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Ludwig Hagen DAS LETZTE BLÜTENBLATT Alles, was die Polizei

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Ludwig Hagen: DAS LETZTE BLÜTENBLATT (copyright)
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Ludwig Hagen
DAS LETZTE BLÜTENBLATT
Alles, was die Polizei wusste
Sonntag, 10. November 2002
Das letzte Blütenblatt eines vergessenen Rosenbuketts fiel fast lautlos auf die Tischdecke des
verdunkelten Raumes.
Es war die erste Bewegung seit mehr als drei Wochen, die etwas in diesem Zimmer veränderte, es
war auch das erste wahrnehmbare Geräusch. Danach trat wieder absolute Stille und Ruhe ein. Und
doch hatte sich hier in diesen vierundzwanzig Tagen etwas auf eine Weise verändert, das auf
jemanden, der in diesem Augenblick den Raum betreten hätte, fast gewaltsam eingewirkt hätte.
Der Verwesungsprozess der zwei Leichen auf dem Fußboden war schon ziemlich weit fortgeschritten. Sie lagen da, direkt neben ihren Stühlen, ihrer letzten, doch viel zu schwachen Stütze in
ihrem Leben. Ein unerwarteter Besucher hätte das Bild fast als friedvoll empfunden, wäre es ihm
nur gelungen, den Leichengeruch nicht wahrzunehmen. Alles schien auf einen friedlichen,
plötzlichen Tod der beiden alten Leute hinzudeuten.
Das Haus befand sich in einer Villengegend im Westen Wiens in einem großen Garten. Eine Geruchsbelästigung für die Nachbarn wäre erst nach langer Zeit aufgetreten. Die Villa wurde von
Magda und Hannes Zanger allein bewohnt. Es hieß, das alte Ehepaar wäre nicht sehr wohlhabend
gewesen. Das Haus war seit seiner Erbauung im Besitz von Magda's Familie gestanden, und sie
hatte es als einzige Tochter geerbt. Die Einkünfte der beiden, die kinderlos geblieben waren,
reichten gerade dazu aus, das Haus einigermaßen zu erhalten. Viele der alten Villen in dieser
Gegend wiesen eine ähnliche Geschichte auf. Wenn sie noch keine Besitzer aus der Schicht der
Neureichen gefunden hatten, wohnten in ihnen noch ältere Menschen, die sich nicht mehr
verpflanzen lassen wollten oder konnten. Wahrscheinlich kannten die meisten Bewohner ihre
Nachbarn kaum oder gar nicht. Unter den älteren Leuten der Umgebung war es nicht üblich, ohne
formelle Einladungen miteinander Kontakt aufzunehmen. Sie folgten damit nur altbekannten
Gewohnheiten. Es war also nicht ungewöhnlich, wenn man diesen oder jenen von ihnen für längere
Zeit nicht zu Gesicht bekam.
Die "Cottage", wie man dieses Viertel in Wien nennt, ist nach wie vor eine beliebte Wohngegend.
Sie befindet sich nicht allzu weit vom Zentrum entfernt. Die meist aus der Gründerzeit und der Jugendstilepoche stammenden Villen sind solide gebaut und ziemlich groß. Alle sind sie von schönen
Grundstücken mit altem Baumbestand umgeben. Die Ruhe, die sie umgibt, ist in einer Großstadt
sonst nur schwer zu finden. Eine solche Beschreibung macht es in der Regel den Immobilienvermittlern leicht, Käufer zu finden, noch dazu, wo diese Adressen über einen hohen Prestigewert
verfügen. Für reich Gewordene, für Bürofirmen und auch gelegentlich für andere, die eine diskrete
Umgebung schätzen, sind sie sehr attraktiv.
Die einzelnen Villen sind jeweils in einem Straßenrechteck angeordnet, wobei sich auf den längeren
Seiten vier bis fünf, auf den kürzeren außer den beiden an den Ecken manchmal noch eine dritte in
der Mitte befindet. In einer solchen wohnten die Zangers. In dem einen Nachbarhaus hatte sich eine
Firma "Cityconcept - Büro für städtische Raumplanung", was immer man darunter verstehen
mochte, angesiedelt, der Firmeninhaber bewohnte den Rest des Gebäudes. Das andere Nebenhaus
stand seit vielen Jahren leer. Im Gegensatz zu den meisten anderen befand es sich in einem sehr
schlechten Zustand. Früher bewohnte es die Familie Arzberger, die einzigen, mit denen die Zangers
noch regelmäßigen Kontakt gehabt hatten. Seit dem Tod von Frau Arzberger – ihr Mann war schon
einige Jahre früher verstorben - war die Einsamkeit für die Zangers zunächst noch kaum spürbar,
wuchs dann aber von Woche zu Woche. Niemand in der Umgebung wusste , wem diese verlassene
Villa jetzt gehörte. Eigentlich zeigten die Anrainer an solchen Dingen nur wenig Interesse. Jedes
leerstehende Haus trug zur Ruhe bei und erhöhte die Anzahl der vorhandenen Parkplätze.
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Die Zangers standen beide in den frühen Achtzigern. Sie waren zwar ziemlich allein, es plagten sie
kleine, altersbedingte Leiden, sie waren jedoch mobil und in keiner Weise pflegebedürftig. Sie besuchten regelmäßig die Staatsoper und das Burgtheater, obwohl sie schon seit vielen Jahren mit
dem, was sie dort zu sehen und hören bekamen, nicht zufrieden waren. Doch sie waren seit
Jahrzehnten im Besitz von Abonnements und es gehört zu den Traditionen des alten Wiener
Bürgertums, diese zu behalten, was immer auch geschieht, oder aber sie den Nachkommenden zu
übertragen. Auch sie hatten sie von Magda's Eltern "geerbt". Wenn sich die Zangers recht
erinnerten, waren schon Magda's Eltern mit "diesen neumodischen Regisseuren und Dirigenten"
nicht mehr einverstanden gewesen, die jedoch für die Zangers selbst die Höhepunkte ihrer
Theaterbesuche waren. Man sagt den Wienern und sicher nicht nur ihnen nach, die Gegenwart
ständig in der Vergangenheit zu suchen. Es gehört zu ihren größten Vergnügungen, alles Neue
daran zu messen. Oft zeigen sie dies auch und verlieren dabei all ihre Contenance. Immer wieder
verlassen einzelne Theater- und Opernbesucher schon nach dem ersten Vorhang unter verhaltenem,
aber doch sicht- und hörbaren Protest den Zuschauerraum, um sich dann am übernächsten Tag über
die hymnischen Kritiken dieser Aufführung zu verwundern und zu entrüsten. Dies alles hat
Tradition und "gehört dazu". Wien ist und bleibt nicht nur Wien, sondern auch wahrscheinlich für
immer eine Theaterstadt.
