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Grüne Oasen inmitten Hamburgs: Was als kleiner Garten beginnt

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SONNABEND / SONNTAG, 23. / 24. JULI 2011
29
2011
Unterwegs: Ausflug nach Bremerhaven › Stadtgespräch: Ruth Maria Kubitschek › Titel-Thema: Grünes Glück in Hamburgs Schrebergärten
Lokal-Termin: „Le Plat du Jour“ in der Neustadt › Gestern & Heute: 1946 gegründet – die Alster Studios › Markenmacher: Stevens Bikes
Das Tor
zur Welt
Grüne Oasen inmitten Hamburgs:
Was als kleiner Garten beginnt,
wird bald zum Lebensinhalt.
IRENE JUNG über das schöne
Kontrastprogramm zur lauten
und überhitzten Großstadt
A
us der Hecke ragten lauter Zweige heraus.
An Blumen gab es nur ein paar wilde Eisenhüte und eine Rose, die mit ihren Dornen
unglücklich in die Luft stach. Der „Rasen“
sah aus, als wären ihm Zwerge verschiedener
Größe mit Macheten zu Leibe gerückt.
Trotzdem gefiel mir der Schrebergarten.
Niendorf, gut zu erreichen. Das Holzhaus
mit der Veranda sah gemütlich aus, umrankt
von Russischem Wein. „Sollten wir nehmen“, flüsterte ich meinen beiden Freunden und Kollegen zu. Der Kontakt zu der bisherigen Schrebergartenbesitzerin war zufällig entstanden. Sie suchte Nachfolger und hatte den Garten noch nicht vereinsmäßig „ausgeschrieben“. Mein Freund
Konny hatte schon errechnet, dass uns der Garten rund 30 Euro im Monat kosten würde. Pacht, Versicherungen, Wassergeld, ChemietoilettenEntsorgung. Geteilt durch drei. Plus Ablöse für das Holzhaus.
Noch sah es nach Steppenrandgebiet aus. „Hier müsste noch einiges
gemacht werden“, sagte mein Freund Bernd mit Pferdehändlerblick zu
der Gartenbesitzerin. Sie wies im Gegenzug auf die selbstgebauten Regale in der Hütte hin: „Die hat nicht jede Laube.“ Das stimmte, die Regale
waren eher Schrägen. Strom? „Können Sie legen lassen“, sagte sie. Kein
Strom, das erklärte den Zustand der Stoppelwiese. „Mir reicht ja auch
ein Handrasenmäher“, raunte mir Konny zu. „Ohne Strom hört man wenigstens nicht dauernd so ’n Schlager-Radio von nebenan.“ Im Nachbargarten stand eine Familie und grillte. Die Teenager sahen eigentlich eher
nach Lady Gaga aus. Oder irgendeiner Hip-Hop-Combo. Aber der einzige, der aus Leibeskräften sang, war ein Buchfink auf einem Apfelbaum.
Im Grunde muss man einen Garten nur seine betörende Wirkung auf
Stadtmenschen entfalten lassen. Vor allem am Abend. Dann wird das
Licht weicher. Die Luft wird kühler, plötzlich riecht man den blühenden
Holunder, hört die Vögel und die Igel. Dafür ist ein Garten da: ein Kontrastprogramm zu Stadthitze, Stadtlärm, Stadtgeruch. Zauberhaft.
Wir hatten uns überlegt: Statt an den Wochenenden im Stau an die
Ostsee zu zuckeln, könnten wir uns auch eine Viertelstunde vom Wohnort entfernt erholen. Konny wollte mit seinem Patenkind im Grünen
spielen und vielleicht ein aufblasbares Planschbecken besorgen. Bernd
fand, wir könnten nach dem Büro viel besser auf einer eigenen Veranda
abhängen als im überfüllten Biergarten.
Ich selber bevölkerte den Garten im Geist schon mit einem Staudenbeet – Lavendel, Rosen und irgendwas mit weißen Rispen –, außerdem
einem Hochbeet für Zucchini, Erdbeeren und Kürbisse. Und einer kontemplativen Ecke: einem kleinen Bambushain mit einem weißen
Steinelefanten. Meine Tochter hatte mir eingeschärft, auch an die Hängematte zu denken. Elf Schritte von der Veranda zum Apfelbaum, das
war die ideale Spannbreite. Nur die Haken, die müsste man noch …
Mit meiner Arbeitsbienenhaltung lag ich völlig auf der Linie der
Kleingartenvereins-Idee. Ich hatte mich informiert. 1914 schlossen sich
Jedem sein Eden: Genau 32 999
Kleingartenpächter haben in Hamburg
einen Weg aus der Stadt gefunden
FOTO: PLAINPICTURE/FOLIO IMAGES
die ersten sieben Hamburger Kolonien zum Verband Hamburger Schrebervereine zusammen. Der so genannte Kohlrübenwinter 1916/17 brachte die Kleingartenbewegung richtig auf Touren: 1922 war sie schon auf
116 Untervereine angeschwollen. Überall in der Stadt wurden Pachtflächen bestellt. Von Erholung war nicht die Rede: Die Gärten boten Arbeiterfamilien eine Möglichkeit, sich übers Jahr mit günstigem Gemüse,
mit Kartoffeln und Obst zu versorgen. Der Arzt Daniel Gottlob Moritz
Schreber (1808 – 1861) als Namensgeber hatte die Kleingärten vor allem
als Spielplätze konzipiert, um Kinder von den Straßen fernzuhalten.
Nach 1945 fanden viele Ausgebombte und Flüchtlinge ein Refugium
in den Lauben. Auf der Webseite des „Landesbundes der Gartenfreunde
in Hamburg e. V.“ ist diese Entwicklung sehr schön dokumentiert. Da
wird das Bundeskleingartengesetz (BkleinG) zitiert, das in Paragraf 1
ganz genau definiert, was ein Kleingarten überhaupt ist: nämlich ein
Garten, „der zur nichterwerbsmäßigen gärtnerischen Nutzung, insbesondere zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf und zur Erholung dient“. Er gehört zu einem Verbund von Kleingärten, deren Pächter gemeinschaftlich für die Gesamtanlage sorgen.
Ein Schrebergarten ist „nicht vergleichbar mit einem Wochenendhaus“, betont der Gartenfreunde-Bund. Dafür, dass der bezuschusste
Pachtpreis so niedrig ist, soll etwas Gemeinnütziges geschehen, nämlich
ein „geselliges Beisammensein“ im Verein. In Hamburg gibt es heute
32 999 Parzellenpächter. Und wir wollten bald dazugehören. Mit der Gewinnung von Erzeugnissen wie Radieschen waren wir völlig einverstanden. Wir würden auch die Mitgliederversammlungen besuchen, klar.
Der Widerspruch zwischen grüner Freiheit und Spießigkeit haftet
dem Kleingarten noch an. Etwas spöttisch bringt Alex Sonnentag das in
seinem Haiku-Dreizeiler „Schrebergarten“ (2008) auf den Punkt:
„Rurale Sehnsucht / Die potemkinsche Scholle / Motorenbeschallt“
Rurale Sehnsucht, das traf auf mich zu. Aber die Gemeinschaftsregeln
müssen wir heutigen Individualisten oft erst lernen. Wladimir Kaminer – Schriftsteller, Begründer der „Russendisko“ und stolzer Besitzer
eines Kleingartens in Berlin – beschreibt das in seinem wunderbar ironischen Buch „Mein Leben im Schrebergarten“ so: „Nach der Lektüre
des Bundeskleingartengesetzes, der Baumschutzverordnung, des Kreislaufwirtschaftsgesetzes sowie des Abfall- und Biotoilettengesetzes wurde mir klar, dass wir innerhalb von nur zwei Monaten gegen so ziemlich
alle Paragrafen der in Deutschland bestehenden Gartenordnungen verstoßen hatten.“ Wir hatten nicht vor, Marihuana zu pflanzen oder die
Biotoilette in Nachbars Garten zu entsorgen. Und wir verabredeten: Auf
unsere potemkinsche Scholle käme uns kein Notebook. Allenfalls Konnys iPhone, zur potemkinschen Erreichbarkeit von Journalisten.
Es war schon halb acht. Auf dem Holzhaus trällerte eine Amsel. Es
roch nach Abend, Gras und Grillwurst. Wenn ich das ein paar Mal pro
Woche habe, dann werde ich über achtzig Jahre alt, dachte ich. Die Gartenbesitzerin sah uns erwartungsvoll an.
In diesem Moment hörten wir das Motorengeräusch. Erst ganz leise,
dann schwoll es an. Die Gartenbesitzerin wurde plötzlich ganz rot. Konny sagte etwas, das im Lärm unterging. Das Düsenflugzeug landete in
unmittelbarer Nähe, die Triebwerke wurden zum Bremsen auf Umkehrschub gestellt. Die Landebahn war keinen Kilometer entfernt.
S. 4 / 5 – Hinter der Hecke:
zu Besuch in fünf Hamburger
Kleingartenvereinen
II
› WOCHENENDE
Sonnabend / Sonntag, 23. / 24. Juli 2011
Ab nach Bremerhaven
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FOTO: PICTURE-ALLIANCE
FOTO: PRO STUTTGART VERKEHRSVEREIN
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KARTE: GRAFIKANSTALT
Jetzt schwäbelt Hamburg:
Das „26. Stuttgarter Weindorf“
zu Gast auf dem Rathausmarkt
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ert-Straße
Der 33-jährige „Sister Act“-Star
startet mit dem „Spätstück“, ruht
an der Elbe und diniert indisch
Friedrich-Eb
5
Weser
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12 Uhr Im Idealfall schlafe
ich einfach mal bis Mittag aus.
Der Tag beginnt für mich mit
einer ausgedehnten Dusche.
Ohne Zeitdruck mache ich
mich fertig, denn ich bin zu
einem gemütlichen „Spätstück“ verabredet.
12.45 Uhr Auf dem Weg
zur Verabredung genieße ich
die gelöste Stimmung der
Spaziergänger. Am Wochenende ist die Atmosphäre in der
Stadt eine ganz andere. Fast
nichts ist schöner, als bei Sonnenschein durch das malerische Hamburg zu flanieren.
13.15 Uhr Ich lasse mir
allerlei Köstlichkeiten beim
gemütlichen Sonntagsbrunch,
wahlweise im „Café May“ auf
St. Pauli oder im „Alex“ (im
Alsterpavillon), schmecken
und tausche Neuigkeiten mit
einer guten Freundin aus.
14.30 Uhr Das Wetter ist
gnädig: Wir machen uns mit
einer Liegedecke auf zum Elbstrand. Im Gepäck dürfen
Leckereien wie Erdbeeren
und vor allem die mir so kostbare Zeit nicht fehlen.
18 Uhr Die Brise an der Elbe
ist frischer geworden – Zeit
aufzubrechen. Gemütlichkeit
weicht dem Tatendrang. Ab in
die Sauna und ins Dampfbad!
21 Uhr Die Hitze und das
Schwitzen machen dann doch
hungrig. Tiefenentspannt
machen wir uns auf den Weg
zu unserem Lieblingsinder
„Shalimar“ in der ABC-Straße.
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B re m
7
Mel Howard und Collien Konzert präsentieren:
Rasta Thomas'
Rock
the
Ballet
Starring Bad Boys of Dance
10. bis 28. Januar 2012
Auf Kampnagel
Karten € 24,46 bis € 48,91
Karten gibt es in allen
Hamburger Abendblatt-Ticketshops
(zzgl. Bearbeitungsgebühr)
Hamburger AbendblattTicket-Hotline
040/30 30 98 98
(zzgl. Versandkosten)
Mo.–Fr. 8–19 Uhr, Sa. 8–13 Uhr
250 m
8 AUSFLUGSZIELE
Viel Geschichte am Wasser erleben
STADTLEBEN
TEXT: KIRSTEN RICK
Korken ploppen
Bremens „kleine Schwester“ Bremerhaven hat sich mit seiner touristischen
Mitte gerade ziemlich schick herausgeputzt: die „Havenwelten“ mit dem
Klimahaus, dazu das Schiffahrtsmuseum und das Auswandererhaus …
Weg, nur weg: Bremerhaven war mal der wichtigste Auswandererhafen des Kontinents.
Dort, wo die Weser in die Nordsee mündet, begann für mehr als sieben Millionen
Menschen der Weg in ein neues Leben. Auch nicht alle der 115 000 Einwohner zählenden Stadt wollten immer bleiben, Bremerhaven galt noch vor Kurzem als schrumpfende Stadt ohne Perspektive. Das war mal ganz anders: Der Bremer Hafen Vegesack
versandete, der Bremer Senat kaufte dem Königreich Hannover 1827 ein geeignetes
Gelände an der Wesermündung ab und legte dort einen Seehafen an. Der Norddeutsche
Lloyd richtete einen Linienbetrieb zwischen Bremerhaven und New York ein. Schon
1883 konnte man von Bremen nach Bremerhaven (65 km) telefonieren – über die
damals längste Telefonleitung Deutschlands. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt,
die zwischendurch Wesermünde hieß, stark zerstört, berappelte sich aber wieder.
Bremerhaven ist noch heute wichtigster Fischereihafen Deutschlands, was ihr den
Spitznamen „Fischtown“ einbrachte. Und Bremerhaven hat wirtschaftlich derzeit
Rückenwind: Ist sie doch Zentrum der Offshore-Windenergie – und ein maritimes
Schatzkästchen, voll mit Erinnerungsstücken und spannenden Highlights.
Ein feuchtfröhliches Fest ist auch bei der 26. Auflage des „Stuttgarter Weindorfs“
garantiert. Die Mischung aus zünftiger Musik, dampfenden Maultaschen und rund
300 verschiedenen Weinen lockt Hamburger bis 6. August auf den Rathausmarkt
L
TEXT: SOPHIE LAUFER
iab’r mehr essa als zwenig drenga! Ond des älle
Däg.“ Heißt übersetzt so viel wie: Lieber mehr
essen als zu wenig trinken. Und zwar täglich.
Das Motto passt wunderbar zum Stuttgarter Weindorf, das bis zum 6. August auf dem Rathausmarkt in
seine Hütten und Zelte einlädt. In den kommenden
Tagen kann man vor dem imposanten Gebäude nämlich herrlich schlemmen – und die besten badischen
und württembergischen Weine probieren.
25 Jahre ist es her, dass Weingärtner und Restaurantbesitzer erstmals süddeutsches Flair in die Hansestadt brachten. Mittlerweile ist die Veranstaltung,
die vom Bürgerverein Pro Stuttgart organisiert wird,
zu einem festen Bestandteil im Hamburger EventKalender geworden. Genauso wie es der Fischmarkt
mit hanseatischen Spezialitäten in Stuttgart ist. „Es
ist toll zu sehen, dass unsere Traditionen, schwäbischen Spezialitäten und Weine hier im hohen Norden
immer bekannter und beliebter werden“, sagt Fritz
Mutter, Vereinsvorsitzender von Pro Stuttgart.
Auf 4200 Quadratmetern erstreckt sich auf dem
Rathausmarkt das Weindorf, knapp die Hälfte überbaut. Zwölf verschiedene Betriebe bewirtschaften die
rund 60 Weinlauben. Das Besondere: Jeder Wirt darf
seine ganz individuell gestalten. Und der Name der
Örtlichkeiten ist Programm: „Laube zum Schluckspecht“, „Linda’s Piano Laube“ oder „Maultaschenbörse“. Und neben den 300 verschiedenen Weinen
lockt auch ein reichhaltiges Speiseangebot mit vielen
regionalen Köstlichkeiten – ob ofenfrische Brezeln,
Spätzle, Maultaschen oder Buabaspitzle.
Dazu sorgen – meist ab dem späten Nachmittag –
in ausgesuchten Lauben Musiker in landestypischer
Kluft mit vielstimmiger und instrumentaler Unterhaltung für ordentlich Stimmung. „Wir wollen die
Gäste einander näherbringen. Deshalb verzichten
wir auf Musik aus dem Lautsprecher. Bei uns singen
und musizieren fröhliche Menschen in schmucken
Trachten“, so Fritz Mutter von Pro Stuttgart.
Und nicht nur essen, trinken und feiern können
die Besucher auf dem Stuttgarter Weinfest. Auch
über die Künste von baden-württembergischen Köchen können Interessierte einiges vor Ort lernen.
Mehrmals täglich wird in der „Weinstube Löwen“
gezeigt, wie Maultaschen perfekt zubereitet werden.
Die Teilnahme ist kostenlos, das Rezept gibt es mit
nach Hause. Und im Rahmen der Kleinen Weinakademie stellt die „Laube Zum Dreimädelhaus“ besondere Keller-Tropfen vor. Hier ist jeder willkommen,
der sein Weinwissen von Öchslegrad bis Weinstein
vertiefen will. Individuelle Weinprobentermine können Interessierte in der Laube vereinbaren.
TIPPS & TERMINE
1 BREMERHAVENER FESTWOCHE Das größte maritime Spektakel der Nordseeküste: Bei der Festwoche laufen große und kleine Windjammer und Hansekoggen
ein, über 1000 Jahre Schiffbauentwicklung werden präsentiert. Im Mittelpunkt
steht 2011 die deutsch-amerikanische Freundschaft, als Attraktion kommt das
Film-Schiff „Bounty“ – ganz ohne Meuterei. Man kann mitsegeln. Rettungsübungen
bestaunen und sich auf dem mittelalterlichen Hafenmarkt vergnügen.
