wir etwas erkennen.
Von Glasersfeld bezeichnet den
Konstruktivismus lieber als „Theorie des
Wissensaufbaus“. Seine Theorie beschäftigt
sich damit, wie wir Kenntnis von der 'Wahrheit'
erlangen und ob diese Kenntnis auch
verlässlich und 'wahr' ist. Es ist also eine
konstruierte Wahrheit. Der Lernende, das
Subjekt, konstruiert sich seine Wirklichkeit aus
seiner Erkenntnis heraus und baut dadurch
sein Wissen auf.
Eine Vase oder zwei Gesichter?
Wie wissen wir, was wahr ist?
Meistens sieht der Betrachter nur ein Bild,
entweder die Vase oder die beiden Gesichter.
Ein Klassiker unter den optischen Illusionen:
Beide Impressionen sind gleich stark und springen deshalb hin und her je nachdem, was unser Auge uns als Hintergrund oder Vordergrund weismachen will.
Begriffe von A bis Z
Im Konstruktivismus werden viele Begriffe genannt, die nicht eindeutig definiert sind.
Sie wurden eher konstruiert und werden zum Teil unterschiedlich interpretiert. Auf
manche Begriffe wird in diesem Kapitel näher eingegangen, andere wiederum zeigen
ihre Bedeutung in den verschiedenen Zitaten.
Erkenntnis
Wahrheit
Zirkularität
Konstruktivismus
Input – Output
Epistemologie
Wirklichkeit
Blackbox
Wahrnehmung
4
Systemik
Radikaler
Autopoiese
Objekt
Viabel
Subjekt
Autopoiese
Das Konzept bezeichnet die Tatsache, dass es Systeme mit der Fähigkeit gibt, die eigenen
Elemente, aus denen sie bestehen, selbst zu produzieren, so wie es für biologische Systeme
typisch ist.
Lebewesen lassen sich dadurch charakterisieren, dass sie sich fortwährend selbst erzeugen.
Daher bezeichnen sie alle Lebewesen als autopoietische Organisation (griech. autos = selbst
und poiein = machen). (Maturana / Varela 1987, S. 51).
Autopoietische Systeme sind also solche, die sich „selbst machen“ können. Selbstherstellung
und Selbsterhaltung sind somit Grundeigenschaften dessen, was als Autopoiesis bezeichnet
wird.
Epistemologie
Duden (Fremdwörterlexikon): „(gr.-nlat.) Wissenschaftslehre, Erkenntnistheorie (bes. in der
angelsächsischen Philosophie).“
Die Wortbestandteile stammen aus dem Griechischen und stehen für Wissen (Episteme) und
„Lehre, Wissenschaft, Kunde“. Die Epistemologie beschäftigt sich mit der Frage nach der Natur
des Wissens, seinen Quellen und seiner Entstehung sowie der Funktionsweise, Anwendung und
Repräsentation von Wissen.
Wie die meisten Begriffe des Konstruktivismus hat auch Epistemologie keine eindeutige
Definition. Um für sich eine Vorstellung zu bekommen, können die unterschiedlichsten Zitate
hilfreich sein:
„Ontologie erklärt die Beschaffenheit der Welt; Epistemologie erklärt die Beschaffenheit
unserer Erfahrung von dieser Welt.“ (Foerster 1993, S. 103).
Ernst von Glasersfeld jedoch möchte die Erkenntnistheorie nicht mit dem Konstruktivismus in
Verbindung bringen:
„Ich versuche, dieses Wort zu vermeiden und von Wissenstheorie zu sprechen, eben weil
ich von der Erkenntnis wegkommen möchte. Wie immer Sie das Wort Erkenntnis
auslegen, es bedeutet Widerspiegelung einer Welt, die außerhalb des kognitiven
Organismus und unabhängig von ihm existieren soll. Die Ablehnung dieses Begriffs ist im
Grunde gar nichts Neues. Vor allem, und das betone ich, ist sie nicht meine Erfindung.“
(Glasersfeld 1996b, S. 34).
