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CHRISTA WOLF Was bleibt Aufbau-Verlag - Yimg

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CHRISTA WOLF
Was bleibt
Aufbau-Verlag
Nur keine Angst. In jener anderen Sprache, die ich
im Ohr, noch nicht auf der Zunge habe, werde ich
eines Tages auch darüber reden. Heute, das wußte
ich, wäre es noch zu früh. Aber würde ich spüren,
wenn es an der Zeit ist? W ü r d e ich meine Sprache je
finden? Einmal würde ich alt sein. Und wie würde ich
mich dieser Tage dann erinnern? Der Schreck zog etwas in mir zusammen, das sich bei Freude ausdehnt.
Wann war ich zuletzt froh gewesen? Das wollte ich
jetzt nicht wissen. W i s s e n wollte ich - es war ein
Morgen im März, kühl, grau, auch nicht mehr allzu
früh -, wie ich in zehn, zwanzig Jahren an diesen
noch frischen, noch nicht abgelebten Tag zurückdenken würde. Alarmiert, als läute in mir eine Glocke
Sturm, sprang ich auf und fand mich schon barfuß auf
dem schön gemusterten Teppich im Berliner Zimmer,
sah mich die Vorhänge zurückreißen, das Fenster
zum Hinterhof öffnen, der von überquellenden Mülltonnen und Bauschutt besetzt, aber menschenleer
war, wie für immer verlassen von den Kindern mit
ihren Fahrrädern und Kofferradios, von den Klempnern und Bauleuten, selbst von Frau G., die später in
Kittelschürze und grüner Strickmütze herunterkommen würde, um die Kartons der Samenhandlung, der
Parfümerie und des Intershops aus den großen Drahtcontainern zu nehmen, sie platt zu drücken, zu hand-
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liehen Ballen zu verschnüren und auf ihrem vierrädrigen Karren zum Altstoffhändler um die Ecke zu bringen. Sie würde laut schimpfen über die Mieter, die
ihre leeren Flaschen aus Bequemlichkeit in die Mülltonnen warfen, anstatt sie säuberlich in den bereitgestellten Kisten zu stapeln, über die Spätheimkehrer,
die beinahe jede Nacht die vordere Haustür aufbrachen, weil sie immer wieder ihren Schlüssel vergaßen,
über die Kommunale Wohnungsverwaltung, die es
nicht fertigbrachte, eine Klingelleitung zu legen, am
meisten aber über die Betrunkenen aus dem Hotelrestaurant im Nebenhaus, die unverfroren hinter der
aufgebrochenen Haustür ihr Wasser abschlugen.
Die kleinen Tricks, die ich mir jeden Morgen erlaubte: ein paar Zeitungen vom Tisch raffen und sie
in den Zeitungsständer stecken, Tischdecken im Vorübergehen glattstreichen, Gläser zusammenstellen,
ein Lied summen („Geht nicht, sagten kluge Leute,
zweimal zwei ist niemals drei"), wohl wissend, alles,
was ich tat, war Vorwand, in Wirklichkeit war ich, w i e
an der Schnur gezogen, unterwegs zum vorderen
Zimmer, zu dem großen Erkerfenster, das auf die
Friedrichstraße blickte und durch das zwar keine
Morgensonne hereinfiel, denn es war ein sonnenarmes Frühjahr, aber doch Morgenlicht, das ich liebe,
und von dem ich mir einen gehörigen Vorrat anlegen
wollte, um in finsteren Zeiten davon zu zehren.
Aber das weiß ich doch, daß man durch willentlichen Entschluß keinen Himmelsschatz erwirbt, der
sich unter der Hand vermehrt; weiß doch: Alle Nahrung über des Leibes Notdurft hinaus wächst uns zu,
ohne daß wir sie Stück um Stück zusammentragen
müßten oder dürften, sie sammelt sich von selbst,
und ich fürchte ja, alle diese wüsten Tage würden
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nichts beisteuern zu dieser dauerhaften Wegzehrung
und deshalb unaufhaltbar im Strom des Vergessens
abtreiben. In heller Angst, in panischer Angst wollte
ich mich jetzt an einen dieser dem Untergang geweihten Tage klammern und ihn festhalten, egal, was ich
zu fassen kriegen würde, ob er banal sein würde oder
schwerwiegend, und ob er sich schnell ergab oder
sich sträuben würde bis zuletzt. So stand ich also, w i e
jeden Morgen, hinter der Gardine, die dazu angebracht worden war, daß ich mich hinter ihr verbergen konnte, und blickte, hoffentlich ungesehen,
hinüber zum großen Parkplatz jenseits der Friedrichstraße.
Übrigens standen sie nicht da. W e n n ich recht
sah - die Brille hatte ich mir natürlich aufgesetzt -,
waren alle Autos in der ersten und auch die in der
zweiten Parkreihe leer. Anfangs, zwei Jahre war es
her, daran maß ich die Zeit, hatte ich mich ja von den
hohen Kopfstützen mancher Kraftfahrzeuge täuschen
lassen, hatte sie für Köpfe gehalten und ob ihrer Unbeweglichkeit beklommen bestaunt; nicht, daß mir
gar keine Fehler mehr unterliefen, aber über dieses
Stadium war ich hinaus. Köpfe sind ungleichmäßig
geformt, beweglich, Kopfstützen gleichförmig, abgerundet, steil - ein gewaltiger Unterschied, den ich
irgendwann einmal genau beschreiben könnte, in
meiner neuen Sprache, die härter sein würde als die,
in der ich immer noch denken mußte. W i e hartnäckig
die Stimme die Tonhöhe hält, auf die sie sich einmal
eingepegelt hat, und welche Anstrengung es kostet,
auch nur Nuancen zu ändern. Von den Wörtern gar
nicht zu reden, dachte ich, während ich anfing, mich
zu duschen - den Wörtern, die, sich beflissen überstürzend, hervorquellen, wenn ich den Mund aufma7
che, angeschwollen von Überzeugungen, Vorurteilen,
Eitelkeit, Zorn, Enttäuschung und Selbstmitleid.
Wissen möchte ich bloß, warum sie gestern bis
nach Mitternacht dastanden und heute früh einfach
verschwunden sind.
Ich putzte mir die Zähne, kämmte mich, benutzte
gedankenlos, doch gewissenhaft verschiedene Sprays,
zog mich an, die Sachen von gestern, Hosen, Pullover, ich erwartete keinen Menschen und würde allein sein dürfen, das war die beste Aussicht des Tages. Noch einmal mußte ich schnell zum Fenster laufen, wieder ergebnislos. Eine gewisse Erleichterung
war das natürlich auch, sagte ich mir, oder wollte ich
etwa behaupten, daß ich auf sie wartete? Möglich, daß
ich mich gestern abend lächerlich gemacht hatte; einmal würde es mir wohl peinlich sein, daran zu denken, daß ich mich alle halbe Stunde im dunklen Zimmer zum Fenster vorgetastet und durch den Vorhangspalt gespäht hatte; peinlich, zugegeben. Aber zu
welchem Zweck saßen drei junge Herren viele Stunden lang beharrlich in einem weißen Wartburg direkt
gegenüber unserem Fenster.
Fragezeichen. Die Zeichensetzung in Zukunft gefälligst ernster nehmen, sagte ich mir. Überhaupt: sich
mehr an die harmlosen Übereinkünfte halten. Das
ging doch, früher. W a n n ? Als hinter den Sätzen mehr
Ausrufezeichen als Fragezeichen standen? Aber mit
simplen Selbstbezichtigungen würde ich diesmal
nicht davonkommen. Ich setzte Wasser auf. Das mea
culpa überlassen wir mal den Katholiken. W i e auch
das pater noster. Lossprechungen sind nicht in Sicht.
Weiß, warum in den letzten Tagen ausgerechnet
weiß? W a r u m nicht, w i e in den Wochen davor, tomatenrot, stahlblau? Als hätten die Farben irgendeine
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Bedeutung, oder die verschiedenen Automarken. Als
verfolgte der undurchsichtige Plan, nach dem die
Fahrzeuge einander ablösten, verschiedene Parklükken in der ersten oder zweiten Autoreihe auf dem
Parkplatz besetzten, irgendeinen geheimen Sinn, den
ich durch inständiges Bemühen herausfinden könnte;
oder als könnte es sich lohnen, darüber nachzudenken, was die Insassen dieser W a g e n - zwei, drei kräftige, arbeitsfähige junge Männer in Zivil, die keiner
anderen Beschäftigung nachgingen, als im Auto sitzend zu unserem Fenster herüberzublicken - bei uns
suchen mochten.
Der Kaffee mußte stark und heiß sein, gefiltert, das
Ei nicht zu weich, selbsteingekochte Konfitüre war
erwünscht, Schwarzbrot. Luxus! Luxus! dachte ich
w i e jeden Morgen, als ich das alles beieinanderstehen
sah - ein nie sich abnutzendes Schuldgefühl, das uns,
die wir den Mangel kennen, einen jeden Genuß
durchdringt und erhöht. Die Nachrichten aus dem
Westsender (Energiekrise, Hinrichtungen im Iran,
Abkommen über die Begrenzung der strategischen
Rüstungen: Vergangenheitsthemen!) hörte ich kaum,
mein Blick war auf die Eisenstange gefallen, die den
zweiten Ausgang unserer Wohnung - jene Tür, die
von der Küche über die Hintertreppe zum Hofausgang führt - einbruchsicher verrammelt. Mir fiel ein,
in meinem nächtlichen Traum war diese unbenutzte,
schmale, verdreckte, mit ausrangierten Möbeln vollgestellte Treppe reinlich gewesen und lebhaft begangen
von allerlei dreistem Volk, das ich in meinen Traumgedanken „Gelichter" nannte - ein Wort, das ich
diese drahtigen, behenden, lemurenhaften, jeden
Schamgefühls baren Männer niemals hören lassen
würde, die sich, was ich schon immer so sehr gefürch9
tet hatte!, durch die todsichere Hintertür Einlaß in
unsere Küche verschafft hatten, sich nun auf der
Schwelle drängten, sich an die eiserne Stange preßten, die unerschütterlich in ihren Halterungen lag
und merkwürdigerweise von jenen Elenden respektiert wurde, die doch leicht unter ihr hätten durchschlüpfen können, statt dessen aber ihre Leiber gegen
sie quetschten, während immer neue, von einem mir
unsichtbaren Höllenrachen ausgespiene Figuren - ja,
sie wirkten wie Pappfiguren, flach - von hinten nachschoben, unglaublich agil und beredt. Was hatten sie
eigentlich gesagt. Daß wir uns nur ja nicht stören lassen sollten. Daß wir so tun sollten, als seien sie gar
nicht da. Daß es das allerbeste wäre, wir würden sie
vollständig vergessen. Sie höhnten nicht, es war ihr
Ernst, das erbitterte mich am meisten in meinem
Traum. Da man sich einen Traum nicht verbieten,
wohl auch nicht vorwerfen kann, lachte ich auf, um
mir zu beweisen, daß ich eigentlich schon über den
Dingen stand. Das Lachen klang gezwungen.
Keine Angst. M e i n e andere Sprache, dachte ich, weiter darauf aus, mich zu täuschen, während ich das Geschirr in das Spülbecken stellte, mein Bett machte, ins
vordere Zimmer zurückging und endlich am Schreibtisch saß - meine andere Sprache, die in mir zu wachsen begonnen hatte, zu ihrer vollen Ausbildung aber
noch nicht gekommen war, würde gelassen das Sichtbare dem Unsichtbaren opfern, würde aufhören, die
Gegenstände durch ihr Aussehen zu beschreiben tomatenrote, w e i ß e Autos, lieber Himmel! - und
würde, mehr und mehr, das unsichtbare Wesentliche
aufscheinen lassen. Zupackend würde diese Sprache
sein, soviel glaubte ich immerhin zu ahnen, schonend
und liebevoll. N i e m a n d e m würde sie weh tun als mir
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selbst. Mir dämmerte, warum ich über diese Zettel,
über einzelne Sätze nicht hinauskam. Ich gab vor,
ihnen nachzuhängen. In Wirklichkeit dachte ich
nichts.
Sie standen wieder da.
Es war neun Uhr fünf. Seit drei Minuten standen
sie wieder da, ich hatte es sofort gemerkt. Ich hatte
einen Ruck gespürt, den Ausschlag eines Zeigers in
mir, der nachzitterte. Ein Blick, beinahe überflüssig,
bestätigte es. Die Farbe des Autos war heute ein gedecktes Grün, seine Besatzung bestand aus drei jungen Herren. Ob diese Herren ausgewechselt wurden
wie die Autos? Und was wäre mir lieber gewesen daß es immer dieselben waren oder immer andere?
Ich kannte sie nicht, das heißt, doch, einen kannte
ich: den, der neulich ausgestiegen und über die
Straße auf mich zu gekommen war, allerdings nur, um
sich an dem Bockwurststand unter unserem Fenster
anzustellen, und der mit drei Bockwürsten auf einem
großen Pappteller und mit drei Schrippen in den Taschen seiner graugrünen Kutte zu dem Auto zurückgekehrt war. Zu einem blauen Auto, übrigens, mit der
Nummer ... Ich suchte den Zettel, auf dem ich die
Autonummern notierte, wenn ich sie erkennen
konnte. Dieser junge Herr oder Genosse hatte dunkles Haar gehabt, das sich am Scheitel zu lichten begann, das hatte ich von oben sehen können. Einen
Augenblick lang hatte ich mir in der Vorstellung gefallen, daß ich als erste die beginnende Glatze des
jungen Herrn bemerkte, eher als seine eigene Frau,
die womöglich nie derart aufmerksam auf ihn
herabsah. Ich hatte mir vorstellen müssen, w i e sie
dann gemütlich in ihrem Auto beieinanderhockten
(im Auto kann es ja sehr gemütlich sein, besonders
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wenn draußen W i n d geht und sogar einzelne Tropfen
fallen), wie sie die Bockwürste aufaßen und nicht einmal frieren mußten, denn der Motor lief leise und
heizte ihnen ein. Aber was tranken sie dazu? Führten
sie, w i e andere Werktätige, jeder eine Thermosflasche
voll Kaffee mit?
Unsere Empfindungen bei solchen Gelegenheiten
sind kompliziert. Und die richtigen Wörter hatte ich
immer noch nicht, immer noch waren es Wörter aus
dem äußeren Kreis, sie trafen zu, aber sie trafen
nicht, sie griffen Tatsachen auf, um das Tatsächliche
zu vertuschen, so unbekümmert würde ich nicht
mehr lange drauflos reden können, aber was ist einer,
der nicht unbekümmert ist? Bekümmert? Kummervoll? „Kummer", las ich in Hermann Pauls Deutschem
Wörterbuch, immer tiefer hineintreibend in meine
Besessenheit: „Kummer" habe im Mittelhochdeutschen „Schutt, Beschlagnahme, Not", in der älteren
Rechtssprache sogar „Arrest" bedeuten können. Beschlagnahme, ja, das traf es, in Beschlag genommen
dahinkümmern. „Es reuete ihn, daß er die Menschen
gemacht hatte, und es bekümmerte ihn in seinem
Herzen." Doktor Martin Luther, der mir weismachen
wollte, daß wir nur zustimmen oder ablehnen,
Freund oder Feind sein können. Deine Rede sei ja, ja
und nein, nein."
W a s darüber ist, ist vom Übel. Des Doktor Luther
Geschimpf auf den Papst, die gefräßige Sau, dann auf
die Bauern, die tollwütigen Hunde. Glücklicher
Mensch, der seinen Erzfeind aus sich herausstellen
kann. In meiner Sprache werden Tiernamen nur auf
Tiere angewendet werden, nie würde ich, wie andere
es taten, die Namen von Schweinen und Hunden,
nicht einmal die von Frettchen oder Reptilien auf die
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jungen Herren da draußen münzen können. Was mir
fehlte, war wahrscheinlich ein gesunder nivellierender Haß.
Ich kannte sie ja nicht. Was wußte ich schon von
ihnen. Selbst das Kennzeichen „Ledermäntel" war ja
ein überholtes Klischee, Dederonanoraks hatten sich
schon längst durchgesetzt, aber ob dieses Einheitskleidungsstück ihnen von ihrer Dienststelle für den
Außendienst geliefert wurde oder ob sie zum Jahresende eine Verschleißgebühr bekämen und w i e hoch
die etwa sein könnte - das alles hätte ich nicht zu sagen gewußt. Und kannte man heutzutage nicht schon
den halben Menschen, wenn man seine Arbeitsbedingungen kannte? Zum Beispiel hätte mich auch interessiert, wie bei ihnen die tägliche Arbeitseinteilung
vor sich ging, oder der Befehlsempfang, wie man das
wohl nennen mußte, und ob bestimmte Posten beliebter waren als andere, die Autoposten zum Beispiel
beliebter als die Türstehposten. Und, wenn ich schon
mein Interesse anmeldete: Ob jene, die mit ihren Umhängetaschen auf den Straßen patroullieren, tatsächlich in diesen Täschchen ein Sprechfunkgerät mit sich
führen, wie das Gerücht es steif und fest behauptet.
Ich hatte manchmal den Verdacht, in den Taschen
wäre nichts als ihr Frühstücksbrot, das sie aus
menschlich verständlicher Imponiersucht konspirativ
versteckten. Eine verzwickte Art von Amtsanmaßung.
Jedenfalls verbot es sich, vor einen von ihnen hinzutreten und höflich zu fragen: Verzeihen Sie bitte, was
haben Sie eigentlich in Ihrer Tasche? Ebensowenig
konnte man sich bei den Autobesatzungen erkundigen, ob sie mit Abhörgeräten ausgerüstet waren und
w i e weit gegebenenfalls deren Radius reichte. Andere
Vertraulichkeiten hingegen würden sich nicht verbie-
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ten, auch im Umgang mit ihnen gab es einen Codex,
der sich allerdings kaum erlernen ließ, man hatte ihn
oder man hatte ihn nicht. Zum Beispiel bedauerte ich
es immer noch, daß ich nicht gleich damals, als es anfing, in den ersten kalten Novembernächten, meinem
Impuls gefolgt war und ihnen heißen Tee hinuntergebracht hatte. Daraus hätte sich eine Gewohnheit entwickeln können, persönlich hatten wir doch nichts gegeneinander, jeder von uns tat, was er tun mußte,
man hätte ins Gespräch kommen können - nicht
über Dienstliches, Gott bewahre! -, aber über das
Wetter, über Krankheiten, Familiäres.
Nun aber Schluß. Mein beschämendes Bedürfnis,
mich mit allen Arten von Leuten gut zu stellen. Den
Tee damals hatten wir selber getrunken, spät in der
Nacht, im dunklen Zimmer am Fenster stehend, an
das wir am nächsten Tag diese Gardine hängten.
Plötzlich habe ich das Licht anknipsen, dicht ans Fenster treten und zu ihnen hinüberwinken müssen.
Worauf sie ihre Scheinwerfer dreimal kurz aufblitzen
ließen. Sie hatten Humor. Ein bißchen beruhigter, ein
bißchen weniger bedrückt als sonst waren wir schlafen gegangen. Bedrückt? Das hatte ich mir doch nie
zugeben wollen. Jetzt tat ichs eben, vielleicht war das
ein erster notwendiger Schritt auf Unrühmliches hin.
Empfanden nicht Kinder so, wenn der erzürnte Vater
ihnen durch ein kurz angebundenes „Gute Nacht!"
bedeutet hat, daß er nicht unversöhnlich ist? Und w i e
anders als kindlich, kindisch, sollte man die unaufhörlichen Gedankenmonologe nennen, auf denen ich
mich ertappte und die allzu oft in der absurden Frage
endeten: Was wollt ihr eigentlich? Wieviel ich noch
zu lernen hatte! Eine Institution anreden, als sei sie
ein Mensch! Aber über diese frühe Phase war ich
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doch hinaus, beschwichtigte ich mich selbst, Beteuerungen unterliefen mir nicht mehr, seit wann eigentlich? Eines Tages hatte ich begriffen, für Beteuerungen und Erklärungsversuche gab es keinen Adressaten, ich mußte annehmen, wogegen ich mich so lange
gesträubt hatte, die jungen Herren da draußen waren
mir nicht zugänglich. Sie waren nicht meinesgleichen.
Sie waren Abgesandte des anderen. Lange schon war
es mir nicht mehr in den Sinn gekommen, dicht an jenen Autos vorbeizustreichen und grimmigen Gesichts hineinzustarren, um den gläsernen Blicken der
Insassen zu begegnen, deren Auftrag es doch sein
mußte, als das, was sie waren, ausgemacht zu werden
und dadurch Wut, besser: Angst zu erzeugen, die bekanntlich manche Menschen zum Einlenken treibt,
andere zu unüberlegten Handlungen, welche ihrerseits wieder als Indizienbeweis dienen konnten für
die Notwendigkeit der Observation. Irgend jemand,
das fühlte ich stark, mußte versuchen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
Einmal, in meiner neuen freien Sprache, würde ich
auch darüber reden können, was aber schwierig werden würde, weil es so banal war: Die Unruhe. Die
Schlaflosigkeit. Der Gewichtsverlust. Die Tabletten.
Die Träume. Das ließe sich wohl schildern, doch
wozu? Es gab ganz andere Ängste auf der Welt. Das
Haar, wie es büschelweise ausging. Na und? Inzwischen war es dichter nachgewachsen als zuvor, und
die Tabletten lagen unbenutzt in der Schublade. Alles
renkte sich ein. Die Träume. Das ja. Das bestritt ich
mir nicht, aber wo auf der Welt können Menschen
heutzutage ohne Alpträume leben? Nein. J e d e n Tag
sagte ich mir, ein bevorzugtes Leben wie das meine
ließe sich nur durch den Versuch rechtfertigen, hin
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und wieder die Grenzen des Sagbaren zu überschreiten, der Tatsache eingedenk, daß Grenzverletzungen
aller Art geahndet werden. Doch, sagte ich mir, während mir bewußt wurde, daß ich seit Minuten schon
auf den Fernsehturm starrte, der sich halbrechts in
meinem Gesichtsfeld über dem Häusermassiv von
Augen- und Frauenklinik erhob, doch der Sprachgrenze würde ich mich erst nähern, wenn ich mir zutraute zu erklären, warum an jenen Tagen, an denen
die Autos nicht in Wirklichkeit, nur als Phantombild
auf meiner Netzhaut vorhanden waren, die Angst
nicht von mir wich, nicht einmal geringer war als an
Tagen der offensichtlichen Observation. Dazu,
dachte ich, müßte ich mir mal was einfallen lassen,
egal in welcher Sprache.
Wieviel Zeit wollte ich mir eigentlich noch geben?
Zeit war eines meiner Stichworte. Eines Tages war
mir klar geworden, daß es vielleicht mehr als alles andere ein gründlich anderes Verhältnis zur Zeit war,
das mich von jenen jungen Herren da draußen - sie
standen noch dort, ja doch! - unterschied. J e n e n
nämlich war ihre Zeit wertlos, sie vergeudeten sie in
einem unsinnigen, gewiß aber kostspieligen Müßiggang, der sie doch auf die Dauer demoralisieren
mußte, aber das schien ihnen ja nichts auszumachen
oder ihnen, im Gegenteil, die Vermutung kam mir
plötzlich, gerade recht zu sein. Mit beiden Händen,
lustvoll geradezu, warfen sie ihre Zeit zum Fenster
hinaus; oder nannten sie das womöglich Arbeit, was
sie taten? Vorstellbar war sogar das. Vorstellbar, nein:
wahrscheinlich war es, daß sie abends ihrer Frau ein
Gesicht zeigten, aus dem abzulesen war, w i e unersetzlich sie sich an diesem Tag wieder hatten machen
dürfen. Allerdings hörte man auch gerüchtweise, daß
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sich manchmal einer von ihnen am Abendbrottisch,
in Gegenwart der halbwüchsigen Kinder, mit den Erkenntnissen des Tages brüstete: menschliche Schwächen der observierten Objekte, abstruse Liebesaffären
zum Beispiel, die, dürfte man reden, manchen oder
manche ganz schön in die Bredouille brächten. Doch
schwieg man zuverlässig w i e ein Grab. Man schwieg
wirklich, davon war ich überzeugt. Bramabarsierende
Väter die Ausnahme. In Wirklichkeit mußten sie alle
wissen, daß sie, jeder von ihnen, von einer Sekunde
zur anderen überflüssig werden konnten.
Jedesmal, wenn mir dieser Gedanke kam, wurde
mir kalt w i e beim erstenmal.
Das Telefon. Ein Freund. Grüß dich, sagte ich.
Nein, er störe mich bei keiner wichtigen Arbeit.
Warum denn nicht, sagte er strafend. Ach, sagte ich,
die Frage ließe sich nicht in einem Satz beantworten.
Ich könne ruhig mehrere Sätze machen, sagte er. Zum
Mitschreiben, sagte ich. Aber da unterschätze ich
doch wohl unsere technischen Möglichkeiten, sagte
er. Ein Tonband werde man für uns beide doch übrig
haben! Was das kostet, sagte ich.
Folgte die Art von Lachen, die wir uns für genau
diese Gelegenheiten angewöhnt hatten, ein bißchen
herausfordernd, ein bißchen eitel. Und wenn keiner
mithörte? W e n n wir mit unserer Selbstüberschätzung
und Mutspielerei ins Leere liefen? Das würde nicht
den geringsten Unterschied machen. Darüber wollte
ich nachdenken.
W i e ich denn klinge, heute morgen.
Na w i e denn?
Na, sagte mein Freund, nicht unbedingt high,
würde ich sprechen. Oder täuschet mich mein
Ohr.
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O sagte ich, wie könnte ich anders als high sein,
wenn du mich schon mal anrufst - und so weiter.
So sprachen wir immer, am wahren Text vorbei. Ich
mußte an die zwei, drei Male denken, als der wahre
Text mir doch entschlüpft war, weil ich keine Kraft
hatte, ihn zurückzuhalten, und w i e seine Augen,
seine Stimme sich da verändert hatten. W i e es H.
gehe, fragte er jetzt. Gut, sagte ich, ich kann ihn nachmittags besuchen. Und wir, Madame? fragte er. Wann
sehen wir uns? Ich sagte, den wahren Text: Möglichst
bald. Na denn, sagte er. Er werde in den nächsten Tagen in der Stadt sein und mir vorher durchgeben,
wann ich das Kaffeewasser aufsetzen solle. Da sollten
sich gewisse von uns beiden hochgeschätzte Persönlichkeiten ruhig ihren Kopf darüber zerbrechen, wofür „Kaffeewasser" das Codewort sein könnte.
Diese Art Spaße liebe ich nicht besonders. Kaffee?
sagte ich. Und ich dachte, du würdest Tee bevorzugen. Mitnichten, sagte er, und ich solle nun nicht den
ganzen Code durcheinanderbringen. Bon, sagte ich.
Und er, nach einer kurzen Pause, mit unveränderter
Stimme: Du hast Besuch, w i e ?
Auch diese Fragen liebte ich nicht, sagte aber ja,
außerstande zu lügen.
Na, hervorragend, sagte mein Freund. Auf bald
also.
Da hörte ich mich auf einmal laut ins Telefon rufen: Du! Hör mal! Einmal werden wir alt sein, bedenkst du das!
Er hatte aufgelegt. Ich aber setzte mich wieder an
meinen Schreibtisch und schlug die Hände vors Gesicht. Ja. So verbringen wir unsere kurzen Tage. Ich
weinte nicht. Ich hatte, wenn ich es mir recht überlegte, schon ziemlich lange nicht mehr geweint.
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Obwohl ich an diesem Tag noch nichts getan hatte,
würde ich jetzt, mitten in der Arbeitszeit, einkaufen
gehen. Es war ein Sieg der anderen, da machte ich
mir nichts vor, denn wenn es eine Moral gab, an der
ich festhielt, so war es die Arbeitsmoral, auch weil sie
imstande zu sein schien, Verfehlungen in anderen
Moralsystemen auszugleichen. Ich wollte nicht aufgeben, w i e jene jungen Herren aufgegeben hatten, als
sie sich, anstatt ordentlich zu arbeiten, vielleicht aus
einem untilgbaren Hang zur Ein- und Unterordnung
zu solch notdürftig verbrämtem Nichtstun anheuern
ließen.
