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74 Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß

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I:
I
Wehling
wissen als entweder temporär und reduzierbar oder aber dauerhaft und unüber­
windbar, stellt ein besonders brisantes und bisher noch wenig untersuchtes Feld
der diskursiven Erhebung von ignorance claims dar. "Sachlich" lässt sich die
Behauptung, dass Nichtwissen nur vorübergehend ist, genau genommen nur
rückblickend bestätigen; auf der anderen Seite lassen sich aber auch nur schwer
Begründungen daflir finden, weshalb Nichtwissen hinsichtlich bestimmter Fra­
gestellungen und Gegenstände grundsätzlich und dauerhaft irreduzibel sein
sollte. Man hat es demnach zumeist mit einer unklaren Zwischenform zu tun,
die Faber/Proops (1993: 124f.) als "uncertain ignorance" bezeic1men; gerade
deshalb aber ist es umso wichtiger, welche Bewertung der zeitlichen Dauerhaf­
tigkeit des Nichtwissens sich wissenschaftlich und gesellschaftlich durchsetzt.
Dabei spricht vieles flir die Vermutung von Faber und Proops (ebd.: 125), in
modernen, verwissenschaftlichten Gesellschaften werde in der Regel und von
vornherein davon ausgegangen, dass Nichtwissen reduzierbar und durch weitere
Forschung in Wissen auflösbar sei (oder ohnehin nur das Resultat eines indivi­
duellen Informationsdefizits). Aufgrund dieser generalisierten Vorannahme wird
die Begründungs- und Beweislast zumeist denjenigen aufgebürdet, die Nicht­
wissen in bestimmten Forschungsfeldern für unüberwindbar und vollständiges
Wissen für unerreichbar halten.
5.
11
Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?
75
zumeist unter anderen Bezeichnungen (als Arznei- oder Lebensmittelskandale,
als globale Umweltprobleme u.ä.); sie als charakteristische Fälle wissenschaft­
lichen Nichtwissens zu interpretieren, verschiebt den Blickwinkel und lenkt die
Aufmerksamkeit besonders auf vier Aspekte: 1. Aufgrund welcher kognitiven
und/oder institutionellen, "internen" wie "externen" Faktoren wurde in der spe­
zifischen Situation Nichtwissen erzeugt? 2. Wann und wie wurde auf erste
Schadensvermutungen und -hinweise reagiert - oder weshalb wurde nicht rea­
giert? 3. Aufgrund welcher Bedingungen und mit Hilfe welcher Art von Wissen
konnte das Nichtwissen der 'Vissenschaft entdeckt und aufgelöst werden? 4.
Welche Folgen waren mit dem Nichtwissen verbunden, und welche Schlussfol­
gerungen lassen sich aus den einzelnen Fällen flir die soziologische Analyse wie
auch für den gesellschaftlichen Umgang mit der Problematik ableiten?
5.1
FCKW und Ozonloch: die Entdeckung des unerkannten Nichtwissens
Die Schädigung der schützenden Ozonschicht in der Erdatmosphäre durch
Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW) und die späte, zu späte, Entdeckung
des so genannten "Ozonlochs" in den 1970er und 80er Jahren stellen einen der
folgenreichsten Fälle wissenschaftlichen Nichtwissens dar, der inzwischen sogar
eine Art paradigmatischen Status für die gesamte Problematik erlangt hat. Aus
der Perspektive einer sociology 0/ scientific ignorance ist dieses Beispiel in
mehrfacher Hinsicht von besonderem Interesse: Es zeigt erstens, dass das wis­
senschaftliche Wissen damit überfordert war (und ist), seinen materiellen Pro­
dukten in die von diesen konstituierten, neuartigen Wirkhorizonte zu "folgen",
obwohl einzelne Wissenselemente hierflir durchaus vorhanden waren. Es ver­
deutlicht zweitens, wie sehr die Risiko- und Sicherheitsforschung in bereits
etablierten Frage- und Wahrnehmungshorizonten gefangen blieb, sowie drittens,
dass die "Entdeckung" des Nichtwissens keineswegs durch die "Ereignisse
selbst" determiniert war, sondern nur aufgrund kontingenter, äußerst voraus­
setzungsvoller und zum Teil wissenschaftsexterner Rahmenbedingungen und
Entwicklungen möglich wurde. 30
Als im Jahr 1930 mit der industriellen Nutzung der FCKW als Kühlmittel
begonnen wurde, existierte in den relevanten wissenschaftlichen Disziplinen
keinerlei Vorstellung davon, welche Wirkungen diese Verbindungen in der
stratosphärischen Ozonschicht auslösen könnten. Mehr noch: bereits die Frage
danach lag jenseits des damals wissenschaftlich, aber auch politisch-kulturell
Entstehung, Entdeckung und Folgen wissenschaftlichen
Nichtwissens - vier Fallbeispiele
Wie lassen sich vor dem Hintergrund dieser begrifflichen Differenzierungen
sowie der in Kap. 3.5 formulierten Fragestellungen einzelne Beispiele wissen­
schaftlichen Nichtwissens analysieren und bewerten? Welche Konsequenzen
lassen sich daraus ableiten, einerseits für den gesellschaftlichen, wissenschaft­
lichen und politischen Umgang mit Situationen des Nichtwissens, andererseits
für das Programm einer an der Problematik des Nichtwissens orientierten Wis­
senschaftsforschung? Die im Folgenden dargestellten vier Beispiele Fluor­
Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW), Diethylstilboestrol (DES), Thalidomid
bzw. Contergan sowie der "Rinderwahnsinn" BSE sind, wenngleich nicht das
Ergebnis eines "theoretical sampling" im strengen Sinne, vor allem im Hinblick
darauf ausgewählt worden, dass sich an ihnen jeweils unterschiedliche Konstel­
lationen von Wissen
und Nichtwissen sowie divergierende Reaktionsmuster
29
aufzeigen lassen. Bekannt und öffentlich wahrgenommen wurden diese Fälle
30 Ich werde mich bei der folgenden Darstellung im Wesentlichen auf diese drei Aspekte
beschränken. Vgl. für eine ausführlichere Analyse der FCKW-Prob1ematik unter dem Aspekt
der Genese von Risikowissen und Nichtwissen vor allem Bäschen 2000: 411'1'. sowie H.-J. Luh­
mann 2001: 1831'1'.
29 Dabei kann es im Rahmen dieses Beitrags nicht darum gehen, ausfuhrlich den historischen Ver­
lauf dieser Fälle zu rekonstruieren; darauf wird nur soweit eingegangen, als es für das Ver­
ständnis der jeweiligen Nichtwissensproblematik erforderlich ist.
1
76
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Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?
etablierten Wahmehmungshorizonts. Gleichwohl ist die Frage, inwieweit die
Gefährdung der Ozonschicht um 1930 prinzipiell "unerkennbar", "unvorherseh­
bar" und damit "unvermeidbar" war, differenziert zu beantworten. Denn wie
sich im Rückblick zeigt, waren in verschiedenen Disziplinen und Bereichen des
Wissenschaftssystems in den 30er Jahren durchaus einzelne Wissenselemente
und -ressourcen vorhanden, die bereits damals, wenn auch mit starken Ein­
schränkungen, das Aufstellen einer entsprechenden Risikohypothese ermöglicht
hätten (vgl. dazu mit Belegen im Einzelnen Böschen 2000: 47ff. sowie Farman
2001: 82). Aus welchen Gründen konnte dieses Wissen nicht verbunden, wei­
terentwickelt und flir eine wie auch immer hypothetische "Frühwarnung" ge­
nutzt werden? Böschen (2000: 95ff.) vermutet die Ursachen darin, dass zum ei­
nen die flir die Umweltproblematik erforderliche "interdisziplinäre Hybridisie­
rung" in der Wissenschaft, und insbesondere die wechselseitige Durchdringung
von Industrie- und Hochschulforschung, kaum ausgeprägt waren und zum
Zweiten entsprechende Problem- und Aufmerksamkeitshorizonte fehlten, in die­
sem Fall für Langfrist- und Fernwirkungen von Umweltchemikalien. Vor allem
dieser letzte Punkt erscheint als entscheidend, da erst die Aufmerksamkeit flir
die räumlichen und zeitlichen Fernwirkungen industriell hergestellter Chemika­
lien den Anlass sowie geeignete Foren geschaffen hätte, um entsprechende Fra­
gen zu stellen und die verstreuten Wissensbestände zusammenzuflihren. Die Ri­
sikoforschung, die zu FCKW durchaus betrieben wurde, blieb jedoch in den
Bahnen, die durch das Gefährdungspotential der bis dahin als Kühlmittel ge­
nutzten Substanzen vorgezeichnet waren: Untersucht wurden vor allem die
(akute) Toxizität und Entflammbarkeit, und weil die FCKW sich in dieser Hin­
sicht auf Grund ihrer chemischen Stabilität letztlich als ungefährlich erwiesen,
galten sie sogar als ein besonders sicheres Kühl- und Treibmittel (ebd.: 53ff.).
