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Avalokitesvara/Guanyin kommt nach China gekürzte Fassung

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Einleitung
Ein Rätsel durchzieht die Buddhismusforschung bis heute: Was hat den Mahayana-Buddhismus
hervorgebracht? Warum ist er entstanden? Wie immer man die Frage beantwortet, eine Tatsache wird
dabei immer eine Rolle spielen: Der Wandel des Begriffs des „bodhisattva“. Vor der Wende zum
Mahayana war der Bodhisattva ein Wesen, dessen Erleuchtung unmittelbar bevorstand. Nachher war
er das Erleuchtungswesen, das aus Mitleid mit aller Kreatur gelobte, so lange auf das volle Eingehen
ins Nirvana zu verzichten, bis alle Wesen zur Erleuchtung gekommen sind. Mitleid und Erbarmen
personifizieren sich im Bodhisattva des neu entstandenen Mahyana-Buddhismus.
Es gibt viele verschiedene Bodhisattvas, aber Avalokitesvara/Guanyin ist sozusagen der Bodhisattva
aller Bodhisattvas - so jedenfalls möchte ich ihn nennen. Er ist der Liebling von unzähligen Gläubigen
und Kunstliebhabern geworden – und dies weit über den buddhistischen Raum hinaus. In China - das
hat die Gelehrtenwelt immer wieder beschäftigt - ist aus ihm eine madonnenhafte „Göttin der
Barmherzigkeit“ geworden und erfreut sich in dieser Gestalt quer durch alle Religionen allgemeiner
Beliebtheit. Oftmals wissen ihre Verehrerinnen und Verehrer - selbst moderne Chinesen - nicht, dass
Guanyin einst vom fernen Indien nach China gekommen ist, ja nicht einmal von ihrem buddhistischen
Ursprung.
Von einer gelehrten Inderin habe ich folgende Feststellung aufgeschnappt: So, wie der Buddhismus
am Entstehen der Weltreligionen einen Hauptanteil hat, so ist die Verwandlung des indischen
Avalokitesvara in die wunderbare Erbarmerin Guanyin der Beitrag Chinas zum Buddhismus. Diesen
Beitrag versuche ich hier zu skizzieren.
1
1. Funktion und Gestalt von Avalokitesvara in den indischen Textquellen
Die Literatur zur Avalokitesvara-Forschung nennt übereinstimmend einige Mahayana-Texte, in
welchen zum ersten Mal vom Bodhisattva Avalokitesvara die Rede ist. Es handelt sich um
Sanskrittexte, die nur noch in chinesischer Übersetzung erhalten sind. Ihre Datierung ist mehrheitlich
unbekannt, jedoch bestehen genauere Angaben zum Datum ihrer Übersetzung, woraus Schlüsse zur
Entstehungszeit gezogen werden können. In den chinesischen Übersetzungen finden sich außerdem
Sanskrit-Eulogien in chinesischer Transliteration, was eine Rückübersetzung in die Originalsprache
ermöglicht.
1.1. Die Sutren vom „Reinen Land“
Als erste sprechen die Sutras vom „ReinenLand“ von Avalokitesvara, nämlich das SukhavativyuhaSutra und das Amitayurdhyana- oder Amitayurbuddhanusmriti-Sutra.
Beim Sukhavativyuha-Sutra handelt es sich um eine Gruppe von unterschiedlich langen chinesischen
Übersetzungen eines nichterhaltenen grundlegenden Sanskrittextes1. Das sogenannte „längere
Sukhavativyuha“ wurde im 2. Jh. n.Chr. ins Chinesische übersetzt. Es ist das erste Textzeugnis für die
Existenz des Bodhisattva Avalokitesvara, der allerdings hier noch eine Vorstufe seines Namens trägt
(vgl. Kapitel 3). Seine Aufgabe wird als die eines Helfers des Jina2 Amitabha beschrieben, der über
das reine Land (sukhavati), das Paradies des Westens, regiert. In einer späteren kürzeren Übersetzung
(von Kumarajiva anfangs 5. Jh.) sind Avalokitesvara und sein Begleiter Mahasthamaprapta Diener
und spätere Erben des Buddha Amitabha. Ihr Erscheinen ist von weithin strahlendem Licht begleitet –
einem Merkmal, das in der gesamten Avalokitesvara-Charakteristik eine bedeutende Rolle spielt.
Das Amitayurdhyana-Sutra (ins Chinesische übersetzt im 3. Jh. n.Chr.) enthält bereits viele der später
normativ gewordenen ikonographischen Details zur Visualisierung bzw.Gestaltung des Bodhisattva
Avalokitesvara. Hier ist zwar noch nicht die Rede von 1000 Armen und 1000 Augen, aber
Avalokitesvara ist umgeben von einem Kranz von achtzigtausend Lichtstrahlen und weiteren
abertausend Lichtstrahlen, die von seinen Händen ausgehen, mit denen er alle Lebewesen umfängt und
an sich zieht. Seine Fußsohlen tragen den Abdruck eines Rades mit tausend Speichen, die sich in
fünfhundert Millionen Lichtstrahlen verwandeln. - Auch wird gesagt, dass das bloße Hören des
1
Insgesamt weiß man von 12 Übersetzungen, davon sind 5 erhalten. Zum Stand der Diskussion vgl.Yü2001:34
5 „Jinas“ (früher sog. „Dhyani-Buddhas“): Fünf „Emanationen“ des kosmisch verstandenen „Urbuddha“ auf der Ebene des
Sambhogakaya im Rahmen der buddhistischen Dreikörperlehre (trikaya), einer davon ist der Jina Amitabha, der über das
„Reine Land“ im Westen regiert (sukhavati). Die anderen Jinas sind: Vairocana, der Jina der Mitte, Ratnasambhava der Jina
des Südens, Amothasiddhi der Jina des Nordens. Meines Erachtens liegt in der Entstehung der Jina-Lehre ein Schlüssel zum
Verständnis des Mahayana- und Vajrayana-Buddhismus, der im Rahmen der Buddhologie praktisch noch unentdeckt
geblieben ist.
2
2
Namens von Bodhisattva Avalokitesvara einen Gläubigen schon dazu befähigt, unermessliche
Glückseligkeit zu erfahren. Die Art und Weise, wie Avalokita-Svara und Mahasthamaprapta bei der
Erlösung von Amitabhas Gläubigen mitwirken, wird hier deutlicher: Die beiden Bodhisattvas
offenbaren jedem Gläubigen die ihm gemäss seiner spirituellen Fähigkeit fassbare Wahrheit
(saddharma).
1.2. Das Lotus-Sutra
Der bekannteste Text der Avalokitesvara-Verehrung (und einer der meist verbreiteten buddhistischen
Texte überhaupt) ist das Saddharmapundarika-sutra, wörtlich das „Sutra von der Lotosblume des
wahren Dharma“ (abgekürzt „Lotus-Sutra“), das mindestens drei Übersetzungen ins Chinesische
erfahren hat: Die erste stammt aus dem Jahr 186 n.Chr. von Dharmaraksa (chinesischer Titel: zheng
fa hua jïng), die zweite um 406 n.Chr. von Kumarajiva und eine dritte von Jnanagupta und
Dharmagupta um 601 n.Chr. (Chinesischer Titel: Tian pin miao fa lian hua jing) Die Übersetzung von
Kumarajiva mit dem Titel Miao fa lian hua jing wurde allen anderen vorgezogen und bildete die
Vorlage für zahlreiche Kommentare und späteren Abhandlungen, vor allem des japanischen
Buddhismus3.
Sakyamuni, der Buddha selbst, erklärt das Kernstück des Sutras folgendermaßen:
„...wenn unzählbare Hunderte von Tausenden von Myriaden von Millionen leidender Lebewesen in
ihren Schmerzen und Qualen von diesem Bodhisattva Avalokitesvara hören und in ungeteilter
Aufmerksamkeit seinen Namen anrufen, so wird Avalokitesvara augenblicklich ihre Stimmen
hören und sie erlösen.“4
Danach folgt die Beschreibung, wie Avalokitesvara diejenigen rettet, die ihn anrufen - aus dem Feuer,
vor dem Ertrinken oder vor Tötung. Der Bodhisattva errettet aus Gefängnissen, aus den Händen von
Räubern, aus den Fängen der Leidenschaft, die den karmischen Grund für eine unglückliche
Wiedergeburt legen. Frauen, die sich Kinder wünschen, erfüllt er ihre Bitten. Avalokitesvara nimmt
jede nötige Form, jeden nötigen Körper an, um seine Gläubigen aus drohender Gefahr zu retten und
ihnen im Augenblick der Angst Mut zuzusprechen: Er erscheint - je nach Notwendigkeit - in allen
erdenklichen menschlichen Gestalten, aber ebenso als Gott, als Buddha, als Drachenschlange oder als
eines der zahlreichen feenhaften oder dämonischen Zwischenwesen der buddhistischen
Erscheinungswelt, um in der aktuellen Situation eingreifen zu können.5
Das Lotus-Sutra enthält ein ganzes Kapitel, das allein dem Bodhisattva Avalokitesvara gewidmet ist.
Es geriet schon früh als separate Schrift in Umlauf und trug als unabhängiges „Sutra von Guanyin“
(guan yin jing) zur Integration des noch verhältnismäßig jungen Bodhisattvas des Erbarmens in die
3
4
5
Ausführlicheres zu den verschiedenen Übersetzungen vgl. Yü2001:38 f.
nach einer Übersetzung von Hurvitz, zitiert nach HOLT1991:36
man zählt 33 verschiedene Gestalten, die später in der sino-japanischen Kannon-Ikonographie standardisiert und
popularisiert wurden. Jedoch sind nicht alle dort genannten Namen auf diese Beschreibungen zurückzuführen.
3
Volksverehrung bei. Im 6. Jh. erhielt dieses Kapitel (je nach Übersetzung das 24. oder 25.) ausserdem
den Namen „Universales Tor des Bodhisattva Avalokitesvara“ (guan shi yin pu sa pu men pin, kurz pu
men ).
Illustrationen des Pumen aus frühester Zeit (zu finden auf Seidenbildern von Dunhuang) haben als
Vorbilder für die in der Yuan-Zeit aufkommenden illustrierten Blockdrucke des Guanyin-Sutras
gedient. Kleine Errettungsszenen aus den im Text geschilderten Nöten werden rund um die zentrale
Rettergestalt gezeichnet und mit Schriftkartuschen kommentiert. Diese Form der Darstellung lieferte
ihrerseits die Prototypen für die Buchillustrationen und Frontispize aus der Ming- und Qing-Zeit, in
der das Pumen aus dem Lotus-Sutra häufig als separates Buch gedruckt wurde. (EBERT:83) .