W a s denn. Schon wieder den Kopf anderer Leute
zerbrechen? Schuhe überstreifen, Mantel an, die Tür
doppelt, am liebsten, wenn es möglich wäre, dreifach
verschließen, so wenig das, wie ich ja wußte, im
Ernstfall nützen würde, denn mindestens ein-, wahrscheinlich aber zweimal hatten im vorigen Sommer
jene jungen Herren oder deren Kollegen mit einer
Spezialausbildung im Türenöffnen unsere Wohnung
in unserer Abwesenheit aufgesucht, ohne allerdings
mit dem Sauberkeitsfimmel von Frau C. zu rechnen,
die, wenn sie nach getaner Arbeit die Wohnung verläßt, ihre eigenen Fußstapfen mit einem weichen
Tuch hinter sich wegwischt, so daß es ihren Verdacht
erregen mußte, als sich am nächsten Tag die Profilsohle eines Männerschuhs, Größe 41/42, deutlich auf
einigen Türschwellen und auf dem dunklen Parkett
im Mittelzimmer abgedrückt hatte. Worauf Frau C,
die nicht leicht zu entmutigen ist, nach sorgfältiger
Beseitigung dieser Spuren und ehe sie wiederum aus
der Wohnung ging, „nach altbewährter Manier", w i e
sie sagte, ein wenig Mehl auf den Fußabtreter hinter
der Eingangstür stäubte, das erwartungsgemäß die
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Fußspuren am nächsten Tag viel deutlicher hervortreten ließ. Außerdem haben im Bad die Scherben des
Wandspiegels im Waschbecken gelegen, ohne daß
sich für diesen Tatbestand eine natürliche Erklärung
hätte finden lassen. W i r mußten also davon ausgehen,
daß die jungen Herren ihren Besuch in unserer Wohnung gar nicht verheimlichen wollten.
Einschüchterung nenne man das, sagte ein Bekannter, der genau Bescheid zu wissen vorgab, aber waren
wir eingeschüchtert? Nun gut. Selbstverständlich redeten wir in der Wohnung mit anderen sehr leise,
wenn bestimmte Themen aufkamen (und sie kamen
immer auf), ich stellte das Radio laut bei gewissen
Gesprächen, und manchmal zogen wir den Telefonstecker aus der Steckdose, wenn Gäste da waren, doch
blieb uns bewußt, daß die Maßnahmen der anderen
und unsere Reaktionen darauf ineinandergriffen wie
die Zähne eines gut funktionierenden Reißverschlusses. Hoffnung ließ sich nicht daraus ableiten. Hoffnung lag vielleicht in der Tatsache, daß ich mich seit
dem vorigen Sommer in meiner eigenen Wohnung
nicht mehr zu Hause fühlte.
Ich trat auf die Straße. Standen sie noch da? Sie
standen da. Würden sie mir folgen? Sie folgten mir
nicht. Nach der Meinung unseres bescheidwissenden
Bekannten waren wir der niedersten Stufe der Observation zugeteilt, der warnenden, mit der Maßgabe an
die ausführenden Organe: auffälliges Vorhandensein.
Eine ganz andere Stufe war die Verfolgung auf Schritt
und Tritt mit ein, zwei, bis zu sechs Autos (was das
kostete!), w i e d e r eine andere die heimliche Observierung, die in Frage kam, wenn das zu observierende
Objekt als ernstlich tatverdächtig galt. Dies also betraf
uns wohl nicht? Der Bescheidwissende zuckte die
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Achseln. Denkbar war immerhin, daß auch zwei verschiedene Arten der Observation an ein Objekt gewendet würden.
Übrigens konnte man mir ja auch zu Fuß folgen.
Ich konnte in der Schaufensterscheibe des Kosmetikladens keinen Verdächtigen entdecken. Mit leiser Bestürzung beobachtete ich, wie ich anfing, aufzuatmen.
Die Achmatowa, hatte ein Spezialist für russische Literatur mir versichert, habe zwanzig Jahre lang einen
persönlichen Begleiter gehabt. Dies stellte ich mir
nun vor, während ich unverfolgt und unbegleitet w i e
ein normaler Mensch die Friedrichstraße hinunterging und mich fragen mußte, wodurch ich dieses Vorrecht verdiente. Eine Ahnung dämmerte mir, von
welch strenger, absoluter Art die Freiheit im innersten Innern lückenloser Einkreisung sein mag. Mir
hatten sie nicht einmal die Instrumente gezeigt,
dachte ich. Aber w i e kam ich darauf. Ja: Sie spielten
im Berliner Ensemble am Abend den „Galilei", es
stand in großen Buchstaben schwarz auf weißer Leinwand, und niemand hinderte sie daran, denn dies war
ein Stück aus der Zeit, in der die reinliche Dialektik
noch Geltung hatte, ebenso wie die Wörter „positiv"
und „negativ", und in der es einen Sinn hatte, die
„Wahrheit" auszusprechen, und böse war, sie zu verschweigen, nicht zu reden von der gemeinen Lüge,
die vom Übel war und dem Lügner ein schlechtes Gewissen machte, von dem Reste sich sogar bis auf unsere Tage hinübergerettet haben. Eine Geschichte des
schlechten Gewissens, dachte ich, wäre einzubeziehen in das Nachdenken über die Grenzen des Sagbaren; mit welchen Wörtern beschreibt man die Sprachlosigkeit des Gewissenlosen, w i e geht, fragte ich
mich, Sprache mit nicht Vorhandenem um, das keine
21
Eigenschaftswörter, keine Substantive an sich duldet,
denn es ist eingenschaftslos, und das Subjekt fehlt
ihm durchaus, so wie das gewissenlose Subjekt sich
selber fehlt, dachte ich weiter, doch stimmte das überhaupt? Suchte ich nicht nur nach Vorwänden, jene
vielleicht doch nicht eigenschaftslosen jungen Männer aus meinem Mitgefühl auszustoßen, weil sie mich
aus dem ihren ausgestoßen hatten? W i e du mir, so ich
dir. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Meine neue
Sprache, dachte ich gegen mich selbst, müßte auch
von ihnen sprechen können, wie sie sich jeglicher
Sprachohnmacht annehmen sollte.
Uber die Weidendammer Brücke ging ich immer
wieder gerne. Der arme BB, mit seinem Glauben an
den Unglauben, den er „Wissenschaft" nennt, mit seinen entschlossenen Teilungsversuchen, mit denen er
sich, w i e mit dem Handbeil, eine Schneise durch das
Dickicht der Städte und Länder schlägt, überzeugt,
längs dieser W u n d e werde die Welt in ihre zwei Hälften auseinanderfallen. Aber hinter ihm schlägt der Urwald zusammen, und vor uns tut sich der Abgrund
auf. Galilei, listig und furchtsam, entzieht sich der Inquisition und rettet sein Werk. Die Kirche, die ihn zu
vernichten droht, hat ihm immerhin die Waffe geliefert, mit deren Hilfe er gegen sie standhalten kann:
den Glauben an den Sinn der Wahrheit. Er mußte nur
mit der Angst fertig werden. Eine reine Charakterfrage also, ob er gegen die Lüge antrat. Wir, angstvoll
doch auch, dazu noch ungläubig, traten immer gegen
uns selber an, denn es log und katzbuckelte und geiferte und verleumdete aus uns heraus, und es gierte
nach Unterwerfung und nach Genuß. Nur: Die einen
wußten es, und die anderen wußten es nicht.
Über das Brückengeländer gebeugt, sah ich die En22
ten und Möwen, einen Lastkahn mit schwarzrotgoldener Flagge. W i n d ging, wie meistens. Am Scheitelpunkt der Brücke hängt der gußeiserne Preußenadler,
der mir spöttisch entgegensah und den ich im Vorbeigehen leicht mit der Hand anrührte. W i e immer,
wenn ich über diese Brücke lief, kamen die endlosen
Gänge mir w i e d e r in den Sinn, die mich damals, vor
mehr als zwei Jahren, durch diese Straßen getrieben
hatten, und ich erinnerte mich, w i e ich mich schamlos
nach Ruhe gesehnt hatte, um beinahe jeden Preis,
und daß ich nicht einmal die Erinnerung an Freude,
Glück hatte ertragen können und daß ich, w e n n im
Fernsehen ein Film gezeigt wurde, in dem eine Hoffnung eingefangen war, der ich auch einst angehangen
hatte, ohne weiteres in Tränen ausbrechen konnte,
und nie würde ich den Augenblick vergessen - blicklos stand ich gerade vor dem Schaufenster einer gewöhnlichen Drogerie - als, w i e ein Blitz, die Erkenntnis mich traf, daß es der Schmerz war, der mich
umtrieb. Ich hatte ihn nicht erkannt. Der rasende,
blanke Schmerz hatte von mir Besitz ergriffen, sich in
mir eingenistet und ein anderes W e s e n aus mir gemacht.
Zeitlich fiel das ja mit dem Auftauchen der jungen
Herren vor unserer Tür zusammen, die allerdings
nicht ahnen konnten, daß wir uns nie begegnen würden: Während sie aus ihrem Untergrund auftauchten,
sank ich in einen anderen hinab und fand mich auf
unbekanntem Gelände. Eine Hand hatte mir ans Herz
gegriffen, eine andere meine A u g e n berührt. Ich war
in der Fremde. V i e l e Wochen lang lief ich durch namenlose Straßen einer namenlosen Stadt. Es wurde
Winter, Matsch, Schneeregen, nasse Kälte bis auf die
Knochen, mein Fleisch durchdringend, als wäre es
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nicht da. Aber es beherbergte noch eine matte Erinnerung an frühere Freuden, Brot, Wein, die Liebe,
den Geruch der Kinder, die Abbilder von Landschaften, Städten, Gesichtern. Jetzt entströmte ihm eine
Trostlosigkeit, daß ich dachte, ein kühler Hauch
müsse, für jedermann spürbar, von mir ausgehen.
Nichtsdenkend ging ich die paar Schritte an der
niedrigen Steinbalustrade entlang, die unterbrochen
wird durch die Einmündung des W e g e s zur Tür jenes
Glaspavillons - im Volksmund „Tränenbunker" genannt -, in dem die Umwandlung von Bürgern verschiedener Staaten, auch meines Staates, in Transitäre, Touristen, Aus- und Einreisende vollzogen
wurde, in einem von grünlichen Kachelwänden reflektierten Licht aus sehr hoch gelegenen schmalen
Fenstern, in dem als Polizisten oder Zollbeamte gekleidete Gehilfen des Meisters, der diese Stadt beherrschte, das Recht ausübten, zu binden und zu lösen. Dieser Bau müßte als Monstrum dastehen, sollte
seine äußere Gestalt seinem Zweck entsprechen, und
nicht als Normalbau aus Steinen, Glas und Eisenverstrebungen, umgeben von gepflegtem Rasen, dessen
Betreten natürlich verboten war. Den Argwohn gegen
diese gepflegten Objekte hatte ich auch lernen müssen, hatte begriffen, daß sie alle dem Herrn gehörten,
der unangefochten meine Stadt beherrschte: der rücksichtslose Augenblicksvorteil.
Da erst wurde ich gewahr, daß vorher ein geheimes
Feuer im Innern dieser Stadt geglüht hatte, noch
kannte ich seinen Namen nicht, aber seit dem Tag, an
dem es ausgelöscht, als alle seine Nebenfeuer erstickt,
alle seine verborgenen Fünkchen ausgetreten werden sollten, war ich rettungslos seiner Magie verfallen. Noch mußte ich mit allen anderen in einer verlo24
renen Stadt leben, einer unerlösten, erbarmungslosen
Stadt, versenkt auf den Grund von Nichtswürdigkeit.
Nachts hörte ich das Stampfen des Roboters, der mir
seine eiserne Hand auf die Brust legte. Aus einem Ort
war die Stadt zu einem Nicht-Ort geworden, ohne
Geschichte, ohne Vision, ohne Zauber, verdorben
durch Gier, Macht und Gewalt. Zwischen Alpträumen und sinnlosen Tätigkeiten verbrachte sie ihre
Zeit - wie jene Jungs in den Autos, die mehr und
mehr meiner Stadt Sinnbild wurden.
Jetzt mußte ich mit einem Menschen aus Fleisch
und Blut reden. Ich trat in den kleinen Spirituosenladen unter dem S-Bahnbogen Friedrichstraße, die
Verkäuferin, eine ältere Frau mit dünnem, zweifarbigem Haar auf dem Kopf, schien gerade auf mich gewartet zu haben. Sie fing aufs Geratewohl ein Gespräch über den roten Sekt an, den sie tatsächlich im
Angebot hatte und dessen Qualität keineswegs alle
Kunden zu schätzen wußten. Befriedigt holte sie mir
eine zweite Flasche aus dem Regal.
Ob sie schon lange hier arbeite? Ach, ihr ganzes
Leben lang. Hier, oder hier herum. Sie sei Urberlinerin.
Da könne sie wohl was erzählen.
Ach. Was das angehe - wenn sie da einmal anfangen würde! Die kuriosesten Dinge hätten sich vor
ihren Augen zugetragen. Die Frau liebte das Wort
„kurios", sie wiederholte es. Ich fragte mich, ob ich
imstande war, noch mehr kuriose Geschichten anzuhören, ich stellte mich aber interessiert an den Erinnerungen der Verkäuferin, die nicht anders als schauerlich sein konnten, und das waren sie auch, aber was
mich überraschte: die Frau wußte es. Sie war eine
Ausnahme. Zuerst hörte ich es an ihrem Ton, bis ich
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begriff: Wirklich, sie hing immer noch an ihrer jüdischen Freundin, mit der zusammen sie jung gewesen
war, mit der zusammen sie jeden Morgen mit der
S-Bahn vom Alex zum Kudamm gefahren war - sie in
das Kaufhaus, in dem sie Lehrling war, die Freundin
(Elfriede hieß sie, Elfi: Ich bitte Sie, eine J ü d i n und
Elfi!) in die Bank, Zahlen addieren. Es langweilte sie.
Wann das war? Fünfunddreißig, sechsunddreißig ...
Sie brauchen nicht groß zu gucken. Elfis Freund, der
SS-Führer, hatte ihr angeboten, sie rauszubringen,
aber sie: Nee, bloß wenn meine Familie mit kann,
sonst nicht. Der Kerl war ja verrückt nach ihr. Na klar
konnte das nicht gut gehen, aber hinterher ist man ja
immer schlauer als vorher. Er muß für sie doch was
zurechtorganisiert haben, die Rede war von Holland,
und da müssen sie ihm draufgekommen sein. Jedenfalls, eines schönen Tages, als wir wieder um die Ecke
Joachimsthaler kommen, wo er immer mit seinem
Auto gestanden und auf Elfi gewartet hat, damit er
wenigstens einen Blick von ihr erwischte für den Tag,
da steht sein Auto wieder, und im Vorbeigehn sehen
wir, es ist besetzt von Herren mit diesen Trenchcoats
und diesen Sporthütchen, und Elfis Freund von der
SS sitzt neben dem Steuer und blickt stur geradeaus,
und ich sage durch die Zähne zu Elfi: Nicht umdrehn, du! Immer stur geradeaus, und bloß jetzt nicht
rennen! Und das haben wir durchgehalten. Na, von
dem Kerl hat sie dann ja auch nie mehr was gehört.
Alles kann man nicht haben, vielleicht hat ers kapiert. - Dreißig Mark, der Sekt.
Von sich aus schien die Frau nichts weiter sagen zu
wollen, sie mußte gefragt werden. Elfi? Die haben sie
dann natürlich auch geholt. Zweiundvierzig, als sie
den letzten Schub J u d e n aus Berlin wegbrachten. Mit
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ihrer ganzen Familie. Ich persönlich hab keine Freundin w i e sie mehr gefunden, man wird ja wählerisch,
hab ich nicht recht? Und was einem jahrzehntelang
im Kopf rumgehen kann. Einen hätte man zur Not
verstecken können. Aber eine ganze Familie?
Alles Irrsinn, sagte sie noch hinter mir her. W e n n
ich so zurückdenke, der reine Irrsinn.
Darauf wollte ich nicht gleich zurückkommen, ich
starrte blicklos in die Auslagen der Bahnhofsbuchhandlung, umkreiste erfolglos den Zeitungskiosk und
entschloß mich, doch noch in die neue Kaufhalle im
Japanhaus zu gehen; einkaufen, das bewährte Betäubungsmittel, schlug nicht an, aber ich bekam Sanddornmost für H., er habe immer Durst, hatte er mir
gesagt. Die Frauen, die an der Kasse anstanden, waren fast alle zu dick und hielten sich schlecht. Ich
suchte gewohnheitsmäßig das eine Gesicht, das sich
mir auf Anruf zuwenden würde, fand es nicht, bis
eine jüngere Frau, die nach gar nichts aussah, einer
anderen, älteren, den Vortritt ließ, weil sie nicht mehr
stehen konnte. Also ist es doch möglich, dachte ich.
Es müßte doch möglich sein. Trotzdem wich das
starke absondernde Gefühl von Fremdheit nicht, aber
ich wußte, daß ich mich nicht daran klammern durfte.
Selbst wenn die vor mir in der Schlange nichts wußten; kaum etwas ahnten; was schlimmer war: nichts
wissen wollten - so durfte man doch nicht zu kurz
zielen, um sie zu erreichen, lieber etwas höher, weiter, auf Zukunft hin.
Ja, ja doch. Ich wurde mir selber lästig. Ich ging
noch in die Post, Geld holen. Jemand, der mich gekannt hätte, hätte mir angesehen, w i e gereizt ich war.
Mir war jetzt alles zuviel, mir dauerte jetzt alles zu
lange, obwohl ich mich gleichzeitig fragen mußte, wo27
hin ich so schnell wollte, wonach es mich so eilig verlangte. Dieses tief verschwiegene Doppelleben immer. Dieser Reiz des Ungewissen, von dem man abhängig werden kann w i e von einer Droge. Daß ich
immer den Zwang fühlte, alles auszudrücken. Dabei
hatte ich meinen alten Bekannten längst entdeckt und
er mich auch, da war ich sicher. Für den Bruchteil
einer Sekunde hatten unsere Blicke sich gepackt,
aber Jürgen M. wollte mich nicht kennen, um Bruchteile von Sekundenbruchteilen hatte sein Blick sich
eher zurückgezogen als der meine. Das kannte ich ja.
Und w i e ich das kannte: der Vorhang, der vor den
A u g e n des anderen niedergeht; die Fischhaut, die das
W e i ß e im Auge des Freundes überzieht; das Gewölk,
das seine Linse trübt. W i r haben uns nicht gesehen,
nie gekannt. Auch gut. Besser so. Da läßt man sich
eben am anderen Schalter abfertigen. Da ist man auffällig mit den Papieren beschäftigt, die man dem Postfräulein vorweisen muß, da macht man sich noch mit
unnötigen Formularen zu schaffen, um nur ja nicht
am Ausgang mit mir zusammenzutreffen. Aber der
andere, diesmal also Jürgen M., kann ruhig sein: Ich
spiele mit. Ich bin schon draußen. Ich denke nicht
daran, mich umzudrehen.
Seit wann ging ich eigentlich nicht mehr auf einen
alten Bekannten zu, ohne sicher zu sein, daß er mir
begegnen wollte? Seit wann streckte ich niemandem
mehr als erste die Hand hin? Fing kein Gespräch
mehr an? Zog mich zurück? Preisfrage: W i e viele
müssen bei deinem Anblick auf die andere Straßenseite übergewechselt sein, angelegentlich die nächste
Schaufensterauslage betrachtet, im Restaurant den
Platz gewechselt, dir in der Versammlung den Rükken zugedreht haben, bis du begreifst und dich pas28
send verhältst? W i e oft mußt du „Zufall" gedacht haben, bis du bereit bist, „Absicht" zu denken? Ich
mußte grinsen, weil es mich immer aufs neue freut,
wenn ich herausfinde, daß die Statistik die wirklichen
Fragen nicht beantworten kann.
Kein Verlust, dachte ich. Jürgen M. war kein Verlust, warum störte es mich also, wenn er mich mied?
Warum störte es mich jedesmal wieder? Warum härtete man dagegen nicht ab? Was funktionierte da
nicht bei mir? Welcher Mechanismus war da nicht intakt?
Also nun mal der Reihe nach, und keine Hektik. Jürgen M. Wann habe ich diesen Jürgen M. zum letzten
Mal gesehen. Vor Jahr und Tag, soviel steht fest. Unangenehm kann der Anlaß nicht gewesen sein. Hatte
ich ihn nicht wegen seiner großgemusterten Krawatte
aufgezogen? Er aber überreichte mir mit einer spöttischen Verbeugung das Glas Sekt, das er sich gerade
von einem Tablett genommen hatte, holte sich selbst
ein neues und stieß mit mir an. Lange nicht gesehen
und doch wiedererkannt. Ob mir die Bilder gefielen,
wollte er wissen, ich sagte, teils, teils. Es war diese
Ausstellungseröffnung im Marstall, die Dinge liefen
gerade nicht ganz schlecht, Leute trafen sich, die sich
lange nicht begegnet waren und fragten sich gegenseitig ihre Lebensumstände ab, als hätten sie die vergangenen Jahre in verschiedenen Ländern verbracht. Wir
hatten die Jahre in verschiedenen Ländern verbracht.
W i e immer, wenn es sich einigermaßen machen läßt,
hielt ich mich an die Spielregeln und fragte Jürgen
M., womit er seine Tage verbringe. Ich? sagte er. Ach
weißt du, man schlaucht sich so durch.
Mehr hatte er nicht gesagt, wenn ich es mir genau
überlegte. Jürgen M., Freund der Studienfreundin,
29
dem seine Freunde eine glänzende Zukunft prophezeiten. Jürgen M., der Philosoph. Hatte er nicht mit
ein paar brisanten Veröffentlichungen auf sich aufmerksam gemacht? Damals, fiel mir ein, war er
schlanker und trug das Haar gescheitelt, längst nicht
mehr Freund der Freundin, erst verlor ich ihn aus
dem Auge, dann sie. Publizierte er eigentlich noch in
den einschlägigen Zeitschriften? War das Buch, von
dem er unaufhörlich geredet hatte, jemals erschienen? War er gescheitert, enttäuscht von sich und der
Welt, mied vielleicht deshalb die Begegnung mit früheren Bekannten? Hätte ich also auf ihn zugehen sollen? Aber war da nicht noch irgend etwas gewesen
mit Jürgen M.?
Hinter mir kam jemand und pfiff so laut und
schrill, daß es in der S-Bahnunterführung widerhallte
und den Verkehrslärm übertönte. Was pfiff der
eigentlich, das Lied kannte ich doch: „Dem Karl Liebknecht haben wirs geschworen, der Rosa Luxemburg
reichen wir die Hand", pfiff der Mann. Ich weinte.
Das mußte aufhören. Es würde ja auch leider aufhören, wahrscheinlich schon bald. Der Mann, der das
Lied pfiff, ein breiter, schwerer Mann um die Vierzig,
hatte einen schwarzen Manchesteranzug an, w i e die
Zimmerleute ihn tragen, aber ohne blanke Knöpfe;
breitbeinig und pfeifend ging er, unbekümmert
darum, ob die Leute sich nach ihm umsahen, bis zur
Tür der kleinen Konditorei, in der er verschwand.
Konnte ich mir zu diesem Mann eine Frau vorstellen? Ich konnte es nicht. Immer kann ich mir zu bestimmten Frauen keinen Mann vorstellen, dieses eine
Mal war es umgekehrt. Der Mann war eine Ausnahme. Zu J ü r g e n M. konnte ich mir ohne weiteres
eine Frau vorstellen, eine von diesen gehobenen Dut30
zendfrauen, denn von meiner Freundin, die schwierig, aber doch etwas Besonderes gewesen war, konnte
er doch nur zu einer Dutzendfrau gegangen sein.
Oder hatte meine Freundin ihn damals verlassen?
War es uns allen nicht etwas rätselhaft gewesen,
warum die beiden sich getrennt hatten, nach all den
Jahren?
Verdammt noch mal, was ging dieser Jürgen M.
mich eigentlich an. War er es überhaupt wert, daß ich
mich mit ihm beschäftigte. Hatte er nicht damals, in
einer ähnlich angespannten Zeit wie dieser hier, diesen widerlichen Artikel gegen seinen Professor geschrieben! Das sah mir ähnlich, daß ich das vergessen,
daß ich nicht wahr gemacht hatte, was ich mir vorgenommen hatte: nicht mehr mit ihm zu reden. Ihn wegen dieser blöden Krawatte anzusprechen und mich
dann noch zu wundern, wie diensteifrig er mir seinen
Sekt gegeben hatte! Er war einfach erleichtert gewesen, daß ich überhaupt mit ihm sprach. Nun aber
hatte sich alles noch einmal gedreht, die Dinge liefen
nicht gut, nein, das taten sie wirklich nicht, und Jürgen M. konnte es sich ohne weiteres leisten, mich
nicht zu kennen. Mehr noch: Er durfte mich gar nicht
ansprechen. Vielleicht wußte er sogar, daß ...
Also nun mal der Reihe nach. Und keine Hektik.
Was sollte er wissen? Was konnte ein Mann wie Jürgen M. wissen, über die kargen öffentlichen Verlautbarungen und die üppigen Gerüchte hinaus, die ihm
vielleicht durchaus genügen mochten. Immerhin
mußte ja, außer meinen Freunden, noch irgend jemand von der Existenz der jungen Herren vor meiner
Tür informiert sein. Zum Beispiel derjenige, der sie
dort aufgestellt hatte.
Da war sie wieder, meine fixe Idee, ich erkannte sie
31
sofort, mußte mich aber doch genußvoll in sie hineinbohren: daß es jemanden geben mußte, der außer
dem wirklich Wichtigen alles über mich wußte. Auf
irgendeinem Schreibtisch, in irgendeinem Kopf mußten schließlich alle Informationen über mich - die
der jungen Herren, die der Telefonüberwacher, die
der Postkontrolleure - zusammenlaufen. W i e , wenn
es der Schädel von Jürgen M. wäre?
In dem Gedanken schien eine Wahrscheinlichkeit
zu stecken, denn mein zweiter unwillkürlicher Gedanke war: Da hätte er endlich, was er braucht. Dieser
zweite Gedanke erstaunte mich. Seit wann hatte ich
etwas gegen Jürgen M.? Seit wann glaubte ich zu wissen, was der brauchte? W a s hatte ich denn noch, ohne
es überhaupt zu merken, über Jürgen M. gespeichert?
Jürgen M. als Referent - wahrhaftig, auch das hatte es
gegeben. Vor oder nach der Affäre mit seinem Professor? Das wußte ich nicht mehr. Der Ruf der Offenheit ging ihm voraus, und es stimmte, er war offen,
aber auf mich wirkte alles, was er sagte, wie eine
Rechtfertigung für frühere oder spätere Handlungen.
Ich erinnerte mich, w i e fasziniert viele unserer Kollegen von Jürgen M. waren: Endlich mal einer, der's
sagt, w i e es ist. Er bekam starken Beifall, erinnerte ich
mich, und ich wollte, schwer bedrückt, schnell nach
Hause gehen, aber er paßte mich an der Tür ab und
schleppte mich mit in die Bierstube. Es wurde eine
große Runde, ein langer Abend. Daß Jürgen M. trank,
hatte ich nicht gewußt. Als er anfing, unkontrolliert
zu reden, machte ich den Fehler, ihn zu fragen:
Warum trinkst du? Da warf er seinen Kopf zu mir
herum, als hätte ich ihm einen Schlag versetzt. Immer
obenauf, Madam! sagte er. Der Mensch haßte mich.
