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1 Maturrede Unterstrass: Was von der Matur übrig - Unterstrass.edu

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Maturrede Unterstrass: Was von der Matur übrig blieb
Liebe Maturandinnen und Maturanden, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Eltern
und liebe Gäste
Zuerst möchte ich Ihnen, liebe Maturandinnen und Maturanden, zur bestandenen
Prüfung gratulieren und Ihnen alles Gute für die Zukunft wünschen. Seien Sie ruhig
stolz auf sich und feiern Sie tüchtig. Ich erinnere mich gut an das Gefühl: Die Welt
steht einem offen. Von der Mittelschulzeit, die nun hinter Ihnen liegt, die manchmal
anstrengend und manchmal lustig war, in der sicher auch langweilige Stunden und
ein bisschen nervige Lehrerinnen und Lehrer vorkamen, können Sie nun mitnehmen,
was Ihnen wichtig ist. Und vor allem haben Sie endlich das Privileg, zurücklassen,
was mühsam war.
Ich möchte hier dem nachgehen, was ich mitgenommen habe aus meiner Zeit hier in
Unterstrass. Was das genau ist, wusste ich nach der Matur noch nicht. Manches
wird einem halt auch mitgegeben.
Aber warum rede ich hier überhaupt? Das hat einen einfachen Grund. Rolf Schudel
hat mich angefragt. Er war mein Mathematiklehrer vor langer Zeit: Meine Matur wird
bald volljährig, ich gehörte zur 125. Promotion. Warum Rolf Schudel ausgerechnet
mich eingeladen hat, weiss ich ehrlich gesagt nicht so genau. Vielleicht deshalb, um
Ihnen Mut zu machen. Mut machen mit mir als lebendigem Beispiel dafür, dass man
es auch mit einer gefühlten zweieinhalb in der Mathematikmatur zu etwas bringen
kann im Leben. Zurücklassen können Sie also auch die Noten, die zum Vergessen
sind. Sie sind Momentaufnahmen, und nach der Matur geht noch so mancher Knopf
auf. Oder er bleibt zu, wie bei mir der Mathematikknopf. Also habe ich eine Frau, die
eine Matur mit mathematischem Profil hat, geheiratet. Es kommt die Zeit, in der man
Wissen guten Gewissens outsorcen darf.
Ich besuchte das damalige Seminar Unterstrass also von 1993 bis 1998. Und als ich
hier über Bauschranken gestiegen bin, ist es mir wieder in den Sinn gekommen.
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Auch wir waren eine Umbaupromotion: Die nicht mehr ganz so neue Eingangshalle
entstand damals und wir mussten für ein gutes Jahr ins Exil an die Hardbrücke. In
der Nähe, wo heute das Theater Schiffbau steht, gingen wir damals in den leeren
Büros von Sulzer Escher Wyss in die Schule. Das Quartier war noch nicht so trendy
wie heute, der Bahnhof Letten war noch keine Badeanstalt. Und mit Ausnahme des
Cinemax und der Sulzer Mensa mit dem Dauerbrenner Fleischkäse mit Spiegelei
gab es dort wenig Unterhaltungsprogramm damals. Von den Wollschweinen im
Quartiertreff abgesehen. Wir waren also quasi Trendsetter. Oder auch nicht:
Geboomt das Quartier erst, als wir wieder weg waren.
Nach der Matur habe ich in Zürich und Berlin Germanistik, Geschichte und
vergleichende Literaturwissenschaften studiert. Das dauerte ziemlich lange, nämlich
bis 2006. Erstens weil zu studieren ein wunderbares Privileg ist, und man dieses
Privileg des Lernens und Forschens auch ein wenig geniessen sollte. Merken Sie
sich das. Trotz Bologna! Zweitens weil ich von Anfang an neben dem Studium
gearbeitet habe. Für die Lokalzeitung Der Landbote in Winterthur schrieb ich als
freier Journalist über die Jubiläen der Modelleisenbahnvereine, Schülermusical und
Kleintheaterabende, in denen die Leute auf der Bühne zahlreicher waren als jene im
Publikum.
Mit
der
Zeit
dann
auch
über
Konzerte
an
den
Winterthurer
Musikfestwochen und Aufführungen im Stadttheater. Ich hatte meinen Traumberuf
gefunden. Nach der Rückkehr von meinem Studienjahr aus Berlin erhielt ich eine
Teilzeitstelle und konnte von nun selbst freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an
Turnerkränzchen und Laientheaterverwechslungskomödien schicken und ihre Artikel
kürzen und redigieren. Nach dem Studium blieb ich beim Landboten. In den zehn
Jahren in Winterthur schrieb ich für das Kulturressort und die Stadtredaktion, war
Reporter und Blattmacher. Zuletzt leitete ich den Bund Winterthur und Kultur.