Gerade anwendungsorientierte Forschung ist offenbar in hohem Maße "pfadab­
hängig" (Pickering 1995: 185) und bearbeitet die Problemstellungen, die ihr
durch einen spezifischen historischen Kontext vorgegeben werden. Die Frage:
"Welchen Weg nehmen eigentlich die Treibgase, wenn sie die Dose verlassen
haben" (H.-J. Luhmann 200 I: 190), war selbst in den 1970er Jahren nicht unbe­
dingt "naheliegend" (ebd.) - um 1930 oder 1940 war sie dies jedoch in keinem
Fall.
Als weiterer entscheidender Faktor kommt hinzu, dass die negativen Effekte
der FCKW-Freisetzung lange Zeit nicht "sichtbar" waren und sich ohnehin nur
einer gezielten, aufwendigen und in den 30er Jahren kaum realisierbaren Be­
obachtung erschlossen hätten. Vor diesem Hintergrund kommt der britische
Wissenschaftler Joe Farman, in den 80er Jahren einer der "Entdecker" der
Ozonzerstörung über der Antarktis, zu der ernüchternden, aber plausiblen Ver­
mutung, dass eine konventionelle Risikoanalyse beispielsweise noch 1965
Wehling
77
"would have concluded that there were no known grounds for concern (...) The
assessment might have pointed out that it was not known what happens to CFCs
when they are released to the atrnosphere, but would no doubt have added that
they had been released for more than 30 years with no apparent harm being
done." (Farman 2001: 82) Und auch einige bereits seit längerem verfiigbare
Hinweise auf die Möglichkeit der Dekomposition von Ozon unter dem Einfluss
von Chlor oder Fluor "would surely have been dismissed on the grounds that
there would be at least 10 000 times more ozone than CFCs at the relevant
altitudes" (ebd.). Ohnehin gine man jedoch davon aus, dass die FCKW stabil
seien und deshalb das in ihnen gebundene Chlor nicht freigesetzt werden
könnte.
Bekanntlich gelang die wissenschaftliche Entdeckung und Aufklärung der
Ozonschädigung einige Jahre nach dem Zeitpunkt von Farmans fiktiver Risiko­
abschätzung in zwei Schritten: Zunächst stellten die beiden US-amerikanischen
Atmosphärenforscher Sherwood Rowland und Mario Molina 1974 eine theore­
tische Hypothese über die entsprechenden Wirkungsmechanismen auf (vgl. dazu
im Einzelnen Böschen 2000: 43ff. sowie in diesem Buch).31 Nach einer erbitter­
ten wissenschaftlichen und politischen Kontroverse über diese "Rowland-Mo­
lina-Hypothese" zeigten schließlich im Jahr 1985 Messergebnisse von Farman
und anderen eine deutliche und in diesem Ausmaß völlig unerwartete Ozon­
Ausdünnung über der Antarktis. 32 Erst danach kam, dann allerdings relativ zü­
gig, mit dem Montreal-Protokoll von 1987 eine international abgestimmte Poli­
tik zum Schutz der Ozonschicht in Gang, die das - angesichts der fatalen Vor­
geschichte recht zweifelhafte - Bild von der "Erfolgsgeschichte" (Grundmann
1999) verbreiten half. Wesentliche Impulse hatte die Formulierung der "Row­
land-Molina-Hypothese" durch die um 1970 einsetzende Auseinandersetzung
um mögliche Umweltfolgen des damals geplanten Überschallflugzeugs SST er­
halten. Infolge dieser gewissermaßen "handgreiflichen" Verknüpfung konnte
die Stratosphäre als "Wirkungshorizont" menschlichen HandeIns wahrgenom­
men werden, und erst dieser "Umweg" lenkte dann auch die Aufmerksamkeit
auf die Auswirkungen der FCKW in der Stratosphäre.
Es liegt nahe zu fragen, ob das FCKW-Debakel vermeidbar gewesen wäre
(Farman 2001: 78), ob das Nichtwissen also "rechtzeitig" (oder zumindest zu
einem früheren Zeitpunkt), wenn nicht in sicheres Wissen, so doch in plausible
31
Rowlands entscheidende Frage war die nach dem Verbleib der FCKW in der Atmosphäre. Da­
mit rückte die Hypothese in den Blick, die FCKW könnten durch die kurzweilige UV-Strahlung
in der Stratosphäre aufgebrochen werden - wodurch Chlor freigesetzt würde, das dann die
Ozon moleküle zerstören könnte.
32 Vgl. zu der "hindemisreichen" Geschichte dieser Entdeckung und der keineswegs selbstver­
ständlichen Anerkennung von Farmans Messungen als seriöse wissenschaftliche Ergebnisse:
H.-1. Luhmann 200 I: 196fT.
78
Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?
Wehling
79
Gefährdungs-Hypothesen hätte aufgelöst werden können. Abgesehen davon,
seien (vgl. dazu kritisch Wehling 2002a, 2003a). Im FCKW-Fall war diese Be­
dass diese Frage ohnehin nur spekulativ zu beantworten ist, ist sie zu abstrakt im
dingung offensichtlich nicht erfiillt. Und hätte die chemische Industrie anstelle
Sinne einer eindeutigen Ja-Nein-Alternative gestellt. Für eine Soziologie des
der FCKW organische Bromverbindungen als Kühl- und Treibmittel eingesetzt,
wissenschaftlichen Nichtwissens - oder eine history of scientific nonevents
wären wir nach Ansicht des Chemie-Nobelträgers Paul Crutzen "völlig unvorbe­
(Proctor 1995) - aufschlussreicher ist die Analyse des Wechselverhältnisses
reitet schon in den siebziger Jahren einem katastrophalen Ozonloch überall und
zwischen Erkenntnisbarrieren und, wenn auch schwachen, so doch durchaus
zu allen Jahreszeiten ausgesetzt gewesen (... ), wahrscheinlich bevor Atmosphä­
vorhandenen Erkenntnischancen. Hier spricht zweifellos vieles dafiir, dass die
renchemiker das notwendige Wissen gehabt hätten, die Probleme zu identifizie­
Fernwirkungen der FCKW bei dem Wissensstand der 1930er Jahre und unter
ren" (Crutzen, zit. nach Grundmann 1999: 344). Der Verlust der Ozonschicht
den damals gegebenen institutionellen Rahmenbedingungen schwerlich antizi­
wäre in diesem Fall "nicht mehr zu verhindern gewesen" (H.-J. Luhmann 2001:
pierbar gewesen wären; doch eine unausweichliche Notwendigkeit vollständig
194).
