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Macht macht was – Chance und Missbrauch - AcF

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Volker Kessler
Macht macht was –
Chance und Missbrauch
Macht fasziniert. Allein der Begriff zieht manche an und stößt andere ab. Wir schauen uns dieses Thema im Folgenden aus drei Blickwinkeln an, um dem Phänomen der Macht auf die Spur zu kommen
und praktische Konsequenzen ziehen zu können:
1. biblisch-theologisch,
2. soziologisch und
3. interkulturell.
Dr. Dr. Volker Kessler,
Jahrgang 1962,
ist Mathematiker und Theologe.
Er ist verheiratet und hat vier Kinder.
Nach zwölf Jahren in einem
internationalen Groß­unternehmen
leitet er seit 1998 die
Akademie für christliche Führungs­kräfte.
Ferner ist er Studienleiter der
Gesellschaft für Bildung und Forschung
in Europa (GBFE) und beim
Studienzentrum des Schloss Mittersill.
Er publizierte mehrere Bücher im
In- und Ausland, u. a. „Die Machtfalle“
sowie „Kritisieren ohne zu verletzen“.
Drei Blickwinkel
Vorbemerkung: Was ist Macht?
Macht und Ohnmacht werden gerade in Kriegszeiten besonders intensiv erlebt. So stehen auch drei bekannte Veröffentlichungen zum
Thema Macht im Kontext der beiden Weltkriege. Eine inzwischen
klassische Definition von Macht stammt von dem deutschen Sozio­
logen Max Weber (1864–1920), veröffentlicht 1921 kurz nach dem
Ersten Weltkrieg: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber 1980: 28).
Definition von
Max Weber
1938, in Vorahnung des kommenden Zweiten Weltkrieges, widmet
der englische Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell (1872–
Der Begriff bei
Bertrand Russell
72
Mit Werten Zukunft gestalten Geistliche Perspektiven
1970) dem Phänomen Macht ein eigenes Buch. Er definiert Macht
als „Hervorbringen bestimmter Absichten“ (Russell 1973: 29).
Die Sicht von
Romano Guardini
Nach dem Zweiten Weltkrieg ist man verschreckt über den erlebten
Machtmissbrauch und über die in der Atombombe sichtbar gewordene Macht zur Zerstörung. In diese Verunsicherung hinein schreibt
1951 der italienisch-deutsche Religionsphilosoph Romano Guardini
(1885–1968): „Die Macht ist aus sich heraus weder gut noch böse,
sondern empfängt ihren Sinn erst aus der Entscheidung dessen, der
sie braucht. … So bedeutet Macht ebensoviel Möglichkeit zum Guten
und Positiven, wie Gefahr zum Bösen und Zerstörenden“ (Guardini
1955: 20). Guardini sieht Macht als „Fähigkeit, Realität zu bewegen“
(Guardini 1955: 16).
Macht als Zustand
Diese Wissenschaftler gelangen zu ähnlichen Definitionen von Macht.
Macht ist eine Durchsetzungsmöglichkeit, also in erster Linie ein Zustand und keine Aktivität. Es kommt nicht darauf an, dass Macht
tatsächlich eingesetzt wird. Häufig wirkt Macht schon dadurch, dass
andere wissen, der Mächtige könnte dies oder jenes tun. Übrigens hatten alle drei Wissenschaftler verschiedene Glaubens­überzeugungen:
Max Weber war evangelisch geprägt, Bertrand Russell bekennender
Atheist und Romano Guardini römisch-katholischer Priester.
1. Macht aus biblisch-theologischer Sicht
Der Machtauftrag
Gottes
Gottebenbildlichkeit
Bei allem Wissen um Machtmissbrauch ist dennoch grundsätzlich
festzustellen: Der Mensch hat Macht, weil Gott ihn so gemacht hat.
Von daher kann Macht nicht grundsätzlich schlecht sein. Der Schöpfungsbericht verbindet die Erschaffung des Menschen unmittelbar
mit dem Auftrag zu Herrschen: „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die
Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das
Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf
Erden kriecht“ (Genesis 1, 26).
