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0 Einführung: Was ist Physikdidaktik? - Buecher.de

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Ernst Kircher
0 Einführung: Was ist Physikdidaktik?
Sie haben sich entschlossen Physiklehrer zu werden und kommen nun mit einem Fach, der
Physikdidaktik, in Berührung, das Sie in der Schule nur auf implizite Weise kennen gelernt
haben, nämlich durch die Art und Weise, wie Ihre Lehrer Physik unterrichtet haben.
Als Motto beginnen wir mit zwei Aussagen, die sich an Zitaten des Pädagogen v. Hentig
(1966) orientieren:
Die Physik bietet keine Hilfen für die Unverständlichkeiten, die sie erzeugt.
Eine Physikdidaktik, die nicht dienen wollte, wäre ein Unsinn.
1. Lassen Sie mich hier den Ausdruck Physikdidaktik etwas näher charakterisieren in einer
für die Universität typischen Weise: Man zerlegt ein „Ding“ in seine Bestandteile. In unserem Falle ist das „Ding“ keine chemische Substanz, kein physikalisches Objekt, kein Lebewesen, sondern ein Begriff. Diesen zerlegen wir, um dadurch zu einem ersten Verständnis
des Ausdrucks „Physikdidaktik“ zu kommen, nämlich durch die Fragen: „Was ist Physik?“,
„Was ist Didaktik?“. Ich möchte aber ausdrücklich hervorheben, dass durch diese Zerstückelungstaktik der Ausdruck „Physikdidaktik“ nicht vollständig erklärt wird. Für ein vorläufiges Verständnis mag uns diese Methode genügen; im Allgemeinen gilt aber, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.
2. Sicher sind Sie auch daran interessiert zu erfahren, was im Verlauf der Vorlesung „Physikdidaktik – eine Einführung“ auf Sie zukommt: In Kap. 1 geht es um die Begründung des
Physikunterrichts, um seine gegenwärtige und künftige Bedeutung für den Einzelnen und für
die Gesellschaft. Die Begründungen hängen daher von Weltbildern und Lebensstilen von
Einzelnen und der Gesellschaft ab. Die folgenden Kapitel betreffen Ihren Beruf im engeren
Sinne. Die Kapitel 2 bis 7 sollen zu Ihrer Professionalität als Physiklehrerin und als Physiklehrer beitragen. Es werden Grundkenntnisse und Grundfertigkeiten Ihres Berufs thematisiert.
4
0 Einführung: Was ist Physikdidaktik?
0.1 Was ist Physik?
„Es gibt keine völlig eindeutige Definition darüber, was Physik ist
oder welche Gebiete zur Physik gehören und welche nicht“ (v. Oy
1977, 5).
Eine nahe liegende Antwort auf diese Frage lautet: Physik ist, was
die Physiker tun. Da Ihre Ausbildung zum Physiklehrer hauptsächlich in einem physikalischen Institut (Department) erfolgt, können
Sie das vor Ort authentisch erfahren. Sie können aufgrund der Spezialisierung in der Physik ganz unterschiedliche Erfahrungen machen.
Dabei können sich auch folgende Fragen stellen: Dürfen Physiker
arbeiten was und wie sie wollen? Was ist das Ziel dieser Tätigkeiten? Gibt es ein immer wiederholbares Schema für diese Tätigkeiten,
eine genau festgelegte Methode der Physik? Warum sind die Tätigkeiten so wie sie sind? Könnten sie auch andersartig sein? Kann man
zwischen Physik und „Nichtphysik“ unterscheiden? Wie zuverlässig
ist physikalisches Wissen?
Eine oberflächliche Klassifizierung, die Sie durchgängig in allen
physikalischen Instituten antreffen würden, mag auch für eine erste
Antwort auf die obige Frage genügen, nämlich die Unterscheidung
zwischen theoretischer und experimenteller Physik.
