close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Geld! Und was jetzt? - Pressekatalog

EinbettenHerunterladen
NR. 45
EVANGELISCHE ZEITUNG
FÜR WESTFALEN UND LIPPE
4. BIS 10. NOVEMBER 2012
22. SONNTAG NACH TRINITATIS
www.unserekirche.de
GÄRTNERN
KÜCHE
Neue Bewegung in
der Stadt: Gärtnern
– auch wenn kein
Garten in der Nähe
ist. 7
Der Geschmack der
Kindheit: Ein neues
Kochbuch erzählt
die Geschichte der
Juden. 16
Gemeinsam handeln Gutes bewirken........
www.KD-BANK.de
Fon 0231-58444-0
H 2864 – 1,50 EURO
ANGEMERKT
GrußOffensive
Wohin
geht
VON HARALD MALLAS
G
uten Morgen“ – lächle ich
den Mann an, der mir sichtlich mürrisch morgens auf
dem Bürgersteig begegnet. „Kennen wir uns?“, fragt der ein wenig
erstaunt. „Nein, aber trotzdem guten Morgen“, antworte ich. – Ich
zähle mich
seit einiger
Zeit zu den offensiven Grüßern. Das sind
Menschen,
die nicht groß
überlegen, ob
sie dem Nächsten einen Gruß
gönnen, sondern es einfach tun. Da
mag es Unterschiede geben.
Vielleicht haben Menschen in der
Großstadt weniger Interesse daran als auf dem Land. Oder es gibt
Regionen, in denen die Menschen
eher verschlossen sind als in anderen. Egal. Ich habe mich entschieden: Ich will die Menschen grüßen.
Und zwar bewusst auch solche, die
ich nicht kenne. Bei meinen regelmäßigen Spaziergängen kann ich
das ausprobieren und mache dabei gute Erfahrungen. Neulich hatte ich sogar den Eindruck, dass sich
ein Mensch erstaunt und dann erfreut zeigte, als ich ihn nicht links
liegen ließ, sondern einfach „Guten
Tag“ sagte.
W
arum mache ich das? Das
Grüßen ist meine kleine
Strategie gegen die Vereinsamung der Gesellschaft, mein Beitrag für die soziale Klima-Erwärmung. Zugegeben, nur ein kleiner
Schritt zu einem großen Ziel. Aber
jeder Schritt ist es wert. Denn diese Gesellschaft ist auf dem besten Wege, sozial zu verarmen. Zwar
werden per SMS, Twitter oder EMail milliardenfach Informationen, Grüße und auch Sinnlosigkeiten ausgetauscht. Aber der konkrete Mensch auf der Straße, mein
Nächster – im biblischen Sinne –,
gerät aus dem Blick. Ich höre von älteren Menschen, die bewusst jeden
Tag einkaufen gehen, um zumindest einmal am Tag Kontakt mit anderen Menschen zu haben – und sei
es an der Ladenkasse oder im Backshop. Es wird von Nachbarn berichtet, die nicht miteinander ins Gespräch kommen, weil niemand sich
traut und jeder auf den anderen
wartet.
M
eine Gruß-Offensive hat
auch etwas mit Gott zu
tun, genauer mit Jesus. Ich
frage mich ab und an in alltäglichen Situationen: Was würde Jesus
jetzt tun? Wie würde er sich an meiner Stelle verhalten? Und da ich bin
mir ganz sicher: Jesus würde nicht
schweigend an Menschen vorbeilaufen. Er würde in die Gruß-Offensive gehen.
das
Geld?
Die Kirche hat mehr Geld! Von der guten Wirtschaftslage profitiert
auch die Kirchensteuer. An die 30 Millionen Euro mehr als geplant
sollen es allein in Westfalen sein. Wohin geht nun das unverhoffte
Geld? Siehe dazu Artikel unten und Seite 3.
FOTO: WOLFELARRY
Geld! Und was jetzt?
Das ist mal eine gute Nachricht: Die Kirche wird in diesem Jahr mehr Geld
einnehmen als geplant. Grund ist die gute Wirtschaftslage. Aber was soll sie mit dem Geld tun?
K IRC HE NSTEUE R
VON GERD-MATTHIAS HOEFFCHEN
Stellen Sie sich vor, Sie gewinnen
im Lotto. Oder machen eine unerwartete Erbschaft: 30 Millionen
Euro gehören plötzlich Ihnen.
Was tun Sie damit?
In genau dieser Situation sind
zurzeit die Kirchen. Die Wirtschaft in Deutschland läuft besser als erwartet, viele Menschen
haben Arbeit. Das lässt die Einkommenssteuer fl ießen. Und mit
ihr die Kirchensteuer.
Die Kirche hat Geld? An diesen Gedanken muss man sich erst
mal gewöhnen – angesichts all der
Spar- und Kürzungszwänge der
vergangenen Jahre. Bei der Evangelischen Kirche von Westfalen
(EKvW) sollen es an die 30 Milli-
onen Euro sein, die plötzlich zusätzlich im Säcklein auftauchen.
Gerechnet hatte man für 2012 mit
420 Millionen Euro Kirchensteuer.
Tatsächlich werden bis Ende des
Jahres wohl 445 bis 450 Millionen
zusammenkommen.
Nun wären ein Lottogewinn
oder eine Erbschaft von 30 Millionen Euro ein stattlicher Batzen.
Im Fall der Kirchensteuer verteilen sich die 30 Millionen allerdings
auf 2,45 Millionen Mitglieder in
517 Gemeinden.
Das wären bei gleichmäßiger
Aufteilung etwa 58 000 Euro pro
Kirchengemeinde. Immer noch
eine hübsche Stange Geld.
Noch einmal die Frage: Was
würden Sie tun mit dem unverhofften Geldsegen? Sie als Kirchenmit-
glied, als Gemeindeverantwortliche. Als Kirchensteuerzahlerin.
Überlegen Sie mal 15 Sekunden.
... ... ...
Na?
■ Jugendarbeit! Die ist überlebenswichtig für die Kirche.
■ Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Diakonie!
■ Kirchenmusik, Kultur!
■ Und natürlich: die Gemeinden! Seit Jahren müssen die Kürzungen und Zusammenlegungen
verkraften. Pfarrer und Kirchvorstände klagen: Wir sind nur noch
mit Finanzfragen beschäftigt.
Da würden 58 000 Euro helfen.
Tatsächlich geht das Steuerplus
nur zur Hälfte in die Gemeinden
und Kirchenkreise. Und möglichst
Der neue Pastor
Eine Abkehr vom herkömmlichen Pastorenbild hat der evangelische Bischof Hans-Jürgen Abromeit (Greifswald), gefordert.
„Wir müssen weg von dem
Bild, dass tüchtige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um einen Pastor kreisen und dem
‚Herrn Pfarrer‘ helfend zur Seite stehen, hin zu einem verantwortlichen Miteinander, bei
dem das Pfarramt ein Dienst
unter mehreren ist“, sagte Abromeit beim Konvent der Theo-
logiestudierenden der Evangelisch-Lutherischen Kirche in
Norddeutschland.
Dennoch bleibe der Dienst
der Pastoren unverzichtbar. Sie
hätten die Aufgabe, eine Gemeinde aufzubauen und das
Miteinander zu begleiten.
Jedes einzelne Gemeindemitglied trage zu einer lebendigen
Gemeinschaft bei. Abromeit:
„Da ist die Reformation mit
ihrem hierarchischen Denken
nicht weit genug gegangen.“ idea
auch nur zur Auffüllung von deren Rücklagen. „Die sind teilweise
stark abgeschmolzen“, sagt Klaus
Winterhoff, Finanzchef der EKvW.
Die andere Hälfte der 30 Millionen geht in die Versorgungskasse für Pfarrerinnen, Pfarrer und
Kirchenbeamte. Denn mittelfristig müsse man von einem Rückgang der Kirchensteuer ausgehen,
so Winterhoff.
Damit fährt die Kirche einen
anderen Kurs als der Staat. Der
macht trotz Steuermehreinnahmen fleißig weiter Schulden. „Wir
setzen auf Nachhaltigkeit“, so
Winterhoff.
■ Es gibt auch andere Meinungen. Wofür soll die Kirche das unerwartete Geld ausgeben? Seite 3.
„Sensibles Geschäft“
Auf dem Immobilienmarkt hat
sich ein neues Geschäftsfeld
aufgetan: der Verkauf nicht
mehr genutzter Kirchengebäude.
Immer mehr Gemeinden
müssen sich von Bauten trennen, weil der Unterhalt zu kostspielig ist. Der Immobilienmakler Michael Kornowski (Seelze bei Hannover) hat sich auf
die Vermittlung dieser Gebäude
spezialisiert. Unter anderem mit
Hilfe seines Internetportals kir-
Jetzt bestellen auf www.PresseKatalog.de
chenkauf24.de bietet er derzeit
etwa 100 Liegenschaften an. Seit
dem Beginn im Jahr 2003 hat er
mit seinem Team mehr als 30
Objekte vermittelt – als Wohnhäuser, Ferienwohnungen, Verwaltungsgebäude, Tanzschulen,
Kanzleien, Künstlerateliers und
Praxen für Physiotherapeuten.