Welche hohe Aussage über den Menschen: Der Mensch ist im Bilde
Gottes geschaffen. Es gibt wohl kaum einen theologischen Begriff,
Volker Kessler: Macht macht was – Chance und Missbrauch
73
über den so viel spekuliert wurde, wie über die „Gottebenbildlichkeit“ (imago dei). An den wenigen Stellen des Alten Testaments, die
explizit den Ausdruck „Bild Gottes“ verwenden (Genesis 1,26.27;
5,3; 9,6), steht im Hebräischen der Ausdruck selem, welcher wörtlich „Statue, Bildsäule“ bedeutet. Eine Statue eines Herrschers steht
stellvertretend für den Herrscher. Wenn nun laut Genesis 1,26a der
Mensch im Bild (selem) Gottes erschaffen wird, ist gemeint: Er ist als
Stellvertreter Gottes geschaffen – und als solcher herrscht er über die
Erde, wie Vers 1,26b unmittelbar erklärend hinzufügt. „In der Herrschaft über die Erde und die Tierwelt ist der Mensch der irdische
Stellvertreter Gottes“, kommentiert 1934 der jüdische Theologe Benno Jacob (2000: 59) diesen Vers treffend. Auch Psalm 8,7–9 erinnert
daran, dass Gott den Menschen zum Herrn über die Schöpfung gemacht hat.
Zur Funktion der stellvertretenden Herrschaft gehört auch die Fähigkeit, diese auszuüben: „In dieser Machtbegabung, in der Fähigkeit, sie
zu gebrauchen, und in der daraus erwachsenden Herrschaft besteht
die natürliche Gottebenbildlichkeit des Menschen (…) Der Mensch
kann nicht Mensch sein und außerdem Macht üben oder es auch nicht
tun; sondern sie zu üben, ist ihm wesentlich“ (Guardini 1955: 31).
Machtausübung
gehört zum Wesen
des Menschen
Der nachfolgende Vers (Genesis 1,27) „Und Gott schuf den Menschen
zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann
und Frau“ zeigt deutlich, dass dieser Herrschaftsauftrag dem Menschen an sich, also beiden Geschlechtern, Mann und Frau, gilt. Beide
sind Gottes Ebenbilder und damit Gottes irdische Stellvertreter (siehe
dazu auch Kessler und Marsch 2007).
Der Herrschaftsauftrag
gilt Mann und Frau
Das Wissen darum, dass menschliche Macht aus der Gottebenbild­
lichkeit resultiert, ermutigt dazu, diese Macht guten Gewissens auch
wahrzunehmen. Aber sie zeigt auch die Verantwortung, einerseits
für das Herrschaftsgebiet, denn Herrschaft impliziert nach altorientalischem Verständnis immer auch Verant­wortung für die Untergebenen, andererseits gegenüber dem Geber der Verantwortung. Guardini (1955: 32) schreibt dazu: „Wenn die menschliche Macht und die
daraus kommende Herrschaft ihre Wurzel in der Ebenbildlichkeit zu
Gott hat, dann ist die Macht dem Mensch nicht aus eigenem Recht,
in Autonomie, sondern als Lehen zu eigen. Er ist Herr von Gnaden
Doppelte
Verantwortung
74
Volker Kessler: Macht macht was – Chance und Missbrauch
75
und soll seine Herrschaft in Verantwortung gegen den ausüben, der
Herr von Wesen ist. Dadurch wird die Herrschaft zum Gehorsam,
zum Dienst“. Als Gottes Stellvertreter hat der geschaffene Mensch
Herrschaft und Macht. Als Gottes Stellvertreter übt der Mensch diese Herrschaft und Macht immer in Verantwortung gegenüber Gott
aus.
Je nach Lebenslauf ist man dem Begriff Macht gegenüber sehr kri­
tisch. In einer Gemeinde meinte eine Person: „Wir wollen nicht Macht,
sondern Vollmacht.“ Dies klingt sehr geistlich – aber nur auf den ersten Blick. Lukas 4,36b berichtet, dass Jesus Vollmacht und Macht hatte: „Was ist das für ein Wort? Er gebietet mit Vollmacht (exousia) und
Kraft (dynamis) den unreinen Geistern und sie fahren aus.“
Macht und Vollmacht
Klare Grenzen
Gott setzt für die Herrschaft, die er dem Menschen gibt, auch klare
Grenzen. So darf zum Beispiel ein Mensch nicht so über einen anderen Menschen verfügen, wie er über ein Tier verfügt, weil eben auch
der andere ein Bild Gottes ist.
Wichtiger Unterschied
Gottebenbildlichkeit
ging nicht verloren
Der zweite Teil von Genesis 9,6 zeigt, dass die schöpfungsgemäße
Gottebenbild­lichkeit nicht durch den Sündenfall (Genesis 3) verloren ging. Die Stellvertreterfunktion gilt auch heute für jeden Menschen, im Unterschied zur Christuseben­bildlichkeit, welche Paulus
im Neuen Testament beschreibt und die sich nur auf die ChristusGläubigen bezieht (Für eine ausführliche Erörterung der Gottebenbildlichkeit siehe zum Beispiel Scheffzyk 1969, Kessler 2004: 197–238.).
