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Bush macht, was er will - Archiv - Hamburger Abendblatt

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REPORTAGE
Sonnabend/Sonntag, 16./17. Juni 2001
Hamburger Abendblatt
3
Der US-Präsident reiste zum ersten Mal nach Europa. Eine schwierige Mission.
Bush macht, was er will
CORNEL FALTIN,
AbendblattKorrespondent in
Washington, begleitet Präsident
Bush auf seiner
Europareise.
P
räsident Anzar“ statt Ministerpräsident
Aznar,
„Herr Robinson“ statt
Lord Robertson und dass
er Europa und Russland einmal
durcheinander würfelt, was solls,
wo ist das Problem?
Andere Staatsmänner hätten
sich zumindest dezent für solche
verbalen Fehltritte in aller Form
entschuldigt und sie berichtigt.
Für den amerikanischen Präsidenten ist es nach Auskunft seines Pressesprechers Ari Fleischer „small stuff“, unwichtiges
Zeug. George W. Bush hält es
nicht für nötig, auch nur ein Wort
darüber zu verlieren. Der mächtigste Mann der Welt, dem der Ruf
vorauseilte, dass er kein Freund
großer Reisen sei, hat vor Beginn
seiner ersten transatlantischen
Tour, so ein enger Berater, beschlossen, „Spaß zu haben“. Und
daran scheint er sich zu halten. In
Warschau, der vorletzten Station
seiner fünftägigen Europareise
zieht Bush bereits ein kurzes Fazit und erklärt: „Laura und ich
haben eine tolle Zeit hier.“
Das hört sich nicht nach einer
schwierigen politischen Mission
an, bei der das Verhältnis der
USA mit Europa auf eine gründliche Belastungsprobe gestellt
wird, sondern eher nach einem
Urlaub, wo man eine Ansichtskarte nach Hause schickt mit belanglosen Worten wie: „Ihr Lieben. Alles paletti hier. Die Leute
sind furchtbar nett, und das Essen
schmeckt
auch.
Euer
George.“
Man mag dem neuen US-Präsident bitter Unrecht tun, aber die
Auftritte bei seiner europäischen
Jungfernreise haben etwas Unbeholfenes,
Unprofessionelles.
Nicht unsympathisch, ganz im
Gegenteil. Viele Leute, die ihn
zum ersten Mal live sehen, gestehen später, dass sie sich den neuen Mann im Weißen Haus nicht so
nett vorgestellt hätten. Das ist es
wohl, nett und charmant, aber
nicht wirklich staatsmännisch erscheint der Texaner.
Auch amerikanische Journalisten zeigen sich peinlich berührt,
dass ihr Präsident die Namen des
spanischen Ministerpräsidenten
Aznar und des NATO-Generalsekretärs Lord George Robertson
nicht richtig rausbringt. Dabei
such des US-Präsidenten sehen
sie als Belohnung für ihren erfolgreichen Wandel vom Kommunismus zu einer funktionierenden Demokratie. Hier haben sich
keine Demonstranten versammelt, die gegen Bush protestieren. Hier huldigt man dem Texaner, wie man jedem US-Präsidenten vor ihm auch gehuldigt hat.
Das macht Spaß. Auch der Auftakt der fünftägigen Tour in Spanien am vergangenen Dienstag
war so richtig nach dem Geschmack des Gastes aus Amerika.
Ein Besuch des Königspaares im
Zarzuela-Palast. Unverbindlicher
Smalltalk auf der Terrasse mit
König Juan Carlos und Königin
Sophia. Anschließend Mittagessen mit Ministerpräsident Aznar
auf der Finca Los Quintos de Mora. Ganz leger ohne Jackett und
Krawatte. Am Ende der gemeinsamen Gespräche spricht Bush
hatte man immer wieder betont,
wie intensiv sich Bush auf seine
erste Europareise vorbereitet habe. Wie er wohl reagieren würde,
wenn Bundeskanzler Gerhard
Schröder ihn mit den Worten begrüßen würde: „Schönen Tag,
Präsident Kusch, wie läuft es so
bei Ihnen zu Hause in Kanada?“
Nun steht George W. Bush in
der Aula der Universität von Warschau und erklärt seine Vision
von einem neuen Europa, mit „einem weiten Blick gen Osten“. Das
Europa der Zukunft soll nach
Meinung des amerikanischen
Präsidenten, ganz in der Tradition seines texanischen Heimatstaates, „größer, besser, freier
und mit mehr Handel“ sein. Wenn
es nach Bush geht, soll Europa
am besten bis an den Ural gehen.