Diese verhältnismäßig frühen Texte6 haben alle etwas gemeinsam: Das große Erbarmen manifestiert
sich zwar im Bodhisattva Avalokitesvara, letztenendes gründet es aber im Jina Amitabha.
Avalokitesvara ist – je nach Text – Helfer, einstiger Sohn oder Erbe des großen Herrn des
Erlösungslandes sukhavati. Ferner ist es der Bodhisattva selbst, der durch seine Gegenwart, durch das
Hören auf den Anruf und durch sein Eingreifen die Menschen vor Not bewahrt und ihnen zur Erlösung
verhilft. In den nun folgenden Texten tritt etwas hinzu, was besonders zu den Merkmalen des
esoterischen Buddhismus7 gezählt wird: das „Halten“, Sprechen und sprechende Übermitteln von
dharanis (mantrischen Sätzen)8 und sogar deren personale Anrufung.
1.3. Das Dharani-Mantra-Sutra der Einladung an den Bodhisattva Avalokitesvara, giftiges Übel
auszutreiben
Dieses Sutra wurde um 420 n.Chr. ins Chinesische übersetzt (qing guan shi yin psa xiao fu tu hai tuo
lo ni jing, abgekürzt: qing guan yin jing) Es bildet die Grundlage für die Metamorphose des
männlichen Avalokitesvara in sechs bestimmte Formen der weiblichen Guanyin, wie sie in Japan und
Korea verehrt werden. Auch wird hier bereits eine Gestalt des Bodhisattvas mit tausend Händen und
Armen erwähnt, die aber speziell für die Errettung aus der Hölle zuständig ist (REIS-ABITO1993:48).
Das Sutra enthält eine Dharani zur Auflösung von Gift und Karma, ausserdem werden hier bereits die
Weidenzweige erwähnt, die Eingang in viele populäre Guanyin-Darstellungen gefunden haben. Auch
das Motiv der schweren Geburt bzw. die Bewahrung vor einer solchen ist hier anzutreffen - ebenfalls
ein Thema in der Verehrung der chinesischen Guanyin. (REIS-HABITO1993:52)
6
Weitere frühe Texte sind: zwei avalokita-sutras (HOLT1991:31f.); karunapundarika-sutra (REIS- HABITO1993:44-48);
surangama-sutra (shou leng-yan jing) (Yü2001:40f.)
7
über die Unterscheidung von esoterischen und nichtesoterischen buddhistischen Texten vgl.SHARF2003:Appendix 1 und
Yü2001:48f
8
Dharani (von der Sanskritwurzel dhr: „halten, zusammenhalten“) ist die spezifisch buddhistische Bezeichnung für eine
Reihe von mantras, in denen die Essenz eines Sutras „gehalten“ und kondensiert wird. Für die chinesische Wiedergabe dieser
Dharanis wurde die sogenannte Siddham-Schrift, entwickelt, die mit ihrem Namen schon auf die besondere Wirkkraft dieser
Mantras hinweist (siddhis sind die durch Meditationskraft entwickelten z.T. magischen Fähigkeiten).
4
1.4. Das Sutra von der göttlichen Dharani vom elfköpfigen Avalokitesvara
(gesprochen) vom Buddha
Dieser Text wurde im späteren 6. Jh. ins Chinesische übersetzt (fo shuo shi yi mian guan shi yin shen
zhou jing) und ist der früheste Text, der eine tantrische Form des Bodhisattva nach China brachte.
(Yü2001:54). Das Sutra empfiehlt das tägliche rituelle Bad mit der anschließenden 108-fachen Rezitation
der Dharani, mit vielfachem Gewinn für das tägliche Leben und mit dem Effekt, nach dem Tode von den
karmischen Folgen des unerleuchteten Lebens frei zu bleiben. Genaue Anweisungen zur Herstellung und
anschließenden Verehrung des Bildnisses folgen, in das Avalokitesvara nach einer gewissen Zeit selbst
eintritt. Er erfüllt dann alle Wünsche derer, die die komplizierten, tagelang anhaltenden Riten
vorschriftsgemäss ausgeführt haben .
1.5. Der Tausendarmige und Tausendäugige Avalokitesvara
Mit dieser tantrischen Gestalt Avalokitesvaras ist eine ganze Gruppe von Texten verbunden. Dreizehn
verschiedene Versionen der Verehrung wurden während der Tangzeit ins Chinesische übersetzt, von
denen in China vor allem diejenige von Bhagavaddharma die größte Bedeutung erlangt hat. Der
chinesische Titel ist qian shou qian yan guan shi yin pu sa guang da yuan man wu ai da bei xin tuo lo
ni jing, kurz qian shou jing, „das Sutra vom Tausendarmigen“. Yü sagt von diesem Text, dass er bei
weitem die wichtigste esoterische Schrift in China war (Yü2001:59), deshalb sei er hier etwas
ausführlicher vorgestellt:
Das Sutra wird vom Buddha in Avalokitesvaras Palast auf der Insel Potalaka gesprochen. Ein
gewaltiges kosmisches Aufleuchten unter gleichzeitiger Erschütterung aller Welten ereignet sich
als Ankündigung für die bevorstehende Offenbarung der Dharani durch Avalokitesvara. Dieser
ergreift das Wort und beschreibt, wie er die Dharani einst vor unzähligen Zeitaltern erhalten hatte
und infolge dieser Dharani zu seiner tausendarmigen und tausendäugigen Gestalt kam. Danach ruft
der Bodhisattva alle, die seine Dharani erhalten möchten, dazu auf, in sich den Gedanken das
Erbarmens für alle lebenden Wesen aufzurichten, indem sie an ihn, den Avalokitesvara des Großen
Erbarmens, 10 Wunschgelübde9 richten. Nach der Äußerung dieser Wünsche soll der Name
Amitabhas angerufen werden, der der ursprüngliche Lehrer des großen Erbarmers ist. In vielen
Bildnissen Avalokitesvaras wird diese Verbindung zu Amitabha mit einer kleinen Buddhafigur in
der usnisa des Bodhisattva dargestellt, ein Zeichen, an dem in künstlerischen Darstellungen der
Bodhisattva Avalokitesvara leicht zu erkennen ist.
Wer, so heißt es weiter, die Dharani im vollen Glauben an ihre Wirkkraft rezitiert, ist befreit von
der karmischen Auswirkung aller Sünden. Wer jedoch an der Wirkkraft der Dharani zweifelt –
auch wenn er sie rezitiert – wird nicht befreit. Das Sutra beschreibt die Bewahrung vor 15 Arten
eines schlechten Todes und 15 Arten einer guten Wiedergeburt - und dann wird die Dharani
offenbart.
Die verschiedenen Versionen des Textes enthalten unterschiedlich viele Anweisungen für die rituelle
Praxis und die Herstellung von Bildnissen. Bhagavaddharmas Text lässt sie mehrheitlich weg, dafür
enthält er als einziger die Abteilung der zehn großen Wünsche zur Aufrichtung des inneren Erbarmens
9
Wunschgelübde: Gelübde, die man zu halten gelobt, wenn der Wunsch in Erfüllung gegangen ist.
5
und die soeben genannte Bewahrung vor üblem Tod bzw. die Beschreibung glücklicher
Wiedergeburten.
„Die konkrete Macht der Dharani über den Tod sowie das Umfassende der Bodhisattva-Gelübde
könnte der Grund für die Bevorzugung dieses besonderenen Sutras sein. Hier dürfte gerade das
Fehlen von komplizierten Anweisungen zur Herstellung von Bildnissen oder VisualisierungsRichtlinien zur Popularität des Textes bei den einfachen Leuten beigetragen haben.“ (Yü2001:69)
Manuskripte von Dunhuang aus dem 8. Jh. bezeugen diese Popularität. Einzelne Schriften
sind Auszüge aus den 10 großen Wünschen und werden Anrufung des großen Erbarmers (da
bei qi qing) genannt. Ein einfaches Bußritual bestand wohl bereits damals in der Rezitation
dieser 10 Wünsche und der Dharani. - Weil dieses Sutra sich so großer Beliebtheit erfreute,
wurde von der Tangzeit an der Ausdruck „Großer Erbarmer“ oder „Großes Erbarmen“
besonders mit dieser tausendarmigen und tausendäuigigen Gestalt Avalokitesvaras in
Verbindung gebracht. Früher galt das Epithet des Erbarmens für den Bodhisattva allgemein
und war auf keine besondere Bodhisattva-Erscheinung bezogen.
1.6. Die Dharani des Großen Erbarmens
Im 10. Jahrhundert griff der chinesische Mönch Zhi-li auf dieses Sutra zurück, als er die „Dharani des
Großen Erbarmens“ (Qian-shou qian-yan da-bei zhou-fa, kurz: Da-bei zhou) schuf, ein Text, der noch
grössere Berühmtheit und Verbreitung fand als das grundlegende Sutra. Von derselben Zeit an, ab dem
11. Jahrhundert, wurde der aus Indien stammende tausendgliedrige Bodhisattva mit der Legende von
der chinesischen Prinzessin Miaoshan verquickt, was der Ausgangspunkt für eine landesweiten
Guanyin Verehrung war. Dieser Buß-Text hat bei diesem Prozess entscheidend mitgewirkt
(vgl. hierzu auch Kap. 5).- Die „Dharani des Großen Erbarmens“ hat sich in zahlreichen
Versionen verbreitet und erhalten und wurde in geduldiger jahrelanger Kleinarbeit von
Lokesh Chandra als vermutlicher Original-Sanskrittext wiederhergestellt. Noch heute wird
diese Dharani in allen Zenklöstern der Welt rezitiert und ist ein unverzichtbarer Ritualtext
geblieben10 . Weitere Ausführungen zu diesem besonderen Text finden sich bei MariaDorothea Reis-Habito und bei Junfang Yü, die dem Text ein ganzes Kapitel ihres
umfangreichen Buches widmet.
10
Lokesh Chandra fügt der Ausgabe seines reich illustrierten Buches (CHANDRA1988) eine Kassette bei, auf der
verschiedene heute gebräuchliche Rezitationen der Dharani zu hören sind.