Es handele sich um ein besonders sensibles Geschäft, das
Käufern und Verkäufern viel
Einfühlungsvermögen abverlange.
idea
ANDACHT
2
NR. 45 / 4. NovembeR 2012
Mensch im Zwiespalt
die bibel lesen
Von Walter Schroeder
andac ht über den Predigttext für den 22. Sonntag nach Trinitatis: Römer 7, 14-25a
E
s geht um eine Geldsammlung für
die Gemeinde in Jerusalem, die Titus überbringen soll. Der wird von
Paulus als äußerst vertrauenswürdig herausgestellt. Das war bei einem so hohen
Betrag, der ja in bar transportiert werden
musste, auch eine wichtige Voraussetzung. Auf manchen Handelsrouten der
Antike gab es zwar schon so etwas wie
Gutscheine oder Schuldscheine bzw. ein
System, mit dem man Summen bargeldlos transferieren konnte, aber das hatten
Von IngrId Stübecke
A
ch Paulus! Gerne hätte
ich deinen Brief an die
Seite gelegt. Es ist schwer,
deinen Gedankengängen zu
folgen. Begriffe wie „Sünde“ und
„Gesetz“ treffen mich mit voller
Wucht, aber sie berühren mich
nicht.
Ich habe deinen Brief mitgenommen in eine Gemeindegruppe. Nach dem Lesen blicken mich große ratlose Augen
an. Erste Äußerungen sind: Da
ist ein Mensch im Zwiespalt. Er
will Gutes tun, aber es gelingt
ihm nicht. An der Stelle nähern
wir uns dir. Das können wir
nachempfinden. Man meint es
gut, aber es kommt nicht so an
beim anderen. Man grübelt vor
Woche vom 4. -10. November
Sonntag:
Montag:
Dienstag:
Mittwoch:
Donnerstag:
Freitag:
Samstag:
vor allem renommierte Handelshäuser
und Kaufleute aufgebaut und stand den
Christen wohl noch nicht zur Verfügung,
auch wenn sie durchaus Wohlhabende in
ihren Reihen hatten.
Mensch handelt böse,
obwohl er nicht will
einer Entscheidung, welches
der richtige Weg sein könnte,
aber kommt nicht heraus aus
dem Zwiespalt. Man macht
Fehler und geht falsche Wege.
Man? Jeder und jedem geht es
so.
Lothar Zenetti hat geschrieben:
Man hat doch nichts verbrochen.
Man ist ja auch nur ein
Mensch.
Man lügt vielleicht schon
mal.
Man muss sehen, wo man
bleibt.
Man muss ja Rücksicht nehmen.
Man kann nicht, wie man
will.
Man kann nicht aus seiner
Haut.
Man kann nicht alles wissen.
Man schlägt sich so durch.
Man kann nichts dafür.
ICH
Ja, Paulus, das ist menschlich. Du sagst: Das ist die Sünde. Sie wohnt im Menschen.
Und der ist darin gefangen und
kann nicht heraus – er ist ein
elender sündiger Mensch. Darum tut er immer wieder das
Böse, das er eigentlich nicht
tun will.
So reden wir heute nicht.
Wir nehmen das Wort „Sünde“
im Alltag kaum in den Mund.
Doch du willst nicht nur
über die menschliche Be-
diese WOCHe
Wochenspruch
bei dir ist die Vergebung, dass
man dich fürchte.
Psalm 130, 4
Wochenlied
Herr Jesu, Gnadensonne
EG 404
Kollekte
Westfalen: seelsorge an blinden
lippe: lippische bibelgesellschaft
Psalm 143
2. Korinther 8, 10-24
2. Korinther 9, 1-9
2. Korinther 9, 10-15
2. Korinther 10, 1-11
2. Korinther 10, 12-18
2. Korinther 11, 1-6
D
Gefangen und verstrickt
Gefangen und verstrickt in Lebenszusammenhängen, aus denen man auch mit gutem Willen
nur schwer herauskommt. Paulus kann ein Lied
davon singen. Diese Bindungen sind Teil seines
Lebens, in mancherlei Hinsicht. Er versteckt sie
nicht, er beschönigt sie nicht. Im Gegenteil: Er ist
zutiefst erschrocken darüber und flüchtet sich am
Ende zu Gott. In tiefer Zerrissenheit keine Verzweiflung, sondern ein Ausweg. Ahnung vom Licht in der
Dunkelheit.
FOtO: dOdandy
Römer 7, 14-25a: 14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich
ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. 15 Denn
ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. 16 Wenn ich aber das tue, was
ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut ist. 17 So tue
nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. 18 Denn
ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes
wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich
nicht. 19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern
das Böse, das ich nicht will, das tue ich. 20 Wenn ich aber tue,
was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in
mir wohnt. 21 So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das
Gute tun will, das Böse anhängt. 22 Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. 23 Ich sehe aber ein
anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz
in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde,
das in meinen Gliedern ist. 24 Ich elender Mensch! Wer wird mich
erlösen von diesem todverfallenen Leibe? 25 Dank sei Gott durch
Jesus Christus, unsern Herrn!
findlichkeit reden. Du bist ja
von Gott.
Theologe und dir geht es um
Und du kannst sogar sadas Verhältnis von Mensch und
gen „Ich habe Lust an Gottes
Gott.
Gesetz.“ Denn das Gesetz ist
Deine Person ist dabei nicht
keine Pflicht mehr, sondern
uninteressant. Du schreibst an
Befreiung. Es zeigt Lebensmögdie Gemeinde in Rom, weil du
lichkeiten, ohne erdrückend zu
sie besuchen willst. Du kennst
sein.
sie nicht und stellst dich ihr
Lieber Paulus! Nach all den
vor, indem du deine Theologie
schweren Sätzen und Gedanvorstellst. In
ken in deinem
deinem LeBrief stimme
ben hat das
UK-Andacht im Internet: ich gerne ein
Gesetz eine
in deine Worte
www.unserekirche.de
ganz große
„Dank sei Gott
Rolle gespielt.
durch Jesus
Du hast es befolgt und du hast
Christus, unsern Herrn!.“
dich gut dabei gefühlt. Für
Wir heutigen Menschen
dich war klar, dass du alles
reden nicht so viel über die
richtig machst. Du hast es gut
Sünde, aber wir empfinden sie
gemeint.
ähnlich wie du.
Dann bist du Jesus begegnet
Wir sind gefangen und
und das hat dir die Augen geverstrickt in Lebenszusamöffnet für die Sünde: Sie wohnt
menhängen, aus denen wir
im Menschen. Doch weil Gott
auch mit viel gutem Willen
durch Jesus Christus Mensch
nur schwer herauskommen.
wurde, trennt die Sünde nicht
Wir scheitern und machen
Fehler dabei. Wir wissen, dass
vieles in dieser Welt nicht in
Ordnung ist und dass wir uns
auch schuldig machen, wenn
wir dem gegenüber untätig
und ohnmächtig sind. Wir sind
Sünder.
Doch wir wissen auch, dass
Gott uns so kennt und dass er
uns darum Jesus Christus geschickt hat, damit wir uns mit
kleinen Schritten aus den Verstrickungen lösen können. Er
schenkt uns die Kraft dazu.
Ach Paulus, ich weiß nicht,
ob ich dich richtig verstanden
habe, aber ich sage dir Dank,
weil du neu auf Jesus hinweist,
der allein uns befreien kann.
(Text von Lothar Zenetti aus: Auf Seiner
Spur. Texte gläubiger Zuversicht. Matthias
Grünewald Verlag der Schwabenverlag
AG, Ostfildern, 2011. www.verlagsgruppepatmos.de.)
Gebet: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen,
die ich nicht ändern kann, den
Mut, Dinge zu ändern, die ich
ändern kann, und die Weisheit,
das eine vom anderen zu unterscheiden. Amen.
Ingrid Stübecke (59)
ist Pfarrerin in
der ev. Friedens-Kirchengemeinde
nottuln
Jetzt bestellen auf www.PresseKatalog.de
ieses Liebeswerk aus einer „diakonischen Verbundenheit“ mit
den „Heiligen“ (hier als Ehrenname für die Jerusalemer Gemeinde) ist ein
wichtiger Schritt in der Geschichte der
Christenheit, der aus der Verantwortung
heraus geschieht, dass sozialer Ausgleich
zwischen Mangel und Überfluss nicht nur
in den Grenzen einer einzelnen Gemeinde vollzogen werden soll, sondern darüber hinaus.
Für Paulus steht offensichtlich noch
ein weiterer Gedanke hinter dieser Kollekte: Jerusalem als Ort der Kreuzigung
und Auferstehung Jesu sollte selbstverständlich auf Dauer als der geistige Ursprung auch des Neuen Bundes im Bewusstsein bleiben und in der gemeinsamen Verantwortung der weltweit verstreuten Christenheit ihre Mitte werden.
Bereits das Apostelkonzil dort (Apostelgeschichte 15) fasste zum Beispiel für alle
Gemeinden geltende Beschlüsse, und Hilfe in wirtschaftlich schwierigen Inflationszeiten wurde schon vorher dorthin
geschickt (Apostelgeschichte 11, 27), übrigens eine Tradition, die uralte jüdische
Wurzeln hatte.
J
erusalem ist später jedoch nicht das
Zentrum der Kirche geworden: Im
Jahre siebzig wurde diese Stadt durch
römische Truppen dem Erdboden gleichgemacht. Die Römer gingen so weit, dass
sogar der uralte Name ausgelöscht und
in „Colonia Aelia Capitolina“ geändert
wurde. Das war ein entsetzlicher Einschnitt für Juden und Christen. Gottes
„Botschaftsgebäude“ auf Erden war vernichtet. Alexandria spielte dann für die
wachsende Christenheit eine Schlüsselrolle, aber auch Antiochia, Konstantinopel und nicht zuletzt Rom übernahmen Führungsrollen. Allerdings kehrte
im 3. Jahrhundert Jerusalem unter seinem alten Namen ganz allmählich wieder zu seiner früheren Bedeutung zurück
und wurde zur Heiligen Stadt und zum
Hoffnungszeichen auch der Christen. Einen besonderen Schub gab im Jahre 326
noch die Pilgerfahrt der Mutter des Kaisers Konstantin. Helena stiftete an den
heiligen Stätten Kirchen und begründete
so den „frommen Tourismus“. Die Stadt
wurde im frühen Mittelalter das Ziel oft
abenteuerlicher Pilgerfahrten. Auch unter den Muslim blieben solche Reisen bis
ins 9. Jahrhundert unbehelligt, ehe die
Beziehungen zwischen Christentum und
Islam immer schlechter wurden und die
dramatische Zeit der Kreuzzüge begann.