Hab ich dir was getan, sagte ich hilflos, und der eine
32
Satz durchstach den Damm, den Jürgen M. um sich
aufgeschüttet hatte, und unaufhaltsam entströmte
ihm ein Selbstbekenntnis, das ich anhören mußte und
nicht anhören wollte, denn ich wußte: Danach haßt er
mich nicht nur; danach wird er mir gefährlich. Aber
ich war im Bann seiner Wut und meiner eigenen
Neugier, und so erfuhr ich denn, daß er, Jürgen M.,
seit Jahren mich und mein Leben verfolgte. Daß er jedes Wort kannte, das ich gesagt oder geschrieben, vor
allem jedes Wort, das ich verweigert hatte; daß er
meine Verhältnisse so genau kannte, wie ein Außenstehender die Verhältnisse eines anderen überhaupt
kennen kann; daß er sich in mich hineingedacht, hineingefühlt hatte mit einer Intensität, die mich bestürzte, und daß er mich - was ihn zur Weißglut
reizte - für erfolgreich und glücklich hielt. Und für
hochmütig, das vor allem. Hochmütig, fragte ich töricht, inwiefern denn das. Insofern ich zu glauben
scheine, man könne alles haben, was ich hatte, ohne
dafür seine Seele zu verkaufen. Aber ich bitte dich,
sagte ich, um nur die Beklemmung zu durchbrechen,
wir sind doch nicht mehr im Mittelalter! - An dem
Abend hatte ich Pech, ich gab ihm nur Stichworte, auf
die er gewartet zu haben schien, denn nun packte es
ihn erst richtig. Nicht im Mittelalter! Da habe man es.
Das sei es ja gerade, was zu glauben ich mir herausnähme, wahrscheinlich sogar wirklich glaube und
nicht nur, wie er lange gedacht habe, als Losung raffiniert vor mir hertrage, um mir dahinter alles erlauben
zu können, denn wer würde einer solchen Losung
heutzutage widersprechen? Deine ganze Traumtänzerei, sagte Jürgen M., dieses Gehabe auf dem Seil,
ohne abzustürzen. Nun aber, unter vier Augen, wolle
er mir mal den Star stechen. Nicht im Mittelalter? O
33
doch, Madam. W i r sind im Mittelalter. Es hat sich
nichts geändert, abgesehen von Äußerlichkeiten. Und
es wird sich nichts ändern, und wenn man sich als
Wissender über die Masse der Unwissenden erheben
wolle, dann müsse man seine Seele verkaufen, wie eh
und je. Und, wenn ich es genau wissen wolle, Blut
fließe auch dabei, wenn auch nicht das eigene. Nicht
immer das eigene.
Jetzt wußte ich wieder, was ich damals plötzlich begriff: Sie hatten ihn in der Hand. Und ich erinnerte
mich, daß mein Hochmut - darin mochte er recht haben, begabter Psychologe, der er war - mich hinriß,
ihn leise zu fragen: Warum steigst du nicht aus. Und
w i e er weiß wurde w i e die Wand, die Augen aufriß,
sein Gesicht dem meinen nah brachte, daß ich seinen
Bieratem roch, und deutlich und stocknüchtern drei
Worte sagte. Ich - habe - Angst. Gleich danach
spielte er wieder den Betrunkenen, ich stand auf,
klopfte auf den Tisch und ging. Danach habe ich Jürgen M. jahrelang nicht gesehen, habe die Szene vergessen, die er niemals vergessen wird, und nun muß
er mich nicht mehr kennen, sitzt in dem Haus mit
den vielen Telefonen und sammelt nach Herzenslust
alle Nachrichten über mich, die kein anderer bekommen könnte, und dankt jeden Morgen seinem Schicksal, das ihn an diesen Platz gestellt hat, an dem er seinem leidenschaftlichen Gelüst Genüge tun und zugleich der Gesellschaft nützlich sein kann.
formuliert, womöglich einer Sekretärin diktiert werden. Oder w i e hatte man sich das vorzustellen. Hatte
ich mir vorzustellen, daß J ü r g e n M. morgens pünktlich um acht sein Büro betrat und als erstes - diese
kleine Eitelkeit gestattete ich meiner Phantasie nach einem dünnen Aktendeckel mit meinem Namen
griff. Darin also der Bericht vom Vortag, Jürgen M.
konzentrierte sich genußvoll. Aha. Gestern - das war
heute - hatte sie um neun Uhr fünfundvierzig ein
Telefonat geführt. Anrufer: Folgte der Name meines
Freundes. Folgte die Mitschrift unseres Gesprächs,
über die Jürgen M., der sich jetzt sicherlich Humor
leisten konnte, schmunzeln würde. Auch Geringschätzung würde er sich leisten. „Codewort", „Kaffee", „Tee" - ach ihr armen Laien! Jürgen M. war
Fachmann, wenn ich ihn mir richtig vorstellte, und
intelligent, wie er auch war, mußte ihn doch eines
schönen Morgens bei der Lektüre des zweihundertsiebenunddreißigsten Tagesberichts seiner Gewährsleute unvermeidlich das Grauen packen ob der Vergeblichkeit seines Tuns, denn wenn er in all den Aktendeckeln blätterte, hier eine Zeile las, dort ein
Stenogramm, da ein Gesprächsprotokoll, und wenn er
sich dann fragte, was er über dieses Objekt jetzt
wußte, was er vorher nicht gewußt hatte, so mußte er
sich ehrlicherweise sagen: nichts. Und wenn er sich
weiter fragen würde, was er erreicht hatte, würde er
sich abermals sagen müssen: nichts.
W i e ich selbst, auf meinem Platz.
Blind lief ich über die Weidendammer Brücke, auf
der anderen Seite und in entgegengesetzter Richtung,
und mußte an die Aktendeckel denken, in denen
doch sicherlich all die Nachrichten über mich gehortet wurden. Dazu aber mußten sie zuvor ausgewählt,
Das aber wußte ich besser. Viel hatte er erreicht,
der Gute, ziemlich viel, aber er konnte nicht wissen,
was, denn das haben seine Spitzel nicht gehört, seine
Tonbänder nicht aufgezeichnet, es ist aus zu feinem
Stoff, es entschlüpft ihnen, auch das dichteste Netz
fängt es nicht ein, und wenn ich mich nun selber
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35
fragte, was dieses geheimnisvolle „Es" denn eigentlich war, so hatte ich keinen Namen dafür, unzufrieden mit mir und ohne billigen zu können, was ich
jetzt vorhatte, ging ich über den Parkplatz, steuerte
auf das flaschengrüne Auto zu (sie standen noch da,
was hatte ich denn gedacht?), es war elf Uhr fünfzehn, ich strich ganz nahe am Auto vorbei und ertappte die drei jungen Herren just beim Frühstück.
Der hinterm Lenkrad saß, hatte seine Brotbüchse auf
den Knien, der neben ihm biß in einen Apfel, und
der hinten im Fond trank hingegeben aus einer Bitterlemon-Flasche. Er verschluckte sich nicht, als mein
Gesicht vor ihm erschien, ungerührt trank er weiter,
aber alle drei bekamen sie wie auf Kommando diesen
gläsernen Blick. Mag sein, sagte ich mir, während ich
anstandshalber quer über den Parkplatz zum Briefkasten ging, als hätte ich irgendwelche Postsachen einzuwerfen, und es sogar so weit trieb, die Geste des
Einwerfens vorzutäuschen - mag ja sein, sie lernen
diesen gläsernen Blick auf ihrer Schule. Außer Gesellschaftswissenschaften müssen sie doch auch irgendwelche praktischen Fertigkeiten lernen. Mag doch
sein, im zweiten Ausbildungsjahr steht wöchentlich
einmal auf dem Stundenplan: Training des gläsernen
Blicks.
Und w e n n es gar nicht Jürgen M. ist, sondern jemand anderes?
Die Stimme kannte ich. Schön guten Tag, lieber
Selbstzensor, lange nichts von Ihnen gehört. Also wer
soll es denn sein, wenn nicht Jürgen M., nach deiner
M e i n u n g ? - Ein unvoreingenommener Beamter, der
dich gar nicht kennt. - Das wäre mir sogar lieber. Lieber ist gut. - Immerhin. Einer, der kein persönliches Interesse an mir hat. Der mir nichts beweisen
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will. Der mich nicht auf meinem ureigenen Feld ausstechen will.
W i e Jürgen M.? Komm zu dir!
Aus Erfahrung wußte ich: Innerer Dialog ist dem
inneren Dauermonolog vorzuziehen. Also gab ich
meinem inneren Zensor zu bedenken, was den Jürgen M. sicherlich antreibe: Nämlich daß er danach
gierte, mir zu beweisen, nicht nur ein Schreiber
könne alles über eine Person herausfinden - er
könne das, auf seine Weise, auch. Auch er könne
sich, wie jeder x-beliebige Autor, zum Herrn und
Meister seiner Objekte machen. Da aber seine Objekte aus Fleisch und Blut sind und nicht, w i e die
meinen, auf dem Papier stehen, ist er der eigentliche
Meister, der wirkliche Herr.
Und du, sagte die unwillkommene Stimme, die
sehr taktlos sein kann, willst also mit ihm in den
Wettbewerb treten? Willst den Fehdehandschuh aufnehmen? Ihm zeigen, wer der Meister ist? Da hat er
doch schon gewonnen, dein sauberer Jürgen.
Aber was soll ich denn sonst machen, fragte ich
mich, während ich den Briefkasten im Hausflur aufschloß, Post und Zeitungen herausnahm, was soll ich
denn machen. Die Treppe hoch, auf den Flurspiegel
zu, der noch nicht zerschlagen ist. Daß ich blaß war,
hatte nichts zu sagen, Luftmangel eben, da wünschte
die Stimme mir viel Vergnügen im Mittelalter, und
ich nannte sie unverschämt. Übrigens, habe der brausetrinkende junge Mann da unten im Auto nicht etwas Rührendes gehabt? - Ich solle einen unwürdigen
Vorgang nicht verniedlichen. - So gehe es noch um
W ü r d e ? - Noch? Aber das fange doch gerade erst an.
W e r aber sagte uns, was Würde sei?
Ich fing an, meine Post zu lesen, nach den üblichen
37
Präliminarien; nachdem ich mich vergewissert hatte,
daß kein unliebsamer Absender dabei war, keiner, der
mich ängstigte. Nachdem ich die Umschläge so gegen
den Lichteinfall gehalten hatte, bis jener sich spiegelnde Kleberand zutage trat, der offenbar durch das
zweite Zukleben entstand. Viel seltener waren die
Klebränder der Briefumschläge stärker gewellt als üblich, und nur vereinzelt fand ich den Briefbogen innen an das Kuvert angeklebt. Derartige Pannen sollten vermeidbar sein. Irgendwo - sicherlich nicht mal
im verborgenen - mußte es ein riesiges Haus geben
(oder gab es etwas kleinere Häuser in allen Bezirken?), in dem täglich waggonweise Post angeliefert
wurde, die dann an einem langen Fießband von fleißigen Frauenhänden sortiert und nach uns undurchschaubaren Gesichtspunkten anderen Stockwerken
zugeleitet wurde, wo wiederum Frauen über
Dampf - oder gab es inzwischen effektivere Methoden? - vorsichtig, vorsichtig die Briefe öffneten und
sie dem Allerheiligsten zuführten, in dem versierte
Kollegen
die
Ablichtungsapparaturen
bedienen
mochten, die wir in unseren Bibliotheken und Verlagshäusern so schmerzlich vermißten. Ein Heer von
Mitarbeitern, dem niemals eine Würdigung in der
Presse zuteil wurde; dem kein Tag im Jahr gewidmet
war, wie den Bergleuten, den Lehrern oder den Mitarbeitern des Gesundheitswesens; eine gewiß immer
weiter anwachsende Schar, die sich damit abfinden
mußte, im Dunkeln zu wirken. Das Wort „Dunkelziffer" hakte sich in mir fest, ich schrieb es auf einen
Zettel. Die Tätigkeit großer Bevölkerungsteile verschwindet in einer Dunkelziffer. Ich sah Menschenmengen in einen tiefen Schatten eintauchen. Ihr Los
kam mir nicht beneidenswert vor.
38
Die Zeitungen legte ich beiseite, nachdem ich die
Schlagzeilen überflogen hatte. Drei Briefe hatte ich
noch nicht geöffnet. Ich wußte, von w e m sie kamen,
obwohl auf dem einen weder ein Absender stand
noch eine Briefmarke klebte: Der Absender, ein sehr
junger Dichter, pflegte seine Post selbst in meinen
Hausbriefkasten zu stecken. Ich hatte ihn noch nie
gesehen. Nach seinen Gedichten - diese neuen waren in einem Lager für vormilitärische Ausbildung
entstanden - stellte ich mir einen zartgliedrigen stillen J u n g e n mit sanften blauen Augen vor, der litt,
ohne sich wehren zu können, und überlebte, indem
er Gedichte schrieb; ich las die Gedichte dieses Jungen widerstrebend, weil ich ihm nicht helfen konnte,
ich schrieb ihm ausweichend, und ich war manchmal
wütend auf ihn, mehr noch auf mich. Er konnte mein
Sohn sein. Ich glaubte vorherzusehen, was auf ihn
wartete. Sie rannten ins Messer. Die jungen Herren,
die vor meiner Tür standen - in die seine würden sie
ohne weiteres eintreten. Dies war der Unterschied
zwischen uns beiden - ein entscheidender Unterschied. Ein Graben. Mußte ich rüberspringen?
Jetzt kämen wir endlich an die richtigen Fragen,
teilte mir die bewußte Stimme mit. Man erkenne sie
daran, daß sie einem außer Schmerz auch eine gewisse Befriedigung bereiteten.
Meister Neunmalklug wußte wieder mal alles besser.
Gebe es nicht Tage, an denen ich süchtig auf diese
Fragen sei?
Na und? Ein solcher Tag sei heute jedenfalls nicht.
Auch darüber behauptete mein Partner unterrichtet zu sein. Es sei wohl eher einer meiner schwächeren Tage. Ich verbat mir die Einmischung. - Okay,
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okay. Er sei ja schließlich nicht als Richter über mich
eingesetzt. - Sondern? - Als Begleiter, lautete der lakonische Bescheid, den ich nur sarkastisch kommentieren konnte: als persönlicher Begleiter. Die Anspielung ließ ihn kalt. Aufgebracht wollte ich wissen, wer
ihn denn eingesetzt habe, und er antwortete -ungerührt: Du selbst, Schwester. W e n n du dich bitte erinnern willst.
Ich selbst. Über die zwei Worte kam ich lange nicht
hinweg. Ich selbst. W e r war das. Welches der multiplen Wesen, aus denen „ich selbst" mich zusammensetzte. Das, das sich kennen wollte? Das, das sich
schonen wollte? Oder jenes dritte, das immer noch
versucht war, nach derselben Pfeife zu tanzen wie die
jungen Herren da draußen vor meiner Tür? He,
Freundchen: Mit welchem von den dreien hältst du
es? Da schwieg mein Begleiter, verstimmt, aber hilfreich. Das wars, was ich brauchte: glauben zu können,
daß ich jenen Dritten eines nahen Tages ganz und gar
von mir abgelöst und aus mir hinausgestoßen haben
würde; daß ich das wirklich wollte; und daß ich, auf
Dauer gesehen, eher diese jungen Herren da draußen
aushalten würde als den Dritten in mir.
Woran mochte es liegen, daß seit einiger Zeit eine
jede Wahl, vor die ich mich gestellt sah, nur eine
Wahl zwischen schlimm und schlimmer war? Lernte
man einfach schärfer sehen mit den jungen Herren
vor der Tür?
Ablenkungsmanöver. Ich hatte jetzt endlich den
zweiten Brief zu öffnen, der von einem meiner nächsten Freunde kam. Der, nach den Einflüsterungen
eines anderen Freundes, seit langem ein fester Mitarbeiter der anderen und auf mich angesetzt sein sollte.
Falls das stimmte, hätten die sich ihre Post- und Tele40
fonüberwachung, ihre eingebauten Mikrophone und
die jungen Herren vor unseren Fenstern sparen können: Dieser Freund würde sie alle an Effektivität
überbieten. Jürgen M. könnte alle anderen Protokolle
und Tonbänder in den Papierkorb werfen und
brauchte nur die Berichte meines Freundes abzuheften. Nicht daß die mir im Sinne der Behörde gefährlich werden konnten. In einem tieferen Sinn allerdings hätte es kaum etwas Gefährlicheres für mich geben können. Gewiß: Jürgen M. könnte sich an
meinen innersten Gedanken delektieren; vor allem
aber wäre dann kein Verlaß auf irgendeinen Menschen, und der Zug zur dunklen Seite des Lebens hin,
den ich wieder stark spürte, würde stärker werden,
vielleicht allzu verführerisch, vielleicht unwiderstehlich, und „Leben" würde das, wohin es mich zog,
nicht mehr heißen. W i e aber hieß das, was nicht mehr
Leben war?
Nein. Ich wollte den Brief jetzt noch nicht
lesen.
Also nun mal langsam. Eins nach dem anderen.
Und keine Hektik.
Stehn sie noch da?
Sie stehen da, und sie werden auch heute stehenbleiben, das weißt du ganz genau.
Und wozu haben die das nötig. W e n n er ihnen
doch alles sagt?
Also nun hör mal zu. Trotz kann ja was Schönes
sein, aber ein kühler Kopf wäre besser. Gut: Nehmen
wir unseren Freund. Nehmen wir an, er müßte ihnen
zu Willen sein.
Müßte?
Müßte! Dein verdammter Hochmut immer! Was
sollte er also machen? Uns sein Herz ausschütten?
41
Damit wir niemals wieder ein unbefangenes Wort mit
ihm reden können?
Was sonst?
Heilige Einfalt! Zum Beispiel: Seinen Auftrag zum
Schein erfüllen. Nichts liefern, was sie nicht sowieso wissen. Ihnen keine Handhabe geben, weder gegen dich noch gegen sich selbst. Auf dem Seil tanzen.
Artisten, redete ich kummervoll in mir mit mir, Artisten wir alle. Doch will ich ihn dann nicht zum
Freund haben.
Du bist und bleibst ein Luxusgeschöpf. Was denkst
du übrigens, auf welche Weise und mit wessen Hilfe
er von denen loskommen könnte.
Doch wohl nicht Genau. Nur mit deiner Hilfe.
W e n n er es überhaupt will.
Warum sollte er es nicht wollen. Du kennst seine
Biografie.
Mein Freund schrieb aus H, wo er an einem Kongreß teilnahm, er sehne sich danach, in meiner Küche
mit mir Tee zu trinken und nach Herzenslust mit mir
zu reden. W e n n das ein diskreter Hinweis darauf sein
soll, daß in unserer Küche keine Wanzen versteckt
sind ... Ist ja gut. Ich schäme mich.
Ich setzte mich an den Schreibtisch und schrieb
meinem Freund, ich stecke gerade in einer schwierigen Phase. Gedanken kämen in mir auf, vor denen ich
selbst erschrecke. Binnen kurzem, wenn wir in meiner Küche zusammen Tee trinken würden, könnten
wir darüber reden.
W e r weiß, dachte ich, und mein innerer Begleiter
war mir böse wegen des Vorbehalts, und ich fragte:
Soll ich ihn ohne Vorbehalt in meine Küche lassen,
42
und er sagte: Ohne Vorbehalt. - Aber er würde
nichts merken; ich würde ganz natürlich wirken, das
kann ich nämlich. Und sogar, bis zu einem gewissen
Grad, offen.
Die famose innere Stimme schwieg, schwieg,
schwieg.
Ein Brief lag noch da, der auffallendste von allen,
ein langgestrecktes weißes Viereck. Ihn hatte ich
nicht nach verdächtigen Anzeichen überprüft: Gab es
sie, wollte ich es nicht wissen. Ein amtliches Schreiben. Zerstreut schlitzte ich den Umschlag mit dem
Brieföffner auf. Die Sekunden, die ich dafür brauchte,
die ich brauchte, den Brief herauszunehmen und ihn
zu entfalten, genügten, eine Kette von entlegenen
Einfällen passieren zu lassen. Puschkin. Der Briefband, der gerade herausgekommen war. Seine schäumende Wut, als er entdeckte, daß die zaristische Postzensur einen seiner Briefe an seine Frau erbrochen
hatte. Sein Pathos: So war ihnen nicht einmal der vertrauliche Gedankenaustausch zwischen Gatten heilig!
Seine Überreaktion: daß er dann lange nicht an seine
Frau schreiben konnte. Und mein unwillkürliches Gelächter, als ich das las, mein Gefühl der Überlegenheit: Diese überempfindlichen Dichter aus dem
neunzehnten Jahrhundert!
W i e lange war es her, daß ich keine vertraulichen
und vertrauten Briefe mehr geschrieben hatte. Daß
ich mich zwingen mußte, überhaupt zu schreiben. Ich
wußte es nicht mehr. W a n n hatte die Zeit der Als-obBriefe begonnen - als ich mich entschlossen hatte, zu
schreiben, als ob niemand mitläse; als ob ich unbefangen, als ob ich vertraulich schriebe. Ich wußte es nicht
mehr. Nur soviel wußte ich: Für spontane Briefe war
ich verdorben, und die Verbindung zu entfernt woh43
nenden Briefpartnern trocknete aus. Konnte ich darüber noch Bedauern empfinden? Entsetzen? War es
mir nicht selbstverständlich geworden? Sie schaffen
es, dachte ich. Und w i e sie es schaffen.
Der Brief hatte einen imponierenden Briefkopf,
und er war kurz. Der Mann, der ihn geschrieben
hatte, war bei dem Briefkopf-Amt angestellt und
wollte sich mir als anständiger Mensch präsentieren.
Auch in schwierigen Zeiten bliebe er ein anständiger
Mensch, sollte ich dem Brief entnehmen, auch in
schwierigen Zeiten ließe er mich nicht fallen. Mehr
nicht? dachte ich, halb erleichtert, halb enttäuscht,
und zweifellos ungerecht. Immerhin schrieb er mir auf Dienstbogen! -, es wäre doch gelacht, wenn es
ihm nicht gelingen sollte, mich in den Veranstaltungsplan seiner Institution „einzubauen" - er
schrieb „einbauen" in Anführungsstriche, als Zeichen, daß ihm die Ironie in seinem Angebot bewußt
war. Dachte er, daß ich Geld brauche? Nein, das
dachte er nicht. Mein Rat, meinte er feinfühlig, meine
gelegentliche Mitarbeit könne seinem Laden - er
schrieb: „meinem Laden hier" - nur gut tun. Es wäre
doch gelacht, wenn er mich nicht demnächst dazu
überreden könnte. Bei der Gelegenheit werde er mir
dann auch erzählen, w i e es ihm „seitdem" - das einzige Wort, das ihm unkontrolliert entschlüpft war ergangen sei. Aber ich wisse ja: Unkraut vergeht
nicht.
Schweigen, Schweigen. Sendepause. Falls du
denkst, der kann mir noch weh tun ... Übrigens
denkst du richtig: Er kann mir weh tun. Er kann es
wieder.
Dem Brief entströmte ein feines Aroma von Selbstaufgabe. Das war ja wohl bei ihm angelegt. Und jetzt
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schreibt er mir diesen Brief, um mir das Gegenteil zu
beweisen. Und den hebt er sich gut auf, als Beweisstück für seinen solidarischen Mut. Aber: Einladen
wird er mich nicht. Meinen Rat erfragen wird er
nicht. In seinen Veranstaltungsplan einbauen wird er
mich auch nicht. Die Liste, die ihm das verbietet und
auf der auch mein Name steht, wird er womöglich
hinter seinem Brief an mich abheften, im gleichen
Aktenstück.
Na und? Tun wirs zu den Kuchenkrümeln.
Zum zweitenmal an diesem Tag klingelte das Telefon. Eine Frauenstimme. Warum ist die so aufgeregt,
fragte ich mich, noch ehe ich wissen konnte, mit w e m
ich sprach. Sie war aufgeregt, weil sie für den Abend
Komplikationen fürchtete. Sie war die Kollegin K.
vom Kulturhaus, die mich zu meiner Überraschung
für diesen Abend zu einer Lesung eingeladen hatte,
und sie wollte nun wissen, ob ich nicht eine halbe
Stunde vor Beginn erscheinen könnte.
Gewiß, sagte ich, aber warum?
Um jede Gefahr, daß es zu unliebsamen Zwischenfällen kommen könnte, abzublocken.
Sie hatte „abblocken" gesagt. Es war die Sprache, es
war der Tonfall, die mich ins Schwitzen brachten.
Welche unliebsamen Zwischenfälle denn, fragte ich
munter.
Frau K. bereute schon ihre Ausdrucksweise, sie
wiegelte ab. Ach, nichts Besonderes. Nur so im allgemeinen.
Darauf ließ sich nun nichts mehr sagen, außer: Ist
gut. Ich komme früher. Dann mußte ich den Hörer
auflegen. Ich witterte Unrat.
Jetzt war es nach zwölf. Standen sie noch da?
Sie standen da.
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Also essen wir etwas. Man sollte an solchen Tagen
nicht allein sein müssen.
Allein? Fast nichts konnte ich mehr denken oder
sagen, ohne meinen Zensor gegen mich aufzubringen. W e n n du mit diesem selbstmitleidigen Geflenne
nicht aufhörst ...
Nun, nun. Übrigens gebe ich dir recht. Ich werde,
du weißt schon, wen, ohne Vorbehalte in meine Küche lassen. Ich werde nicht vergessen haben, was ich
heute über ihn gedacht habe. Ich werde ihm aber
glauben, daß er an mir hängt. Und wer soll ihn da herausholen, wenn nicht einer, an dem er hängt. - W e n n
er wirklich heraus will. - W e n n er wirklich drinsteckt. - Einer muß es ja sein. Hast du vergessen,
wie viele Angriffsflächen er ihnen bietet? - Ach scher
dich doch zum Teufel mit deiner bigotten Moral.
Vielleicht hatten wir doch nicht einen der allerschwächsten Tage erwischt.
Ich wärmte mir die Rindfleischsuppe vom Vortag
und aß achtlos, dabei hörte ich die gleichen Nachrichten w i e am Morgen. Vom Hof her kamen jetzt Kinderrufe, aus dem fünften Stock des Nebengebäudes,
das meiner Küche gegenüberliegt, antwortete Schlagermusik, gleich würde Frau G. mit ihrer grünen
Mütze erscheinen und sich erbittert gegen den Lärm
zur W e h r setzen. Sie tat es.
Ich stand wieder am Schreibtisch, hatte es aber vermieden, aus dem Fenster zu sehen. (Sie waren noch
da.) Ich setzte mich und begann, die Eintragungen in
meinem dicken grünen Taschenkalender nachzuholen, die ich in den letzten Tagen versäumt hatte. Einmal würde ich in einem Zimmer sitzen - ich stellte es
mir kahl vor, ein normales Bürozimmer -, und man
würde mir Fragen stellen. Fragen verschiedenen Gra46
des, darunter unverfängliche; ich aber hatte mir vorgenommen, auf keine einzige Frage zu antworten
und würde mich daran halten (o deine Einbildungen,
Schwester!). Dann, nach ein, zwei oder zwanzig Stunden - sprach man nicht von Verhören, die über Tage
gingen, mit kurzen Pausen? - würde mein Verhörer
dieses dicke grüne Notizbuch hervorziehen, in das
ich gerade gewissenhaft eintrug, was ich heute, gestern, vorgestern getan, gelesen, gehört, w e n ich gesehen hatte, sogar welches Wetter mir aufgefallen war.
Nun, würde mein Verhörer sagen - er würde bis zu
den Fragen dritten, auch vierten Grades sehr höflich
bleiben und erst bei den Fragen fünften Grades ganz
plötzlich sehr grob werden, aber ich wäre darauf gefaßt und würde auch der Grobheit standhalten, ihr
vielleicht sogar leichter als der Höflichkeit (Schwester! Schwester . . . ) : Nun, würde er sagen. Reden wir
Klartext. Und er würde mir aus meinem eigenen
Notizbuch mit meinen eigenen Worten auf jede
Frage die Antworten vorlesen, die ich eben noch so
stolz verweigert hatte. Und nun, Herr Neunmalklug,
kannst du mir erklären, warum ich trotzdem alle diese
Eintragungen mache, außer aus Stolz, Tollkühnheit,
Hochmut?
W e i l du denkst: Sie werden es nicht wagen.
Schweigen.
Jetzt mußte ich zum Telefon gehen, wählen, lauschen. Hab ich dich etwa geweckt, sagte ich, etwas zu
schuldbewußt. Nein, sagte meine jüngere Tochter.