6
1.7. Das Karandavyuha-Sutra
Die Entstehung des karandavyuha-sutra vermutet man heute ums Jahr 400 in Kashmir, während die
Übersetzung ins Chinesische und die Verbreitung in China wohl erst im 9./10. Jahrhundert
stattgefunden hat. (REISHABITO1993:60 und STUDHOLME2002:17)
Im Karandavyuha-sutra (da sheng zhuang yan bao wang jing) wird der Bodhisattva schließlich zum
Weltenschöpfer. Folgendes sagt der Buddha Sakyamuni vom Bodhisattva aller Bodhisattvas:
„Aus den Augen des Bodhisattva Avalokitesvara sind Sonne und Mond entstanden. Aus seiner
Stirn ist Mahesvara entstanden, aus seiner Schulter Brahma, aus seinem Herzen Narayana, aus
seinen Zähnen Sarasvati, aus seinem Mund der Windgott, aus seinen Füßen der Erdgott, aus seinem
Bauch der Wassergott. Aus dem Körper des Avalokitesvara sind alle diese Götter entstanden.“
(REIS-HABITO1993:61)
Mt elf Gesichtern, hunderttausend Augen und ebensovielen Armen wird der Bodhisattva hier
beschrieben. Aber auch folgendes findet sich im selben Sutra: „Hier ist es auch, dass Avalokitesvara
als sanfter Padmapani (lian hua shou...) [d.h. „dessen Hand den Lotus trägt] die Gestalt eines
königlichen Arztes (yao wang ) annimmt und mit seinen Augen alles erleuchtet. Diese Gestalt nimmt
er an, um die sechssilbige dharani (liu zi da ming) zu offenbaren, nämlich das Mantra om mani padme
hum....Und in diesem Zusammenhang wird er (er und seine dharani-“Mutter“) mit der Göttin
Cundi...in Verbindung gebracht.“ (vgl.STEIN1986:52)
Padmapani, der „Lotusträger“, ist ein wichtiges ikonographisches Merkmal für den Bodhisattva, das
hier außerdem noch mit dem Stichwort „Arzt“ bzw. „Heilung“ auftritt. Ein weiteres Motiv, das in
dieser Schrift ausführlich zur Sprache kommt, ist eine Höllenfahrt des Bodhisattva Avalokitesvara.
Beide Motive, Arzt und Höllenfahrt, spielen auch in der chinesischen Legende von Miaoshan, die mit
dem Bodhisattva Avalokitesvara-Guanyin verschmilzt, eine Rolle. Man ist deshalb überzeugt, dass das
Karandavyuha bei der Verbindung von Guanyin mit der Legende von der Prinzessin Miaoshan
ebenfalls entscheidend mitgewirkt hat (vgl. später).
7
1.8. Weitere Texte und ikonographische Konsolidierung
Nur erwähnt sei hier die Schrift zum Cintamani-Cakra (ru yi lun) (Yü2001:70), welche im
Zusammenhang mit der sechssilbigen Dharani auch für die Ikonographie eine Rolle spielt, und die
beiden Sammlungen, die Strickmann in seinem Kapitel zu Guanyin vorstellt: 1. das „DharaniMagazin“ (tuo lo ni za zhi) und 2. die „Dharani-Sutra-Sammlung“ (tuo lo ni zhi ji), beide aus dem 7.
Jh.11 Anhand dieser Texte kann gesagt werden, dass um die Mitte des 7. Jahrhunderts in Indien alle
esoterischen Gestalten von Avalokitesvara bekannt und mithin auch die meisten ikonographischen
Merkmale im Umlauf waren: Avalokitesvara mit dem Lotus, oftmals hält er zusätzlich auch eine
Flasche oder Vase in Händen und um den Hals eine Juwelenkette. Pandaravasini, die
„Weißgekleidete“ findet sich hier als Name12, dem wir in chinesischer Form als „Weißgekleidete
Guanyin“ (baiyi) wiederbegegnen oder „der Pferdeköpfige“ (hayagriva, chinesissch ma tou).
Im Unterschied zu den frühen Texten unterstreichen die esoterischen Texte, wie notwendig die
Herstellung des Bildnisses bzw. die Visualisierung in der vorgeschriebenen Form ist. Ausserdem spielt
die exakte Anzahl der Wiederholungen der Dharani und die Einhaltung vorgeschriebener Zeiten bei
allen rituellen Handlungen eine Rolle. Erst wenn alle Vorschriften erfüllt sind, erscheint
Avalokitesvara in einer Vision - entweder als Mönch oder in der Gestalt, in der der Praktizierende ihn
visualisiert hat. Das sind Auflagen, die im Lotussutra noch nicht gemacht werden. Hierzu ist aber eine
Beobachtung von Strickmann unbedingt erwähnenswert, die er im Zusammenhang mit der DharaniSammlung macht:
„Trotz ihres esoterischen Charakters sind die Rituale nicht einer abgesonderten monastischen Elite
vorbehalten. Ganz im Gegenteil, es ist offensichtlich, dass der Autor sich in erster Linie an Laien
wendet.“ (STRICKMANN1996:163)
Dies ist wohl eine „soziale Manifestation“ ebendieses neu formulierten, universal wahrgenommenen
großen Erbarmens.
1.9. Zusammenfassung
Ein Hauptzug in der Erscheinung des Bodhisattva Avalokitesvara/Guanyin ist sicher seine
Entwicklung von einer marginalen Figur zu einem unabhängigen Erlöser und weiter zum gewaltigen
Schöpfer des ganzen Universums. In jedem dieser Stadien - er durchläuft sie von den ersten
Jahrhunderten nach Christus bis etwa in die Mitte des 7. Jahrhunderts - behält er aber eine Eigenschaft,
die ihm schon in den frühesten Textzeugnissen zugesprochen wird: Diejenige des Helfers bei der
Erlangung der Erleuchtung. Seine sich über die Jahrhunderte offenbarende Gestalt erfährt über die
Jahrhunderte eine Wandlung von einfacher Menschengestalt zum vielköpfigen, vielarmigen und
vieläugigen göttlichen Wesen. Licht in der Doppelgestalt des Sehens und des Leuchtens sowie Klang
11
Yü2001:51-72
Pandaravasin kann ursprünglich ein Epithet für den Bodhisattva selbst gewesen sein. Erst später wurde Pandaravasini eine
Göttin im Umkreis von Avalokitesvara Yü2001:53
12
8
in der Doppelgestalt des Hörens und Sprechens gehören zu seinem Wesen und sind kosmische und
magische Qualitäten seines Erbarmens. Zum Abschluss noch eine Feststellung von Maria-Dorothea Reis-Habito, die sich eingehend mit den
Erscheinungen und Texten des Großen Erbarmers befasst hat:
„Die Entfaltung des Bodhisattva Avalokitesvara in unterschiedliche Erscheinungsformen des
gleichbleibend großen Erbarmens findet ihren tiefsten Ausdruck in seiner Form mit tausend
Händen und Augen. Das Mittel, diese Erscheinungsform heraufzubeschwören und ihre Kräfte
wirksam zu machen, ist die Dharani des großen Erbarmens. Somit geht die Entwicklung der
dharanis mit der Entwicklung der Bodhisattvas Hand in Hand und konzentriert die Macht, die
anfangs durch die Anrufung ihrer Namen wirksam gemacht wurde, in den Silben der Dharanis. In
diesem Zusammenhang nimmt es nicht Wunder, daß die Dharani des großen Erbarmens
schließlich...selbst Gegenstand der Anrufung werden kann.“ (REIS-HABITO1993:26,
Hervorhebung von mir)
Texte sind eben - wie Isabelle Robinet sagt - „ein Zeugnis für das Band zwischen Göttern und
Menschen.“13 Man sollte daran denken, wenn man mit alten Texten zu tun hat.
13
zitiert von Yü2001:S.18 aus Robinet, Isabelle, 1997 Taoism: Growth of a Religion, tr. by Phyllis Brooks, Stanford:Stanford
University Press, S.14
9
2. Der indische Name Avalokitesvara und seine chinesischen Übersetzungen
Herkunft und Bedeutung des indischen Namens Avalokitesvara und seine Übersetzung ins
Chinesische haben seit frühester Zeit Anlass zu Diskussionen gegeben. Der indische Name –
zusammengezogen aus Avalokita und Isvara – ist wegen seiner ausgefallenen grammatikalen
Konstruktion nicht eindeutig übersetzbar, und auch das Wort yin („Klang“, „Ton“) im chinesischen
Namen Guanyin kann von diesem Sanskritnamen nicht abgeleitet werden. Was heisst Avalokitesvara –
und wie kam der Bodhisattva zu seinem chinesischen Namen?
Die einzelnen Elemente des indischen Namens sind avalokita (eine passivische Konstruktion der
Verbwurzel lok „sehen“ mit der Vorsilbe ava „herab“) , und isvara, „Herr“. Wie die
Zusammensetzung der beiden Elemente zu einem Wort zu übersetzen sei, ist Gegenstand mancher
Gelehrtenabhandlung und „ein Beispiel philologischer Frustration“, wie Holt meint (HOLT1992:31).
Eine mögliche Wiedergabe von avalokita-isvara ist „der herabblickende Herr“, wenn die Behauptung
stimmt, dass solche passivischen Konstruktionen in der Sanskritliteratur öfter in aktiver Bedeutung
anzutreffen sind (HOLT1992:31).
2.1. Avalokita-Svara – Guanyin
Die Forschung hat festgestellt, dass der Name Avalokitesvaras ursprünglich Avalokita-Svara lautete
und sich erst durch verschiedene Einflüsse in Avalokita-Isvara wandelte. Svara heisst „Ton“ „Klang“
oder „Stimme“, Avalokita-Svara wäre etwa mit „die Stimme des Beobachters“ oder „die Stimme/der
Klang des Gesehenen“ zu übersetzen und ergäbe so für den heute üblichen chinesischen Namen
Guanyin die passende Vorlage: avalokita („der Herabschauende“ oder „der Daraufblickende“) wird
mit guan übersetzt, svara mit yin. „Guanyin“ war aber nicht der erste chinesische Name des
Bodhisattva Avalokitesvara, sondern ursprünglich wurde er guan shi yin genannt. Woher stammt das
Wort shi („Welt“)? – Dafür gibt es mehrere Erklärungen.