Russland versichert er, dass es
keinen Grund habe, sich zu fürchten. Dass eine rapide Öffnung der
SCHWEDEN
Göteborg
BELGIEN
DEUTSCHLAND
POLEN
Göteborg
Warschau
Brüssel
SLOWENIEN
Warschau
Ljubljana
Brüssel
SPANIEN
Madrid
Ljubljana
mi
Madrid
Bush startete seine europäische Jungfernreise in Madrid. Es ging
weiter über Brüssel, Göteborg, Warschau nach Ljubljana.
Europäischen Union aus diversen
wirtschaftlichen, sozialen und
politischen Gründen so nicht
machbar ist, interessiert den
Redner nicht. Er ist der Mann für
die großen Visionen, und die USA
sind weit weg von Europa. Dass er
für solche Forderungen kein
Mandat besitzt, scheint ihn nicht
im Mindesten zu stören. Man hat
das Gefühl, dass George W. Bush
Präsident der Vereinigten Staaten von Europa ist. Wie würde
man in den USA reagieren, wenn
sich ein europäischer Präsident
in Washington vor das Kapitol
stellen würde und forderte, dass
Kanada, Mexiko und am besten
auch noch ganz Mittelamerika
schnell an die Vereinigten Staaten angegliedert werden sollten?
Die Menschen in Polen stoßen
sich an dem Auftritt nicht. Sie fiebern einem EU-Beitritt verständlicherweise entgegen. Den Be-
von „breiter Übereinstimmung“
und dass er sich mit „Anzar“ in
fast allen Punkten im Einklang
befunden habe. Dass der spanische Ministerpräsident sowohl
die US-Kuba-Politik als auch
Bushs Anti-Umwelt-Politik strikt
ablehnt, merkt er nicht an. Von
den rund 500 Demonstranten vor
der US-Botschaft, die gegen den
„Brutalo-Cowboy aus USA“ protestieren, bekommt er nichts mit.
Der neue US-Präsident, der
sich selbst immer als Optimist bezeichnet, hat ein Talent, Kritik
wie Öl auf einer Teflonpfanne abperlen zu lassen. Diese Gabe
kommt ihm auch bei seiner zweiten Station, dem Besuch des
NATO-Hauptquartieres in Brüssel, zugute. Bush erklärt den
Staatschefs der anderen 18
NATO-Mitglieder seine Vision von
einer Raketenabwehr (MD) gegen
die seiner Meinung nach eminen-
te terroristische Bedrohung und
wiederholt zum x-ten Mal, dass
der ABM-Vertrag, 1972 mit der
ehemaligen Sowjetunion geschlossen, als „Relikt des Kalten
Krieges“ auf den Müllplatz der
Geschichte gehöre. Wenngleich
sich nach den ausführlichen Gesprächen wichtige NATO-Partner
wie Deutschland und Frankreich
weiterhin ganz entschieden gegen Bushs Pläne aussprechen, erzählt er von einem „äußerst positiven Verlauf der Gespräche“. Ein
Berater meldet: „Polen. Spanien,
Italien und Ungarn haben wir bereits im Sack.“ Soll heißen: Diese
Staaten unterstützen Bushs MDTraum bereits. „Super gelaufen“,
lässt der Präsident wartende
Journalisten im Vorbeigehen wissen. Die Schlagzeilen tags darauf
klingen bei weitem nicht so super,
sie gehen auf Distanz zu Bush.
Der Republikaner setzt seine
„Verkaufstour“ am Donnerstag in
Göteborg fort. Beim EU-US-Gipfel
will er den 15 europäischen Regierungschefs seine Umwelt-Ideen darlegen und ihnen klar machen, warum es seiner Meinung
nach unsinnig ist, am Kyoto-Umweltabkommen
festzuhalten.
Bush redet von „Aufgeschlossenheit für neue Ideen und Denkweisen“, kann die Europäer jedoch nicht überzeugen mit
seinen teilweise sehr erratischen
Ergüssen.
20 000 randalierende
Demonstranten unterstreichen die Position der Europäer
draußen auf der
Straße mit Pflastersteinen und
anderen ähnlich
harten
Argumenten.
EUHandelskommissar Pascal
Lamy sarkastisch: „Die Gespräche waren
gut. Wir haben
uns nicht beleidigt und sind
uns nicht an die
Gurgel
gegangen.“ Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem
derzeitigen
EU-Präsidenten Goran Persson
räumt Bush zwar ein, dass
es Differenzen gibt, zeigt sich
jedoch zuversichtlich, dass
die „Europäer einschwenken“ werden. Bevor zu viele
kritische Fragen kommen, beendet Bush gegen jedes Protokoll
die Pressekonferenz, anstatt das
dem Gastgeber zu überlassen.