unerkannten Nichtwissens (zumal bis 1974) lässt sich aus der historischen Re­
konstruktion kaum begründen. Damit verlagert sich das Interesse zu den Folgen
5.2
DES: latente und (fast) unsichtbare Langzeiteffekte eines künstlichen
des FCKW-Falls flir die wissenschaftliche und gesellschaftliche Wahrnehmung
Hormons
und Bewertung wissenschaftlichen Nichtwissens. Formulierungen wie die von
Der Fall des synthetischen Östrogens Diethylstilboestrol (DES), das von Mitte
der "Vermeidung künftiger Ozonlöcher" (WBGU 1999) deuten darauf hin, dass
der
gerade aufgrund der FCKW-Problematik die Nicht-Ausschließbarkeit uner­1940er bis in die 70er Jahre schwangeren Frauen zur Verhinderung von
Fehlgeburten verschrieben wurde, ist von besonderem Interesse, weil sich hier
kannten Nichtwissens der Wissenschaft zu einem Thema und einer argumenta­
zum einen vielleicht erstmals die Problematik latenter, extrem verzögerter und
tiven Ressource in gesellschaftlichen Risikokontroversen und -diskursen gewor­
generationenübergreifender (Neben-)Wirkungen von Arzneimitteln zeigte: Die
den ist. Unerkanntes Nichtwissen verwandelt sich dabei in eine Art hypothetisch
Töchter der mit DES behandelten Frauen erkrankten etwa 20 Jahre später als
und abstrakt gewusstes Nichtwissen: Man weiß zwar weiterhin nicht, was man
Jugendliche in signifikant erhöhtem Maß an einem seltenen Vaginalkarzinom
nicht weiß, aber man vermutet, dass man etwas nicht weiß und dass dies ver­
(oder an Fehlbildungen der Geschlechtsorgane). Dieser Fall beleuchtet darüber
heerende Auswirkungen haben könnte (vgl. auch EEA-Editorial Team 2001:
hinaus - unter einem anderen Aspekt als die FCKW-Problematik - die Frage,
169ff.). Dies hat Konsequenzen auch flir Politik und Wissenschaft; so kann man
inwieweit Wirkungen nach einem derart langen Zeitraum überhaupt als "auffäl­
annehmen, dass der wenig reflektierte Umgang mit Nichtwissen, wie er in Far­
lig" wahrgenommen und kausal zugerechnet werden können. Im Unterschied zu
mans fiktiver Risikobewertung von 1965 unterstellt wird ("it was not known
den FCKW lagen im Fall von DES aber aus Tierversuchen bereits früh Hin­
what happens to CFCs when they are released to the atmosphere, but (... ) they
weise auf mögliche negative Folgen vor. Ob die DES-Problematik tatsächlich
had been released for more than 30 years with no apparent harm being done"),
"unforeseeable" war und "einen unbestrittenen Fall von Nichtwissen" (hier ver­
heute, in Kenntnis der Langfrist-Wirkungen chemischer Verbindungen, zumin­
standen als Nicht-Wissen-Können) darstellt (Strand 2000: 460f.), ist daher kei­
dest stärker unter Begründungsdruck geraten würde: Nichtwissen und Nicht­
neswegs eindeutig zu beantworten.
Sichtbarkeit von negativen Folgen gelten nicht mehr ohne weiteres als Beleg der
Das "künstliche" Hormon DES wurde erstmals 1938 von dem britischen
Gefahrlosigkeit. Damit zusammen hängen spezifischere, innerwissenschaftliche
Wissenschaftler
Charles Dodds synthetisiert. Es war schätzungsweise flinfmal
Lernprozesse, etwa hinsichtlich des Gefährdungspotentials gerade langlebiger,
so
wirksam
wie
das wirksamste natürliche Östrogen (ÖstradioI), zudem billig
persistenter chemikalischer Verbindungen (vgl. Farman 2001: 83; Seheringer et
al. 1998).
und einfach herzustellen. Die pharmazeutische Industrie begann daher sehr
rasch mit der Vermarktung des Mittels, das eine Vielzahl von medizinischen
Gleichzeitig muss die FCKW-Problematik aber auch als eine massive War­
Verwendungen fand: vor allem zur Verhinderung von spontanen Fehlgeburten,
nung vor undifferenzierten und nur scheinbar an Vorsorge orientierten Strate­
aber u. a. auch um die Milchproduktion nach der Geburt zu unterbinden, zur
gien einer "step-by-step"-lmplementation riskanter Technologien angesehen
Behandlung von Menopausen-Symptomen, von Akne und Prostata-Karzinomen,
werden. Diese bauen darauf, dass negative Folgen der Technik gleichsam "von
als "Pille danach" sowie als Wachstumsbeschleuniger in der Land wirtschaft
selbst" und überdies so rechtzeitig manifest und "sichtbar" würden, dass die je­
(vgl. Colborn et al. 1996: 77f.; Ibarreta/Swan 2001: 84). DES wirkte zwar allem
weiligen Implementationsschritte ohne schwerwiegende Schäden revidierbar
illl!
80
Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?
Wehling
81
Anschein nach wie körpereigenes, natürliches Östrogen,33 es wich aber in seiner
chemischen Struktur deutlich davon ab. Zumindest im Rückblick erscheint es
daher als "rätselhaft", dass die Mediziner, die über so lange Zeit DES verschrie­
ben hatten, "seemed never to wonder that perhaps this fundamental chemical
difference might result in fundamentally different biological effects" (Orenberg
198 I: I I). Zudem lagen, ungeachtet der Tatsache, dass DES "like other phar­
maceuticals produced at that time (...) underwent very limited toxicological in­
vestigation" (lbarreta/Swan 2001: 84), bereits sehr früh Hinweise auf ein karzi­
nogenes Potential von erhöhten Östrogengaben im Allgemeinen sowie von DES
im Besonderen vor. Erste entsprechende Studien wurden Ende der 1930er Jahre
und in den frühen 40er Jahren veröffentlicht (vgl. im Einzelnen Ibarreta/Swan
2001: 88; Colborn et al. 1996: 76f). Ebenso war im Prinzip bereits bekannt,
dass chemische Substanzen die "Plazenta-Barriere" durchbrechen und den Fötus
schädigen können (vgl. Kirk 1999: 129ff).
Zudem gelangte eine große Vergleichsstudie im Jahr 1953 zu dem Ergebnis,
dass DES keinerlei positive Effekte hinsichtlich der Verhinderung von Fehlge­
burten habe. Einer 1978 vorgenommenen Re-Analyse der Daten zufolge hat das
Mittel offenbar sogar eine signifikante Zunahme von Früh- und Fehlgeburten
verursacht (lbarreta/Swan 2001: 86). Der Nachweis der Unwirksamkeit von
DES hat jedoch allenfalls zu einem geringfügigen Rückgang der Verordnungen
geflihrt (Colborn et al. 1996: 86f). Zu den Gründen dafür gehören nicht nur die
wirtschaftlichen Interessen der Pharrna-Industrie an einem kostengünstigen und
vielseitig verwendbaren Mittel sowie ein geradezu "prometheischer Optimis­
mus" (ebd.: 78) hinsichtlich der Erfolge von Wissenschaft und Technik in der
Nachkriegszeit. Entscheidend war ohne Zweifel auch in diesem Fall "the ab­
sence of obvious acute toxic effects" (lbarreta/Swan 2001: 88).
Im Jahr 197 I gelang Ärzten in den USA jedoch der Nachweis, dass die Ein­
nahme von DES während der Schwangerschaft etwa 20 Jahre später bei den in­
zwischen fast erwachsenen Töchtern zu signifikant erhöhten Erkrankungen an
einem äußerst seltenen Vaginalkarzinom führte. Allein deshalb, weil diese
Krebsart zuvor, zumal bei Frauen unter 50 Jahren, nur in extrem wenigen Fällen
beobachtet worden war, konnte eine - in absoluten Zahlen gering erscheinende
- Häufung der Fälle als auffällig und erklärungsbedürftig registriert werden.
Zwischen 1966 und 1969 hatten die Ärzte am Massachusetts General Hospital
in Boston sieben Fälle dieser Krebsart bei jungen Frauen zwischen 15 und 22
Jahren zu behandeln, nachdem bis dahin in der medizinischen Literatur weltweit
nur über vier Fälle bei unter 30jährigen Frauen berichtet worden war. Nachdem
die Mutter einer der Patientinnen nach einem möglichen Zusammenhang mit
DES gefragt hatte, kamen die Ärzte auf die richtige Spur: Die Mütter der betrof­
fenen jungen Frauen hatten während der ersten drei Schwangerschaftsmonate
DES eingenommen (vgl. Colborn et al. 1996: 86f; Orenberg 1981: 34ff.). In der
Folgezeit stellte sich heraus, dass die Einnahme von DES während der Schwan­
gerschaft nicht nur kanzerogen wirkte,34 sondern auch für eine Reihe anderer
Fehlbildungen des Genitaltrakts vor allem bei weiblichen, aber auch bei männli­
chen Kindern verantwortlich war (lbarreta/Swan 2001: 86). Der Vollständigkeit
halber sei erwähnt, dass die V,:,rschreibung von DES während der Schwanger­
schaft in den USA im Herbst 1971 verboten wurde, in anderen Ländern aber
zum Teil noch für mehrere Jahre praktiziert wurde, in der Bundesrepublik
Deutschland beispielsweise bis 1977 (ebd.: 86f.).