Aber das ist zur Zeit des Paulus noch ferne Zukunft.
THEMA
NR. 45 / 4. NOVEMBER 2012
3
Was tun mit den Millionen?
Es gibt mehr Geld als geplant für die Evangelische Kirche von Westfalen: Um etwa 25 bis 30 Millionen Euro werden die
Kirchensteuereinnahmen die Schätzungen von 2011 übersteigen. Die Frage lautet: Sparen oder investieren?
K irc he nsteue r
Auch in diesem Jahr wird es mehr
Geld geben als geplant: Die Kirchensteuereinnahmen der Evangelischen Kirche von Westfalen für
das Jahr 2012 liegen bei geschätzten 445 bis 450 Millionen Euro.
Im Haushaltsplan für dieses Jahr,
der bei der letzten Landessynode
im November 2011 verabschiedet
wurde, war man noch von 420 Millionen Euro ausgegangen.
Der Grund für die Mehreinnahmen ist die nach wie vor
gute wirtschaftliche Lage, in der
Deutschland sich befindet. Dadurch ist die Beschäftigungsquote relativ hoch, die Einkommenssteuer fließt reichlich – und mit
ihr die Kirchensteuer.
Noch. Denn immer wieder ist
in letzter Zeit von einem wirtschaftlichen Abschwung die
Rede, und auch das würde sich
unmittelbar auf die Kirchensteuer
auswirken.
Wie bereits in den vergangenen
Jahren, in denen das tatsächliche
Kirchensteueraufkommen die im
Haushaltsplan vorgesehene Summe überstieg, wird die Kirchenlei-
tung den Mitgliedern der Landessynode Mitte November vorschlagen, den Überschuss von etwa
25 bis 30 Millionen Euro aufzuteilen: Die eine Hälfte soll an die
Versorgungskasse gehen, aus der
die Ruhestandsgehälter für Pfarrer und Kirchenbeamte gezahlt
werden. Denn, so die Argumentation: Für die Pensionen der vielen
Pfarrerinnen und Pfarrer, die jetzt
noch im Dienst sind, werden die
vorhandenen Rücklagen in den
nächsten Jahrzehnten nicht ausreichen. Der Anteil der Kosten für
den Pfarrdienst am Gesamthaushalt würde immer stärker steigen,
wenn jetzt nicht gegengesteuert
wird.
Die andere Hälfte des Überschusses soll an die Gemeinden
und Kirchenkreise ausgeschüttet
werden.
Über diesen Vorschlage werden
die Synodalen abstimmen. Wir
haben jetzt schon mal Menschen
gefragt, die in der Kirche engagiert sind: Was würden Sie mit
den zusätzlichen Millionen machen?
leg
Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden, lautet eine Binsenweisheit der Haushaltsplaner. Über das Wofür gehen die Meinungen in der Kirche allerdings auseinander.
Foto: AnDREA DAntI
In Jugendarbeit investieren! Ich finde es sinnvoll,
das Geld zusätzlich in Projekte oder Organisationen
zu stecken, die mit Jugendlichen arbeiten. Sie fragen
sich: Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich gut? Genau da hat die Jugendarbeit mit ihren christlichen
Werten viel Potential. Angebote müssen deshalb speziell für Jugendliche gemacht sein.
Das erfordert neben der Arbeit von Jugendreferenten
natürlich auch besondere finanzielle Unterstützung,
um attraktive Programme zu gestalten und möglich
zu machen. Also: unbedingt in Jugendarbeit investieren.
Hendrik Schnabel, 19 Jahre, Soest.
Foto: MERLIn BLoM
Professionelle Beratung ist wichtig Der Andrang
von in Existenznot geratenen Menschen nimmt in
der Schuldnerberatung dramatische Ausmaße an.
Ohne professionelle Hilfe im Netzwerk kirchlicher
Hilfsangebote wären diese Menschen verloren. Eine
Sicherstellung beziehungsweise ein Ausbau der Arbeit würde direkt den Menschen in den Gemeinden
zugute kommen und sie der Kirche näherbringen.
Ein weiterer Wunsch ist die Arbeit eines sozialen Dienstes in den Gemeinden. Immer mehr Familien, alte und kranke Menschen kommen ohne direkte, häusliche Unterstützung nicht mehr zurecht. Geld
für Hilfen ist nicht vorhanden
Susanne Wolf, Leiterin der Schuldnerberatung in Herne.
Foto: PRIVAt
Mehr Geld für theologische Arbeit Was würde
ich mit Kirchensteuermehreinnahmen machen?
Als Finanzkirchmeisterin einer Bielefelder Fusionsgemeinde würde ich die Mehreinnahmen direkt an die einzelnen Gemeinden verteilen. In den letzten Jahren sind die Zuweisungen
massiv gekürzt worden, so dass man leider fast
nur noch Finanzthemen behandelt. Mit einem
so vorhandenen finanziellen Spielraum hätten
wir als Presbyterium die Möglichkeit, uns vermehrt um theologische und diakonische Arbeit
zu kümmern.
Iris Gabbei, Finanzkirchmeisterin der DietrichBonhoeffer-Gemeinde, Bielefeld.
Alles an die Gemeinden! Unerwartete Mehreinnahmen sollten unvermindert den westfälischen Gemeinden zur Verfügung gestellt werden. Kirche lebt im Wesentlichen in ihren Gemeinden, die Gemeindeglieder
sind zuerst ihrer Gemeinde verbunden, und wenn man
es betriebswirtschaftlich ausdrückt, würde ich sagen:
in den Gemeinden und durch ihre Arbeit wird das Geld
der Kirche verdient. In den letzten Jahren ist durch viele Sparrunden dort vieles liegen geblieben, mit zusätzlichem Geld könnte man manches vielleicht nachholen.
Hilfreich wäre dazu auch ein Fonds zur energetischen
Sanierung von kirchlichen Gebäuden.
Steffen Bäcker, Gemeindepfarrer in Bad Holzhausen im
Kirchenkreis Lübbecke.
Foto: PRIVAt
Foto: PRIVAt
Ich würde Spielplätze bauen Ich bin Konfirmandenmutter und arbeite ehrenamtlich bei der Waldwoche mit. Wenn ich Geld zur Verfügung hätte,
würde ich Spielplätze bauen. Besonders ein Waldspielplatz wäre toll. Hier in Altenbeken gibt es zu
wenige Spielmöglichkeiten. Und die, die es gibt,
sind in einem sehr schlechten Zustand. Da ist beispielsweise die Rutsche defekt. Kinder bewegen
sich zu wenig. Wo sollen sie denn hin? Da können
mehr Spielplätze wirklich helfen.
Birgit Reker, Gottesdienstbesucherin in Altenbeken
im Kirchenkreis Paderborn.
Foto: ELKE StRIcKER
Konsolidierungskurs fortsetzen Da wegen der demographischen Entwicklung trotz der Mehreinnahmen mittelfristig
von einem Rückgang der Kirchensteuer auszugehen ist, setzen
wir unseren Konsolidierungskurs fort und geben der Nachhaltigkeit den Vorrang. Die Versorgungskasse für Pfarrerinnen, Pfarrer und Kirchenbeamte ist erheblich unterfinanziert.
Wir müssen die zusätzlichen Mittel deshalb im Wesentlichen
für die unbedingt notwendige Sicherung der Altersversorgung
verwenden. Den anderen Teil der Mehreinnahmen erhalten
die Kirchengemeinden und Kirchenkreise zur Auffüllung der
teilweise stark abgeschmolzenen Rücklagen. Auch das ist im
Blick auf die Zukunft absolut notwendig. Neue Aufgabenfelder
zu finanzieren ist dagegen nicht möglich.
Klaus Winterhoff, Vizepräsident und „Finanzchef“ der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Jetzt bestellen auf www.PresseKatalog.de
Foto: GMH
Z E I TG E S C H E H E N
4
Diskriminiert und
ausgegrenzt
Kurz notiert
Holocaust-Leugner: Ausschluss
aus Piusbruderschaft
Kirchen lehnen Kürzungen für
Asylbewerber aus Balkanstaaten ab
A syL
BERLIN – Die beiden großen Kirche haben das von Innenminister Hans-Peter Friedrich geplanten Vorgehen gegen Asylbewerber aus Serbien und Mazedonien
scharf kritisiert. Jeder Asylsuchende habe in Deutschland das Anrecht auf eine unvoreingenommene und gründliche Prüfung seines
Antrages, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung des Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen
Kirche in Deutschland (EKD), Prälat Bernhard Felmberg, und seines
katholischen Amtskollegen Prälat
Karl Jüsten.
Die Kirchen lehnen eine Kürzung sozialer Leistungen für Asylbewerber ab. Insbesondere verweisen sie dabei auf das Urteil des
Bundesverfassungsgerichtes vom
Sommer, das eine Anhebung der
Leistungen für Asylbewerber angeordnet hatte. „Das Gericht hat es
ausdrücklich untersagt, das menschenwürdige Existenzminimum
aus Gründen der Abschreckung zu
unterschreiten“, erklärte Jüsten.
Friedrich hatte sich angesichts
der gestiegenen Asylbewerberzahlen aus Serbien und Mazedonien dafür ausgesprochen, für Asylbewerber aus sogenannten sicheren Herkunftsstaaten, zu denen
er auch Serbien und Mazedonien
zählt, weniger Barleistungen zu
zahlen. Demgegenüber betonten
die beiden Prälaten, Serbien und
Mazedonien würden nach bisheriger Gesetzeslage nicht als sichere Herkunftsstaaten eingestuft. Es
sei bekannt, „dass Roma in beiden
Ländern schwerwiegenden Diskriminierungen und Ausgrenzungen ausgesetzt sind“, so Felmberg.
