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1 Handlungsfeld: Integration und Migration Helga Nagel Amt für

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Handlungsfeld:
Integration und Migration
Helga Nagel
Amt für Multikulturelle Angelegenheiten
Was bedeutet
familienfreundliches Frankfurt aus der Sicht der
Einwandererstadt Frankfurt am Main,
der internationalen Stadt Frankfurt am Main
oder aus der Sicht der multikulturellen Stadt Frankfurt am Main?
Erlauben Sie mir, Ihnen in aller Kürze die tief greifende Veränderung der
Bevölkerung Frankfurts an ein paar Zahlen vorzustellen.
Wenn die Rede ist vom demographischen Wandel, denken die meisten an die
alternde Republik. Gleichwohl sind Großstädte wie Frankfurt demographisch viel
stärker durch Zuwanderung geprägt.
Frankfurt am Main ist die deutsche Großstadt mit dem höchsten Ausländeranteil.
25,5% der Einwohner (Stand: 31.03.2005) haben nicht die deutsche
Staatsangehörigkeit. Prozentual verringert sich der Ausländeranteil derzeit
geringfügig aber stetig. Dies hängt zum einen mit dem im Jahr 2000 geänderten
Staatsangehörigkeitsrecht zusammen - danach erhalten Kinder ausländischer Eltern,
die acht Jahre rechtmäßig in der Bundesrepublik leben, qua Geburt neben der
Staatsangehörigkeit ihrer Eltern auch die deutsche Staatsangehörigkeit und werden
in der Statistik als Deutsche gezählt - zum anderen mit Einbürgerungen. In den
letzten Jahren wurden in der Stadt Frankfurt am Main ca. 20.000 Menschen
eingebürgert. Jährlich kommen ca. 4000 Einbürgerungen hinzu. Ende 2003 hatten
rund 44.000 Frankfurterinnen und Frankfurter neben der deutschen eine zweite
ausländische Staatsbürgerschaft, das entspricht 7%1. Weitere 8% sind im Ausland
geboren, auch dies ein Hinweis auf Migrationshintergrund. Ca.38% der Frankfurter
Bevölkerung weist nach dem derzeitigen statistischen Kenntnisstand damit einen
Migrationshintergrund auf.
Wie stark Prozesse der ethnischen Pluralisierung und der religiösen Vielfalt
fortschreiten, zeigt ein Blick auf die Gruppe der Kinder und Jugendlichen in Frankfurt.
Eine kürzlich veröffentlichte repräsentative Befragung von Kindern im Alter zwischen
neun und vierzehn Jahren ergab, dass 60% der befragten Kinder einen sog.
Migrationsintergrund haben, d.h., entweder sie selber, ihre Eltern oder ihre
Großeltern sind im Ausland geboren. (Mehrsprachigkeit, kulturelle Praxis, Religion)
Einen Hinweis auf die religiöse Pluralisierung gibt eine Statistik, die seit dem
Schuljahr 2002/2003 die Religionszugehörigkeit von Grundschülern erfasst. Danach
sind im Schuljahr 2004/2005 19,68% der Schülerinnen und Schüler evangelisch,
22% katholisch, 20,5% islamisch, 9.09% sonstiger Glaubenszugehörigkeit
(buddhistisch, hinduistisch etc) und 29,17% haben kein Bekenntnis.
Diese spezielle Frankfurter Bevölkerungszusammensetzung verlangt einen
differenzierten Blick. Eine Gleichsetzung „Ausländer“ und untere soziale Schicht führt
1
Magistratsbericht B 106 vom 31.01.2005, Aussagekräftige Statistiken: Menschen mit Migrationshintergrund
1
in die Irre. Frankfurt hat im Vergleich zu typischen Industriestandorten eine
besondere Mischung der Zuwanderer aus ehemaligen „Gastarbeitern“ und
Hochqualifizierten, d.h., dass auch innerhalb der ausländischen Wohnbevölkerung
das Merkmal soziale Schicht beachtet werden muss.2
Und spätestens seit PISA wissen wir, dass soziale Schichtung, gerade wenn es um
Familienpolitik, Schule und Bildung geht, eine große Rolle spielt.
Landläufig ist Migration fest mit dem Begriff der Integration verknüpft und wie
selbstverständlich betrachtet man Integration häufig nur aus der Perspektive der
Einwanderer, die lernen müssen, sich an ihre neue Umgebung anzupassen. Diese
Sichtweise greift zu kurz.