» Bremerhavener Festwoche, 27.7.–31.7., Havenwelten (vom Deutschen
Schiffahrtsmuseum bis zum Neuen Hafen), Programm: www.bremerhaven.de
Service
» Stuttgarter Weindorf auf
dem Rathausmarkt, bis 6. August,
täglich von 11 bis 24 Uhr geöffnet,
durchgehend warme Küche,
Internet: www.stuttgarter-weindorfhamburg.de
DER GRÜNE PUNKT Unter dem Motto „Schnuppern auf dem Rad“ erlebt man auf einer Rundtour (35km)
das Schönste der Kultur- und Naturlandschaft Haseldorfer Marsch. Treffpunkt vor dem S-Bahnhof
Wedel am 24.7. um 11 Uhr. Erwachsene 8, Jugendliche bis 16 Jahre 5 Euro. www.elbmarschenhaus.de
Film
ab!
3 ZOO AM MEER Auge in Auge mit dem Eisbär: Die großen Unterwasserscheiben ermöglichen faszinierende Einblicke. Man sieht
„fliegende“ Pinguine, tauchende Bären und gleitende Robben. Der
„Zoo am Meer“ hat seinen Schwerpunkt auf Tiere des Nordens
und des Wassers gelegt und bietet diesen bizarre Eiswüsten und
farbige Tundren-Landschaften.
» H.H.-Meier-Str. 7, 27568 Bremerhaven, Tel. 0471/308 41 41,
tägl. 9 – 19 Uhr, www.zoo-am-meer-bremerhaven.de
5 DEUTSCHES SCHIFFAHRTSMUSEUM Die Hansekogge von 1380, prunkvolle
Segler, imposante Walfänger: Das Museum hat eine Flotte originaler Schiffe im
Museumshafen und über 500 Modelle. In weiteren Arealen werden die Geschichte
der Polarforschung, der Fischerei und der Rohstoffe aus dem Meer gezeigt.
» Hans-Scharoun-Platz 1, 27568 Bremerhaven, Tel. 0471/48 20 70,
tägl. 10 – 18 Uhr, www.dsm.museum
B-Movies können auch erstklassig sein.
Im Open-Air-Kino am Stintfang wird vor
grandioser Hafenkulisse ein Mord aufgeklärt
D
2 DEUTSCHES AUSWANDERERHAUS Eine Zeitreise mit Rauminszenierungen,
Klanginstallationen und modernster Museumstechnik: Hier kann man den Spuren
der mehr als sieben Millionen Menschen folgen, die über Bremerhaven auswanderten.
Jeder Besucher bekommt eine Auswandererbiografie, die er durchlebt, inklusive
Abschied von der Heimat, Überfahrt und Neuanfang in Übersee.
» Columbusstr. 65, 27568 Bremerhaven, Tel. 0471/90 22 00,
tägl. 10 – 18 Uhr, www.dah-bremerhaven.de
4 KLIMAHAUS BREMERHAVEN 8° OST Schwitzen und frieren: Im Klimahaus reist
man entlang des achten östlichen Längengrads einmal um die Welt und erlebt die
Klimazonen – von der Schweizer Alm bis zum tropischen Regenwald. Im Bereich
„Elemente“ kann man experimentieren: z. B. einen Miniatursturm verursachen.
» Am Längengrad 8, 27568 Bremerhaven, Tel. 0471/902 03 00, Mo–Fr 9–19,
Sa / So 10 – 19 Uhr, www.klimahaus-bremerhaven.de
KULTUR ERLEBEN
23.15 Uhr Mit kugelrundem
Bauch und sehr zufrieden
tauchen wir ab in eine andere
Welt und lassen den Abend in
der Spätvorstellung bei einem
tollen Film ausklingen.
3 Uhr Wunschlos glücklich
und relaxed gehe ich nach dem
schönen Tag ins Bett. Morgen
habe ich – wie jeden Montag
– frei und werde möglichst
genauso wenig tun wie heute.
ße
8
Georgstra
5 Uhr Ich habe frei und die
Sonne geht auf, und zwar
schon lange bevor ich überhaupt daran denke, selbst
wach zu werden. Den Abend
zuvor stand ich, wie so oft, auf
der Bühne und habe als Deloris im Musical „Sister Act“
alles gegeben. Nach der Vorstellung bin ich meist so aufgedreht, dass ich nicht direkt
ins Bett gehen kann. Manchmal gehe ich noch aus, aber
oft bleibe ich zu Hause noch
wach, lese oder backe Kuchen,
was mich besonders nachts
entspannt …
–B
Mein perfekter
Sonntag
TEXT: ELISABETH SCHEPE
as kleinste Open-Air-Kino der Stadt fällt
nicht durch seine Größe auf, sondern durch
eine Kulisse, die verstehen lässt, warum so
viele Hamburger von ihrer Stadt sagen, sie sei die
schönste auf der Welt: Die B-Movie-Leinwand thront
auf der Terrasse einer Jugendherberge, direkt über
den St.-Pauli-Landungsbrücken.
B-Movie? Was war das noch gleich? Wikipedia behauptet: „Heute versteht man unter einem B-Movie
meist allgemein einen zweitklassigen Film mit in der
Regel geringem Filmbudget und zumeist niedrigem
künstlerischen Anspruch.“ „Zweitklassig“ und „niedriger künstlerischer Anspruch“ sind nicht gerade
Attribute, bei denen Cineasten Freudensprünge
machen. Zum Glück hat Wikipedia nicht immer
recht, und zum Glück zeigt das B-Movie auch erstklassige Filme. In welche Klasse „Die Ratten von
Amsterdam“ gehört, kann jeder am Sonnabend selbst
am Stintfang herausfinden. Der Krimi mit dem englischen Originaltitel „Puppet on a Chain“ ist eine Verfilmung eines Alistair-MacLean-Romans und dreht
sich um einen Polizisten, der sich vor der Kulisse
Amsterdams immer mehr in seinen Ermittlungen
verstrickt. Heute als Kifferhauptstadt Europas bezeichnet, ist Amsterdam in dem 70er-Jahre-Actionthriller weniger Anziehungsort für HaschbrownieTouristen als Umschlagplatz eines Rings von Heroin-
schmugglern. Genau diesen soll Paul Sherman (SvenBertil Taube) auffliegen lassen. Doch kaum in der
Stadt angekommen, wird sein Kollege erschossen …
Damit auch wirklich Thrillerstimmung aufkommt,
beginnt die Vorstellung bei Einbruch der Dunkelheit.
Zu dieser Zeit ist das Gewusel auf den Landungsbrücken vorbei, nur die Fähren gleiten friedlich von den
Brücken in Richtung Fischmarkt über das Wasser, in
dem sich die gelben Scheinwerfer des „König der
Löwen“-Baus spiegeln. Daneben werden die Schiffe
in den Docks ohne Pause mit Containern beladen, um
den Hafen anschließend Richtung Nordsee wieder zu
verlassen. Allein dafür lohnt es sich, ein paar Minuten
vor Vorstellungsbeginn zu kommen.
„Die Ratten von Amsterdam“ erlangte vor allem
Bekanntheit durch eine rasante Verfolgungsjagd
durch die Grachten. Auch diese fügt sich in das puristische Schema des Films ein. Auf Musik wird verzichtet, Special Effects à la „The Fast and the Furious“
steckten in den 70ern noch nicht einmal in den Kinderschuhen. Minutenlang hört der Zuschauer nur das
ratternde und aufheulende Motorengeräusch der
zwei Boote, die mal wild über die Wellen preschen,
mal dem anderen hinter einer Ecke auflauern und
einander schließlich mit waghalsigen Manövern umkreisen – Action und Spannung der ganz alten Schule.
Und wem „Die Ratten von …“ doch zu arg B-Movie
ist, der kann trotzdem sitzen bleiben und den Blick
von der Leinwand in Richtung Hafen wandern lassen.
Sonnenuntergang ist hier
das Startsignal für einen
spannenden Filmabend
6 HISTORISCHES MUSEUM Eine komplette historische Werft, ein Fischladen,
eine Hafenkneipe: Mit großen Installationen rekonstruiert das 100 Meter lange
Museum vergangene Lebens- und Arbeitswelten an der Küste.
» An der Geeste, 27570 Bremerhaven, Tel. 0471/30 81 60, Di–So 10–18 Uhr,
www.historisches-museum-bremerhaven.de
7 PHÄNOMENTA Mitmachen! An über 80 Experimentierstationen kann man in der
interaktiven Ausstellung Phänomene aus Natur und Technik erleben und begreifen.
» Hoebelstr. 24, 27572 Bremerhaven, Tel. 0471/41 30 81, tägl. 10–18 Uhr,
www.phaenomenta-bremerhaven.de
8 MODELLSTADT Wer immer von einer großen Carrera-Bahn geträumt hat, wird
überwältigt sein: In der Modellstadt kann man auf 615 Quadratmetern nicht nur
Rennautos, sondern auch Schiffe und Eisenbahnen fahren lassen. Hobby-Trucker
freuen sich über die 75 Quadratmeter große Fläche, auf der sie mit funk-ferngesteuerten Lkws einen Geschicklichkeitsparcours absolvieren können.
» Nansenstr. 6–8, Tel. 0471/483 85 05, Di–So 10–18 Uhr,
www.modellstadt-bremerhaven.de
INFOS: Bremerhaven Touristik, H.-H.-Meier-Straße 6, 27568 Bremerhaven,
Mo – So 8.30 – 17 Uhr, Tel. 0471 / 41 41 41, www.bremerhaven.de
Spektakulär: Klimahaus Bremerhaven 8° Ost
FOTO: JAN RATHKE/BREMERHAVEN 8° OST,
ISTOCKPHOTO
Service
» B-Movie Open Air, „Die Ratten
von Amsterdam“. 23.7., 22 Uhr,
Jugendherberge Stintfang, U/S
Landungsbrücken, Eintritt frei,
www.b-movie.de
III
Sonnabend / Sonntag, 23. / 24. Juli 2011
› STADTGESPRÄCH
Hans-Juergen Fink trifft
Ruth Maria Kubitschek
Rebellin mit
Charakter
In ihrem „Seelen-Garten“ findet sie den Ausgleich zu
den TV-Erfolgen: die Schauspielerin über Ruhm,
Reinkarnation und ihre Lebensreise von Ost nach West
S
FOTO: THOMAS LEIDIG
ie stand auf den Bühnen großer
Theater, spielte die Eboli und
die Rose Bernd. Sie drehte
Filme, machte Fernsehen. Bis
ihr erster großer Erfolg eine
Weiche falsch gestellt hat,
sagt Ruth Maria Kubitschek über ihren
Sieben-Minuten-Auftritt als „Melissa“,
mit dem sie 1966 schlagartig berühmt
wurde. Rollen in „Monaco Franze“,
„Kir Royal“ und den „Guldenburgs“ als
Hamburger Brauereichefin machten sie
zur TV-Ikone. Ihre Mischung aus naivem
Erstaunen und Wirklichkeitssinn, aus
weiblicher Direktheit und mütterlicher
Anteilnahme hat manche Männerfantasie
bewegt. Auf dem Weg zurück zu sich
selbst, auf der Suche nach innerem Frieden
und Ausgleich ist sie seit „Melissa“ – und
mehr noch seit dem Atomunfall von
Tschernobyl, den sie als schweren Einschnitt in das Leben auf diesem Planeten
begreift. Ihr traumhafter, selbst gestalteter
„Seelen-Garten“ in einem Schweizer
Dorf, in dem sie wohnt, hilft ihr dabei. So
wie ihre Bilder. Und natürlich ihre Bücher:
märchenhafte Geschichten aus der Abteilung Selbstverwirklichung ohne Angst.
Zehn Bände hat sie geschrieben, ihr neuer
Roman „Sterne über der Wüste“ ist
gerade erschienen. Dass sie am 2. August
bereits ihren 80. Geburtstag feiern kann,
sieht man ihr nicht an. Beim Treffen im
Hamburger Hotel InterContinental antwortet sie so liebenswürdig wie präzise –
und ist immer noch voller Pläne. Pro Jahr
dreht sie zwei Filme und sorgt auch dafür,
dass ihre Bücher medial ins rechte Licht
gesetzt werden. Ein Gespräch mit Ruth
Maria Kubitschek gleicht einer Reise zu
den Bühnen eines Lebens, das bis heute
voller Überraschungen steckt.
MAGAZIN: Frau Kubitschek, Sie haben in über 120 Filmen
gespielt, von der „Melissa“ bis zu Margot Balbeck aus
den „Guldenburgs“. Beide Rollen enden mit Ihrem Tod
– mussten Sie oft vor der Kamera sterben?
RUTH MARIA KUBITSCHEK: Meistens. Nicht in „Monaco
Franze“, nicht in „Kir Royal“. Aber ich bin sehr viel
gestorben und habe getötet. Der Beruf ist ja auch deshalb so toll, weil man da so vieles abarbeiten kann.
Als ich in Stuttgart mal eine Mörderin spielte, habe
ich so geschrien und geweint, dass ich nachher gedacht habe: Mein Gott, der ganze Dreck – der muss da
jetzt auf der Bühne liegen. Aber damit bin ich das alles auch losgeworden. Das ist, wie wenn man zum
Therapeuten geht – bei jeder Rolle gibt man etwas
weg von sich.
MAGAZIN: Andererseits hat kaum ein deutscher Star so
viele Wiederauferstehungen erlebt wie Sie: Schon 1983
wurde „Monaco Franze“ als Comeback bezeichnet. Sie
waren 52 und spielten unter der Regie von Helmut
Dietl als „Spatzl“ die Ehefrau von Helmut Fischer …
KUBITSCHEK: Da war irgendein Fest in München. Die
beiden haben überlegt, wer denn dieses Spatzl sein
kann. Dann haben sie mich gesehen, ich war gesund
und rund – und sie wollten eine richtige Frau. Ich
habe die Leichtigkeit, die in der Rolle steckt, sehr genossen, und die Zeit mit denen hat mir sehr geholfen.
MAGAZIN: „Kir Royal“ war 1986 ein noch größerer Erfolg.
KUBITSCHEK: Und ich habe danach gedacht: Na ja, so viel
gibt’s mir auch nicht – als Mensch. Es gibt ja noch was
anderes als die Schauspielerei …
MAGAZIN: Sie äußern sich oft kritisch über Ihren Beruf.
Wie sind Sie eigentlich zur Schauspielerei gekommen?
KUBITSCHEK: Schon mit vier Jahren habe ich in unserem
Dorf meinen Eltern erklärt, dass ich Schauspielerin
werden will. Wir hatten eine Kindergärtnerin, die
mit uns Theater gespielt und mir immer die Hauptrollen gegeben hat, weil sie sagte, ich sei so begabt.
Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, warum diese
Frau in einem tschechoslowakischen Dorf Kindergärtnerin war. Sie war so schön, gekleidet wie eine
Dame; sie aß immer Joghurt mit Erdbeeren, hatte zu
Hause einen violetten Teppichboden und grau lackierte Möbel. Ich ging mit 16 auf die Schauspielschule, meine Eltern haben das erlaubt, wir hatten ja
eh alles verloren. Als ich meine Schauspielprüfung in
Halle an der Saale abgelegt hatte, traf ich sie wieder:
Sie war die Freundin von Professor May, dem Vater
der Sängerin Gisela May. Mit 18 bin ich dann auf die
Schauspielschule nach Weimar delegiert worden.
Dort habe ich gelernt, was meinen Beruf ausmacht.
MAGAZIN: Und wurden in der DDR aber dennoch nicht
glücklich.
KUBITSCHEK: Na ja, ich war immer ’ne Charakterschauspielerin, und da gibt es im Alter von 18, 19 Jahren
kaum eine Rolle. Ich war am Gorki Theater in Berlin,
bin in der DDR auf Tournee gegangen. Ich war auch
schon im Fernsehen und im Film, weil mir das mehr
liegt. Die „Rose Bernd“ von Gerhart Hauptmann
habe ich auf der Bühne und im Fernsehen gespielt.
Mein letzter Film war „Senta auf Abwegen“. Meine
Rolle war eine Betonmischerin, im Film habe ich
Straßen gebaut. Ich war unglücklich und habe gedacht: Dafür bist du nicht Schauspielerin geworden.
MAGAZIN: Sie waren damals mit Götz Friedrich verheiratet, dem Opernregisseur.
KUBITSCHEK: Ja. Er hat auch mit mir gearbeitet, als gefürchteter Hintergrundregisseur.
MAGAZIN: Trotzdem sind Sie nach einem Gastspiel 1959
im Westen geblieben.
KUBITSCHEK: ( lacht) Ich bin geblieben, weil’s für meine
Entwicklung besser war. Und der Götz hatte auch ’ne
andere Frau. Ich sollte damals bei Gyula Trebitsch
Probeaufnahmen haben für die „Lysistrata“. Am selben Abend hatte Götz Premiere. Er sagte: „Entweder
du kommst heute abend in meine Oper, oder …“ Ich
ging also in die Oper, und da saß diese Dame hinter
mir, mit der er liiert war. Da bin ich abgehauen …
MAGAZIN: … und haben es geschafft, für die Münchner
Kammerspiele verpflichtet zu werden.