Die Kirchen forderten daher,
die Europäische Union (EU) und
Deutschland dürften vor diesem
gravierenden Problem nicht die
Augen verschließen. Die EU habe
bereits Anstrengungen unternommen, die allerdings noch nicht zu
einer relevanten Verbesserung der
Lebensbedingungen der Roma in
ihren Herkunftsländern geführt
hätten. „Unsere Bemühungen
müssen weiterhin auf die Herstellung menschenwürdiger Lebensbedingungen gerichtet sein“, sagte Jüsten.
Felmberg und Jüsten sprachen
sich zudem gegen die Aufforderungen des Bundesinnenministers an die Länder aus, Asylbewerbern statt Geld nur noch Sachleistungen zu gewähren. Von solchen
restriktiven Maßnahmen seien
ausnahmslos alle Asylsuchenden
betroffen, erklärten die beiden
Kirchenvertreter. Betroffen seien daher auch die Flüchtlinge aus
Bürgerkriegs- und Krisenländern,
wie Syrien, dem Irak und Afghanistan.
epd
Kirchenvertreter verurteilen
religiös motivierte Gewalt
WUPPERTAL/BERASTAGI –
Kirchenvertreter aus aller Welt
haben religiös motivierte Gewalt verurteilt. Religion werde
heute oft instrumentalisiert,
um Hass und Gewalt zu säen,
sagte der Präsident des Indonesischen Kirchenrates, Andreas
Yewangoe, auf der Vollversammlung der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) im
indonesischen Berastagi. Dem
sollten die in der VEM zusammengeschlossenen Kirchen widerstehen und zu einem friedlichen Miteinander der Religionen auf der Grundlage der
universalen Menschenrechte
beitragen.
Vertreter des Judentums,
des Buddhismus und des Islam wiesen auf dem Treffen
darauf hin, dass alle religiösen
Traditionen ein friedliches Miteinander mit anderen Religionen kennen.
Die VEM mit Hauptsitz in
Wuppertal ist eine internationale Gemeinschaft von 34
Kirchen in Afrika, Asien und
Deutschland und den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Die VEM-Vollversammlung ist das höchste Organ
der Kirchengemeinschaft und
entscheidet über zukünftige
Schwerpunkte der Zusammenarbeit.
epd
Weltbank: Ohne Handelsbeschränkungen
könnte Afrika sich selbst ernähren
WASHINGTON – Trotz wiederkehrender Hungersnöte könnte Afrika sich nach Einschätzung der
Weltbank selbst ernähren. Afrikanische Bauern könnten genug
Nahrungsmittel für den Kontinent erzeugen, wenn die Handelsbeschränkungen aufgehoben
würden, heißt es in einem Weltbank-Bericht. Der Abbau von Handelsbarrieren würde den afrikanischen Staaten zudem ein zusätzliches Einkommen von 20 Milliarden US-Dollar pro Jahr (etwa 15,4
Milliarden Euro) bescheren.
„Afrika hat die Fähigkeit, gutes Essen anzubauen und zu liefern, um es auf den Tisch der Familien auf dem Kontinent zu bringen“, sagte Makhtar Diop, der für
Afrika zuständige Weltbank-Vi-
zepräsident in Washington. In einem dynamischen und zwischen
den Regionen florierenden Handel
sollten Lebensmittel von fruchtbaren Gegenden in von Hunger
bedrohte Länder gebracht werden.
Wettbewerb im Lebensmittelhandel innerhalb Afrikas schaffe
neue Arbeitsplätze, wie zum Beispiel im Vertrieb. Dadurch sinke die Armut, und man könnte
die teuren Lebensmittelimporte
aus anderen Kontinenten reduzieren. Arme Menschen profitierten am meisten von einem stärkeren Wettbewerb. Im Moment zahlen laut Weltbank beispielsweise
Slum-Bewohner in Kenias Hauptstadt Nairobi mehr für Reis und
Mais als die Reichen in den Supermärkten derselben Metropole.epd
NR. 45 / 4. NOVEMBER 2012
Reformation und Musik: Feierstunde mit Bläserinnen und Bläsern
aus ganz Deutschland in der Wittenberger Schlosskirche. Foto: heibrocK
„Sichtbar, hörbar, klangfest“
Feierstunde in Wittenberg
zum Reformationsfest und Etappe auf dem Weg
zum nächsten Posaunentag in Dresden
BL ä se r musiK
WITTENBERG – „Ein klangfeste
Burg – Musik und Reformation“ –
so hieß das Motto einer Bläserfeierstunde, mit der der Evangelische
Posaunendienst in Deutschland
(EPiD) zum Abschluss des Jahres der Kirchenmusik noch einen
musikalisch-theologischen Akzent setzte. An historischer Stätte, in der Wittenberger Schlosskirche, spielte der „Chor der Hundert“, ein Auswahlchor aus den
Mitgliedswerken des EPiD, Stücke zur Reformation. Im Mittelpunkt stand Martin Luthers Lied
„Ein feste Burg ist unser Gott“. Zu
Wortbeiträgen waren unter anderen Reiner Haseloff, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt
und Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche
in Mitteldeutschland, eingeladen.
Haseloff würdigte den ehrenamtlichen Dienst der Bläserinnen und Bläser. Die Kirchenmusik diene nicht nur der Erbauung,
sondern der Ehre Gottes. Musiker
wie Johann Sebastian Bach und
Georg Friedrich Händel hätten sie
reich gemacht.
Nach den Worten von Ilse Junkermann hat die Musik die Botschaft von der Freiheit des Evan-
geliums in die Welt getragen. Und
mit Blick auf das Reformationsjubiläum ergänzte sie: „Es geht nicht
um Luther, sondern um Christus.“
Als gemeindenah und bodenständig bezeichnete Bernhard Silaschi, der leitende Obmann im
EPiD, die Posaunenchöre. Sie
prägten das sympathische Bild der
Kirche mit. Silaschi rief dazu auf,
das musikalische Erbe zu pflegen
und gleichzeitig „in inspirierender Neugier und in der Kraft des
Heiligen Geistes“ Neues zu probieren. „Wir arbeiten mit“, so der
EPiD-Obmann, „dass sich Kirche
sichtbar, hörbar und klangfest erneuert“.
Die Bläserfeierstunde in Wittenberg, die musikalisch von den
Landesposaunenwarten Frank
Plewka und Steffen Bischoff geleitet wurde, verstand sich auch als
Etappe auf dem Weg zum nächsten Deutschen Evangelischen Posaunentag 2016 in Dresden. Der
EPiD hatte bundesweit Chöre aufgerufen, am Wochenende vor dem
Reformationsfest, möglichst parallel zu der Wittenberger Veranstaltung, zu Konzerten einzuladen. 170 Chöre seien, so hieß es,
dem Aufruf gefolgt.
hei
„Grundbuch“
200 Jahre Bibelgesellschaft. Viel Lob
für einen besonderen Verlag
JuBiL äum
STUTTGART – Bundespräsident
Joachim Gauck hat das Wirken
der vor 200 Jahren gegründeten
Deutschen Bibelgesellschaft als
Erfolgsgeschichte gewürdigt. Die
Organisation habe wesentlich
zur Verbreitung des „Grundbuchs
des Christentums“ beigetragen,
schreibt Gauck in einem Grußwort, das bei einem Jubiläumsgottesdienst in der Stuttgarter Stiftskirche verlesen wurde. Allerdings
müsse jede Generation die Bibel
neu für sich entdecken, betonte
der Bundespräsident.
Der Bischof der Evangelischen
Landeskirche in Württemberg,
Frank Otfried July, sagte, die Bibelgesellschaft habe dazu beigetragen, dass die Heilige Schrift
weltweit das Buch mit der größten
Auflage und den meisten Übersetzungen geworden sei. Stuttgart sei
zur „Bibelhauptstadt“ geworden.
Der stellvertretende baden-württembergische Ministerpräsidenten Nils Schmid zeigte sich überzeugt, dass man auch in der Politik
das Fundament der Bibel brauche.
Die Bibel kann nach Überzeugung des früheren Bischofs der
Evangelisch-Lutherischen Kirche
in Bayern, Johannes Friedrich, in
heutigen kriegerischen Konflikten
Orientierung geben. „Nirgendwo
in der Bibel entdecke ich ein Wort
Gottes, das uns zu einem Krieg ermächtigen und ihn rechtfertigen
würde“, betonte Friedrich, der ehrenamtlicher Vorsitzender der Bibelgesellschaft ist.
Die Deutsche Bibelgesellschaft
gibt im Auftrag der evangelischen
Kirche die revidierte Luther-Bibel
heraus. In ihrem Programm befinden sich auch moderne Übersetzungen, Bibelversionen für Smartphone, aber auch wissenschaftlich-kritische Ausgaben auf Hebräisch und Griechisch. Außerdem
fördert die Bibelgesellschaft Bibelübersetzungen in die Sprachen
von Minderheiten.
Gegründet wurde vor 200 Jahren in Stuttgart die Württembergische Bibelanstalt, aus der später die Deutsche Bibelgesellschaft
hervorging.
epd
Jetzt bestellen auf www.PresseKatalog.de
STUTTGART – Die Piusbruderschaft hat
den Holocaust-Leugner und Bischof Richard Williamson (72) aus ihren Reihen
ausgeschlossen. Der Brite habe „sich seit
mehreren Jahren von der Führung und Leitung der Priesterbruderschaft entfernt und
sich geweigert, den Respekt und den Gehorsam zu bezeigen, den er seinen rechtmäßigen Oberen schuldet“, heißt es in einer Stellungnahme des Generalhauses der
Priesterbruderschaft St. Pius X.