Systemik
System: gr.-lat. „Zusammenstellung“ (Duden Fremdwörterlexikon)
Der Begriff Systemik vereint als gemeinsames Merkmal die Wechselwirkung verschiedenster
Systembegriffe wie
Organismus als autopoietisches System,
Nervensystem als selbstreferenzielles System,
kybernetische Systeme als selbstorganisierende Systeme etc.,
die nicht voneinander getrennt werden können. Nach diesem systemtheoretischen Ansatz
entstehen die Wahrnehmungen. Aus Systemisch-Konstruktivistischer Sichtweise jedoch sind die
Systeme Wirklichkeitskonstruktionen des Subjekts.
Die Bedeutung der Systemik wird durch den viel zitierten, berühmten Satz von Aristoteles
veranschaulicht:
„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“
5
Viabilität
"Anything goes, if it works". Ernst von Glasersfeld formuliert das Viabilitätsprinzip als
Gangbarkeit eines Weges zu einem bestimmten Ziel, nämlich eine Welt zu erfinden die viabel
bzw. brauchbar für zielstrebiges Handeln ist.
„Handlungen, Begriffe und begriffliche Operationen sind dann viabel, wenn sie zu den
Zwecken oder Beschreibungen passen, für die wir sie benutzen.“ (Glasersfeld 1996a, S. 43).
Konstruktivistische Modelle
Nach Frank Thissens „Konstruktivismus - was ist das eigentlich?“ wird mit der
Konstruktivistischen Lerntheorie eine Auffassung vertreten, wonach Lernen kein
passives Aufnehmen und Abspeichern von Informationen und Wahrnehmungen ist,
sondern ein aktiver Prozess der Wissenskonstruktion. Lernen ist ein individuelles,
selbstgesteuertes Überarbeiten und Erweitern vorhandener Konstrukte. Daher ist in
letzter Konsequenz keine Wissensvermittlung möglich, sondern nur das Geben von
Anregungen zu weiterer Konstruktion.
Müssen wir deshalb die Schule neu erfinden?
Es gibt mehrere Modelle zur Verwirklichung der Konstruktivistischen Didaktik. Alle
suchen dabei eine subjektorientierte Didaktik, die selbstgesteuertes Lernen fördern
soll. Auch die subjektiven Gefühle sollen berücksichtigt werden. Der Lernende erhält
einen Spielraum zur individuellen Wissenskonstruktion. Soziale Prozesse entwickeln
kooperatives Lernen.
Kösel (1995) lehnt kausal-lineare Denkwege ab. Eine sogenannte
„Vereinbarungsdidaktik“ soll einheitlich, prozess-, handlungs- und normorientiert
sein. Selbsterhaltung, Selbstdifferenzierung und Selbstreferentialität bezeichnet
Kösel als Steuerungskomponenten des Lernenden. Das bedeutet, dass der Lehrende
lernen muss, sich in den Lernenden hinein zu versetzen. Kösel orientiert sich an der
Themenzentrierten Interaktion (TZI).
Reich legt Wert auf den „Mut zur Unvollständigkeit des Erklärens“ (1998). Seine
drei Beobachtungsperspektiven sind die Konstruktion des Handelns, die
Rekonstruktion der Nachvollzüge und die Dekonstruktion, um zweifelnd nachfragen
zu können (1997). Er visiert ein „Überraschungslernen“ an, wobei ein viables Wissen
als gemeinsame konstituierte Wirklichkeit erzeugt werden soll.
Werning (1998) baut auf die „Vielfalt“, die durch kulturelle Unterschiede entsteht
und möchte dadurch auch eine Vielfalt von Lernwegen ermöglichen. Er verlangt von
Schülern Mitgestaltung am Unterrichtsprozess und damit am
Schulentwicklungsprozess. Eine Lösung sieht er im Offenen Unterricht und im
forschenden Lernen. Er geht noch einen Schritt weiter und versteht unter Vielfalt auch
die Öffnung der Räume. Die Schule wird zu einer Bühne mit Moderator.
Holzbrecher (1999) erwartet dadurch Selbstwirksamkeitserfahrung und die
Entwicklung der Kompetenz, mit Widerständen umzugehen.
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Konstruktivistischer Ansatz
Inwiefern unterscheidet sich der konstruktivistische Ansatz von
„herkömmlichen“ Didaktiken?