Denn Integrationsprozesse von Migranten betreffen immer auch Fragen des Wandels
der sozialen Struktur von Organisationen und Funktionsbereichen, z. B. der Bildungsund Erziehungseinrichtungen für Kinder, der Schulen, Hochschulen,
Gesundheitseinrichtungen, religiösen Gemeinden, Verwaltung, Unternehmen und
eben auch den Strukturen der kommunalen Familienpolitik, über die wir heute reden.
Migration und Integration sind insofern kein Kompaktereignis, was die Formulierung
„soziale Integration in die Gesellschaft“ suggerieren könnte, Migration und soziale
Teilhabe realisieren sich kontextgebunden und mit unterschiedlichen Ergebnissen
und Problemen, nämlich sprachlich, ökonomisch, rechtlich, politisch, schulisch etc.
Wir haben es also mit äußerst komplexen Zusammenhängen zu tun.
Familienfreundliches Frankfurt unter Einwanderungsbedingungen heißt also vor
allem Beteiligungs- und/oder Unterstützungsstrukturen zu etablieren und
Angebotsformen und Zugangswege zu den städtischen Einrichtungen auch an der
veränderten Bevölkerungszusammensetzung auszurichten. Es heißt, die Perspektive
zu wechseln und den Umgang mit der durch Zuwanderung entstandenen neuen
Vielfalt zu lernen.
Experten nennen das: „Interkulturelle Öffnung oder interkulturelle Orientierung der
Regeleinrichtungen, in vielen internationalen Unternehmen spricht man bzw.
realisiert man Diversity management.
Wir reden hier also von der Offenheit der Aufnahmegesellschaft für
Veränderungsprozesse, die sie selber betreffen, will heißen, wir müssen uns fragen,
wie sich Einwanderung, Internationalität bzw. Multikulturalität in den Angeboten für
Familien, in Bildungs- und Erziehungseinrichtungen selber spiegeln.
Hilfreich dabei ist der Blick über den eigenen Tellerrand.
Losgelöst von der Fixierung auf die Kategorie „AusländerInnen“ richtet eine
Integrationspolitik neuen Stils, (Städte wie z.B. Wien reden inzwischen von
Diversitätspolitik) den Blick auf die gesamte Bevölkerung, die in einem
Migrationskontext steht Angesichts der vorgestellten Zahlen wird klar, dass die
traditionelle Integrationspolitik mit ihrer impliziten Idee der Mehrheitsgesellschaft nicht
mehr funktionieren kann, da wo die Mehrheitsverhältnisse zerbrechen. Eine
dermaßen veränderte Stadt ist durch eine Vielzahl von sich überlappenden und
fließenden Formen der Zugehörigkeit geprägt, die sich insbesondere in der zweiten
2
Die Kategorie „Sonstige“ ist mit ca. 70.000 Einwohnern im Unterschied zu anderen deutschen Städten
außerordentlich groß, insbesondere wenn man sie mit den fünf häufigsten Ausländergruppen vergleicht: ehem.
Jugoslawien ca. 38000, Türken ca. 34000, Italiener ca.16000, Marokkaner ca. 7500, Spanier ca. 6000
2
und dritten Zuwanderergeneration entwickeln und in denen Platz für mehrere
kulturelle Bezugspunkte ist. Bestehende Integrationsansätze geraten hier in eine
Legitimationskrise, weil die „klassischen“ Zielgruppen zerfallen und das Defizit- und
Problemdenken angesichts der bildungs- und einkommensmäßig ausdifferenzierten
Bevölkerung mit Migrationshintergrund nicht mehr adäquat ist.
Hier ist es nötig, Bedingungen zu schaffen, unter denen Einwanderer sichtbar
werden und Identifikationen entwickeln, die sich auf Frankfurt beziehen.
Dies bedeutet, die traditionellen Integrationsmaßnahmen zu überprüfen und die
vielen bisherigen Strategien innewohnende Defizitsichtweise gegenüber
Einwanderern zu überwinden. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, wie Migranten die
Anpassung an die Aufnahmegesellschaft erleichtert werden kann, sondern sie lautet,
wie in einer durch Migration demographisch stark veränderten Stadt die Kommune
und die lokale Politik den Bedürfnissen einer ethnisch vielfältigen Bürgerschaft
entsprechen kann.
Wichtigstes Kennzeichen dieses Ansatzes, bzw. dieses Perspektivwechsels ist die
Überwindung des Denkens in den Kategorien einer „Mehrheitsgesellschaft“, der die
Einwanderungsbevölkerung gegenübersteht und des Problemgruppen- und
Randgruppendenkens. Einwanderer sind danach nicht primär Zielgruppe von
sozialpolitischen Maßnahmen, sondern zunächst Bürgerinnen und Bürger ihrer Stadt.