KUBITSCHEK: Fritz Kortner hat mich an die Kammerspiele geholt für „Othello“. Ich wollte die Desdemona, und Kortner sagte zu seiner Frau: „Weißt du, Hanna, die Kubitschek ist so gesund, am Ende bringt sie
mir den Othello um.“ Ich: „Und Gretchen?“ „Na ja“,
sagte er, „zum Gretchen fehlt Ihnen das ,-chen‘“!
Trotzdem hatte ich an den Kammerspielen viele Rollen. Aber dann kam diese doofe „Melissa“ …
MAGAZIN: … der legendäre Durbridge-Dreiteiler, ein
deutscher TV-Thriller mit Einschaltquoten von bis zu
89 Prozent.
KUBITSCHEK: Meine Rolle hatte genau sieben Minuten,
am Anfang des ersten Teils, dann stand nur noch
mein Bild auf einem Schreibtisch. Trotzdem war ich
über Nacht berühmt.
MAGAZIN: Wie haben Sie das gemerkt?
KUBITSCHEK: Ich fuhr am nächsten Tag zu meinen Eltern im Sauerland, bin da eingestiegen in den Zug,
und alle hingen an den Fenstern und kannten mich.
Die Leute haben plötzlich „Melissa“ zu mir gesagt.
Das war furchtbar, denn Melissa war eine Salondame
und ich Charakterschauspielerin. Auf einmal war
mein ganzer Charakter futsch und ich steckte in der
Schublade mit dem Etikett „Salondame“. Dabei war
ich gar keine Dame – ich war ja erst 35.
MAGAZIN: Und dann …
KUBITSCHEK: … musste ich erst mal merken: Das Berühmtwerden, das ist ein Bruch. Damals habe ich angefangen zu malen und Ausstellungen zu machen.
Diese „Melissa“ hatte eine Weiche gestellt, die ich
nicht wollte. Und ich musste die Weiche wieder zurückstellen zu mir selbst. Danach gab’s Film, Fernsehen, Theater, auch mal für Fassbinder. Aber künstlerisch war da keine Richtung mehr.
Eine Frau, die ihren Platz gefunden
hat: Ruth Maria Kubitschek, 79, im
Hotel InterContinental in Hamburg
MAGAZIN: Das klingt, als wären Sie immer auf der Suche.
KUBITSCHEK: Deswegen fing ich nach Tschernobyl an zu
schreiben, weil mich das so entsetzt hat, dass wir mit
einer Energie leben, die eigentlich tödlich ist für
Menschen und für die Erde. Da habe ich immer stärker meinen inneren Menschen gesucht.
MAGAZIN: Und was haben Sie da gefunden?
KUBITSCHEK: Einen inneren Reichtum. Dass es mir genügt, auf dem Land zu leben, mit dem Sonnenaufgang und -untergang. Einen Garten zu pflegen und zu
sagen: Danke, Erde, dass ich hier sein darf. Meinen
Respekt, indem ich meine Energie – das ist mein
Geld – in dieses Stück Land gebe. Dass ich zufrieden
bin und glücklich, ohne dass ich da draußen um eine
Rolle kämpfen muss.
MAGAZIN: Was sind das für Geschichten, die Sie schreiben?
KUBITSCHEK: Genau genommen sind das Märchen. Ich
war zwar nur kurz in der Tschechoslowakei, bis zu
meinem 14. Lebensjahr, aber das hat mich geprägt. In
den Dörfern kam man abends in den Häusern zusammen, da wurde gesungen und erzählt. Und die guten
Filme früher waren alle Märchen – das arme Mädchen, der reiche Mann … Nun erfinde ich meine eigenen Geschichten, die gut ausgehen und zu mehr Verständnis führen, wie in meinem neuen Buch „Sterne
über der Wüste“ zwischen uns und dem Islam.
MAGAZIN: Das bringt Ihnen manchmal harte Kritik ein.
KUBITSCHEK: Manche sagen: „Du machst doch nur heile
Welt.“ Na und? An sich ist die Welt doch heil. Alles,
was kaputt ist, machen wir. Und wer das kritisiert,
der hat eine falsche Perspektive.
MAGAZIN: Als Sie in den 70ern unter Friedrich Schütter
am Ernst Deutsch Theater in Hamburg spielten, hagelte es auch so manche Kritik.
KUBITSCHEK: Das war Tennessee Williams’ „Der Mann
in der Schlangenhaut“ mit Jörg Pleva. Ich hatte ganz
schlechte Kritiken. Ich habe zu Schütter gesagt: „Der
Pleva spielt mich ja jeden Abend an die Wand – was
soll ich bloß machen?“ Und da hat Schütter gesagt:
„Geh doch nicht so nah ran an die Wand!“ Später mal
kam der Jörg zu mir: „Ruth, du bemühst dich zu sehr,
lass dich doch mal fallen, spiel doch mal mit mir.“ Das
habe ich gemacht, und wir hatten Standing Ovations.
MAGAZIN: Wollen Sie noch einmal Theater spielen?
KUBITSCHEK: Nein. Ich war immer so aufgeregt und hat-
Das Berühmtwerden, das ist ein Bruch.
Ich musste die Weiche zurückstellen zu mir
selbst. Ich habe dann angefangen zu malen.
te wirklichen Schiss, da rauszugehen. Ich mache gerne Lesungen – da habe ich keine Angst – und Fernsehen. Ich habe gerade ein wirklich gutes Drehbuch,
das heißt „Und weg bist du“. Da spiele ich so ’ne bösartige alte Schachtel, die froh ist, dass der Tod naht,
ihn aber so schikaniert, dass er nie dazu kommt zu
schnipsen, damit sie geht.
MAGAZIN: Ich habe im Archiv einen Satz über Sie gefunden:
„Glaubt unter anderem, im 17. Jahrhundert die Mätresse eines französischen Herzogs gewesen zu sein.“
KUBITSCHEK: Im Grunde glaube ich daran, dass man
geht und wiederkommt. Am Anfang, als ich anfing,
anders zu leben und anders zu denken, da habe ich
leichtsinnigerweise manchmal was gesagt, das würde
ich heute gern ungesagt machen.
MAGAZIN: Wenn man über 50 ist, zieht man schon mal
Bilanz. Was war für Sie das Entscheidende?
KUBITSCHEK: Das, was ich alles gelernt habe. Wichtig
war zum Beispiel die Station an der Schauspielschule
in Weimar. Das waren alles Kommunisten, und die
haben anfangs geglaubt: Der Kommunismus ist die
Idee. Deren langsame Verzweiflung daran, dass die
Spießer die Macht übernommen haben, das Herabsinken dieser Idee, das zu erkennen war für mich
wichtig. Das hat mich geprägt.
MAGAZIN: Ihr Freund und Partner ist seit Jahrzehnten
der „Traumschiff “-Produzent Wolfgang Rademann.
Sitzen Sie gern gemeinsam vor dem Fernseher?
KUBITSCHEK: Ja, wenn der Wolfgang kommt, bringt er
einen Haufen Kassetten an, wir schauen diese Filme,
wir reden drüber. Mit ihm gehe ich sogar ins Kino.
Wir waren gerade in Konstanz in „King’s Speech“.
Der Wolfgang liebt auch meinen großen Garten über
alles. Man muss nicht in derselben Stadt leben oder
immer zusammen sein, man muss nur verbunden
sein. Wir machen uns nicht kaputt mit zu viel Nähe
oder zu viel Ferne – es ist eine gute Balance.
Kurz-Biografie
» Ruth Maria Kubitschek kam am
2. August 1931 im böhmischen Komotau
zur Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg
flohen ihre Eltern mit den Kindern nach
Köthen (ab 1949 DDR). Sie studierte
Schauspiel in Halle und Weimar, heiratete den Opernregisseur Götz Friedrich,
übersiedelte aber 1959 allein mit Sohn
Alexander in den Westen, wo sie an den
Münchner Kammerspielen für Film und
TV spielte. Bundesweit bekannt wurde
Kubitschek 1966 in der Minirolle der
„Melissa“ im gleichnamigen DurbridgeTV-Dreiteiler. Erst 1983 konnte sie an
diesen Erfolg anknüpfen, in Helmut
Dietls Serie „Monaco Franze“. 1986
folgte der Hit „Kir Royal“ und 1987 „Das
Erbe der Guldenburgs“. Ruth Maria
Kubitschek malt und schreibt Romane
(einige wurden mit ihr in der Hauptrolle
verfilmt) und hat sich in ihrem großen
Garten verwirklicht. Ihr Partner und
Freund ist der TV-Produzent Wolfgang
Rademann. Am 29.7. ist sie in der „NDR
Talk Show“ (ca. 22 Uhr) zu Gast.
IV
› THEMA DER WOCHE
Sonnabend / Sonntag, 23. / 24. Juli 2011
V
Garten
glück
In 310 HAMBURGER KLEINGARTENVEREINEN wird auf 32 999
Parzellen gepflanzt, geerntet und auch viel gespielt. Fünf Beispiele,
die zeigen, wie jeder im kleinen Grün sein großes Glück finden kann
Goldgewinner
KGV 774, Gartengemeinschaft
Neugrabener Moor e.V.
REDAKTION: PETRA NICKISCH • FOTOS: THOMAS LEIDIG
Dieter Braukmüller muss auf den moorigen
Boden mit passenden Pflanzen reagieren.
Salat und Kohlrabi wachsen im Hochbeet
Es grünt so grün.
Und direkt hinter der
Gartenlaube fließt
die schöne Alster
Mit Alsterblick
KGV Groß Borstel 436 e.V.
Spielplatz Gemüsebeet
Kleingärten in Zahlen
KGV 350, Gartenverein Rahweg e.V.
Kleingärten
Gesunde Vitamine naschen. Wenn Tom
Rosendahl, 8, am Wochenende erntet,
was Papa gesät hat, haben alle ihren Spaß
Garten für eine Saison
Ein ganz neues Konzept kommt jetzt nach
Hamburg: Bei „Meine Ernte“ legen sich
die Mieter für nur einen Gartensommer
fest. 179 Euro kostet eine kleine Parzelle
pro Saison, 329 Euro der große Garten, in
dem reichlich Gemüse wächst. Wenn Anfang Mai die Wachstumszeit beginnt, hat
das Team von „Meine Ernte“ schon alles
vorbereitet. Über 20 Gemüsesorten pro
Garten sind dann gepflanzt und mit einem
Aufwand von ein bis zwei Stunden pro
Woche übernehmen die Mieter den Rest:
gießen, Unkraut zupfen, weitere Kräuter
oder Blumen pflanzen und natürlich ernten. Bis in den November hinein, per wöchentlichem Newsletter und durch einen
beratenden Landwirt vor Ort unterstützt.
T
om steht im Tor und wartet auf
einen gezielten Schuss seines
Vaters. Heute ist der Achtjährige mit Oma und den Eltern
allein im Schrebergarten. An anderen
Wochenenden bringt er oft Freunde
mit, dann plündern sie das Erbsenbeet
oder verputzen die selbst angepflanzten
Erdbeeren, von denen Mama Tina
sagt, dass sie einfach besser schmecken
als die vom Wochenmarkt. Genauso
wie der Salat. Dass der in ihrem Garten
wächst, darüber waren vor Wochen,
als Ehec für große Frischedefizite
auf allen Tellern sorgte, nicht nur die
Rosendahls froh, sondern auch ihre
Freunde. Dabei ist Gemüseanbau eher
Spielerei für Vater Oliver. „Wir würden
verhungern, müssten wir uns nur davon ernähren“, lacht er. Mit Hilfe vieler
Bücher hat er sich in den letzten sieben
Jahren sein Gartenwissen angelesen
und Spaß am Anpflanzen alter Sorten
gefunden. Schwarzwurzeln gab es letzten Herbst, diesen Sommer sind Mangold, Saubohnen und Rote Beete dran.
Der Quittenbaum vor der Terrasse
hängt voller Früchte.
Die eigenen Kindheitserinnerungen
ans Brombeerennaschen und Fliederbeerensammeln haben Oliver Rosendahl nach der Geburt seines Sohnes
dazu veranlasst, nach einem Schrebergarten Ausschau zu halten. In Niendorf
wurde er fündig. Der Gartenverein
Rahweg feiert 2012 sein 45-jähriges
Bestehen und auf den ersten Blick
scheint alles beim Altbekannten, leicht
Spießigen: 234 Parzellen, verteilt auf
Rosenweg, Asternweg, Tulpenstieg und
die Promenade, von der sieben schmale
Pfade abzweigen. Doch der erste Eindruck täuscht. Die alten Strukturen
brechen langsam auf, der Verein öffnet
sich zum Beispiel für homosexuelle
Paare und für Frauen, die das alleinige
Regiment im Schrebergarten führen.
Selbst der regelmäßige Frühschoppen
im Vereinshaus ist passé. „Du kannst
hier so leben, wie du willst“, findet Oliver Rosendahl. „Du kannst klüngeln
mit deinem Nachbarn oder du kannst
auch für dich allein sein.“
Nur um die zwei Mal im Jahr angesetzte Gemeinschaftsarbeit und andere
Regeln wie die tägliche Ruhezeit von 13
bis 15 Uhr kommt keiner herum. Auch
das Verbot eines Klos mit Wasserspülung muss eingehalten werden. Zu gemütlich sollen es sich die Pächter nicht
machen, schließlich sind Kleingärten
laut Landesbund der Gartenfreunde
„nur für den vorübergehenden Aufenthalt vorgesehen“. Gegen Gartenzwerge
hatte bislang allerdings niemand etwas.
Auch die Rosendahls haben einen. Einen
einzigen. Er trägt eine orangefarbene
Mütze und hält eine Angel in der Hand.
Das Erbstück aus den 70ern gehörte
Oliver Rosendahls Vater – es ist also
quasi ein Familienmitglied.
„Es behaupten ja viele, dass Gartenarbeit glücklich macht“, sagt Tina
Rosendahl. „Das ist wirklich so.“ Vorhin
war der Rasen noch so hoch, nun ist er
wieder kurz – sie liebt es, wenn sie sieht,
was sie geschafft hat. Beim Unkrautzupfen kann sie abschalten. Ihrem
Mann gefällt, dass im Garten nichts
gerade sein muss. Sein Job als Tischler
setzt Präzision voraus, ständig muss er
darauf achten, dass alles genau ist. „In
der Natur gehört es aber dazu, dass auch
mal was schräg wächst.“ Wenn sein
Gartenzaun erneuert werden muss, wird
er dafür sorgen, dass auch der ein wenig
schräg ist: „Ich werde uns einen richtigen Pippi-Langstrumpf-Zaun bauen.“
Nicht nur Profitipps, auch Bereitstellung
von Gartengerät und Wasser gehören zum
Mietgartenkonzept, mit dem Natalie
Kirchbaumer und Wanda Ganders 2010 in
6 Städten starteten, 2012 soll „Meine
Ernte“ in über 20 vertreten sein. Noch
sind die Gespräche mit den landwirtschaftlichen Betrieben nicht abgeschlossen,
doch „es haben sich bereits mehrere hundert Interessenten in Hamburg vormerken
lassen“, weiß Natalie Kirchbaumer. Ab
Oktober 2011 sollen die Parzellen für die
erste Hamburger Saison vergeben werden.
„Meine Ernte“, Tel. 0228 / 28 61 71 19
www.meine-ernte.de
Ihre Quitten würde Familie
Rosendahl (l.) vermissen. Die
Vereinsklüngelei fehlt ihnen nicht
Aktuell gibt es 310 Kleingartenvereine
mit 32 999 Parzellenpächtern allein in
Hamburg. Der kleinste Verein, Sophienstraße-Wandsbek, hat 8 Gründstücke –
der größte, Horner Marsch, 954.
Kosten
Jährlich fallen zwischen 250 – 350 Euro
Grundkosten pro Parzelle an. Dazu gehören
die Pacht (0,26 Euro / m²), Wasser,
Strom, Umlagen und Versicherungen. Die
Laube des Vorgängers muss einmalig
zum Schätzpreis übernommen werden.
Neue Parzellen
Im Rahmen der igs 2013 sind in Wilhelmsburg schon 109 neue Kleingärten
entstanden. Die Grünflächen liegen teils
an der Straße Hauland, teils wurden sie
dem Verein Eichenallee angegliedert.
I
hr Vorbesitzer stand auf Tannen
und auf Wacholder. Die 620 Quadratmeter große und vor allem
sehr lang geschnittene Parzelle
des „alten Fritz“, wie Gabriele und
Meinolt Seiter den ehemaligen Pächter
gern nennen, glich einem Heidegarten.
Seine Laube aus dem Jahr 1971 bot
schon damals wenig Platz – beim Bau
war noch eine Grundfläche von 17
Quadratmetern vorgeschrieben –, aber
die Enge macht den Seiters bis heute
nichts aus. „Wir wollen ja draußen sein
und nicht drinnen sitzen.“
Seit sie vor zehn Jahren den Kleingarten übernommen haben, verwandeln sie ihn nach ihrem Geschmack.
Edelrosen verströmen nun ihren Duft
an allen Ecken, „Chartreuse de Parme“
oder „Nostalgie“ heißen sie. Dazwischen
blühen Salbei und Lavendel, Lupinen
stehen kerzengerade im Beet am Eingang, eine lila Clematis rankt wuselig
über ein Holzgestell. Der ganze Garten
lebt von diesen vielfältigen Farbtupfern.