2.2. Guang-Yin und Guan-shi-yin
Im Lotus-Sutra heisst es, Hören und Anrufen des Namens von Avalokita-Svara sind die Grundlagen
für die Errettung der Gläubigen, und dies weist hin auf das Hören und Gehörtwerden, auf Klang und
Stimme. Das passt zum damaligen Namen Avalokita-Svara, da svara, wie bereits erwähnt, ja eben
„Klang“ bedeutet. Wie ebenfalls bereits erwähnt, spielt aber auch das Licht als Wesenszug dieses
Bodhisattva eine betonte Rolle. Yü2001:38 weist hin auf den Zusammenhang von Licht und Klang:
„...der Bodhisattva durchlichtet und erleuchtet die Welt durch seine Stimme oder seinen Klang.“
10
Die Kraft zur Erleuchtung durch den Klang ist eine besondere Fähigkeit Avalokita-Svaras. Und eben
diese Fähigkeit Avalokita-Svaras hat dem Bodhisattva zu einem weiteren Namen verholfen:
Abhaloka-Svara. „abha-loka“ ist zu übersetzen mit „leuchtende Welt“ – und so kann der Name
Abhaloka-Svara etwa mit „Welt-Erleuchtungsklang“ übersetzt werden, und genau dies ist der Name
des Bodhisattva in der frühen Übersetzung des Lotus-Sutras von Dharmaraksa: Sein chinesisches
Äquivalent ist nämlich Guang („Licht“)-shi-yin. - Es fehlt uns aber immer noch eine Erklärung für
die „Welt“ (shi)-Komponente des chinesischen Namens. Dazu das folgende:
Die chinesische Übersetzung Guan-shi-yin gibt eine weitere Bedeutung von Avalokita-Svaras Namen
wieder, die in Kumarajivas Übersetzung des Lotus-Sutras zu finden ist. Auf die Frage, warum Guanshi-yin gerade diesen Namen trage, antwortet der Buddha:
„Wenn die Abertausenden von Leidenden vom Bodhisattva Avalokita-Svara hören und seinen
Namen in ungeteilter Aufmerksamkeit anrufen, ‚dann wird er augenblicklich den Klang ihrer
Stimme hören und sie werden Erlösung aus ihren Qualen erfahren.’ “ (nach Yü2001:39).
Insofern ergibt auch der Name Guan-shi-yin einen direkten Sinn: Der Bodhisattva hört die Rufe der
Welt – und das wird mit shi wiedergegeben. Im 6. Jh. schreibt Zhi-zang in einem Kommentar:
„Guan ist die wahrnehmende Erkenntnis und shi-yin ist der Bereich des Wahrgenommenen. Wenn
Wahrnehmung und Wahrgenommenes zusammen genannt werden, haben wir den Namen Guanshi-yin.“ (Yü2001:39, Hervorhebung von mir)
2.3. Guan shi zi zai
Der chinesische Name Guan shi zi zai ist auch im großen Prajna-paramita-sutra und in einem
Kommentar zum Lotus-Sutra zu finden. Er wird dort „Meister der Weltwahrnehmung“ (Master
Perceiver of the World, Yü2001:41) genannt, und dieser Name beschreibt ebendiese generelle
Funktion des Bodhisattva, die der Bedeutung der späteren indischen Fassung Avalokita-Isvara =
Avalokitesvara zugrundeliegt. (Weitere Variationen des Namens und ihr Vorkommen vgl.
CHANDRA1988:18-23;Yü2001:38-43)
2.4. Vorkommen des Namens
Bis zur Tangzeit ist weitaus am häufigsten die Bezeichnung Guan shi yin anzutreffen. Umstritten ist
die Vermutung, dass die später gebräuchliche kürzere Form Guanyin darauf zurückzuführen sei, dass
das Zeichen shi als Teil des kaiserlichen Namens von Tai zong (Li Shi min) tabu war14. Trotz
14
vgl STEIN1986:35 und Yü2001:36
11
entschiedener Einwände von Xuanzang gegen die geläufige Verwendung sowohl von Guan shi yin als
auch von Guanyin haben sich diese beiden Namen mehrheitlich durchgesetzt.
Abschließend zu diesem Thema kann wohl gesagt werden, dass gerade die Komplexität des indischen
Namens besonders zum Nachdenken über diesen Bodhisattva und zu entsprechenden Kommentaren
angeregt hat. Dies wiederum dürfte zur ständig wachsenden Präsenz desselben beigetragen haben.
12
3. Assimilation von Avalokitesvara in Indien15
Der Bodhisattva des Erbarmens ist in eine spirituell, mythologisch und kultisch reich bestückte,
hochentwickelte Umgebung eingezogen. Der hermeneutische Boden, auf dem man ihm begegnet, ist
zunächst indisch. Werfen wir also zuerst einen Blick auf den indischen Avalokitesvara und die
Stadien der Assimilation, die er im Umfeld seiner kultischen Traditionen durchlaufen hat. Die ständig
neu formulierten, sich kumulierenden Funktionen des Bodhisattvas und die schillernden
Deutungsmöglichkeiten seines Namens waren bestens geeignet für den Prozess einer umfangreichen
Assimilation verschiedener Gottheiten in Indien.
3.1. Brahma, Indra und Amitabha
Zur Zeit der Entstehung des Mahayana-Buddhismus (grob gesagt in den vier Jahrhunderten um die
Zeitenwende) hatte der Buddha, der ursprüngliche „Weltverneiner“ den Rang eines cakravartin, eines
Weltregenten, erlangt und wurde als solcher oft in Begleitung der Herren des Himmels und der Erde
dargestellt: zusammen mit Indra und Brahma. Diese beiden Götter personifizierten die vedischen
Herrschaftsinsignien „Weisheit“ und „Herrschaft“. Mit der Erhebung des historischen Buddha in die
Transzendenz, so Chandra, betrat man eine Welt der Neuschöpfungen und Mythopoesie: „Nun
konnten die Figuren verwandelt und umgestaltet werden.“ (vgl. CHANDRA 88:24)
Dies war der ‚ikonographisch aktuelle‘ Stand zur Zeit der Entstehung der transzendenten Buddhas
(Jinas). In den Sutren vom Reinen Land wird nicht mehr Sakyamuni, sondern der Jina-Buddha
Amitabha von zwei Begleitern flankiert, die nun in der Funktion von Bodhisattvas die Namen
Avalokita-Svara und Mahasthamaprapta erhalten und als Weiterentwicklung der beiden
brahmanischen Gottheiten Brahma (Avalokita-Svara) und Indra (Mahasthamaprapta) gilt. Indra
wurde als Gott mit einem von Augen bedeckten Leib dargestellt und beschrieben.16
15
Ich folge hier im wesentlichen der Darstellung von CHANDRA1988:29-42
Diese Assoziation zu Indra mag in den späteren Darstellungen des Bodhisattvas als Tausendäugiger eine Rolle gespielt
haben - auch wenn Indra nicht der Vorgänger von Avalokitesvara war, sondern von Mahasthamaprapta (und später von
Vajrapani im tantrisschen Buddhismus).
16
13
3.2 Purusa-Siva-Mahesvara und Potalaka
In einer Inschrift aus der Zeit um 100 v. Chr., die in ihrer chinesischen Version erhalten ist, findet sich
laut Lokesh Chandra bereits eine Identifikation von Buddha und Mahadeva-aSiva. Dies dürfte ein
frühes Stadium einer anhaltenden Weiterverschmelzung verschiedener Formen Sivas mit dem
Bodhisattva Avalokitesvara darstellen. Die tausendgliedrige Gestalt Sivas ist schon seit dem Rgveda
etabliert, wo Siva im Purusasuktam als Welten-Urmensch, an anderen Stellen als Gott mit 1000
Köpfen, 1000 Augen und 1000 Füssen angerufen wird17 . Die Vorstellung des tausendgliedrigen
kosmischen Menschen gehört – auch durch das Ramayana und Mahabharata und viele Puranas belegt
– zum allgemeinen Vorstellungsgut im Zusammenhang mit der indischen Götterwelt.
Chandra beschreibt den Vorgang der Identifikation des Bodhisattvas mit hinduistischen Göttern am
Beispiel von Nilakantha folgendermaßen:
„Ursprünglich war Avalokitesvara der Sprecher der hrdaya Hymne an Nilakantha, aber später
wurde Nilakantha eine Form von Avalokitesvara. (Chandra1988:32) ... Avalokitesvara war ein
Instrument zur Assimilation von populären Göttern in das buddhistische Pantheon. Avalokitesvara
hiess neue Gottheiten willkommen, indem er sie in Hymnen anredete und dabei wurden sie in das
buddhistische Ritual integriert.“ (CHANDRA1988:42)18
Im Laufe der Zeit wurde, so Chandra, jedoch die Unterscheidung von Sprecher und Angeredetem
verwischt durch ungenaue Aussprache und Auslassungen, und so wurde schließlich aus dem
Angeredeten ein Name des Sprechenden selbst.
Im Reisebericht von Xuanzang aus dem 7. Jh. findet sich ausserdem auch die Verbindung zum Namen
Potalaka, der als Wohnsitz des Bodhisattva Avalokitesvara und später als Name für verschiedene
Kultstätten der Guanyin-Verehrung in China und Tibet große Bedeutung gewonnen hat. Xuanzang
sagt in seiner Beschreibung:
„Im Süden des Landes nahe beim Meer war der Mo-lo-ya (Malaya) berg mit hohen Felswänden
und tiefen Schluchten mit Sandal-, Kampfer- und anderen Bäumen. Im Osten davon war der Berg
Pu-ta-loka (Potalaka) mit steieln engen Pfaden über seine Felsen und Schuluchten...Oben befand
sich ein See mit klarem Wasser, von welchem ein Fluss entsrpang...Neben dem See war ein
steinerner Deva-Palast, in den der guan-zi-zai Pusa einzukehren pflegte. ...Den Gläubigen, die am
Fuss des Hügels um darsan19 beten, erscheint er manchmal als Pasupata Tithika oder als
Mahesvara und tröstet die Bittenden mit seiner Antwort.“ (CHANDRA1988:34)
17
Vgl. CHANDRA1988:48
Chandra zitiert Thomas Watters, On Yuan Chwang’s Travels in India London 1905
19
die englische Version von mir abkürzend rückübersetzt in die übliche Sanskritbezeichnung für das Sehen und
Gesehenwerden von den angerufenen Gottheiten
18
14
Chandra kommentiert: „Xuanzang sagt deutlich, dass Avalokitesvara auf Potala manchmal als Siva,
manchmal als ein Pasupata-Yogi erscheint. Tatsächlich war es Siva, der in Avalokitesvara
umgewandelt worden war.“ (CHANDRA1988:34)
3.3. Lokesvara –Avalokitesvara
Das Wort lokesvara hat eine allgemeine Bedeutung und bezeichnet Gottheiten, welche von dem
hochentwickelten Pantheon der Mandalas in das buddhistische Pantheon aufgenommen worden waren.