Theoretische Physik
1. Die theoretische Physik befasst sich mit der „Beschreibung“,
„Erklärung“, „Prognose“ von raum-zeitlichen Änderungen von
physikalischen Objekten. Das bedeutet das Entwerfen, den Aufbau,
Ausbau und Präzisierung, die Änderungen, Vereinfachungen und
Erläuterungen, die Konsistenzprüfungen von physikalischen Theorien. Anstatt „physikalische Theorie“ verwendet man auch die Ausdrucksweise: Das begriffliche System der Physik „beschreibt“, „erklärt“, „prognostiziert“, „systematisiert“ die raum-zeitlichen
Änderungen von physikalischen Objekten. Dazu werden Begriffe
und Begriffszusammenhänge, z. B. Theorien, Gesetze, Regeln, Axiome, Konstanten verwendet. Ein Problem für das Lernen der Physik
ist dabei, dass Begriffe wie „Arbeit“ oder „Kraft“, die ursprünglich
der Umgangssprache entstammen, in der Physik häufig eine andere,
vor allem auch eine präzisere Bedeutung haben. Ein wichtiges
Hilfsmittel insbesondere der theoretischen Physik ist die Mathematik. Natürlich werden heutzutage für die häufig sehr schwierigen und
langwierigen Berechnungen für das prognostizierte Verhalten von
physikalischen Objekten Computer eingesetzt. Etwas vereinfachend
kann man sagen: Die theoretische Physik entwirft, prüft und entwi-
0.1 Was ist Physik?
5
ckelt das begriffliche System der Physik. Ihr wichtigstes Handwerkszeug ist die Mathematik.
2. Theoretische Physiker arbeiten eng mit Experimentalphysikern zusammen. In der Experimentalphysik werden Experimente konzipiert,
(z. T. in Zusammenarbeit mit Theoretikern), komplexe Versuchsanordnungen aufgebaut, für den Betrieb vorbereitet, (wie z. B. das
Evakuieren von Messräumen), Messgeräte kontrolliert, beobachtet,
Messdaten ausgedruckt, auf verschiedene Weisen dargestellt und
interpretiert, kritisch überprüft, verworfen, nach Fehlern gesucht,
Alternativen entwickelt für den Versuchsaufbau, für die Interpretation der Daten wird das Experiment wiederholt. Um immer genauer zu
messen, um noch kleinere, noch komplexere Objekte zu untersuchen,
sind für die Experimente der aktuellen Forschung modernste technische Geräte gerade gut genug; aber selbst diese reichen nicht immer
aus, sondern es müssen häufig noch genauere, leistungsfähigere
Geräte entwickelt werden.
Experimentalphysik
Wir fassen zusammen: Experimentalphysiker und theoretische Physiker entwickeln die methodische Struktur der Physik, entwerfen und
sichern die begriffliche Struktur der Physik und schaffen die Grundlagen für technische Anwendungen der Physik.
Methodische
Struktur der Physik
3. Durch diese Erläuterungen ist noch vieles über Physik offen
geblieben: Was ist eigentlich ein physikalisches Objekt, was eine
physikalische Theorie, ein Experiment? Wie unterscheiden sich eine
physikalische Definition (z. B. elektr. Widerstand: R = U/I) von einem physikalischen Gesetz (z. B. ohmsches Gesetz: I = U/R für
R = const.)? Wie ist die Physik aufgebaut? Welche Bedeutung hat die
Physik für die Gesellschaft, für das Individuum? Dürfen Naturwissenschaftler erforschen und entwickeln, was sie wollen? Wie unabhängig ist die naturwissenschaftliche Forschung?
Der bekannte Physikdidaktiker Martin Wagenschein fragte außerdem:
„Was verändert sich durch Physik? Wie verändern wir, indem wir sie
hervorbringen, das Natur-Bild, und wie verändern wir uns dabei selber? Was tut Physik der Natur an und was uns?“ (Wagenschein 19764,
12) Ich möchte diese auch heute noch hochaktuellen Fragen vorläufig
zurückstellen, aber ich verspreche Ihnen, dass ich auch versuche, auf
solche Fragen eine Antwort zu geben (s. Kap. 1.3).
Begriffliche
Struktur der Physik
6
0 Einführung: Was ist Physikdidaktik?
0.2 Was ist Didaktik?
Der Ausdruck „Didaktik“ entstammt dem pädagogischen Bereich.