Bemerkenswert an diesem Beispiel ist, dass die Entdeckung unerkannten
Nichtwissens nur aufgrund der stark zufallsabhängigen lokalen Häufung einer
sehr seltenen Erkrankung gelingen konnte. Auch hier spielt die Problematik der
"Sichtbarkeit" von negativen Folgen also eine Schlüsselrolle. Im Unterschied
zur FCKW-Problematik ging es bei DES aber weniger darum, die Folgen über­
haupt empirisch beobachtbar zu machen, sondern einzelne, flir sich jeweils
durchaus wahrnehmbare Ereignisse als "auffällig" zu erkennen, sie miteinander
zu verknüpfen und einer (zunächst unbekannten) kausalen Ursache zurechnen
zu können. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, die folgende Frage negativ zu
beantworten: "Hätten die Ärzte die medizinischen Probleme der jungen Frauen
jemals mit einem Medikament in Zusammenhang gebracht, das deren Mütter
Jahrzehnte zuvor genommen hatten, wenn es nicht zu einer auff<illigen Häufung
extrem seltener Tumoren (und in diesem Zusammenhang zu der Nachfrage einer
einzelnen Mutter) gekommen wäre?" (Colborn et al. 1996: 84f - Herv. i. Orig.)
Und wäre die kanzerogene Wirkung von DES nicht entdeckt worden, dann wäre
es nach Ansicht von Ibarreta und Swan (2001: 86f) auch unwahrscheinlich ge­
wesen, "that DES-associated genital tract changes, which can only be identified
by a physician conducting a special DES examination, and the multiple repro­
ductive consequences of DES exposure would have ever been identified". Der
"Entdeckungszusammenhang" wissenschaftlichen Nichtwissens verdient vor
diesem Hintergrund wesentlich größere theoretische Aufmerksamkeit, als dies
bisher in der stark von der Risikosemantik und ihrer Betonung der Folgenantizi­
pation geprägten Debatte der Fall ist. Denn ein Effekt dieser Fixierung auf zu­
künftige, in der jeweiligen Gegenwart noch nicht genau bekannte Handlungs­
33 Auch Dodds. dem .,Entdecker" von DES, und seinen Kollegen war offenbar nicht klar, "wie
DES die Honnonwirkung im Körper würde nachahmen können. Dass es dieses tat, wussten sie
aus reiner Empirie." (CoJbom et al. 1996: 110 - I1erv. i. Orig.)
34 Nach dem von Arthur Herbst, einem der Bostoner Ärzte, eingerichteten Register sind weltweit
etwa 800 Fälle dieser speziellen Krebsart bekannt geworden (Ibarreta/Swan 2001: 86). Die ge­
naue Zahl der Personen, die DES in litera ausgesetzt waren, ist unbekannt. Schätzungen
schwanken zwischen 2 und 10 Millionen (ebd.: 87).
82
Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?
und Entscheidungskonsequenzen besteht ganz offensichtlich darin, dass die
Wahmehmbarkeit bereits eingetretener Folgen stark überschätzt und damit ent­
problematisiert wird: Was geschehen ist, so lässt sich die implizit dahinter ste­
hende Annahme zusammenfassen, kann man auch "sehen" und erkennen. Wie
das Beispiel DES unterstreicht, müssen wissenschafts-basierte Gesellschaften
tatsächlich aber mit über lange Zeiträume latenten, unentdeckten und unaufge­
klärten Effekten wissenschaftlichen Nichtwissens rechnen. 35
Erwähnenswert sind drei weitere Schlussfolgerungen aus dem DES-Fall:
Erstens hat sich hier (ebenso wie auch beim Contergan-Wirkstoff Thalidomid)
gezeigt, dass - entgegen gängigen Annahmen über Dosis-Wirkungsbeziehungen
- nicht die Menge und Häufigkeit der Einnahme, sondern deren Zeitpunkt aus­
schlaggebend fur das Eintreten von Schädigungen war (vgl. Colborn et al. 1996:
97; Orenberg 1981: 46f.). Mengen-orientierte Grenzwerte greifen unter solchen
Bedingungen offenbar kaum bzw. lassen sich nicht verallgemeinern. Zweitens
ist die DES-Geschichte auch mehr als 30 Jahre nach Entdeckung der Nebenwir­
kungen "far from over" (Ibarreta/Swan 200 I: 87): Viele der Frauen, die der
Substanz pränatal ausgesetzt waren, sind noch relativ jung, und daher müsse
überprüft werden, ob weitere bisher unbekannte Effekte, z.B. ein erhöhtes
Krebsrisiko im Alter, auftreten. Zudem müssten auch die Enkelkinder der mit
DES behandelten Frauen beobachtet werden, denn kürzlich unternommene
Tierversuche mit Mäusen hätten eine erhöhte Krebsanfalligkeit auch in der
dritten Generation gezeigt (ebd.: 87f.). Drittens schließlich lässt sich aus dem
DES-FaJl auch die Schlussfolgerung ziehen, Nutzenanalysen als zusätzliches In­
strument der Risikobewertung heranzuziehen (ebd.: 90). Dann hätte die 1953
festgestellte Wirkungslosigkeit von DES bei der Verhinderung von Fehlgebur­
ten vor dem Hintergrund bestehender, wenn auch wenig abgesicherter Risiko­
vermutungen dazu fuhren müssen, die Verschreibung zumindest während der
Schwangerschaft zu untersagen.
5.3
Contergan: institutionell begünstigtes" Nicht-so-genau-wissen- Wollen"
Der Verlauf der "Contergan-Affare" Ende der 1950er und Anfang der 60er
Jahre ist zumal in der Bundesrepublik Deutschland gut bekannt und dokumen­
tiert und soll daher nicht nochmals referiert werden. J6 Vielmelu sollen hier ­
teilweise im Kontrast zum DES-Beispiel - nur diejenigen Charakteristika dieses
35 Vor diesem Hintergrund mag es überraschen, dass gegenwärtig in der boomenden "Anti­
Aging"-Medizin wieder in großem Stil mit Hormongaben als "Wundermitteln" gearbeitet wird,
ohne dass Nebenwirkungen und Langzeitfülgen bekannt sind (vgl. DIE ZEIT, Nr. 18,
25.4.2002, S. 33).
36 Vgl. für eine neuere Darstellung, die vor a\1em den Aspekt des Wissens und Nichtwissens mit
berücksichtigt: Kirk 1999.
Wehling
83
Falls deutlich gemacht werden, die für eme Soziologie des Nichtwissens von
Interesse sind. Grundsätzlich lässt sich dieser Fall mit weit geringerer Plausibi­
lität als FCKW und DES als eine aufgrund fehlenden Wissens "unvermeidbare
Arzneimittelkatastrophe" behandeln (so auch Kirk 1999: 13). Vielmehr spielten
in diesem Fall Formen des "Nicht-Wissen-Wollens" oder zumindest eines
"Nlcht-so-genau-Wissen-Wollens" eine entscheidende Rolle (vgl. H.-I. Luh­
mann 2001: 55ff.). Bedingt war dies sowohl durch die wirtschaftlichen Interes­
sen des Contergan-Herstellers Grünenthai als auch durch den damals völlig ru­
dimentären Stand der Arzneimittelregulierung in der Bundesrepublik Deutsch­
land, die im Kern auf der "Selbstüberwachung" (H.-J. Luhrnann) der Pharma­
Produzenten basierte. 37 Eine wichtige Rolle spielte aber auch das Vertrauen des
Hersteller-Unternehmens in sein (vermeintlich) "sicheres" und "völlig ungifti­
ges" Produkt; auch in diesem Fall verengte der Risikovergleich mit bereits exis­
tierenden Präparaten, in diesem Fall barbiturat-haltigen, toxischen und zum Sui­
zid verwendbaren Schlafmitteln, den Horizont der Gefahrdungswahmehmung
(Kirk 1999: 238).