Sein schönstes Merkmal aber, das auch
unmöglich durch eine Umgestaltung
zu verändern wäre, offenbart sich erst
nach einem Gang hinter die Gartenlaube. Wo man im ersten Moment nur
den riesigen Ahorn vermutet, der wie
ein Baldachin seine Zweige Richtung
Laube ausstreckt, liegt in seinem
weiten Schatten eine zweite, winzige
Terrasse, nur durch den grün lackierten
Holzzaun und einen Steilhang getrennt
von der Alster.
„Unser Blick auf die Alster ist ein
Geschenk“, sagt Meinolt Seiter. Mitten
im Fluss hat er sich einen echten Spezialplatz geangelt. Zusammen mit fünf
weiteren Parzellen des KGV 436 liegt
der Schrebergarten an der Spitze einer
aufgeschütteten Insel und bildet eine
Art Außenstelle der Kleingartenanlage,
die mit ihren restlichen rund 300 Grundstücken drei Straßen weiter direkt am
Naturschutzgebiet Eppendorfer Moor
angesiedelt ist. An der Insel fließt rechts
und links das Wasser vorbei Richtung
Außenalster und bringt dabei viele Ruderboote, Dampfer und auch mal eine
Gondel mit sich. Die Seiters haben besonders an heißen Tagen hier hinten
am Wasser ihr kühlstes Plätzchen, von
dem aus sie schon viele Entenküken,
Graugänse und auch mal eine romantische Hochzeit mit unendlich vielen
Teelichtern auf dem Bootsanleger gegenüber sehen konnten. „Das war wunderschön“, sagt Gabriele Seiter.
Dennoch fällt dem Rentnerpaar die
ständige Gartenarbeit immer schwerer.
Ans Aufgeben denken sie trotzdem
nicht. Die vielen Anfragen über die Hecke hinweg, ob denn hier noch eine Parzelle frei sei, werden sie weiterhin verneinen. Zu lauschig ist der Garten und
zu viele Erinnerungen stecken schon in
diesem „schmalen Handtuch“. Die
Tochter hat ihr Abitur hier gefeiert, das
spätere Rosengeschenk einer Gartennachbarin zu ihrer Hochzeit gedeiht
prächtig. Bald können auch die Tigertomaten einer Sportfreundin geerntet
werden. Über die Jahre haben so einige
Menschen ihre Spuren auf dem Grundstück durch Pflanzen oder liebe Mitbringsel hinterlassen. „Bei meinem
Mann heißt es immer, nichts wird weggeschmissen“, sagt die 66-Jährige, die
sicher selbst an jedem Steinmännchen,
jeder Tonfigur und vor allem am Wasserkrug ihrer Schwiegermutter hängt.
Am Weg steht noch ein leicht verblichener Gartenzwerg, mit weißem Rauschebart und jungem Gesicht, ein Andenken an den „alten Fritz“.
Nicht nur den Rosen geht’s hier gut.
Denn bei Gabriele und Meinolt Seiter
bekommt jede Blume ihre Chance
Mein Schrebergarten
Der direkte Weg geht über den Landesbund der Gartenfreunde in Hamburg e. V.,
der alle 310 Kleingartenvereine auf seiner
Website auflistet. Unter dem Punkt
„Freie Parzellen“ ist jeweils der richtige
Ansprechpartner genannt. Wer sich
schon einen Verein ausgeguckt hat,
nimmt mit dem Ersten Vorsitzenden
Kontakt auf. Bei voller Belegung kann
man sich auf die Warteliste setzen lassen.
LGH e. V., Fuhlsbüttler Str. 790,
Tel. 500 56 40, www.kleingarten-hh.de
D
ass es den Grundschulklassen
auf dem verschlungenen,
leicht rutschigen Holzweg
durch den dichten Erlenbruch
gefällt, kann man verstehen. Der erst
vor wenigen Jahren angelegte Waldpfad
führt durch das Feuchtbiotop mitten in
einer Kleingartenanlage in Hausbruch.
Moorig ist es, sumpfig, fast gruselig. Zumindest regt die nicht alltägliche Umgebung mit Entengrütze und SchwarzErlen die Fantasie an, für fachliche Erklärungen zu Torfstich, Sumpf-Schwertlilien und Amphibien sorgt dann Herr
Lehrer oder Herr Braukmüller, der Erste Vorsitzende der Gartengemeinschaft.
Wie jeder andere Kleingartenverein
auch, ist der KGV 774 eine öffentliche
Grünfläche, die allen Bürgern zugänglich sein muss. Aber nicht jeder andere
Kleingartenverein hat auch schon eine
Goldmedaille gewonnen. Die Schrebergärtner vom Neugrabener Moor können sich seit 2010 zu den Siegern zählen. Zusammen mit sieben anderen
deutschen Vereinen haben sie im Bundeswettbewerb „Gärten im Städtebau“
die höchste Auszeichnung erhalten.
Nicht ganz unschuldig daran war das
Feuchtbiotop. Aber auch der Bauerngarten mit reetgedeckter Kate und
Storchennest, die Bienenstöcke von
Imker Alexander Holland und die „individuell und vielfältig gestalteten Einzelgärten“, wie es in der Bewertung
heißt, trugen zum Sieg bei.
Dieter Braukmüllers Parzelle jedenfalls hat alles, was man von einem perfekten Schrebergarten verlangen kann.
Samt bunter Partylampen und Hollywoodschaukel. Sein Liebling, der
Rosenbogen, ist das Tor zum Garten.
Rechts liegen Gewächshaus und Hochbeete, links der Teich und geradezu
steht die Laube mit der sich anschließenden Terrasse, auf der man das un-
terschiedlichste Vogelgezwitscher und
höchstens mal einen Rasenmäher hört.
Dazwischen wachsen Hortensien, hohe
Gräser und ein mächtiger Blauregen.
Dabei wusste Braukmüller vor 2003
noch nicht einmal, dass es den Kleingartenverein überhaupt gibt. Damals
wollte er mit seiner Familie in den Urlaub nach Dänemark fahren. Das stellte
sich aber als so teuer heraus, dass er
sagte: „Da können wir ja einen Kleingarten pachten.“ Gesagt, getan. Der
Urlaub wurde gestrichen, der Pachtvertrag unterschrieben. Anfangs wusste
der Verwaltungsbeamte von Pflanzen
nicht sonderlich viel, hat auch Unkraut
gejätet, das gar keins war. Heute ist von
der ersten Unsicherheit nichts mehr zu
spüren. Neben dem neuen Gartenwissen kennt er sich mittlerweile auch mit
den statistischen Zahlen des Vereins
aus und betreut zudem die Website:
www.neugrabener-moor.de
Rund 320 Quadratmeter sind die
178 Parzellen durchschnittlich groß.
Die jüngste Pächterin ist gerade volljährig, der älteste wird bald 90. „In letzter Zeit fällt es auf, dass mehr junge
Familien kommen“, sagt Braukmüller.
Noch liegt der Altersdurchschnitt bei
56 Jahren, aber in naher Zukunft wird
die Zahl wohl sinken, denn auch das
allgemeine Eintrittsalter im Verein
nimmt ab. Früher lag es bei 45 Jahren,
jetzt werden auch jüngere Menschen
wieder gern zum Laubenpieper.
Als Hauptmotiv sieht Braukmüller
die Erholung. „Keiner holt sich den
Garten, nur um zu arbeiten.“ Aber man
dürfe nicht vergessen, dass man einem
Verein beitrete, der von jedem Mitglied
pro Jahr neun Stunden Gemeinschaftsarbeit fordere. Damit die Anlage weiterhin ihren gepflegten Charakter bewahrt
und auch fremden Besuchern Freude
macht. So wie den Schulklassen.
Ferienzeit im „eigenen
Haus“ für Andrea
Fortunato und ihre
Zwillingsbrüder
Ramon und Luis
Kleine Entdecker
KGV 239, Gartenfreunde Borndiek e.V.
Regeln & Ratschläge
Bäume
Um die Nachbarparzellen nicht zu überschatten, sind keine hohen Bäume erlaubt. Beim Anpflanzen von Sträuchern
soll eine Endgröße von drei bis vier Metern nicht überschritten werden.
Behelfsheime
Nach dem Krieg durften die Menschen
Behelfsheime in den Kleingartenanlagen errichten und fest dort leben. Das
ist den ursprünglichen Pächtern weiterhin erlaubt, den Nachfolgern nicht.
1/3-Teilung
Für die Fläche jedes Kleingartens ist
eine grobe Aufteilung festgelegt. Ein
Drittel Laube und Wege, ein Drittel
Obst- und Gemüseanbau, ein Drittel
Rasen, Blumen und Sträucher.
Toiletten
In den Gärten sind
WCs mit Wasserspülung verboten.
Alternativ können
Camping-Toiletten
benutzt werden oder
Trockentoiletten, die mit
Rindenschrot funktionieren.
Deutsch-türkische Freundschaft
KGV 717, Gartenfreunde Groß-Sand e.V.
U
nüberhörbar schallt tatütata, tatütata durch die Kleingärten. Die eindringliche
Sirene gehört zum Alltag der
Gartenfreunde Groß-Sand wie Heckenschneiden oder Blumengießen. Liegen
doch die 62 Parzellen des Vereins in
unmittelbarer Nachbarschaft zum Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand,
und die Schrebergärtner bekommen
deshalb nicht nur die Geräusche der
heranbrausenden Rettungswagen mit,
sondern ab und zu auch Besuch von
den Genesenden, die den Kleingartenverein für einen Spaziergang im Grünen nutzen. Ein erster Blick in den
Schaukasten macht den einen oder anderen dabei vielleicht stutzig, denn die
ausgehängten Infos sind auf Deutsch
verfasst – und auf Türkisch.
„Wir sind hier multikulti“, kommentiert Eyüp Erdim locker. Der 49-Jährige
ist von Anfang an dabei, seit der Vereinsgründung 1994, als es nur die Einteilung der Fläche in einzelne Parzellen
gab und sonst nichts. „Wir haben einen
Aufruf im ‚Wochenblatt‘ gelesen und
uns sofort beworben.“ Mittlerweile ist
Erdim Erster Vorsitzender der Gartenfreunde und gleichzeitig Fachberater
für den gesamten Bezirk Wilhelmsburg.
Er kennt sich aus mit Blattläusen, Bohnen und Baumschnitt, aber auch mit
den vielzähligen Regularien wie der
vorgeschriebenen Heckenhöhe
(100–110 cm) oder der erlaubten Laubengröße (24 m2). Er berät auf Anfrage
oder im Vorbeigehen – wie bei einer
Pächterin, mit deren Wein er nicht ganz
zufrieden ist. „Der muss gespritzt werden“, empfiehlt er. „Ich habe ein Spezialmittel, das ist nicht giftig.“
Monika Geiger ist seit vier Jahren
bei den Gartenfreunden. „Das ist hier
ein kleines Paradies“, schwärmt sie.
Nach der Arbeit kommt sie fast jeden
Abend aufs Gelände, klönt mit der
Nachbarin und versorgt ihre Erdbeeren
und Johannisbeeren, aus denen sie
Marmelade und Gelee kocht. Im Sommer bleibt sie manchmal über Nacht.
„Ein bisschen wie nach Hause kommen“
fühlen sich die Aufenthalte dann für sie
an. Sie mag diese besondere Gartengemeinschaft, die zu rund 70 Prozent aus
türkischen Mitgliedern besteht. Gegenseitiger Respekt vor den religiösen oder
kulturellen Gewohnheiten des anderen
ist hier selbstverständlich.
Auch Eyüp Erdim findet sich fast
täglich in seiner Parzelle ein. Als Teamleiter bei einem Paketdienst beginnt
sein Arbeitstag mitten in der Nacht,
endet dafür aber auch schon mittags, so
bleibt Zeit für sein „Stückchen Natur“,
das er zusammen mit seiner Frau bepflanzt und betüdelt. Der Garten ist
sein Hobby. Zufrieden blickt er von
der offenen Terrasse über den akkurat
gemähten, mit Apfel-, Kirsch- und
Pfirsichbäumen gesäumten Rasen. An
einem Ast in Augenhöhe baumelt eine
zarte Girlande aus Gänseblümchen,
schon etwas vertrocknet. „Das waren
wohl gestern die Kinder“, grinst er.
Anders als andere Kleingartenvereine
in Wilhelmsburg ist der KGV 717 nicht
von den Baumaßnahmen zur Internationalen Gartenschau 2013 betroffen.
Während beispielsweise die Anlage
„Grüner Deich“ komplett neu gestaltet
wird, können die deutschen und türkischen Flaggen der Gartenfreunde
Groß-Sand unbehelligt weiterwehen.
E
inen Nachteil haben wir“, gibt
Ramon, 8, zu. „Im Winter ist
es kalt hier.“ Aber sonst fällt
Familie Fortunato partout
nichts ein, was ihnen ihr Schrebergartenleben vermiesen könnte. Im Gegenteil. Jeder Besuch ist wie ein kleiner
Urlaub, ein Rauskommen. Als sich Filip
und Cordula Fortunato vor zwei Jahren
für den Kleingarten entschieden haben,
wählten sie absichtlich keinen Verein
um die Ecke. Die Gartenfreunde Borndiek, direkt an der Grenze zu Schleswig-Holstein, sind für die fünfköpfige
Familie samt Jack Russell Terrier mit
Bus und Bahn in knapp einer Stunde zu
erreichen. Das bringt Abstand zur Stadt.
Hier herrscht Ruhe und vor allem viel
Grün. Pferdekoppeln, Maisfelder und
Naturschutzgebiete schließen sich an
sowie ein großer öffentlicher Spielplatz
mit Fußball- und Basketballfeld. Ideal
für die Kids.
Barfuß und in Sommerschuhen flitzen die drei auf „ihren“ Kletterbaum
am Rande des Spielplatzes zu, sind flugs
einige Astgabeln hochgeklettert und
genauso schnell auch wieder unten.
„Hier gibt es Libellen, Grillen, Motten,
Zitronenfalter …“, zählt Luis, 8, auf.
Kurz zuvor hatte er einen winzigen
Frosch gefangen und ihm gleich eine
neue Heimat im Miniaturgartenteich
vor der Laube verpasst.
Seine Kinder können hier noch nach
Lust und Laune spielen, richtig toben
und entdecken, das gefällt Fortunato,
der Glaser und zurzeit Hausmann ist,
ganz besonders. Für sie hat der 39-Jährige auch das Stelzenhaus gebaut.
Quietschblau mit knallroter Tür und
roter Veranda. Eine siebensprossige
Leiter ist zu erklimmen, wenn die
Jungs mit ihrer Schwester Andrea, 7,
hier spielen oder übernachten wollen.
Auch die Laube soll noch einen blauen
Anstrich bekommen. Eine weiß-blau
gestreifte Markise liegt schon parat, um
bald als Schattenspender ihren Platz an
der Laubenwand einzunehmen. Doch
bevor beides passiert, muss noch ein
Wespennest entfernt werden. Alles
nach und nach. In den letzten zwei Jahren hat die Familie schon viel geschafft.
Aber eben noch nicht alles. Der Kirsch-
baum trägt noch keine Früchte, die erste Zucchini-Zucht ist Nacktschnecken
zum Opfer gefallen. Das soll demnächst
anders werden. Ein Hochbeet ist geplant,
vor allem für Salat. Tipps zur Gartenpflege tauschen die Fortunatos mit ihren Nachbarn aus oder sie informieren
sich im Internet oder über die Anschläge im Schaukasten, in dem gerade eine
Ankündigung zum Kinder- und Sommerfest im August hängt. Alle Pächter
der 87 Parzellen können für drei Euro
mit dabei sein – und sich besser kennenlernen. Wobei die Jungs schon ein
paar Freunde im Verein und auch in der
Siedlung nebenan gefunden haben.
Wenn sie vor allem am Wochenende
und in den Ferien in ihrem Garten sind,
der Rasen gemäht ist und die Tomaten
versorgt sind, schnappen sich Kinder
und Eltern häufig ihre Räder für Ausflüge in die Umgebung. Das Freibad
Osdorfer Born ist in der Nähe und bei
kühlerem Wetter steuern sie einfach
die Bücherhalle oder das Kindermuseum Klick an. So kommt in der Gartensaison von April bis Oktober – nur dann
ist das Wasser in den Parzellen angestellt – keine Langeweile auf. Und im
Winter, wenn die Besuche nur kurz
sind, nur um nachzuschauen, ob alles
in Ordnung ist? Da hat der Garten doch
seinen Vorteil: Er eignet sich super zum
Schneemännerbauen.
Sind Filip Fortunato und sein Hund
Jack mal nicht da, haben Ernie und Bert
ein Auge auf den Schrebergarten
Über Eyüp Erdims Terrasse rankt Wein.
Sein Wilhelmsburger Verein ist beliebt:
Gut 20 Namen stehen auf der Warteliste
IV
› THEMA DER WOCHE
Sonnabend / Sonntag, 23. / 24. Juli 2011
V
Garten
glück
In 310 HAMBURGER KLEINGARTENVEREINEN wird auf 32 999
Parzellen gepflanzt, geerntet und auch viel gespielt. Fünf Beispiele,
die zeigen, wie jeder im kleinen Grün sein großes Glück finden kann
Goldgewinner
KGV 774, Gartengemeinschaft
Neugrabener Moor e.V.
REDAKTION: PETRA NICKISCH • FOTOS: THOMAS LEIDIG
Dieter Braukmüller muss auf den moorigen
Boden mit passenden Pflanzen reagieren.