„Didaktik im weiteren Sinne“ beschäftigt sich mit dem Sinn von
Lehren und Lernen. Sie beschreibt und reflektiert außerdem historische Schulmodelle und auch die Konzeption neuer Entwürfe für
schulisches Lernen aufgrund von gesellschaftlichen Veränderungen,
seien diese durch Änderungen der Lebensgrundlagen oder durch
politische oder technische Entwicklungen bedingt. Wenn Sie bereits
mit dem erziehungswissenschaftlichen Studium begonnen haben,
sind diese und die folgenden Bemerkungen hierüber nur vereinfachende Zusammenfassungen.
Didaktik im
weiteren Sinne
1. Bei der folgenden Abb. 0.1 geht es nicht um die Bedeutung dieser
vielen Ausdrücke im Umfeld von Pädagogik, sondern in erster Linie
um die Frage: Wie hängen diese pädagogischen Ausdrücke zusammen?
PÄDAGOGIK
Historisch-systematische
Rekonstruktion von
Erziehungswirklichkeit
DIDAKTIK im weiteren Sinne
Theorie der Bildungsinhalte und des Lehrplans; Wissenschaft vom Lehren und
Lernen
DIDAKTIK im engeren Sinne
Theorie der Bildungsaufgaben, -inhalte
und -kategorien, ihres Bildungssinns und
ihrer Auswahlkriterien
Allgemeine Didaktik
empirische
METHODIK
Frage nach den pädagogischen Wegen, Methoden
und Formen der Medien
Physikdidaktik im weiteren Sinne
UNTERRICHTSFORSCHUNG
Lehr-/ Lernforschung
Allgemeine Methodenlehre
FACHWISSENSCHAFTEN
als Bezugsdisziplinen
Germanistik
Chemie
Physik
Theologie
Ökologie
Kunst
Musik
u.s.w.
Abb. 0.1: Physikdidaktik und Pädagogik (nach Jank & Meyer 1991)
0.2 Was ist Didaktik?
7
Dieser Abbildung folgend, schließt der Begriff „Pädagogik“ auf der
nächsten unteren Ebene die „Didaktik im weiteren Sinne“ ein. Es
folgt dann eine weitere Auffächerung in die beiden wichtigen Unterbegriffe „Didaktik im engeren Sinne“ und „Methodik“. Diese implizieren auf der 4. Ebene die Fachdidaktik und Fachmethodik, in unserem Falle die Physikdidaktik und Physikmethodik.
Didaktik im engeren
Sinne
In der Abb. 0.2 ist dargestellt, was im Folgenden unter „Physikdidaktik im weiteren Sinne“ verstanden wird:
Naturwissenschafts
didaktik
Physikdidaktik im
weiteren Sinne
Physikdidaktik im engeren Sinne
und
Physikmethodik
•
•
•
Physikdidaktische
Unterrichtsforschung
Physikdidaktik und Methodik
der Primarstufe (Grundschule)
der Sekundarstufe I (Hauptschule, Realschule, Gymnasium)
der Sekundarstufe II (Kollegstufe)
Abb. 0.2: Physikdidaktik im weiteren Sinne
Das bedeutet, dass diese „Physikdidaktik“ für Lehrkräfte der Primarstufe, insbesondere für die der Sekundarstufe I (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) und der Sekundarstufe II relevant ist. Außerdem kann diese „Physikdidaktik“ für „Naturwissenschaftlichen
Unterricht“ und die Ausbildung von Naturwissenschaftslehrern herangezogen werden.
2. Fachwissenschaften, wie die Physik, gehen in dieser Betrachtung
als „Bezugswissenschaften“ in die Fachdidaktiken ein. Die „Physikdidaktik“ gehört nach dieser Klassifikation zur Pädagogik bzw. zu
den Erziehungswissenschaften. Sie bezieht sich „nur“ auf die Physik.
Das bedeutet, dass solide Physikkenntnisse als Grundlage physikdidaktischer Tätigkeiten (Überlegungen, Entscheidungen, Handlungen)
bei jedem Physiklehrer verfügbar sein müssen.