Im Jahr 1957, als das Schlafmittel Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid
in der Bundesrepublik Deutschland in den Handel kam, war der Studie von Kirk
zufolge der Wissensstand der medizinischen Forschung über Missbildungen
(Teratologie) "ausreichend, um mittels der damals zur Verfügung stehenden
Prüfmethoden festzustellen, dass Thalidomid in den Organismus des ungebore­
nen Kindes gelangt" (ebd.: 231). Zwar wären die Missbildungs-Wirkungen von
Thalidomid bei Versuchen mit den damals üblichen Versuchstieren, Mäusen
und Ratten, nicht feststellbar gewesen. Der Wirkstoff führt jedoch bei beiden
Tierarten zu Fruchtresorptionen, die auch nach damaligen Wissensstand als
Hinweis darauf galten, "dass die untersuchte Substanz einen negativen Einfluss
auf die Fortpflanzungsfahigkeit und die Nachkommenschaft haben könnte"
(ebd.). Entsprechende Untersuchungen wurden von dem Herstel1er-Unterneh­
men jedoch nicht in himeichendem Crnfang durchgeführt. Dies ist nicht unbe­
dingt im Sinne eines be\vusst intendierten Nichtwissens zu verstehen, aber doch
als ein interessenbedingt erheblich eingeschränktes Erkenntnisinteresse; um Zeit
und Kosten zu sparen, wurde Gefaludungsvermutungen und Hinweisen auf
Wissenslücken nicht mit dem nötigen Nachdruck nachgegangen (ebd.: 230f.;
H.-J. Luhmann 2001: 58). Schließlich galt Contergan als besonders sicher; des­
halb war der Verkauf des Mittels zunächst nicht rezeptpflichtig.
Allerdings besaß Thalidomid eine zweite gravierende 1'."ebenwirkung neben
den Missbildungen von ;-Jeugeborenen, die gemeinhin mit der "Contergan-Af­
37 Kirk weist allerdings darauf hin, dass die deutschen Behörden selbst die geringen ihnen zur
Verfügung stehenden Handlungssple\räume. etwa die :vtöglichkeit, Contergan der Rezeptpflicht
zu unterwerfen, nicht ausreichend genutzt haben (Kirk 1999: 232).
84
Wehling
Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?
85
Ärztin Frances Kelsey, beanstandete jedoch sowohl das Fehlen chronischer To­
xizitätsstudien als auch fehlende Untersuchungsergebnisse hinsichtlich des Ver­
haltens von Thalidomid bei Einnahme in der Schwangerschaft (ebd.: 238f) und
verweigerte die Zulassung, bis Richardson-Merrell schließlich nach Bekannt­
werden der teratogenen Wirkungen von Thalidomid seinen Antrag zurückzog.
Die Bedenken Kelseys gründeten sich dabei auch auf nach strikten wissen­
schaftlichen Kriterien "ungesicherte" Ähnlichkeitsvermutungen und Analogie­
Schlüsse, die aber offenbar eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Auf­
38
deckung von "pockets of ignor~nce" (Merton) spie1en: "Aus den Angaben der
Fa. Richardson-Merrell ergab sich, dass Thalidomid beim Menschen schnell
einschläfernd wirkte, während es bei Tieren selbst in hohen Dosen nur eine ge­
ringe Wirkung auf die Reaktionsfähigkeit zeigte. Kelsey beunruhigte dies, da sie
beftirchtete, dass sich Thalidomid auch hinsichtlich der Toxizität anders verhal­
ten könne als bei Tieren." (Ebd.: 195f.; vgl. auch H.-J. Luhmann 2001: 68f.).
Unter dem Eindruck der "Contergan-Afnire" sind die arzneimittelrechtlichen
Vorschriften (erst) mit dem Arzneimittelgesetz von 1976 auch in der Bundesre­
publik Deutschland erheblich verbessert worden, so dass die schlichte "Wieder­
holung" eines derartigen Vorgangs wohl ausgeschlossen werden kann. Soziolo­
gisch bemerkenswert ist gleichwohl das enge Zusammenspiel institutioneller
Faktoren mit wirtschaftlichen Interessen und Schwierigkeiten des Wissensge­
winns, die durchaus bestanden, dennoch aber die These einer "unvermeidbaren
Katastrophe" kaum rechtfertigen. 39 Unabhängig davon gilt auch in diesem Fall:
wären die negativen Wirkungen weniger massiv und auffallig gewesen, wären
sie vermutlich noch längere Zeit unerkannt geblieben. Das relativ rasche Auf­
decken der Nebenwirkungen von Contergan sollte daher nicht vorschnell als In­
diz fUr ein funktionierendes und adäquates System der Folgenbeobachtung im
Bereich der Arzneimittel gesehen werden. So hat beispielsweise der Arzneimit­
telexperte Gerd Glaeske aus der Affäre um die Nebenwirkungen des Choleste­
rinsenkers "Lipobay" im Jahr 2001 die Notwendigkeit einer wesentlich syste­
färe" assoziiert werden. Der Wirkstoff führte bei Langzeiteinnahme auch zu
teilweise irreversiblen Nervenschädigungen, die seit 1959 bekannt waren und
vor allem bei älteren Menschen in einer solchen Häufigkeit auftraten, dass sie
bereits 1960 als "Contergan-Polyneuritis" bezeichnet wurden (Kirk 1999: 229).
Bis Ende 1961 hatten etwa 1500 Ärzte und Apotheker die Firma Grünenthai
über insgesamt rund 3000 Fälle der Polyneuritis informiert, hinzu kamen noch
etwa 300 direkte Beschwerden von Patienten (H.-J. Luhmann 2001: 60f). Im
Mai 1961 erschienen entsprechende Publikationen in medizinischen Fachzeit­
schriften (Kirk 1999: 238). Das Hersteller-Unternehmen beantragte daraufhin
bei der zuständigen Überwachungsbehörde, dem nordrhein-westfalischen In­
nenministerium, die Rezeptpflicht. Diese wurde ab dem 1.8.1961 zwar in drei
Bundesländern eingeführt, in den übrigen war Contergan aber weiterhin in den
Apotheken frei verkäuflich. Im November desselben Jahres schließlich erkann­
ten ein australischer Gynäkologe sowie der Hamburger Kinderarzt Widukind
Lenz unabhängig voneinander, dass die Einnahme von Thalidomid während der
Frühschwangerschaft zu gravierenden Kindesmissbildungen fUhrt; am 27. No­
vember 1961 zog Grünenthai in Deutschland alle thalidomidhaltigen Arznei­
mittel vom Markt zurück. Bis dahin waren allein in Deutschland bereits etwa
5000 Kinder betroffen oder wurden noch mit Missbildungen geboren; etwa 40
Prozent davon starben bald nach der Geburt (H.-J. Luhmalill 2001: 64). Auch in
diesem Fall war es die starke Auffälligkeit der Schädigungen, die die Ent­
deckung der Zusammenhänge erleichtert hatte, und auch hier war es statistisch­
epidemiologisches Wissen, das letztlich die Erkenntnis ermöglichte (Kirk 1999:
234).
Wie immer man die Möglichkeiten der "Frühwarnung" vor den Missbildun­
gen bzw. allgemeiner vor unbekannten Nebenwirkungen beurteilt, aufgrund der
erkennbar gewordenen Nervenschädigungen war Thalidomid "spätestens seit
dem Sommer 1960 als ein Arzneistoff zu bewerten, dessen Risiko-Nutzen-Be­
wertung negativ ausfällt und dessen Herstellung und Vertrieb somit unter ethi­
schen Gesichtspunkten nicht zu vertreten war" (Kirk 1999: 232). Wäre das
Mittel zu diesem Zeitpunkt vom Markt genommen worden, wären immerhin
mehr als 50 Prozent der thalidomid-bedingten Missbildungen vermieden worden
(ebd.: 229f). Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund der deutlich andere
Verlauf in den USA, der sich sowohl günstigeren institutionellen Rahmenbe­
dingungen verdankte als auch einem reflektierteren Umgang der zuständigen
Sachbearbeiterin der Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration)
mit Nichtwissen. Aufgrund dessen gelangten thalidomid-haltige Arzneimittel in
den USA, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, nicht in den Handel, ob­
wohl das Unternehmen Richardson-Merrell, ein Lizenzpartner von Grünenthai,
1960 bei der FDA die Zulassung beantragt hatte. Die FDA-Mitarbeiterin, die
38 Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund die Einrichtung eines ..Curriculum on Medicallgno­
rance" (CMI) als offizieller Teil der Medizinerausbildung am College of Medicine der Univer­
sität von Arizona. Das Ziel des Curriculums besteht in einem reflektierten Umgang mit medizi­
nischem Wissen und Nichtwissen; angeregt werden sollen ..independent 1earnmg. the ability to
deal with uncertainty and development of skills to explore ignorance" (Wilte et a1 1991: 296),
Fähigkeiten also, die dazu dienen können, das Vertrauen in etablierte Ge\Vissheiten zu erschüt­
tern und neue, überraschende Fragen zu stellen.