Aus konstruktivistischer Sicht sind herkömmliche Didaktiken
•
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•
•
•
lehrerzentriert
gehen davon aus, dass der Schüler schon einen bestimmten Wissensstand hat,
der schon unterrichtet wurde, um darauf aufzubauen
orientieren sich an empirischen Studien
haben Klassische Prüfungsabfragen, um den Wissensstand zu testen
sind objektorientiert
Der herkömmliche, rein instruktionelle Unterricht sei geprägt durch die Dominanz des
Lehrers und eine rezeptive Passivität der Schüler. Oft werde Wissen in einer Form
erworben, die eine spätere Anwendung ausschließt. Die Schüler können ihr Wissen in
konkreten Situationen nicht anwenden, weil sie den Sinn des erworbenen Wissens und
seinen Wirklichkeitsbezug nicht erkennen. Sie können ihr abstraktes Wissen nicht
übertragen.
Konstruktivistische Didaktik ist
•
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•
subjektorientiert
lässt die Wirklichkeit durch das Subjekt konstruieren
gibt dem Einzelnen mehr Verantwortung
führt zu Problemen für die Wissensprüfung
Ein neues Curriculum ist die
notwendige Konsequenz
Aus der Idee des Konstruktivismus ergeben sich nach Watzlawick (1982, S. 31)
zwei Konsequenzen:
„Erstens die Toleranz für die Wirklichkeiten anderer - denn dann haben
die Wirklichkeiten anderer genauso viel Berechtigung wie meine eigene.
Zweitens ein Gefühl der absoluten Verantwortlichkeit - denn wenn ich glaube,
dass ich meine eigene Wirklichkeit herstelle, bin ich für diese Wirklichkeit
verantwortlich, kann ich sie nicht jemandem anderen in die Schuhe schieben.“
Lehrerausbildung
Wer konstruktivistisch lehren soll, muss dies
konstruktivistisch lernen.
Primäres Ziel einer konstruktivistischen Lehrerbildung ist es, dass die angehenden
Lehrenden selbst ein konstruktivistisches Verständnis des Wissenserwerbs aufbauen.
Die Problematik besteht darin, dass die meisten von ihnen auf ihrem bisherigen
Bildungsweg nach den „herkömmlichen Didaktiken“ unterrichtet worden sind und sich
dabei entsprechende Vorstellungen über den Lehr-Lern-Prozess konstruiert haben.
Vertreter des Konstruktivismus erhoffen sich gerade durch die Lehrerausbildung die
Chance, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
7
Die angehenden Lehrer sollten die Fähigkeit erwerben, aufgrund der Schüleräußerungen und des weiteren Verhaltens der Schüler ein möglichst viables Modell des
Schülerwissens als Basis der Unterrichtsgestaltung konstruieren zu können. Sie sollten
ein Interesse für die individuellen Konstruktionsverläufe und eine gewisse Toleranz
gegenüber den idiosynkratischen Konstruktionen entwickeln (vgl. Diesbergen, 2000).
Dazu gehört die Kompetenz, mit Hilfe eines Gesprächs eine Analysefähigkeit
hinsichtlich der Denkprozesse der Schüler zu entwickeln.
Wie könnte eine Methode zur konstruktivistischen
Lehrerausbildung aussehen?
Diese gliedert sich in 3 Teile:
1. Ein konstruktivistisches Lern-Lehrverständnis wird durch Reflexion
aufgrund von Selbst- und Fremdbeobachtung aufgebaut.
2. Die Implementierung dieser Sichtweise in die Unterrichtspraxis wird
ständig geübt.
3. Die Begleitung und Unterstützung zum Praxiseinstieg findet durch die
konstruktivistische Perspektive statt.
Hier gibt der Lehrer weder seine Autorität prinzipiell auf, noch vernachlässigt er seine
Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Das bedeutet aber auch, dass im Unterricht
kein "anything-goes" gilt (vgl. Diesbergen 2000, S. 117).
Auswirkung für den Lehrer
In erster Linie muss der Lehrer
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•
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die Bedeutung der Eigenaktivität der Lernenden anerkennen
Vertrauen in die Kognitionen der Schüler und ihre Lernfähigkeit haben
anerkennen, dass Begreifen nicht vom Lehrer „gemacht“ werden kann
sich bewusst machen, dass er nicht in das Bewusstsein der Schüler hineinschauen kann
darum versuchen, sich indirekt eine Vorstellung vom Konstruktionsvorgang des
Schülerwissens zu bilden.