Die Zangers fühlten sich, trotz aller prinzipiellen Abneigung gegen das Gesehene und Gehörte,
recht wohl dabei, ins Theater, in die Oper gehen zu können und sich danach empören zu dürfen. Es
waren dies ja neben der täglichen Monotonie aus Fernsehen, Arztbesuchen und Spaziergängen die
einzigen Abwechslungen, die ihnen geblieben waren. Die letzte Reise, die sie unternommen hatten,
lag viele Jahre zurück, sie konnten sich kaum noch daran erinnern. Besuche empfingen oder
machten sie schon lange keine mehr, es gab einfach niemanden mehr, den man einladen konnte
oder der einem einlud. Einkäufe für Bekleidung, Einrichtung und dergleichen fanden auch kaum
mehr statt, und die täglichen Besorgungen erledigte für sie der Zustelldienst einer bekannten
Handelskette, der sie zwei Mal in der Woche, meist am Dienstag und am Freitag, mit den
benötigten Lebensmitteln und sonstigem Bedarf belieferte. Das war ihre einzige Schnittstelle mit
dem täglichen Leben draußen. Eine Haushaltshilfe wollten sie sich nicht leisten, so pflegten sie ihr
Haus selbst und befanden es für sauber. Die kleinen Schlampigkeiten nisteten sich ein und niemand
war da, der daran Anstoß nahm. Magda war eine passable Köchin und da ihre Ansprüche und auch
ihre Verträglichkeiten ständig geringer wurden, war das alte Ehepaar mit dem, was es auf dem Speisetisch vorfand, zufrieden. Diese Genügsamkeit sollte ihnen zum Verhängnis werden.
Montag, 11. November 2002
Franz Hofer nahm missmutig seinen Rollkorb mit den vielen Poststücken in Empfang. Es war wieder ein grauer Novembertag, der Hochnebel lag über Wien und es nieselte. Er war warm gekleidet
und hatte wasserfestes Schuhwerk an. Trotzdem bahnten sich die Kälte und die Feuchtigkeit ihren
Weg bis in sein Innerstes. Sie schienen sich auch über seine Augen und seine Gedanken in ihn
einzunisten. Nachmittags, in seiner Freizeit, hatte er dieses Empfinden seltsamerweise nicht. Wenn
er dann mit seinem Sohn durch den Park ging oder wenn er auf dem Weg zu seiner
Stammtischrunde in sein Stammbeisl war, spürte er lediglich erfrischende Kühle. Er hasste seinen
Beruf, doch er hatte keine andere Wahl. Seine Ausbildung zum Volksschullehrer, ein Beruf, den er
als seine Berufung verstand, war sinnlos gewesen. Es gab für ihn, so wie für viele seiner Studienkollegen keine Anstellung. Die Schülerklassen wurden von Jahr zu Jahr weniger, die Zahl der
Schüler in ihnen stieg immer weiter an. Die Wirtschaftslage und die politische Situation führten zu
einer ständigen Kürzung der vorhandenen Mittel. Nach zwei Jahren vergeblichen Wartens
entschloss er sich, den Job bei der Post anzunehmen. Er stand damals kurz davor, Vater zu werden.
Er heiratete, seine Frau war zuvor und auch nach einem Karenzjahr wieder berufstätig, ein zusätzliches Einkommen war aber notwendig geworden.
Sein Rayon war sehr groß, wenn auch die Adressaten nicht übermäßig viele waren. Das war der
Nachteil in diesen Villenbezirken. In jedem Haus eine, zwei Adressen, der Weg zum nächsten Haus
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ziemlich lange. In dieser Jahreszeit lag das feuchte Laub vom nächtlichen Wind angehäuft auf den
Gehsteigen, was das Gehen und das Ziehen des Rollkorbes noch erschwerte.
Schimanskygasse 35, Familie Zanger: eine Telefonrechnung und die übliche Werbeflut. Er bemühte
sich vergebens, wenigstens den Brief in dem bereits überquellenden Briefkasten zu verstauen.
Schon seit Tagen wunderte er sich darüber, dass er nicht geleert wurde. Er kannte die beiden
Zangers nicht gut, aber es war in den letzten Jahren nie vorgekommen, dass die Post nicht ins Haus
geholt wurde. Heute würde er seinen Dienstvorschriften nachkommen und dies seinem Postamt
melden. Die würden dann schon das Richtige unternehmen. Es war jeden Tag ein eigenartiges
Gefühl, diese stillen, fast menschenleeren Straßen zu durchschreiten. Man befand sich inmitten
einer Großstadt und doch schien jedes Haus für sich allein da zu sein. Hofer hatte nicht das Gefühl,
dass die Bewohner dieser Häuser sich als Nachbarn fühlten. In seiner Jugend, draußen in einer
Streusiedlung in Niederösterreich, lagen die einzelnen Häuser und Höfe viel weiter auseinander,
und doch kannten und begegneten sich die Leute. Sie sprachen miteinander, sei es auf den Straßen
oder im Wirtshaus. Hier in der Cottage schien jedes Haus eine eigene Insel zu sein, von den anderen
durch Seen von grünen Gärten getrennt. Anders als sonst in der Stadt, wo man zumindest
oberflächlich das Gefühl einer unbestimmten, aber mit allen Sinnen spürbaren Gemeinschaft hatte,
war hier die Isolation fast vollkommen. Er war sich sicher, nur drei Häuser weiter wussten die
Bewohner nicht einmal, dass hier, in diesem Haus, die beiden alten Leute, die Zangers wohnten.
Schimanskygasse 37: "Cityconcept" und Boris Meier: wie jeden Tag zu viel, um es einfach in einem Briefkasten unterzubringen. Er läutete und es wurde ihm wie immer sofort geöffnet. Ein
Packen an Briefen von Behörden, Baufirmen, Gerichten, dazu Zeitschriften und kleine Pakete für
die "Cityconcept". Für Boris Meier wieder keine Post. Hofer konnte sich nicht daran erinnern, je ein
Poststück zugestellt zu haben. Er hatte Boris Meier auch noch nie zu Gesicht bekommen, sondern
nur immer eine seiner beiden Sekretärinnen. Das hatte ihn schon damals gewundert, als das Haus
nach einer langen Renovierung wieder besiedelt wurde. Zwei Namen an der Sprechanlage, doch nur
für die Firma gab es Post. Scheinbar gab es nicht nur Briefkastenfirmen sondern auch Briefkästen
ohne Besitzer.
Noch fünf Häuserblöcke, eine runde halbe Stunde, dann würde endlich Schluss für heute sein. Er
freute sich schon, fast noch mehr als auf seine Frau, auf seinen Sohn, den er dann gleich vom
Kindergarten abholen würde. Seine Frau würde erst am Abend von ihrem Job als Verkäuferin in
einer Papierhandlung nach Hause kommen. Er glaubte, sie sehr zu lieben, doch der unterschiedliche
Tagesrhythmus begann langsam, sie einander zu entfremden.
Dienstag, 12. November 2002
"Geh', kümmer' dich einmal um diese Familie Zanger. Die Post meint, dass da vielleicht irgendwas
nicht stimmt. Such dir die Telefonnummer raus und wenn niemand abhebt, schau einmal vorbei,
Schimanskygasse 35. Zwei alte Leute, vielleicht sind's krank."
Kurt Kolarik nahm diese Aufforderung mit einem "Aye, Aye, Sir" entgegen und holte sich aus
seinem Computer die Telefonnummer. Er rief an, doch niemand hob ab. Es war auch kein Anrufbeantworter angeschlossen. Er seufzte auf und sagte:
"Es bleibt mir nichts andres über, ich muss hin."