„Small stuff“, erklären Berater.
Sichtlich beunruhigt von nicht
so positiven Berichten in den Medien erscheint am Freitagnachmittag überraschend Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice
im Arbeitsraum der WhiteHouse-Presse und versucht die
Journalisten zu überzeugen, dass
alles „wonderful“ ist und man
den Trip schon jetzt als „vollen
Erfolg“ bezeichnen kann. Wirklich belegen kann sie dies nicht.
Das könnte sich am Sonnabend
schlagartig ändern. Dann nämlich, wenn der US-Präsident in
Ljubljana (Slowenien) beim ersten Treffen mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin
diesen davon überzeugen könnte,
dass der ABM-Vertrag in den Papierkorb der Geschichte gehört
und MD keine Gefahr, sondern
ein Segen für die Menschheit ist.
Selbst seine Berater glauben
kaum, dass Bush seine Vision an
Putin verkaufen kann. Doch ganz
gleich, wie das abschließende
und vielleicht wichtigste Gespräch verläuft, kann man schon
jetzt eines mit Sicherheit sagen:
Bush hatte viel Spaß in Europa.
So viel Spaß, dass er in einem Monat schon wiederkommen wird.
Smalltalk: Das
Ehepaar Laura
und George
Bush mit dem
spanischen
König Juan
Carlos vor
dessen Zarzuela-Palast in
Madrid. Foto: AP
Ein gut gelaunter Silvio Berlusconi (M.)
neben seinem
neuen Freund
Bush und
NATO-Generalsekretär
Lord Robertson (r.). Foto: AP
Gerhard
Schröder (l.)
und der finnische Ministerpräsident Lipponen (M.) mit
Bush beim
Treffen der EU
in Göteborg.
Foto: DPA
In Ljubljana wird der
russische Präsident
Wladimir Putin das erste Mal mit Bush zusammentreffen. Foto: REUTERS
Nicht alles gefiel dem
amerikanischen Präsidenten George W. Bush,
was auf der Pressekonferenz am Donnerstag in
Göteborg gesagt wurde.
Da stand er kurzerhand
auf und ging.
Foto: AP
„Amerika ist kein Feind Russlands“
Auszüge aus der Rede des US-Präsidenten in Warschau
Auszüge aus der Rede von George
W. Bush in der Universität von
Warschau:
„Wir können ein offenes Europa
bauen. Unser Ziel ist es, die falschen Trennungslinien auszulöschen, die Europa zu lange getrennt haben. Die Zukunft eines
jeden europäischen Landes muss
durch den Fortschritt innerer Reform, nicht durch die Interessen
außenstehender Mächte bestimmt werden. Jedes europäische Land, das um Demokratie
und freie Märkte und eine starke
gesellschaftliche Kultur ringt,
muss im Haus Europa willkommen geheißen werden. Alle neuen Demokratien Europas, von der
Ostsee bis zum Schwarzen Meer
und alles, was dazwischenliegt,
sollten die gleiche Chance auf Sicherheit und Freiheit haben −
LL
und die gleiche Chance, sich den
Institutionen Europas anzuschließen. Ich glaube an die
NATO-Mitgliedschaft aller Demokratien Europas, die sie wollen.
Das Europa, das wir bauen,
muss die Ukraine einschließen,
ein Land, das mit dem Trauma
des Übergangs kämpft. Das Europa, das wir bauen, muss auch für
Russland offen stehen. Wir haben
ein Interesse an Russlands Erfolg
− und wir sehen dem Tag entgegen, an dem Russland voll reformiert, voll demokratisch und eng
mit dem Rest Europas verbunden
ist.
Europas große Institutionen −
die NATO und die EU − können
und sollten Partnerschaften mit
Russland und all den Ländern
bauen, die aus den Trümmern
der früheren Sowjetunion her-
vorgegangen sind. Morgen werde
ich Präsident Putin sehen und
meine Hoffnung auf ein
wahrhaft großes Russland ausdrücken. Ich
werde zum Ausdruck
bringen,
dass
Russland
ein Teil Europas
ist und daher
keine Pufferzone unsicherer
Staaten
braucht. Auch
eine
wachsende NATO
ist kein Feind
Russlands.
Polen ist kein
Feind Russlands. Amerika
ist kein Feind
Russlands.
<>
Nr. 138
Seite 3
2
Schwarz
E-Blau
E-Rot
E-gelb
L
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Seele and Geist
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