Folgerung
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Interaktion ist ein wichtiger Gesichtspunkt.
Schüleräußerungen werden beachtet und über wahr-falsch hinaus als Hinweis auf das
Denken der Schüler ernst genommen.
Lernsequenzen erfolgen flexibel und dem Vorwissen der Schüler angepasst.
Durch geeignete Fragestellung wird die Verknüpfung von Alltagsleben und Schulwissen
gefördert.
Die Aufgabenstellungen sollen Problemlösen, Selbstbeobachtung und Selbststeuerung
anregen.
Es werden eher Prinzipien und ihre Anwendung diskutiert, als bloß einzelne Fakten
mitgeteilt.
Die intellektuelle Kontrolle wird mit den Schülern gemeinsam wahrgenommen.
Die Bewertung von Schüleräußerungen wird zurückgestellt.
Es werden neue Prüfverfahren angewandt.
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Vorteile
Aus pädagogischer Sicht lassen sich für die Schüler verschiedene begünstigende
Faktoren zur Akzeptanz des Konstruktivismus aufzählen:
•
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•
Schülerorientierung
Individualisierung
Sicht der Schüler als eigenständig aktiv Lernende
Bedeutung der sozialen Interaktion
Wissenschaftliches Entdecken im schulischen Lernen
Auch in der beruflichen Praxis bietet der Konstruktivismus den Pädagogen attraktive
Möglichkeiten zur Entlastung an:
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•
•
•
Schüler als geschlossene Systeme sind für ihren Wirklichkeitsaufbau selbst
verantwortlich
Erkennen der begrenzten Einflussmöglichkeiten
Gesellschaftliche Ansprüche an das Erziehungswesen werden relativiert
Verminderter Erwartungsdruck an Lehrer als Problemlöser für die
verschiedensten gesellschaftlichen Schwierigkeiten
Der Konstruktivismus hat eine intensivierte Forschung des Schüler-Vorwissens
angeregt. Seine Fokussierung auf den aktiven, eigentätig lernenden Schüler hat dazu
beigetragen, diesen Aspekt in Lerntheorien und der Unterrichtsgestaltung stärker zu
berücksichtigen. Ein großes Verdienst ist das Aufrechterhalten des diesbezüglichen
Problembewusstseins
Kritik
•
Wie können wir uns eine Welt konstruieren, die schon da ist?
•
Sowohl Schüler als auch Lehrer sind nach der Erkenntnistheorie informationell
geschlossene Systeme. Damit lassen sich Erziehung und Unterricht viel
schwieriger konzipieren.
•
Die Konzepte der konstruktivistischen Pädagogik finden sich schon mindestens
seit der Reformpädagogik im Zusammenhang mit Schulkritik und Schulreform
wieder.
•
Manche Kritiker gehen sogar so weit und bezeichnen den Konstruktivismus als
Modeerscheinung, wobei man solche „Modeerscheinungen“ in der
Wissenschaft durchaus positiv sehen kann. Sie erschließen neue Perspektiven
und lassen bislang vernachlässigte Faktoren in den Vordergrund treten und
besser erkennen.
„Und die letzte Mode in der Erkenntnistheorie heißt `Radikaler
Konstruktivismus'.“ (Luhmann)
9
Fazit
Die Fragen
„Wer soll uns lehren, obwohl er uns nicht kontrollieren
kann?“
und
„Wie soll er uns lehren?“
sind theoretisch noch nicht 100%ig beantwortet.
Um unser konstruiertes Gerüst mit Axiomen, Regeln vereinbaren zu können, müsste
ein neues Curriculum ausgearbeitet werden, das didaktische Lösungen enthält.
Dennoch ist die Erkenntnisfrage hinsichtlich einer angemessenen Konzeption
vom Lernen und Lehren bedeutsam, ebenso wie für die Frage der
Selbstbestimmungsmöglichkeit des Menschen.
Sie ist eine wichtige Referenzgröße für uns Lehrer!
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