(CHANDRA1988:39) In einer Hymne an 108 Lokesvaras20 wird Avalokitesvara als der Erste unter
den übrigen Lokesvaras angerufen, was später zu einer Verschmelzung oder in diesem Fall eher einer
Verwechslung von Avalokitesvara (Name) und Lokesvara (Funktion) geführt hat. Besonders in
Kambodscha und Vietnam ist der Name Avalokitesvaras meist nur Lokesvara. -
3.4. Zwischenbemerkung
Zum indischen Umfeld möchte ich eine persönliche Bemerkung anschließen: Moderne westliche
Forscher sehen die Vielfalt des indischen Pantheons als Ausdruck der sprichwörtlichen orientalischen
Phantasie und empfinden - Phantasie und Vielfalt - gelegentlich als verwirrend, meist jedoch als
beliebig. Das ist ein Irrtum. Das göttliche Pantheon ist eine systematische Benennung kosmischer
Kräfte, die aber – da diese Kräfte als Erscheinungsformen des Göttlichen verstanden werden - in
mythologischer Sprache abgefasst ist. Außerdem ist diese hierarchischer Abstufung der göttlichkosmischen Kräfte lokal und sozial im Kult der Gottesdienste verankert. Eine neue göttliche Funktion
(etwa das neu entdeckte kosmische Erbarmen, das in Visionen geschaut, gepredigt oder sonst
irgendwie kommuniziert wurde) - vermochte wohl neue Glaubens-Schulen zu begründen, nicht aber
das bestehende Pantheon als solches zu erschüttern: Denn dem neuen Avalokitesvara wurde darin ganz
selbstverständlich der passende Platz zugewiesen oder neu geschaffen - gerade so, wie man heute (als
Christ oder Buddhist oder Angehöriger welcher religiösen Denomination auch immer) ein neu
entdecktes chemisches Element im Periodensystem unterbringt. Was China betrifft, könnten die
Dinge ähnlich gelegen haben.
20
Chandra nennt mehrere Manuskripte, aber weder Name noch Verfassungszeit
15
4. Die Domestizierung Guanyins in China - Medien der Verbreitung
Indien hat mit dem Buddhismus auch den Bodhisattva Avalokitesvara verloren – von seinen vielen
tantrischen Gestalten sind keine indischen Darstellungen erhalten. China hingegen hat – trotz
einschneidender Rückschläge für den Buddhismus in China – dem Bodhisattva Guanyin die Treue
gehalten, indem sie ihn – nach der Formulierung von Junfang Yu – „domestizierte“ und ihm ein Heim
schuf, in welchem er den Wechsel der religiösen Denominationen als universale Helfer-Gottheit in
vielerlei Gestalt überdauerte. Diese Domestizierung vollzog sich durch verschiedene Medien:
Zunächst durch Erzählungen, durch neu entstehende Schriften, durch Kunstwerke (im Dienste des
Rituals und der Illustration von religiösen Texten ). Die eigentlichen Medienzentren waren Klöster
und Stätten der kultischen Verehrung. Scharen von gläubigen Pilgern mit ihren Wünschen und
religiösen Vorstellungen wurden durch diese kultischen Stätten geprägt und über die Wirkungsarten
des „Großen Erbarmens“ unterrichtet. Diese Informationen wurden aber „chinesisch“ verstanden: Das
heißt, bereits mit der Übersetzung ins Chinesische hatte sich der hermeneutische Hintergrund zum
Verständnis des Bodhisattva Guanyin gewandelt und war chinesisch geworden. Dieser chinesische
Hintergrund enthält von Anfang an auch „Daoistisches“ und „Konfuzianisches“ - vor allem aber ein
Verständnis des Kosmos, wie es von jeher in China vorherrschte21. Das führte zur spezifisch
chinesischen Anpassung des Bodhisattva Guanyin an chinesische Verhältnisse.
4.1. Wundergeschichten
Bald nach der ersten Übersetzung des Lotus-Sutra im 3. Jh. begannen Wundergeschichten im
Zusammenhang mit der Anrufung des Bodhisattva Guanyin zu kursieren. Drei Sammlungen solcher
Wundererzählungen wurden schon früh zusammengestellt und später oft von Mönchen als Referenz
angegeben 22. Yü widmet der Textgeschichte und Nacherzählung dieser Wundergeschichten ein
eigenes Kapitel (Yü2001:151-194): Wunderbares Entrinnen aus einer Feuersbrunst, Wiedererlangen
der Stimme, Bewahrung vor Tötung und Ertrinken, wunderbare Heilungen und Visionen usw. - jede
einzelne Erzählung wird zur Verbreitung des Glaubens an den barmherzigen Bodhisattva Guanyin
beigetragen haben. Wichtig in dieser Hinsicht sind vor allem die Wundergeschichten über die Geburt
von Kindern, die auf die Anrufung von Guanyin erfolgten. Sie waren der Grund für das frühe und
anhaltende Epitheton „Söhnechenkende“ (songzi) der Weißgewandeten Guanyin und anderen ihrer
weiblichen Erscheinungsformen.
21
22
zu diesem Thema vgl. SHARF2003
vgl. Dao-xuan (Kap.5, Miao-Shan)
16
4.2. Das Guanshiyin-Sutra von König Gao23
Wunder hingen auch an neuverfassten, originär chinesischen Schriften zur Guanyinverehrung. Eine
der bekanntesten Neuschöpfungen24 ist. Das Guanshiyin-Sutra von König Gao, das heute gelegentlich
in Populärdrucken zusammen mit dem Lotussutra wiedergegeben wird. Es umfasst nur 10 Sätze und
ist wohl wegen seiner Kürze besonders beliebt (?). Die Geschichte lautet kurz wiedergegeben
folgendermaßen: Ein einfacher Soldat und gläubiger Verehrer von Guanyin wird zum Tod verurteilt.
In einem traumartigen Zustand erscheint ihm ein Mönch, der ihn „das Sutra von Guanyin, die Leben
rettet“ rezitieren lehrt. Er spricht das Sutra mit dem Resultat, dass das Henkermesser im
entscheidenden Augenblick seinen Dienst versagt und in Stücke bricht. Dreimal geschieht dies - und
der König Gao, dem dies gemeldet wird, lässt daraufhin nicht nur den Verurteilten frei, sondern
erbittet sich von ihm auch das Sutra, das er drucken und verbreiten lässt. (Der Soldat kehrt nach Hause
zurück und findet an seinem Guanyin-Bildnis drei Messereinschnitte am Nacken.) - In späteren
Fassungen dieser Geschichte war es nicht mehr ein Mönch, der dem Verurteilten erschien, sondern
eine weißgewandete Frau, die ihm das Sutra lehrte.
4.3. Wundertätige Mönche: Baozhi (425-514) und Sengjie (617-710)
Auch von wundertätigen Mönchen wird erzählt, die als Inkarnationen bzw. Manifestationen des
elfköpfigen Guanyin verehrt wurden. Yü zeichnet die hagiographische Entwicklung dieser beiden
Wundertäter nach, die am Ende beide als Inkarnationen von Guanyin verehrt wurden. Beide genossen
den Schutz des Hofes und die Verehrung einer beträchtlichen Anhängerschaft in großem
geographischem Umkreis. Während der Song-Dynastie im 10. Jh. wurde diese Verehrung allmählich
abgelöst durch den Miaoshan-Kult, von dem später noch die Rede sein wird. Heute gilt Baozhi als ein
göttlicher Begründer buddhistischer Rituale, und von Sengjie spricht man als von einem chinesischen
Wassergott.25
4.4. Wunderbare Bildnisse
Weitere Wundergeschichten werden auch im Zusammenhang mit der Entstehung und Installation von
Guanyin-Bildnissen erzählt. Lijian (1059-1109) zum Beispiel in seiner Schrift über Malerei (huapin)
erwähnt ein Bildnis des Klosters Xiangshan, des zentralen Guanyin Pilgerorts in Henan. Dieses
Bildnis soll von einer Inkarnation des großen Erbarmers selbst geschaffen worden sein, und der Maler
23
zur verworrenen Textgeschichte bzw. den biographischen Hintergründen derselben vgl. Yü2001:110-115/118)
Weitere: Guan-shi-yin pu-sa wang-sheng jing-tu ben-yuan jing: das „Sutra von Guanyin zu den Bedingungen der
Wiedergeburt im Reinen Land.“ (Yü2001:106). Eine Besonderheit dieses Textes ist, dass Amitabhat weiblich erscheint. Ferner: Fo-shuo Guan-yin san-mei jing: das „Guan-yin Samadhi-Sutra gesprochen vom Buddha“, erstmals erwähnt 594, das
nach neuesten Forschungen für ein Werk des Mönchs Zhi-yi aus dem späten 6. Jh. gehalten wird. Yü2001:106-110
25
Bao-zhi vgl. Yü2001:198-211; Seng-jie Yü2001:211-222
24
17
vergleicht es mit einem anderen Bild eines Nonnenklosters, das unter ähnlichen Umständen entstanden
war.
Das obere Tianzhu Kloster in Hangzhou hat folgende berühmte Geschichte tradiert: Der Abt/Ein
Mönch(?) des Klosters, Dayi, hatte in einem Fluss ein Stück leuchtendes Holz gefunden. Er brachte es
zum Kunstschnitzer Kong, der daraus ein Guanyin-Bildnis machen sollte. Als dieser das Holz
bearbeiten wollte, fand er darin eine bereits vollendete Statue von Guanyin, die aus sich selbst
entstanden war. Kong behielt das Bild für sich und schnitzte für Daoyi ein anderes - doch gewarnt
durch die Vision eines Dritten - flog der Schwindel auf und Daoyi konnte die ursprüngliche Statue für
das Kloster zurückgewinnen.