39 Dementsprechend warf die Staatsanwaltschaft Aachen im Zuge der gerichtlichen Aufarbeitung
der Affäre dem Mitinhaber und acht leitenden Mitarbeitern von Grünenthal fahrlässige Körper­
verletzung (zum Teil mit Todesfolge) hinsichtlich der Missbildungen sowie fahrlässige und vor­
sätzliche Körperverletzung bei den Nervenschädigungen vur (Kirk 1999: 239). Das Strafverfah­
ren wurde 1970 eingestellt, nachdem die Firma Grünenthai zuvor einen Vergleich mit dem Ver­
band der betroffenen Eltern geschlossen hatte .
..i....
86
Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?
matischeren und als öffentliche Aufgabe betriebenen "Nachmarktkontrolle" von
Medikamenten begründet. Das gegenwärtige "Zufallssystem", das auf der
Spontanberichterstattung von Ärzten basiere, könne "nicht im Mindesten die
Probleme bei der Arzneimittelversorgung erfassen" (Glaeske 200 I). Hinzu
komme, dass klinische Tests vor der Zulassung von Medikamenten statistisch
gesehen in der Regel nur einen begrenzten Wahrscheinlichkeitsbereich von Ri­
siken (etwa 1 : 10.000) erfassten. 1m Fall von Lipobay habe das Todesfall-Ri­
siko in Deutschland hingegen bei etwa 1 : 70.000 gelegen. Dies zeige, so
Glaeske, "dass man nach der Zulassung die Mittel nicht unkontrolliert in einen
Feldversuch hineingeben darf' (ebd.).
5.4
aSE: die politisch motivierte Ausblendung des Nichtwissens
Der Fall des "Rinderwahnsinns" BSE kann geradezu als ein Lehrstück ftir die
enorm gestiegene Bedeutung wissenschaftlichen Nichtwissens in gesellschaft­
lichen Risikokontroversen angesehen werden,40 und insbesondere als ein Lehr­
stück ftir einen fehlgeschlagenen Umgang mit und die unzureichende Kommu­
nikation von Nichtwissen. BSE ist 1986 in Großbritannien erstmals offiziell als
neuartige Rinderkrankheit diagnostiziert worden. Seither prägt das Nichtwissen
der Wissenschaft die Auseinandersetzung über den Umgang mit der Seuche
weit stärker als das Wissen, obwohl- oder gerade weil - vor allem die britische
Regierung lange Zeit, wenngleich letztlich erfolglos, versucht hatte, dieses
~ichtwissen zu leugnen und zu marginalisieren. Das Hauptmotiv dafür bildete
zweifellos der Schutz ökonomischer Interessen der britischen Landwirtschaft
und Agrarindustrie. Eine wesentliche Rolle spielte daneben aber auch eine pa­
ternalistische Fehleinschätzung der Fähigkeiten, über die die gesellschaftliche
Öffentlichkeit verftigt, um wissenschaftliches Wissen und Nichtwissen adäquat
bewerten zu können: "The British governrnent ralionalized its policy by arguing
that the public naively expected scientists and officials to have seeure know­
ledge and to guarantee zero risk, and since that was never attainable it was vital
to provide the public with reassuring narratives that would (...) ,sedate' the pub­
lic." (Millstone/van Zwanenberg 2000: 1307).41 Wynne und Dressel weisen dar­
über hinaus auf eine spezifisch britische empiristische "Kultur" im Umgang mit
40 Sozialwissenschaftliche BeobachterInnen haben diesen Aspekt daher, wenn auch in sehr unter­
schiedlicher Weise, ins Zentrum gerückt. VgJ. z.B. Tacke 1999; Seguin 2000; WynnelDressel
2001; Millstone/van Zwanenberg 2000, 2001; van 7wanenbergiMillstone 2001; Japp 2002a;
Dressel 2002.
41 Brian Wynne weist zu Recht darauf hin, dass hinter öffcntlicher Skepsis gegenüber
wissenschaftlichen RiSIkoabschätzungen gerade nicht "a naive demand for zero-uncertainty"
steht. sondern genau umgekehrt die Anerkennung ,,01' a mure radical uncertatnty (indeed inde­
terminacy) than that admitted by science" (Wynne 2001: 73).
Wehling
87
Ungewissheit und Nichtwissen hin, die sie der kontinental-europäischen und
insbesondere deutschen kontrastieren (vgl. auch Dresse! 2002: 39ff.). Der briti­
sche Zugang neige dazu, letztlich nur "spezifizierte", "realistische" und quanti­
fizierbare Risiken als Anlass zum Handeln ernst zu 'nehmen; "ignorance in the
sense of unknowns is disqualified from this framework, since by definition we
cannot describe what we do not know" (Wynne/DresseI200l: 151; vgl. Wynne
2002: 469f.). In der kontinental-europäischen "Ungewissheits-Kultur" werde
hingegen auch ein abstraktes, "theoretisches" Risiko als hinreichender Grund
ftir präventive Aktivität anerkannt.
Wissenschaftliches Nichtwissen in der BSE-Affäre konzentrierte sich auf
zwei eng miteinander verbundene Fragekomplexe: erstens auf die Frage nach
dem Ursprung der Rinderseuche und damit zusammenhängend nach dem Erre­
ger, den L'bertragungswegen sowie den Inkubations- und Latenzzeiten; zweitens
auf die mögliche Übertragbarkeit der Krankheit auf den Menschen. In beiden
Fällen hat die britische Regierung, insbesondere das Ministerium für Landwirt­
schaft und Ernährung (MAFF), lange Zeit versucht, Ungewissheiten und Nicht­
wissen herunterzuspielen und durch überzogene Sicherheitsversprechen ("Bri­
tish beefis safe!") zu verdecken. Seit 1987 vertrat die britische Politik die Auf­
fassung, BSE sei eine für den Menschen ungefährliche Variante der seit langem
bekannten Schafskrankheit Scrapie (van Zwanenberg/Millstone 200 I: 161). Es
wurde angenommen, dass die Krankheit im Zuge der Verfütterung
von Tiermehl
42
aus toten Schafen auf die Rinder übertragen worden sei. Hintergrund der auf
die Beruhigung der Öffentlichkeit zielenden Sicherheitsbehauptungen war die
durch lange historische Erfahrung scheinbar bestätigte Gewissheit, dass "despite
unrestricted consumption of at-risk sheep tissues and organs" bis dahin keine
epidemischen TSE_Erkrankungen43 bei Menschen aufgetreten waren (Wynne/
Dressel 2001: 133). Daraus wurde gefolgert, dass auch BSE ftir Menschen
ungefährlich und der Konsum britischen Rindfleischs (auch von erkrankten
Tieren) "sicher" sei. Jedoch war (und ist) keine der Annahmen hinsichtlich BSE
wirklich gesichert, vielmehr beruhten beide auf der Ausblendung wissen­
schaftlichen Nichtwissens. Zum einen ist nicht eindeutig geklärt, dass BSE
wirklich (nur) über nicht hinreichend sterilisiertes Tiermehl aus Schafen über­
42 Bereits bei der Intensivierung der Tierrnehlverfütterung, insbesondere bei einer Umstellung der
entsprechenden Herstellungsverfahren in Großbritannien Ende der 1970er Jahre, waren verein­
zelt Stimmen laut geworden, die vor unbekannten und unkontrollierbaren Risiken warnten. Sie
fanden jedoch wenig öffentliche Aufmerksamkeit, da sie keine spezilischen "Schadenspfade"
aufzeigen konnten (Wynne/Dresse\ 2001: \ 46f.). Bereits hier war also vage vermutetes Nicht­
wissen marginalisicrt wordcn.
43 Zur Gruppe der "übertragbaren schwammfOrmigen Gehirnerkrankungen" (transmissible spongi­
form encephalopathies, TSE) gehört neben Scrapie und ßSE auch die bei Menschen auftretende
Creutzfeldt-Jacob-Krankheit (CJD).
88
Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?