Der umstrittene Bischof hatte 2008 im
Interview mit einem schwedischen Fernsehsender im Priesterseminar der Piusbruderschaft in Zaitzkofen bei Regensburg
den Mord an sechs Millionen Juden und die
Existenz von Gaskammern in der NS-Zeit
bestritten.
epd
Baden: synode begrenzt
Amtszeit von Bischöfen
KARLSRUHE/BAD HERRENALB – Für den
nächsten badischen Landesbischof ist die
Amtszeit auf zwölf Jahre begrenzt. Künftig
soll der oberste Vertreter der Landeskirche
nur noch zwölf Jahre ohne Möglichkeit einer Wiederwahl amtieren, entschied die
Landessynode in Bad Herrenalb. Bislang
wurde der Landesbischof in Baden auf Lebenszeit berufen.
epd
Gericht: Tanzverbot an
Karfreitag war rechtmäßig
GIESSEN – Das Verbot einer von der Piratenpartei angemeldeten Tanzdemonstration am Karfreitag dieses Jahres war rechtmäßig. Dies hat das Verwaltungsgericht
Gießen entschieden (AZ. 4 K 987/12.GI). Es
bestätigte damit eine entsprechende Entscheidung des Regierungspräsidiums Gießen, das die bei der Stadt Gießen angemeldete Kundgebung am 3. April untersagt
hatte.
epd
mit muslim verheiratete
Vikarin: Preis für Zivilcourage
STUTTGART – Die ehemalige württembergische Pfarrvikarin Carmen Häcker, die
wegen ihrer Hochzeit mit einem Muslim
entlassen wurde, erhält den Amos-Preis für
Zivilcourage. Häcker habe trotz drohender
Konsequenzen „für sich das Recht in Anspruch genommen, das jede Frau und jeder
Mann in unserem Land hat: den Menschen
zu heiraten, den sie liebt“, erklärte der Geschäftsführer des Preises, Roland Helber.
Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert und
wird am 24. Februar verliehen. Häcker war
Ende 2011 entlassen worden, weil nach dem
Kirchenrecht der württembergischen Landeskirche der Ehepartner eines Pfarrers
evangelisch oder zumindest Mitglied einer christlichen Kirche sein muss. Die Vikarin konnte ihre Ausbildung in der evangelischen Kirche in Berlin fortsetzen, weil
dort andere Regelungen gelten.
epd
„Aktion sühnezeichen“: Neuer
Geschäftsführer gesucht
BERLIN – Die evangelische „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ sucht einen
neuen Geschäftsführer. Der bisherige Geschäftsführer Rainer Ohliger hat die Organisation wieder verlassen. Sühnezeichen
und Ohliger hätten sich einvernehmlich
darauf verständigt, das Arbeitsverhältnis
zu beenden, sagte die kommissarische Geschäftsführerin Jutta Weduwen dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Stelle soll
den Angaben zufolge im ersten Quartal
2013 neu besetzt werden. Weduwen, bisher
bereits stellvertretende Geschäftsführerin,
leitet für die Übergangszeit kommissarisch
die Geschäftsstelle in Berlin.
Die 1958 gegründete Aktion Sühnezeichen setzt sich für die Wiedergutmachung
der NS-Verbrechen ein und entsendet jährlich mehrere Hundert Freiwillige zu Friedensdiensten ins Ausland.
epd
HINTERGRUND
NR. 45 / 4. NOVEMBER 2012
Späte Erinnerung
kommentiert
Sinti und Rom a
Hoffnung auf
Neuanfang
Von annemarie Heibrock
V
orurteile dieser Art halten
sich hartnäckig: „Zigeuner“
leben in Wohnwagen und
ziehen von Stadt
zu Stadt, sie arbeiten nicht (jedenfalls nicht so, wie
es wohlanständige Bürger gerne hätten), und ihren Lebensunterhalt bestreiten sie durch
unehrliche Geschäfte. Jahrhundertealt sind solche Klischees. Jede Generation hat sie
übernommen und – in leichten Varianten – neu mit Leben gefüllt. Die
schreckliche Folge: In der Zeit des
Nationalsozialismus wurden mindestens 100 000 (andere Schätzungen gehen von bis zu 500 000 aus)
dieser „Zigeuner“ umgebracht.
Ablehnung, Abwehr, Verfolgung,
Vernichtung. Das hat diese europäische Minderheit, deren Wurzeln in
Indien liegen, über Jahrhunderte erfahren. Interessanterweise war sie
gleichzeitig aber auch immer wieder Objekt sehnsuchtsvoller Verklärung. Lieder und Gedichte erzählen
davon: „Lustig ist das Zigeunerleben“ dürfte das bekannteste sein.
Mit der Realität hat sowohl das
eine wie auch das andere kaum etwas zu tun. Das gilt für die Vergangenheit ebenso wie für die Gegenwart: Sinti und Roma – wie es heute politisch korrekt heißt – leben wie
die Mehrheit der Bevölkerung überwiegend nicht in Wohnwagen, sondern in Wohnungen. Sie arbeiten in
ganz unterschiedlichen Berufen –
als Handwerker, Künstler, Kaufleute, Akademiker – und sie sehen sich
als Teil der deutschen Gesellschaft.
B
edauerlich ist dabei, dass es
offenbar etliche unter ihnen
gibt, die noch immer nicht
wagen, sich zu ihrer kulturellen
Identität zu bekennen, die untergehen in der deutschen Mehrheit, weil
sie Angst haben. Angst aufzufallen,
erneut ausgegrenzt und diskriminiert zu werden.
Die Angst ist verständlich. Da
sind nicht nur die alten Vorurteile.
Da ist nicht nur das tief in die Seele eingedrungene Leid, das die Nationalsozialisten den Sinti- und Roma-Familien zugefügt haben. Da ist
auch die Erfahrung der Nachkriegszeit: Dass über Jahrzehnte niemand
sehen wollte, was ihnen angetan
wurde.
Es ist leider so: Die deutsche Gesellschaft hat sich im Umgang mit
dieser großen Opfergruppe des Nationalsozialismus nicht eben mit
Ruhm bekleckert. Darum markiert
die Einweihung des neuen Mahnmals vielleicht wirklich eine Zäsur,
einen Einschnitt, der ein neues Miteinander möglich macht.
Mit versöhnlichen Worten allein
wird es dabei allerdings nicht getan
sein. Nach wie vor werden Sinti und
Roma, vor allem in Südost-Europa,
diskriminiert. Etliche suchen eine
neue Heimat in Deutschland. Wie
wir mit ihnen umgehen, wird der
Prüfstein dafür sein, wie ernst die
Worte zu nehmen sind, die am Tag
der Mahnmals-Einweihung gesprochen wurden.
5
In Berlin wurde das zentrale Mahnmal für die in der NS-Zeit
ermordeten Sinti und Roma eröffnet: „Ein Ort, den Schmerz zu fühlen“
Sinti und Rom a ( i )
Von Jürgen Heilig
BERLIN – „Es darf nicht sein, dass
unsere Lieben umsonst gestorben
sind.“ Zoni Weisz kämpft mit den
Tränen. Mehrere hundert Menschen hören der Schilderung des
heute 75-jährigen Holländers gebannt zu, wie er dem nationalsozialistischen Völkermord an den
Sinti und Roma entkam. „Durch
den Mut eines Einzelnen habe ich
überlebt, andere nicht.“ Zu ihnen
gehörte auch sein eigener Vater.
Ihn sah Weisz als kleiner Junge
1944 zuletzt im Viehwaggon des
Deportationszuges nach Auschwitz entschwinden.
Fast 70 Jahre nach Kriegsende
wurde jetzt in Berlin mit einer bewegenden Zeremonie das zentrale Mahnmal für die ermordeten
Sinti und Roma eingeweiht. „Jedes
einzelne Schicksal dieses Völker-
„Wir dürfen
nicht vergessen“
mords ist eine Geschichte unfassbaren Leids und erfüllt mich mit
Trauer und Scham“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Und zu
den rund 100 anwesenden Überlebenden, für die Weisz stellvertretend das Wort ergriffen hatte,
fügte sie hinzu: „Sie alle können
nicht vergessen und wir dürfen
nicht vergessen.“
Bei der symbolischen Eröffnung mit einer Gedenkminute
führte die zwölfjährige Messina
Weiss, Enkelin einer AuschwitzSinti-Überlebenden, danach die
Ehrengäste zum Mahnmal. Dazu
der Zentralratsvorsitzende Romani Rose. Er hatte 1980 mit einem
Hungerstreik in der KZ-Gedenkstätte als erster auf diesen lange
vergessenen, zweiten Völkermord
der Nazis aufmerksam gemacht.
In seine Freude über das Mahnmal mischt sich auch Schmerz: „Es
ist bedrückend, dass viele Überlebende diesen Tag nicht mehr miterleben können.“ Zudem sei auch
der heutige Rassismus gegenüber
Andauernder Kampf
um Gleichberechtigung
Schmerzliche Erinnerung und Mahnung: Eröffnung der Gedenkstätte für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma.
Foto: epd
gehörten auch Bundespräsident
Joachim Gauck, sein Amtsvorgänger Richard von Weizsäcker
und Bundestagspräsident Norbert
Lammert. Die Fertigstellung des
seit 20 Jahren geplanten Projekts
im Berliner Tiergarten zwischen
Reichstag und Brandenburger Tor
hatte sich immer wieder verzögert.