4.5. Wissenschaftliche Erklärungen
Wundergeschichten und die besondere Relation zwischen Hören und Gehörtwerden in der
Erlöserfunktion von Guanyin haben auch philosophische Reflexionen der chinesischen Denker über
diese größtenteils als Naturphänomene verstandenen Dinge angeregt. Wunderbare Dinge ereigneten
sich zwar im Umfeld von göttlichen Wesen - aber in der realen Welt, und von der hatte man konkrete
Vorstellungen. Wunder ereigneten sich - oder auch nicht. Wenn ein Wunder ausblieb - obwohl es sich
aufgrund einer Schrift hätte ereignen müssen - bedurfte dies der theologisch-naturwissenschaftlichen
Erklärung. So entstanden Debatten zur Frage, ob, wie und unter welchen Bedingungen z.B. das Gesetz
der „sympathetischen Resonanz“ (gan-ying) mit dem Resultat einer Errettung funktionierte.26
26
vgl. Yü2001:157
18
5. Guanyin als weiblicher Bodhisattva
Natürlich hatte der neu entstandene Bodhisattva Guanyin nicht nur in Indien, sondern auch in China
ein hochentwickeltes kultisches Umfeld vorgefunden - von dem sind allerdings nur noch
ikonigraphische Spuren zu finden. Um die Diskussion zur Verwandlung eines ursprünglich männlich
oder geschlechtslos dargestellten Bodhisattvas in eine weibliche Gottheit von vornherein - salopp
gesprochen - „feministisch zu entschärfen“, muss folgendes festgehalten werden: Es sind zwar in
China autochthone Göttinnen kultisch verehrt worden, aber aus der Zeit der Verbreitung von Guanyin
gibt es davon keine historischen Zeugnisse. Vielmehr scheint es so zu sein, dass die - aus welchen
Gründen immer - stattgehabte Verwandlung von Guanyin in eine weibliche Gottheit zur
Wiederbelebung einstmals lokal vorhandener Göttinnen-Kulte geführt hat, die dann in einem Prozess
der Assimilation mit der neuen Erbarmerfigur verschmolzen. Ikonographische Züge, welche der
weiblichen Guanyin beigelegt wurden, lassen auf solches schließen, geben aber keinen Boden für
konkrete Aussagen. Eine Fülle von Namen und ikonographischen Details ist auf den zahlreichen bildlichen Darstellungen
Guanyins aus der frühesten Zeit (Tang) bis heute zu finden. Texte dazu fehlen in der Regel. Die
Meinungen über die Herkunft und Zuordnung einzelner Bildtypen sind nicht einheitlich. Den ersten
größeren Versuch zu einer Systematisierung hat A. Stein vorgelegt27. Ich folge hier den Ausführungen
von Yü und versuche, Schwerpunkte zu setzen.28
5.1. Der Wassermond-Guanyin
Diese Figur findet sich erstmals auf Abbildungen von Dunhuang. Der Bodhisattva sitzt vor einem
großen Vollmond am Wasser, umgeben von ruhiger Natur, im Hintergrund Bambusstöcke. Kein Text
ist bekannt, auf den sich „Wassermond“ (shui-yue) direkt beziehen könnte. In idealer Weise kann aber
mit einer solchen Darstellung eine ganze Assoziationskette buddhistischer Sprach- und
Denkgewohnheiten simultan sichtbar gemacht werden: Die Reflexion des Mondes im Wasser diente in
vielen Diskursen zur Versinnlichung buddhistischer und daoistischer Logik (in Bezug auf die „Leere“
(kong) oder der sympathetischen Resonanz (gan-ying). Aufgehoben in elegante „königliche
Lässigkeit“ (raja-lila-mudra) des sinnenden oder lächelnden Bodhisattva oder konzentriert anwesend
als Zentralgestalt einer Opfergabe: Lehre von der „Leere“ und Meditation inmitten der weißen
Mondscheibe29, gütiges Erbarmen in künstlerisch vollendeter Gestalt: alles ist dem Eingeweihten auf
einen Blick gegenwärtig. „Wassermond“ war eine sehr beliebte Darstellung von Guanyin und findet
sich auch auf Steinstelen als Relief oder eingraviert als Rückseite von Spiegeln.
27
STEIN1986
vgl. Yü2001:224-262(ganzes Kapitel 6)
29
viele tantrische Meditationen visualisieren den Mond. Zum Zustand eines „diamantenen Wesen“ (vajrasattva) d.h. zum
„Erleuchtungswesen“ des tantrischen Buddhismus zitiert Alex Wayman einen Kommentator: Vajrasattva definiert sich als
einer „...whose body exhibits the circle of moonlight..“ WAYMAN1992:50
28
19
5.2. Die weißgewandete Guanyin
Die früheste weibliche Darstellung von Guanyin ist die sogenannte „Weißgewandete“ (baiyi) und gilt
als spezifisch chinesische Eigenschöpfung. Ihre Darstellung ähnelt derjenigen von „Wassermond“.
Wie dort wird Guanyin vor einem Bambushain im Hintergrund, alleine am Wasser oder bei einem
Wasserfall sitzend gemalt. Aber hier sind die Züge weiblich und - natürlich - trägt sie ein weißes
Gewand, das manchmal den Kopf auch wie ein Schleier verhüllt. Die „Weißgewandete“ galt als
Symbol der Erleuchtung und war sozusagen ein Lieblingssujet malender Zenmönche der Song-und
Yuan-Zeit.30 Auch in vielen Visionen erschien Guanyin ihren Gläubigen als weiße Gestalt.
Die weißgewandete Guanyin hatte die Tendenz, andere ikonographische Ausgestaltungen zu
„überschreiben“. Wundergeschichten zur Erhörung von Kinderwünschen hatten sie überdies zur
sogenannten „Söhne-Schenkenden“ (songzi) werden lassen. Als in der Mingzeit die Insel Putuoshan
bekannter Pilgerort für Guanyin wurde, wurde sie schließlich auch mit „Guanyin vom südlichen
Meer“ (nanhai guanyin) in Verbindung gebracht und als solche verehrt (vgl. nächstes Kapitel).
5.3. Prinzessin Miaoshan und ihre Legende
Von den weiblichen Manifestationen Guanyins ist diejenige von Miaoshan bei weitem die
bekannteste. Sie wird beschrieben in einer Legende aus dem frühen 12. Jahrhundert, mit welcher das
Kloster Xiangshan („duftender Berg“) in Henan seine Errichtung und seine Pagode mit dem „wahren
Körper“ des Bodhisattva begründet. Dieses Kloster war die erste große Pilgerstätte der GuanyinVerehrung.
5.3.1. Die Legende
Reis-Habito fasst eine der vielen Versionen der Legende von Miaoshan folgendermaßen zusammen:
„Ein König namens Chuan-yen hat drei Töchter. Miaoshan, die Jüngste, weigert sich zu heiraten,
da sie ein religiöses Leben führen will, und zieht durch diese Weigerung den Zorn des Vaters auf
sich. Er befiehlt den Nonnen des Klosters, in das sie sich zurückgezogen hat, sie durch strenge
Behandlung von ihrem Vorhaben abzubringen. Als sich alle Versuche als fruchtlos erweisen,
befiehlt der erzürnte Vater seinen Soldaten, die Nonnen zu töten und den Kopf seiner Tochter
zurückzubringen. Miaoshan wird jedoch von einem Geist gerettet und zum Hsian-shan gebracht.
Als der Vater später unheilbar an Gelbsucht erkrankt, erscheint ein Mönch und belehrt ihn, dass das
einzige Heilmittel Arme und Augen eines zornfreien Menschen seien. Man schickt einen Boten
zum Bodhisattva vom Hisan-shan, der seine Augen und Arme spendet. Als der geheilte König und
die Königin den Bodhisattva aufsuchen, um sich zu bedanken, erkennt die Königin ihre Tochter
wieder. Miaoshan empfängt sie als pietätvolle Tochter mit folgenden Worten: „Erinnert sich meine
Dame an Miaoshan? Der Liebe meines Vaters gedenkend habe ich sie mit meinen Armen und
30
Das Weiß der Kleidung hat die Gelehrten zu Spekulationen über eine Herkunft der Figur von der tibetischen weissen Tara
angeregt, was aber seit Rolf A. Stein wieder in Frage gestellt wird. Vgl. hierzu weiter Yü2001:249-25
20
Augen vergolten.“ Darauf erscheint sie in der Luft in der Form des Bodhisattva mit tausend Augen
und tausend Armen. Ihre Reliquien werden später in einem Stupa des Hsiang-shan Berges
aufbewahrt.“ (REIS-HABITO1993:300f.)
5.3.2. Zur Geschichte der Stele
Seit den Forschungen von Glan Dudbridge31 ist über die Frühgeschichte der Legende einiges bekannt
geworden: Die früheste Version dieser Legende ist auf einer über 2 Meter hohen Steinstele des
Klosters eingeschrieben. Sie trägt den Titel Dabei Pusa zhuan („Lebensgeschichte vom Bodhisattva
des Großen Erbarmens“) und wurde vom Präfekten der Stadt Ruzhou in (Jiang Zhiqi, 1031-1104,
nördliche Song-Dynastie) schriftlich fixiert. Diesen Text hatte ihm der Abt Huaizhou des Klosters
Xiangshan, mit dem er befreundet war, vorgelegt. Jiang Zhiqi revidierte den Text im Mai 1100 auf
Wunsch des Abtes. Noch im selben Jahr wurde der Text vom Minister und Kalligraphen Caijing
kopiert und auf eine Stele übertragen. Jiang Zhiqi wurde später nach Hangzhou versetzt und nahm die
Stele vom Kloster Xiangshan mit. Die fehlende Stele wurde vier Jahre später ersetzt durch eine neue
mit demselben Text, aber nicht mehr im Kloster Xiangshan, sondern im oberen Kloster Tianzhu.32 Im
Jahr 1308 wurde auch im Kloster Xiangshan eine Stele errichtet und ist heute noch im Tempel von
Xiangshan erhalten. Durch die Kulturrevolution in den 70-erJahren im vorigen Jahrhundert wurden
allerdings Teile des Textes zerstört.)
5.3.3. Zur Geschichte der Legende
Der Abt Huai-zhou des Klosters Xiangshan hatte folgendes zur Herkunft des Textes erzählt: Ein
anonymer Pilger aus Shanxi vom Kloster Zhongnan hatte den Text bei einem Besuch des Xiangshan
Tempels mitgebracht. Der wiederum erklärte, der Verfasser des Textes sei der berühmte VinayaMeister Daoxuan (596-667), der ebenfalls aus dem Kloster Zhongnan stammte. Dieser schließlich
habe die Geschichte von einem göttlichen Geist (tianshen) erhalten. Daoxuan hatte mehrere Werke
verfasst, u.a. auch das erwähnte Guanyin-Sutra von König Gao und eine ganze Sammlung von
Wundererzählungen. (Yü2001:300).