Wehling
tragen worden ist; und selbst wenn dies der Fall wäre, könnte daraus zum ande­
ren keineswegs gefolgert werden, dass der Erreger, nachdem er die Artgrenze
Schaf/Rind übersprungen hatte, noch dieselben Eigenschaften hinsichtlich der
Übertragbarkeit bzw. Nicht-Übertragbarkeit auf Menschen haben würde wie
Scrapie. Bereits 1987 gab es empirische Hinweise darauf, dass die möglichen
Übertragungswege in diesem Fall nicht mehr vorhersehbar wären (van Zwanen­
berg/Millstone 2001: 157; Seguin 2000: 298). Zugleich wurden infolge der Ein­
engung auf das Futter als Ansteckungspfad andere Übertragungswege (vor al­
lem vom Muttertier zum Kalb sowie über verseuchte Weideböden) de facto aus­
geschlossen, obwohl beide Phänomene bei Scrapie beobachtet worden waren.
In dem Maße, wie BSE sich in Großbritannien weiter ausbreitete (auf dem
Höhepunkt der Epidemie waren allein im Jahr 1992 über 36.000 erkrankte Rin­
der registriert worden), gerieten sowohl die wenig effektive Politik der briti­
schen Regierung zur Eindämmung der Seuche immer stärker unter Druck als
auch die dahinter stehenden Hypothesen, insbesondere die Behauptung der
Nicht-Übertragbarkeit auf Menschen. Die Regierung und vor allem das zustän­
dige MAFF griffen in dieser Situation unter anderem auch zu einer Strategie, die
sich als gezielte Ausblendung von Nichtwissen charakterisieren lässt. Dieses
schloss Formen der Geheimhaltung und Unterdrückung von Information ebenso
ein wie ein mehr oder weniger bewusstes Nicht-Wissen-Wollen. So wurde bei­
spielsweise verheimlicht, dass BSE schon 1986 nicht nur bei Rindern, sondern
auch bei einer Antilope in einem Zoo festgestellt worden war, und die Publika­
tion eines Wissenschaftlers, der an einem dem MAFF unterstehenden Institut
beschäftigt war, über diesen Fall wurde von dessen Vorgesetzten untersagt (Se­
guin 2000: 295). Und ebenso wurden wichtige Experimente, die näheren Auf­
schluss über Verlauf und Übertragungswege der Krankheit versprachen, erst mit
erheblicher Verspätung begonnen: "A crucially important experiment to see
whether cattIe fed on rations deliberately infected with scrapie would get BSE
was not started unti! 1996." (van Zwanenberg/Millstone 200 I: 164)
Im Jahr 1995 starben in Großbritannien kurz nacheinander zwei junge Men­
schen im Teenager-Alter an einer offenbar neuartigen Variante der Creutzfeldt­
Jacob-Krankheit (nvCJD). Normalerweise ist CJD eine typische Erkrankung äl­
terer Menschen; bis dahin waren weltweit nur vier Fälle der Krankheit bei jun­
gen Menschen beschrieben worden (Wynne/Dressel 200 I: 134). Bis zum Früh­
jahr 1996 folgten weitere Fälle, und am 20. März erklärte der britische Gesund­
heitsminister vor dem Unterhaus, dass BSE die wahrscheinlichste Ursache für
diese ungewöhnliche Häufung sei, obwohl dafür kein definitiver wissenschaft­
licher Beweis existiere. An diesem Punkt war die offizielle Strategie der Margi­
nalisierung und Ausblendung von Nichtwissen gescheitert. Die Folge war ein
massiver und anhaltender Vertrauensverlust der britischen Öffentlichkeit in Si­
89
cherheitsversprechen der politischen Institutionen, aber auch in die wissen­
schaftliche Politikberatung, die sich zu einem großen Teil für die Strategie der
Regierung hatte instrumentalisieren lassen. Allerdings hielt die britische Regie­
rung, wie Wynne und Dressel (ebd.) betonen, auen nach 1996 insofern noch an
ihren Sicherheitsversprechen fest, als sie behauptete, die Risiken für die
Verbraucher seien aufgrund der einige Jahre zuvor angeordneten Maßnahmen
(Aussortierung potenziell infektiöser Innereien in den Schlachthöfen u.ä.) unter
Kontrolle. Abgesehen davon, dass die Einhaltung dieser Maßnahmen lange Zeit
nur unzureichend überwacht wurde, wurde hierbei weiterhin nur der Übertra­
gungsweg über kontaminiertes Futter zugrunde gelegt.
Der BSE-Fall stellt ein komplexes und bis heute in entscheidenden Punkten
noch immer unaufgelöstes Wechselspiel zwischen Wissen, Ungewissheit und
Nichtwissen dar. Nach wie vor sind wesentliche Fragen nach dem Ursprung von
BSE, der Art des Erregers (Prion, Virus, Umweltgifte oder eine Kombination
verschiedener Faktoren?), den Übertragungswegen und der Inkubationszeit
ebenso ungeklärt und strittig wie die Zahl möglicher menschlicher Opfer. Auf­
grund dessen stehen fast alle inzwischen auch in der Bundesrepublik Deutsch­
land ergriffenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Seuche (die auch in Groß­
britannien mittlerweile stark zurückgegangen ist) unter dem Vorbehalt der Un­
gewissheit und des Nichtwissens. In jedem Fall wird man kaum behaupten kön­
nen, dass der Umgang der britischen Behörden mit dem "Rinderwahnsinn" und
dem damit verbundenen wissenschaftlichen Nichtwissen in irgend einer Hin­
sicht adäquat oder gar zwingend gewesen sei. Hinweise beispielsweise auf Risi­
ken fiir Menschen wurden nicht aufgegriffen, wenn nicht sogar unterdrückt, und
lange Zeit wurde wenig unternommen, um die eigenen Annahmen zu untermau­
ern, geschweige denn sie durch gezielte Experimente in Frage zu stellen. 44 Im
Rückblick folgern viele Beobachter, ebenso wie die BSE-Untersuchungskom­
mission, die die Labour-Regierung 1998 eingesetzt hatte, eine frühzeitige und
offene Darstellung und Kommunikation von Ungewissheit und Nichtwissen
wäre letztlich auch für die britische Regierung die erfolgreichere Strategie ge­
wesen (Millstone/van Zwanenberg 2000; van Zwanenberg/ Millstone 2001:
165). In jedem Fall hätte sie im Sinne eines scientific citizenship demokratische
Mitspracherechte, auch und gerade in Ungewissheitssituationen, ebenso aner­
kannt wie die Kompetenz der Bürgerinnen und Bürger, wissenschaftliche Wis­
sens- und Nichtwissensansprüche angemessen bewerten zu können.
44 Dies deutet im übrigen darauf hin, dass man kaum mit kontinuierlichen und nachhaltigen
Lernprozessen aus vorangegangenen Fällen wissenschaftlichen Nichtwissens (FCKW, Thali­
domid etc.) reehnen kann. Offenbar ist der soziale und institutionelle Umgang mit Nichtwissen
in erster Linie durch die jeweils spezifischen, situativen Handlungskontexte bedingt.
~
90
Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?