Physik ist die
wichtigste
Bezugswissenschaft
der Physikdidaktik
3. Zur Unterscheidung von Didaktik (i. e. S.) und Methodik möchte
ich Ihnen die gleiche sehr vereinfachende Formulierung mit auf
Ihren Weg als zukünftige Lehrer geben, die bei mir in meiner Lehrerausbildung erfolgreich war: Die Didaktik (i. e. S.) befasst sich mit
Implikationszusammenhang von
Didaktik und
Methodik
8
0 Einführung: Was ist Physikdidaktik?
dem „Was“, d. h. mit Zielen und Inhalten, die Methodik mit dem
„Wie“, d. h. den möglichen „Wegen“ des Unterrichts, den Methoden
und Medien. In der traditionellen Auffassung bestimmen die Ziele
und Inhalte die Methoden und Medien. Heutzutage ist man der Auffassung, dass zwischen Didaktik und Methodik ein enger Zusammenhang besteht; man verwendet dafür auch den Ausdruck „Implikationszusammenhang“. Wie in Kap. 4 und 5 noch näher ausgeführt
ist, gibt es auch „Methoden“ (z. B. Gruppenunterricht) und „Medien“
(z. B. Computer), die bestimmte wichtige Ziele einschließen. In solchen Fällen bestimmen die Methoden und Medien die physikalischen
Inhalte, d. h. die traditionelle pädagogische Auffassung wird in solchen Fällen auf den Kopf gestellt.
0.3 Physikdidaktik: Forschung und Lehre
über Physikunterricht
Bezugswissenschaften aus den Naturwissenschaften
1. Der Physikunterricht berührt mehr als die Physik; offensichtlich
werden im Physikunterricht auch technische Themen behandelt.
Manchmal werden Fachdisziplinen wie Biologie, Chemie, Meteorologie, Astronomie tangiert; das geschieht insbesondere dann, wenn
man Projekte im Unterricht durchführt. Diese sind typischerweise
interdisziplinär, d. h. zwischen verschiedenen Disziplinen angesiedelt und damit auch das Fach überschreitend.
Bezugswissenschaften aus den Geistesund Erziehungswissenschaften
Aber auch ohne Projekte und ohne integrierten naturwissenschaftlichen Unterricht, d. h. im ganz „normalen“ Physikunterricht reicht die
Physik allein nicht aus. Manchmal wird die Geschichte der Physik
mit einbezogen. Um etwas „über“ die Physik zu sagen, benötigt der
Physiklehrer erkenntnis- und wissenschaftstheoretisches Wissen.
Außerdem gibt es Bezüge zur Pädagogik, zur Psychologie und zur
Soziologie (wie Ihnen aufgrund Ihrer erziehungswissenschaftlichen
Studien bekannt ist). Aufgrund dieser Zusammenhänge mit einer
Vielzahl anderer Fächer spricht man von der Physikdidaktik als einer
interdisziplinären Wissenschaft.
Physikdidaktik ist
eine interdisziplinäre Wissenschaft
Die Einflüsse dieser Bezugswissenschaften können recht unterschiedlich sein. Im Allgemeinen kann man davon ausgehen, dass
Physik, Technik, Pädagogik, Philosophie, Soziologie und Psychologie von besonderer Bedeutung für die Physikdidaktik sind.
0.3 Physikdidaktik: Forschung und Lehre über Physikunterricht
Geschichte
der Physik
Technik
Biologie
Physik
Chemie
9
Meteorologie
Astronomie
Abb. 0.3: Naturwissenschaftliche Bezugswissenschaften der Physikdidaktik
Wie bereits angedeutet, können etwa bei Unterrichtsprojekten beliebige thematische Bereiche aus anderen Disziplinen, z. B. aus der
Medizin oder den Rechtswissenschaften, eine ebenbürtige, prinzipiell sogar eine dominierende Rolle für eine gewisse Zeit spielen
(schulpraktisches Beispiel: Projekt „Nutzung der Kernenergie“).
Mit diesen Aussagen habe ich vermutlich Ihre bisherigen Vorstellungen über Physikunterricht ausgeweitet. Ich möchte meine Auffassung deutlich sagen:
• Ein zeitgemäßer Physikunterricht ist auch fachüberschreitend,
• allgemeine didaktische und methodisch-psychologische Überlegungen bestimmen den Unterricht gleichermaßen wie das Fach
Physik.
2. Nicht immer waren Physikdidaktiker dieser Auffassung. So
schrieb beispielsweise Grimsehl (1911, 2) in seiner „Didaktik und
Methodik der Physik“, dass „die naturwissenschaftliche Forschungsmethode … auf jeder Stufe des Physikunterrichts das Vorbild für die Unterrichtsmethode“ sein soll. Der Physikunterricht
sollte also ein vereinfachtes Abbild der Physik sein, nicht nur hinsichtlich der Inhalte, sondern auch hinsichtlich der Methode. Die
Dominanz des Faches Physik reicht etwa im Gymnasium und z. T.