Vor etwas mehr als einem Jahr wechselte ich zur Zeitung reformiert. und übernahm
dort die Redaktionsleitung. Reformiert. ist die Mitgliederzeitung der reformierten
Landeskirche.
Und was hat mir meine Schulzeit auf meinem Weg genützt? Die Vektorgeometrie –
Sie ahnen es – war es nicht. Oder vielleicht doch: Sie lehrte mich, mit Misserfolgen
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umzugehen und vollkommenes Unverständnis auszuhalten. Und ich habe gelernt,
ab und zu zumindest so tun, als ob ich etwas von der Sache verstehen würde. Das
ist eine Eigenschaft, die man als Journalist nur zu gut gebrauchen kann.
Was ich während meiner Mittelschulzeit aber mit Sicherheit entwickelt habe, ist ein
Gespür dafür, was mich interessiert, was mich begeistert. Das klingt nach wenig, ist
aber viel. Unser Deutschunterricht mag zuweilen etwas chaotisch gewesen sein
damals, doch wir schrieben jedes Jahr eine Semesterarbeit und mussten bis zur
Matur 24 Gedichte auswendig lernen. Was für andere eine Qual war, faszinierte
mich. Deshalb war es für mich gar keine Frage mehr, was ich studieren wollte. Zu
wissen, was man will und was man kann, halte ich für einen grossartigen Lernerfolg.
Überhaupt war es nicht unbedingt der konkrete Lernstoff, der mich weitergebracht
hat. Es war eher das Erproben von Lernstrategien, das Entwickeln von
Lösungsansätzen und nicht zuletzt das Einkalkulieren eigener Schwächen und das
Ausgleichen dieser Schwächen durch Stärken. Vor allem aber waren es
Erfahrungen, die ich mitgenommen habe. Viele natürlich auf persönlicher Ebene:
Diese etwas unnatürliche Zufallsgemeinschaft im Klassenverband ist etwas, das die
Schulzeit prägt, und nach der Matur aber auch definitiv vorbei ist.
Eine Erfahrung möchte ich herausgreifen: Sie beschreibt sozusagen meine ersten
Gehversuche im Journalismus. Ich hatte die Verantwortung für unsere Maturzeitung.
Wir wollten frech, lustig und angriffig sein, aber weil wir Untersträssler waren,
wollten wir auch nicht zu frech und zu angriffig sein. Wir wollten also durchaus ein
paar Tritte ans Schienbein austeilen, aber nicht zu grosse blaue Flecken
hinterlassen.
Ob es uns gelungen ist, müssen andere beurteilen. Ich habe jedenfalls gelernt, dass
man im Leben keine Noten mehr bekommt, sondern Reaktionen. Und dass verletzen
kann, was als Witz gemeint war, dass jemand beleidigt sein kann, den man zum
Nachdenken anregen wollte. Ich musste also gerade stehen, für das, was wir
geschrieben haben. Mich eben gerade nicht voreilig entschuldigen, aber Kritik auch
nicht einfach ignorieren. Das war eine gute erste Lehre für den Journalismus, wie ich
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ihn hauptsächlich betrieben habe, ein Journalismus, der sich mit der Welt
beschäftigt, in der ich zu Hause bin: das war die Stadt und die Region, das ist auch
die Kirche. Und in dieser Art des Journalismus kennt man die Menschen, denen man
auf die Füsse tritt. Den amerikanischen Präsidenten von Zürich aus zum Rücktritt
auffordern, ist einfach. Die Chance ist relativ klein, dass er am nächsten Morgen in
der Redaktion anruft und sich beschwert. Den kritisierten Stadtrat aber trifft man
garantiert bei der nächsten Schulhauseröffnung oder auch einfach auf der Strasse.
Und dann will ich nicht die Strassenseite wechseln müssen. Kritik muss also ihre
Schärfe und Treffsicherheit behalten, aber argumentativ durchdacht sein. Und – so
ist es zumindest bei mir – ich muss sie mit meinem Gewissen vereinbaren können.
Nicht persönliche Verletzungen dürfen das Ziel sein, sondern Argumente in einer
durchaus scharfen Debatte.
Es sind Umgangsformen, die ich durchaus mit meiner Unterstrass Zeit verbinde.