Aber sie frühstücke gerade. - W a s denn. - Die Aufzählung war lang und wurde gebilligt: Das sei also,
was sie „Frühstück" nenne. Andere Leute würden
sich davon zwei Tage ernähren. - Dafür esse sie dann
auch zwei Tage lang nichts. - Dies sei ja das Un47
glück. - Sie erfragte und erhielt Auskunft über ihren
Vater. - And what about Yourself, Ma'am? - O marvellous, sagte ich, und sie sagte: Primiximo, worauf
ich sie aufforderte, sich einer allgemein verständlichen Redeweise zu bedienen, was sie entrüstet ablehnte. W i e Sie denken, Frollein, sagte ich. Aber womit verbringen Sie Ihre müden Tage? - Oh, dear!
sagte die jüngere Tochter. Bitte keine Indiskretionen! - Jetzt mal im Ernst: Schläfst du genug. - Aye,
aye, Sir. - Gehst du auch mal schön spazieren. - Aye,
aye, Sir. - Du, sagte ich, dies sag ich dir: W e n n ich
eines Tages wegen seelischer Grausamkeit die Verbindung zu dir abbreche, dann wirst du im Rinnstein
sitzen, und deine heißen Tränen werden fließen. Lady, sagte meine jüngere Tochter, das nehm ich mir
aber jetzt entsetzlich zu Herzen.
In der gleichen Sekunde legten wir beide auf. Mir
war doch wohler. Ich sah aus dem Fenster. Da standen sie also immer noch. Mochten sie. W a s mich betraf, ich würde jetzt Pause machen. Ich zog im Schlafzimmer die Vorhänge zu und legte mich ins Bett.
Dies war eine der tief erleichterten Minuten des Tages. Kein fremder Mensch, kein fremder Blick, vielleicht nicht einmal ein fremdes Ohr folgten mir in
diesen Raum. Ich genoß die unaussprechliche Wohltat, unbeobachtet und allein zu sein und keine Forderung an mich zu haben. Nicht denken, nicht arbeiten.
Nichts herausfinden, nichts wissen wollen. Ruhig auf
dem Rücken liegen, die Augen schließen, atmen. Atmen. Ich atme. Ich denke nicht. Ich bin ruhig.
Mein innerer Blick fand einen hohen, fahlen Rundhorizont über einer dunklen Scheibe. Sollte das eine
Bühne sein? Alle meine Gedanken wichen hin zu diesem Horizont. Schattenhaft flogen sie davon, große
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träge Fledermäuse. Sie schaffen es. Unsinn. Die kommen nicht weit. Die knallen sich die Köpfe ein. Der
Horizont ist aus Marmor. Siehst du das nicht. Die kamen alle schön brav zu mir zurückgekrochen. Auf
diese Weise werd ich sie nicht los.
Auf welche Weise wird man Gedanken los. Indem
man sie denkt. Denkt und wieder denkt. Durchdenkt.
Zu Ende denkt. Gäbe es einen Apparat, der alle Hoffnung, die noch in der Welt ist, bündelt und wie einen
Laserstrahl gegen diesen Horizont aus Stein richtet,
ihn aufschweißt, durchbricht.
Jetzt denkst du w i e sie. Apparate, Strahlungen, Gewalt. Jetzt verlängerst du ihr bißchen Gegenwartsmacht in die Zukunft hinein. Dann hätten sie
dich.
Denkst du, das wüßte ich nicht? Denkst du, ich
denke, daß ich das ganz Andere bin? Die Reinheit,
Wahrheit, Freundlichkeit und Liebe? Denkst du, ich
wüßte nicht, was die brauchen? Ich weiß es. Die wollen, daß ich ihnen gleich werde, denn das ist die einzige Freude, die ihrem armen Leben geblieben ist: andere sich gleich zu machen. Denkst du, ich spüre
nicht, w i e sie an mir herumtasten, bis sie den schwachen Punkt gefunden haben, durch den sie in mich
eindringen können? Ich kenne diesen Punkt. Doch
den sag ich niemandem, nicht einmal dir, und nicht
einmal in Gedanken.
W i e stellst du dir also deine Zukunft vor.
Da flogen alle die großen schattenhaften Fledermäuse wieder auf, ein unheimlicher Schwärm.
Weißt du wirklich nicht, daß man sich manche
Wörter manchmal verbieten muß? Um sich nicht zu
schwächen? Um nicht weich zu werden?
Soll es also künftig um Härte gehen.
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Das Gegenteil von weich ist nicht hart. Das Gegenteil von weich ist unnachgiebig, fest.
Hört sich phantastisch an. Und in welche deiner
vielen Taschen zauberst du deine Angst?
Mein bißchen Angst? Damit müssen wir leben.
W e m das nicht paßt, der kann ja gehen. Und wer mir
Angst machen will mit diesen Bildern, die er mir
durch den Kopf jagt - seit einer Minute war der
Rundhorizont verschwunden, ich sah vergitterte
Räume -, wer mich damit fertig machen will, der geht
auch. Und zwar ganz schnell.
Aha. Falls das eine Kündigung war - ich nehme sie
an.
Ich schlief dann doch noch ein. Die Bilder, die ich
zuletzt sah, waren scharf abgegrenzte Ausschnitte
eines männlichen Körpers, den ich kannte, unversöhnliche Liebesszenen, die mich im Wachzustand
erstaunt hätten. Rücksichtslos führte ein Traum mir
vor, w i e die Geburtshülle eines Embryos beschädigt
wird, dazu hörte ich, in höhnischem Tonfall, die
Worte: In einer Glückshaut geboren! Den Sinn verstand ich im Erwachen, doch wozu der Hohn?
Warum diese Verletzungen, die man sich auch noch
selber beibringen muß.
Keine Antwort. Die Kündigung blieb gültig. Da
zog ich mich an, kochte starken Kaffee und setzte
mich an den Schreibtisch, Foltertisch. Standen sie
noch da? Sie standen nicht mehr da. Das flaschengrüne Auto war weg. Sie hatten es aufgegeben. Sie
hatten sich endlich überzeugt, daß ...
Vier Plätze weiter nach links stand das weiße Auto,
besetzt mit zwei Mann. Alles, w i e es sich gehört.
Es war fünfzehn Uhr.
Durch das rechte Erkerfenster konnte ich die
50
Friedrichstraße bis zum S-Bahnhof überblicken,
durch das linke Erkerfenster bis zur Oranienburger.
In beiden Richtungen das Geschiebe der Menschen.
Tausende von ahnungslosen Landsleuten, die Stunde
um Stunde zwischen mir und dem weißen Auto da
drüben vorübergingen, die es nach Hause zog oder zu
ihrer Arbeitsstelle oder zu ihrer Geliebten oder zu
ihren Geschäften. Die ihr normales Leben, das an
ihnen haftete, überallhin mitnahmen.
So lange ich nicht bereit wäre, mit irgendeinem von
ihnen zu tauschen, war mein Hochmut ungebrochen,
und die Hauptbelehrungen standen mir noch bevor.
Oder ihnen? Die Fremdheit, die mich von der Menge
trennte, glaubte ich, trennte die Menge auch von sich
selbst.
So hatte ich noch nicht gedacht, aber die Zeit
schien gekommen, so und noch ganz anders zu denken. Anders und anderes. Die Menge nicht immer
nur als unfehlbar, als Richter, als übergeordnet; als
die vielen, die es besser wissen, die ich nicht mißachten, kränken, ignorieren durfte; als die große Masse,
die im Zweifelsfalle immer recht hatte. Da ging sie an
meinem Fenster vorbei, wußte nichts und hatte nicht
recht noch unrecht, denn sie war eine Konstruktion.
Und war es nicht denkbar, daß es nicht auf sie ankam,
sondern auf die einzelnen Menschen, die ja und nein
sagen konnten, den Arm automatisch heben oder die
Zustimmung verweigern, auf Weisung den ersten
Stein werfen oder das Urteil nicht anerkennen. Ob es
nicht auf jeden dieser vielen da unten einzeln ankam,
zum Beispiel auf dieses Mädchen, das sich eben zwischen dem weißen Auto und dem danebenstehenden
schwarzgelben durchwand, das jetzt quer über den
Rasenstreifen ging, der Parkplatz und Bürgersteig
51
voneinander trennt, das an der Fußgängerampel warten mußte und nun zielstrebig die Fahrbahn überquerte. Ein Mädchen wie Tausende, nicht groß, weder dünn noch dick, mit sehr kurz geschnittenem
braunen Haar und einem bräunlichen Gesicht. Grüne
Kutte, die Tasche über die Schulter gehängt.
Man mußte nur einen einzelnen ins Auge fassen,
schon war man seine Angst los.
Ich mußte mich fertig machen, die Tasche für H.
packen, die Schuhe anziehen, in knapp einer halben
Stunde begann im Krankenhaus die Besuchszeit. Es
klingelte. Sehr zur unrechten Zeit, sagte ich mir, um
meinen Schreck vor mir selber zu überdecken. W e r
klingelte? Heute? Bei mir? Am besten, man machte
gar nicht erst auf. Ich schlich durch den Flur, lauschte
an der Tür. Die Kette vorlegen? Unsinn. So fängt es
an.
Zuerst dachte ich an eine Sinnestäuschung. Draußen stand das Mädchen, das ich eben die Straße hatte
überqueren sehen. Sehr kurzes braunes Haar. Braunes Gesicht. Kutte. Umhängetasche.
W e r schickte die? Da sah sie mich an, und ich begann mich zu schämen. So unbefangen wie möglich
bat ich sie herein. Mit diesem Mädchen trat etwas mir
vom Ursprung her Verwandtes und zugleich ganz
und gar Fremdes über meine Schwelle. Man konnte
ihm - wie jung es war! Zwanzig? Zweiundzwanzig? nicht sagen, es solle doch seine Kutte ausziehen. Das
Mädchen nannte seinen Namen, der mir entfernt bekannt vorkam, und mein Gefühl verdichtete sich, daß
dieses Mädchen meine Wohnung nie mehr verlassen
würde. Ich zog nicht, wie es vernünftig gewesen
wäre, im Vorbeigehen den Telefonstecker heraus, ich
riskierte es, dieses Mädchen in meinem Zimmer, an
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meinem runden Tisch in die womöglich abhörbereiten Mikrofone über sich sprechen zu lassen, denn
dazu war es gekommen, das hatte ich gleich begriffen.
Durch ein paar schnelle Fragen und Antworten
wurde klar, daß der Name dieses Mädchens wirklich
mit einer bestimmten Affäre an einer bestimmten
Universität, im Zusammenhang mit Denunziationen,
mit Verfahren und Erpressungen aufgetaucht war,
daß wirklich sie es war, die man damals vom Studium
ausgeschlossen hatte, da sie nicht zu den Erpreßbaren
gehörte.
Richtig, ja, ich erinnerte mich an diese Geschichte,
die ich vom Hörensagen kannte, aber die war doch wie lange her? Ein Jahr? Zwei Jahre? Ja. Aber, sagte
das Mädchen nun, beinahe beiläufig und gewiß nicht,
um damit zu protzen, danach habe eine zweite Affäre
sie für ein Jahr ins Gefängnis gebracht, daher habe sie
nicht früher kommen können. Als seien wir seit zwei
Jahren verabredet gewesen. Nun endlich war die Atmosphäre hergestellt, auf die ich seit dem Eintreten
des Mädchens gefaßt gewesen war. „Gefängnis" war
das Wort, das unsere Verwandtschaft in Frage stellte.
Es ließ sich nichts dazu sagen, nichts fragen. Das
Mädchen kramte in seiner Umhängetasche und zog
endlich ein paar Blätter daraus hervor, ein Manuskript, das war der Anlaß für ihren Besuch, und ich
las die Blätter sofort, obwohl ich gleich am Anfang gesagt hatte, ich müsse gehen.
Als ich den kurzen Text gelesen hatte, fragte ich
das Mädchen, w e m sie ihn außer mir noch gezeigt
habe. Ihrer Schwester also, einem Freund, ihrem
Mann.
Jetzt stand ich auf und zog den Telefonstecker heraus. Das Radio wollte ich nicht anstellen, das Mäd53
chen sollte mich nicht für ängstlich oder für eingebildet halten. Sie sei also verheiratet. Ja. Ihr Mann habe
zu ihr gehalten, aber was sie mache, interessiere ihn
nicht.
In Zeiten wie diesen,, ging es mir flüchtig durch
den Kopf, werden alle unsere Schwächen wach, oder
unsere Stärken werden zu Schwächen. Es war mir
nicht gegeben, einen guten Text für schlecht zu erklären oder die Autorin eines guten Textes nicht zu ermutigen. Ich sagte, was sie da geschrieben habe, sei
gut. Es stimme. J e d e r Satz sei wahr. Sie solle es niemandem zeigen. Diese paar Seiten könnten sie wieder ins Gefängnis bringen.
Das Mädchen wurde vor Freude weich, es löste
sich, begann zu reden. Ich dachte: Es ist soweit. Die
J u n g e n schreiben es auf. Das Mädchen erzählte von
seinem harten Leben, jetzt wollte es sein innerstes
W e s e n hervorkehren, aber wohin sollte das führen,
ich mußte es zügeln, ich konnte nicht dulden, daß es
in diesem zutraulichen Zustand auf die Straße trat,
ich mußte es fragen, w i e es im Gefängnis war, mußte
mir anhören, die Kälte sei das schlimmste gewesen.
Und die hohen Normen bei der Strumpffabrikation.
Und die Nierenschmerzen. Es werde dort einfach zu
wenig geheizt.
Das alles in meinem warmen Zimmer, ich mit
Strümpfen an den Beinen. Ich mußte jetzt, falls es
möglich war, diesem Mädchen Angst einjagen. Mußte
ihm sagen, die größten Talente seien in deutschen
Gefängnissen vermodert, dutzendweis, und es sei
nicht wahr, daß ein Talent der Kälte und der Demütigung und der Zermürbung besser widerstehe als ein
Nichttalent. Und daß noch in zehn Jahren Menschen
Sätze würden lesen wollen, wie sie sie schrieb.
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Und daß sie, bitte, nicht in jedes offene Messer laufen
sollte.
So solle sie sich aufsparen? Aber wofür?
Liebe sie nicht ihren Mann?
Der habe sie geheiratet, um ihr Sicherheit zu geben. Er halte zu ihr. Sie gefährde ihn, er habe ein
Amt. Liebe? Nein.
Und wolle sie keine Kinder?
Früher schon, oja. Nun nicht mehr. Übrigens habe
man sie dort, da man ihre Nierenschmerzen verkannte, an der Gebärmutter operiert.
Schweigen.
Das Mädchen hatte ein Einsehen. Sie wolle sich
doch nicht ins Verderben stürzen. Nur habe sie es
eben gern, etwas aufzuschreiben, was einfach wahr
sei. Und dies dann mit anderen zu bereden. Jetzt.
Hier.
Das Mädchen, dachte ich, ist nicht zu halten. W i r
können sie nicht retten, nicht verderben. Sie soll tun,
was sie tun muß, und uns unserem Gewissen überlassen. Sie ging. Ich sah ihr ,vom Fenster aus nach. Sie
überquerte die Straße, schlängelte sich zwischen den
Autos durch, direkt an dem weißen Auto vorbei, unberührt von den gläsernen Blicken der jungen Herren, ging über den Parkplatz und entschwand ihren
und meinen Blicken.
Jetzt habe ich mir nicht ihre Adresse geben lassen.
Jetzt stecke ich den Telefonstecker wieder rein, mache mich fertig, schließe die Tür ab, gehe. Im Krankenhaus muß die Besuchszeit inzwischen begonnen
haben.
Mein Auto stand sieben Plätze neben dem weißen,
das ich keines Blickes würdigte. Ich stieg ein, ließ den
Motor an. Das Mädchen fragte nicht krämerisch: W a s
55
bleibt. Es fragte auch nicht danach, woran es sich erinnern würde, wenn es einst alt wäre.
Ich fuhr den Weg nach, den das Mädchen gegangen
sein konnte, ich konzentrierte mich auf die Bürgersteige, verursachte beinahe einen Unfall, als ich den
Kopf mit dem braunen kurzen Haar in der Menge
entdeckt zu haben glaubte und, ohne Rücksicht auf
den Verkehr, am Rinnstein zu halten suchte, mußte
weiterfahren, von wütendem Hupen gedrängt, ich
hatte den braunen Kopf aus den Augen verloren.
Keine Adresse. Das haben wir sauber hingekriegt.
Während ich weiterfuhr, tadellos und exakt, alle
Regeln des Straßenverkehrs bedienend, geschah etwas Merkwürdiges mit mir. Irgend etwas ging mit mir
vor, mit meinem Sehvermögen, oder, genauer, mit
meinem gesamten Wahrnehmungsapparat. Verkehrstüchtig blieb ich, das war es nicht; ich sah nicht mehr
richtig. Ich sah nicht mehr, was ich sah, obwohl doch
die Häuser, Straßen, Menschen mir keineswegs unsichtbar geworden waren, das nicht. W a s ist mit uns,
hörte ich mich denken, mehrmals hintereinander,
sonst fehlten mir die Worte, sie fehlen mir bis heute.
Versuchsweise sage ich, es war ein Band gerissen zwischen mir und der Stadt - vorausgesetzt, „Stadt" kann
noch stehen für alles, was Menschen einander antun,
Gutes und Böses. Nicht, daß ich Angst gehabt hätte,
verrückt zu werden. Ich hatte weder Angst noch überhaupt ein Gefühl, auch mit mir selbst stand ich nicht
mehr in Kontakt, was waren mir Mann, Kinder, Brüder und Schwestern, Größen gleicher Ordnung in
einem System, das sich selbst genug war. Das blanke
Grauen, ich hatte nicht gewußt, daß es sich durch
Fühllosigkeit anzeigt. Mühelos fädelte ich mich aus
dem Verkehr, sah mir selbst aus einer gewissen Höhe
56
nicht ohne Anerkennung dabei zu, bog links ab in
den Zufahrtsweg zum Krankenhaus, fand, als sei das
selbstverständlich, gleich einen Parkplatz und wunderte mich auch nicht, daß man in ein Gebäude, das
scharf und flächig, w i e aus Pappe ausgeschnitten, dagestanden hatte, dann plötzlich doch hineingehen
konnte, daß es dort ein, wenn auch schmutziges,
Treppenhaus gab, Aufschriften mit Pfeilen zu den
verschiedenen Stockwerken und Stationen, an denen
entlang ich schnell und sicher in den zweiten Stock,
zur Station C 1 und vor ein Zimmer mit der Nummer
siebzehn fand. Ich ordnete meine Gesichtszüge, sie
entsprachen dann dem Gesichtsausdruck einer Frau,
die ihren Mann im Krankenhaus besucht, ich klopfte
an, öffnete die Tür, trat ein, nickte dem jungen Menschen zu, der im ersten Bett lag, trat an das zweite,
sah mir aus einer gewissen Höhe dabei zu, sah mich
lächeln, beugte mich über das Gesicht, das da in den
Kissen lag und küßte es.
Ich sah mir aus einer gewissen Höhe dabei zu.
Ich fragte, was zu fragen war, empfing die Antworten, die ich kannte, stellte den Sanddornsaft auf den
Nachttisch, packte leere Flaschen und schmutzige
Wäsche ein, machte alles ganz echt und ganz natürlich, vermied nicht einmal Wörter w i e „Sorge" und
„Sehnsucht", da einem ja, wenn man nichts fühlt, alle
Wörter frei zur Verfügung stehen. Ich nahm auch Anteil, forschte nach Einzelheiten, wollte über die kleinsten Fortschritte der Genesung unterrichtet werden,
über Bruchteile von Fiebergraden, alle Abstufungen
von Schmerz. Nein, eine wirkliche Gefahr habe es
nicht gegeben, das wußte ich ja, wenn ich auch gestern den ganzen Vormittag über unruhig gewesen
war. So sagte ich, und es stimmte, ich war unruhig ge57
wesen, und wußte im gleichen Augenblick, daß ich
mit diesem wahrheitsgetreuen Satz Mißtrauen wekken mußte, das er aber nicht sofort äußern würde. Er
würde nur fragen: Und sonst? Das tat er jetzt.
Und sonst?
Sonst? Nichts Besonderes. Ziemliche Ruhe. Wenig
Leute. Tut ganz gut. Ach wo, keine Vorkommnisse.
Also wirklich. Schlafen? Aber ja. Hervorragend. Also
wirklich. Über mich muß man sich keine Gedanken
machen.
W a r u m sagst du heute immerzu „also wirklich",
sagte H.
Ich? sagte ich. Sag ich das?
In einer Minute hast du jetzt zweimal „also wirklich" gesagt, sagte H.
Laß mich zufrieden, sagte ich. Der Satz mußte beschwiegen werden. Heul ruhig, sagte H. nach einer
W e i l e . Ich schob den Stuhl weg und setzte mich auf
sein Bett. Das sähen die Schwestern nicht gern, sagte
er.
W i e geht es dir, fragte ich, alles noch mal von
vorne. Die gleichen Antworten auf andere Fragen. Er
sah blaß aus, ein Zug in seinem Gesicht war mir unbekannt. Mit dem Finger fuhr ich die Linien nach, die
ich kannte. Er war in Gefahr gewesen. Gestern hatte
ich mich, einen ganzen Vormittag lang, gewaltsam
der Schreckensvorstellung eines Lebens ohne ihn erwehren müssen. Es ist alles gut gegangen, sagte ich.
Es ist alles gut.
Ja?
Also wirklich.
Später erzähl ich dir alles. Befürchte nichts. Ich befürchte auch nichts mehr. Es liegt alles an uns selbst,
weißt du. Lach nicht, wenn Lachen dir w e h tut. Du
58
kannst mich noch genug auslachen, später. Du kannst
mich gottseidank noch lange genug auslachen, Mann.
Du, auf einmal bin ich so froh, daß ich gar nicht weiß,
wohin. Dich nicht mal anfassen können.
Also gut. Jetzt zieh ich mal los.
Im Auto sang ich. Ich sang „Auf einem Baum ein
Kuckuck, simsaladimbambasaladusaladim". Die schaffen uns nicht, Mann. Ich stellte das Radio an, sang
laut die Schlager mit, ich fuhr zu schnell die Leninallee hinunter, entschloß mich plötzlich, doch noch
eine Kleinigkeit in der Grillbar zu essen und riß auch
schon das Steuer herum, zum Parkplatz auf der anderen Straßenseite. Jetzt erst kam das Signal „Wenden
verboten" in meiner Großhirnrinde an. Aber es wird
doch nicht gleich ...
Doch. Ein Pfiff. An dieser Ecke stand also ein Verkehrspolizist auf Dauerposten, dessen W i n k e n ich
brav zu folgen, dem ich gehorsam die Fahrpapiere zu
reichen hatte, freundlich und tatbewußt. Am besten
gleich selbst das Vergehen benennen, nichts beschönigen, aber Gründe anführen, die der schon besänftigte Gesetzeshüter bei sich selbst in mildernde Umstände verwandeln kann. Einen Stempel gab der mir
nicht mehr, den Augenblick hatte er verpaßt, zehn
Mark, bestenfalls, und wenn er sich auf eine Diskussion einließ, womöglich nur fünf. W a s sollte Wachtmeister B. mit einem Straftäter anfangen, der freimütig zugab, diese Strecke öfter zu fahren, der nichts zu
seiner Entschuldigung anführte als einen Zustand
von „Geistesabwesenheit" und der zu allem Übel eine
Frau war? Er konnte mir nur die Papiere zurückgeben, die fast scherzhaft klingende Mahnung anfügen:
Aber nie mehr hier wenden! - konnte mit der Hand
an der Mütze grüßen und mir gute Fahrt wünschen.
59
So konnte es aber nicht weitergehen.
Es ging nicht so weiter. Im Bistro gab es unfreundliche Kellner, schleppende Bedienung, ich mußte gehen, ohne gegessen zu haben. Aus Erfahrung wußte
ich, daß Hunger spätestens nach einer Stunde wieder
vergeht. Es wurde dunkel. In einer der finsteren abbruchreifen Straßen hinter dem Alexanderplatz stellte
ich auf gut Glück das Auto ab, suchte lange in der falschen Richtung nach dem Kulturhaus, und als ich es
endlich fand, war die halbe Stunde, die ich der Veranstaltungsleiterin zugesagt hatte, schon angebrochen.
Ich strahlte nicht mehr, aber ein Rest Übermut war
geblieben. Übermütig drängte ich mich durch den
Menschenpulk, der die Tür des Kulturhauses blokkierte, lachend überzeugte ich die jungen Leute, daß
sie mich schon durchlassen müßten, die das dann,
ebenfalls lachend, auch taten. An der verschlossenen
Eingangstür groß das Schild: AUSVERKAUFT. Links
und rechts von der Tür je ein junger Herr. Nun sieh
dir das an. Unauffällig kann man das nicht nennen.
Die jungen Herren machten keine Umstände, höflich
signalisierten sie nach innen, man solle die Tür öffnen. So geschah es. Vier, fünf junge Mädchen und
Frauen und zwei junge Herren standen im Flur, um
mich höflich zu begrüßen. Eine Falle! dachte ich in
meiner übertriebenen Art, während ich ringsum
Hände schüttelte, in der Verwirrung einige mehr, als
nötig gewesen wäre. CLUB DER VOLKSSOLIDARITÄT, las ich auf einem Türschild rechterhand, und
dann wurde ich von einem eilfertigen jungen Mädchen die Treppe hochgeführt, auf eine große Inschrift
zu: WACHSTUM - WOHLSTAND - STABILITÄT.
Wachstum, Wohlstand, Stabilität las ich mechanisch
noch einmal. Wo waren wir hier eigentlich. Ich spürte
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Lust, mich in diese Frage zu verbeißen, doch war das
nicht der Zeitpunkt dafür, ich sah es ein.
Das Zimmer der Abteilungsleiterin für kulturelle
Veranstaltungen, ein Abstellraum für ältere Büromöbel, übertraf an Unwirtlichkeit beinahe jedes andere
Bürozimmer, das ich kannte. Drei Uraltplakate an den
W ä n d e n halfen der kulturellen Atmosphäre, die die
Kollegin K. sich wohl vorstellte, nicht auf. Die Kollegin K. gab vor, sich über meinen Anblick wahnsinnig
zu freuen, mir kam sie eher wahnsinnig aufgeregt vor.
Sie trug einen grasgrünen Pullover, auf dem genau
zwischen ihren beiden Brüsten ein faustgroßes gehämmertes Bronzeschild hing. Ich fragte mich, ob
diese Frau vielleicht Brunhilde hieß, aber es hätte mir
nicht wirklich genützt, das zu wissen. Dann fing sie
zu sprechen an, in einer schnellen, überstürzten Art,
die das Schild auf ihrer Brust zum Klirren brachte.
W a s war mit ihr? Mit wachsendem Erstaunen, dann
mit wachsendem Verständnis sah ich ihre Finger auf
der Tischplatte umhergreifen, sah, wie ihr Blick sich
in die entlegenste Zimmerecke bohrte und begriff:
Diese Frau hatte Angst. Die Maßeinheit für die
Größe ihrer Angst war das Klirren des Schildes auf
ihrer Brust. Ganz leise klingelte es, wenn sie ihren
Chef erwähnte; der hatte es offenbar nicht für nötig
befunden, sie gegenüber den „höheren Stellen" zu
decken, bei deren Nennung ihr Schild lauter klirrte.
Immerhin sei es ihr gelungen, auch diese Stellen, die
sie stark bedrängt haben mußten, zur stillschweigenden Duldung dieser Veranstaltung zu bewegen, weil
sie sowieso nicht mehr abzublasen gewesen war. Laut
aber läutete das Bronzeschild von Frau K. Sturm,
wenn sie auf die Besucher vor der Tür zu sprechen
kam, die keinen Einlaß mehr gefunden hatten. Eine
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derartige Zusammenrottung hatte der Kollegin K. gerade noch gefehlt.
Auch mir hatte etwas Derartiges gerade noch gefehlt, aber das sagte ich nicht. Im Gegenteil. Ich mobilisierte meine einschlägigen Erfahrungen, die nicht
unerheblich waren, und fing an, Frau K. Fragen zu
stellen, die ihr gleichzeitig den Rücken stärken und
mich möglichst umfassend informieren sollten. Es
gibt da eine Technik, die ich einem Außenstehenden
nicht erklären könnte; ich nehme an, in jedem Land
gibt es Gespräche, deren Hintersinn einem nur aufgeht, wenn man sie mit Dutzenden ähnlicher Gespräche über den gleichen Gegenstand vergleicht.