Der Unterschied ist von wesentlicher Bedeutung:
Das griechische Wort dynamis bezeichnet die Fähigkeit, das Können, etwas zu tun. Es wird mit Gewalt, Kraft oder Macht übersetzt.
Das griechische Wort exousia bezeichnet hier die Berechtigung,
die Erlaubnis, etwas zu tun, und wird dann mit Vollmacht übersetzt.
Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Ein Bankräuber hat die
Macht, das Geld zu bekommen, aber keine Vollmacht. Die bettlägerige Großmutter mag vielleicht eine Vollmacht über mein Konto
haben, aber sie hat keine Macht, zur Bank zu gehen und das Geld
wirklich abzuheben.
Ein Beispiel
Jesus hatte Vollmacht und Macht – und gab beides an seine zwölf
Jünger weiter: „Als er aber die Zwölf zusammengerufen hatte, gab er
ihnen Kraft (dynamis) und Vollmacht (exousia) über alle Dämonen
und zur Heilung von Krankheiten.“ Die Alternative „Vollmacht statt
Macht“ ist also keine biblische. Vollmacht und Macht sollten wie bei
Jesus und den Zwölfen zusammen gehen.
Keine Alternative
Von Jesu Verhalten im Garten Gethsemane und auf dem Hügel
Golgatha können wir auch lernen, dass es um eines höheren Zieles
wegen, hier die Erlösung der Menschheit, sinnvoll sein kann, seine
Macht manchmal nicht einzusetzen.
Sinnvoller
Machtverzicht
Mit Werten Zukunft gestalten Geistliche Perspektiven
Rechenschaft
über den Gebrauch
Jede menschliche Macht, auch die über andere Menschen, ist von
Gottes Macht abgeleitet (siehe auch Römer 13,1). Gott wird von den
Mächtigen dieser Welt Rechenschaft fordern über den Gebrauch der
Macht, die er ihnen verlieh.
Macht darf nur Mittel
sein, niemals Ziel
Macht darf niemals Ziel sein, sondern immer nur Mittel. Wer Macht
als Ziel anstrebt, begeht eine Zielverfehlung und damit eine Sünde.
„Wer Macht als Ziel anstrebt, sieht in ihr nicht das Geschöpf Gottes,
sondern beginnt sie zu vergötzen, sich an sie zu binden und sie für
fremde Zwecke zu missbrauchen“ (Kiechle 2005: 10). Wer Macht als
Ziel anstrebt, wird irgendwann machtsüchtig. Wie man Machtsüchtige erkennt und mit ihnen umgeht, ist an anderer Stelle ausführlich
beschrieben (Kessler & Kessler 2004).
Anlässe für den
Machtgebrauch
Wann darf man Macht als Mittel einsetzen? Auf eine kurze Formel
gebracht: Ein Machteinsatz ist dann legitim, wenn er entweder Gutes
bewirkt oder Böses verhindert. Auch wenn im Einzelfall manchmal
schwer zu entscheiden ist, was als gut oder böse anzusehen ist, so gibt
diese prägnante Kurzformel zumindest eine Richtung vor.
2. Macht aus soziologischer Sicht
Die Soziologie untersucht das Phänomen der Macht zwischen Menschen. Laut Russell (1973: 10) ist Macht der Fundamentalbegriff in
Macht ist ein
Fundamentalbegriff
76
Mit Werten Zukunft gestalten Geistliche Perspektiven
den Gesellschafts­wissenschaften analog zu dem Fundamentalbegriff
Energie in der Physik. „Die Gesetze der sozialen Dynamik können
allein – so behaupte ich – in Begriffen der Macht in ihren verschiedenen Formen ausgedrückt werden“ (Russell 1973: 12).
Zur Machtausübung
gehören immer zwei
Macht als sozialer Prozess
Schon Webers Definition aus dem Jahre 1921 zeigt, dass Macht eine
soziale Beziehung voraussetzt (siehe oben). „Macht ist ein sozialer
Prozess zwischen Personen oder Personen­gruppen“ (Hentze u.a.
1997: 389). Zum Machtausüben gehören immer zwei – ein Machtinhaber („Ober“) und ein Machtunterworfener („Unter“) – und
zwischen beiden muss eine soziale Beziehung bestehen. Wenn zwei
einfache Bürger aus Deutschland und Sri Lanka keine soziale Beziehung zueinander haben, kann keiner von beiden Macht über den
anderen ausüben.