Obwohl – und da bin ich bestimmt nicht der einzige – bei mir mit der Matur zuerst
einmal ein Ablöseprozess einsetzte. Ja. Ich hatte die Schule satt. Ich war froh, aus
dem Klassenverband heraus zu kommen. Die Freundschaften, die einem wirklich
wichtig sind, halten ja auch ohne dass man sich täglich sieht. Die einen
Freundschaften vertiefen sich, die andern verlieren sich.
Die Verbundenheit zur Schule wuchs trotzdem. Vielleicht sogar gegen meinen
Willen. Ich erkannte mit etwas Abstand, dass ich von der Überschaubarkeit der
Schule
in
meiner
Überschaubarkeit
Entwicklung
am
Ende
der
profitiert
habe.
Schulzeit
Obwohl
nicht
mehr
ich
das
hören
Wort
konnte.
Überschaubarkeit kann auch Enge bedeuten. Die Anonymität der Universität war
wohltuend für mich. Und die erste Einladung zum Ehemaligentag kam viel zu früh.
Und mit Verlaub: Mit diesen organisierten Treffen kann ich ehrlich gesagt auch heute
noch nicht allzu viel anfangen.
Aber diese gemeinsamen Anlässe damals, die ganz kurzen, die den Schulalltag
strukturierten, und die grösseren Projekte haben aufgezeigt, dass es noch
Wichtigeres gibt, als Stoff Auswendiglernen. Nämlich Freiräume, die Kreativität und
das Aufeinander acht geben. Klar: Das ist jetzt der typische Unterstrass Groove.
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Zusammen singen und schön lieb sein miteinander. Das klingt hübsch. Doch auch
an dieser Schule herrscht Druck. Auch diese Schule kann brutal sein. Sie
selektioniert. Lehrer können brutal sein mit ihren Fragen und ihren Noten. Und
Schüler können es auf ihre Art auch. Den Weg zur Matur gehen nicht alle bis zum
guten Ende mit. Und manchmal fragte ich mich, ob jene, die auf der Strecke
geblieben sind, nicht eigentlich reifer waren als ich, der die Matur, die Reifeprüfung,
geschafft hat. Reif auf ihre Art, auf eine unkonventionelle, manchmal kreativere Art.
Ich fragte mich, ob ich nicht einfach mehr Glück hatte und in meinem Umfeld auf
Unterstützung statt Hindernisse stiess.
Trotzdem habe ich hier in Unterstrass immer etwas davon gespürt, was vielleicht mit
der evangelischen Ausrichtung gemeint ist, die das Gymnasium noch immer hat.
Evangelisch in dem Sinn, dass wir das Gefühl vermittelt bekommen, dass wir etwas
können, selbst wenn wir Fehler machen. Dass wir nicht menschlich versagen, wenn
wir in der Schule oder im Beruf versagen. Dass nicht Wettbewerb und Uniformität
die höchsten Ziele sind, sondern Vielfalt und Eigenständigkeit im Denken.
Evangelisch in dem Sinn, dass wir eine faire Chance erhalten, unsere Gaben, unsere
Talente zu entfalten. Evangelisch auch in dem Sinn, dass wir zwar Leistung
einfordern dürfen, ja vielleicht sogar müssen, und dass wir stolz sein dürfen auf
unsere Leistungen. Aber dass wir eben auch um unsere eigene Begrenztheit wissen
und ein Bewusstsein dafür haben, dass wir ganz vieles nicht uns selbst zu
verdanken haben.
Ich weiss, jetzt beginne ich fast zu predigen. Und ich bin ja auch gleich fertig. Aber
spätestens wenn man Kinder hat, weiss man, wie sehr man sich dies wünscht: Dass
sie Wertschätzung erfahren in der Schule und befähigt werden, ihr Talent zu
entfalten. Dass sie Freude an der eigenen Persönlichkeit entwickeln. Diese
Grundhaltung ist das Wichtigste, was ich aus Unterstrass mitgenommen habe.
Vielleicht ist es mir sogar mitgegeben, untergejubelt worden.
Ich hoffe sehr, dass Sie diesen Anspruch gespürt und etwas von dieser
Wertschätzung fern der Noten erfahren haben in ihrer Schulzeit. Und dass Sie
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beides weitertragen, egal wohin Sie Ihr Studium oder Ihr Berufsweg führt. Unsere
Gesellschaft hat diese Werte nötiger denn je.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine schöne Maturfeier. Eine gute Ablösung und
gesunde Distanz, wenn Sie sie nötig haben. Sie dürfen Stolz sein auf sich und das,
was Sie erreicht haben. Und Sie dürfen Stolz sein auf Ihre Schule. Wenn nicht jetzt,
dann spätestens in 15 Jahren.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Felix Reich, 9. Juli 2013
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