Was war also mit den höheren Stellen. - Die
höheren Stellen befürchteten, daß etwas passieren
könnte. - Was zum Beispiel. - Zum Beispiel provozierende Fragen aus dem Publikum. - Aha. Der Pegel
für noch zu duldende Fragen scheint weiter abgesunken zu sein. Aber keine Bange, Frau K., das mache
ich schon. Schließlich bin ich kein Neuling.
War ich kein Neuling? Ehrlich gesagt, gerade heute
fühlte ich mich als Neuling.
Was noch, Frau K. - Also Auslandskorrespondenten. - Welche Auslandskorrespondenten. - Die sich
eingeschlichen haben könnten, obwohl ... - Obwohl
was? Ist dies eine öffentliche Veranstaltung oder
nicht? - Schon. Obwohl ...
Kurz und gut, man hatte Vorkehrungen getroffen. - Vorkehrungen?
Jetzt läutete bei mir ein wohlbekanntes Glöckchen
Alarm. Jetzt trat ich mit der Kollegin K. in Verhandlungen ein, die, von meiner Seite zäh, taktisch klug
und freundlich geführt, die Widerstandskräfte der vor
kurzem erst aus Thüringen in die Schlangengrube
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Hauptstadt verschlagenen Abteilungsleiterin matt
setzten. Nach manchem Hin und Her und reichlichem Schildgerassel lieferte sie mir mit einer Geste,
die der Kapitulation eines Heeres würdig gewesen
wäre, die Liste der geladenen Teilnehmer aus. Wahrhaftig, die ehrte mich. Niemand war vergessen.
Ich sagte Frau K., daß die Liste mich ehre. Aber
was die sechs laufenden Nummern bedeuten sollten,
hinter denen weder eine Dienststelle noch ein Name
verzeichnet war. Dazu schwieg Frau K. und sah auf
ihren Schreibtisch. Da schwieg auch ich und sah auf
ihren Schreibtisch. Nur sechs, dachte ich fast getrost.
W e n n ich mich an jene Veranstaltungen erinnerte,
bei denen fast ein Viertel ... Also von „Fortschritt"
sollte man in einem bestimmten Zusammenhang lieber nicht sprechen. Das einzige ist, jetzt nicht den
Humor verlieren.
So fragte ich Frau K., ob denn, nach dieser imponierenden Liste, überhaupt noch normales Publikum
zu erwarten sei. Damit hatte ich sie nun aber beinahe
beleidigt. Selbstverständlich habe sie auch „Leute von
der Straße" hereingelassen. Das waren ihre Worte, die
meinen Humor beinahe vollständig wiederherstellten.
Wir werden im Alter wenigstens etwas haben, wovon
wir zehren können.
Nun mußte aber Frau K. eiligst hinuntergehen und
das Publikum draußen vor der Tür dazu bringen, sich
zu zerstreuen. - Und wenn man noch ein paar hereinließe, die Tür zum Treppenhaus öffnete? - Dies
konnte Frau K. aus feuerpolizeilichen Gründen nur
als unsittlichen Antrag ablehnen. - Allein gelassen,
blätterte ich in meinem Manuskript, trocknete mir
den Schweiß vom Gesicht und bespritzte mich mit
Kölnischwasser. Hatten diese alten unübersichtlichen
63
Berliner Häuser nicht alle einen versteckten Hinterausgang? Mündete der nicht vielleicht neben der Tür
zur Toilette, die ich noch unauffällig aufsuchen
könnte? Wobei ich, ebenso unauffällig, die Toilettentür mit dem Ausgang verwechseln könnte? Daß es das
erste Mal wäre, war schließlich kein Argument. Einmal muß man mit allem anfangen.
Da kam Frau K. schon zurück. Hatte die wartende
Gruppe sich zerstreuen lassen? - Leider nein. - Frau
K., die an vielen Stellen gebebt hatte, seit ich sie
kannte, bebte nun auch am Kinn. Was immer noch
geschehen mochte, ließ sie mich wissen, sie sei entschlossen, die Veranstaltung beginnen zu lassen. Da
unten, an der Einlaßtür, mußte mit ihr etwas passiert
sein. W i e sie nun vor mir herging, geht nur ein zum
Äußersten entschlossener Mensch. W e n n Grün wirklich die Farbe der Hoffnung ist, ihr grüner Pullover
signalisierte alles mögliche, Hoffnung nicht. An der
Tür zum Veranstaltungsraum stellte sich heraus, daß
sie nicht gedachte, mich zu begrüßen. Ich solle einfach vorgehen und frisch von der Leber weg beginnen. Die Leute merken schon von selbst, wenns anfängt, sagte Frau K. Mein lieber Mann, dachte ich.
Das hatten wir allerdings noch nicht.
In dem Raum war es still. In einem schmalen Gang
zwischen Stuhlreihen schlängelte ich mich zum Podium durch, auf dem ein nackter Holztisch stand, ein
einfacher Stuhl, eine Lampe. Ich nahm die hohe
Stufe, setzte mich. Zwei, drei Händepaare klatschten.
Die gehörten also nicht zu den sechsen in der Liste.
Oder gerade doch? Ich sagte, was ich lesen wollte,
und begann.
Den Text kannte ich auswendig. Die Sätze betonen
sich von selbst, die Stimme hebt sich, senkt sich, wird
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weicher, härter. W i e es sich gehört. Alles mechanisch,
keiner wird es merken. Aus welchen Gründen Sie,
meine Damen und Herren, immer gekommen sein
mögen: Sie werden korrekt bedient werden. Das Honorar, mit dem Sie mich gedungen haben, ist bescheiden, aber ich liefere Ihnen den vollen Gegenwert.
W a s ich ganz gerne wüßte: Mußten Sie etwa in die
eigene Tasche greifen, oder haben Ihre jeweiligen
Dienststellen Ihnen die eine Mark fünfzig pro Eintrittskarte bezahlt, w i e ich doch hoffen will? Müssen
Sie Kulturbeflissenheit wenigstens vortäuschen für
diesen Job, oder nicht einmal das? Und w i e sind Ihre
Instruktionen? Beifall am Ende, und wenn ja, wie
stark? Oder Mißfallenskundgebungen? Aber bei welcher Gelegenheit? Arbeiterfäuste sind ja wohl nicht
mehr zeitgemäß.
WACHSTUMWOHLSTANDSTABILITÄT
Oja. Sie werden bedient werden. Eines Tages werdet ihr bedient sein, Kolleginnen und Kollegen. Übrigens: Warum gerade ihr? Warum gerade dieser junge
Kerl da vorne links, dem der Schweiß von der Stirn
rinnt, aber er wischt ihn nicht ab? Traut er sich nicht,
um nicht aufzufallen? Ist er so interessiert, wie er tut?
Und das Mädchen hinter ihm, die Langhaarige - wo
könnte die angestellt sein. Oder sind die beiden gar
nicht herbeordert, sondern gehören zu denen „von
der Straße"? Zu denen, für die ich ganz anders lesen
müßte. Warum müßte: Muß. Und wenns nur die beiden wären. Aber es können auch zwei, drei Dutzend
sein, und ich habe nicht mehr an sie gedacht. Und
warum ist mir nicht eingefallen, daß es auch für die
anderen lohnen würde, für die, die man hergeschickt
hat? Denn wo steht geschrieben, daß sie aus Eisen,
daß sie.nicht auch verführbar sind.
65
Also gut. Jetzt streng ich mich an.
Jetzt legte ich keinen Wert mehr auf eine Einteilung des Publikums, nach welchen Gesichtspunkten
auch immer. W i e sich in den über hundert verschiedenen Köpfen die Welt spiegeln mochte - ich wollte
für diese eine Stunde meine Welt in ihre Köpfe pflanzen. Ich hatte keine Einwände, nicht den mindesten
Vorbehalt mehr gegen irgendeinen dieser Zuschauer,
und - zwar konnte ichs nicht schwören, doch glauben wollte ich es nur zu gerne - auch die sechs oder
wie viele es sein mochten, vergaßen vielleicht für
kurze Zeit nicht ihren Auftrag, doch ihr Vorurteil.
Denn wo kämen wir hin, wenn es Mode würde, in die
Hand zu spucken, die einer dir offen hinhält.
Ich sah, wie gerne die Kollegin K. die Pause, die
vor dem ersten Diskussionsredner eintritt, dazu benutzt hätte, die Veranstaltung zu schließen, die zu eröffnen sie sich standhaft geweigert hatte. Noch war
nichts passiert, aber in jeder Sekunde - zum Beispiel
jetzt, da der junge Mann aus der ersten Reihe aufstand, der, der so schwitzte - konnte es passieren.
Aber der junge Mann wollte ja nur wissen, wann das
Buch erscheinen würde, und schlauer hätte auch keiner von den sechsen die Diskussion eröffnen können,
denn nun verstrich Zeit mit Sachinformationen über
die Herstellung von Büchern. „Sachliche Atmosphäre" könnte in den Berichten stehen, die hoffentlich morgen an geeigneter Stelle zusammenliefen.
Die Diskussion fand in einer sachlichen Atmosphäre
statt.
Aber man soll sich nicht zu früh freuen. Man soll
die Wachsamkeit den eigenen Gefühlen gegenüber
niemals vernachlässigen. Es erhob sich in der letzten
Reihe eine junge Frau von der Art, gegen die ich
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wehrlos bin, und brachte das Wort „Zukunft" ins
Spiel - ein Wort, gegen das wir alle wehrlos sind und
das imstande ist, die Atmosphäre eines jeden Raumes
zu verändern und eine jede Menschenansammlung
zu bewegen. Die junge Frau - Lehrerin? Musikstudentin? Technische Zeichnerin? - hätte sich nie das
Herz gefaßt, öffentlich zu sprechen, wenn sie nicht
extra gekommen wäre, um die für sie unaufschiebbare Frage zu stellen: auf welche Weise aus dieser
Gegenwart für uns und unsere Kinder eine lebbare
Zukunft herauswachsen solle.
Sie sprach ohne Betonung, sie warf sich nicht auf,
klagte nicht an, ließ nichts durchblicken. Sie wollte
nur wissen. Alle im Saal hatten das Signal vernommen, ein jeder auf seine Weise. Das Bronzeschild der
Kollegin K. begann verzweifelt zu scheppern, das half
ihr nun rein gar nichts mehr. Und wenn in großer
Leuchtschrift die Wörter WACHSTUM WOHLSTAND STABILITÄT an der Wand erschienen wären - nichts hätte mehr geholfen, denn nun standen
die wirklichen Fragen im Raum, die, von denen wir
leben und durch deren Entzug wir sterben können.
Ich sagte etwas in dieser Art und gab mir Mühe,
w i e ich es mir angewöhnt hatte, die junge Lehrerin,
die vielleicht arglos unter Argen saß, nach Kräften zu
decken und den Anlaß für ihre Frage auf mich zu
nehmen. Gleich schämte ich mich dieses Manövers,
denn an mehreren Stellen im Saal gingen die Hände
hoch, erhoben sich Stimmen, die die Frage der jungen Frau nicht nur als ihre eigene wiederholten, sondern sie erweiterten und sich in unbekümmerter und
rücksichtsloser Manier auf sie einließen. W a s taten
diese Leute. Sie brachten sich in Gefahr. Aber mit
welchem Recht hielt ich sie für dümmer als mich? Mit
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welchem Recht nahm ich mir heraus, sie vor sich
selbst zu schützen?
Da schwieg ich denn und hörte zu, wie ich in meinem Leben nicht oft zugehört hatte. Ich vergaß mich,
man vergaß mich, zuletzt vergaßen wir alle Zeit und
Ort. Der Raum lag im Halbdunkel. Mit den Formen
fiel bald die Förmlichkeit. Es fiel die entsetzliche Angewohnheit, für andere zu sprechen, jeder sprach sich
selbst aus und wurde dadurch angreifbar, manchmal
zuckte ich noch zusammen: W i e angreifbar. Aber das
W u n d e r geschah, keiner griff an. Ein Fieber erfaßte
die meisten, als könnten sie es nie wieder gutmachen,
w e n n sie nicht sofort, bei dieser vielleicht letzten Gelegenheit, ihr Scherflein beisteuerten für jenes merkwürdig nahe, immer wieder sich entziehende Zukunftswesen. Jemand sagte leise „Brüderlichkeit".
Wahnsinn, dachte ich; ein anderer sprang auf, schüttelte die Fäuste, griff sich an den Kopf vor soviel Naivität und wußte nicht, w i e ihm geschah, als sie ihm
von verschiedenen Seiten ganz ruhig den Gebrauchswert des utopischen W P e s vorhielten; setzte sich
kopfschüttelnd, ein anderer, der sich gerne reden
hörte, wurde heiter auf das Wesentliche hingelenkt,
das immerhin auch er meinen mochte. Als stehe man
vor einem Fest, wurde die Stimmung im Saal immer
lockerer. Buchtitel wurden durch den Raum gerufen,
manche notierten sie sich, andere fingen an, mit ihren
Nachbarn zu reden, um die junge Frau, die zuerst gesprochen hatte, bildete sich ein Kreis.
r t
Wo hatte nur die Kollegin K. ihre Sinne. Trug sie
nun Verantwortung oder nicht. Aber da war sie
schon, leise klirrend, sporenklirrend, hätte man denken können. Noch grüner war ihr Pullover, noch röter
schimmerten ihre Wangen. Bebte sie? Gewiß, sie
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bebte. Ihr Körperbeben übertrug sich auf ihre
Stimme, die dennoch entschlossen klang. Dies sei
nun aber der rechte Moment. Ein jedes Beisammensein müsse einmal. Daher beende sie hiermit, und sie
glaube im Namen aller zu sprechen. Die Dankesformel. Die Blumen: fünf Gerberastiele, in Asparagis
eingebunden. Einen guten Nachhauseweg allerseits.
Doch blieb man sitzen. Hatte Frau K. sich geirrt?
W a r es doch nicht der rechte Moment? Andererseits:
Worauf wartete man noch? Das wußte keiner, aber als
der alte Mann in der zweiten Reihe sich erhob, der
aussah wie ein Arbeiterveteran, da schien man gerade
auf ihn gewartet zu haben. Er wolle nur, als der weitaus Älteste in dieser Runde, sich das Recht nehmen
zu einer kleinen Freundlichkeit. Damit holte er aus
einem uralten Leinenbeutel einen flachen, in Seidenpapier gewickelten Karton, den er mir überreichte.
Jetzt konnte gelacht, geklatscht werden, man konnte
aufstehen und sich allmählich zerstreuen. Einige
brachten Bücher zum Signieren nach vorn, unter
ihnen die junge Frau, die nach unserer Zukunft gefragt hatte. Was sie mache. - Ach, Krankenschwester. - Warum sie da „ach" sage. - Ach, das sei doch
nichts Besonderes.
Hier hätte der Abend enden müssen. Statt dessen
gab es ein Nachspiel. Die beiden jungen Leute, die
sich von der Tür her näherten und bisher nicht im Publikum gewesen waren, eröffneten es. Ein harmloser
junger Mann, ein nettes junges Mädchen mit blondem krausen Haar. Während ich ihre Bücher signierte, nannte der junge Mann seinen Namen. Er
war es also, der mir seit einigen Monaten seine Gedichte in den Briefkasten steckte. Das träfe sich ja
69
I
gut, daß man sich auf diese Weise einmal zu Gesicht
bekäme.
Da fragte der junge Mann: Wissen Sie eigentlich,
daß man die Wartenden unten vor der Tür mit der
Polizei auseinandergetrieben hat?
Das Gefühl, als sinke in mir ein Fahrstuhl sehr
schnell nach unten, kannte ich ja. Mit der Polizei?
Aber warum denn? Und ich soll das gewußt ... Kollegin K.!
Die Kollegin K. stand bereit. Ja leider. Leider sei es
nötig gewesen, polizeilichen Schutz in Anspruch zu
nehmen. Die Zusammenrottung sei ausfallend und
aggressiv geworden.
Die beiden, J u n g e und Mädchen, sagten leise: Das
ist nicht wahr.
Nicht wahr? Das wußte die Kollegin K. nun aber
besser. Sie selbst habe man beschimpft, als sie versucht hatte, die Zusammenrottung gütlich aufzulösen.
Gütlich! sagten die beiden Jungen wie aus einem
Mund.
Sie, fragte ich die Kollegin K., habe also von dem
Polizeieinatz gewußt? Ihn womöglich sogar veranlaßt?
Das habe alles seine Ordnung und Richtigkeit. Man
habe sie schließlich vom Revier aus angerufen, um ihr
zu versichern, ein Einsatzwagen stehe auf Abruf bereit.
Wann! Wann habe man sie vom Revier aus angerufen.
Gegen halb sieben. Natürlich, vor der Veranstaltung. Aber es war ja abzusehen gewesen, was da kommen würde.
Aber was denn. W a s sei denn gekommen, fragten
der Junge, das Mädchen und ich.
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Da stand, wie aus dem Boden gewachsen, neben
der von Kopf bis Fuß klirrenden und bebenden Kollegin K. ein Mann, kaum größer als sie, aber offensichtlich um ein, zwei Gehaltsstufen kompetenter:
der Leiter des Clubhauses selbst, ihr Chef. Der sich nun
doch gezwungen sah, sein Inkognito zu lüften. Einfach, um den jungen Leuten hier mal. Also im Klartext: W a s gekommen sei? Nun. Er habe mal, vor Jahren, angefangen, J u r a zu studieren. Aber auch ohne
das: Ein jeder gesund empfindende Mensch nenne,
was dann gekommen sei, Hausfriedensbruch. Und gegen Derartiges unterhalten wir allerdings, auch w e n n
das manchen Leuten nicht passe, glücklicherweise
eine schlagkräftige Polizei. Dies bloß mal zur Klarstellung. Im übrigen habe ja die Polizei überhaupt nicht
durchgegriffen, w i e es ihr gutes Recht gewesen wäre.
Mir, sagte das junge Mädchen, hat einer von ihnen
gesagt, uns hätten sie in Nullkommanichts auf drei,
vier Lastwagen geladen und abtransportiert, dann
wäre die Luft sauber.
Gesagt! sagte der Clubhausleiter überlegen. Aber
was haben die Polizisten getan!
Sie haben die Leute, die unten im Hausflur standen, rausgedrängelt und geschubst.
Na also, da sagen Sie es selbst. Die Polizei hat auf
unblutige W e i s e das Hausrecht wiederhergestellt. Ob
denn die Kollegin Schriftstellerin überhaupt wisse,
daß ihre Fans sich gewaltsam Zugang ins Haus verschafft hätten.
Gewaltsam! sagte der junge Mann. Draußen wars
langweilig, wir vertrieben uns die Zeit mit allerhand
Blödsinn. Von der Tür rief einer, einen Dietrich
müßte man haben!, da hat einer einen nach vorne
durchgegeben, damit machten sie die Tür auf, ging
71
ganz leicht, und ein paar sind reingegangen. Das war
alles. Vollkommen friedlich wars, sogar lustig, so was
wie ein Happening. Glauben Sie bloß nicht, irgendeiner wollte Ihre Veranstaltung stören.
Was ich glaubte, war unerheblich. Ich sah, die Kollegin K. hatte zwar von dem Polizeieinsatz, nicht aber
von dem Hausfriedensbruch gewußt und war nun
sehr erleichtert. Ich fragte mich auch, was eigentlich
die beiden jungen Männer gemacht hatten, die vorne
an der Tür standen, als der Dietrich durchgereicht
wurde. W a r er vielleicht auch in ihre Hände gekommen? An dieser Geschichte war etwas von Grund auf
Unstimmiges, was mir sehr zu denken gab. Dieser
Anruf um halb sieben, als kein Mensch an einen Dietrich dachte ... Oder doch? Ich hatte mich zu früh gefreut. Jürgen M. oder wer auch immer kriegte seinen
Bericht, wahrscheinlich sogar drei, vier saftige Berichte, die ihn befriedigen und meine Akte bereichern würden. Und wäre es nicht denkbar, daß mein
alter Freund Jürgen M., der seine jungen Männer so
lange ergebnislos vor unserer Tür herumstehen ließ,
sich eine solche Bereicherung meiner Akte etwas kosten ließe. Denkbar schon, sagbar nicht. Unsagbar.
Unaussprechlich.
Also gehen wir.
Einen Moment noch. Der Clubhausleiter wollte
nun doch noch Gelegenheit nehmen, zusammenfassend festzustellen, daß er den Abend im großen und
ganzen für durchaus gelungen halte und daß die unliebsamen Zwischenfälle am Rande die Kollegin
Schriftstellerin ja gar nicht betroffen hätten. Am besten, sie vergäße sie überhaupt möglichst schnell.
Dies fand die Kollegin K. auch, klirrenden Schildes
und bebenden Kinns. Die Augen fest auf ihren Chef
72
geheftet, formulierte sie den Satz vor, den sie in ihren
Bericht hineinschreiben würde: Die Lesung verlief
normal, in einer aufgeschlossenen Atmosphäre und
zur Zufriedenheit des Publikums.
So ist es, sagte ihr Chef.
Ich ging, flankiert von den jungen Leuten. Jemand
brachte mir die Blumen nach, die ich liegengelassen
hatte. Die beiden begleiteten mich bis zum Auto; ist
schon besser, sagte der J u n g e . Viel redeten wir nicht.
Die Draußenstehenden seien wirklich friedlich gewesen, friedlich und unprovokativ. Man habe miteinander geredet. Sie beide zum Beispiel - sie hätten sich
dabei überhaupt erst kennengelernt.
Schön, sagte ich.
Ich sei jetzt wohl müde.
JaOb es eine gute Diskussion gewesen sei.
O doch. Es ging um Zukunft, wissen Sie. W a s bleibt.
W a s bleibt.
Ich mußte lachen. Ich wußte, es war gefährlich,
w e n n ich jetzt anfing zu lachen. Ich schaffte es, aufzuhören. Die jungen Leute stellten fest, daß sie beide
den gleichen Heimweg hatten. Auf ein andermal,
sagte ich, stieg ins Auto und fuhr los. Ich dachte
nichts weiter, als daß ich müde war."
Und wenn sie nun wirklich welche von den Jungen
auf ihre Lastwagen geladen und mitgenommen hätten. Und wenn sie nun ... Jetzt waren wir soweit. Ich
konnte nichts mehr tun. Kaltgestellt nennt man das.
Mit dem Rücken an der Wand.
Um diese Zeit gibt es keinen Verkehr mehr in der
Oranienburger, erst recht nicht in der Tucholskystraße. Ich fuhr mechanisch und parkte in der ersten
Reihe auf dem großen Parkplatz, unseren Fenstern
73
direkt gegenüber, unmittelbar neben dem Auto, in
dem zwei junge Herren saßen und rauchten. Dieses
Auto mochte bei Tageslicht blau sein. Dunkelblau.
Soll es. Solln sie. Bei Tageslicht und auch nachts, sommers und winters.
Es war dreiundzwanzig Uhr fünf.
Die Wohnung war dunkel und still. Ich ging durch
alle Zimmer, barfuß, und knipste alle Lampen an. In
der Küche stellte ich die Gerbera ins Wasser. Ich
starrte in die Bildröhre auf den Ansager, der mir Gute
Nacht wünschte
und entschwand. Ich musterte die
•
Schallplatten durch. Exsultate Jubilate. Was soll das
mir. Was mir das schmerzlich geliebte „Fremd bin ich
eingezogen". Fremd zieh ich wieder aus.
Nichts trifft.
An den Bücherregalen entlangstreichen, sogar die
Trittleiter nehmen, die oberen Reihen durchforschen,
hier einen Buchrücken antippen, da einen Titel ausprobieren. Nichts geht mehr. Alle guten Geister, sogar meine Heiligen, hatten mich verlassen. Einzelne
Zeilen mochte es noch geben. Mit meinem Mörder
Zeit ... Das ging. Mit meinem Mörder Zeit bin ich allein.
Ins Bad gehen, in den Spiegel starren, den ich nicht
zerschlagen konnte, weil sie ihn vor mir zerschlagen
hatten. Die W e i c h e n waren gestellt. Der Gang betoniert, durch den sie uns treiben würden. Ins Zimmer
zurückgehn, das Radio anstellen. Den Konfektkarton
auswickeln, den der weißhaarige Mann mir geschenkt
hatte. Die Karte lesen, die dabeilag. Der Mann war
also ein Pfarrer und wünschte mir Gottes Segen. Bei
lauter Radiomusik, Schlager, saß ich und aß ein Stück
Konfekt nach dem anderen, bis der Karton halb leer
war.
74
Was jetzt.
Das Telefon klingelte. Es war Mitternacht. Meine
älteste Tochter hatte von einem Freund erfahren, was
los gewesen war. Einer von denen, die draußen gestanden hatten. Sie hätten nicht provoziert, sollte sie
mir sagen. Wirklich nicht. Sie seien ganz gut gelaunt
und heiter gewesen. Sie hätten mir keine Schwierigkeiten machen wollen. - W e i ß ich doch. - Aber wie
klingt denn deine Stimme. - Normal, nehme ich
an. - Manchmal, sagte meine kluge älteste Tochter,
müsse man sich einfach am eigenen Schopf packen
und sich ein paar Jahre voraus versetzen. - Ach. Das
sei also ihr Rezept. Warum sie nicht im Bett liege,
sondern zu nachtschlafender Zeit in der Weltgeschichte herumtelefoniere. - Darauf wolle ich doch
wohl keine Antwort haben. Ob es dem Vater besser
gehe. - Ja. - Also! Alles könne man eben nicht haben. Stünden sie wieder vorm Haus? - Sie stünden. Störe es mich noch. - Nein. Es störe mich nicht
mehr. Aber daß auch meine eigenen Töchter mir
nachspionierten, das störe mich. - Na dann tschüs,
sagte meine Tochter. Was ich noch sagen wollte: Sie
haben ja recht, dir zu mißtrauen. - Das fange ich gerade zu begreifen an, sagte ich.
Als ich den Hörer aufgelegt hatte, schlug das Telefon sofort wieder an. Ein Mann, den ich nur flüchtig
kannte, wollte mir sagen, er habe am Abend vor dem
Kulturhaus zwischen den jungen Leuten gestanden.
Die hätten wirklich nicht provoziert. - Das wisse ich,
sagte ich. - W i e es mir gehe. - Gut, sagte ich. Wirklich? - Ich sagte: Besser. - Ich gebe Ihnen mal
meine Telefonnummer, sagte der Mann, an den ich
mich auf einmal erinnerte. Sie können mich immer
anrufen, auch nachts. - Ich sagte: Meine Güte. Tele75
fonseelsorge. - Machen Sie sich nur lustig, sagte der
Mann. Ist mir sogar lieber als was anderes.
Ich schrieb mir die Nummer auf. Ich ging durch
alle Zimmer und drehte alle Lichtschalter aus, bis nur
noch die Schreibtischlampe brannte. Diesmal hatten
sie mich aber beinahe gehabt. Diesmal haben sie, ob
sie es nun darauf angelegt hatten oder nicht, den
Punkt getroffen. Den ich eines Tages, in meiner
neuen Sprache, benennen würde. Eines Tages, dachte
ich, werde ich sprechen können, ganz leicht und frei.
Es ist noch zu früh, aber ist es nicht immer zu früh.
Sollte ich mich nicht einfach hinsetzen an diesen
Tisch, unter diese Lampe, das Papier zurechtrücken,
den Stift nehmen und anfangen. W a s bleibt. W a s meiner Stadt zugrunde liegt und woran sie zugrunde
geht. Daß es kein Unglück gibt außer dem, nicht zu
leben. Und am Ende keine Verzweiflung außer der,
nicht gelebt zu haben.
J u n i / J u l i 1979
76
November 1989
Stefan Heym
Collin
Roman
Wilhelm Goldmann Verlag
1
Infarkt, dachte er. W e n n ich jetzt die Besinnung verliere, ist es aus.
U n d dann diese Dunkelheit, nicht einmal das Nachtlicht brannte;
w o z u liege ich hier, wenn sie einen allein lassen gerade in einem solchen Moment. Dabei habe ich der D o k t o r Roth noch gesagt, gestern
abend: ich gefalle mir nicht, ich weiß nicht wieso, aber ich gefalle
mir nicht.