Die 2,8 Millionen Euro teure Gedenkstätte des israelischen
Künstlers Dani Karavan besteht
aus einem kreisrunden See auf
einer zwölf Meter großen Granitplatte. Auf einem dreieckigen
Stein in der Mitte soll auch im
Winter eine immer frische Blume
liegen. Zur Einweihung wurde die
Blüte eines Eisenhuts ausgewählt.
Akustisch untermalt wird das
Ensemble von einem Geigenton,
der von dem deutschen SintoKünstler Romeo Franz eingespielt
wurde. Nach dem Willen Karavans soll die Tiergarten-Lichtung
zu einem Ort innerer Anteilnahme werden, „ein Ort, den Schmerz
zu fühlen, sich zu erinnern“. Für
den Starkünstler ist es „vielleicht
sogar das wichtigste“ der zahlreichen, begehbaren Mahnmale, die
er bislang entworfen hat.
Informationen zum nationalsozialistischen Völkermord an
den Sinti und Roma finden sich
auf Texttafeln, die das Gelände
einrahmen. Den Verbrechen sind
Schätzungen von Historikern zufolge mindestens 100 000 Menschen zum Opfer gefallen. Der
Zentralrat der Sinti und Roma
spricht hingegen von einer halben Million.
„Es gibt keine einzige Familie
unserer Minderheit, die nicht Angehörige verloren hat“, erinnert
Der vergessene Völkermord
Mindestens 100 000 Menschen aus vielen Ländern
Europas wurden ermordet oder verhungerten in den Lagern
Sinti und Rom a ( ii )
Bis in die jüngste Vergangenheit
hinein galt die systematische Deportation und Tötung Zehntausender sogenannter „Zigeuner“
als der zweite, vergessene Völkermord der Nazis. Im Schatten des
Holocaust an den Juden Europas
warteten die Sinti und Roma auch
in der Nachkriegszeit jahrzehntelang auf Anerkennung des erlittenen Leides.
Erst 1982 bezeichnete Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD)
diese Verbrechen als Völkermord.
Fünf Jahre später ging Bundespräsident Roman Herzog noch einen
Schritt weiter und erklärte, dass
dieser aus denselben rassischen
Motiven begangen wurde wie der
Genozid an den Juden.
Für Sinti und Roma wie für
Juden begann die Ausgrenzung
schon bald nach der Machtübernahme der Nazis Anfang 1933. Sie
wurden aus Berufsorganisationen
wie der Handwerkskammer oder
der Reichskulturkammer genauso ausgeschlossen wie später aus
der Wehrmacht.
Auf die rund 30 000 in Deutschland lebenden Sinti und Roma
wendete das NS-Regime auch die
Bestimmungen der Nürnberger
Rassegesetze an. So war auch ihnen die Eheschließung mit „Ariern“ unter schwerer Strafe verbo-
ten. Später stuften die NS-Behörden sie ebenfalls nach rassischer
Abstammung in „Vollzigeuner“,
„Halbzigeuner“, „Viertelzigeuner“
oder gar „Achtelzigeuner“ ein.
Es gibt aber auch Unterschiede
zu den Juden: Schon allein aus finanziellen Gründen war den meisten Sinti und Roma von vornherein der rettende Weg ins Ausland
versperrt. Gegen sie ging auch
nicht die nach 1945 als verbrecherische Organisation eingestufte
Kommunale
Internierungslager
Gestapo vor, sondern die Kriminalpolizei, die sich etwa bei der
Umsetzung zweier Erlasse „zur
Bekämpfung der Zigeunerplage“
auf Behördenvorschriften der Weimarer Republik stützen konnte.
Schon ein Jahr zuvor waren
für Sinti und Roma die ersten
kommunalen Internierungslager
eingerichtet worden. Die Stadt
Köln bildete hier den unrühmlichen Vorreiter, schnell folgten
Berlin, Frankfurt/Main, Magdeburg, Düsseldorf, Essen, Kassel
und Wiesbaden. In der Reichshauptstadt wurden kurz vor Start
der Olympischen Spiele 1936 unter
der Parole „Berlin ohne Zigeuner“
600 Angehörige der Volksgruppe
verhaftet und im Stadtteil Marzahn inhaftiert.
Bereits ein Jahr später erhielt
die Kripo mit dem sogenannten
„Asozialenerlass“ das Recht, „Zigeuner“ einem KZ zu überstellen.
1938 wurden im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ 10 000
Personen dort eingewiesen. Unmittelbar nach dem Überfall auf
Polen, mit dem das NS-Regime
1939 den Zweiten Weltkrieg in
Gang setzte, strebte es die Massendeportation in das besetzte
Land an, das als künftiges Siedlungsgebiet für Juden, Sinti und
Roma auserkoren war.
Etwa ein Jahr nach Beginn der
systematischen Judendeportationen ordnete der Reichsführer SS
Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942 an, auch 23 000 „Zigeuner“ aus ganz Europa nach Auschwitz zu bringen. In wenigen Monate starben die meisten an Hunger,
Seuchen oder durch Gewalt und
Menschenversuche der SS.
Nach Schätzungen von Historikern fielen dem zweiten nationalsozialistischen Völkermord insgesamt über 100 000 Menschen zum
Opfer. Der Zentralrat der Sinti und
Roma nennt eine fünf Mal höhere
Zahl.
epd
Jetzt bestellen auf www.PresseKatalog.de
Sinti und Roma in Europa besorgniserregend. Da stimmt ihm auch
Zoni Weisz zu: Aus den Verbrechen
von damals habe die Gesellschaft
„fast nichts“ gelernt.
Bei Angela verfehlen diese bitteren Worte bei der Einweihung
des Mahnmals ihre Wirkung
nicht. Die Regierungschefin bezeichnet es als eine deutsche und
eine europäische Aufgabe, die Sinti und Roma in ihrem Kampf um
Gleichberechtigung zu unterstützen, wo auch immer sie leben: „Im
Klima der Gleichgültigkeit keimt
die Menschenverachtung auf.“
Kaum hat Merkel geendet,
droht allerdings noch ein kleiner
Eklat. Ein lautstarker Zwischenrufer meldet sich zu Wort und
schreit: „Und was ist mit den Abschiebungen?“ Seit Wochen appellieren Flüchtlingsinitiativen, die
Rückführung von Roma nach Serbien und Mazedonien zu stoppen.
Doch darauf gibt es bei der Einweihung des Berliner Mahnmals
keine Antwort.
das Stichwort: Sinti
und Roma
Als Sinti und roma wird in deutschland eine Gruppe von miteinander
verwandten ethnisch-kulturellen
minderheiten bezeichnet, die ihre
Wurzeln in indien haben. im
mittelalter kamen sie in mehreren
migrationsetappen nach europa.
die Bezeichnung „Sinti“ leitet sich
vermutlich ab von der Herkunft
der Vorfahren aus der nordwestindischen region Sindh. die Bezeichnung „roma“ ist ein allgemeiner Sammelname. in deutschland
wird sie aber vor allem für Gruppen
südosteuropäischer Herkunft gebraucht. die lange gebräuchliche
Bezeichnung „Zigeuner“ wird/
wurde zumeist in diskriminierender Absicht verwendet.
Sinti und roma erfuhren in den
europäischen mehrheitsgesellschaften immer wieder Verfolgung und ausgrenzung. im nationalsozialismus wurden mindestens 100 000 von ihnen ermordet
(siehe Artikel links). Heute leben
in deutschland etwa 70 000 Sinti und roma, überwiegend katholischer konfession. Fast alle deutschen Sinti und roma leben sesshaft innerhalb der deutschen Gesellschaft. Sie sprechen deutsch
und daneben zumeist einen der
vielen dialekte des „romanes“, einer Sprache, die mit dem altindischen Sanskrit verwandt ist. UK
(Quellen: Brockhaus-Enzyklopädie/Wikipedia)
GLAUBEN UND LEBEN
6
Die Vielfalt zum Klingen bringen
Ist der Brückenschlag zwischen traditioneller Kirchenmusik und der
Popmusik und dem neuen geistlichen Lied schon gelungen? Es gibt noch viel zu tun – sagt Clemens Bittlinger
Jahr de r K irc he nmusiK ( i )
Das „Jahr der Kirchenmusik“
der Evangelischen Kirche in
Deutschland neigt sich dem
Ende zu – je nach Landeskirche
früher oder später. Einer, der
sich viele Gedanken über Musik
in der Kirche macht, ist der Sän­
ger, Musiker und Songschrei­
ber Clemens Bittlinger. Im Ge­
spräch mit Karin Ilgenfritz zieht
der Pfarrer aus Hessen ein ers­
tes Resümee.
n Was hat das „Jahr der Kirchenmusik“ gebracht?
Das „Jahr der Kirchenmusik“ war
wie ein großer Werbespot für die
Musik, die in der evangelischen
Kirche stattfindet. Ich sage be­
wusst evangelische Kirche, denn
man hätte gut eine ökumenische
Aktion draus machen können. Es
gibt ja auch in der katholischen
Kirche eine große „Kirchenmusik­
szene“. In der Musik lebt die Öku­
mene, da ist sie schon viel weiter,
als in den Köpfen der Kircheno­
beren.
Was erhoffen Sie sich für
die Zukunft?
Zum einen wäre toll, wenn gera­
de im Bereich der Kirchenmusik
mehr ökumenische Akzente ge­
setzt werden. Zum anderen hät­
te ich mir gewünscht, dass es von
Seiten der traditionellen Kirchen­
musik einen Brückenschlag zur
Popmusik und dem Neuen Geist­
lichen Lied gegeben hätte – diese
n Machen neue geistliche Lieder populär (v. l.): Musikerteam Matthias
Doersam, Clemens Bittlinger und David Plüss.