Salat und Kohlrabi wachsen im Hochbeet
Es grünt so grün.
Und direkt hinter der
Gartenlaube fließt
die schöne Alster
Mit Alsterblick
KGV Groß Borstel 436 e.V.
Spielplatz Gemüsebeet
Kleingärten in Zahlen
KGV 350, Gartenverein Rahweg e.V.
Kleingärten
Gesunde Vitamine naschen. Wenn Tom
Rosendahl, 8, am Wochenende erntet,
was Papa gesät hat, haben alle ihren Spaß
Garten für eine Saison
Ein ganz neues Konzept kommt jetzt nach
Hamburg: Bei „Meine Ernte“ legen sich
die Mieter für nur einen Gartensommer
fest. 179 Euro kostet eine kleine Parzelle
pro Saison, 329 Euro der große Garten, in
dem reichlich Gemüse wächst. Wenn Anfang Mai die Wachstumszeit beginnt, hat
das Team von „Meine Ernte“ schon alles
vorbereitet. Über 20 Gemüsesorten pro
Garten sind dann gepflanzt und mit einem
Aufwand von ein bis zwei Stunden pro
Woche übernehmen die Mieter den Rest:
gießen, Unkraut zupfen, weitere Kräuter
oder Blumen pflanzen und natürlich ernten. Bis in den November hinein, per wöchentlichem Newsletter und durch einen
beratenden Landwirt vor Ort unterstützt.
T
om steht im Tor und wartet auf
einen gezielten Schuss seines
Vaters. Heute ist der Achtjährige mit Oma und den Eltern
allein im Schrebergarten. An anderen
Wochenenden bringt er oft Freunde
mit, dann plündern sie das Erbsenbeet
oder verputzen die selbst angepflanzten
Erdbeeren, von denen Mama Tina
sagt, dass sie einfach besser schmecken
als die vom Wochenmarkt. Genauso
wie der Salat. Dass der in ihrem Garten
wächst, darüber waren vor Wochen,
als Ehec für große Frischedefizite
auf allen Tellern sorgte, nicht nur die
Rosendahls froh, sondern auch ihre
Freunde. Dabei ist Gemüseanbau eher
Spielerei für Vater Oliver. „Wir würden
verhungern, müssten wir uns nur davon ernähren“, lacht er. Mit Hilfe vieler
Bücher hat er sich in den letzten sieben
Jahren sein Gartenwissen angelesen
und Spaß am Anpflanzen alter Sorten
gefunden. Schwarzwurzeln gab es letzten Herbst, diesen Sommer sind Mangold, Saubohnen und Rote Beete dran.
Der Quittenbaum vor der Terrasse
hängt voller Früchte.
Die eigenen Kindheitserinnerungen
ans Brombeerennaschen und Fliederbeerensammeln haben Oliver Rosendahl nach der Geburt seines Sohnes
dazu veranlasst, nach einem Schrebergarten Ausschau zu halten. In Niendorf
wurde er fündig. Der Gartenverein
Rahweg feiert 2012 sein 45-jähriges
Bestehen und auf den ersten Blick
scheint alles beim Altbekannten, leicht
Spießigen: 234 Parzellen, verteilt auf
Rosenweg, Asternweg, Tulpenstieg und
die Promenade, von der sieben schmale
Pfade abzweigen. Doch der erste Eindruck täuscht. Die alten Strukturen
brechen langsam auf, der Verein öffnet
sich zum Beispiel für homosexuelle
Paare und für Frauen, die das alleinige
Regiment im Schrebergarten führen.
Selbst der regelmäßige Frühschoppen
im Vereinshaus ist passé. „Du kannst
hier so leben, wie du willst“, findet Oliver Rosendahl. „Du kannst klüngeln
mit deinem Nachbarn oder du kannst
auch für dich allein sein.“
Nur um die zwei Mal im Jahr angesetzte Gemeinschaftsarbeit und andere
Regeln wie die tägliche Ruhezeit von 13
bis 15 Uhr kommt keiner herum. Auch
das Verbot eines Klos mit Wasserspülung muss eingehalten werden. Zu gemütlich sollen es sich die Pächter nicht
machen, schließlich sind Kleingärten
laut Landesbund der Gartenfreunde
„nur für den vorübergehenden Aufenthalt vorgesehen“. Gegen Gartenzwerge
hatte bislang allerdings niemand etwas.
Auch die Rosendahls haben einen. Einen
einzigen. Er trägt eine orangefarbene
Mütze und hält eine Angel in der Hand.
Das Erbstück aus den 70ern gehörte
Oliver Rosendahls Vater – es ist also
quasi ein Familienmitglied.
„Es behaupten ja viele, dass Gartenarbeit glücklich macht“, sagt Tina
Rosendahl. „Das ist wirklich so.“ Vorhin
war der Rasen noch so hoch, nun ist er
wieder kurz – sie liebt es, wenn sie sieht,
was sie geschafft hat. Beim Unkrautzupfen kann sie abschalten. Ihrem
Mann gefällt, dass im Garten nichts
gerade sein muss. Sein Job als Tischler
setzt Präzision voraus, ständig muss er
darauf achten, dass alles genau ist. „In
der Natur gehört es aber dazu, dass auch
mal was schräg wächst.“ Wenn sein
Gartenzaun erneuert werden muss, wird
er dafür sorgen, dass auch der ein wenig
schräg ist: „Ich werde uns einen richtigen Pippi-Langstrumpf-Zaun bauen.“
Nicht nur Profitipps, auch Bereitstellung
von Gartengerät und Wasser gehören zum
Mietgartenkonzept, mit dem Natalie
Kirchbaumer und Wanda Ganders 2010 in
6 Städten starteten, 2012 soll „Meine
Ernte“ in über 20 vertreten sein. Noch
sind die Gespräche mit den landwirtschaftlichen Betrieben nicht abgeschlossen,
doch „es haben sich bereits mehrere hundert Interessenten in Hamburg vormerken
lassen“, weiß Natalie Kirchbaumer. Ab
Oktober 2011 sollen die Parzellen für die
erste Hamburger Saison vergeben werden.
„Meine Ernte“, Tel. 0228 / 28 61 71 19
www.meine-ernte.de
Ihre Quitten würde Familie
Rosendahl (l.) vermissen. Die
Vereinsklüngelei fehlt ihnen nicht
Aktuell gibt es 310 Kleingartenvereine
mit 32 999 Parzellenpächtern allein in
Hamburg. Der kleinste Verein, Sophienstraße-Wandsbek, hat 8 Gründstücke –
der größte, Horner Marsch, 954.
Kosten
Jährlich fallen zwischen 250 – 350 Euro
Grundkosten pro Parzelle an. Dazu gehören
die Pacht (0,26 Euro / m²), Wasser,
Strom, Umlagen und Versicherungen. Die
Laube des Vorgängers muss einmalig
zum Schätzpreis übernommen werden.
Neue Parzellen
Im Rahmen der igs 2013 sind in Wilhelmsburg schon 109 neue Kleingärten
entstanden. Die Grünflächen liegen teils
an der Straße Hauland, teils wurden sie
dem Verein Eichenallee angegliedert.
I
hr Vorbesitzer stand auf Tannen
und auf Wacholder. Die 620 Quadratmeter große und vor allem
sehr lang geschnittene Parzelle
des „alten Fritz“, wie Gabriele und
Meinolt Seiter den ehemaligen Pächter
gern nennen, glich einem Heidegarten.
Seine Laube aus dem Jahr 1971 bot
schon damals wenig Platz – beim Bau
war noch eine Grundfläche von 17
Quadratmetern vorgeschrieben –, aber
die Enge macht den Seiters bis heute
nichts aus. „Wir wollen ja draußen sein
und nicht drinnen sitzen.“
Seit sie vor zehn Jahren den Kleingarten übernommen haben, verwandeln sie ihn nach ihrem Geschmack.
Edelrosen verströmen nun ihren Duft
an allen Ecken, „Chartreuse de Parme“
oder „Nostalgie“ heißen sie. Dazwischen
blühen Salbei und Lavendel, Lupinen
stehen kerzengerade im Beet am Eingang, eine lila Clematis rankt wuselig
über ein Holzgestell. Der ganze Garten
lebt von diesen vielfältigen Farbtupfern.
Sein schönstes Merkmal aber, das auch
unmöglich durch eine Umgestaltung
zu verändern wäre, offenbart sich erst
nach einem Gang hinter die Gartenlaube. Wo man im ersten Moment nur
den riesigen Ahorn vermutet, der wie
ein Baldachin seine Zweige Richtung
Laube ausstreckt, liegt in seinem
weiten Schatten eine zweite, winzige
Terrasse, nur durch den grün lackierten
Holzzaun und einen Steilhang getrennt
von der Alster.
„Unser Blick auf die Alster ist ein
Geschenk“, sagt Meinolt Seiter. Mitten
im Fluss hat er sich einen echten Spezialplatz geangelt. Zusammen mit fünf
weiteren Parzellen des KGV 436 liegt
der Schrebergarten an der Spitze einer
aufgeschütteten Insel und bildet eine
Art Außenstelle der Kleingartenanlage,
die mit ihren restlichen rund 300 Grundstücken drei Straßen weiter direkt am
Naturschutzgebiet Eppendorfer Moor
angesiedelt ist. An der Insel fließt rechts
und links das Wasser vorbei Richtung
Außenalster und bringt dabei viele Ruderboote, Dampfer und auch mal eine
Gondel mit sich. Die Seiters haben besonders an heißen Tagen hier hinten
am Wasser ihr kühlstes Plätzchen, von
dem aus sie schon viele Entenküken,
Graugänse und auch mal eine romantische Hochzeit mit unendlich vielen
Teelichtern auf dem Bootsanleger gegenüber sehen konnten. „Das war wunderschön“, sagt Gabriele Seiter.
Dennoch fällt dem Rentnerpaar die
ständige Gartenarbeit immer schwerer.
Ans Aufgeben denken sie trotzdem
nicht. Die vielen Anfragen über die Hecke hinweg, ob denn hier noch eine Parzelle frei sei, werden sie weiterhin verneinen. Zu lauschig ist der Garten und
zu viele Erinnerungen stecken schon in
diesem „schmalen Handtuch“. Die
Tochter hat ihr Abitur hier gefeiert, das
spätere Rosengeschenk einer Gartennachbarin zu ihrer Hochzeit gedeiht
prächtig. Bald können auch die Tigertomaten einer Sportfreundin geerntet
werden. Über die Jahre haben so einige
Menschen ihre Spuren auf dem Grundstück durch Pflanzen oder liebe Mitbringsel hinterlassen. „Bei meinem
Mann heißt es immer, nichts wird weggeschmissen“, sagt die 66-Jährige, die
sicher selbst an jedem Steinmännchen,
jeder Tonfigur und vor allem am Wasserkrug ihrer Schwiegermutter hängt.
Am Weg steht noch ein leicht verblichener Gartenzwerg, mit weißem Rauschebart und jungem Gesicht, ein Andenken an den „alten Fritz“.
Nicht nur den Rosen geht’s hier gut.
Denn bei Gabriele und Meinolt Seiter
bekommt jede Blume ihre Chance
Mein Schrebergarten
Der direkte Weg geht über den Landesbund der Gartenfreunde in Hamburg e. V.,
der alle 310 Kleingartenvereine auf seiner
Website auflistet. Unter dem Punkt
„Freie Parzellen“ ist jeweils der richtige
Ansprechpartner genannt. Wer sich
schon einen Verein ausgeguckt hat,
nimmt mit dem Ersten Vorsitzenden
Kontakt auf. Bei voller Belegung kann
man sich auf die Warteliste setzen lassen.
LGH e. V., Fuhlsbüttler Str. 790,
Tel. 500 56 40, www.kleingarten-hh.de
D
ass es den Grundschulklassen
auf dem verschlungenen,
leicht rutschigen Holzweg
durch den dichten Erlenbruch
gefällt, kann man verstehen. Der erst
vor wenigen Jahren angelegte Waldpfad
führt durch das Feuchtbiotop mitten in
einer Kleingartenanlage in Hausbruch.
Moorig ist es, sumpfig, fast gruselig. Zumindest regt die nicht alltägliche Umgebung mit Entengrütze und SchwarzErlen die Fantasie an, für fachliche Erklärungen zu Torfstich, Sumpf-Schwertlilien und Amphibien sorgt dann Herr
Lehrer oder Herr Braukmüller, der Erste Vorsitzende der Gartengemeinschaft.
Wie jeder andere Kleingartenverein
auch, ist der KGV 774 eine öffentliche
Grünfläche, die allen Bürgern zugänglich sein muss. Aber nicht jeder andere
Kleingartenverein hat auch schon eine
Goldmedaille gewonnen. Die Schrebergärtner vom Neugrabener Moor können sich seit 2010 zu den Siegern zählen. Zusammen mit sieben anderen
deutschen Vereinen haben sie im Bundeswettbewerb „Gärten im Städtebau“
die höchste Auszeichnung erhalten.
Nicht ganz unschuldig daran war das
Feuchtbiotop. Aber auch der Bauerngarten mit reetgedeckter Kate und
Storchennest, die Bienenstöcke von
Imker Alexander Holland und die „individuell und vielfältig gestalteten Einzelgärten“, wie es in der Bewertung
heißt, trugen zum Sieg bei.
Dieter Braukmüllers Parzelle jedenfalls hat alles, was man von einem perfekten Schrebergarten verlangen kann.
Samt bunter Partylampen und Hollywoodschaukel. Sein Liebling, der
Rosenbogen, ist das Tor zum Garten.
Rechts liegen Gewächshaus und Hochbeete, links der Teich und geradezu
steht die Laube mit der sich anschließenden Terrasse, auf der man das un-
terschiedlichste Vogelgezwitscher und
höchstens mal einen Rasenmäher hört.
Dazwischen wachsen Hortensien, hohe
Gräser und ein mächtiger Blauregen.
Dabei wusste Braukmüller vor 2003
noch nicht einmal, dass es den Kleingartenverein überhaupt gibt. Damals
wollte er mit seiner Familie in den Urlaub nach Dänemark fahren. Das stellte
sich aber als so teuer heraus, dass er
sagte: „Da können wir ja einen Kleingarten pachten.“ Gesagt, getan. Der
Urlaub wurde gestrichen, der Pachtvertrag unterschrieben. Anfangs wusste
der Verwaltungsbeamte von Pflanzen
nicht sonderlich viel, hat auch Unkraut
gejätet, das gar keins war. Heute ist von
der ersten Unsicherheit nichts mehr zu
spüren. Neben dem neuen Gartenwissen kennt er sich mittlerweile auch mit
den statistischen Zahlen des Vereins
aus und betreut zudem die Website:
www.neugrabener-moor.de
Rund 320 Quadratmeter sind die
178 Parzellen durchschnittlich groß.
Die jüngste Pächterin ist gerade volljährig, der älteste wird bald 90. „In letzter Zeit fällt es auf, dass mehr junge
Familien kommen“, sagt Braukmüller.
Noch liegt der Altersdurchschnitt bei
56 Jahren, aber in naher Zukunft wird
die Zahl wohl sinken, denn auch das
allgemeine Eintrittsalter im Verein
nimmt ab. Früher lag es bei 45 Jahren,
jetzt werden auch jüngere Menschen
wieder gern zum Laubenpieper.
Als Hauptmotiv sieht Braukmüller
die Erholung. „Keiner holt sich den
Garten, nur um zu arbeiten.“ Aber man
dürfe nicht vergessen, dass man einem
Verein beitrete, der von jedem Mitglied
pro Jahr neun Stunden Gemeinschaftsarbeit fordere. Damit die Anlage weiterhin ihren gepflegten Charakter bewahrt
und auch fremden Besuchern Freude
macht. So wie den Schulklassen.
Ferienzeit im „eigenen
Haus“ für Andrea
Fortunato und ihre
Zwillingsbrüder
Ramon und Luis
Kleine Entdecker
KGV 239, Gartenfreunde Borndiek e.V.
Regeln & Ratschläge
Bäume
Um die Nachbarparzellen nicht zu überschatten, sind keine hohen Bäume erlaubt. Beim Anpflanzen von Sträuchern
soll eine Endgröße von drei bis vier Metern nicht überschritten werden.
Behelfsheime
Nach dem Krieg durften die Menschen
Behelfsheime in den Kleingartenanlagen errichten und fest dort leben. Das
ist den ursprünglichen Pächtern weiterhin erlaubt, den Nachfolgern nicht.
1/3-Teilung
Für die Fläche jedes Kleingartens ist
eine grobe Aufteilung festgelegt. Ein
Drittel Laube und Wege, ein Drittel
Obst- und Gemüseanbau, ein Drittel
Rasen, Blumen und Sträucher.
Toiletten
In den Gärten sind
WCs mit Wasserspülung verboten.
Alternativ können
Camping-Toiletten
benutzt werden oder
Trockentoiletten, die mit
Rindenschrot funktionieren.
Deutsch-türkische Freundschaft
KGV 717, Gartenfreunde Groß-Sand e.V.