Ober und Unter
Volker Kessler: Macht macht was – Chance und Missbrauch
77
Dass auch der Unter Macht hat, kann nicht deutlich genug betont
werden. Viele halten sich für ohnmächtig, obwohl sie es nicht sind.
Sie geben die Verantwortung mit den Worten ab: „Ich kann es ja eh
nicht ändern“ und beklagen sich jahrelang über ihren Vorgesetzten,
ihre Kollegen oder ihren Gemeindeleiter. Diese Menschen sehen
nicht, dass sie eine Wahl haben. Sie könnten zum Beispiel ihre Arbeitstelle kündigen. Vielleicht gibt es gute Gründe, dies nicht zu tun.
Aber dann entscheidet man sich bewusst, nicht zu kündigen. Man
trifft eine Wahl.
Niemand ist völlig
ohnmächtig
Verschiedene Machtbasen
Macht kann auf unterschiedliche Art und Weise ausgeübt werden:
Ich kann versuchen, jemanden mit Gewalt zu zwingen, oder ich
kann versuchen, ihn zu überzeugen. Ferner ist zu unterscheiden, ob
sich die Macht aus Eigenschaften der Position ableitet, die eine Person innehat (positionale Macht) oder aus Eigenschaften der Person
selbst (personale Macht).
Mehrere Arten
von Macht
Ober
Die Macht des Unter
Machtbeziehungen sind ihrem Wesen nach asymmetrisch. Die Bezeichnungen „Ober“ und „Unter“ sind dem bayrischen Schafkopfspiel entlehnt und da gilt ganz klar: „Ober sticht Unter“. Der Ober
hat mehr Macht über den Unter als umgekehrt.
Allerdings ist zu beachten: Auch der Unter hat Macht! Und wenn es
nur die Macht ist, sich dem Machtbereich des Oberen zu entziehen,
zum Beispiel durch Kündigung, Austritt, Flucht oder im Extremfall
durch Selbstmord, wie es die Zeloten 73 n. Chr. in Massada taten.
Im Allgemeinen gilt: Der Ober hat nur Macht über den Unter, wenn
dieser es zulässt. Führung existiert nur zusammen mit Gefolgschaft.
„Unterordnung“ bedeutet: Ich erlaube jemandem, Macht über mich
zu haben.
Die folgende Tabelle listet sieben Machtbasen auf und ordnet sie vier
Gruppen zu:
Machtbasen
Klassifizierungen
Macht durch Legitimation
1. Amtsautorität
Sanktionsmacht
Macht durch Informationen
Macht durch Identifikation
2. Macht durch Bestrafungen
3. Macht duch Belohnungen
Sieben Machtbasen
positional
Asymmetrische
Beziehung
Klassifizierungen
von Macht
4. Macht durch Informationskontrolle
5. Expertenmacht
6. Beziehungsmacht
7. Macht durch Charisma
personal
Unter
Mit Machtbasis bezeichnet man die Grundlage der Macht, über
die jemand verfügen kann. Es gibt verschiedene Machtbasen und
verschiedene Klassifizierungen (siehe z. B. Russell 1973: 29–30;
French & Raven 1959, Popitz 2004: 25–32 oder Hentze u. a. 1997:
379–389).
Macht durch Legitimation, auch Amtsautorität (Nr. 1) genannt, ist
zum Beispiel jene Macht, die ein Vorgesetzter einfach aufgrund der
Macht durch
Legitimation
78
Mit Werten Zukunft gestalten Geistliche Perspektiven
hierarchischen Überordnung besitzt. Sie stellt die Reinform der positionalen Macht dar. Durch allgemeine Normen und Werte ist formal geklärt, welche Macht der Inhaber eines bestimmten Amts hat.
Die Macht durch Charisma (Nr. 7) am anderen Ende der Skala stellt
die Reinform der personalen Macht dar.
Sanktionsmacht
Beispiel:
Katholische Kirche
Belohnung
und Bestrafung
Beispiel:
Straßenverkehr
Bei der Sanktionsmacht ist zu unterscheiden, ob jemand durch Bestrafungen (Nr. 2) und/oder durch Belohnungen (Nr. 3) Macht ausüben kann. Ein Vorgesetzter hat häufig beide Möglichkeiten: Er kann
einem Mitarbeiter den Lohn erhöhen oder ihn kündigen; er kann
einem Mitarbeiter ein größeres, schöneres Büro oder ein kleineres,
lauteres Büro zuweisen. Manchmal steht auch nur eine Sanktionsart
zur Verfügung: Polizei und Justizwesen arbeiten vorwiegend mit der
Macht durch Bestrafung. Gemeinnützige Vereine, die auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen sind, haben kaum Bestrafungsmöglichkeiten, sondern nur Belohnungen, zum Beispiel in Form von Medaillen für besonderes Engagement.