Er zog sich den Mantel an und mit einem "Ciao, Peperl" verließ er die Wachstube.
Früher, als es noch Streifengänge gab, wäre ihm ein überfüllter Briefkasten aufgefallen, vor allem
bei alten Leuten. Er hätte angeläutet und, wenn ihm nicht geöffnet worden wäre, die Nachbarn gefragt. Meistens waren die Gesuchten auf Urlaub oder zu Besuch bei ihren Kindern und hatten nur
vergessen, sich die Post nachsenden zu lassen. Alleinstehende waren vielleicht im Spital. Plötzlich
gestorben war erst einmal einer und da war er noch am gleichen Tag von seinen Kindern gefunden
worden. Die hatten natürlich nicht daran gedacht, die Post zu benachrichtigen, und so ist auch
damals der Briefkasten übergequollen. Er kannte die meisten Bewohner seines Reviers, wenn auch
nicht persönlich, so doch vom Sehen. Sein Personengedächtnis war sehr ausgeprägt und durch die
Ausbildung zum Polizisten noch verbessert worden. Seit auch bei der Polizei an allen Ecken und
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Enden gespart wurde, gab es keine Streifengänge mehr. Es gab auch keine Reviere mehr. Die
Mehrzahl der Wachzimmer wurde geschlossen. Telefonisch konnte man nur noch die BezirksPolizeikommissariate erreichen. Die Kleinkriminalität und die Einbrüche nahmen zwar ständig zu,
doch "zu viel Staat" hieß scheinbar auch "zu viel Polizei". Man durfte sich nicht wundern, wenn die
Ängstlichkeit vor allem der alten Leute noch mehr anstieg und den Populisten, die ständig nach
Recht und Ordnung schrien, Tür und Tor öffnete. Sicher, Streifengänge könnten wahrscheinlich
keinen einzigen Einbruch verhindern. Die Bewohner des Reviers würden sich jedoch sicherer
fühlen und die politischen Rattenfänger hätten weniger Zulauf. Schließlich war Wien, und alle
Statistiken bewiesen dies, nach wie vor eine der sichersten Großstädte Europas. Doch was sollte
man machen, man musste dies alles hinnehmen und geduldig auf die Pension warten. Trotzdem,
früher hatte er mehr Spass an der Arbeit gehabt.
So in Gedanken gelangte er zum Haus der Zangers. Wie erwartet, rührte sich nichts, als er klingelte.
Haus Nummer 33 war offensichtlich unbewohnt. Im anderen Nachbarhaus befand sich eine Firma.
Ohne viel zu erhoffen, läutete er dort an, stellt sich vor und wurde eingelassen.
"Nein, wir wissen nichts über die Nachbarn. Schauen Sie, wir kommen jeden Tag um neun ins
Büro, mittags lassen wir uns eine Kleinigkeit vom Italiener kommen und um halb fünf gehn wir
wieder nach Hause. Die Fenster von unserem Büro schauen auf die andre Seite und wenn man den
ganzen Tag beim Computer sitzt, merkt man sonst gar nichts. Gerade, dass man hin und wieder ein
bisserl mit der Kollegin tratscht."
Er bedankte und verabschiedete sich. Gab es überhaupt noch jemanden, dem seine Arbeit freute?
Vielleicht den Chef der beiden Damen, viel wussten auch sie nicht von ihm. Sie hatten ihn im
vergangenen Monat ein, zwei mal gesehen, der Rest lief über Telefon und Internet.
Er kehrte zum Haus Nr. 35 zurück und blickte sich kurz um. Niemand konnte ihn dabei beobachten,
als er seine Befugnisse überschritt und mit wenigen Handgriffen das Gartentor öffnete. Der Boden
dahinter war mit Werbeprospekten überflutet, die die Verteiler einfach über den Zaun geworfen
hatten, nachdem der Briefkasten bereits überfüllt war. Er ging auf das Haus zu, doch schon einige
Meter vom Haustor entfernt bemerkte er den Geruch. Seit er ihn zum ersten Mal, während seiner
Ausbildung, im Gerichtsmedizinischen Institut kennen gelernt hatte, konnte er ihn nicht mehr
vergessen. Er hatte aus diesem Grund damals sogar überlegt, einen anderen Beruf zu ergreifen.
Später wurde ihm eine Stelle bei der Mordkommission angeboten, die er ebenfalls nur deswegen
abgelehnt hatte, um diesem Geruch nur so selten wie möglich zu begegnen. Gänzlich davon fern
halten konnte man sich in diesem Metier ohnehin nie, dem immer eine Ahnung vom Tod anhaftete.
Die weiteren notwendigen Schritte durfte und wollte er aber nicht allein unternehmen.
"Servus Peperl, Kurtl hier." sprach er in sein Handy, "Geh, ruf die Kollegen von der Ermittlung an,
ich glaub', da gibt's eine Leiche im Haus. Sie sollen herkommen, ich wart' hier auf sie."
Um sich die Wartezeit zu verkürzen, ging er rund ums Haus, doch es war von außen nichts zu
erkennen. Das Erdgeschoß lag, wie bei all den Villen hier, bereits um einige Stufen erhöht. Die
Fenster waren unten vergittert, im ersten Stock jedoch nicht mehr. Regenrinnen und die mit
Putzquadern verzierte Architektur luden Besucher, die unangemeldet das Haus betreten wollten,
geradezu ein, sie zu benutzen.
Schneller, als er damit gerechnet hatte, trafen die beiden Kollegen ein. Er schilderte ihnen kurz die
Situation.
"Na dann, gehn wir's an!" sagte der Ältere der beiden. Sein Name war Tomek, er kannte ihn von
früheren Ermittlungen, wusste jedoch nicht viel mehr von ihm als seinen Familiennamen. Der
andere, jüngere war neu für ihn. Er hatte sich zwar bei der Begrüßung kurz vorgestellt, doch
Kolarik hatte sich den Namen nicht gemerkt. Das sollte ihm nicht passieren, dachte er, doch es war
nicht zu leugnen, sein Kurzzeitgedächtnis ließ langsam nach, die 54 Jahre, die er auf dem Buckel
hatte, machten sich bemerkbar. Das Haustor, obwohl es mit drei Schlössern versperrt war, war bald
geöffnet. Die drei Beamten legten Atemschutzmasken an und betraten das Haus.
Sie brauchten nicht lange zu suchen. Auf dem Speisetisch standen noch Teller mit verschimmelten
Essensresten und halb leere Gläser mit Wasser. Zwei umgefallene Stühle und unmittelbar daneben
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zwei Leichen. Eine Frau und ein Mann, beide mit Gesichtszügen, aus denen Verwunderung, jedoch
keine Schmerzen und kein Erschrecken zu erkennen war. Der Tod musste sie beide gleichzeitig und
völlig unerwartet ereilt haben. So schrecklich der Anblick der beiden Leichen auch war, die
Polizisten verrichteten ihren Job. Sie forderten den Leichentransport und die Spurensicherung an,
Tomek machte sich einige Notizen. Nach einer knappen Stunde war das Haus menschenleer, die
Türen und Tore versiegelt. Die Routine begann.