U
nüberhörbar schallt tatütata, tatütata durch die Kleingärten. Die eindringliche
Sirene gehört zum Alltag der
Gartenfreunde Groß-Sand wie Heckenschneiden oder Blumengießen. Liegen
doch die 62 Parzellen des Vereins in
unmittelbarer Nachbarschaft zum Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand,
und die Schrebergärtner bekommen
deshalb nicht nur die Geräusche der
heranbrausenden Rettungswagen mit,
sondern ab und zu auch Besuch von
den Genesenden, die den Kleingartenverein für einen Spaziergang im Grünen nutzen. Ein erster Blick in den
Schaukasten macht den einen oder anderen dabei vielleicht stutzig, denn die
ausgehängten Infos sind auf Deutsch
verfasst – und auf Türkisch.
„Wir sind hier multikulti“, kommentiert Eyüp Erdim locker. Der 49-Jährige
ist von Anfang an dabei, seit der Vereinsgründung 1994, als es nur die Einteilung der Fläche in einzelne Parzellen
gab und sonst nichts. „Wir haben einen
Aufruf im ‚Wochenblatt‘ gelesen und
uns sofort beworben.“ Mittlerweile ist
Erdim Erster Vorsitzender der Gartenfreunde und gleichzeitig Fachberater
für den gesamten Bezirk Wilhelmsburg.
Er kennt sich aus mit Blattläusen, Bohnen und Baumschnitt, aber auch mit
den vielzähligen Regularien wie der
vorgeschriebenen Heckenhöhe
(100–110 cm) oder der erlaubten Laubengröße (24 m2). Er berät auf Anfrage
oder im Vorbeigehen – wie bei einer
Pächterin, mit deren Wein er nicht ganz
zufrieden ist. „Der muss gespritzt werden“, empfiehlt er. „Ich habe ein Spezialmittel, das ist nicht giftig.“
Monika Geiger ist seit vier Jahren
bei den Gartenfreunden. „Das ist hier
ein kleines Paradies“, schwärmt sie.
Nach der Arbeit kommt sie fast jeden
Abend aufs Gelände, klönt mit der
Nachbarin und versorgt ihre Erdbeeren
und Johannisbeeren, aus denen sie
Marmelade und Gelee kocht. Im Sommer bleibt sie manchmal über Nacht.
„Ein bisschen wie nach Hause kommen“
fühlen sich die Aufenthalte dann für sie
an. Sie mag diese besondere Gartengemeinschaft, die zu rund 70 Prozent aus
türkischen Mitgliedern besteht. Gegenseitiger Respekt vor den religiösen oder
kulturellen Gewohnheiten des anderen
ist hier selbstverständlich.
Auch Eyüp Erdim findet sich fast
täglich in seiner Parzelle ein. Als Teamleiter bei einem Paketdienst beginnt
sein Arbeitstag mitten in der Nacht,
endet dafür aber auch schon mittags, so
bleibt Zeit für sein „Stückchen Natur“,
das er zusammen mit seiner Frau bepflanzt und betüdelt. Der Garten ist
sein Hobby. Zufrieden blickt er von
der offenen Terrasse über den akkurat
gemähten, mit Apfel-, Kirsch- und
Pfirsichbäumen gesäumten Rasen. An
einem Ast in Augenhöhe baumelt eine
zarte Girlande aus Gänseblümchen,
schon etwas vertrocknet. „Das waren
wohl gestern die Kinder“, grinst er.
Anders als andere Kleingartenvereine
in Wilhelmsburg ist der KGV 717 nicht
von den Baumaßnahmen zur Internationalen Gartenschau 2013 betroffen.
Während beispielsweise die Anlage
„Grüner Deich“ komplett neu gestaltet
wird, können die deutschen und türkischen Flaggen der Gartenfreunde
Groß-Sand unbehelligt weiterwehen.
E
inen Nachteil haben wir“, gibt
Ramon, 8, zu. „Im Winter ist
es kalt hier.“ Aber sonst fällt
Familie Fortunato partout
nichts ein, was ihnen ihr Schrebergartenleben vermiesen könnte. Im Gegenteil. Jeder Besuch ist wie ein kleiner
Urlaub, ein Rauskommen. Als sich Filip
und Cordula Fortunato vor zwei Jahren
für den Kleingarten entschieden haben,
wählten sie absichtlich keinen Verein
um die Ecke. Die Gartenfreunde Borndiek, direkt an der Grenze zu Schleswig-Holstein, sind für die fünfköpfige
Familie samt Jack Russell Terrier mit
Bus und Bahn in knapp einer Stunde zu
erreichen. Das bringt Abstand zur Stadt.
Hier herrscht Ruhe und vor allem viel
Grün. Pferdekoppeln, Maisfelder und
Naturschutzgebiete schließen sich an
sowie ein großer öffentlicher Spielplatz
mit Fußball- und Basketballfeld. Ideal
für die Kids.
Barfuß und in Sommerschuhen flitzen die drei auf „ihren“ Kletterbaum
am Rande des Spielplatzes zu, sind flugs
einige Astgabeln hochgeklettert und
genauso schnell auch wieder unten.
„Hier gibt es Libellen, Grillen, Motten,
Zitronenfalter …“, zählt Luis, 8, auf.
Kurz zuvor hatte er einen winzigen
Frosch gefangen und ihm gleich eine
neue Heimat im Miniaturgartenteich
vor der Laube verpasst.
Seine Kinder können hier noch nach
Lust und Laune spielen, richtig toben
und entdecken, das gefällt Fortunato,
der Glaser und zurzeit Hausmann ist,
ganz besonders. Für sie hat der 39-Jährige auch das Stelzenhaus gebaut.
Quietschblau mit knallroter Tür und
roter Veranda. Eine siebensprossige
Leiter ist zu erklimmen, wenn die
Jungs mit ihrer Schwester Andrea, 7,
hier spielen oder übernachten wollen.
Auch die Laube soll noch einen blauen
Anstrich bekommen. Eine weiß-blau
gestreifte Markise liegt schon parat, um
bald als Schattenspender ihren Platz an
der Laubenwand einzunehmen. Doch
bevor beides passiert, muss noch ein
Wespennest entfernt werden. Alles
nach und nach. In den letzten zwei Jahren hat die Familie schon viel geschafft.
Aber eben noch nicht alles. Der Kirsch-
baum trägt noch keine Früchte, die erste Zucchini-Zucht ist Nacktschnecken
zum Opfer gefallen. Das soll demnächst
anders werden. Ein Hochbeet ist geplant,
vor allem für Salat. Tipps zur Gartenpflege tauschen die Fortunatos mit ihren Nachbarn aus oder sie informieren
sich im Internet oder über die Anschläge im Schaukasten, in dem gerade eine
Ankündigung zum Kinder- und Sommerfest im August hängt. Alle Pächter
der 87 Parzellen können für drei Euro
mit dabei sein – und sich besser kennenlernen. Wobei die Jungs schon ein
paar Freunde im Verein und auch in der
Siedlung nebenan gefunden haben.
Wenn sie vor allem am Wochenende
und in den Ferien in ihrem Garten sind,
der Rasen gemäht ist und die Tomaten
versorgt sind, schnappen sich Kinder
und Eltern häufig ihre Räder für Ausflüge in die Umgebung. Das Freibad
Osdorfer Born ist in der Nähe und bei
kühlerem Wetter steuern sie einfach
die Bücherhalle oder das Kindermuseum Klick an. So kommt in der Gartensaison von April bis Oktober – nur dann
ist das Wasser in den Parzellen angestellt – keine Langeweile auf. Und im
Winter, wenn die Besuche nur kurz
sind, nur um nachzuschauen, ob alles
in Ordnung ist? Da hat der Garten doch
seinen Vorteil: Er eignet sich super zum
Schneemännerbauen.
Sind Filip Fortunato und sein Hund
Jack mal nicht da, haben Ernie und Bert
ein Auge auf den Schrebergarten
Über Eyüp Erdims Terrasse rankt Wein.
Sein Wilhelmsburger Verein ist beliebt:
Gut 20 Namen stehen auf der Warteliste
VI
› BROT & SPIELE
Sonnabend / Sonntag, 23. / 24. Juli 2011
Samurai-Sudoku
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LOKAL-TERMIN
Hamburg an der Seine
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Kurzreise:
Hier lebt, fühlt
und isst man
sehr französisch,
mitten in der
Hamburger City
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4
4
Lösungsweg:
Beim Samurai-Sudoku sind vier
Eck-Sudokus so um ein ZentralSudoku angeordnet, dass jedes
der vier Eck-Sudokus sich je
einen Block mit dem ZentralSudoku teilt! Dabei gelten für
jedes der 5 Sudoku-Diagramme
die klassischen Spielregeln: Alle
Diagramme sind mit den Zahlen
FOTO: GRAFIKANSTALT
26
27
7 4 2
9
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39
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49
50
48
51
Waagerecht:
1 Ich nun gern hätt‘ ein Herrenjackett. 8 Ein erschütterndes Gerät. 16 Turnübung während eines
militärischen Aufmarsches. 17 Ihr folgt ‚la Douce‘.
18 Mit dieser Dummheit hat ein Lasttier nichts zu
tun. 19 Das ist für Lateiner anders. 20 Hier fließt
Strom zwischen Frankreich, Belgien, Niederlande
und dem Rhein-Delta. 21 Endlose griechische
Mondgöttin. 22 Vater mit den Musketieren, Sohn
mit der Kameliendame. 23 Früherer Lotto-Dreier.
24 Steht meistens zwischen Jubel und Heiterkeit. 28 Frau Luna in Hellas. 31 Verkürzte KfzKomponente, ein technischer Segen bei Eisglätte.
33 Was Bretter fix macht. 37 Kommt Franzosen
in den Sinn, wenn es um Gleichheit geht. 42 Für
Süddeutsche ist dies das Beißende an einem
Fraß. 43 Der Uncle ist ganz schön in die Jahre
gekommen. 44 Literarische Schublade für Heldengesänge. 45 Eine Spanierin versteckt sich in
Finessen. 46 Die van de Meiklokjes, Sie wissen
schon. 47 Winzers Zöglinge. 48 Kaum tritt ein
englischer Herr hinzu, schon geht die Heulerei los.
49 Ströme aus Schlamm von des Berges Kamm.
50 Sabine und Fabian haben diese Kurzprüfung
verinnerlicht. 51 Wer eine Baleareninsel sieht,
kann diesen ital. Maler kaum verfehlen. 52 Dies
ist relevant, wenn auch nicht sehr lang.
52
Senkrecht:
1 Diese römische Göttin macht Hoffnung. 2 Auf
diese Zeichnung im Holz ist man bei Möbeln stolz.
3 Da hindurch muss die Oka, wenn sie nach Kaluga will. 4 Langer Hals, dicker Bauch; aus Flaschenkürbis ist die auch. 5 Damit enden Cäsars
Lebenslauf und eine schottische Inselgruppe. 6 In
jedem Schneider steckt er. 7 Befehl, ein G hinauszuwerfen. 8 Ihre Tour führt zur Ruhr. 9 Alias Rhea
Silvia. 10 Abwasser-Vorratstank. 11 Der noch,
aber dann ist‘s leer. 12 Eine französische Geliebte.
13 Das Lösungswort ist angebracht, wenn jemand laut Reklame macht. 14 Ein Sultanat mit
Hauptstadt Maskat. 15 Er drückt ständig auf die
Tube. 24 Fluss in China; entsteht südöstlich des
Oasenortes Aksu. 25 Es gehört nicht Ihnen und
nicht mir, sondern uns beiden. 26 Davon wird der
Acker streifig. 27 Antiker Ort in der Argolis mit
heiligem Hain. 29 Hier sollen Sie sich selbst erkennen. 30 Die sind oft Schall und Rauch. 32 Eine kurze Christine. 34 Häufig gebrauchtes Wort
bei überraschender Heimkehr. 35 Ein ganzes Brot
wird so genannt; für Käse wird es auch verwandt.
36 Dieser irakische General wurde 1958 ermordet (Namensteil). 38 „Dummheit ist eine Gottes…“. 39 Eine kurze Magdalene. 40 Alias Feldulme. 41 Kennen Sie Alfred noch, den man so
nannte?
Auflösungen:
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Tel. 69 45 99 70, Mo – Sa 12 – 22 Uhr
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Str. 149, Tel. 87 60 83 42,
Di – Sa 9 – 19, So 9 – 17 Uhr
» KLASSENRAUM, Marienthaler
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» BEITI, Alsterdorfer Str. 76,
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Die Karte in Justyna Kitowskis Hammer Café kann bald kein Grundschüler
mehr lesen – sie ist in Schreibschrift.
Macht nichts, denn die selbst gebackenen Kuchen stehen gut sichtbar in der
Vitrine: Erdbeer-Mascarpone-Torte,
Blaubeer-Kokos-Tarte. Und Käsekuchen,
so hoch wie eine Maurerhand breit. Auch
für die liebevolle Retro-Einrichtung hat
Frau Kitowski eine Eins verdient.
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Gemütlich ist es im schlichten, kleinen
Ecklokal mit seinen grasgrünen Wänden
und mit Kissen ausstaffierten Fensterbänken. In der Winterhuder Nachbarschaft hat es sich schon herumgesprochen, dass Fadi Al Saifi die Gewürze
nicht nur hübsch auf dem Tresen ausstellt, sondern sie auch äußerst gekonnt
einsetzt. Bei Schawarma, Kebab und
Tabouleh zum Beispiel. Und erst recht
bei der frischen, krossen Falafel.
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Klassenraum
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Friedrich de l’Aigle hatte 1888 genug vom Stadtleben und kaufte vor Hamburgs Toren ein Grundstück, rund 8000 Quadratmeter groß. Er baute
ein Haus und legte einen Garten an, mit Obstbäumen und Rosen. Alma (1889 – 1959), eine seiner
drei Töchter, liebte ihn besonders: „Wie reich war
unser Leben durch den engen Zusammenhang
mit der lebendigen Welt von Pflanze und Tier.“ Sie
kümmerte sich nach dem Tod ihrer Eltern weiter
um den Garten, von dem noch ca. ein Drittel erhalten ist, und schrieb zauberhafte Bücher darüber.
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Beiti
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CAFÉ
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1 bis 9 aufzufüllen. Dabei darf
jede Zahl in jeder Zeile und jeder
Spalte sowie in jedem 3 × 3 Feld nur einmal vorkommen.
Lösung: siehe unten …
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RESTAURANT
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Essen und ausgehen
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1 Die Linsen weich kochen und dann das Lachsfilet
sehr fein hacken.
2 Schalotte, Sardellenfilet, Kapern und Cornichons in
kleine Würfel schneiden, miteinander vermengen,
mit Salz, Pfeffer, Zitronensaft, Rotweinessig, Petersilie und Schnittlauch abschmecken.
3 Die Linsen mit Olivenöl abschwenken, mit Knoblauch, Salz, Pfeffer und Petersilie abschmecken.
4 Die drei Orangen sowie eine halbe Zitrone auf rund
ein Drittel ihres Volumens einkochen. Ca. 75 ml
Olivenöl hinzugeben und zwei Minuten weiter einkochen. Danach Schnittlauch, Petersilie, Knoblauch
und Schalotten hinzugeben.
5 Sauce abkühlen lassen und auf dem gekühltem
Lachstartar anrichten (siehe Foto).
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1 Sardellenfilet
1 EL Kapern
5 Cornichons
Knoblauch, Zitronensaft,
Petersilie und Schnittlauch
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Für 4 Personen:
300 g Lachsfilet ohne Haut
100 g Le-Puy-Linsen
3 Orangen, 1 Zitrone
1,5 EL Mayonnaise
1 Schalotte
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Marinierte Linsen auf
Lachstartar
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REZEPT VON STEPHEN BENNETT
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täglich 12–22.30 Uhr. Drei-Gänge-Menü (29,50 Euro) täglich
ab 17 Uhr – sonntags ganztägig, www.leplatdujour.de
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Für scharfe Denker
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» Le Plat du Jour, Dornbusch 4, Tel. 32 14 14,
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Irgendwo in Hamburg. Nur wo?
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Seit Anfang des Jahres hat
Stephen Bennett im „Plat
du Jour“ den Küchenhut auf.
Begonnen hat der 30-jährige
Brite, der in Heidelberg seine
Ausbildung absolvierte, in
Jacques Lemerciers Bistro
seine Kochdienste schon
2002, nach Stationen im
„Apples“-Restaurant des
Park-Hyatt-Hotels sowie als
Chef de Cuisine im „Landhaus Dill“. Seine Küchenphilosophie ist so schlicht wie
zwingend: „Bei mir muss
immer alles frisch sein. Und
um die Gäste glücklich zu
machen, sollte man immer
darauf achten, auch bei der
Zubereitung so viel Spaß
wie möglich zu haben!“
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Kurz-Biografie
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Irgendwo in
Hamburg:
Garten der Alma
de l’Aigle, zwischen Appener
Weg und Tarpenbekstraße,
Eppendorf
M
ehr Bistro geht eigentlich nicht, und dabei ist die Seine so weit und die Alster so
nah. Ein paar Schritte von Rathaus, Jungfernstieg und St.-Petri-Kirche entfernt, an einem
leicht versteckt gelegenen Plätzchen liegt das „Le Plat
du Jour“, ein kleines Lokal mit engen Tischen, Blumentapete, Schwarz-Weiß-Fotos von Gainsbourg,
Deneuve, Belmondo & Co. an den Wänden und selten
mal einem freien Platz.