Foto: erika HemmericH
Chance wurde verpasst, es sind
nach wie vor weitgehend Parallel­
welten: Hier die traditionelle Kir­
chenmusik und dort die unglaub­
lich kreative und vielfältige Welt
der Popularmusik in unseren Kir­
chen. Ich erlebe die traditionelle
Kirchenmusik in vielen Bereichen
als ein geschlossenes System. Aus­
nahmen bestätigen die Regel. Je­
mand hat mal gesagt: „Geschlos­
sene Systeme sind Treibhäuser
der Ignoranz“ – so erlebe ich nach
wie vor Teile der traditionellen Kir­
chenmusik.
n Wo schlägt Ihr Herz musi-
kalisch besonders?
Mein Herz schlägt überall da, wo
authentisch und von Herzen Mu­
sik gemacht wird, wo Menschen
miteinander singen und Gott lo­
ben. Besonders schlägt es auch
im Bereich Folkpop, Gitarren­
orientierte Arrangements mit klu­
gen, teils herausfordernden Tex­
ten, die uns Mut machen und hel­
fen zu glauben und zu leben.
Was bedeuten Ihnen die
alten Choräle und Gesangbuchlieder?
Hier liegt ein wunderbarer Schatz
verborgen, wunderbare Melodi­
n en und Kompositionen, tiefe und
tröstende Texte von Paul Gerhardt,
Martin Luther, Mathias Claudi­
us und vielen anderen. Aber im
Evangelischen Gesangbuch gibt
es nach wie vor auch eine Men­
ge von Liedern, die kaum singbar
sind und deren Texte heute kaum
einer mehr versteht.
Mein Freund David Plüss und
ich haben ja schon vor vielen Jah­
ren eine CD mit Choralneuvertex­
tungen im Popgewand veröffent­
licht und auch zum Jahr der Kir­
chenmusik, gewissermaßen als
Brückenschlag zur traditionellen
Kirchenmusik, das Album „Atem –
Klang der Seele“, dabei ziehen wir
unseren Hut und verbeugen uns
tief vor den alten Meistern.
n Wie stehen Sie zu den Neuen geistlichen Liedern?
Die Neuen Geistlichen Lieder ge­
hören zu einer protestantischen
Kirche, denn sie „singen die Re­
formation fort“, treiben sie wei­
ter voran. Martin Luther hat ja die
Gassenhauer seiner Zeit verwen­
det, um die Texte und Botschaf­
ten der Reformation mit ihrer Hilfe
unters Volk zu bringen. Daran hat
sich nichts geändert, bis vielleicht
auf die Tatsache, dass wir nun in
diesem Bereich auch eigenstän­
dig komponieren. Überall, wo Ge­
meinde lebendig ist und wächst,
spielt das Neue Geistliche Lied in
seiner großen Vielfalt eine heraus­
ragende Rolle.
Die Klampfe und die Königin
Jahr de r K irc he nmusiK ( ii ) Orgel und Gitarre stehen symbolhaft für zwei Arten der
Kirchenmusik, die immer noch im Widerstreit miteinander stehen. Ein Dialog der Instrumente
Von Clemens Bittlinger
Eines Tages geschah es, dass der
Küster der St. Martinskirche, mit
Bohrer, Wasserwaage, Dübel,
Schrauben und Schraubenzieher
„bewaffnet“, eine Gitarrenstän­
derhalterung auf der linken Sei­
te des Altarraums, gleich schräg
gegenüber der Sakristei, anbrach­
te. Zwar hatte es mit dem Kirch­
gemeinderat noch einmal eine
heftige Diskussion darüber gege­
ben, ob man denn wirklich un­
bedingt eine Gitarre als fest ins­
talliertes Instrument in der Kir­
che bräuchte, aber das Argument
„sie ist ständig im Einsatz“ und „es
sind doch nur zwei kleine Löcher
in einer sehr dicken und sehr brei­
ten Wand“ hatte schließlich über­
zeugt. „Ein kleiner Handgriff für
mich und ein großer Moment für
die Gemeinde“, dachte der Küs­
ter bei sich und hängte die Gitar­
re bedeutsam in ihre Halterung.
In diesem Moment hörte man von
der anderen Seite des Kirchen­
schiffs ein tiefes und frustriertes
Aufseufzen.
Dann verließ der Mann die Kir­
che und es war wieder still. „Ich
mag es nicht, dass du in meiner
Kirche rumhängst!“, sagte auf ein­
mal die Orgel. „Deine Kirche?“,
fragte die Gitarre zurück, „ich bin
soviel unterwegs, da tut es mir gut,
wenn ich ab und zu mal ein wenig
„abhänge“, besser als jahrzehn­
telang starr und völlig unbeweg­
lich in einer Position zu verhar­
ren!“ „Nun werd aber nicht frech,
nehmen.“
Bürschchen“, entfuhr es der Orgel.
Darauf die Orgel verächtlich:
Gitarre: „Wie man in die Kirche
„Mit ans Lagerfeuer nehmen? INS
hineinruft, so schallt es zurück.“
Lagerfeuer werfen, das wäre für
Orgel: „Du willst doch dein
alle Beteiligten die beste Lösung.
Geklimpere nicht ernsthaft als
Ich bin die Königin der Instrumen­
Schall bezeichnen. Dein Gezup­
te und ich lasse mir von so einem
fe und Geschrammle dringt ja
„Backe, backe
gerade mal bis
Kuchen­ Instru­
zur dritten Rei­
ment“ nicht an
he und das ist
den Karren fah­
auch gut so –
ren.“ (Die Orgel
nicht zu verglei­
äfft die Gitarre
chen mit mei­
nach: „Gott hält
nem erhabenen
die ganze Welt“
Klang!“
oder
„Danke
Gitarre: „Da
für diesen gu­
hast du ja mal
ten Morgen“)
wieder alle Re­
Gitarre: „Kö­
gister gezogen,
nigin der Ins­
doch ohne den
trumente – du
elektrisch be­
triebenen Bla­ cd „atem – Klang der seele“ von wirst ja noch
sebalg
geht clemens Bittlinger und david Plüss. das nicht mal in
dir doch sehr gespräch zwischen gitarre und orgel ist der Bibel er­
schnell die Luft der cd entnommen. Bestellung per tele- wähnt, meine
aus! Und wenn fon: (0 61 66) 93 20 62 im internet: www. Zunft hingegen
war schon sehr
ich wie du Elek­ sanna-sound.de. Foto: Herder
früh da: Harfen,
tronik mit ein­
Psalter und andere Saiteninstru­
setze, dann wird es aber richtig
mente gab es schon am Hofe des
laut. Ich hingegen klinge einfach
Königs David.“
so, kann mich im Raum bewe­
Orgel: „Da irrst du aber gewal­
gen und auf die Menschen zuge­
tig mein Lieber, als Königin der In­
hen. Ich bin super flexibel, Kirche
strumente vereine ich in mir ja ge­
ist doch überall da, wo Menschen
wissermaßen ein ganzes Orchester:
beten und Gott loben wollen, wäh­
Da gibt es viele verschiedene Blas­
rend du immer noch starr in „dei­
instrumente und die werden schon
ner Kirche“ darauf wartest, dass
lange vor den Saiteninstrumenten
die Gläubigen zu dir kommen, bin
erwähnt, zum Beispiel die Posau­
ich ständig auf Achse: im Kinder­
nen bei der Schlacht um Jericho …“
garten, im Konfirmandenunter­
Gitarre: „Ja, das passt, die Or­
richt, in der Schule – mich kann
gel als Waffe, als großer fetter un­
man sogar mit ans Lagerfeuer
flexibler akustischer Panzer, der
sich durch die Liturgie schiebt und
der singenden Gemeinde stets vo­
rauseilt.“
Orgel: „Nur wer vorauseilt,
kann zur Nachfolge einladen …
oder denk doch nur an die Pfeifen
– im Psalm 150 heißt es „Lobt Gott
mit Saiten und Pfeifen …“ als Kö­
nigin der Instrumente bestehe ich
aus vielen hundert wunderbaren
Pfeifen …“
Gitarre: „Ja und manchmal sit­
zen die Pfeifen auch AN der Orgel
und dann wird das ganze Dilem­
ma deiner Zunft offensichtlich –
mich hingegen kann, mit ein biss­
chen Übung, fast jeder spielen …“
Orgel: „Fast jeder, das ist ja das
Drama, dass Hinz und Kunz zur
Gitarre greift, egal ob sie nun gut
gestimmt ist oder nicht, egal ob
der Spieler oder die Spielerin den
Rhythmus halten kann – das ist
doch grausam.“
Gitarre: „Fast so grausam wie
eine verstimmte und schlecht be­
spielte Orgel …“
Orgel: „Dieses Gespräch bringt
nichts und du verletzt mich …“
Gitarre: „Und du unterschätzt
mich … lass es uns doch einfach
mal probieren …“
Orgel: „Was probieren?“
Gitarre: „Na ja, das was du ge­
rade zitiert hast, was im Psalm
150 steht: ,Lobt Gott mit Saiten
und mit Pfeifen‘ – gemeinsam, ver­
stehst du? Nicht in Konkurrenz,
sondern miteinander, jeder und
jede mit seiner Klangfarbe und
seinen Möglichkeiten …“
Jetzt bestellen auf www.PresseKatalog.de
NR. 45 / 4. NovembeR 2012
meldungen
Buch-Tipps: Trauerbegleitung
mit Bonhoeffer-Texten
„Ich trage dich in meinem Herzen“ ist ein
Begleitbuch für Trauernde mit Raum für
persönliche Eintragungen. Der Band bietet
ausgewählte Texte von Dietrich Bonhoef­
fer, die durch die
Zeit des Abschied­
nehmens begleiten
wollen. Die Bon­
hoeffer–Worte über
Endlichkeit und die
Hoffnung auf ein
Leben nach dem
Tod werden ergänzt
durch meditative
Impulse von neun
Aquarellen. Als „Be­
wältigungsbuch“ erhält das Buch Fragen,
die zum Nachdenken anregen und Platz
für persönliche Eintragungen. Ein kurzer
Abriss über Leben und Werk des Theologen
rundet das Buch ab.