5.3.4. Spätere Versionen
Die erste erhaltene Fassung der Legende ist bereits erstaunlich lang (sie enthält über 3000
Schriftzeichen) und ist in den späteren Versionen mehr oder weniger unverändert enthalten.33 Die
neueren Versionen finden sich in einer neuen Literaturgattung - baojuan („kostbare
Schriften/Schriftrollen“) - die sich seit dem 15. Jahrhundert herausbildete. Es handelt sich um eine
Mischung von Prosa und Vers, die sich besonders zum mündlichen Vortrag eignet. Darin wurden
berühmte Texte popularisiert, neuformuliert, z.T. auch mit Zusätzen versehen. Von der Qingzeit an seit dem 18. Jh. und heute wieder - wurden solche baojuan gedruckt, und so kam auch eine große
Anzahl Populartexte zum Miaoshan-Thema in Umlauf. Die wohl bekannteste dieser „kostbaren
Rollen“ ist das guanshiyin pusa benxin jing („Sutra vom erbarmenden Herzen des Bodhisattva
Guanyin“, kurz: xiangshan baojuan („Kostbare Rolle von Xiangshan“). In diesem Text wird nicht nur
zusätzlich zum Stelentext aus dem frühen 12. Jahrhundert von einer Höllenfahrt Miaoshans erzählt, in
der sich ein Teil der Hölle durch ihre bloße Anwesenheit in einen wunderbar angenehmen
Aufenthaltsort verwandelt. Es wird hier auch eine weitere Legende tradiert, die aus dem dreizehnten
oder vierzehnten Jahrhundert stammt.34 Hier wird von einem Mönch Puming aus dem oberen Kloster
Tianzhu in Hangzhou (Henan) erzählt. Dieser Mönch hatte am 17. September des Jahres 1103 den
31
Dudbridge Glan,1978 The Legend of Miao-Shan, London: Ithaca Press for the Board of the Faculty of
Oriental studies, Oxford University und ders.1982 Miao-Shan on Stone:Tow early Inscriptions, Harvard Journal of Asiatic
Studies, 42(2):589-614
32
Vgl. Hierzu Yü2001:299
33
Im Anhang von Junfang Yus umfangreichem Werk findet sich eine vollständige Übersetzung ins Englische. Weitere
Frühfassungen vgl. auch STEIN1986:46
34
ich folge hier den Ausführungen von REIS-HABITO1993:301f.)
21
Besuch eines anderen Mönches erhalten, der ihn aufforderte, zum „Werk der universalen Rettung“
(REIS-HABITO1993:302) beizutragen und die Geschichte von Guanyin weiterzuverbreiten. Am
folgenden 31. Oktober erhielt der Mönch Puming darauf den Besuch des Präfekten Jiangzhi, dem er
daraufhin die Geschichte von Miaoshan erzählte.
5.3.5. Miaoshan im Buddhismus
Entscheidend für die rasche Ausbreitung des Miaoshan Kultes war neben dem Einfluss der
Pilgerzentren auch das im 10. Jh. entstandene erwähnte Bußritual des Tiantai-Mönchs Zhili35 .
„Die drei Etappen im Leben Miaoshans, nämlich Geburt, Beginn der religiösen Praxis und die
Erleuchtung werden in China immer noch durch die Rezitation der Dharani oder die Ausführung
des Bußrituals in Erinnerung gehalten und geehrt.36“ (REIS-HABITO:396)
Im 13. Jahrhhundert war die Legende von Miaoshan schon so berühmt, dass der Zen-Meister Wansong xing sich in seinen Dharma-Reden darauf beziehen konnte. Allerdings gab es auch Einwände
gegen eine direkte Assoziierung von Guanyin mit der Geschichte von Miaoshan.37
5.3.5. Ikonographie
In einigen dieser späteren Versionen haben wohl die ikonographischen Züge der „Weißgewandeten“
und verschiedenen Formen der „Guanyin vom südlichen Meer“ aus der Mingzeit die ursprüngliche,
tausendgliedrige Gestalt ersetzt. Da aber beide Ikonographien als verschiedene Versionen kursieren,
ist es hauptsächlich dieser Legende zu verdanken, dass sich die die ungewöhnliche tausendgliedrige
Gestalt Guanyins in vielen Statuen und Bildern erhalten hat. Hingegen gibt es von Miaoshan selbst
keine nennenswerten Abbildungen, was eigentlich erstaunlich ist.
5.3.6. Die „Erdung“ des tausendgliedrigen Bodhisattva Guanyin als Miaoshan
Mit der Legende von der Geburt und dem wunderbaren Selbstopfer-Tod der Prinzessin Miaoshan hatte
der Bodhisattva auf chinesischem Boden buchstäblich Fuss gefasst und sich im Kloster Xiang-shan
einen irdischen Anker geschaffen. Die Domestizierung des Tausendhändigen und Tausendäugigen
Avalokitesvara war somit vollzogen und konnte von hier aus ausgedehnt werden.
35
Tiantai ist der Name einer chinesisch-buddhistischen Schule, die sich besonders auf die Schriften um das Lotus-Sutra
stützte
36
zur großen Bedeutung dieses Rituals vgl. YU2003:263-291 (Kapitel 7)
37
vgl. REIS-HABITO1993:303f.
22
5.4. Die Frau von Herrn Ma oder Guanyin mit dem Fischkorb
Diese Figur ist eine Verschmelzung von mehreren sehr alten Erzählungen und Erzähltopoi. Beide
Namen sind in den 33 standardisierten Manifestationen von Guanyin/Kannon in der sino-japanischen
Kunst enthalten und separat erwähnt, obwohl sie ikonographisch nicht zu unterscheiden sind.
Assoziiert mit diesen Namen wird die Geschichte von Herrn Mas Frau, die offenbar im frühen 9.
Jahrhundert oft erzählt worden war:
„Im Jahr 809 oder 817 tauchte eine wunderschöne junge Frau auf und erzählte, dass sie jeden
heiraten würde, der das Universale Tor des Lotus-Sutra in einer Nacht auswendiglernen könne. Am
nächsten Morgen bestanden zwanzig Männer den Test. Sie erklärte, nicht alle heiraten zu können
und bat sie, das Diamant-(oder Prajnaparamita-Sutra) auswendigzulernen. Über zwanzig schafften
das am nächsten Morgen. Dann verlangte sie, drei Tage damit zu verbringen, das Lotus-Sutra zu
memorieren. Diesmal war Herr Ma der Gewinner. Er bereitete die Hochzeit vor und lud sie zu sich
nach Hause. Bei ihrer Ankunft fühlte sie sich aber plötzlich krank und bat, sich in einem anderen
Zimmer niederlegen zu dürfen. Noch bevor die Hochzeitsgäste gegangen waren, verstarb sie
plötzlich. Innert kürzester Zeit verfiel der Körper und musste eiligst beerdigt werden. Einige Tage
später kam ein alter Mönch in Purpur vorbei und bat Herrn Ma, ihm das Grab zu zeigen. Der
Mönch öffnete es und berührte den Leichnam mit seinem Stab. Das Fleisch war bereits verwest und
nun wurde sichtbar, dass die Knochen mit einer goldenen Kette untereinander verbunden waren.
Der Mönch erklärte den versammelten Zuschauern, dass die Frau die Manifestation eines großen
Weisen gewesen sei, eigens gekommen, um vor üblem Karma zu retten. Er wusch die Knochen mit
Wasser, lud sie auf seinen Stab und stieg in den Himmel auf. Viele Menschen dieser Gegend
bekehrten sich daraufhin zum Buddhismus...“38
In den frühen Versionen dieser Geschichte wird die Frau von Herrn Ma noch nicht mit Guan Yin
identifiziert. Aber die Erzählung war schon in der späten Tangzeit bei Zen-Meistern beliebt (es finden
sich Hinweise von Mönchen auf diese Geschichte). Später in der Song- und Yuanzeit vom 12. bis zum
14. Jh. haben viele Zen-Meister die Frau von Herrn Ma in Gedichten gepriesen, und inzwischen wurde
Guanyin nicht nur mit der Frau von Herrn Ma gleichgesetzt, sondern trug mittlerweile auch ihr Züge
und wurde mit einen Fischkorb im Arm abgebildet. Gedichte und Bilder von Zenmönchen sind aus
dieser Zeit erhalten, aus denen dies deutlich hervorgeht. Wie bei Miaoshan sind später durch die
baojuan-Literatur viele längere Versionen der ursprünglichen Geschichte entstanden, oftmals auch mit
deutlich daoistischen Zügen. In China ist allerdings kein Tempel bekannt, in welchem Frau Ma oder
Guanyin mit dem Fischkorb verehrt wurde, hingegen existiert ein solcher in Tokio.
Anders als Miaoshan trägt diese Figur eher schillernde Züge. Während Miaoshan den Inbegriff der
Keuschheit darstellt, lockt die Frau von Herrn Ma ihre späteren Gläubigen durch das Versprechen der
Heirat. Zwar wird das Versprechen durch den plötzlichen Tod vereitelt - aber die Thematik schafft
eine Verbindung zu anderen Erzählungen von heiligen Prostituierten, die sich zur Erlösung ihrer Freier
hingeben. Das ist ein buddhistischer Erzähl-Topos und wohl - das vermute ich ohne weitere
Kenntnisse - auch ein daoistischer.
38
übersetzt nach Yü2001:419f.
23
5.5. Weitere weibliche Formen von Guanyin
In der „weißgewandeten Guanyin“ des zehnten Jahrhundert hatte Avalokitesvara in China die erste
feststellbare weibliche Gestalt angenommen. Neben Miaoshan und Guanyin mit dem Fischkorb bzw.
der Frau von Herrn Ma entstand in der Mingzeit auch die Figur der „Guanyin vom südlichen Meer“.
Diese war als eine Ergänzung zur Geschichte von Miaoshan (in der „kostbaren Schriftrolle von
Xiangshan“) vor dem ihr eigenem Hintergrund der Insel Putuo hinzugetreten, die dann in der Mingzeit
zum Zentrum der Guanyin-Verehrung avancierte (vgl. nächstes Kapitel). Das Aufkommen des neuen
Namens (die Ikonographie ist kaum zu unterscheiden von Wassermond- und Weißgewandeter
Guanyin) bedurfte wiederum begründender Texte, und so entstand im 16. Jh. eine weitere, populäre
Schrift, „Die vollständige Biographie der Guanyin vom südlichen Meer“ (nanhai guanyin quanjuan)39.