Der Schmerz drang bis in die Fingerspitzen. Collin zwang sich,
den linken A r m zu heben, tastete nach der Klingel an der schwenkbaren Bettlampe, fand den Knopf. U b e r der Tür leuchteten Buchstaben auf, BITTE SPRECHEN.
Es GEHT M I R NICHT GUT. A b e r die W o r t e blieben heiseres Geflüster. Es w a r schon wie Tod, vielleicht versuchten auch die Toten
noch zu sprechen, doch es hörte sie keiner. Er hatte den Planeten gesehen, auf dem er lebte, Satellitenphoto, ein blau schimmernder
Stern, weiß u m w ö l k t , ein J u w e l Gottes, einmalig. Alles Existierende
war einmalig und unwiederbringlich; nein, nicht sterben, jetzt
nicht, jetzt noch nicht.
»Es - geht - mir - nicht - gut.«
Die eigene Stimme, endlich, aber wie sehr verändert, kaum erkennbar. Darauf, aus den W ä n d e n , elektronischer Trost: »Sofort,
Herr Collin.«
D e r Schmerz hatte ein eigenes Wesen, w a r wie ein K r a k e , der
Made in German y • 9/84 • 1. Auflage 116
seine Fangarme durch die A r t e r i e n schob. Der Vorgang w a r im
© 1979 Stefan Heym
G r u n d e einfach: K o r o n a r o k k l u s i o n , kein Sauerstoff mehr für den
Alle deutschsprachigen Rechte, mit Ausnahme der Rechte der sozialistischen
Muskel, Halleluja; Luise schon w a r daran gestorben, der Pathologe
Länder, C.Bertelsmann Verlag GmbH, München 1979
hatte ihm die Sache erklärt, w i e hieß er doch, ein großer, ruhiger
Umschlagentwurf: Design Team, München
Satz: IBV Lichtsatz K G , Berlin
Mann; aber Luise hatte lange gelegen und gelitten, während bei ihm
Druck: Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh
alles so plötzlich gekommen w a r , auf dem Botschaftsempfang, er
Verlagsnummer: 7 1 1 0
hatte mit Botschaftsrat Nitschkin gesprochen, ich interessiere mich
MV - Herstellung: Gisela Ernst
sehr für Literatur, Genosse Collin, hatte Nitschkin gesagt, da auf
ISBN 3 - 4 4 2 - 0 7 1 1 0 - 0
5
»Infarkt?« flüsterte er.
einmal dieses Flattern in der Brust und die Schwäche, er hatte sich
hinsetzen müssen, ist Ihnen schlecht, Genosse Collin, hatte Nitschkin gesagt.
W a r u m kam die D o k t o r Roth nicht, oder irgendein anderer A r z t .
Sie zog die Nadel heraus, betupfte die Einstichstelle, bog ihm fürsorglich den Unterarm nach oben. » W i r werden ein E K G schreiben.«
»Ich will« - dies überraschend laut - »den Professor!«
Sofort, H e r r C o l l i n ; das nannten sie sofort, in der besten Klinik des
Landes, mit den modernsten Einrichtungen, hier w u r d e nicht gespart, dafür sorgte Gerlinger, der auch zu den G r ö ß t e n gerufen
w u r d e ; wenn einer abkratzte von denen, stand Gerlingers Name mit
unter dem Bulletin. Solange ich mich noch ärgere, lebe ich, dachte
er, und dann: atmen, tief durchatmen, und dann w a r ihm, als
»Der Professor ist bereits benachrichtigt«, log sie. »Und jetzt
muß ich Ihnen den Mund stopfen.« Damit stülpte sie ihm die Maske
des Sauerstoffgeräts, das Schwester Gundula ins Zimmer gerollt
hatte, über M u n d und Nase. »Ruhig atmen jetzt, Herr Collin, ganz
ruhig.«
Sie prüfte die Skalen, adjustierte den Druck, beobachtete die grau
schnitte ihm einer die Luft ab.
behaarte Brust des Patienten, die sich jetzt kräftiger hob. Die stark
Jeder trägt einen Film mit sich herum, Bilder, die sich eingeprägt ha-
Behaarten, behauptete Leo Kuschke, haben es kaum je mit der Le-
ben, regellos aneinandergereiht. Dieses Bild, das w u ß t e Christine,
ber, die H o r m o n e spielen da möglicherweise eine Rolle - eine v o n
w ü r d e bleiben: das graue Gesicht auf dem weißen Kissen, die Lip-
Leos oberärztlichen Theorien, die er ihr eines Nachts mit Hinweis
pen fahl, die Stirn schweißnaß, die Augen weit aufgerissen.
auf die eigene W o l l e anvertraut hatte. Schwester Gundula w a r be-
»Sauerstoff«, ordnete sie an.
reits wieder unterwegs, holte das E K G - G e r ä t , bei wie vielen Infark-
Schwester G u n d u l a verschwand eilig.
ten hatte Schwester Gundula schon assistiert; doch w a r dies mit
Das H e r z schlug hastig, mit geringen Unregelmäßigkeiten; der
A t e m kam in kurzen Stößen. Der Blutdruck war eigentlich nicht beängstigend hoch. Christine hielt die Spritze gegen das Licht, ließ ein
Tröpfchen aus der Kanüle perlen.
ziemlicher Sicherheit kein Infarkt, dachte Christine, oder wenn,
dann ein n u r minimaler.
Sie spürte den Blick Collins, der über die Maske hinweg auf sie gerichtet war. Die Todesangst, die in seinen Augen sichtbar gewesen
Seine Lippen bewegten sich. »Infarkt?«
war, als sie ins Zimmer trat und das Licht anknipste, schien ge-
»Sehr schöne Venen haben Sie«, sagte Christine.
schwunden zu sein; der sie da ansah, bekundete Interesse am Dies-
Collin verzog das Gesicht.
seits. Christine lächelte ihm zu. Ihr Lächeln, das hatte ihr mehr als
»Ich gebe Ihnen etwas Extrafeines«, versprach sie.
einer versichert, habe etwas Eigenes, das sich nur schwer in W o r t e
Er versuchte, das Extrafeine in der Spritze zu sehen. Mit Spritzen
fassen ließ; bei dir, hatte Andreas ihr gesagt, zeigt sich die Seele im
waren sie dann immer bei der Hand, dachte er, aber die Aufgabe
Lächeln. Seele, dachte sie mit ein wenig Selbstironie, Einfluß der
w ä r e doch w o h l gewesen, die Sache vorher zu verhüten; er hatte sich
Seele auf die Physis; das haben w i r studiert, soweit es sich studieren
nicht zu Gerlinger in die Klinik gelegt, um abzuwarten, bis der In-
läßt; darum auch ihre Zweifel an dem Infarkt, die Seele des D r . h. c.
farkt käme, das hätte er auch zu Hause haben können. Er lag zu
Collin, Nationalpreisträger, erschien ihr zur Zeit nicht infarktträch-
flach, um erkennen zu können, was für Zeug und wieviel davon sie
tig-
ihm in die A d e r spritzte, und er wagte nicht, den Kopf zu heben; er
Schwester Gundula kehrte zurück mit dem E K G - G e r ä t und half
sah nur ihr Gesicht, die Haarsträhne, die sich gelöst hatte und ihr
ihr, die Elektroden anzulegen. Die Maschine begann zu schreiben,
über die Stirn fiel, den konzentrierten Blick der grauen Augen und
feines, fast unmerkliches Geräusch; das bläulich gemusterte Papier
den M u n d , der, halb geöffnet, einen fast kindlichen A u s d r u c k hatte.
mit den Zacken der Aufzeichnung faltete sich in das metallene
Körbchen hinein.
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C o l l i n mummelte etwas in die Maske. Christine nickte beruhigend, betrachtete die K u r v e n . Die zeigten nichts Auffälliges, aber
man w ü r d e vergleichen müssen, das hier w a r nur ein erster Test,
grobmaschig. Collins Blick hatte sich wieder verändert, w a r bittend
geworden: ich geb mich in deine Hand. Mein G o t t , dachte sie plötzlich, und w e n n ich mich doch irre? W a s weiß ich denn schon v o n der
Seele des Mannes C o l l i n . . . Sie ging hinüber zum Waschbecken, befeuchtete seinen Gesichtslappen, trat zurück an die Seite des Bettes
und tupfte ihm den halbgetrockneten Schweiß von der Stirn. Er griff
nach ihrer Hand.
»Ich bin gleich wieder da«, sagte sie. »Schwester Gundula bleibt
so lange bei Ihnen.«
Im Dienstzimmer brannte die Schreibtischlampe. Christine suchte
die Mappe Collins heraus, überflog die dürftigen Angaben: Collin,
Hans, geboren 1 9 1 5 , Schriftsteller; Ehefrau Nina C , Schauspielerin, zwei Telephonnummern, Frau Nina C. besaß ein eigenes Telephon. A u f n a h m e w a r erfolgt am 1 3 . ; also v o r drei Tagen; da w a r sie
zu Hause gewesen, D r . Lommel hatte Dienst gehabt. G r ö ß e des Patienten 1,78 m, Körpergewicht 85,5 kg, chronische Erkrankungen
keine. Tonsillektomie, Appendektomie, Blutdruck am A u f n a h m e tag 2 0 0 / 1 1 0 , dann abnehmend, gestern wieder höher. Sie verglich [
das soeben geschriebene E K G mit dem v o n vorgestern, fand keine
gravierenden Unterschiede. Ein Radiokardiogramm lag noch nicht
v o r , das Elektroencephalogramm w a r für morgen vorgesehen.
Wichtig w a r das dicke, mit Blaustift eingetragene K r e u z neben dem
Namen Collin außen auf der Mappe, es bedeutete, daß Professor
Gerlinger im Falle von Komplikationen, sei es Tag- oder Nachtzeit,
gerufen zu werden wünschte - der Professor wohnte zehn Minuten
Gerlinger meldete sich schläfrig, nachdem sie eine Weile gewartet
hatte, den Telephonhörer ans O h r geklemmt. » D o k t o r Roth, Herr
Professor«, wiederholte sie.
» R o t h . . . Ah ja, Roth. Ist was?«
»Es handelt sich um den Patienten Collin. Eine Herzattacke. Infarkt möglich, aber nicht wahrscheinlich.«
A u f einmal stellte Gerlinger präzise Fragen, billigte ihre vorläufigen Maßnahmen und lobte am Ende, daß sie ihn sofort gerufen.
»Die Republik kann sich nicht leisten, einen Collin zu verlieren«,
sagte er, als spräche er zugleich für die Öffentlichkeit. »Ein Klassiker, meine Liebe. Ich komme.«
W a r nun auch Ehefrau Nina zu benachrichtigen? überlegte sie;
doch diese Entscheidung überließ man besser dem Professor. Sie
fühlte sich müde. Ein Klassiker, die Lehrer ließen Aufsätze über ihn
schreiben, seine Unsterblichkeit w a r gesichert; aber was besagte
das.
Sie seufzte und machte sich auf den Weg, zurück zu ihrem Patienten. Der hielt jetzt, als sie ins Zimmer trat, die Augen geschlossen
und reagierte auch nicht, als sie ihm den Puls fühlte. D e r Puls hatte
sich spürbar verstärkt. Dann aber machte er doch mit der freien
Hand eine fahrige Bewegung in Richtung der Maske; er wollte sprechen. Sie nahm ihm die Maske ab.
»Dr. R o t h ? «
»Bitte nur k u r z , Herr Collin. W i r werden noch reichlich Gelegenheit haben, miteinander zu sprechen.«
Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, redete stockend.
» S o l l t e . . . mir e t w a s . . . z u s t o ß e n . . . «
» D e r H e r r Professor w i r d jeden M o m e n t hier sein«, sagte sie.
»Machen Sie sich keine Sorgen.«
v o n der Klinik in einem Waldstück; das Haus w a r v o r einigen M o -
Collin öffnete die Augen. Sie hatte ihn mißverstanden. O d e r er
hatte sich getäuscht; das Gesicht hatte ihn getäuscht, o b w o h l er sich
der Housewarming Party - Gerlinger liebte Anglizismen -, es w a r da selten irrte, er konnte Menschlichkeit w o h l unterscheiden v o n
viel Prominenz gekommen, das Ehepaar Collin, der Minister, der betulichem Gehabe. Sie verstand nicht, daß es ihm nicht um sein
Präsident der Akademie, die namhafteren unter den leitenden Her-' kostbares Leben zu tun w a r , nicht in dieser Minute. A b e r das
ren an den führenden Krankenhäusern, eine Menge Schauspieler, konnte er ihr nicht erklären, dazu reichte die Kraft nicht, vielleicht
Maler und Musiker, und sogar der Genosse Urack, begleitet von sei- war auch etwas in der Spritze gewesen, das die Gedanken im Kopf
verschwimmen ließ.
nen Sicherheitsleuten.
naten erst fertiggestellt w o r d e n ; sie w a r auch eingeladen gewesen zu
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»Nein«, sagte sie, »Sie sollten sich wirklich nicht quälen, w i r |
sind doch da für Sie«, und entsann sich jetzt auch einer A n d e u - j
gestellt, daß die gleichen Medikamente, v o n ihr verordnet, nicht die
Hälfte der W i r k u n g hatten, die Gerlinger erzielte.
tung D r . Lommels, als der ihr die Station übergeben hatte: Collin
Nachdem er auch noch die K u r v e n des E K G mit geübtem Blick
habe da Schwierigkeiten gehabt, schöpferischer Natur - schöpfe-
geprüft, zupfte Gerlinger die Decke über Collins Leib zurecht und
risch w a r D r . Lommels A u s d r u c k gewesen -, typische Streß-Si-
erklärte, wiederum sehr milde: »Die Krise, deren Ursprung uns sehr
tuation, der Professor wisse w o h l mehr davon. Schwierigkeiten,
bald klar sein w i r d , scheint vorbei. Sie werden jetzt müde sein, lieber
dachte sie. Es w a r stiller geworden um Collin, man müßte doch
Collin, und schlafen wollen; w i r , Frau D o k t o r Roth und ich, w e r -
einmal wieder etwas von ihm lesen, bestimmt hatten w i r Bücher
den uns also zurückziehen, aber eine Schwester w i r d ständig bei Ih-
v o n ihm, aber A n d r e a s w i r d sie mitgenommen haben bei der I
nen wachen. Sie arrangieren das bitte, D o k t o r Roth, ich möchte
CT
Trennung.
nicht, daß der Patient zu irgendeiner Zeit allein gelassen wird.« U n d
schon im Hinausgehen, mit einer letzten Rückwendung zu dem Pa-
»Guten Morgen!«
tienten: »Ich kann Ihnen eine ganz ausgezeichnete Prognose stel-
D e r Ton des G r u ß e s genau abgewogen, nicht zu laut und den- j
len.«
noch autoritativ genug, um den neuen Tag zu verkündigen, die neue
Hoffnung. Schwester Gundula zog den schweren Vorhang am Fen- j
Selbst die A r t , wie der Professor die Tür hinter sich schloß, leise und
ster zur Seite; selbst in dem Halblicht der Dämmerung ließ sich der
doch energisch, w a r auf W i r k u n g berechnet: w e r so den Raum ver-
A u s d r u c k dienstbeflissener Aufmerksamkeit erkennen, der sich bei
ließ, der wachte auch aus der Ferne. Im K o r r i d o r gab Gerlinger die
der guten Schwester wie bei so vielen Mitarbeitern der Klinik in A n -
Pose auf. Sein Schritt w u r d e müde; er legte den A r m um Christines
wesenheit v o n Professor Gerlinger automatisch einstellte und den i
Schulter, als bedürfte er der Stütze, und sagte: »Sie kommen doch
zu zeigen Christine peinlich vermied. Gerlinger nahte dem Bett; er £
mit? Ein Kaffee täte uns beiden gut.«
schien zu schweben, ein Effekt, der durch seine raschen, kurzen [
Was will er, dachte sie, menschliche Beziehungen pflegen? Sie
Schritte bei konstant ruhendem O b e r k ö r p e r erzeugt w u r d e und der
würde Frau Zink anrufen müssen, die alte Frau aus dem Schlaf
durchaus im Einklang stand mit den leuchtenden Augen und der j
schrecken, damit sie hinüberginge zu Wölfchen, das Kind weckte
majestätischen Stirn, über der er das schlohweiße Haar, k u r z ge- |
und fertig machte für die Schule; die Dauer von Gesprächen mit
schnitten, nach v o r n gebürstet trug.
Gerlinger ließ sich nicht absehen.
Collin setzte zum Sprechen an. Gerlinger hob beschwörend die
In seinem Zimmer dann streifte er den weißen Kittel ab, ließ sich
Hand, allem Einhalt gebietend: den Ängsten des Kranken, jeder Be- [
in den nächsten Sessel fallen, schloß die Augen und rieb sich die
wegung im Raum. Befriedigt dann mit der W i r k u n g der Geste,
Stirn.
nahm er eine kurze, schonende Untersuchung v o r , jede Berührung
des Kranken ein Trost, Versicherung an die furchtsame Seele: die i
Rettung naht, Heilung ist in Sicht; glaube, und es werden W u n d e r
geschehen.
Sie wartete, fragte endlich: »Soll ich Kaffee machen?«
» A h , ja.« Er blickte auf, als sei er überrascht über ihre A n w e s e n heit. »Das w ä r e sehr freundlich v o n Ihnen, Christine. Sie finden alles in dem Wandschrank dort.«
Christine beobachtete ihren Chef: so hatten v o r Tausenden von :
J a h r e n schon die Schamanen ihr W e r k getan, und mit kaum schlechteren Resultaten als ihre Nachfolger heute; wieviel trugen gerade bei
H e r z - und Kreislauf erkrankungen der W i l l e des Patienten und seine j
Phantasie zu einer Besserung des Zustands bei; wie oft hatte sie fest-
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Sie nahm den Elektrotopf aus dem Fach, das Meißener Kaffeegeschirr, den Nescafe. Christine, dachte sie. Die Anredeformen wechselten im Umgang mit Gerlinger: in Parteiversammlungen w a r er
Genosse Professor und sie die Genossin Roth, und man duzte sich;
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im Dienst, v o r Patienten, Schwestern, Pflegern, Labortechnikern,;
Gerlinger winkte großzügig, doch bemerkte sie aus der A r t , wie
bestand er auf dem unbedingten Herr Professor, während sie Dr.; er sich bemühte, nicht hinzuhören, während sie Frau Zink InstrukRoth, Frau D r . R o t h , mitunter auch nur Frau Roth hieß; und jetzi tionen bezüglich Wölfchens gab, daß er doch ein wenig indigniert
war: Gedanken, die man zu lange festhält, verlieren an Schärfe. Er
Christine.
» W a r es sehr schwierig, mit Collin?«
kehrte auch nicht etwa sofort zu seinem Sujet zurück, sondern be-
A l s o ein Fachgespräch, das konnte man k u r z halten. Sie berich- merkte seufzend, so hätte jeder seine Sorgen, eine Frau allein ganz
tete noch einmal, Dinge, die er eigentlich schon wußte, ihre Maß- besonders; sie w a r geneigt, ihn zu fragen, w a r u m er sie dann nicht
nahmen, Reaktion des Patienten, überlegte, ob sie den Vorfall vonj nach Hause fahren lasse, tat es aber doch nicht, einmal, weil sie
gestrigen Vormittag erwähnen sollte, entschied: ein andermal viel- fürchtete, ihn v o r den K o p f zu stoßen, zum andern aber auch, weil
leicht, ließ sich denn mit Sicherheit sagen, ob da wirklich Zusam- sie trotz ihrer Müdigkeit neugierig zu werden begann: irgend etwas
bedrückte ihn, und er wollte w o h l testen, ob sie die Person w a r , bei
menhänge bestanden? Das Wasser kochte im Kessel.
»Im Falle C o l l i n « , er offerierte ihr das Kaffeepulver, dann tranken der er es abladen konnte.
Zunächst aber, über einer zweiten Tasse Kaffee, nörgelte er n u r :
sie, »im Falle Collin möchte ich doch sehr vorsichtig vorgehen. Sie,
leiten zunächst die nötigen Tests ein, besprechen Sie das auch mit der D o k t o r A n d r e a s Roth, der nicht habe sehen wollen, was er an
D r . Lommel. Sollte wider Erwarten ein Mini-Infarkt vorliegen, be ihr hatte, sei ein D u m m k o p f gewesen; sie selbst sei jedoch nicht
handeln w i r entsprechend; sonst, w ü r d e ich meinen, fahren w i r for ganz ohne Schuld, wie oft habe er ihr geraten, das Haar nicht gar so
streng und andere Schuhe mit anderen Absätzen zu tragen, bei einer
wie bisher, allerdings bei strenger Bettruhe.«
Frau wirkten die Proportionen, und sie habe sehr gute; außerdem
»Ich veranlasse das.«
A b e r er machte keine Anstalten, sie zu entlassen. Seine Äuget stelle sie viel zu hohe A n s p r ü c h e an die Männer und verbreite überruhten wohlgefällig prüfend auf ihr, er lächelte, eine Unzahl voi haupt U n r u h e , moralische und seelische U n r u h e , seine Klinik
Fältchen trat zutage auf seinem Gesicht, wie eine Hautkrankheit, werde sie ihm aber nicht durcheinanderbringen, das werde er zu
verhüten wissen; im übrigen könne solche U n r u h e auch durchaus
der A n r u f w ü r d e sich nicht umgehen lassen.
»Möchten SIE Bücher schreiben heutzutage?«
befruchtend sein, wo wären w i r ohne Menschen, die die Dinge in
Die menschliche Seite nun doch, auf dem U m w e g über den Pa; Frage stellten?
Er schien sich bewußt zu werden, daß er auf einen Boden geraten
tienten Collin. Vielleicht sollte sie sich geschmeichelt fühlen, dd
war,
den zu betreten er gar nicht beabsichtigt hatte. Christine hatte
große Professor und die kleine Stationsärztin, aber sie w a r abge;
das
Gefühl,
daß das Gerede um ihre Person überhaupt nur als Aufkämpft nach dieser Nacht. »Bücher«, fragte sie zurück, »zu welhänger
dienen
sollte für die Ä u ß e r u n g von mehr oder weniger vagen
chem Thema?«
Befürchtungen, die er hegte und die irgendwie mit dem Herzanfall
»Collin hat mir einmal gesagt, im G r u n d e schreibt jeder nur üb*
Collins zusammenhingen. Tatsächlich wandte er sich dem K o m p l e x
sich selbst.«
jetzt auch wieder zu. Er wies auf seinen Schreibtisch und sagte,
Sie quittierte das, wie er zu erwarten schien, mit einem verstand!
»Dort liegt ein Buch von Collin, er hat es mir mitgebracht - mit
nisvollen Nicken; bat ihn dann aber, kurz telephonieren zu dür
Widmung .«
fen, es sei ihr unangenehm, dieses für sie und w o h l auch für den Fal
»Haben Sie es schon gelesen, H e r r Professor?«
Collin wichtige und interessante Gespräch unterbrechen zu mü^
»Ich habe es durchgeblättert. Interessiert es Sie?«
sen, sie müsse jedoch verschiedenes regeln, Haus und Kind betref
»Ja. W e n n im G r u n d e jeder nur über sich selbst schreibt, könnte
fend.
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man sich durchaus ein Urteil bilden über den A u t o r - möglicher f
nis, Frau D o k t o r R o t h , zuviel G e w e b e zerstören ? Operation erfolg-
Beitrag zu einer Diagnose.«
reich, Patient tot?«
» U n d w e n n Collin mehr verdeckte, als er berichtet?« fragte er. [
»So daß die Krankheit also gnädiger sein könnte als die Heilung?«
»Unter Umständen.« U n d fiel wieder zurück in den gütig beleh-
»So w ä r e auch das eine Indikation.«
Gerlinger strich sich übers Haar, von hinten nach v o r n , so als i
renden Ton: »Sie werden doch selbst schon die Erfahrung gemacht
schöbe er all seine Bedenken in den vorderen Teil des G r o ß h i r n s .
haben, Christine, daß es gelegentlich besser ist, eine Sache nicht bis
»Es ist ja nicht leicht, sich Klarheit zu geben über sich selber. Mitun- I
in ihre letzten Konsequenzen zu durchdenken.«
ter ist es nicht einmal ratsam. W e i ß denn einer, wie tief er gehen j
kann, ohne in der eigenen Psyche Zerstörungen anzurichten, die
»Besser?« Sie suchte sich gegen die weiche, warme Stimme, die sie
einzuhüllen schien, zu wehren. » A u f jeden Fall bequemer.«
sich gar nicht wiedergutmachen lassen?«
»Verbreiten Sie wieder moralische Unruhe?« Er lachte. »Also
» A b e r sollten w i r nicht - «
bitte, Ursachen: der Patient Collin hatte, wie ich höre, schöpferi-
»Ich habe Ihnen doch gesagt: Vorsicht«, unterbrach er mit einem
sche Schwierigkeiten.« Er stand auf. » W e r hat keine?«
A n f l u g v o n Ä r g e r . »Im Falle Collin behandeln w i r konservativ und
» A l s o bitte, Ursachen«, wiederholte sie; sollte Gerlinger seine
Unruhe haben. » D e r Patient Collin hatte gestern einen Streit mit
vermeiden alle Risiken; LET SLEEPING DOGS L I E . «
Christine stand auf, trat zum Schreibtisch, nahm das Buch zur
dem Patienten Urack.«
Hand, eine ältere Ausgabe, grelle Sonne über dürrer Landschaft auf >
»Was?« Gerlinger drückte auf den Lichtschalter; statt der U n -
dem Schutzumschlag, und kehrte zurück zu ihrem Kaffee. » D i e
scharfen im Raum waren da plötzlich die kalten, klaren Linien.
schlafenden Hunde nicht s t ö r e n . . . A b e r haben Sie, H e r r Professor,
»Woher wissen Sie das?«
nicht selber hier an unsrer Klinik Beweise erbracht für die Zusam-
»Von Schwester Gundula.«
menhänge
Ein ungeduldige
zwischen
Streß
und
physiologischen Veränderungen
besonders des Kreislaufsystems? Das Risiko zugegeben, das die
Suche nach den Ursachen des Streß mit sich bringt - Sie haben uns
:
gelehrt: W i l l man die Ursachen beseitigen, muß man nach ihnen j
suchen.«
Handbewegung.
»Schwester G u n d u l a befand sich in der Wäschekammer. Sie hatte
die Tür offengelassen und -«
»Zur Sache bitte, D o k t o r Roth.«
»Die Wäschekammer liegt in Hörweite des Männeraufenthalts-
» A l s o nehmen Sie das Buch meinetwegen mit.« Ein milder Blick.
raums. Es stritten da zwei Stimmen.«
» D o c h was die Ursachen betrifft, die Sie so gern beseitigen möchten,
»Worüber?«
Frau R o t h : lassen sie sich denn beseitigen? In der W e l t , in der w i r le-
»Schwester G u n d u l a hat nur gehört, daß gestritten w u r d e und
wer beteiligt w a r an dem Streit, nicht w o r u m es dabei ging.«
ben?«
W a s engagiere ich mich, dachte Christine. A b e r dann fiel ihr der
» W i e will sie die Stimmen erkannt haben?«
V a t e r ihres Ex-Mannes ein, Genosse Michael Roth, der, t r o t z der
»Schwester G u n d u l a w a r neugierig und hat hineingeschaut.«
J a h r e im Zuchthaus, ihr eingeschärft hatte, daß der Mensch verän-
»Christine«, Gerlinger trat zu ihr, wieder ganz W o h l w o l l e n , und
derbar w a r und somit die W e l t , in der er lebte, und sie sagte: » W ä r e
legte ihr die Hand auf die Schulter, »ein guter Rat, Christine: Alles,
nicht schon viel getan, wenn w i r erreichten, daß der Patient die U r -
was den Genossen Urack betrifft, vergessen w i r , ja?«
sachen wenigstens erkennt? Ein Gespenst, bei Licht betrachtet, fällt
in sich zusammen.«
» U n d wenn w i r zu tief schneiden bei der Suche nach der Erkennt-
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Dieses J A ? kannte sie. Es w a r Bestandteil der Terminologie sämtlicher Ä m t e r und Parteistellen. Es erheischte Gehorsam.