Ebenfalls auf Worte Dietrich Bonhoef­
fers greift der kleine Band „Behütet und
getröstet“ zurück.
Zusammengestellt
sind darin neben
Teilen des bekann­
ten Bonhoeffer­Ge­
dichts „Von guten
Mächten ...“ weite­
re kurze Texte zu
den Themen Trau­
er, Sterben und Ab­
schied. Illustriert ist das Buch mit Fotos,
welche die Worte eindrücklich aufgreifen.
Eine Trauerkarte im vorderen Buchdeckel
macht das Buch zu einem besonderen Ge­
schenk für Trauernde, das durchaus den
Trauerstrauß ersetzen kann.
hama
Dietrich Bonhoeffer: Ich trage dich
in meinem Herzen. Ein Begleitbuch für
Trauernde mit Texten von Dietrich Bonhoeffer. Gütersloher Verlagshaus 2012, 92
Seiten, 14,99 Euro.
n Dietrich Bonhoeffer: Behütet und getröstet. Geschenkbuch mit beigelegter
Kondolenzkarte. Gütersloher Verlagshaus
2012, 44 Seiten, 9,99 Euro.
n
Bestellen können Sie Ihre Bücher über den
Luther-Verlag, Telefon (05 21) 9 44 01 37,
E-Mail: vertrieb@luther-verlag.de. Internet: www.luther-verlag.de (Versandkostenpauschale 3,95 Euro. Versandkostenfrei ab 15 Euro Bestellwert).
Weltweiter Gebetstag für
verfolgte christen
BAD BLANKENBURG – Die Deutsche Evan­
gelische Allianz (DEA) ruft dazu auf, in den
Gottesdiensten am Sonntag, 11. November,
verfolgter Christen zu gedenken. An dem
weltweiten Gebetstag nehmen nach Aus­
kunft der DEA Christen und Gemeinden
aus über 100 Ländern auf allen Kontinen­
ten teil. In diesem Jahr liegt der Schwer­
punkt auf der Situation in Indonesien. Das
asiatische Land wurde gemeinsam mit der
entsprechenden Initiative der Evangeli­
schen Kirche in Deutschland (EKD)und
der Deutschen Bischofskonferenz ausge­
wählt. Dies solle verdeutlichen, dass man
„ein gemeinsames Anliegen“ habe, obwohl
die Termingestaltung unterschiedlich ist,
so der evangelikale Dachverband. Die EKD
lädt Gemeinden jeweils zum Sonntag Re­
miniszere (in der Passionszeit) ein, für be­
drängte und verfolgte Christen zu beten.
Der Arbeitskreis Religionsfreiheit –
Menschenrechte – Verfolgte Christen in­
nerhalb der DEA hat für den 11. November
ein Materialheft mit Hintergrundinfor­
mationen, Gebetsanliegen und Vorschlä­
gen für die Verkündigung zusammenge­
stellt. Die Broschüre kann bestellt werden
über: Deutsche Evangelische Allianz e. V., Es­
planade 5–10a, 07422 Bad Blankenburg. Sie
kann aber auch über die Internetseite der DEA
heruntergeladen werden: www.ead.de. UK
R E P O R TA G E
NR. 45 / 4. NOVEMBER 2012
7
Wer im Garten etwas ernten will, muss auch etwas dafür tun. Das lernen bei den „Urbanisten“ schon die Kinder.
Fotos: Janka schmitz
Ackerbau im Großstadtgrau
Sie wollen die Äcker in die Stadt holen und Lebensmittel in nächster Nähe anbauen: Beim „urban gardening“ bauen
Bürger Nutzpflanzen im Grau der Großstädte an. Sie wollen selbstbestimmter und natürlicher leben – auch in der Stadt
Umw e lt
Von MiriaM Bunjes
Tomaten zwischen Flugzeugen, Kürbisse auf Verkehrsinseln: Nutzpflanzen kehren in die Großstädte zurück.
Sie anzubauen ist für viele mehr als
ein Hobby. Das gemeinsame Gärtnern soll Menschen verbinden – und
die Gesellschaft verändern.
Jonathan pflückt Bohnen. Einmal in der Woche kommt der Vierjährige mit Bruder und Mutter in die
„UrbanOase“ – dem Garten für alle
am Rand der Dortmunder Innenstadt. Alle fünf Minuten rattert die
Straßenbahn durch, zahllose Autos
rauschen vorbei oder zur Tankstelle gegenüber. Trotzdem biegen sich
hier Tomatenstauden im Herbstwind. Und bald wird es Kartoffeln
geben, Kürbis und Rotkohl. „Hier ist
wieder neuer gekommen“, sagt Jonathan und probiert Rucola aus der
Kiste neben den Bohnen: „Weil wir so
gut gegossen haben.“
„Alles gehört allen, die mitmachen“, erklärt Carlos Tobisch. Der
Alles gehört allen, die sich
an der Aktion beteiligen
27-Jährige hat „Die Urbanisten“ gegründet, einen Stadtverbesserungsverein, der die wachsende „urban
gardening“-Bewegung auch in die
Ruhrgebietsstadt geholt hat. Alle
Pflanzen sind Nutzpflanzen. Und
alle stehen in Säcken oder Kisten,
denn die Oase ist mobil. „Wir wollen
jederzeit umziehen können“, sagt der
Raumplanungsstudent: „Wir wollen
gerne weiter ins Zentrum, um noch
mehr Leute zu erreichen.“
Denn es geht um viel: „Wir wollen
Äcker in die Stadt holen, damit Menschen hier direkt Lebensmittel anbauen können“, sagt Tobisch. „Zum
Essen und als Erfahrung.“ Deshalb
kommen Kindergärten und Schulen,
es gibt Workshops über Kompost,
Beeren und Imker.
„Wir haben einen Bildungsauftrag“, sagt Tobisch, der selber viel
übers Gärtnern gelernt hat. Von Leuten, die vorbeigekommen und mitgemacht haben. Rentner, Jugendliche,
Anwohner. „Hier treffen sich Generationen und Kulturen und machen
etwas zusammen, das allen nutzt“,
sagt Tobisch. „Auch der Stadt, denn
es fördert den Zusammenhalt.“
Überall in deutschen Städten blühen Gemeinschaftsgärten – auf Verkehrsinseln oder auf Brachflächen
wie der Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg. Dort gedeiht seit 2009
Gemüse in Kisten auf 6000 Quadrat-
Der Trend hat inzwischen
viele Großstädte erreicht
metern, in einem Café wird die Ernte gleich eingekocht. Sogar auf dem
Berliner Flughafen Tempelhof gibt
es „urban gardening“, in Köln, Hamburg, München – Ackerbau im Großstadtgrau, wie ihn die New Yorker in
den 70er Jahren begannen.
Etwa 3000 urbane Gemein-
schaftsgärten gibt es, schätzt Armin
Werner vom Leibnitzzentrum für
Agrarlandschaftsforschung (Zalf).
Tendenz steigend. Einige sind mobil wie der Dortmunder, andere setzen besonders auf Interkulturalität.
„Gemeinsam ist allen, dass sie
öffentlich sind und eine Botschaft
haben, die sie weitergeben“, sagt
Werner: „Vielen geht es darum, die
Hoheit über die Nahrungsmittelproduktion zurückzubekommen,
weil sie der Industrie misstrauen.“
Und: „Sie wollen selbstbestimmter
und natürlicher leben – auch in der
Stadt.“ Und gemeinsam mit anderen.
Die Prinzessinnengärtner in Berlin müssen dafür kämpfen. Die Stadt
will ihren Mietvertrag nicht verlängern, die Brache soll verkauft werden. 20 000 Anwohner haben eine
Bei der „urban oase“ in
Dortmund
wird viel
gemeinsam
gegärtnert
(ganz li.). Zu
den Workshops übers
Einmachen
(li.) oder
die Imkerei
(re.) kommen auch
Kindergärten und
Gemeindegruppen.
Jetzt bestellen auf www.PresseKatalog.de
Petition für ihren Garten unterschrieben. „In den Herzen vieler
Kommunen schlagen zwei Seelen“,
sagt Werner. „Gemeinschaftsgärten machen die Stadt lebenswert.
Aber verkaufte Grundstücke sanieren knappe Kassen.“
„Urbane Äcker und Bauboom
schließen sich gar nicht aus“, sagt
Jörg Schröder. Der Münchener Stadtplaner hat für den neuen Stadtteil
Freiham mit dem Entwurf agropolis
den städtischen Planerpreis gewonnen – enthalten sind viele Gemeinschaftsäcker auf Dächern, zwischen
Die Ernte für dieses
Jahr ist eingeholt
Gebäuden, am Rand von Spielplätzen: „Es gibt überall Freiflächen, die
Äcker werden können. Dafür muss
nicht weniger gebaut werden.“ München will sich bei der Bebauung an
agropolis orientieren – zumindest in
der Bauphase, bei der viele Flächen
vorerst frei bleiben.
In Dortmund droht Regen. Die
Ernte ist eingeholt: Zwei Möhren, ein
Bündel Radieschen, zwei Hände voll
Bohnen und Tomaten liegen auf einer Holzkiste. „Das teilen wir jetzt“,
sagt der dreijährige Phillip. Fünf
Gärtner waren heute da. Tobisch:
„Zum Sattwerden reicht das noch
nicht, aber wir wachsen ja noch.“
Internet: www.dortmunder-oase.
de; www.innsula.org.
n
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
18
Dateigröße
986 KB
Tags
1/--Seiten
melden