Kolarik war noch auf seinen Posten zurückgekehrt, berichtete seinem Kollegen über die Ereignisse
und ging dann nach Hause. Er war sehr nachdenklich geworden. Im Stiegenhaus der Villa hatte er
einen Karton eines Zustelldienstes gesehen. Der hatte in ihm eine unbestimmte Erinnerung wachgerufen. Der plötzliche gemeinsame Tod der beiden alten Leute konnte ein Selbstmord sein, eine Vergiftung vielleicht. Gift! Das war es. Jetzt fiel ihm ein, woran ihn der Karton erinnerte: An eine Zeitungsmeldung vor knapp einem halben Jahr.
***
Die eigentlichen Ereignisse waren durch die Fülle an Informationen, von denen unsere Hirne täglich
überflutet werden, bereits Geschichte geworden. Wie jede Katastrophe, ob sie uns von der Natur
auferlegt oder ob sie von uns selbst verursacht wurde, verlor auch diese bald ihren unmittelbaren
Schrecken. Sie wurde ihrer Sensation beraubt. Selbst die direkt Betroffenen, die um ihre Toten
trauerten, hatten schon ein gutes Stück ihrer Trauerarbeit geleistet. Dieses Zuschütten von
traumatischen Erlebnissen ist zum festen Bestandteil unserer Konsumkultur geworden. Diesmal
wurde es symbolisch damit besiegelt, dass die Reste von "Ground Zero" eingeebnet wurden. Sie
mussten neuen Projekten Platz machen, die dem Kommerz genau so gut wie der Verdrängung dienten. Trotzdem, eine Verunsicherung blieb. Anthrax-Infektionen, aus welcher Quelle sie auch immer
stammten, anonyme Drohungen mit Giftgasanschlägen und anderes heizten die Furcht immer wieder an. Die große Angst vor dem Unbekannten, vor der Zukunft überhaupt, wird immer mehr zu
einem Kennzeichen unserer Zivilisation. Kolarik kam es damals vor, als ob die Menschen eine
Sucht nach Angst entwickelten. Vielleicht hofften sie, damit der Langeweile ihres alles in allem
saturierten, aber öden Alltags entkommen zu können.
Die Balkenlettern der kleinformatigen Tageszeitung bestärkten ihn in dieser Wahrnehmung: "Giftdrohung an Supermarktkette". Ein anonymer Briefschreiber hatte der Redaktion mitgeteilt, dass
eine Anzahl von Konservendosen, die bereits in den Filialen der größten Supermarktkette gestapelt
waren, mit einem tödlichen Gift versehen wurden. Es handelte sich dabei um eine Eigenmarke
dieses Unternehmens. Genauere Angaben wurden nicht gemacht, weder um welche Produkte es
sich handelte noch wie viele Dosen kontaminiert wurden. Auf alle Fälle reichte diese Meldung dazu
aus, dass in den folgenden Tagen der gesamte Lebensmittelhandel große Umsatzeinbußen
hinnehmen musste. Besonders war natürlich die besagte Supermarktkette betroffen.
Kolarik fragte sich damals, wovon sich die Leute in diesen Tagen ernährten. Er selbst und auch
seine Bekannten hatten keine größeren Nahrungsmittelvorräte zu Hause. Die von den Behörden
immer wieder propagierten Zivilschutzmaßnahmen nahm niemand ernst, trotz der ständigen Furcht
vor Katastrophen.
Wie auch immer, das betroffene Unternehmen entfernte alle in Frage kommenden Produkte aus den
Regalen und vernichtete sie. Vorher wurde angeblich jede einzelne Dose toxologisch untersucht.
Gefunden hat man dabei nichts, wie schon zuvor bei ähnlichen Drohungen im Ausland. Der
Schaden war groß. In der einige Monate später veröffentlichten Halbjahresbilanz des Unternehmens
fand dies aber erstaunlicherweise keinen Niederschlag. Bald darauf war die ganze Sache wieder
vergessen und die Leute warteten gespannt auf die nächste Bedrohung.
Der Karton, den Kolarik in der Villa gesehen hatte, stammte vom Zustelldienst dieses Supermarktkette.
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Mittwoch, 13. November 2002
Als Kolarik im Kommissariat eintraf, lag der vorläufige Obduktionsbericht bereits vor. Das Ehepaar
Zanger war vor etwa 25 Tagen an der Folge einer Vergiftung gestorben. Das Gift konnte in den
Speiseresten, in den Küchenabfällen und in den Leichen nachgewiesen werden. Es handelte sich
hiebei um eine auch für Chemiewaffen verwendete Substanz. Wer sie einatmete oder schluckte,
starb innerhalb von Sekunden. Die Mahlzeit der Zangers, in der das Gift enthalten war, wurde aus
einer Fleischkonserve und frischem Marktgemüse zubereitet. Der Gerichtsmediziner hielt es für
ausgeschlossen, dass sich einer der beiden das Gift beschaffen konnte, um Mord oder Selbstmord
zu begehen. Der Zugang zu diesem Toxin wäre unter normalen Umständen nur einem sehr kleinen
Personenkreis möglich. Die beiden wurden demnach entweder Opfer eines Mordes, zufällige Opfer
eines Versehens oder Opfer eines Terroranschlages, so schloss Kolarik aus diesem Bericht.
Doch wer sollte ein Motiv haben, ein harmloses Pensionistenehepaar auf eine so ausgefallene Art
umzubringen? Wurde am Ende die anonyme Drohung damals doch zu wenig ernst genommen?
Wurden vielleicht nicht alle Bestände an Konserven vernichtet? Wurden die vergifteten Produkte
erst nach der Entwarnung in Umlauf gesetzt? Handelte es sich etwa um einen Nachahmungstäter,
dem es gelungen war, sich das Gift für eine solche Wahnsinnstat zu beschaffen?
Auf alle Fälle lag es an ihm, jetzt schnell zu handeln. Der Gerichtsmediziner hatte anscheinen von
sich aus noch keinen Zusammenhang mit der Geschichte im März dieses Jahres festgestellt. Es war
aber sehr wahrscheinlich, dass es einen solchen gab. Dann aber wären weitere Menschen in Gefahr,
falls es nicht ohnehin schon weitere Opfer gab. Er berichtete seinem Kollegen kurz über seine Befürchtungen und alarmierte auch die Mordkommission. Dann telefonierte er mit dem
Gerichtsmediziner, der sich jetzt erst an den Alarm im März erinnerte. Er musste sich im letzten
Jahr sehr viel mit chemischen und biologischen Gefährdungen auseinandersetzen. Nur dadurch war
ihm gestern eine schnelle Analyse des Giftstoffes möglich. Durch die intensive Beschäftigung mit
dieser neuen Materie gerieten jedoch einzelne Ereignisse des letzten Jahres leicht in Vergessenheit.
Jetzt schien auch ihm ein Zusammenhang damit sehr wahrscheinlich. Bei den damaligen Ermittlungen wurde auch dieses Gift in Erwägung gezogen.
Nicht einmal eine Stunde später heulten in allen Wiener Straßen die Polizeisirenen. Die Supermärkte der großen Handelskette wurden telefonisch angewiesen, ihre Geschäfte sofort zu
schließen. Davon war nicht nur die Hauptstadt, sondern ganz Österreich betroffen. Filialen befanden sich fast in jedem größeren Ort. Die Polizei der Städte und auch die Gendarmerie in den
kleinen Gemeinden hatten alle Hände voll damit zu tun, alle Konservendosen dieser Firma sicherzustellen.