Voll, laut plus ein Menü aus Cuisine-Klassikern –
so lautet das unverwechselbare Konzept der typischen Pariser Bistros, und dieses hat sich Jacques
Lemercier zu eigen gemacht wie in Norddeutschland
kaum ein Zweiter. Der 76-Jährige aus Dieppe in der
Normandie ist in Hamburgs Gastro-Szene seit Langem eine feste Größe, in den 70ern gründete er die
„Auberge Française“ im Univiertel, die eine Zeitlang
unter Prominenten sehr angesagt und in Besitz eines
Michelin-Sterns war. Seit nunmehr 18 Jahren sorgt
Lemercier mit seinem „Tagesgericht“ für Bistro-Kultur in der Innenstadt, im Verbund mit seinem Sohn
und Juniorchef Nicolas.
Wie nicht anders zu erwarten, ist die Auswahl
denn auch überschaubar, wenn auch inzwischen eher
auf dem gehobenen Niveau einer Brasserie als dem
eines Bistros, wo es traditionellerweise eher drei als
zehn Hauptgerichte gibt. Neben täglich wechselnden
Fisch- und Tagesgerichten birgt das Menü urtypisch
deftige Vorspeisen wie etwa das Lyoner Saucisson
(11,50 Euro), eine Wurstspezialität aus der RhôneStadt im Linsenbett, mit Rotweinessig gedünstet.
Fürs Erste besonders empfehlenswert: Linsen auf
Lachstartar (10,50 Euro), mit einer Orangen-Zitronen-Olivenölsauce verfeinert, sehr erfrischend.
Sodann das Rindercarpaccio (9,50 Euro), dessen
Eigenaroma allerdings für meinen Geschmack zu
sehr von der Kräutersauce überlagert wird. Und in
den Wintermonaten gibt’s Gillardeau-Austern der
Kategorie 4. Die besten der Welt, sagen viele.
Beim Hauptgericht fällt die Wahl leicht auf
das Rumpsteak an exzellenter Pfefferrahmsauce
(18,50 Euro), mit Hausweinbrand abgeschmeckt.
Nicht immer im Programm, aber immer sehr zu
genießen sind die von Küchenchef Stephen Bennett
stets neu komponierten Zandergerichte, etwa die Variante „à la nage“, Zander im Bad sozusagen. Serviert
wird er in einem Olivenöl-Korianderfond nebst Gemüse-Julienne und kleinen festen Kartoffeln. Olivenöl, Zitronen-Orangen-Saucen, immer wieder Linsen
– es ist die schlichte, frische Schmackhaftigkeit, die in
Stephen Bennetts Gerichten stetig wiederkehrt.
Zum Schluss, beim Dessert, die alte Frage: klassisch oder lieber leicht? Auf die karamelisierten
Crêpes Normandes mit eingebackenen Apfelscheiben (7,50 Euro) ist die Bedienung besonders stolz,
aber nach dem Rumpsteak ist ein leichtes Passionsfruchtsorbet (mit Champagner-Wodka-Saft, 6,40 Euro) im Zweifel die bessere Wahl.
Das Angebot der Weine beschränkt sich konsequent auf französische Provenienz, von Muscadetsur-Lie bis Châteauneuf-du-Pape ist alles dabei. Und
der Rosé Crémant (6,50 Euro pro Glas) ist gerade an
wärmeren Tagen eine gute Wahl.
Übrigens, wem es drinnen zu voll ist – man kann im
„Le Plat du Jour“ auch auf der hauseigenen Terrasse
speisen, der kleine Vorplatz wurde verkehrsberuhigt.
Einer lauen Hamburger Sommernacht mit urfranzösischer Prägung steht nichts mehr im Wege.
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Im „Le Plat du Jour“ zelebriert der 76-jährige Jacques Lemercier Pariser Bistro-Kultur in der Neustadt
TEXT: JOCHEN FÖRSTER • FOTOS: THOMAS LEIDIG
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IMPRESSUM
Chefredaktion: Lars Haider (V.i.S.d.P.)
Redaktion: Anika Riegert (verantwortlich)
Art Direction: Julia Wagner
Mitarbeiter dieser Ausgabe: Albrecht Barke, Simone
Buchholz, Hans-Juergen Fink, Jochen Förster, Helmut
Hillger, Oliver vom Hofe, Irene Jung, Sophie Laufer,
Thomas Leidig, Karin Lübbe, Julia Marten, Peter Maus,
Petra Nickisch, Norman Raap, Kirsten Rick, Elisabeth
Schepe, Tom Schulz, Josephine Warfelmann
Konzeption & Realisation:
mar10 media GmbH
Geschäftsführer: Nikolas Marten
Anzeigen (verantwortlich): Dirk Seidel,
Tel. 040/34 72 25 56
Verlag & Druck: Axel Springer AG,
Axel-Springer-Platz 1, 20350 Hamburg
Ausgezeichnet mit fünf „European
Newspaper Awards 2010“
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Sonnabend / Sonntag, 23. / 24. Juli 2011
› GESTERN & HEUTE
Mit viel Gefühl: Ein Toningenieur
sorgt in den Alster Studios dafür,
dass die Bild- und Soundspuren
exakt gleich laufen, um 1948
FOTO: FILM- UND FERNSEHMUSEUM HH
Ohne Worte: Hommage an die
Alster Studios des Münchner
Karikaturisten Ernst Hürlimann
65 JAHRE ALSTER FILM STUDIOS
Ton
Der gute
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ras, Sträucher, ein paar Tannen,
Birken und Ahornbäume, am
Rand der Buchenwald. Ein idyllisch gelegenes Stück Natur am
Ende des Melhopwegs, einer kleinen Sackgasse in Ohlstedt. Zur
Straße hin wird es von einem Metallzaun mit angerosteten Ketten
und schmucken Kugeln auf den Pfählen begrenzt.
Ehe vor ein paar Jahren die Abrissbagger kamen und
alles tilgten, stand auf der Wiese ein Gebäudekomplex, der einst der ganze Stolz der Hamburger Filmindustrie war: Studio 3 und Studio 4 der Firma Alster
Industrie. Heute findet sich dort kein Stein mehr,
nichts erinnert daran. Kein Schild, keine Tafel.
Hier, in den Alster Studios, entstanden die Tonspuren für unzählige Kino- und Fernsehfilme, für
Werbespots, für Schallplatten. Sprache, Geräusche,
Musik, das alles bestmöglich aufzunehmen war das
Geschäft. Und vorne, zur Alten Dorfstraße hin, hatte
die Schwesterfirma Atlantik Film eines der größten
Filmkopierwerke in Deutschland hingestellt. Aber
auch das ist spurlos verschwunden: Seit den frühen
90er-Jahren ist das Gelände eng mit rot geklinkerten
Mehrfamilienhäusern bebaut.
Von den 50er- bis in die 80er-Jahre hinein wurde
hier deutsche Film-, Fernseh- und Musikgeschichte
geschrieben. Damals befand sich der Melhopweg
weitgehend in der Hand eines aus drei Firmen bestehenden Film-Konsortiums. Das Stammhaus der „Alster Film Atelier Breckwoldt & Co.“, wie der vollständige Name des am 1. Mai 1946 von der britischen Militärregierung zugelassenen Betriebs lautete, lag auf
der anderen Straßenseite. Vom Gasthaus der Familie
Bonn am Melhopweg 9 aus, einem kriegsbedingt
reichlich mitgenommenen Ausflugslokal, baute der
Hamburger Kaufmann Wilhelm Breckwoldt mit seinen Kompagnons Franz Wigankow und Bruno Jensen innerhalb weniger Jahre ein hamburgisches
Film-Imperium auf, das sich bald als norddeutsches
Klein Babelsberg begriff.
Man begann mit bescheidensten Mitteln und aus
dem Krieg gerettetem technischen Gerät der UFA,
das die britische Besatzungsmacht nach Ohlstedt geschafft hatte. Die Briten wollten ihre Aufklärungsfilme für die Deutschen in der Sprache der Besiegten
vorführen. Dazu brauchten sie ein Synchronstudio.
Das Kopierwerk der Atlantik logierte bis zum Neubau
im ebenfalls am Melhopweg gelegenen Gasthaus Weber, dessen maroder Fußboden die schweren Maschinen kaum tragen konnte. Als Filmstudio ging der
Tanzsaal des Lokals in die Geschichte ein: Die einzige
Innenszene von Helmut Käutners Drama „In jenen
Tagen“, einem der ersten Nachkriegsfilme, wurde
1947 mit viel improvisatorischem Geschick hier gedreht. Bald jedoch entstanden die Filmaufnahmen in
Hamburgs größeren Studios, und Breckwoldt & Co.
verlegten sich ganz auf die Tonbearbeitung.
D
ie Straßenfeger der 60er-Jahre von Francis
Durbridge bekamen in den Alster Studios ihren Sound, ihre Sprache und ihre Musik, auch
Serien wie „Bonanza“ und „Columbo“ mit Peter Falk
sowie „Knight Rider“, die David Hasselhoff zum Star
machte. Viele große deutsche Schauspieler der Nachkriegszeit arbeiteten hier als Synchronsprecher: Ida
Ehre, Willy Maertens, Heinz Drache, Ruth Leuwerik,
später dann Volker Lechtenbrink und Wolfgang
Kieling, um nur einige zu nennen. Helmut Schmidt
nahm seine Wahlspots auf, Franz Beckenbauer seinen
kannten sich, und man spürte, dass da drin dauernd
etwas gebrutzelt wurde.“ In den 80er- und 90er-Jahren, als die Privatsender kamen, ging Kröger in den
Alster Studios ein und aus – blendend beschäftigt als
Synchronsprecher während des zweiten Booms der
Eindeutschung ausländischer Filme und Fernsehserien. Unvergesslich für Tomas Kröger, wie er als
blutjunger Praktikant vor lauter Aufregung wegen
der Blinddarmoperation seiner Freundin ein Tablett
mit Kaffeegeschirr gegen die Glastür am Eingang
manövrierte. „Was hab ich mich da geschämt.“
Ende 1980 wurden die Alster Studios an den aus
Tschechien stammenden Pornofilmproduzenten
Alan Vydra verkauft. Der steckte Geld und Technik
inks aus dem Fenster konnte ich in den Buchenrein, rüstete das Studio mit damals hochmodernen
wald gucken.“ Richard Borowski, 63, sitzt in
Dolby-Maschinen auf, verspekulierte sich aber anseinem „Loft“-Studio in Bahrenfeld im Regiederswo und musste anderthalb Jahre später Konkurs
stuhl vor einem kommandozentralenartigen Mischanmelden. Hans-Jürgen Wulkow, den Gründervater
pult und erzählt von seinem ersten Arbeitsplatz. Der
Breckwoldt 1946 als Laufbursche angestellt hatte und
Mann ist eine Legende, nicht nur in der Filmbranche.
der Jahre später zum Studioleiter wurde, sanierte
Gleich nach der mittleren Reife, mit 17, fing er als
den Betrieb mithilfe der Belegschaft: „Wir warteten
Tonassistent „bei Alster“ an, wie der überhaupt nicht
geduldig auf den Lohn, deckten sogar das morsche
redselige Tonmann den Laden nennt. Sein Hauptjob
Dach wieder selbst. Wir hielten zusammen wie eine
waren die Musikaufnahmen im Studio 4, das ab 1969
Großfamilie.“ Als ein amerikanischer Investor die
das Ensemble der Alster Industrie komplettierte.
Alster Studios übernahm, heuerte Wulkow ab und
„Wir nannten es das blaue Studio, weil der Fußboden
gründete eine eigene Synchronfirma.
blau war.“ Von neun Uhr an saß Borowski an den Reg1991 übernahm der Münchner Filmunternehmer
lern und Bandmaschinen. Nach Feierabend und am
Bernd Gürtler die Studios. Drei
Wochenende nahm er dann Bands
Jahre lang lief das Geschäft, dann
wie die Scherben auf, Ougenweimachten die Studios zu. Kleine
de, Jutta Weinhold, Leinemann
Firmen nutzten das Gelände noch
und andere Helden der Hambureine Zeitlang, bis ein Nachbar
ger Szene. Oft bis morgens früh
von gegenüber das ganze Gelände
um fünf. „Ich konnte da machen,
kaufte: Manfred Bogdahn, dem die
was ich wollte. Das war eine tolle
Welt die Erfindung der FlexiZeit.“ Geld hat er dafür nicht geHundeleine verdankt. Erst vor
nommen, die Musiker mussten
Kurzem ist er vom Melhopweg
nur Studiomiete bezahlen. „Mir
weggezogen.
hat das Spaß gemacht.“
„Das Gelände, wo die Studios
„Richard Borowski hat mich
standen,
sollte wohl mal eine Reitdamals eingewiesen. Er war un„Nur durch die richtige
bahn
für
seine Kinder werden“,
heimlich freundlich zu mir“, erinTonmischung wird ein
erinnert sich Günther Naumann,
nert sich Tomas Kröger, 62 und
Film erst lebendig“
der sein Ohlstedt von klein auf
ebenfalls ein Veteran der Alster
kennt. In der Alten Dorfstraße
Studios. Mit 18 ging er für ein paar
Artur Jung, 51, Chefredakteur
führt er den seit über 50 Jahren
Monate als „Tonassistenten- und
der Filmzeitschrift „Cinema“
am Ort ansässigen väterlichen
Aufnahmeleiter-Praktikant“ in
Elektrohandel weiter. „Wer da mal
die Ohlsdorfer Tonschmiede, für
baut, muss den Boden abtragen und da alles entsormonatlich 125 Mark Ausbildungsbeihilfe. Die Argen. Als Kinder haben wir hinten am Wald aus der
beitsbescheinigung, grüne Schrift auf gelblichem PaMüllkuhle Filmrollen geholt. Ich hatte mir einen
pier, hat Kröger aufgehoben. „Ich hab da sehr viel
Durchziehsatz gebaut, mit einer Lampe, und dann
gelernt, was mir heute noch nützt“, sagt Kröger, der
haben wir da die Filmreste angeguckt. Davon liegt besein Leben lang das freie, risikobehaftete Dasein eistimmt immer noch haufenweise was unter der Erde.
nes Freelancers geführt hat. Im Heimstudio arbeitet
Das Zeug verwittert ja nicht.“
er zurzeit am Computer an einer selbst produzierten
Zelluloid hält länger als Beton. Und eine Legende
CD mit eigenen Songs. „Das Alster Studio hatte so
braucht kein Haus, um lebendig zu bleiben.
eine Aura von Kreativität. Das war sehr familiär, alle
L
FOTO: THOMAS LEIDIG
Die Alster Studios Ohlstedt, 1946 gegründet: Hier wurde
„Bonanza“ synchronisiert, und „Das Boot“ erhielt seinen
preisgekrönten Sound. TOM SCHULZ hat gut zugehört
Werbespot für Knorr-Suppen („Kraft in den Teller,
Knorr auf den Tisch!“). Legendär ist die Fantasie der
Geräuschemacher, die etwa zu den Bildern einer
Bootsfahrt und in den Dollen knarrenden Rudern mit
einer Hand in einem Waschzuber plätscherten und
mit der anderen ein Stuhlbein über eine Holzkante
drückten. Das Mikrofon gaukelte dem Ohr täuschend
echt die Bootsfahrt vor.
Ein 50-Mann-Orchester unter Rolf Kühns Leitung
spielte hier die Musik zum Duft der großen, weiten
Welt von „Peter Stuyvesant“ ein. Und Rio Reiser sang
im Studio 4 an Ostern 1972 die unvergessene Anarcho-Hymne „Keine Macht für Niemand“ fürs zweite
Album der Band Ton Steine Scherben. Allein dafür
schon wäre eine Gedenktafel fällig. Manches die
Identität der Bundesrepublik Deutschland prägende
Stück Musik entstand in den Alster Studios.
Tonkünstler: Richard Borowski, 63,
heute im „Loft“, nahm im Alster
Studio Legende Rio Reiser auf (o.)
Stimmkünstler: Tomas Kröger,
62, ging als Synchronsprecher
„bei Alster“ ein und aus (M.)
FOTOS: THOMAS LEIDIG (2)
SERVICE
» Das Film- und Fernsehmuseum
Hamburg bietet auf seiner Website
nicht nur einen ausführlichen Hintergrundartikel zur Geschichte und den
Machern der Alster Studios. Das
Internetportal ist eine wahre Fundgrube für Unterhaltsames und
Historisches zur Film- und Fernsehstadt Hamburg: berühmte und kaum
bekannte Filme, die hier entstanden,
Drehorte, Kinos, Branchenpersönlichkeiten, technische Geräte u. v. m.
www.filmmuseum-hamburg.de
» Best of Alster Studio In Ohlstedt
sind zahlreiche Film-, TV- und Musikklassiker vertont bzw. aufgenommen worden. Eine kleine Auswahl:
In jenen Tagen: Helmut Käutners
beeindruckender Trümmerfilm von
1947 entstand im zerstörten Hamburg und erhielt in den Alster Studios seine Tonabmischung.
Über www.amazon.de, um 10 Euro
Bonanza: Die ersten 100 Folgen
der Westernserie wurden in den
60ern in Ohlstedt vertont. Friedrich
Schütter vom Ernst Deutsch Theater sprach Rancher Ben Cartwright,
Horst Breitenfeld, Horst Stark und
Thomas Pieper die drei Söhne: den
dicken Hoss, Adam und Little Joe.
Staffel 1 (8 DVDs) über
www.amazon.de, um 33 Euro
Das Boot: Wolfgang Petersens
Drama ging den Deutschen 1981
tief unter die Haut – auch dank des
klaustrophobischen Sounds, der in
den Alster Studios gemixt wurde
und für den es 1983 verdientermaßen eine Oscar-Nominierung gab.