Die römisch-katholische Kirche hatte über viele Jahrhunderte hinweg eine wirkungsvolle Sanktionsmacht: Da sie nach eigener Lehre
und allgemeiner Einschätzung die Schlüsselgewalt über den Himmel
hatte, konnte sie einerseits mit der Eintrittskarte in den Himmel belohnen bzw. andererseits mit dem Ausschluss drohen. Durch Luthers
Rechtfertigungslehre wurde Rom diese Schlüsselgewalt abgesprochen, und Rom verlor sichtbar an Macht!
Auf den ersten Blick mag die Macht durch Belohnung positiver,
freundlicher erscheinen als die Macht durch Bestrafung. In vielen
Fällen ist aber die Macht durch Bestrafung sinnvoller und kostengünstiger. Denn bei der Macht durch Belohnung muss der Mächtige
immer dann aktiv werden, wenn der Machtunterworfene das gewünschte Verhalten zeigt. Bei der Macht durch Bestrafung muss der
Mächtige nur dann aktiv werden, wenn der andere das gewünschte
Verhalten nicht zeigt.
Wir erleben dies täglich im Straßenverkehr. Wenn jemand falsch parkt
und erwischt wird, wird er bestraft. Aber niemand wird belohnt, weil
er richtig parkt. Diese Vorgehensweise ist sinnvoll, weil die meisten
Autos ordnungsgemäß abgestellt werden und die Arbeitsbelastung
Volker Kessler: Macht macht was – Chance und Missbrauch
79
der Polizei enorm steigen würde, wenn sie die Machtausübung durch
Belohnung vollziehen wollte. Wenn also das jeweilig gewünschte
Verhalten in der Regel gezeigt wird, ist die Macht durch Bestrafung
weniger aufwendig als die Macht durch Belohung.
Macht durch Informationen kann zum ersten durch Kontrolle des
Informationsflusses stattfinden (Nr. 4). Die Medien üben diese Form
von Macht aus. Sie entscheiden, was die Öffentlichkeit erfährt und
was nicht. Macht durch Informationskontrolle kann aber auch innerhalb einer Organisation ein Vorgesetzter nutzen, indem er entscheidet, welche Informationen aus der Firmenleitung er an wen
weitergibt. Macht durch Informationskontrolle ist an eine bestimme
Position geknüpft.
Macht durch
Information
Dagegen ist die zweite Form der Informationsmacht, die Expertenmacht (Nr. 5) – also die Macht durch Sachkenntnis, Erfahrung und
Wissen –, an die Person direkt geknüpft. Expertenmacht bezieht sich
immer nur auf Teilbereiche meines Lebens. Wenn ich mit meinem
Auto in die Werkstatt fahre, vertraue ich der Autorität des Autoexperten. Diesem Autoexperten gebe ich aber keine Macht bezüglich
meiner Lebens- und Berufsplanung.
Expertenmacht
Macht durch Identifikation geschieht dann, wenn Menschen sich
mit einem Mächtigen identifizieren. Sie folgen ihm, nicht weil sie
müssen, sondern weil sie ihm als Person glauben. Erfolgt die Identifikation aufgrund einer längeren Beziehung, so spricht man von Beziehungsmacht (Nr. 6). Sie gründet auf Loyalität und Freundschaft.
Dann gibt es aber auch Menschen, die andere durch ihr Charisma,
und ihre persönliche Ausstrahlungskraft schnell für sich gewinnen
können (Nr. 7). Vor allem diesen Menschen spricht man eine hohe
personale Autorität zu.
Macht durch
Identifikation
Diese sieben Machtbasen stellen Grundformen da. Wird im Alltagsleben Macht ausgeübt, so wirken oft verschiedenen Machtbasen zusammen. Papst Johannes Paul II. hatte Macht schon allein
aufgrund seines Amtes als Oberhaupt der römisch-katholischen
Kirche. Durch seine charismatische Persönlichkeit gewann er zusätzliche Macht, sodass er auch auf Nicht-Katholiken eine Wirkung
hatte.