Ungeachtet des Ernstes und der Tragik der Situation empfand Kolarik Stolz, er war stolz auf seine
Schlussfolgerungen, stolz auf die Effizienz des Sicherheitsapparates. Trotz der personellen
Einschränkungen war dieser noch immer in der Lage, schnell zu handeln, wenn es notwendig war.
Er machte sich jedoch auch seine Gedanken über die Verletzbarkeit des ganzen Systems. Früher
wäre eine solche terroristische Wahnsinnstat nicht möglich gewesen. Er war davon überzeugt, dass
es eine solche war. Damals erfolgte die Verteilung der Güter des täglichen Bedarfs noch durch die
kleinen Lebensmittelhändler, in Wien liebevoll Greißler genannt, und es gab noch eine Vielzahl von
Erzeugern. Heute, da die ganze Welt eine Globalisierung herbeiredet, genügen schon relativ kleine
Ursachen für große Wirkungen. Gerade bei den Nahrungsmitteln wird die Auswahl immer kleiner,
auch wenn lokale Spezialitäten zu internationalen Massenartikeln geworden sind. Vielleicht würde
es in wenigen Jahren einem verrückten Einzeltäter gelingen, durch geschickte Nutzung der
vorhandenen Logistik die halbe Menschheit auszurotten. Kolarik hielt sich für keinen Nostalgiker,
doch er bedauerte es immer öfter, dass es von ihnen bereits viel zu wenige gab.
Zwei Tote in Wien, und die ganze Welt geriet in Panik. Die Medien waren schnell. Nachrichten
vom vergangenen Tag sind weniger wert als Waren am Ende des Räumungsverkaufs. Radio,
Fernsehen, Internet und Sonderausgaben der Zeitungen beschworen einen neuen, in seinen Auswirkungen nicht absehbaren Terroranschlag, diesmal in Europa. Ein kleines, harmloses Land, von dem
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der Großteil der Menschheit bis dahin nicht einmal wusste, dass es existiert, wurde für kurze Zeit
zum Mittelpunkt des Medieninteresses. Dann versank es wieder in seine selbstgefällige
Anonymität. Endlich aber gab es wieder einen soliden Grund zur Angst, die zwar immer wieder
betäubt wird, jedoch ständig auf ihre Chance lauert.
Donnerstag, 14. November 2002
Hofer fühlte sich, wie alle anderen, von diesen Todesfällen stark bewegt. Möglicherweise hatte er
durch seine Aufmerksamkeit dazu beigetragen, noch mehr Unheil zu verhindern. Vor allem dachte
er jedoch an seine Familie. Auch er bezog, wie gut die Hälfte der Bewohner Wiens, den Großteil
der Lebensmittel von dieser Handelskette. Er ging nach Dienstsschluss einkaufen, seine Frau
musste ja bis zum Ladenschluss selbst arbeiten. Sie zählte zu jener Gruppe von Beschäftigten, die in
jüngster Zeit gleichsam als eigene Kaste angesehen wird. Man spricht immer häufiger davon, dass
"die Menschen" oder "die Berufstätigen" durch die eingeschränkten Öffnungszeiten der Geschäfte
nur noch unter Stress in der Lage sind, ihre Einkäufe zu tätigen. Liberalisierung der
Ladenschlusszeiten heißt die Devise. In den Medien werden die fast paradiesischen Möglichkeiten
beschrieben, rund um die Uhr Shopping zu betreiben oder auch sonst nach Belieben die wohlverdiente Freizeit zu nutzen. Dass in den Unternehmen, die Waren oder Dienstleistungen
bereitstellten, fast ein Drittel aller Beschäftigten tätig ist, zum Grossteil Frauen, darunter viele
Alleinerzieherinnen, scheint die anderen nicht zu interessieren. Man spricht davon auch nur wenig.
Der in den letzten Jahren entstandene Ausdruck "Zweidrittel-Gesellschaft" gewann in Hofer's
Augen damit eine ganz neue Bedeutung: ein Drittel ohne Job, ein Drittel mit einem Job über die
normalen Arbeitszeiten hinaus und schließlich das letzte Drittel, das von allem profitieren soll. So
sieht mehr und mehr der Entwurf für eine neuen Ordnung unserer Konsumgesellschaft aus.
So in Gedanken und zunehmend an der Gesellschaft verzweifelnd, in der er lebte, kam Hofer zur
verhängnisvollen Adresse. Die Post an die Zangers wurde bereits gerichtlich eingezogen, er konnte
also an diesem Haus vorbeigehen. Trotzdem warf er einen Blick in den Vorgarten und da zuckte
eine Erinnerung in ihm auf. Das letzte Mal, als er mit Frau Zanger Kontakt hatte, es musste so Mitte
Oktober gewesen sein, hatte er ihr eine benachrichtigte Briefsendung zugestellt. Das Gartentor
wurde ihm mit der Türsprechanlage geöffnet und gerade, als er das Grundstück betreten wollte,
sprach ihn ein Mann mit einer Chauffeurmütze an. Der bat ihn, eine Schachtel mit Lebensmitteln
zum Haus bringen zu dürfen. Sie war für Frau Zanger bestimmt. Bei der Lieferung durch den
Zustelldienst war sie aber nicht anwesend oder sie hatte auf das Läuten nicht reagiert. Die Schachtel
wurde dann beim Nachbarhaus abgegeben. So etwas kam manchmal vor. Was Hofer auffiel, war
die Chauffeurmütze, die ihm irgendwie anachronistisch erschien. Außer für Manager oder Politiker
waren Chauffeure ohnehin sehr aus der Mode gekommen. Wer sich einen teuren Wagen leisten
konnte, chauffierte ihn gern selbst, und wer ihn sich nicht leisten konnte, brauchte auch keinen
Chauffeur. Doch Chauffeure mit Mütze kannte er nur noch aus alten Filmen. Er fragte damals den
Fahrer, für wen er arbeitete und wo der Karton abgegeben wurde. Zu seinem großen Erstaunen
erfuhr er, dass es sich um den Chauffeur des mysteriösen Boris Meier, der Adresse ohne Post,
handelte. Er konnte sich auch noch an einen Akzent dieses Mannes erinnern, den er jedoch nicht
zuordnen konnte. So sehr er sich auch damals über diese Chauffeurmütze gewundert hatte, es war
dies kein so bedeutendes Ereignis, um es in seiner Erinnerung in einer leicht zugänglichen Lade zu
speichern. Doch jetzt mit all diesen Zusammenhängen wurde ihm klar, dass dies für die Aufklärung
des Verbrechens von Bedeutung sein könnte. Das genaue Datum dieser letzten Begegnung mit Frau
Zanger konnte leicht festgestellt werden. Es war nicht auszuschließen, dass sich in diesem Karton
die verhängnisvolle Konservendose befand.