5.6. Zum Gestaltwandel in eine weibliche Gottheit
Verstehe ich Yüs Ausführungen zur Umwandlung Avalokitesvaras in eine weibliche Gottheit richtig,
so kann man zu diesem vieldiskutierten Thema folgendes sagen: Der Impuls zur Wandlung in eine
weibliche Gestalt bleibt rätselhaft. Aber es gibt gute Gründe dafür, warum sich Guanyin als weibliche
Gottheit etablieren und darüberhinaus auch im konfuzianisch bestimmten Umfeld der Ming- und
Qingzeit halten konnte. Zur Zeit des Aufkommens der Guanyin-Verehrung fehlen Spuren von
etablierten Göttinenkulten. Das Fehlen bzw. die Elimination von einst bestehenden Göttinnen-Kulten
dürfte auf den Konfuzianismus und dessen Neubegründung im 9./10. Jahrhundert zurückgehen, der
diesbezüglich ein religiöses Vakuum hinterlassen hatte. Dieses vermochte die Guanyin-Verehrung
wieder auszufüllen. Wohl entstanden durch Legenden und Wiederbelebung älterer Traditionen auch
wieder neue Göttinnen, aber erstens ohne sichtbare Stätten der kultischen Verehrung, und zweitens
wurden deren Züge von Guanyin sozusagen aufgesogen. Geographisch weit von einander entfernte
legendäre Frauenfiguren (Prinzessin Miaoshan stammte aus Henan, Herr Mas Frau und die Frau mit
dem Fischkorb aus Shanxi, die weißgewandete Guanyin aus Hangzhou und Guanyin vom südlichen
Meer von der Insel Putuoshan)40 verband Guanyins integrierende Kraft problemlos zu einer einzigen
göttlichen Person, und eben
„...gerade weil da keine starken Göttinnen zur Hand waren, konnte Guanyin eine
Geschlechtsumwandlung durchlaufen. Hätte es mächtige populäre Göttinnen in China gegeben,
wäre Avalokitesvara wahrscheinlich in China keine Göttin geworden, sowenig wie er ein Symbol
zur Legitimation der chinesischen Kaiser wurde.41 Das mag auch erklären, warum Avalokitesvara
39
Weitere späte weibliche Guan-yin-Figuren siehe „Feminine Forms of Kuan-yin in Late Imperial China“
Yü2001:407-448 und „Venerable Mother: Kuan-yin and Sectarian Religions in Late Imperial China“ Yü2001:449-486
40
Yü2001:447
41
Yü weist überzeugend nach, dass die Idee des tianming durch den Konfuzianismus so stark etabliert war, dass es keiner
weiteren Legitimationen für die Vergöttlichung des Kaisers bedurfte.
24
in Indien und Tibet keine Wandlung des Geschlechts erfuhr, wo mächtige und populäre Göttinen
wie Durga und Tara präsent sind.“ (Yü2001:591f.)
Das Entstehen einer weiblichen Gottheit war möglicherweise die Antwort auf eine überwiegend
maskuline Ausrichtung von drei Religionen in China: Buddhismus, Daoismus und
Neukonfuzianismus (Yü2001:591) Zur Bewahrung der weiblichen Seite des Bodhisattva hat sicher die
Legende von Miaoshan viel beigetragen. Buddhistische und konfuzianische Ideale werden in dieser
Erzählung zu einer überzeugenden Einheit verschmolzen: Miaoshans unbeirrbarer Glaube und
Keuschheit macht sie zu einem buddhistischen Vorbild für Männer und Frauen, ihr Selbstopfer aus
Liebe für den Vater konsolidiert außerdem die konfuzianischen Ideale. Die Gewohnheit der Chinesen,
besondere Menschen nach ihrem Tode als Götter zu verehren, trug wohl das ihre dazu bei, dass es
nicht schwer fiel, sich Miaoshan in Umkehrung als irdische Verkörperung von Guanyin vorzustellen und diese Verkörperung war eben weiblich. - Dann war da noch die konfuzianische Pflicht, männliche
Erben hervorzubringen - zur Erhaltung der Familienmacht und zur Verrichtung ihrer Ahnenopfer. Das
gab allen Chinesen, Männern wie Frauen, anhaltend Grund, sich immer wieder an die
„söhneschenkende“ Guanyin zu wenden42 - und die war, schon immer, eine weibliche Form Guanyins
gewesen (die „Weißgewandete“).
6. Potalaka und Putuoshan - Pilgerorte
Obwohl dieses Thema hier nur noch in Kürze angesprochen wird, muss dazu gesagt werden, dass
dieser ganze Komplex von Pilgerfahrten, Pilgerorten, Pilgererzählungen usw. eine eminent wichtige
(wenn nicht überhaupt die wichtigste) Rolle in der Entwicklung der Guanyin-Verehrung gespielt hat.
Zwar sind aus ältester Zeit nur Texte zur Hand, die erforscht werden können - aber diese Texte wurden
in aller Regel von Menschen aufgeschrieben, kopiert, weitergetragen und weitergegeben, in Klöstern
gehütet und kommentiert - und wer etwas darüber wissen wollte, musste zu diesen Texten pilgern, zu
Fuss, auf langen Märschen durch viele Gefahren, die Gelegenheit zur Entstehung und Erprobung von
Wundern gaben und damit Anlass für neue Erzählungen und Schriften. Das Pilgerwesen brachte auch
- bis heute - beachtliche ökonomische Auswirkungen mit sich. Dies darzustellen wäre das Thema einer
eigenen großen Arbeit. Hier sei nur noch stichwortartig die Linie nachgezogen, die von den frühen
buddhistischen Schriften Indiens zu den berühmtesten Pilgerorten der Guanyin-Verehrung in China
geführt haben:
Es gibt keine Götter ohne himmlischen Wohnsitz - und so wird vom Augenblick an, da Avalokitesvara
eine eigenständige Erlöserfigur wird, in seinen Preisungen auch seine „Adresse“ genannt: Sie heisst
Berg Potolaka43. Wie früher (in Kap.2) erwähnt, war schon im 7. Jh. eine einstige Kultstätte von Siva
42
43
vgl. YÜ1997
erstmals erwähnt im Avatamsaka- und im Lotus-Sutra
25
in „Potolaka“ umbenannt worden, nachdem sich dort ein Avalokitesvara-Kult gebildet hatte. Nachdem
Guanyin sich als Miaoshan auf dem Berg Xiangshan offenbart hatte und ihr „wahrer Körper“ in einer
Pagode des dort erbauten Klosters erhalten war, erhielt das Kloster sozusagen den „Titel“ Potalaka. Im
Laufe der Verschmelzung aller legendären Züge anderer ursprünglich lokal verehrter Gottheiten zur
allumfassenden Guanyin, war es auch möglich, ihren irdischen Wohnsitz zu verlegen. Ein
Bodhisattva, der in jeder Form erscheinen kann, kann auch an jedem Ort erscheinen! Bereits im Lauf
des 11. und 12. Jahrhunderts war eine kleine Felseninsel im südchinesischen Meer nahe beim heutigen
Ningpo (Shanghai) zum zentralen Wallfahrtsort des Guanyin-Kultes geworden und hatte dem Kloster
Xiangshan schon bald den Rang abgelaufen. Dies gab Anlass zur Integrierung der lokalen Legende
einer Seefahrerschutzgottheit „vom südlichen Meer“ in das Erscheinungsbild von Guanyin. In der
Mingzeit wurde die Insel Putuo durch kaiserliche Unterstützung als Wallfahrtsort kräftig gefördert,
was ein gleichzeitiges Anwachsen der Populärliteratur unterstützte und infolge davon den Kult noch
fester verankerte. Als weitere Folge davon löste im Lauf des 15. Jh. und in der späteren Mingzeit die
Ikonographie der „Guanyin vom südlichen Meer“ fast alle übrigen Darstellungen ab.
„Die Vewandlung der Insel Putuo in den chinesischen Potalaka nahm viele Jahrhunderte in
Anspruch. Viele Menschen unterschiedlicher Herkunft und viele unterschiedliche Medien festigten
und verbreiteten ihren Ruf als Wallfahrtsort... Aufbau und Abbruch, Gründung und Niedergang,
Wiederaufbau und Neubau - das sind die Erfahrungen Putuos. Durch all diese wechselnden
Schicksale waren die Pilger immer im Zentrum des Geschehens. Putuo ist das Beispiel dafür, wie
die Chinesen eine heilige buddhistische Landschaft in ihrem eigenen Land schufen.“ (Yü2001:441)
Der Neubau geht weiter. Im Jahr 1998 wude auf der Insel Putuo eine neue Guanyin-Statue errichtet mit dem tragenden Mamorsockel exakt 33 Meter hoch44. Die golden glänzende Guanyin grüsst alle
Seefahrer und ankommenden Gäste von weither über das Meer und verspricht - seit anderthalb
Jahrtausenden unverändert - jedem Gläubigen Segen und Erleuchtung.
7. Persönliches
Hier sollte eine Zusammenfassung dieser Seminararbeit folgen. Es ist jedoch schwierig, diese Arbeit,
die selbst nichts weiter ist als eine Skizze, nochmals zusammenzufassen. Ich möchte deshalb anstelle
einer Zusammenfassung abschliessend zwei Beobachtungen kommentieren, wenig wissenschaftlich,
dafür sehr persönlich.
Wer ist Avalokitesvara/Guanyin?
Die erste Beobachtung bezieht sich auf ein Kapitel des Buches von Holt, in welchem er – als einziger
der von mir konsultierten Autoren – den Versuch wagt, Avalokitesvara eine Funktion zuzuweisen, und
zwar in der Sprache und im Rahmen der buddhistischen Philosophie. Er ist der Meinung, dass
44
Angaben aus dem Internet, http://www.putuoshan.net/English/Seeings/guanyin2.php vom 25.12.03
26
Avalokitesvara eine Personifizierung des Sambhoga-kaya darstellt, der durch den Yogacara Eingang
in die buddhistische Sytematik gefunden hat. Dieser „angewandte Buddhismus“ (analog verwendet zur
„angewandten Mathematik“, wo mathematische Gesetzmäßigkeiten an Phänomenen durchgespielt
werden) hat mich persönlich begeistert und in diesem Fall auch überzeugt. Er zeigt den Willen oder
den Versuch, auch wirklich in den Kategorien zu denken, über die man sich durch Textstudium
informiert.
Warum nicht lieber anders?
Rolf A. Stein fragt sich in seinem Aufsatz zur Herkunft der weiblichen Ikonographie von Guanyin,
warum man denn ausgerechnet die beängstigende Form des Tausendgliedrigen gewählt habe, um das
Große Erbarmen darzustellen. Warum, fragt er, hat man nicht eine sanfte Figur wie Padmapani
gewählt? Oder die der gütigen Tara? Die Antwort ist meines Erachtens einfach: Wer Mythen schreibt,
wählt nicht. Er wird vom Mythos gewählt - als Autor, als Künstler, als Visionär - nicht umgekehrt!
Marianne Wolfer, Zürich, 23. März 2004
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Seele and Geist
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