Machtbasen wirken
oft zusammen
80
Wandel der Kraft
Mit Werten Zukunft gestalten Geistliche Perspektiven
Die Wirkungskraft einer Machtbasis kann sich im Wandel der Zeit
ändern. Noch in den 1960er-Jahren war in Deutschland die Amtsautorität so hoch angesehen, dass ausländische Beobachter spotteten:
Wenn die Deutschen könnten, würden sie das Wort „Amt“ mit drei
Großbuchstaben („AMT“) schreiben! Das hat sich gewandelt. Aus
dem Einwohnermeldeamt wurde ein Bürgerservice, und dessen Angestellten behandeln den Bürger heute mehr als Kunden und nicht
mehr als Bittsteller.
Autoritätsverschiebungen
Der gesellschaftliche Trend geht weg von den großen, hierarchischen
Institutionen des Industriezeitalters hin zu Netzwerken von kleinen,
flexiblen Einheiten. Vieles, was früher eigene Arbeiter machten,
wird heute an Fremdfirmen übergeben, mit denen man langfristig
zusammenarbeitet. Damit verliert die hierarchische Befehlspyramide an Bedeutung. Sie wird ersetzt durch Netzwerke des Vertrauens.
Als Konsequenz bekommt die personale Autorität (Experten­wissen,
Vertrauen in die Person) mehr Gewicht als die formale, positionale
Autorität.
Auch die Kirchen
sind betroffen
Laut Umfragen sind die heutigen Menschen skeptisch gegen­über
Institutionen. Sie glauben keiner Kirche per se. Aber sie sind
durchaus bereit, einem konkreten Pastor oder Pastorin zu folgen,
wenn seine oder ihre personale Autorität sie überzeugt. Amts­
autorität, die immer an eine Institution gebunden ist, verliert an
Bedeutung.
Generationskonflikt
Dieser Wandel erklärt auch manchen Generationskonflikt:
Manche heutige Presbyter oder Gemeindeältesten sind mit einem
hohen Respekt vor dem Amt aufgewachsen. Sie hätten es als Jugendliche nie gewagt, ihrem Gemeindeältesten kritische Fragen
zu stellen.
Die nachwachsende Generation hat hier weniger Hemmungen,
weil für sie personale Autorität in Form von Fachkompetenz
und/oder persönlicher Ausstrahlung mehr zählt als Amtsautorität. Mit diesem Verhalten verunsichert sie die heutigen Gemeindeleiter, die ihr Verhalten wiederum als mangelnden Respekt
interpretieren. In den Augen der jüngeren Generation ist aber
ein Gemeindeleiter, der keine kritische Fragen zulässt, schnell ein
Machtmensch.
Volker Kessler: Macht macht was – Chance und Missbrauch
81
3. Macht aus interkultureller Sicht
Das eben dargelegte Generationenbeispiel zeigt, dass unser Verständnis darüber, welches Machtverhalten wir als richtig oder falsch
beurteilen, stark davon geprägt ist, wie wir aufgewachsen sind. Dieser Einfluss der Kultur wird noch deutlicher, wenn wir das Machtverständnis in anderen Kulturen anschauen.
Machtverständnis
ist kulturgebunden
Die erste umfangreiche Studie zu interkulturellem Management
wurde 1980 von dem Niederländer Geert Hofstede veröffentlicht. Er
hatte IBM-Mitarbeiter in 50 Ländern und drei Länderregionen befragt. Diese IBM-Studie führte zu vier Dimensionen, um kulturelle
Unterschiede zu messen:
1. Machtdistanz,
2. Individualismus versus Kollektivismus,
3. Maskulinität versus Femininität und
4. Unsicherheitsvermeidung.
IBM-Studie
von Hofstede
Machtdistanz ist nach Hofstede (2001: 412) „der Grad, bis zu dem
die weniger mächtigen Mitglieder von Institutionen und Organisationen in einem Land die ungleiche Verteilung von Macht erwarten
und akzeptieren.“ Machtdistanz wird hier aus dem Blickwinkel der
weniger Mächtigen beschrieben im Unterschied zur üblichen Managementliteratur, die Machtverteilung aus dem Blickwinkel der
Mächtigen beschreibt. Aber da Führung nur im Zusammenhang mit
Gefolgschaft existiert, kann Führung nur gelingen, wenn die Führungskraft den kulturellen Parameter Machtdistanz berücksichtigt:
Eine hohe Machtdistanz bedeutet, dass die weniger Mächtigen in
dieser Kultur akzeptieren und zum Teil erwarten, dass Macht ungleich verteilt ist und Insignien der Macht gezeigt werden.
In einer Kultur mit geringer Machtdistanz würde gleiches Verhalten der Mächtigen auf Widerstand stoßen.