Diese Erregung, eine andere als v o r h e r , hatte ihn nicht still liegen
lassen, er w a r aufgestanden und im Zimmer hin und her gelaufen,
Pantoffeln an den Füßen, Hände in den Taschen des Schlafrocks;
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mehrmals blieb er am Tisch stehen und warf ein paar Notizen aufs
Papier, Stichworte zum Plan, Einteilungen, Aufbau einzelner Kapitel. Gegen sechs U h r kamen die vertrauten Geräusche: Eimer klapperten, irgend etwas w u r d e den K o r r i d o r entlang geschoben, Stim-
Er w a r glänzender Stimmung.
Natürlich spürte er auch U n r u h e , die gleiche, die das Insekt emp-
men, undeutlich, Türen, deutlich.
finden mochte, b e v o r es, gerade dem K o k o n entschlüpft, zum ersten
W a s , schon auf den Beinen? Die Kleinmädchenstimme, das senti-
Mal die Flügel breitet. Die U n r u h e hatte ihn schon gegen vier U h r
mentale Tremolo, das so gar nicht paßte zu dem zerfaserten Gesicht,
morgens geweckt. Erst hatte er dem Schneewasser gelauscht, das aus
den trippelnden Altjungfernschritten. Schwester Gundula maß Puls
dem A b f l u ß r o h r der Dachrinne auf den Stein v o r dem Fenster
und Blutdruck. Haben w i r schon U r i n gelassen heute? U n d wann
tropfte; dann hörte das auf, und in die Stille hinein pochte das H e r z ,
k o m m t denn Frau Nina, uns abzuholen, vorgestern abend w a r sie
rascher als ihm lieb w a r , aber regelmäßig. Gestern hatte Gerlinger
im Fernsehen zu bewundern, es ist doch ganz was anderes, wenn
ihm mitteilen lassen, der Entlassung stünde nun nichts mehr im
man eine Künstlerin persönlich kennt, und welches Temperament,
W e g e , sämtliche Tests seien gemacht, sämtliche Papiere geschrie-
und w i e jugendlich sie aussah.
ben; O b e r a r z t Kuschke hatte gratuliert: schade, daß Frau D o k t o r
Wieviel gab man der Schwester Gundula zum Abschied, zwanzig
R o t h nicht mehr hier sei, hatte er bemerkt, sie habe sich doch so sehr
M a r k waren w o h l zu wenig, fünfzig wieder zuviel, also dreißig. Sie
für seinen Fall interessiert und hätte sich bestimmt gefreut.
(Vermeiden: die Erinnerung an Christine.)
bedankte sich überschwenglich, besonders für das schöne Buch mit
dem A u t o g r a m m D E R LIEBEN SCHWESTER G U N D U L A FÜR DIE HIN-
Die M o n o t o n i e des Herzschlags gestattete nützlicheren Gedan-
GEBENDE F Ü R S O R G E , Name und Datum. Dann kam das Frühstück.
ken, sich zu entwickeln, konstruktiven, schöpferischen Gedanken,
Er hatte befürchtet, er werde keinen Appetit haben, es w a r wie bei
brauchbar für das neue Leben, die neue A r b e i t . Er lag da, die Augen
einer Reise, v o r A n t r i t t einer Reise hatte er nie Appetit. A b e r auf
geschlossen, und beobachtete mit leisem Glücksgefühl, wie die G e -
einmal, angesichts der frischen Brötchen, verspürte er Hunger. Das
danken einer aus dem anderen wuchsen, eine komplizierte Reihe
neue Leben forderte ihn: die Kruste des Brötchens und dann der
bildeten, analog irgendwelchen Molekularstrukturen, deren millio-
Geschmack der Butter auf der Zunge, der reichliche Speichelfluß,
nenfache Vergrößerung er in einer Zeitschrift abgebildet gesehen
die K a u - und Schluckbewegungen waren Leben.
hatte. Er sah die große Linie seines Buches, die Architektur: ein
Befriedigt schob er Teller und Tablett zurück. Um elf U h r sollte
Mann w i r d sich bewußt, w e r er ist und wie er ist und w a r u m er so
Nina k o m m e n , bis dahin w a r noch viel Zeit, bis dahin w a r die Visite
w u r d e ; eine Abrechnung mit dem Leben und mit der Zeit, in der
mit Sicherheit vorbei, die letzte Visite, wahrscheinlich ohne Gerlin-
man lebte, und eingeblendet in die Summe der Erfahrungen, als D o -
ger, Gerlinger w ü r d e es vorziehen, einer Situation auszuweichen, in
kumentation gleichsam, Geschehnisse, Verwicklungen, Menschen.
der er, noch dazu v o r seinen Untergebenen, gute Miene zu einem
In dieses Gerüst w ü r d e sich einfügen, was er bereits geschrieben
Spiel machen mußte, das er nicht mehr beherrschte. A u c h Christine
hatte; manches w ü r d e revidiert, umgruppiert, w o h l auch in neuem
w ü r d e bei der Visite fehlen.
Licht betrachtet werden müssen; das Wichtigste w a r jedoch, daß er
die Richtung wußte, in der sich alles zu bewegen hatte, die Perspektive, in der es zu sehen w a r .
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(Nicht länger denken an: Christine. O d e r zumindest erreichen,
daß der K o m p l e x sich verkapselte im Gehirn; in Spanien kannte er
295
einen, der trug eine Kugel im Leib, nie operiert, nur wenn das W e t ter umschlug, spürte der Mann den Druck.)
Er rasierte sich langsam und mit G e n u ß . Es pressierte nicht: w e r
seinen Weg kennt, beschreitet ihn ohne Hast. Der hektische Ehrgeiz, der ihn bislang getrieben, w a r dem Gefühl des eignen Ungenügens entsprungen, das wiederum von den Begrenzungen herrührte,
Halbdunkel der Kathedralen. Dann die Tür, ein Blick: also doch
Gerlinger. Gerlinger nahte huldvoll, hinter ihm Oberarzt Kuschke,
D r . Lommel, Assistenzärzte, Schwestern, zum Schluß eine Frau Dr.
M e y r i n k , die seit vorgestern anstelle von Christine Dienst tat.
(Ausklammern: Christine bei der Visite, die kühle Sachlichkeit,
die Maske gewesen sein mochte oder auch nicht.)
die er, bewußt oder unbewußt, sich selber gesetzt hatte. Er betastete
Gerlinger grüßte jovial, Sie bestehen also darauf, verehrter Mei-
das glatte Kinn, die Haut der Wangen, die jetzt rosig schimmerten
ster - seltene A n r e d e , doch ohne ironischen Unterton -, bestehen
und nach der Massage mit Eau de Cologne angenehm durchblutet
also darauf, uns zu verlassen? Die Frage w a r rhetorisch, bedurfte
w a r e n . W e n n er bedachte, daß er v o r einem reichlichen Monat auf
nicht der A n t w o r t , nun kam das Anerbieten: Noch ist nichts end-
dem Bett da gelegen hatte, hart an der Grenze des K o m a s ! Das w a r
gültig, noch hat die Frau Oberin das Bett nicht vergeben, eine W o -
das Schlüsselerlebnis gewesen, dieses kurze Rencontre mit dem
che oder zwei zur Sicherheit, was haben Sie zu verlieren. A u f C o l -
Tod, und alles Spätere w a r nur Beiwerk. Er suchte noch einmal
lins abwehrendes Kopfschütteln reagierte Gerlinger mit überlege-
nachzuempfinden: zuerst w a r da das Herzstolpern gewesen, dann
nem Lächeln, das seinem Gefolge bedeutete, Leute, w i r dürfen uns
die Beklemmung, dann der würgende Schmerz, und dann die alles
leisten, mit Narren wie diesem, die sich klüger dünken als w i r , groß-
überwältigende A n g s t - und dann hatte die D o k t o r Roth am Bett
zügig zu verfahren.
gestanden und ihm Komplimente gemacht wegen seiner schönen
Venen und w a r dem Todesengel in den A r m gefallen.
C o l l i n beeilte sich, die Unsicherheit zu überspielen, die sich sofort wieder einzustellen begann; nur jetzt die endlich getroffenen
(Aus dem Gedächtnis streichen: Christine, die Berührung.)
Entscheidungen nicht in Frage stellen lassen; die schwarze Mappe
Er nahm die Notizen des Morgens v o m Tisch, legte sie in die
w a r gepackt, ihr Inhalt sauber verstaut. Sie mögen ja recht haben,
schwarze Mappe, packte sein Toilettenzeug. Man mußte sich be-
lieber Professor - dies mit Lässigkeit gesprochen -, in dem Fall
schäftigen, nicht nur den Geist, auch die Hände.
w ü r d e ich reumütig zu Ihnen zurückkehren und für immer Ihr folg-
Zu Haus w ü r d e er als erstes den Schreibtisch ordnen: Kalender,
samer Patient sein; aber inzwischen gönnen Sie mir den kleinen
Zettelkasten, Stifte, alles gehörte auf seinen Platz, links die Schreib-
Ausflug in die Freiheit, die Freiheit könnte ja auch eine heilende
maschine, und in den Fächern Papiervorräte, Ablagen, Kleinkram
W i r k u n g haben, probieren w i r ' s , scheiden w i r in Freundschaft.
und, als Wichtigstes, das Manuskript; eine ordentliche Aufgabe er-
U n d dann die Dankeschöns, die zu sagen, die Hände, die zu
forderte einen ordentlichen Arbeitsplatz. U n d eine geregelte, unge-
schütteln w a r e n ; noch einmal Gerlinger, mit der G r o ß m u t des W e i -
störte Arbeitszeit, v o n neun bis eins, danach ein leichtes Mittages-
seren, w i r sehen uns ja auf alle Fälle, wenn nicht hier in der Klinik,
sen, dann eine Stunde A u s r u h e n , und nachmittags eine erste Ü b e r -
dann v o n Haus zu Haus und mit Frau Nina. Frau Nina w i r d bald
arbeitung des Geschaffenen. Du schreibst, darum mußt du leben -
hier sein, Sie abzuholen? Ausgezeichnet, vielleicht begegne ich ihr
n u r wie man zu leben hatte, damit man schreiben konnte, das hatte
noch, wenn nicht, grüßen Sie bitte.
Havelka nicht gesagt, die Frage w a r ihm wohl auch nicht in den
K o p f gekommen, damals in Spanien.
U n d w a r entschwunden mit Hofstaat. Collin kleidete sich sorgfältig an, das weiße Hemd, die graue Flanellhose, den dunklen
Draußen Stimmen, die Visite kündigte sich an. Zurück aufs Bett;
Sakko, die blaurote K r a w a t t e , die Nina zu langweilig fand, manch-
die Hände auf der Brust gekreuzt, die Beine langgestreckt lag er da
mal kaufte sie ihm auf ihren Westtourneen ein halbes Dutzend K r a -
w i e die steinernen Bischöfe auf ihren steinernen Sarkophagen im
watten, sämtlich mit ungeheuren Mustern, die ihn verjüngen soll-
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ten, die aber statt dessen die Aufmerksamkeit der Beschauer auf die
LiGE V E R F Ü G U N G , las-er, ach ja, das lag da noch drin, I M F A L L E M E I -
schlaffe Haut unter seinem Kinn lenkten. Er stellte fest, daß er Ni-
NES ABLEBENS SIND DIESE B L Ä T T E R INTAKT UND V O L L Z Ä H L I G ZU
nas A n k u n f t doch mit Erwartung entgegensah: ob geliebt oder
ÜBERGEBEN A N . . .
nicht, w a r sie ein Stück des Lebens, dem er wiedergegeben w a r , ihr
(Verdrängen: Christine, die Ä r z t i n im Haus, es w a r doch mehr als
festes, federndes Fleisch daher auch Versprechen und Versicherung,
Transferenz gewesen, w o h e r sonst der Impuls zu diesem Testament,
ganz gleich, w e r in der Zwischenzeit von dem Fleisch gekostet ha-
andere Männer schenkten Blumen, Schmuck, Parfüms, er, wenn
ben mochte.
auch posthum erst, sein W e r k . )
(Ausmerzen: den Gedanken an Christine, an die Hoffnung auf
eine andere A r t v o n Leben.)
Er spielte mit dem Blatt, faltete es einmal längs, einmal quer.
Nein, nicht in den Papierkorb, G o t t weiß, welch neugierige Seele
W a s w ü r d e er Nina sagen? N u r keine prinzipiellen Erklärungen,
keine großen Ankündigungen, das w a r schon ein Fehler gewesen bei
den leerte. Wo waren seine Streichhölzer, nicht in der Jackentasche,
wahrscheinlich im Schlafrock, aber der w a r schon w e g g e p a c k t . . .
ihrem letzten Besuch; Selbstsicherheit äußerte sich in Zurückhal-
»Liebster!«
tung: leise Töne, sachliche, nüchterne W o r t e , dabei nicht unfreund-
V o n der T ü r her, die A r m e ausgebreitet, Nina, schöne, dunkle,
lich. U n d Festigkeit: so gedenke ich fortan mich zu verhalten, ich
unentrinnbare Nina.
bin kein Patient mehr, kein Invalide, also will ich kein Mitleid, keine
» D u hast schon wieder gearbeitet?« fragte sie mit freudigem In-
Hätschelei, keine besondere Pflege, ich werde jeden Tag arbeiten,
teresse. »Das ist ein gutes Zeichen, aber natürlich mußt du darauf
das Haus muß entsprechend geführt werden, bitte sorge dafür, daß
achten, daß du dich nicht dabei übernimmst.«
jemand sich kümmert, wenn du auf Reisen bist oder anderweitig abwesend.
Dieweil die Augen, liebevoll umherschweifend, alles inspizierten.
Den Text auf dem zweimal gefalteten Papier konnte sie nicht sehen;
A b e r sie ließ auf sich warten. Sie ließ immer auf sich warten, außer
und so erklärte er ruhig lächelnd: »Ja, ich habe mir zu arbeiten er-
bei ihren eigenen Auftritten. Elf U h r w a r längst vorbei. Er über-
laubt«, und legte sein Material, einschließlich der nunmehr veralte-
legte, sollte er hinausgehen zum Pförtner, gestiefelt wie er w a r und
ten letztwilligen Verfügung, in die Mappe zurück.
gespornt, und anzurufen versuchen; aber das brachte sie auch nicht
>Jch w ä r e ja längst schon hiergewesen.« Sie trat dicht an ihn
früher hierher, und w a r sie noch zu Hause, w ü r d e es nur zu einem
heran, ihre Stimme, plötzlich dunkel und heiser, in sonderbarem
unerquicklichen W o r t w e c h s e l führen. G u t , er konnte den Pförtner
K o n t r a s t zu ihren prosaischen W o r t e n . » A b e r an meinem A u t o w a r
beauftragen, eine Funktaxe zu besorgen; aber er kannte den Taxi-
ein Reifen defekt, und du weißt, ich bringe das nie fertig, einen Rei-
Service; bevor der Wagen kam, w ü r d e soviel Zeit vergehen, daß
fenwechsel. An deinem Wagen w a r die Batterie herunter, verständ-
dann auch Nina eingetroffen sein w ü r d e .
licherweise, und beim Taxiruf meldete sich keiner, ich w a r schon
Er schnaufte mißvergnügt; je länger er hier zwecklos herumstand,
völlig verzweifelt, doch dann, wie durch ein W u n d e r , sprang dein
desto rascher zerflatterten ihm die Gedanken. U n d der Tag hatte so
Wa gen an, und ich dachte, ich kann die verlorene Zeit aufholen, aber
fruchtbar begonnen, mit so schönen Erwartungen. Er schob den
da waren zwei neue Umleitungen, ewig bauen sie, kaum ist der Be-
K o f f e r beiseite, der, verschlossen und verschnallt, neben dem Stuhl
ton trocken, w i r d die Straße wieder aufgerissen, und außerdem
stand, und nahm seine schwarze Mappe zur Hand. Zuerst zögerte
wollte ich noch einmal mit Gerlinger besprechen, wie ich dich pfle-
er, dann aber entschloß er sich, die Zeit doch lieber zu nutzen. Er
gen soll, ein paar allgemeine Verhaltensregeln.«
zog das Manuskript aus der Mappe; da klemmte noch ein Bogen Papier im Leder, w a r w o h l hängen geblieben in der Naht, LETZTWIL-
Collin stand auf. » U n d wie, empfiehlt er, sollen w i r uns verhalten?«
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» N o r m a l . « Sie zupfte ihm mißbilligenden Blicks die K r a w a t t e zu-
stehen, sog die feuchte Luft in die Lungen, nicht mehr Gefängnis-
recht. »Ich soll auf deine Wünsche eingehen, du selber wüßtest am
luft, Luft der Freiheit, und hüstelte. Nina hatte den Wagenschlag
besten, wie weit du dich belasten kannst.«
»Kein Streit, keine Erregungen, nur den Mann nicht frustrieren so ungefähr?«
aufgemacht und stellte den Koffer auf den Rücksitz. Er eilte die
Treppe hinab, die Flocken hefteten sich ihm ins Gesicht, schmolzen,
rannen ihm wie Tränen über die Haut. »Nein, mein K i n d « , sagte er,
» U n d w e n n , w ä r e das schlimm?«
»ich fahre meinen Wagen.« Nina, gerade dabei, sich ans Steuer zu
»Gerlingers Ratschläge sind die besten.«
setzen, wandte sich um. »Nächstes Mal, Liebster, du warst lange
»Na siehst du«, sagte sie, ohne sich durch die Ironie des Rekla-
krank, also sei bitte vernünftig und laß Nina machen.«
mespruchs provozieren zu lassen. U n d nach einer Pause: » W i r müs-
Er wischte sich das Wasser von Stirn und Wangen. U n d mit der
sen einander doch wieder näherkommen, w i r wollen doch nicht,
Hand auf ihrem Ellbogen, warnend: »Was hat Gerlinger gesagt? Du
daß - «
sollst auf meine W ü n s c h e eingehen.«
» W a s wollen w i r nicht?«
Sie blickte ihn an, ihre Augen wie Kiesel. »Bitte sehr, aber vergiß
Sie winkte ab. »Später. Jetzt gehen w i r . «
Sie nahm ihn beim A r m . Sie bestand darauf, den Koffer zu tragen,
nicht, ich sitze auch im Wagen.«
»Ich bin kein Selbstmörder«, sagte er.
und ließ ihm nur seine Mappe. Sie sagte und tat das Notwendige,
Er wartete, bis sie den Sitz gewechselt hatte. Dann stieg er ein,
nicht mehr, nicht weniger; es w a r , als w ü ß t e sie, was er sich v o r g e -
startete den M o t o r und fuhr, sehr langsam, sehr vorsichtig, durch
nommen hatte, und vermiede es daher, ihm irgendwelchen Anlaß zu
das Krankenhausgelände bis zum Haupttor und fädelte sich in den
Bemerkungen grundsätzlicher Natur zu geben. Draußen regnete es,
V e r k e h r auf der Chaussee ein. Dies getan, lehnte er sich entspannt
ein widerlicher Schneeregen, der W e g v o r der Vortreppe Pfützen
zurück und sagte, das Hin und Her des Scheibenwischers v o r A u -
und Matsch. D e r Pförtner reichte ihm seinen Mantel, half Nina, ih-
gen: »Ich hatte eigentlich nicht die Absicht, dir etwas Prinzipielles
ren Pelz anzulegen, und akzeptierte die ihm zugemessene Summe
zu sagen. A b e r ich sehe, ein paar kurze Bemerkungen der A r t sind
mit ebenso zugemessenem Dank. Collin blickte noch einmal zurück
doch nötig.«
in die Halle: kein Urack dort, niemand, den er kannte; ein paar ambulante Patienten saßen auf den Polsterbänken und warteten darauf,
zu den Ä r z t e n gerufen zu w e r d e n ; im Hintergrund huschte D r .
Lommel v o r ü b e r , anscheinend ohne ihn zu bemerken.
(Aus der Erinnerung löschen: Christine, das A r z t z i m m e r , ihr
Profil im Widerschein der Schreibtischlampe.)
Sollte er nun enttäuscht sein, dachte er, daß keiner kam, ihn zur
T ü r zu geleiten, nicht einmal die armselige Schwester Gundula; offenbar hatte der Schriftsteller Hans Collin in diesem Haus, und vielleicht nicht nur in diesem, so viel gar nicht gegolten.
(Dito löschen: Christine, den Quasi-Infarkt, die schwierige Suche nach den Ursachen.)
»Vielleicht verschieben w i r das«, schlug sie v o r , »und du konzentrierst dich auf den V e r k e h r ? «
»Ich habe mich zu sehr nach den Meinungen und den Absichten
anderer gerichtet«, fuhr er fort, ohne ihrem Einwand Beachtung
zu schenken. »Ich habe immer Rücksicht genommen, immer zurückgesteckt. Das hat sich auf meine A r b e i t ausgewirkt, auf meinen körperlichen Zustand, und erst recht auf mein Verhältnis zu
dir.«
Er wartete auf W i d e r r e d e ; Nina aber, die Lippen ein wenig geschürzt, schien nur nachdenklich zu werden.
»Das w i r d sich jetzt ändern«, kündigte er schließlich an. »Die
Zeit, die ich noch zu leben habe, gehört mir, ich bestimme, was ich
D e r Pförtner bemühte sich nicht einmal, die Tür zu öffnen; Nina
mußte sie aufstoßen. Collin blieb einen M o m e n t auf der V o r t r e p p e
300
damit anfange, und niemand hat das Recht, mir Weisungen zu erteilen.«
301
» A b e r ja«, sagte sie nachgiebig, »nur ist ein guter Rat noch keine
Weisung, und w i r alle wollen doch nur dein Bestes.«
sein Haus, in dem er schon mit Luise gelebt hatte, gehörte zu den
Anfängen der Republik, w a r eines der ersten gewesen, das nach ih-
»Mein Bestes, mein Bestes!« Er schlug mit der Faust gegen das
rer G r ü n d u n g gebaut w u r d e , mit Ziegeln, die aus den Ruinen
Steuerrad. » W i e willst du oder Gerlinger oder irgendeiner v o n euch
stammten und saubergeputzt w o r d e n waren von ältlichen, verhärm-
denn wissen, was gut für mich ist und was mich zerstört.«
ten Frauen, und mit Rohren, Dachrinnen und anderem Material, das
» A b e r die D o k t o r Roth hat es gewußt?«
gleichfalls aus den Trümmern gerettet und wieder brauchbar ge-
(Zu vergessen suchen: Christine, der ruhige Blick der grauen A u -
macht w o r d e n w a r . In den schweren Jahren damals hatten Zentral-
gen, die Strähne über der Stirn.)
»Die D o k t o r R o t h hat sich mir wenigstens nicht aufgedrängt. Sie
hat mir auch keine Vorschriften gemacht. Die D o k t o r Roth h a t . . . «
komitee und Regierung zuerst an w e n gedacht, an ihre Künstler und
Schriftsteller, diese mußten ein dichtes Dach über dem K o p f haben
und eine w a r m e Stube für den Schreibtisch, sie sollten sich geborgen
(Vergessen: Christine, das ganze Erlebnis.)
fühlen in festen vier Wänden und im Schoß der Partei, und er hatte
» . . . h a t dich durchgezogen«, ergänzte Nina.
sich geborgen gefühlt. W a r es also nur Feigheit gewesen, nur Be-
»Jawohl, hat sie. U n d jetzt bin ich frei. W e i ß t du, was das bedeu-
sorgnis um die eigne edle Haut, die ihn sein Wissen unterdrücken
ließen, seine Zweifel, den pflichtgemäßen Aufschrei im Prozeß ge-
tet: frei?«
Nina schwieg. Zwischen den enervierenden Schwenks der Schei-
gen Havelka? O d e r spielte da nicht auch ein Gefühl der Zugehörig-
benwischer drang die U m w e l t auf ihn ein, Blocks von wabenartigen
keit zu denen mit, die ihn zu einem der Nutznießer der ersten
Neubauten, die Erde noch aufgerissen, tiefe Kuhlen, kein Baum,
Stunde erwählten, und der verpflichtenden Dankbarkeit für den
kein Strauch, nur Pfützen und das G r a u des Schnees auf den B ö -
Schutz und die W ä r m e , die sie ihm geboten hatten? U n d diesen
schungen, die Fahrzeugkolonnen auf der Chaussee, darüber der tri-
Schutz, diese W ä r m e , dieses Urgefühl, ich bin einer v o n euch und
ste Himmel, und dann v o r tristen Schaufenstern triste Menschen,
ihr seid um mich geschart, dieses Teilsein von Sippe und Stamm und
die sich in triste Kaufhallen hineinschoben. Frei - aber w e r wartete
Teilhaben an ihrer Kraft, das dem einzelnen half, die fürchterliche
auf ihn und seine Wahrheiten? Diese hier? O d e r irgendwelche V e r -
Einsamkeit in der großen Wildnis zu überwinden - dies alles w ü r d e
leger im Westen, die eine Sensation witterten? Die Häuserwände
er nun, da er sich freigemacht hatte, abstreifen müssen; nein, sie
rückten auf ihn ein, die Bauzäune, die spärlichen Laternen, die
w ü r d e n es abstreifen von ihm, denn sie w ü r d e n ihn ausstoßen, so-
ganze Straße schien sich zu verengen, eine optische Täuschung
bald sie erführen, was er da vorhatte zu schreiben, gegen die Tabus
zweifellos, eine perspektivische, er schüttelte den K o p f und kniff,
und ohne Rücksichtnahme auf Sippenälteste und Stammeshäupt-
um das Trugbild loszuwerden, die Lider zusammen, und da w a r
linge; und keiner w ü r d e sich schützend v o r ihn stellen und sagen,
plötzlich das H e r z - als griffe eine Hand danach, nichts Schlimmes,
aber es ist doch die Wahrheit, Genossen, und statt eines Urack, den
kein Schmerz, kein W ü r g e n , kaum mehr als leichte Berührung.
er zu fürchten gehabt hatte, w ü r d e n es hundert oder tausend sein,
die den Stab über ihn brachen und ihn verdammten, allein zu sein,
»Ist was?« fragte Nina.
»Ich dachte an zu Haus«, sagte er. »Du hast doch nichts verändert, in meinem Zimmer wenigstens?«
»Nein«, sagte sie.
allein, allein.
Die Hand rührte ihm wieder ans Herz, eigentlich eine Fingerspitze nur, ein paar Pulsschläge zuviel, ein Zittern, und diesmal kam
»Ich bin nämlich noch nicht tot«, sagte er.
auch die Angst, oder w a r die Angst zuerst dagewesen und dann der
Das Haus w a r auch eine A r t Zuflucht, besonders jetzt, nachdem
winzige K r a m p f in Muskel oder A r t e r i e , oder bestand das alles
er sich aus der Sicherheit der Klinik herausgewagt hatte. Das Haus,
302
überhaupt nur in seiner Einbildung?
303
»Vorsicht!«
Er trat instinktiv auf die Bremse. D e r Wagen geriet ins Schleudern, stand aber endlich doch, keine Handbreit hinter dem schweren Laster, der aus irgendeinem G r u n d e plötzlich gestoppt hatte.
»Mein G o t t ! « Nina w a r bleich geworden, die Augen wirkten unnatürlich groß. »Willst du uns beide umbringen?«
Er lachte nervös. Er hatte das Kostbarste auf Erden gefährdet: das
Leben der Nina Collin.
»Hast du geträumt?« fragte sie voll schriller Empörung. »Laß
Ihr Blick prüfte: w a r dieser Mensch noch normal? » O b du nun
Angst hast oder nicht«, sagte sie, »ich jedenfalls habe jetzt welche.«
Er spürte, das w a r nicht gespielt, sie hatte Angst, weil er ihr entglitten w a r und sie seine Reaktionen nicht mehr berechnen und k o n trollieren konnte.
D e r Gegenverkehr hatte nachgelassen. Hinter ihm waren ein paar
Wagen bereits ausgeschert und fuhren links vorbei an ihm; er bekam
Raum, sich aus der Umklammerung zu lösen, und konnte versuchen, links zu überholen.
»Ich bitte dich«, sagte Nina, »ich habe nur dieses eine Gesicht.«
mich gefälligst fahren, sofort!«
»Ich habe nicht geträumt«, sagte er, und dachte, was regt sie sich
auf, es gibt Schlimmeres als einen Autounfall.