Drei Perspektiven
des Physikunterrichts
10
0 Einführung: Was ist Physikdidaktik?
auch in der Realschule bis in den heutigen Physikunterricht, auch
wenn den derzeitigen Lehrplänen der Realschule und des Gymnasiums zeitgemäßere Auffassungen über den Physikunterricht zugrunde
liegen.
Die fachliche
„Brille“ genügt
nicht mehr
Aber diese Betrachtung durch eine fachliche „Brille“ genügt heutzutage
nicht mehr. Denn aus der fachlichen Perspektive allein kommt dem
Physikunterricht nur die Bedeutung zu, Physik als eine Art Kulturgut zu
vermitteln, ähnlich wie Musik, Malerei oder klassische Gedichte. Staat
und Gesellschaft haben ein berechtigtes Interesse für den Fortbestand
unserer technikorientierten Zivilisation, aber auch für eine intakte Umwelt für die gegenwärtige Generation und vor allem für die künftige.
Die gesellschaftliche
„Brille“
Durch die gesellschaftliche „Brille“ bilden sich neue didaktische
Schwerpunkte und neue Ziele des Physikunterrichts. Damit ändern
sich auch die Methoden, weil die neuen Ziele komplexere Fragestellungen behandeln und nicht nur physikalisches Wissen vermitteln
oder physikalische Probleme lösen sollen. Gesellschaftliche Fragen
unserer Zeit sollen mit naturwissenschaftlichem Hintergrundwissen
erörtert werden; damit sind zum Beispiel auch Verhaltensänderungen
im Zusammenhang mit dem Umweltschutz intendiert.
Die pädagogische
„Brille“
Sie sollen als künftige Lehrerin bzw. künftiger Lehrer noch eine
dritte Perspektive einnehmen, wenn Sie Physik unterrichten; es ist
die pädagogische. Der bereits eingangs erwähnte Martin Wagenschein (19764) hat hierauf besonders in seinem Buch: „Die pädagogische Dimension der Physik“ aufmerksam gemacht. Diesen Titel
ein wenig verändernd spreche ich von der „Pädagogischen Dimension des Physikunterrichts“ (Kircher 1995).
Was ist damit gemeint?
Wenn ein Lehrer, was gelegentlich vorkommen soll, nur eine fachliche „Brille“ zur Verfügung hat, vergisst er die Schüler, die Kinder,
die Jugendlichen, die Heranwachsenden. Für diese muss der Physiklehrer mehr sein als ein sprechendes Physikbuch und ein experimentierender Roboter. Er muss Physik und physikalische Kontexte allen
Schülern erklären können, trotz unterschiedlicher Lernvoraussetzungen und Interessen der Schüler einer Klasse. Er muss physikalische
Gespräche, Diskussionen zwischen den Schülern anregen und moderieren können. Wagenschein hat dafür den Ausdruck „genetisch
unterrichten“ geprägt. Das ist freilich noch nicht alles, was die pädagogische Dimension des Physikunterrichts charakterisiert. Der Lehrer muss die Schüler in ihren Schulleistungen, aber auch in ihrem
alltäglichen Verhalten gegenüber Mitschülern und der Klassenge-
0.3 Physikdidaktik: Forschung und Lehre über Physikunterricht
11
meinschaft gerecht beurteilen, Zwistigkeiten schlichten, in gewisser
Hinsicht auch Vorbild für die Schüler sein. Selbst private Probleme
sind nicht tabu für den verständnisvollen, hilfsbereiten Lehrer, trotz
der latenten Problematik von Privatem zwischen Lehrer und Schüler.
4. Während Sie als Lehrer oder Lehrerin die fachliche bzw. die gesellschaftliche „Brille“ mal aufsetzen, mal absetzen können, sollten Sie
versuchen, die pädagogische Brille während der ganzen Zeit aufzubehalten, in der sie unterrichten. Während des Studiums und während der
Referendarzeit sollte die pädagogische Perspektive zu einer Grundeinstellung jedes Lehrers werden. Man sollte sie in einer Klasse auch in
solchen Situationen beibehalten, wo dies sehr schwer fällt.