Über www.amazon.de, um 8 Euro
VIII
› STIL & LEBEN
Sonnabend / Sonntag, 23. / 24. Juli 2011
MARKENMACHER
Meisterlich: Fährt auf „Stevens“
ab – Olympiasiegerin Marianne Vos
FOTOS: ISTOCKPHOTO, PRIVAT
Hamburger
Radhaus
Eine Partie ins Grüne macht man am besten per
Rad – und am allerbesten auf einem Modell
von „Stevens“, der Firma der Brüder von Hacht
A
AILEEN PUHLMANN, 29, ist seit
2009 als Entwicklungshelferin mit
der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)
im südafrikanischen East London.
Wale beobachten ist eine meiner
Lieblingsbeschäftigungen, und
das kann man hier im Ostkap
Südafrikas hervorragend. Die
Strände sind wild, unberührt und
wunderschön. Seit fast zwei Jahren bin ich hier als Beraterin für
Tourismusförderung tätig.
TEXT: SOPHIE LAUFER
uf dem Parkplatz in der Firmenzentrale von Stevens Bikes in Billstedt herrscht oft gähnende Leere. Ganz anders sieht das bei den Fahrradstellplätzen aus. Die sind meist gut besucht – und das nicht nur bei
Sonnenschein: Fast alle Mitarbeiter des Hamburger Unternehmens sind begeisterte Hobbyradler, einige von ihnen
sogar ambitionierte Rennfahrer. „Dabei ist das gar keine
Einstellungsvoraussetzung bei uns“, sagt Firmengründer
und Inhaber Werner von Hacht und lacht schelmisch. Er
selbst kommt heute eher selten mit dem Fahrrad angefahren. „Das bringt doch keinen Spaß, wenn es regnet oder kalt
ist. Aber trotzdem beobachte ich zu gern von meinem Fenster aus, wie abends alle mit dem Rad vom Hof fahren – auch
wenn es noch so schüttet.“ Da ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Werner von Hacht seinen Mitarbeitern Duschen
und Umkleiden zur Verfügung stellt.
Auch wenn Zweirad-Fanatismus bei Stevens keine Pflicht
ist, so erleichtert er doch die tägliche Arbeit: Seit 21 Jahren
stellt das Unternehmen Räder in allen Formen und Größen
her. Mountainbikes, Rennmodelle, Treckingräder, aber
auch Kinder- oder Stadträder. Seinen Ursprung hat die
Firma im Fahrradfachhandel von Werner von Hacht und
Bruder Wolfgang. Mit gerade einmal 500 Mark Startkapital
machten sich die beiden ehemaligen Radrennfahrer 1978
selbstständig. Kauften hochwertige Fahrradteile und boten
sie Interessierten an – und waren bereits nach wenigen Tagen ausverkauft. Schnell wurden die beiden Brüder Fachhändler, die diverse Marken und einen Reparaturservice
anboten. „Und dann haben wir überlegt, eine eigene Radmarke zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Schließlich haben wir jeden Tag erlebt, wo es bei den anderen Anbietern hakte, und konnten gut beurteilen, wo Verbesserungsbedarf herrschte“, sagt der 59-Jährige.
So entstand 1990 die Marke Stevens – ein Name, der ihnen einen guten Start auch in den internationalen Markt
ermöglichen sollte. Im ersten Jahr fertigten, verarbeiteten
und verkauften sie 800 Räder. Heute sind es rund 85000 –
Brüderlich: 1978 gründeten Wolfgang und Werner
von Hacht (v. l.) mit 500 Mark ihren RadsportLaden. Heute produzieren der 59-jährige Werner (r.)
und sein Bruder mit „Stevens“ eigene Modelle
und es werden immer mehr. „Ein Rad ist glücklicherweise
ein Gebrauchsgegenstand, wie ein Auto“, sagt der Firmengründer. „Und wenn ich sehe, was hier auf den Straßen noch
so herumfährt, gibt es immer noch jede Menge Bedarf.“
Allerdings, so von Hacht, gibt es seine Räder nur im Fachhandel. Und das wollen die Brüder auch nicht ändern.
Die Modelle der Hamburger gibt es in allen Preisklassen.
Für rund 500 Euro sind die Einstiegsmodelle zu haben, die
meistverkauften Räder liegen im Preissegment zwischen
1200 bis 2000 Euro, und hochpreisige Exemplare kosten
zwischen 3500 und 4000 Euro. „Nach oben sind aber gerade
bei Spezialanfertigungen oder Profirädern eigentlich keine
Grenzen gesetzt.“ Deutschland ist bis heute der wichtigste
Absatzmarkt für Stevens, rund 500 Fachhändler beliefert
das Unternehmen. Weltweit ist Stevens in 32 Ländern vertreten, neu hinzugekommen sind in diesem Jahr Australien
und Spanien. „Sogar nach Taiwan liefern wir Räder, dabei
werden dort wichtige Teile von uns eigentlich hergestellt“,
erklärt Werner von Hacht.
Die Stevens-Produkte entstehen rund um den Globus. So
kommen die Rahmen aus Asien, Laufräder aus Frankreich,
Lenkerband und Sättel aus Italien und die Reifen aus
Deutschland. Zusammengebaut werden sie allerdings zu
85 Prozent in der Bundesrepublik, und zwar in Niedersachsen sowie in einer ostdeutschen Produktionsstätte. In der
Hamburger Zentrale wiederum stellen Mitarbeiter die
Königsklasse her, die so genannten Custom-Made-Modelle.
Das sind Traumräder, die sich die Kunden individuell zusammengestellt haben. Hier in Billstedt sitzen zudem Vertrieb, Buchhaltung und die Geschäftsleitung von Stevens,
insgesamt 50 Männer und Frauen.
Trotz dieses großen Erfolges freut sich von Hacht auch
heute noch über jeden sonnigen Tag, über jeden warmen
Sommer. „Unser Geschäft ist ganz eng an die Wetterbedingungen gekoppelt“, erläutert der Schönwetter-Unternehmer, der noch nie rote Zahlen geschrieben hat. „Das ist wie
mit der Eisdiele, auch wenn es irgendwie irrational klingt.
Sobald die Sonne scheint, kaufen die Menschen Räder.“
Kontakt
» Radsport von Hacht,
Einzelhandel, Breitenfelder Str. 9,
Tel. 48 06 04 17, Mo – Mi 10 – 19,
Do / Fr 10 – 20, Sa 10 – 15 Uhr,
www.radsportvonhacht.de
» Stevens Bikes,
Asbrookdamm 35, Tel. 716 07 00,
www.stevensbikes.de
MEIN STYLE-TRIO
Grüne Guerilla
Sänger und Gitarrist Benjamin Jean Gabí, 27,
(Homesick Astronauts) isst in Teufels Küche,
trägt Strickjacken und zupft Zebra-Saiten
W
Sie legen Wert auf handgemachte Musik, auch mit ElektroAkustik-Gitarren: Welche Rolle spielt die richtige Saite?
Die Wahl der Saiten ist eine ganz eigene Philosophie.
Nachdem mir George, der einen Musikladen in Eimsbüttel
betreibt, die „DR Zebra“-Gitarrensaiten ans Herz legte, bin
ich dabei geblieben. Vielleicht hat mich aber auch einfach
die Optik der Verpackung neben dem Klang überzeugt.
Warm verpackt: Maloja
Albula Hoodyjacket, bei Hai Q,
Hegestr. 27, um 280 Euro
FOTOS: CORNELIUS M. BRAUN
Sie treten gerne an ungewöhnlichen Orten
auf, zuletzt vor 1500
Besuchern an einem
Sylter Strand: Wie
wappnen Sie sich gegen Wind und Wetter?
Maloja ist seit einiger
Zeit meine absolute
Lieblingsmarke, und
ich schätze den eigenen Style der Klamotten. Bei Hai Q bin ich
auf die Jacke gestoßen. Und nach einer
Session auf dem Wasser wärmt der Hoody
einen gut auf – auch
wenn’s weht wie Sau.
Zart besaitet: „DR Zebra“Gitarrensaiten bei Georges
Music-Shop, Gärtnerstr. 105,
um 12 Euro
Die Wochenvorschau
MONTAG
KINDER: Folgt dem Wassertropfen! „Meine Heimat – unser
blauer Planet“ ist eine lehrreiche
Reise unter der Sternenkuppel.
Planetarium, ab 4 Jahre, 11 Uhr.
KONZERT: In der Reihe „Jakob
Dreyer’s SoUND mal anders“ lädt
der vielfach ausgezeichnete Bassist
Gastmusiker ein und stellt seine
Musik und einzigartige Spielweise
vor. Hafenbahnhof, 21.30 Uhr.
DIENSTAG
SHOW: Die Tanzsensation
Tango Seducción verblüfft mit
beeindruckender Körperkunst von
19 argentinischen Artisten, Tänzern,
Musikern und Sängern. Premiere.
Fliegende Bauten, 20 Uhr.
MUSICAL: Die „Rocky Horror
Show“, die extravaganteste Rockoper aller Zeiten, gastiert im Schauspielhaus, 20 Uhr, bis 21.8.
Ich hatte Glück und war schon
während der Fußball-WM 2010
hier und live bei einigen Spielen
– ein unglaubliches Erlebnis.
Deutschland gegen Ghana war
mein Highlight, da mein Vater
aus Ghana stammt. Als gegen
Ende des Spiels klar wurde, dass
beide Teams weiter sind, hat Soccer City gefeiert, als wären alle
Weltmeister, das war einmalig.
Lustigerweise bin ich von der
Arbeit aus öfter in Hamburg, Südafrika, einem kleinen verschlafenen Ort am Meer, hier ganz in der
Nähe, mit dem schönsten Strand
der Welt, und jedesmal wenn ich
am Ortsschild vorbeifahre, da
lächle ich leise in mich hinein.
zeug – sprengen die Großen, vermeintlich Starken – Steine, Ziegel, Beton. Im
Haus gegenüber ist eine zarte Guerilla
unterwegs.
Neulich war ich beim NDR. Ich war
ein bisschen verunsichert, denn das
war so gar nicht meine Welt. Mächtige
Leute saßen da in repräsentativen Räumen, und sie redeten in einer Sprache,
die ich nicht verstand. Also kuckte ich
wieder mal aus dem Fenster, so wie ich
das immer mache, wenn ich nicht richtig weiter weiß. Und ich sah: Vor dem
Fenster, direkt hinter der einschüchternd großen Senderanstalt, pütschert
doch tatsächlich ein Schrebergarten.
Klebt da wie urbanes Unkraut am öffentlich-rechtlichen Beton, das freche
Ding. Meine Seele musste kichern. Ich
fühlte mich sofort besser.
ILLUSTRATION: JOSEPHINE WARFELMANN
Scharf angebraten: Merguez
mit Schalotten-BalsamicoJu, „Teufels Küche“, Ottenser
Hauptstr. 47, um 10 Euro
as ich im Fernsehen am liebsten sehe, sind übertriebene
Dokumentationen. So verrücktes Zeug mit animierten Dinosauriern oder Naturkatastrophen, die New
York vernichten. Mein Favorit: was mit
der Erde passiert, wenn der Mensch
verschwindet. Wie schnell die Natur
die Macht übernimmt. Da wachsen
plötzlich Bäume in Hochhäusern.
Daran muss ich oft denken, wenn ich
aus dem Wohnzimmerfenster schaue
und das bröckelige Haus von gegenüber sehe. Hellgrüne Fassade, weißer
Stuck, früher. Das Haus steht seit mindestens einem Jahr leer. Alle mussten
raus, Achtung, hier ist was baufällig.
Zack, keine Menschen mehr da. Jetzt
soll es saniert werden, irgendwann. Und
auch wenn es nicht so spektakulär läuft
wie in diesen Dokumentarfilmen – die
Natur hat das Haus längst übernommen. Ist richtig übergriffig geworden.
Hinter den kaputten Fenstern im Treppenhaus nisten Vögel. Auf dem löchrigen Dach wächst Gras, hier und da ein
Büschel. Im Schornstein wohnt eine
Elster, wenn ich das richtig verfolgt habe. Und auf den Fensterbänken, das ist
jetzt kein Witz, blüht der Löwenzahn.
Als wäre Peter Lustig persönlich vorbeigekommen und hätte gepflanzt.
Ich finde das ganz hervorragend. Es
kitzelt mein Rebellenherz. Mein Arbeiterkind-Ich. Die Kleinen, vermeintlich
Schwachen – Blumen, Federn, Grün-
Das Ostkap ist eine der am unterentwickeltsten Provinzen des
Landes, und für jemanden, der
Kapstadt oder Johannesburg
kennt, ist es unmöglich zu verstehen, wieso der Entwicklungsprozess hier so langsam vorangeht.
Ich bin bei einer Agentur
tätig, die mit gezielten
Interventionen versucht,
die Wirtschaft in den
vielen Kleinstädten
rund um East London
anzuregen und so eine
nachhaltige Entwicklung
einzuleiten. Meine Arbeit
bringt Spaß, da ich mit der Politik,
dem privaten Sektor, aber auch
den Menschen dieser vielfältigen
Gesellschaft zu tun habe. Gleichzeitig hat das Land eine unglaubliche Vielfalt und bietet ungeahnte Reisemöglichkeiten, die ich bei
jeder sich bietenden Gelegenheit
wahrzunehmen versuche.
Seit acht Jahren lebe ich nicht
mehr in Hamburg, da ich in London studiert habe, aber freue
mich dennoch immer, wenn ich
nach Hause kommen kann. Denke ich an Hamburg, habe ich die
Binnenalster und die sprühende
Fontäne vor meinen Augen. Mindestens einmal im Jahr besuche
ich Freunde und Familie. Ich weiß,
eines Tages komme ich zurück in
die schönste Stadt der Welt.
SIMONES
STADTGEFLÜSTER
Völlig bodenständig
Wenn Sie auswärts essen gehen, lieber edel oder rustikal?
Sehr rustikal sogar. Das Ambiente von „Teufels Küche“ gefällt mir. Als ich auf das Bistro gestoßen bin, war ich nach
dem Probieren der Merguez (scharf gewürzte HackfleischBratwurst) sofort begeistert. Nach einem Bummel durch
Ottensen definitiv der beste Ort, um sich zu stärken.
Südafrika
Kolumne
» Hier schreiben im wöchentlichen
MADE IN HAMBURG
Blühendes Denkmal:
Loki Schmidt († 2010)
stellte seit 1980 jeden
Herbst die „Blume des
Jahres“ vor – damals
war es der Lungen-Enzian –, die sie in ihrem
Buch liebevoll porträtierte (Hoffmann und
Campe, 2003, 128 S.).
Wechsel Maike Schiller – zurzeit
in Babypause und vertreten von
der Hamburger Autorin Simone
Buchholz – und Joachim Mischke.
Loki Schmidt: Die
Blumen des Jahres,
www.amazon.de,
14,90 Euro
25. – 31. JULI
MITTWOCH
LESUNG: Robert Cohn, der
schwärzeste bunte Hund, der je
geschrieben hat, liest seine bizarr
entrückten Geschichten im Biergarten des Belami, 20.30 Uhr.
COMEDY: Für „Oh Alpenglühn!“
begeben sich die stimmstarken
Komödianten Carolin Fortenbacher
und Nik Breidenbach auf eine
irrwitzige musikalische Bergtour.
Schmidt Theater, 19 Uhr.
DONNERSTAG
KONZERT: Die Hamburger Symphoniker spielen unter der Leitung
von Marius Stieghorst „Broadway’s
Greatest“. Rathaus, Innenhof (bei
schlechtem Wetter in der Handelskammer). 19.30 Uhr.
THEATER: Die „Elfen im Park“
spielen „Der Nibelungen-Clan –
ein Ritterschauerepos“. Picknickkorb und Klappstuhl mitbringen!
Wohlerspark, 20 Uhr.
FREITAG
FÜHRUNG: Bei der „Turmbesteigung zur Blauen Stunde“ liegt
einem Hamburg zu Füßen. Hauptkirche St. Petri, 19 – 23 Uhr.
HUMMELFEST: Sommerdom!
31 Tage lang Karussellvergnügen
und Attraktionen, Nervenkitzel und
gebrannte Mandeln auf dem
Heiligengeistfeld. Feuerwerk um
22.30 Uhr. Bis 28.8.
SONNABEND
SHOW: Zur „Pride Night: Trau
Dich! Zeig Dich! Out ist In“ sorgen
Kim Fischer, Anna Depenbusch u. a.
für ein pink-buntes Programm …
Fliegende Bauten, 19.30 Uhr.
OPEN AIR: Beim „15. Welt-AstraTag“, dem Live-Event ums Kiezbier, rocken ab 13 Uhr im Namen
der Knolle bis Mitternacht Rockund Alternative-Bands die Bühne
an den Landungsbrücken.
SONNTAG
FAMILIE: Es summt und brummt
beim „Imkertag“ im Freilichtmuseum Kiekeberg. Wie entsteht
Honig? Imker geben Auskunft –
und es gibt frisch geschleuderten
Honig zum Probieren. 10 – 18 Uhr.
KLASSIK: „Familienbande“ ist
das Thema der 66. Sommerlichen Musiktage in Hitzacker. Bis
7.8., www.musiktage-hitzacker.de
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Seele and Geist
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