»Ich hätte mit dem Kopf gegen die Scheibe prallen können!« Sie
w a r immer noch wütend. »Ich brauche aber mein Gesicht noch,
auch w e n n du nicht daran interessiert bist.«
»Ich habe nicht geträumt«, wiederholte er, »ich habe nachgedacht, ob nicht alles viel einfacher ist, als ich der D o k t o r Roth einzureden versucht habe.«
»Vielleicht denkst du darüber bei einer geeigneteren Gelegenheit
»Gesicht, Gesicht!« Er fuhr an, links aus der K o l o n n e heraus,
große Flocken setzten sich ihm auf die Scheibe, t r o t z Wischer w a r
die Sicht miserabel, doch schien die Straße frei zu sein. »Das ist alles,
w o r a n du denken kannst?«
»Du bist unerträglich«, sagte sie.
J e t z t hatte er den Laster zu seiner Rechten und erkannte, daß v o r
diesem ein weiterer Lastzug stand und v o r dem noch einer. »Es gibt
eine innere Freiheit« - er trat aufs Gaspedal - »aber sie k o m m t dich
teuer z u stehen. Der Mensch - «
A u f einmal Lichter. K a m ihm da doch, schwarz durch die grauen
Flocken, ein großer Wagen entgegen. Links längs der Straße, gerade
nach?« sagte sie spöttisch.
Er kurbelte das Fenster herunter und steckte den K o p f hinaus.
noch erkennbar, ein dunkler Streifen, der Straßengraben, rechts, un-
D e r Laster v o r ihm stand mit qualmendem Auspuff und rührte sich
endlich lang, der zweite Lastzug. Nina rief Unverständliches,
nicht, hinter ihm hatte sich eine Wagenschlange gebildet, links
packte sein Handgelenk. Er suchte zu schätzen, die Distanz Last-
strömte der Gegenverkehr; er konnte weder zurückstoßen noch
z u g - s c h w a r z e r Wagen, dazwischen die Schneeflocken. Er trat den
ausscheren, er saß fest. A b e r wenigstens hatte das H e r z sich beru-
Gashebel durch. Er w a r ganz ruhig. Er w a r Noah, der die Taube fütterte, er w a r der eine Überlebende. Der schwarze Wagen fuhr im-
higt.
»Laß wirklich lieber mich fahren«, sagte sie, »offensichtlich
kannst du dich nicht konzentrieren.«
»Ich konzentriere mich sehr w o h l « , widersprach er und dachte,
nein, jetzt nichts mehr vergessen wollen, Erinnerung ist wichtig,
und sagte: »Der Mensch muß sich selber auf den G r u n d gehen, v e r stehst du, er muß erkennen, w o h e r seine Ängste kommen, sonst
w i r d er krank. Ich habe keine Angst mehr. Weshalb sollte ich auch
Angst haben müssen. V o r U r a c k ? Der ist aus dem Spiel. V o r Havelka? Mit dem bin ich im klaren. Höchstens noch um mich selber,
mer noch auf ihn zu, wuchs ins Riesenhafte, die Scheinwerfer blendeten auf. Gas geben, Gas!
Er schüttelte Nina ab, was waren ihm Sippe und Stamm, er fühlte
sich ganz leicht, ganz heiter, ganz frei in der großen Wildnis um ihn
herum.
Dann ihr Aufschrei.
Licht, grell. Krachen, Splittern. D e r Aufprall warf ihn mit der
Brust gegen das Lenkrad, verschlug ihm den A t e m ; dennoch sah er
alles, sah es, als stünde er außerhalb seiner selbst, Ninas zerschnitte-
ein M a n n allein in dieser Wildnis, das ist doch sehr schwer, glaubsi
du nicht auch?«
304
305
nes, blutüberströmtes Gesicht, schreckhaft aufgerissen die Augen,
lizist steckte die Formulare in seine lederne Umhängetasche, der
h ö r t e , I C H HABE NUR EIN G E S I C H T , I C H B R A U C H E MEIN G E S I C H T . . .
Fahrer des schwarzen Wagens, der zum Glück keine Passagiere im
Er saß ganz still. Und dann w a r da der Schmerz, den er kannte.
Fond hatte, knöpfte befriedigt seine J o p p e zu, er hatte w o h l ein paar
D e r Schmerz w a r wie ein K r a k e , der hinter dem Herzen saß und
Scheine erhalten als Entschädigung für die Schwierigkeiten bei der
seine Fangarme durch die Arterien schob, bis in die Fingerspitzen
Behebung seines Blechschadens. »Den Rest des Protokollarischen«,
hinein. Dabei hatte er der D o k t o r Roth noch gesagt, dachte er, was
sagte Nina, »machen w i r schriftlich, und das Finanzielle über die
hatte er ihr gesagt, er entsann sich nicht mehr.
Versicherung. U n d auf Wiedersehen dann bei meinem nächsten
A l s die W e l t um ihn herum wieder Formen annahm, w a r die Poli-
Konzert!«
zei schon eingetroffen. Er stand neben seinem Wagen, wie und
Freundliches W i n k e n , der Polizist salutierte, der schwarze W a -
w a n n er ausgestiegen w a r , w u ß t e er nicht, und jemand sagte:
gen fuhr davon, Stoßstange und Kotflügel leicht eingedrückt. Collin
»Blechschaden, da haben Sie aber Glück gehabt.«
sank müde ins Polster und sah zu, wie Nina sich hinters Steuer
»Blechschaden«, sagte ein anderer, »aber krieg das erst mal repa-
schob, die verbogene Tür mit einem Ruck schloß und den M o t o r anließ ; Christine (Ausklammern! Streichen! Tilgen!) w a r nicht die ein-
riert.«
Nina sagte - Nina? Nina neben dem Polizisten, selbstsicher und
gefaßt, ein Lächeln auf den Lippen, keine Spur v o n Blut im Gesicht,
alles glatt, rosig, lieblich - Nina also sagte zu dem Polizisten und
zige eminent fähige Frau, diese hier nahm es mit ihr auf.
»Vielleicht sollte ich dich lieber in die Klinik zurückfahren?«
sagte Nina. »Damit sie dich k u r z untersuchen?«
dem Fahrer des schwarzen Wagens, der ebenfalls am Straßenrand
»Bring mich bitte nach Hause«, sagte er.
geparkt stand: »Die Schuld liegt eindeutig bei mir.«
Sie zuckte die Achseln und ließ den Wagen anrollen.
»Die Schuld«, sagte der Polizist, »kann nicht bei Ihnen liegen,
Frau Collin, da Sie ja nicht am Steuer saßen.«
»Sie mißverstehen mich«, sagte Nina, »meine Schuld ist anderer
»Es sei denn«, sagte er, »du möchtest dich untersuchen lassen.
A b e r du siehst ja G o t t sei Dank nicht aus, als w ä r e dir etwas passiert.«
A r t . Mein Mann ist eben aus dem Krankenhaus entlassen w o r d e n ,
»Da ich nur das eine Gesicht habe«, sagte sie, »habe ich mir die
ich hätte ihm nie gestatten dürfen, sich ans Steuer zu setzen, aber ich
A r m e davorgehalten.« Dann klopfte sie ihm aufs Knie. »Den näch-
w o l l t e ihm nicht das Gefühl geben, als w ä r e er immer noch krank.«
sten Selbstmordversuch unternimmst du bitte allein.«
Immer noch krank, dachte Collin, vielleicht w a r er tatsächlich
noch krank, oder schon wieder krank. Er duldete es, daß sie ihn
sanft zu dem Polizisten hinschob. »Ist ja alles gut, Liebster«, sagte
sie, »alles bereits erledigt, du mußt nur noch unterschreiben.« Sie
hielt ihm irgendwelche halb ausgefüllten Formulare hin, die sie dem
Polizisten aus der Hand genommen hatte, drückte ihm einen Stift
zwischen die Finger und wartete, bis er begriffen und ihre A n w e i sung befolgt hatte. »So, und dann bringe ich dich gleich nach Hause,
die Kollegen hier haben vollstes Verständnis. Setz dich inzwischen
wieder ins A u t o , aber« - dies mit scherzhaft drohender Stimme »nicht ans Steuer!« Er gehorchte. Vollstes Verständnis, w e r hatte
keines für Nina Collin, wenn sie in dieser Stimmlage gurrte. Der Po-
306
Es klang nicht einmal strafend, eher milde und aufmunternd.
Bild in mich auf: die dunkle Gestalt im winterlichen Licht, zwischen
den mageren Vorgärten dieser Häuser, die alle in ähnlich anspruchslosem Stil gebaut sind.
27
Erst als w i r den W a l d erreicht haben, hält er an und wartet auf
mich. In einem Anflug früherer Bonhomie boxt er mich auf den
A r m : ob ich mich entsinne, was ich ihm während meines letzten Be-
(Aus den Notizen des Kritikers Theodor Pollock)
suchs in der Klinik gesagt habe. N u n hatte ich nicht viel geredet bei
diesem Besuch; ich fand Collin ausgesprochen H I G H , fast als hätte er
. . . trägt sie das Kettchen nun doch.
Vorgestern w a r sie zu mir gekommen, ihr erster Besuch in meinem Haus seit langer Zeit, und alles w a r sehr harmonisch.
U n d heute dann das Hundegespräch. Collin rief überraschend an
getrunken; er sprach v o n seinen Erkenntnissen und Entschlüssen,
ich hätte ihm sagen können, die Szene v o r Gericht schreibst du nie,
aber ich tat's nicht, da ich v o n Christine w u ß t e , was zwischen den
beiden vorgegangen w a r , und daß er nichts mehr hatte, worauf er
und erkundigte sich ohne Umschweife und betont mürrisch, wie es
sich stützen, und nichts, w o h i n t e r er sich verstecken konnte.
denn mit dem K ö t e r sei, und ich antwortete ihm, Assmann v o n A s s -
Du hast gesagt, sagt er, ich w ä r e ein Seiltänzer ohne Netz.
mannshausen könne sehr w o h l einen Auslauf gebrauchen; meine
Ich komplimentiere ihn wegen seines guten Gedächtnisses, doch
will er davon nichts hören, sondern verfolgt den Gedanken weiter:
A r b e i t ließe sich unterbrechen.
Zu erwähnen w ä r e im Zusammenhang damit eine Bemerkung
um nicht zu stürzen, blicke er daher nur noch nach v o r n ; er arbeite
Christines: sie habe auf dem W e g von der Straßenbahnhaltestelle zu
hemmungslos, verschweige nichts, verkünde die unverschämtesten
meinem Haus eine Bewegung am Fenster des Collinschen Hauses
W a h r h e i t e n ; die schwarze Mappe fülle sich immer mehr, er stelle
mehr erahnt als gesehen, habe dann Collins Silhouette hinter der
das jeden A b e n d fest, wenn er sie wegschließe, den Schlüssel trage er
Gardine erkannt und bemerkt, wie er die Gardine zur Seite schob
stets bei sich. Ich sehe noch, wie seine Hand unwillkürlich in Rich-
und ihr nachblickte; und w i e w o h l sie sich sagte, daß sie ihm in kei-
tung der Tasche fährt, in der er offenbar den Schlüssel hat. Dann
ner Weise verpflichtet sei, habe sie in dem M o m e n t sich eines unbe-
verzieht sich sein Gesicht, w i r k t bereits wie eine Totenmaske. A b e r
haglichen Gefühls nicht erwehren k ö n n e n . . .
alles zerfließt, sagt er, alles zerfließt.
Collin erscheint sehr gealtert, seit er wieder daheim ist; selbst in
Natürlich zerfließt es ihm. W a s ist denn Wahrheit? Eine momen-
der Klinik sah er besser aus, zumindest in der letzten Zeit seines
tane Impression, heute so, morgen anders, tausend Spiegelungen
Aufenthalts dort, und der Eindruck des Verfalls w i r d noch verstärkt
u n t e r w o r f e n , von tausend Schattierungen variiert. U n d er ist ja kein
durch seine Bemühung, sich jugendlich zu geben: den weiten Leder-
Genie, das, die W a h r h e i t , soweit faßbar, erkennend, mit dieser auch
mantel offen und die Bojarenkappe aus Biberpelz schräg auf dem
umzugehen weiß. Genie kann Charakter ersetzen; aber kein Genie
K o p f wie Lenski v o r dem Duell im Eugen Onegin, so tritt er lebhaf-
und dieser C h a r a k t e r . . .
ten Schritts mir entgegen. In der Nähe dann w i r k t der müde A u s -
D o c h ich bin ungerecht. Er hat sich strebend bemüht und bemüht
druck der A u g e n um so auffälliger, das stumpfe G r a u des Haars, das
sich noch; nur besagt die Erfahrung, w e r einmal geknickt w u r d e ,
eingefallene Fleisch an den Partien um Nase und Mund, und die
knickt immer wieder zusammen.
grämliche Miene, mit der er die Liebesbezeugungen des Pudels ab-
G r u n d e w ä r e ich an seinem Zustand schuld, hat manches für sich:
w e h r t . Dann setzt er sich w o r t l o s in Bewegung, scheinbar ist ihm
ich hätte ihn, sagt er, in seine Konflikte hineingetrieben, ohne mich
gleich, ob ich ihm folge. Ich beeile mich auch nicht, ich nehme das
hätte er bis an sein seliges Ende friedlich v o r sich hinleben können,
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Und
seine Behauptung,
im
in freiwilliger Einordnung, dafür aber geschützt und geborgen, die
möge ans Licht zerren, was barmherzig verborgen lag, und der ihn
gekleidete ältere Herren mitten im W a l d e ineinander verstrickt, bald
der eine die Oberhand gewinnend, bald der andere. Schließlich versagt mein Bein, das mit der selbstverschuldeten W u n d e ; ich stürze
zu Boden, Collin über mir.
damit vertrieben habe aus dem großen Nest, in dem es, wenn es auch
A b e r Christine, sagt er, mich am Halse würgend, aber Christine?
Schatten der Vergangenheit verdrängt in irgendwelchen Ritzen unterhalb der Bewußtseinsebene; ich sei es, der gefordert habe, er
manchmal stank, doch wenigstens w a r m w a r , ich und meine De-fac-
Christine, a n t w o r t e ich keuchend, Christine hat an dich geglaubt.
t o - K o m p l i z i n , die D o k t o r R o t h , wie lange w i r das Spiel gemeinsam
U n d da er sich nun aufrichtet und den Schmutz v o m Mantel
schon trieben, das w ü r d e er doch gern einmal erfahren, und er, der
klopft und seine Bojarenkappe aufliest, suche ich ihm begreiflich zu
alte N a r r , sei darauf eingestiegen und habe sogar noch geglaubt,
machen, daß w i r beide, er und ich, Geschöpfe unserer Zeit sind, und
Christine könne ihm den Schutz ersetzen, dessen er sich selber be-
ich nicht einen Deut besser als er, w o h l aber verdammenswerter:
raubt habe.
denn w ä h r e n d Verdrängung nicht v o r Strafe schützt, mildere sie
D e r Pudel ist uns davongelaufen, w o h l einer Hündin nach, das tut
er mit Vorliebe, er ist noch in den Jahren. Ich rufe und pfeife.
doch das Urteil; das klare Wissen um die Dinge aber, wie in meinem
Falle, w i r k e strafverschärfend, und wo und wann hätte ich je v e r sucht, ein J ' A C C U S E auch nur zu murmeln?
Pfeif nicht, sagt er, antworte.
A b e r der Pudel ist mir im Augenblick wichtiger. Ich weiß nicht,
Plötzlich ist Assmann wieder da und stößt mir freudig hechelnd
was mich mit dem Hund verbindet; eines Tages stand er v o r der Tür,
die kalte Schnauze ins Gesicht. C o l l i n schiebt ihn beiseite und hilft
als habe er seit je zu mir gehört; ich selbst gab ihm seinen hochtra-
mir beim Aufstehen und stützt mich bei meinem Gehversuch, bis
benden, nach echtem Stammbaum klingenden Namen. Die Suche
sich herausstellt, daß das Bein wieder funktioniert. Dann sagt er
nach dem Tier hat etwas Traumhaftes. Sie führt mich in eine Scho-
grinsend, in Wirklichkeit sei nicht ich, sondern das Vieh schuld;
nung, halbhohe Kiefern, unten ausgekahlt, die nackten Zweige
ohne den verfluchten K ö t e r keine Spaziergänge, keine Gespräche,
schlagen mir ins Gesicht; hinter mir knackt es, d o r t stapft Collin
keine Memoiren, kein Quasi-Infarkt; gehen wir.
durchs G e h ö l z . Endlich eine Lichtung, ich bleibe stehen, außer
Die rasche W a n d l u n g seines Verhaltens erstaunt mich nicht. Die
A t e m , Collin taucht auf, die Bojarenkappe ist ihm v o m K o p f ge-
Menschen sind vielschichtig; wie bei einem noch nicht erkalteten
kippt, er trägt sie unterm A r m , in seinem Haar haben sich Kiefern-
Stern brodelt Gestein bald von dieser, bald von jener Schicht zur
Oberfläche. Nach unserm außerordentlichen Zweikampf scheint al-
nadeln verfangen.
les fast wieder im L o t zu sein; auch zeigt sich, daß w i r uns gar nicht
A n t w o r t e , verlangt er.
Mitunter ist sogar einer wie ich nicht mehr H e r r der Situation,
v e r i r r t haben, nach ein paar Schritten finden w i r uns auf bekannten
fühlt sich gefangen, getrieben. Dies, auf der winzigen Wiese im
Wegen, Collin spricht von Nebensächlichkeiten, auch v o n seinem
W a l d , unter dem schneeträchtigen Himmel, ist ein solcher M o m e n t .
A u t o u n f a l l : er habe keine Folgen gehabt außer finanziellen, auch die
J a , ich gesteh's dir, sage ich, es w a r mir nie ernst, ich habe nie ge-
Kopfschmerzen hätten nur vierundzwanzig Stunden gedauert, und
glaubt, du könntest die Kraft aufbringen zu einem großen Bekennt-
seine Rippen, nun, v o n deren gutem Zustand hätte ich mich ja so-
nis, weil das den großen Bannfluch bedeutet hätte, gegen den du al-
eben überzeugen können.
lein dastehst, n u r du und deine Wahrheit. A b e r ich dachte mir, spie-
U n d Nina?
len wir's mal durch.
Nina, sagte er bereitwillig, sei direkt aufgeblüht, seit sie ihre
U n d dann w i r d es total verrückt. Er stürzt sich auf mich. Ich weiß
K o n z e r t e abgesagt habe und sich seiner Pflege widme; vielleicht
nicht, wie lange w i r stumm miteinander gerungen haben, zwei gut-
tue sie ein bißchen zuviel des Guten, unser Hundegespräch heute
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sei n u r zustande gekommen, weil sie eine Sitzung beim Friseur
habe.
D e r angeschmiedete Prometheus, sage ich. Frißt sie auch regelmäßig die Leber?
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Ich höre ihn noch, w i e er lacht. Jedenfalls lebe er, sagt er, lebe und
lese jeden M o r g e n die Zeitung.
U n s e r e ? Weshalb?
W e g e n des Nachrufs.
D e r Tod kam ganz leise.
Collin w u ß t e , es w a r der Tod, und er hatte keine Angst mehr v o r
Nachrufs auf w e n ?
ihm. Die W e l t um ihn herum, sein Zimmer, die Bücher an der W a n d
A u f den Genossen Urack.
verschwammen v o r seinen Augen, und er befand sich in einem hell-
Vielleicht hätte ich's ihm nicht sagen sollen. A b e r er hätte auch
grauen Nebel, der rasch immer heller w u r d e , jeden M o m e n t w ü r d e
ohne mich über k u r z oder lang erfahren, daß der Genosse U r a c k
das Licht durchbrechen. Er hatte auch, was ihn sehr verwunderte,
noch immer keine Anstalten macht zu sterben, ein H e r z aus Stahl,
keinerlei Schmerz; es w a r ganz anders als in der Nacht damals. Er
w i e nun auch die Ä r z t e in der Institution, w o h i n man ihn überführt
fragte sich, w a s Christine w o h l sagen w ü r d e , wenn er ihr erzählte,
hat, im Einklang mit Gerlinger sagen, ja, man schicke ihm sogar
daß der Tod eigentlich gar kein Problem sei; nicht irgendwie unan-
schon wieder gewisse Papiere und A k t e n aus seiner Dienststelle an
genehm, Frau D o k t o r , wie soll ich es Ihnen beschreiben, alles ist
sein Bett.
weich und kühl, alle Bewegungen werden langsam und immer lang-
S o , sagt Collin, so. U n d bleibt stehen und stützt sich schwer auf
meinen A r m und sagt mit heiserer Stimme, halt mir den gottver-
samer, es ist ein sanftes, gutes Gefühl, Ruhe.
D a n n brach das Licht durch.
fluchten Pudel v o m L e i b e . . .
Pollock, aufgeschreckt durch das stürmische Läuten, eilte zur Tür.
»Nina!«
Im Licht der Lampe über der Haustür das bleiche Gesicht mit
dem roten, verzerrten M u n d .
»Bitte«, sagte sie, »bitte, um Gottes willen, schnell.«
»Soll ich den A r z t rufen?« fragte er.
»Ich habe schon telephoniert«, sagte sie.
Er folgte ihr. Sie trug Pantoffeln an den Füßen, es hatte geregnet,
sie glitt aus, hielt sich mit M ü h und N o t aufrecht, er holte sie ein,
nahm ihren A r m .
»Schrecklich«, sagte sie, »dieses W e t t e r . «
» W a n n ist es geschehen?« fragte Pollock. »Ich meine, wann kam
der Anfall?«
»Ich weiß nicht.« Achselzuckend, hilflos. »Ich wollte ihm Obst
bringen, mache die Zimmertür auf, und d a . . . «
Es w a r still im Haus, überall brannte Licht. Pollock hastete die
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Treppe hinauf, die Tür zu Collins Arbeitszimmer stand offen, auf
gung, und er hatte das Gefühl, daß Collin ihn mit seinem starren
dem Schreibtisch lag ein zusammengeknülltes Blatt Papier, daneben
Blick verfolgte.
der Stift: der Schriftsteller Collin hatte das letzte, was er geschrieben
hatte, v e r w o r f e n . Danach hatte er w o h l noch versucht, sich zu seiner
C o u c h zu schleppen, w a r aber zusammengebrochen, bevor er sie er-
»Gestatten Sie«, sagte der A r z t , ein ernsthafter junger Mann, »es
dauert nicht lange.«
Nina wandte sich Pollock zu. »Brandy?« sagte sie. »Sie sehen aus,
als ob Sie's brauchen könnten.«
reichte.
»Ich habe ihn hinaufheben wollen«, sagte Nina. » A b e r er w a r so
D e r A r z t schloß dem Toten die Augen.
Nina w u r d e fahl; sie sah grotesk aus mit ihrem verschmierten
schwer.«
» W i r versuchend zusammen«, sagte Pollock.
Make-up.
Er packte Collin bei den Schultern, Nina hob die Füße an; so bet-
D e r A r z t gab den beiden Trägern einen W i n k ; sie verschwanden
teten sie ihn auf die Couch. Pollock schob dem Bewegungslosen ein
stumm mitsamt der Bahre. Dann nahm er, spontan, Nina bei der
flaches Kissen unter den Kopf; Collin starrte ihn an, den Mund halb
Hand, führte sie beiseite und sagte: »Ich fürchte, Frau Collin, auch
offen, als wolle er etwas sagen. Pollock kannte diesen starren Blick:
Professor Gerlinger w i r d Ihrem Gatten nicht mehr helfen können.«
auf der Treppe zum Eingang des Verwaltungsgebäudes der Zeche
P r i n z Friedrich, während der Kämpfe um den Hürtgener W a l d , auf
»Das ist nicht w a h r « , sagte sie, »das kann nicht sein.« U n d zu Pollock: »Er hat doch eben noch geatmet!«
der gleichen Treppe, die er, der Soldat Pollock, eine kurze Minute
» K o m m e n Sie, Nina«, sagte Pollock, »ich bringe Sie nach unten.«
v o r h e r hinaufgelaufen w a r , um irgendwelche Papiere sicherzustel-
A b e r Nina schüttelte den K o p f und trat mit schwankenden
len, hatte ein Sergeant gelegen mit genau diesem Blick, ein Sergeant
Schritten zur C o u c h und warf sich über den Toten. W i e im Theater,
ohne Unterleib. Dennoch riß Pollock Collin das Hemd auf und
dachte Pollock und blickte den A r z t an, der sich von dem Tableau
beugte sich über ihn und preßte seine Lippen auf die kühlen, v o m
abwandte.
letzten Speichel noch feuchten Lippen seines Nachbarn und Freun-
»Sie sind ein Freund?« fragte der A r z t .
des und hauchte ihm seinen lebendigen A t e m ein, systematisch, eins
Pollock stellte sich v o r .
zwei, eins zwei; vielerlei ging ihm dabei durch den Kopf, wirres
»O ja«, sagte der A r z t , »der Name ist mir bekannt. Ich sollte ihr
Zeug zumeist, ihn und Collin betreffend und auch den eigenen Tod
vielleicht etwas zur Beruhigung geben; bleiben Sie noch eine Weile
und den Zweikampf, den sie gestern erst, Leib an Leib wie jetzt w i e -
im Hause?«
der, ausgetragen hatten; mehrmals, beim Zusammenpressen des
B r u s t k o r b s , spürte er in Collins Jackentasche den Schlüssel.
Endlich von fern die Sirene, ein wenig später Stimmen v o r m
»Bis H e r r Gerlinger eintrifft«, sagte Pollock.
»Da sind leider noch ein paar Formalitäten«, sagte der A r z t .
» K ö n n e n Sie Frau Collin bewegen, mit mir zu kommen?«
Pollock ging hin zu Nina und berührte sie sanft, und auf einmal
Haus.
Nina, die verschiedentlich gefragt hatte, was sie denn tun könne,
w a r sie wie ein folgsames Kind und ließ sich dem A r z t zuführen und
um zu helfen, ließ den A r z t ein. Pollock hörte die eiligen Schritte auf
nickte leidvoll, da Pollock den W u n s c h aussprach, noch einen A u -
der Treppe, anscheinend kamen die Träger gleich mit. Dann hörte er
genblick bei dem toten Freund bleiben zu dürfen, und sagte mit er-
Nina sagen: » W i r brauchen nur erste Hilfe, Herr D o k t o r . Ich er-
stickter Stimme: »Tun Sie das.«
w a r t e H e r r n Professor Gerlinger, mein Mann ist sein Patient, der
Professor w i r d das weitere veranlassen.«
Pollock richtete sich auf; ihm w a r schwindlig von der A n s t r e n -
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Pollock wartete eine Weile. Er hörte den A r z t im W o h n z i m m e r
unten mit Nina verhandeln, gedämpfte Töne, zu verstehen w a r
nichts; der A r z t hatte Schreibereien, gab Nina w o h l auch Instruk-
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tionen, was nun zu geschehen habe, Bürokratie mußte sein, mochte
sogar wohltuend wirken, indem sie von den aufgewühlten Emotionen ablenkte.
Schließlich raffte Pollock sich auf. Er schlug die Decke zur Seite,
die der A r z t über den Toten gebreitet hatte: Collin sah merkwürdig
gelöst und zufrieden aus. Pollock griff in die Jackentasche des T o ten, zog den Schlüssel heraus, wog das Ding nachdenklich in der
Hand. W a s er damit zu tun gedachte, w a r eine gehobene Form von
Leichenfledderei, aber es w a r zu entschuldigen, v o r dem eignen G e wissen und v o r dem A n d e n k e n Collins: wer, wenn nicht der eigentliche Initiator der Memoiren, hatte ein Recht auf das Manuskript;
und er w ü r d e es v o r unberufenen Augen behüten.
Er hörte einen Wagen vorfahren: Gerlinger. Nina w ü r d e jetzt Interesse nur für Gerlinger haben, ihm ihren J a m m e r ausschütten, sich
trösten lassen von ihm. Er trat hastig zum Schreibtisch; der Schlüssel paßte zum Mittelfach, die schwarze Mappe lag darin, sie w a r ,
C o l l i n hatte nicht übertrieben, schon recht voll geworden.
Pollock betrachtete den Toten. Er nahm die Mappe an sich. Dann
schloß er das Schreibtischfach wieder und ging.
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