Nachdem er den Inhalt seines Rollkorbes an seine Adressaten verteilt hatte, machte er sich auf den
Weg zum nächsten Wachzimmer und erzählte dort, woran er sich erinnern konnte. Noch am
gleichen Tag, rechtzeitig vor dem Wochenende, erfuhr die Polizei von der Post, dass der eingeschriebene Brief am siebzehnten Oktober, einem Donnerstag, zugestellt wurde.
Dieser Tag oder einer der darauf folgenden war also der Todestag der Zangers. Das würde auch mit
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dem Obduktionsbericht übereinstimmen.
***
Freitag, 17. Jänner 2003
Zwei Monate später blieben die Ermittlungen der österreichischen Polizei und der Interpol noch
immer ohne Ergebnisse. Es wurden sämtliche beschlagnahmten Konservenprodukte untersucht, bei
keinem wurde irgendetwas Auffälliges gefunden, sieht man von Verstößen gegen das Lebensmittelgesetz ab. Es gab auch bis zu diesem Tag keine weiteren Opfer. Das verwendete Gift ließ alle
Ermittler auf einen Terrorakt schließen. Es fehlten jedoch Bekennerschreiben, wie sie sonst üblich
waren, auch wenn sie nur zur Irreführung dienten. Man verschärfte die Sicherheitskontrollen bei der
Lebensmittelproduktion und beim Vertrieb. Viel Hoffnung hatte man aber nicht, damit ähnliche
Verbrechen verhindern zu können. Schließlich beschlossen die Behörden, diese Tat als die eines
einzelnen Geisteskranken zu anzusehen und sie vorläufig zu den Akten zu legen, beziehungsweise
sie auf eine höhere Ebene, die der internationalen Terrorbekämpfung, zu delegieren. Schon in weit
früheren Zeiten überließ man solche unaufgeklärte Verbrechen einer höheren Instanz, die allerdings
weit weniger irdisch war als die heute damit befassten Einrichtungen. Bestärkt wurde die Polizei
dadurch, dass es für diesen Doppelmord nur einen Nutznießer gab und der war unverdächtig. Es
war ein wohltätiger Verein mit hohem Ansehen.
Was die Polizei nicht wusste
Mittwoch, 13. Februar 2002
Boris Meier fühlte sich in seiner Haut nicht mehr wohl.
"Ich habe alles versucht, was ich kann, aber sie wollen einfach nicht verkaufen. Sie brauchen das
Geld nicht und sie möchten auch nirgends anders wohnen. Ich habe ihnen ausgemalt, was in einigen
Jahren auf sie zukommen wird: Krankheiten, Pflegebedürftigkeit, Einsamkeit, doch sie haben nur
mit der Schulter gezuckt und gesagt, es wird sich dann schon eine Lösung finden. Erben haben sie
wie gesagt keine. Sie haben aber schon Vorstellungen darüber, wem ihr Grundstück dann gehören
soll. Was ich so herausgehört habe, denken sie an irgendeinen wohltätigen Zweck. Es ist immer die
gleiche Geschichte."
Sein Gegenüber blickte ihn gelangweilt an und zog ungerührt an seiner Zigarre.
"Und, da fällt dir nichts dazu ein? Wofür glaubst du, dass wir dich bezahlen? Nur, damit du in der
Welt herumfährst, ein paar Gespräche führst und Papiere unterschreibst? Du weißt, der Boss will
diese Grundstücke. Er braucht eine seriöse Adresse und genügend Raum. Spiel du den Wohltäter
und tu ihm, den beiden Alten und dir etwas Gutes. Verschaff uns ein Testament."
"Was nützt uns ein Testament, die beiden sind noch sehr rüstig."
Der andere lachte dröhnend.
"Du hast Sinn für Humor, das gefällt mir."
Das Unbehagen in Meiers Sonnengeflecht verstärkte sich, er hatte Angst. Er wusste, als er diesen
Job angenommen hatte, er musste sich damit über alle gängigen Regeln von Gesetz und Moral hinwegsetzen. Bei seiner Vergangenheit war ihm das auch nicht besonders schwer gefallen. Unbescholtenheit war keine Voraussetzung für diesen Beruf. Und doch, es bestand ein Unterschied zwischen Verbrechen, die am Schreibtisch begangen wurden und solchen, die nicht anonym, sondern
mit genau vorbestimmten Opfern verübt werden sollten. Dass das Lachen seines Gegenübers Tod
bedeutete, war ihm auch ohne Zuhilfenahme eines Dolmetschers klar. Er hatte lediglich die Wahl,
wen dieser Tod treffen sollte, die beiden Alten oder ihn.
"Wenn du Hilfe brauchst, du weißt, unsere Familie hat viele Verbindungen, überall in der Welt. Wir
haben Zugang zu Dingen, von denen du und ich noch gar nichts gehört haben. Wenn du sie nicht
nutzt, nutzen wir sie."
Er schrieb etwas auf einen Zettel, mit seiner linken Hand, obwohl er, wie Meier glaubte,
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Rechtshänder war. Er hatte ihn noch nie schreiben gesehen, dafür war er selbst engagiert worden,
um zu schreiben und zu unterschreiben. Meier war der bevollmächtigte Strohmann für ein
Konglomerat von Briefkastenunternehmen, die über den ganzen Erdball verteilt waren, unter
anderem für die Wiener Firma "Cityconcept". Sein Gegenüber, von dem er nur den Decknamen
"Falcon" kannte, war sein Verbindungsmann. Den Boss kannte er nicht. Der wollte in Wien eine
Kommandozentrale einrichten. Wien liegt im Zentrum eines Kontinents, der von der Familie noch
zu wenig unter Kontrolle gebracht wurde. Dazu brauchte er eine diskrete Lage und genügend Areal.
Es war Meier bereits gelungen, sich von der Republik Österreich das Vorkaufsrecht für das
Grundstück Schimanskygasse 33 zu sichern. Es konnten nach dem Ableben der Besitzer keine
Erben ermittelt werden und so fiel es dem Staat zu. Schimanskygasse 37 wurde bereits vor fünf
Jahren von der "Cityconcept" erworben. Was noch fehlte, war die attraktive Lücke dazwischen.
Meier wunderte sich, dass der Boss gerade auf dieses Grundstück bestand, es hätte sicher viele
andere, einfachere Möglichkeiten gegeben. Doch das Wort "einfach" gehörte nicht zum Sprachschatz seines unbekannten Chefs, wohl aber das Wort "unbedingt". Auch für dieses Wort kannte
Meier die für ihn zutreffende Übersetzung. Er nahm den Zettel von Falcon entgegen. Auf ihm stand
ein anderer Deckname, "Soldier", und eine Mobiltelefonnummer. Nichts weiter, den Rest musste er
selbst in Erfahrung bringen.
"Denk nach, welche Art von Wohltätigkeit für dich die beste ist. Gott oder sonst wer wird es dir
lohnen und dir vielleicht noch ein paar Jahre Leben schenken".
Wieder dieses dröhnende Lachen, das diesmal "und jetzt verschwinde" bedeutete. Meier versuchte
mehr schlecht als recht das Zittern in seinen Beinen zu verbergen und verabschiedete sich.