Die pädagogische
„Brille“ sollte ein
Lehrer nie absetzen
Ich betone dies hier, weil insbesondere künftige Naturwissenschaftslehrer durch ihr intensives Fachstudium in Gefahr sind, die pädagogische Dimension des Physikunterrichts aus den Augen zu verlieren.
Man kann von einer subjektorientierten Physikdidaktik sprechen, in
der im Allgemeinen die lernenden Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt stehen – nicht etwa die Physik.
Subjektorientierte
Physikdidaktik
5. Ergänzung: Ich habe in dieser „Einführung“ noch nicht über die
physikdidaktische Forschung gesprochen. Ich möchte es bei einigen
wenigen Bemerkungen und Beispielen bewenden lassen, weil Sie
sich erst im 5. und 6. Semester gedanklich mit ihrer Zulassungsarbeit
und damit mit der Frage beschäftigen werden: In welchem Fach
fertige ich die Zulassungsarbeit an?
Physikdidaktische
Forschung
In der Physikdidaktik bieten sich eine ganze Reihe von attraktiven
Themenstellungen an, z. B.:
• Fachlich/gesellschaftlich orientierte Projekte im PhU (z. B. „Alternative Energie“, „Lärm und Lärmschutz“, „Farben“...)
• Elementarisierung neuer physikal. Theorien/ neuer techn. Geräte
z. B. „Chaostheorie“, „Moderne Astrophysik“, „Computer im
PhU“, „Moderne Kamera“, „Laser“)
• Lernvoraussetzungen, Einstellungen und Interessen der Schüler
(empirische Untersuchungen über Alltagsvorstellungen...)
• Konzeption von Unterrichtseinheiten und Analyse im Unterricht
(Projekte, Lernzirkel, Spiele, Elementarisierungen neuer Fachinhalte (z.B. der modernen Physik)…)
• Wirkungen von Medien im PhU
(empirische Untersuchungen über Computer, Schulbuch, spezifische Schulexperimente, Analogien)
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0 Einführung: Was ist Physikdidaktik?
Die Ergebnisse der physikdidaktischen Forschung werden (z. T.) in
Zeitschriften publiziert.
Zeitschriften im
deutschsprachigen
Raum
Zeitschriften im deutschsprachigen Raum:
• „Naturwissenschaften im Unterricht-Physik“ (NiU/Physik):
vorwiegend Sekundarstufe I
• „Praxis der Naturwissenschaften Physik/ Physik in der Schule“:
beide Sekundarstufen und Primarstufe
• „Der mathematisch naturwissenschaftliche Unterricht“ (MNU):
Gymnasium
• „Zeitschrift für die Didaktik der Naturwissenschaften“ (ZfDN):
Naturwissenschaftsdidaktische Grundlagen (Theorie und Empirie)
• Der Physikunterricht (1984 eingestellt)
• Physica didactica (1991 eingestellt)
• Physik und Didaktik (1994 eingestellt)
• PhyDid: Internetzeitschrift der DPG (http://www.phydid.de)
Zur Professionalität eines Lehrers gehört, aktuelle Beiträge und Diskussionen der Physikdidaktik zu kennen. Natürlich wäre es auch
wünschenswert, dass Sie während Ihres Studiums auch den internationalen Stand der Forschung über den Physikunterricht verfolgen
würden. Die folgenden englischsprachigen Zeitschriften sind leider
nicht an allen Universitäten zugänglich:
Internationale
Zeitschriften
• Physics Education
• The Physics Teacher
• International Journal of Science Education
• Science Education
• Journal of the Research of Science Education
Literatur
v. Hentig, H. (1966). Platonisches Lehren. Stuttgart: Klett.
Grimsehl, E. (1977). Didaktik und Methodik der Physik. München,1911. Reprint: Bad Salzdetfurth.
Jank, J. & Meyer, H. (1991). Didaktische Modelle. Frankfurt: Cornelsen Scriptor.
Kircher, E. (1995). Studien zur Physikdidaktik. Kiel: IPN.
v. Oy, K. (1977). Was ist Physik? Stuttgart: Klett.
Wagenschein, M. (19764). Die pädagogische Dimension der Physik. Braunschweig: Westermann.
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