Definition:
Machtdistanz
2004 wurden die Ergebnisse einer weiteren, noch ausführlicheren interkulturellen Großstudie publiziert: Das GLOBE-Forschungsprojekt,
1991 von dem US-Managementprofessor Robert J. House initiiert. 170
Personen interviewten in den Jahren von 1994 bis 1997 17.300 Manager aus 951 Organisationen in 62 Kulturen, wobei Ost- und Westdeutschland als zwei verschiedene Kulturen zählten (House u. a. 2004:
GLOBEForschungsprojekt
82
Mit Werten Zukunft gestalten Geistliche Perspektiven
xv). Die GLOBE-Studie übernahm Hofstedes Definition der Machtdistanz (House u. a. 2004: 517) und bestätigte, dass Machtdistanz eine
wesentliche Dimension zur Beschreibung einer Kultur ist.
Kennzeichen
großer und geringer
Machtdistanz
Große Machtdistanz
Geringe Machtdistanz
Grundsätzlich
Macht geht vor Recht
Einsatz von Macht muss legitimiert
werden
Ungleichheit unter den Menschen
wird erwartet und ist erwünscht
Ungleichheit unter den Menschen
sollte so gering wie möglich sein
Kleine Mittelschicht
Breite Mittelschicht
Die Mächtigen genießen Privilegien
Alle haben gleiche Rechte
Die Mächtigen unterstreichen ihre
Macht durch ihr Auftreten
Die Mächtigen treten weniger mächtig auf als sie sind
Beispiel: Schule
Jede Initiative geht vom Lehrer aus
Lehrer erwarten von ihren Schülern
Eigeninitiative
Lehrer sind Gurus
Lehrer sind Experten
Schüler behandeln ihre Lehrer mit
Respekt
Schüler behandeln ihre Lehrer wie
ihresgleichen
Beispiel: Organisationen
Hierarchische Strukturen spiegeln die Hierarchische Struktur bedeutet
natürlich vorgegebene Ungleichheit ungleiche Rollenverteilung aus prakwieder
tischen Gründen
Tendenz zu Zentralisation
Tendenz zu Dezentralisation
Beispiel: Arbeitsplatz
Große Gehaltsunterschiede zwischen Geringe Gehaltsunterschiede zwiden Hierarchiestufen
schen den Hierarchiestufen
Mitarbeiter erwarten, Anweisungen
zu erhalten
Mitarbeiter erwarten, in Entscheidungen miteinbezogen zu werden
Der ideale Vorgesetzte ist der gütige
und gerechte Patriarch
Der ideale Vorgesetzte ist der einfallsreiche Demokrat
(zusammengestellt nach Hofstede 2001: 48, 56)
Kollektivistische
Länder
Nach Hofstedes Studie besteht ein Zusammenhang zwischen den
Werten für Machtdistanz einerseits und Individualismus bzw. Kollektivismus andererseits:
Je kollektivistischer ein Land ist, desto höher ist im allgemeinen
auch die Machtdistanz. Typische Beispiele sind die asiatischen
und die lateinamerikanischen Länder.
Volker Kessler: Macht macht was – Chance und Missbrauch
I ndividualistische Länder neigen dagegen zu einer niedrigen
Machtdistanz. Dies trifft zumindest auf die angelsächsischen
Länder (Großbritannien, USA, Kanada, Australien), Skandinavien und das deutschsprachige Europa zu. Anders dagegen die
romanischen Länder in Europa: Sie sind individualistisch und
haben eine mittelgroße Machtdistanz. Französische Top-Manager reden ungeniert davon, dass sie Macht haben. Deutsche TopManager sprechen davon, dass sie viel Gestaltungsmöglichkeit
haben.
83
Individualistische
Länder
Was beeinflusst, ob ein Land eine hohe oder eine niedrige Macht­
distanz hat? Die GLOBE-Studie sieht vier Haupteinflussfaktoren:
1. die vorherrschende Religion oder Weltanschauung,
2. die Tradition einer demokratischen Regierung,
3. die Existenz einer starken Mittelschicht und
4. ein hoher Anteil von Immigranten.
Vier Faktoren
Nach Einschätzung der Studie hat nach die vorherrschende Religion/Weltanschauung den stärksten Einfluss auf die Machtdistanz
(House u. a. 2004: 2004: 518, 526). Protestantische Länder haben
zum Beispiel im Allgemeinen eine geringere Machtdistanz als römisch-katholische Länder. Dies ist plausibel: Ist doch schon die Geburtsstunde des Protestantismus mit einer Auflehnung gegen eine
Amtsautorität verbunden. Wagt es doch ein Mönchlein namens
Martin Luther 1517, der gro­ßen katholischen Kirche die Stirn zu
bieten und ihr die Autorität abzusprechen.