***
Dienstag, 5. März 2002
Seit gestern war für Meier klar, wie er vorgehen musste, um seinen Job und wahrscheinlich auch
sein Leben zu retten. Er hatte mit Soldier Kontakt aufgenommen, der sich als Spezialist für militärische Giftstoffe erwies. Die waren im Zuge der Verwirrungen beim Zusammenbruch der
Sowjetunion außer staatliche Kontrolle und sozusagen in den freien Verkehr gelangt. Einen solchen
Vorgang würde man heute als Liberalisierung beschreiben, doch vermutlich wird das so freigesetzte
Spiel der Kräfte auch die damit verbundenen Probleme wie von selbst regeln. Meier war fest
entschlossen, seinen Beitrag dazu zu leisten.
Das Werkzeug hatte er seit gestern in der Hand. Dies war nicht nur symbolisch gemeint, sondern
wörtlich zu nehmen. Zwei kleine, gut verpackte Phiolen, eine Injektionsspritze, diverses anderes
Zubehör und sogar eine recht genaue Gebrauchsanweisung, in der Wirkungen und mögliche
Nebenwirkungen (auf den Anwender) genau beschrieben wurden. Außer einem guten Atemschutz
würde er eiserne Nerven bei der Durchführung seines Vorhabens brauchen. Er musste genau den
Anweisungen folgen: zuerst eine Konservendose durch das Etikett an der Rundung mit einem
dünnen, harten Stift durchstechen, dann mit der nach einer schwierigen Prozedur gefüllten Spritze
das Gift in die Dose injizieren und schließlich das kleine Loch mit einem Tropfen einer
Spezialmasse wieder versiegeln. Doch das hatte noch einige Monate Zeit.
Den Plan dafür, wie das Gift in die Körper der beiden Alten gelangen sollte, hatte er schon seit
einer Woche fertig ausgearbeitet. Es würde dann innerhalb von Minuten zu ihrem Tod führen.
Zunächst musste er einen Geschäftsfreund, einen für die "Familie" tätigen Anwalt, ersuchen, einen
gemeinnützigen Verein mit einem für alte Leute unwiderstehlichem Vereinszweck zu gründen. Sie
hatten sich schließlich darauf geeinigt, ihn "Verein zur Ganztagsbetreuung von Alzheimerkranken"
zu bezeichnen. Er selbst oder die "Familie" würden damit in keinem Zusammenhang zu finden sein.
Als Unterstützer dieses Vereins hatte sein Freund Prominente aus Politik, Kultur und Wirtschaft
gewinnen können, was in Österreich nicht sehr schwer war. So etwas kostete fast nichts, brachte
einem jedoch in die Klatschschlagzeilen und war somit eine billige, aber effektvolle Möglichkeit,
Publizität zu erlangen.
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Erst vor einigen Tagen hatte er vorsorglich wieder einmal im Grundbuch nachgesehen, ob diese
Liegenschaft noch unbelastet im Eigentum der beiden Zangers stand, und er hatte dies bestätigt
bekommen. Vor wenigen Minuten erhielt er die Mitteilung, dass ein routinierter Vertreter zu den
Zangers unterwegs war, um sie dazu zu überreden, diesem Verein ihr nach ihrem Tod verbliebenes
Vermögen zu überschreiben.
Die Zangers erwarteten ihn bereits, sie hatten von dem Verein bereits viel gelesen und gehört. Die
Public-Relation-Abteilung von Meiers Freund hatte gute Arbeit geleistet. Der junge Mann hatte sich
höflich telefonisch angemeldet. Sie nahmen fest an, dass es sich hiebei, wie so oft, um eine Spendensammlung handelte und sie waren dazu bereit, ihren kleinen Beitrag für dieses Vorhaben zu leisten. Man kann ja nicht wissen, ob man nicht eines Tages selbst zum Nutznießer einer solchen Einrichtung wird.
Ihre Überraschung war jedoch sehr groß, als sie nach einer langen Stunde, in denen der nette junge
Mann überschwänglich von den Vorhaben seines Vereins berichtete, von seinen Absichten
erfuhren. Er schlug ihnen nämlich nicht mehr und nicht weniger vor, als nach ihrem Ableben, das
sicher noch in weiter Ferne lag, ihr verbliebenes Vermögen diesem Verein zu vererben. Er würde
ihnen beim Verfassen eines solchen Testamentes behilflich sein. Die beiden blickten sich kurz an
und Herr Zanger bat um Bedenkzeit. Ein Tag würde genügen, der junge Mann sollte morgen wieder
vorbeikommen.
Mittwoch, 6. März 2002
Der Vertreter war erfolgreich, schon beim zweiten Besuch. Er erschien mit einem vorbereiteten
Testament, in dem die Zangers ihr gesamtes bewegliches und unbewegliches Vermögen zunächst
dem überlebenden Lebenspartner, in der Folge dann dem genannten Verein vermachten.
Die Zangers blickten einander an, der junge Mann glaubte in beiden Gesichtern ein kleines Lächeln
aufflammen zu sehen, und unterschrieben ohne weitere Fragen die vorbereiteten Unterlagen. Trotz
seiner Jugend und seiner Professionalität war der junge Mann davon berührt, welche sichtbare
Freude in den Gesichtern der beiden Alten aufleuchtete, als sie sich zu diesem Schritt entschlossen.
Ein kurzer Anflug von Gewissensbissen berührte ihn, doch was sollte es, that's live, that's business.
Er selbst hatte keine Ahnung, für wen er wirklich tätig war.
***
Dienstag, 27. März 2002
Der anonyme Brief wurde an die Redaktion der großen Boulevardzeitung abgesendet. Es wurde
darin ein Giftattentat angekündigt, eine Konserve einer Supermarktkette wäre kontaminiert worden.
Mit diesem Schritt wollte Meier eine Markierung setzen. Irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt,
würde sich jemand an diese Warnung erinnern. Dann, wenn es tatsächlich Opfer eines
Giftanschlages geben würde. Doch bis dahin war noch viel Zeit.
Er hatte die Zangers durch gute Freunde aus der "Familie" beobachten lassen. Eine Gewohnheit, die
ihm sehr von Nutzen war, hatten sie schon bald ausgekundschaftet. Die Zangers ließen sich mehr
oder weniger regelmäßig von dieser Supermarktkette, die er in seinem anonymen Schreiben
erwähnt hatte, Lebensmittel zustellen. Meistens befand sich in dieser Schachtel, deren Inhalt durch
zufällig vorbeigehende Passanten leicht eingesehen werden konnte, eine Dose Corned Beef.
Haustiere hatten sie keine, es war also davon auszugehen, dass sie diese Konserven selbst
verzehrten. In Mitteleuropa, in Wien und ganz besonders hier in dieser Gegend, in der Cottage, war
dies sehr ungewöhnlich. Es schien sich jedoch um eine Vorliebe der beiden zu handeln, die
vielleicht noch aus den Erinnerungen der Nachkriegszeit mit ihren Care-Paketen stammte.
***
Donnerstag, 17. Oktober 2002
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Morgen würde es so weit sein. Zuerst schien es fast unmöglich in Erfahrung zu bringen, wann
genau die Zangers ihre Bestellungen beim Zustelldienst aufgaben, und vor allem, wann auch eine
Dose Cornedbeef dabei war. Als er es endlich wagte, Falcon gegenüber dieses Problem zu
erwähnen, lachte dieser schallend. Auch dieses Lachen war wieder leicht zu übersetzen: Wo liegt
das Problem?