Sie werden, egal ob erste oder zweite Generation, mit inländischer
Staatsbürgerschaft oder ohne als ein selbstverständlicher Teil der Bevölkerung
akzeptiert. So orientierte Städte verstehen auch, dass die Stadtgesellschaft vom
multiethnischen Hintergrund eines unweigerlich größer werdenden Teils der
Einwohnerschaft geprägt ist und die in der Stadt vorhandene Vielfalt eine enorme
kulturelle und wirtschaftliche Ressource darstellt. Sie erkennen folglich, dass sie
selbst, als politisches Gemeinwesen und Administration gefordert sind, sich auf den
Wandel in der Stadt einzustellen und sich zu verändern.
. Welches sind die Faktoren für den Wechsel der Blickrichtung?
1. Die Stadt befindet sich in einem unumkehrbaren demographischen
Wandlungsprozess.
2. Die Planer und Entscheidungsträger, erkennen, dass ein Bevölkerungwechsel
stattfindet bzw. stattgefunden hat. Die Stadt selbst steht vor der Aufgabe, darauf zu
reagieren und zu überprüfen, wieweit sie als Verwaltung und politische Vertretung
noch für ihre Bevölkerung repräsentativ ist.
Die Tragweite des gedanklichen Sprungs ist kaum zu unterschätzen. Es geht um ein
verändertes Selbstverständnis, das akzeptiert, dass in der in ihrem Erscheinungsbild
unverändert gebliebenen Stadt eine neue Stadtgesellschaft entstanden ist. Der
schwierigste, aber entscheidende Punkt für den Wandlungsprozess mag sein, den
Gedanken zuzulassen, dass Zuwanderung die Identität der Stadt verändert hat.
Städte an der Diversitätsschwelle sehen sich veranlasst, sich quasi neu zu erfinden,
Toronto z.B. als „Welt im Kleinen“.
Die Stärke einer solchen „Neuerfindung“ der Stadt besteht im offensiven Entwickeln
vorausschauender Lösungen statt in reaktivem, aus Problemdruck entstandenem
Handlungsbedarf liegt.
Die Entscheidung, dass die Stadt und ihre Institutionen für einen offenen, Vielfalt
bejahenden Ort stehen, ist jedoch kein symbolischer Akt.
3
Hat die Stadt als Gesamtorganisation diesen Wandlungsprozess als Teil ihres
Selbstverständnisses akzeptiert, wirkt es handlungsleitend und beeinflusst das Bild,
dass sich die Öffentlichkeit von „ihrer“ Stadt macht. Der Diversitätsgedanke als Teil
des Selbstverständnisses einer Stadt ist die Voraussetzung zur Stabilisierung aller
konkreten Einzelmaßnahmen.
Handlungsfelder sind natürlich auch weiterhin themenbezogene Maßnahmen in den
Feldern Wohnen, Schule, Gesundheit, politische Beteiligung etc., die aber im Geist
des vollzogenen Perspektivwechsels durchgeführt werden.
Für die
Stadt als Erbringer von Dienstleistungen – mainstreaming & diversitiy
management
heißt das konsequentes interkulturelles Mainstreaming aller städtischen Dienste und
Leistungsangebote. Jede Abteilung der Verwaltung ist angehalten, in ihrem Bereich
die Zugänglichkeit der Leistungen zu überprüfen und sie auch auf die Bedürfnisse
der Bürger/-innen mit Migrationshintergrung auszurichten.
Diversitätsmanagement in Administration und gemeindenahen
Dienstleistungsunternehmen ist eine Querschnittsmaterie für alle kommunalen
Handlungsfelder. Ziel ist es, die Entfremdung einer demographisch veränderten
Bevölkerung von ihrer Stadt zu verhindern.
Zur effektiven Umsetzung des interkulturellen Mainstreaming dienen Aktionspläne,
Zielplanungen und Evaluation. Die Instrumente: Monitoring, Selbstverpflichtungen
der Verwaltung, Audits, Trainings für Bedienstete.
In diesem Sinn ist Frankfurt sicherlich auf einem guten Weg, das zeigt nicht zuletzt
die heutige Veranstaltung, aber es steht auch vor großen Herausforderungen.
Helga Nagel
Leiterin
Amt für multikulturelle Angelegenheiten
Lange Straße 25 – 27
60311 Frankfurt am Main
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Seele and Geist
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