Religion hat den
stärksten Einfluss
Dieser Blick über die kulturellen Grenzen hinweg zeigt:
Unser Verständnis von Macht, Autorität und Unter­
ordnung und unsere Beurteilung von „gut“ und „richtig“
beim Gebrauch von Macht ist in erster Linie von der
Kultur geprägt, in der wir aufgewachsen sind.
Dies betrifft auch ausdrücklich die christlichen Gemeinde­kulturen
in diesen Ländern. Die Gemeindeglieder wollen sich zwar an der
Bibel orientieren, aber sie lassen sich vor allem von den Bibelstellen
leiten, die zur eigenen Kultur passen. Andere Bibelstellen zum Thema Macht nehmen sie gar nicht wahr.
Auch Gemeindeglieder
sind kulturgebunden
84
Mit Werten Zukunft gestalten Geistliche Perspektiven
Kulturelle Erwartungen
an eine christliche
Führungskraft
In einem Land mit hoher Machtdistanz wird auch von einer christlichen Führungskraft klare direktive Führung erwartet. Ein im
west­lichen Sinne partizipativer Führungsstil könnte als Schwäche
interpretiert werden; die Mitarbeiter würden bald die Gefolgschaft
verweigern. Kommt umgekehrt eine christliche Führungskraft aus
einer Kultur mit einer hohen Machtdistanz in eine Kultur mit geringer Machtdistanz, könnte ihr schnell Machtgehabe und Machtsucht
unterstellt werden.
Vier Ratschläge
Für eine christliche Führungskraft lassen sich aus dem oben Gesagten folgende Ratschläge ableiten:
1.Denken Sie daran: Alle Macht ist von Gott verliehen und mit Verantwortung verbunden.
2.Überlegen Sie, welche Machtbasis Sie nutzen können und wollen.
Aber streben Sie niemals Macht als Ziel an!
3.Nutzen Sie Ihre Macht, um Gutes zu bewirken und um Böses zu
verhindern.
4.Stellen Sie sich auf die jeweilige Kultur der Mitarbeiterschaft ein.
Literatur
French, J.R.P. & Raven, B.: The bases of social power. In: D. Cartwright & A.
Zander (Eds). Group Dynamics. 3rd. Ed. New York: Harper & Row. 1959.
pp. 259–269.
Guardini, Romano: Die Macht. Versuch einer Wegweisung. 3. Aufl. Würzburg:
Werkbund 1955.
Hentze, Joachim; Kammel, Andreas & Lindert, Klaus: Personalführungslehre.
3. Aufl. UTB 1374 Bern, Stuttgart, Wien: Haupt. 1997.
Hofstede, Geert: Lokales Denken, globales Handeln. Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management. München: dtv. 2001.
House, Robert et al: Culture, Leadership, and Organisations. The GLOBE study
of 62 societies. Thousand Oaks, CA: SAGE Publ. 2004.
Jacob, Benno: Das erste Buch der Tora. Genesis. Stuttgart: Calwer Verlag 2000.
Kessler, Martina & Kessler, Volker: Die Machtfalle. Machtmenschen in der Gemeinde. 3. erw. Aufl. Edition AcF Band 1. Gießen: Brunnen 2004.
Kessler, Martin & Marsch, Angelika: Frauen führen anders – Die Frau als Führungskraft in einer maskulinen Gesellschaft. In: Jörg Knoblauch und Horst
Marquardt (Hrsg.): Mit Werten Zukunft gestalten – Konzepte christlicher
Führungskräfte. Buch zum 5. Kongress christlicher Führungskräfte. Holzgerlingen: Hänssler 2007.
Kessler, Volker: Ein Dialog zwischen Managementlehre und alttestamentlicher Theologie: McGregors Theorien X und Y zur Führung im Lichte alttestamentlicher
Anthropologie. Thesis. Doctor of Theology. Unisa. www.unisa.ac.za 2004.
Volker Kessler: Macht macht was – Chance und Missbrauch
Kiechle, Stefan: Macht ausüben. Ignatianische Impulse. Würzburg: Echter 2005.
Luhmann, Niklas: Macht. 3. Aufl. UTB. Stuttgart: Lucius & Lucius 2003.
Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht. Tübingen: Mohr Siebeck 2004.
Russell, Bertrand: Macht. Wien: Europa-Verlag 1973.
Scheffzyk, Leo: Der Mensch als Bild Gottes. Darmstadt: Wissenschaftliche
Buchgesellschaft 1969.
Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. 5. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck
1980.
85
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