Zwei Tage später war alles installiert. Die Experten brauchten dafür nicht einmal das Haus der
Zangers zu betreten. Wie sie das zustande brachten, blieb Meier ein Rätsel. Auf alle Fälle musste er
nur das entsprechende Programm in seinem Computer aufrufen und schon konnte er alle Gespräche,
die in der Zwischenzeit von den Zangers geführt wurden, Wort für Wort abhören. Es war das erste
Mal seit langem, dass er mehr als eine Woche in "seiner" Wohnung verbrachte, aber erst heute bestellten die Zangers wieder Corned Beef. Er hatte bereits begonnen, nervös zu werden. Er wusste, er
konnte es sich nicht leisten, die Nerven zu verlieren. Ihr Zustand war seit langem untrennbar mit
seinem Weiterleben verbunden.
Die Bestellung wurde am Dienstag für die Lieferung am Freitag aufgegeben. Die vergiftete Dose
lag seit Wochen in seinem Safe bereit, um gegen eine von der alles entscheidenden Lieferung
ausgetauscht zu werden, für die eine, die die letzte im Leben der Zangers sein würde.
Freitag, 18. Oktober 2002
Jetzt war noch die Gegensprechanlage der Zangers außer Betrieb setzen. Dies musste unmittelbar,
bevor der Zustelldienst auftauchte, geschehen, was nicht sehr schwierig war. Der Zustelldienst kam
immer am frühen Morgen. Für diesen einen Tag hatte Meier einen Chauffeur engagiert, auch der
war ein Freund aus der "Familie". Der hatte "zufällig" vor dem Haus geparkt. Als der Lieferant am
Gartentor läutete und vergebens auf eine Antwort wartete, hatte der Chauffeur hilfreich eingegriffen
und die Lieferung stellvertretend übernommen. Er würde sie dann später später mit lieben Grüßen
vom Nachbar den beiden Alten übergeben. Zuvor musste er noch die Sprechanlage wieder
funktionsfähig machen, doch das verriet er dem Lieferanten natürlich nicht.
Dass gerade an diesem Tag eine eingeschriebene Briefsendung zugestellt werden sollte, erleichterte
ihm die Übergabe. Keiner hatte Verdacht geschöpft, in dieser Jahreszeit konnte es schon
vorkommen, dass technische Geräte wegen der Feuchtigkeit Launen zeigten.
Die Sache schien gelaufen zu sein. Meier war mit sich zufrieden und reiste noch am gleichen Tage
ab. Der Abschluss eines großen Geschäftes wartete auf ihn, dessen Gegenstand ihm, wie immer,
eigentlich unbekannt war. Diesmal musste er nach Spanien. Eine Unterschrift und schon würde sein
Spesenkonto mit frischem Futter versorgt sein.
***
Mittwoch, 18. Dezember 2002
Der "Verein zur Ganztagsbetreuung von Alzheimerkranken" hatte vor zwei Wochen seine Ansprüche aus dem Testament geltend gemacht. Er hatte, um einen Anschein von Pietät zu wahren, bis zu
diesem Tage gewartet. Er wusste, dass er keine Fristen versäumen würde.
Heute erhielt er jedoch die niederschmetternde Mitteilung, dass im Nachlass kein nennenswertes
Vermögen vorhanden war, sieht man von den geringen Beträgen auf den Bankkonten und dem alten
Hausrat ab.
Als Meier davon erfuhr, setzte er sich sofort in großer Eile in sein Auto und fuhr in seine alte
Heimat, nach Polen, wo er schon jahrelang nicht mehr gewesen war. Er überlegte nicht lange, er
glaubte, dass dies der einzige Ort wäre, wo ihn niemand finden würde. Begründen konnte er diese
Vorstellung nicht, wahrscheinlich riet ihm der letzte Rest eines längst verloren gegangenen
Heimatgefühls zu diesem Schritt.
Die "Familie" erfuhr noch am gleichen Tag vom Versagen Meier's.
Was niemand wusste
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Mittwoch, 6. März 2002
Die Zangers hatten ihre Villa als einzigen wesentlichen Vermögenswert, der ihnen noch verblieben
war, schon vor einer Woche einer Stiftung geschenkt, die die Betreuung alter Schauspieler zum
Zweck hatte. Es war dies eine Institution, die in Österreich sehr geschätzt wird. Hier genießen
Veteranen der Kunst fast so hohes Ansehen wie bereits verstorbene Künstler. Diese Stiftung führte
schon bisher ein Heim für diese pensionierten Idole. Die Zangers hatten sich lediglich ein
Wohnrecht auf Lebenszeit desjenigen von ihnen, der als letzter sterben würde, ausbedungen.
Als der junge Vertreter ihnen jenes unmoralische Ansinnen unterbreitete, waren sie zunächst, jeder
für sich, darüber empört. So etwas konnte man einem einfach nicht vorschlagen. So etwas musste
man selber in die Wege leiten, von sich aus entscheiden. Erbschleicherei wurde in ihren Augen um
nichts besser, wenn sie sich unter dem Mantel der Nächstenliebe verbarg. Doch gleich darauf,
nachdem der junge Mann ausgesprochen hatte, blitzte es zur gleichen Zeit in beiden auf: Sie hatten
das Haus ja bereits verschenkt, was hätten sie zu verlieren, wenn sie den spärlichen Rest, dessen
Entsorgung mehr kosten als einbringen würde, diesem Verein vererbten. Sie wollten dies aber noch
gemeinsam absprechen und vertrösteten den Vertreter auf den kommenden Tag. Sie freuten sich
wie Kinder, als sie das Testament unterschrieben. Es waren die kleinen Freuden, die ihnen
geblieben waren, und unter diesen kleinen Freuden war die Schadenfreude die größte.
Die Zangers hatten ihrer Hassliebe zum Theater und zur Oper einen letzten Tribut erstattet und sich
wahrscheinlich selbst ein Denkmal gesetzt. Und sie hatten etwas geschafft, an dem zuvor schon
Weltkonzerne gescheitert waren, sie hatten die "Familie", die sie gar nicht kannten, überlistet.
***
Mittwoch, 25. Dezember 2002
Es war nur eine kleine Notiz in einer polnischen Lokalzeitung, die berichtete, dass am Tag zuvor in
den Abendstunden ein Boris Meier auf dem Weg zur Feier des Heiligen Abends nahe einem Dorf in
Mittelpolen von der Straße abgekommen und tödlich verunglückt war. Er war in seiner Heimatgemeinde als erfolgreicher internationaler Kaufmann bekannt, aber schon seit Jahren nicht mehr
hier gewesen. Er hinterließ keine Frau und keine Kinder.
Samstag, 27 Dezember 2002
Das letzte Blütenblatt eines vergessenen Rosenbuketts fiel fast lautlos auf das noch nicht befestigte
Grab der Zangers, als ein älterer, mit sorgfältiger Eleganz gekleideter Herr vor ihm stand, seinen
Hut zog und bewundernd nickte.
Auch der Chef der "Familie" hatte seine sentimentalen Anwandlungen.
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Seele and Geist
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