Wehling
Anregend und weiterführend für eine Soziologie wissenschaftlichen Nicht­
wissens ist darüber hinaus Wynnes und DresseIs These, man könne mit Blick
auf Großbritannien einerseits, Kontinentaleuropa andererseits spezifische "cul­
tures of uncertainty", d.h. institutionell und kulturell geprägte Differenzen im
Umgang mit Ungewissheit und Nichtwissen unterscheiden. Allerdings sollte
man derartige Überlegungen nicht allzu eng an unterschiedliche, vermeintlich
homogene nationale Kulturen binden - nicht nur deshalb, weil im Zuge wach­
sender transnationaler Verflechtungen sich solche historisch und institutionell
bedingten Unterschiede mehr und mehr abschwächen, sondern auch weil der
Umgang mit BSE in der Bundesrepublik Deutschland in vielem kaum dem von
Dressel und Wynne gezeichneten Idealtypus einer auch auf stark hypothetische
Risiken reagierenden Kultur der Vorsorge entsprochen hat. So wurde z.B. _ in
fataler Nähe zu "British beef is safe"-Kampagnen - noch bis kurz vor der Ent­
deckung der ersten erkrankten Rinder im November 2000 die Behauptung auf­
rechterhalten, Deutschland sei "BSE-frei" (vgl. dazu H.-I. Luhrnann 2001:
23ff.).45 Damit sollen nationale Unterschiede in den Reaktionen auf Ungewiss­
heit und Nichtwissen nicht bestritten werden; interessanter scheint es aber, sol­
che Differenzen auch innerhalb der jeweiligen politischen Kulturen, Institutio­
nensysteme und nicht zuletzt der Wissenschaft selbst anzusiedeln und zu unter­
suchen. Wie die Fallbeispiele gezeigt haben, lassen sich auch in der Wissen­
schaft idealtypisch die beiden von Wynne/Dressel skizzierten unterschiedlichen
"Kulturen" oder besser: "kognitiven Stile" und "epistemischen Praktiken", im
Umgang mit Nichtwissen erkennen: Einem Stil, der auf die Verlässlichkeit
existierenden Wissens vertraut, sich eher an kurzfristig erkennbaren Wirkungen
(bzw. deren Ausbleiben) orientiert und an vermeintlich spekulativen, auf Analo­
gieschlüssen, der Berücksichtigung unterschiedlicher Zeithorizonte u.ä. beru­
henden Nichtwissens- und Gefährdungsvermutungen wenig interessiert ist,
kontrastiert eine kognitive Orientierung, die eher von der Unvollständigkeit und
Unsicherheit des verfügbaren Wissens ausgeht, nach möglichen Latenzen und
Langfristeffekten fragt und eine hohe Aufmerksamkeit für auch minimale Auf­
fälligkeiten entwickelt (vgl. auch die oben erwähnten Überlegungen zum "Cur­
riculum on Medical Ignorance"). Eine sich anschließende Frage wäre, ob sich
spezifische Verteilungsmuster dieser wissenschaftlichen cultures of uncertainty
etwa nach Disziplin- oder Subdisziplinzugehörigkeit, theoretischen Paradigmen,
91
institutionellen Feldern (akademische Forschung, Industrieforschung, staatliche
Ressortforschung etc.) erkennen lassen. 46
5.5
Einige Schlussfolgerungen
Bereits an den skizzierten vier Beispielen wird deutlich, wie breit, heterogen
und vielschichtig das Spektrum von Entstehungszusammenhängen und Rah­
menbedingungen wissenschaftlichen Nichtwissens ist und wie wenig aussichts­
reich es wäre, einen spezifischen, sei es kognitiven, institutionellen oder außer­
wissenschaftlichen Faktor als letztlich ausschlaggebend herauszupräparieren
und zu verallgemeinern. Dies gilt umso mehr, wenn man die Problematik des
Nichtwissens nicht "punktfOrmig" auf den einen vermeintlich entscheidenden
Moment des Einstiegs in eine Forschungsrichtung oder Technikentwicklung
verengt, sondern die Entstehung und Aufrecherhaltung von wissenschaftlichem
Nichtwissen als einen von sozialen Faktoren (mit)geprägten Prozess in den
Blick nimmt und analysiert. Dann zeigt sich in den dargestellten Fällen eine
große Bandbreite interagierender Einflussfaktoren: Diese reichen von wirt­
schaftlichen und politischen Interessen auf der einen Seite (vor allem: Conter­
gan und BSE) über unzureichende Reaktionen auf vorliegende Gefährdungsin­
dikatoren (DES und Contergan) bis hin zu kaum überwindbaren kognitiven
Schwierigkeiten bei der Antizipation und Entdeckung negativer Wirkungen
(FCKW und DES). Im Folgenden möchte ich einige übergreifende Schlussfol­
gerungen aus den vier Beispielen andeuten. 47
Als eine erste wesentliche Gemeinsamkeit der Beispiele lässt sich festhalten,
dass keiner der Fälle durch die vollständige Abwesenheit wie auch immer
schwacher Hinweise auf Risiken oder zumindest auf ungeklärte Zusammen­
hänge charakterisiert ist. Der Rückgriff auf "Unerkennbarkeit" und "Unver­
meidbarkeit" wäre daher vorschnell, auch wenn die Erkenntnischancen in den
einzelnen Fällen zweifellos sehr unterschiedlich verteilt waren. Allerdings wäre
selbst bei verstärkten Forschungsbemühungen in keinem der Beispiele (mit
45 Verwunderlich sei, so Luhmann, dass während der 1990er Jahre in Deutschland nicht ein einzi­
ger BSE-Fall aufgrund klinischer Symptomatik entdeckt und gemeldet worden sei. Möglich sei
dies "eigentlich nur, wenn die Wahmehmung derjenigen, die zur Meldung verptlichtet sind,
systematisch verzeJTl war. In der Tat gilt: Die natürliche Interessenlage aller mit Tierbeständen
befassten Personen ist die, keine klinischen BSE-Verdachtsmomente wahrzunehmen (... )." (H.­
l. Luhmann 2001: 25)
i
46 Vgl. dazu, bezogen auf Disziplinen, bereits Merton (1987: 10) sowie neuerdings Knorr-Cetinas
Studie zu den unterschiedlichen "epistemischen Kulturen" der Hochenergie-Physik und der
Molekularbiologie (Knorr-Cetina 2002). Folgt man vereinzelten Hinweisen Knorr-Cetinas, so
umfassen diese epistemischen Kulturen nicht nur jeweils unterschiedliche "Wissenskulturen",
sondem auch spezifische Fonnen und Praktiken des Umgangs mit Nichtwissen, die man als
..Nichtwissenskulturen" (Böschen/Soentgen/Wehling 2003) bezeichnen könnte.
47 Vgl. für ähnliche Überlegungen auf der Basis von 14 Fallstudien und stärker mit Blick auf das
umweltpolitische Vorsorgeprinzip EEA-Editorial Team 2001: 168ff. Neben den auch im vorlie­
genden Beitrag behandelten Beispielen FCKW, DES und BSE hat die EEA-Studie berücksich­
tigt: Übertischung, radioaktive Strahlung, Benzen, Asbest, PCB, Antibiotika als Wachstumsför­
derer, Schwefeldioxid, MTBE, die chemische Verseuchung der Großen Seen, TBT sowie Hor­
mone als Wachstumsbesch1euniger (EEA 2001).
92
Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?
Ausnahme allenfalls von BSE ab 1986) anfangs exakt antizipierbar gewesen,
welche unbekannten Wirkungen genau eintreten würden. Ein reflektierter Um­
gang mit Nichtwissen kann also kaum das illusorische Ziel vollständiger und
"richtiger" Folgenantizipation haben; es geht offensichtlich nicht darum, Nicht­
wissen vorab und komplett in sicheres Wissen zu verwandeln. In allen vier Bei­
spiels fa lien (in Ansätzen selbst bei den FCKW) lagen jedoch bereits zu Beginn
vereinzelte Hinweise auf einen sich öffnenden Raum des "Unbekannten" vor, in
dem man zunächst Wissenslücken und vielleicht auch hypothetische Gefahr­
dungspotentiale hätte ausmachen und nach Möglichkeit überprüfen können _ all
dies selbstverständlich immer mit dem Risiko von Irrtümern und Fehlern be­
haftet. Auch hier wäre nicht exaktes Wissen über die tatsächlichen Folgen das
Ergebnis gewesen, sondern "nur" ein begründeteres Abwägen von Risikohypo­
thesen sowie ein genaueres Wissen und Anerkennen des Nichtwissens. Im Fall
von Contergan hätte dies aber - jedenfalls unter geeigneteren rechtlich-institu­
tionellen Rahmenbedingungen - zumindest zu intensiveren Tests und Tierver­
suchen, zur Rezeptpflicht und möglicherweise zum Verbot der Einnahme wäh­
rend der Schwangerschaft fuhren können. Im Fall von DES wären die tatsäch­
lichen, zeitlich extrem verzögerten und erst in der nächsten Generation auftre­
tenden Folgen auch bei genauerer Analyse kaum antizipierbar gewesen. Denk­
bar wäre aber immerhin, dass Hinweise auf die Unwirksamkeit des Mittels ver­
bunden mit den, wenngleich wenig spezifizierten, Risikovermutungen ab den
1950er Jahren ebenfalls dazu ge fuhrt hätten, die Verschreibung während der
Schwangerschaft einzustellen.
Wie die Beispiele zweitens zeigen, spielen Risikovergleiche mit vorange­
gangenen wissenschaftlich-technischen Lösungen offenbar eine äußerst ambi­
valente und problematische Rolle. Erkannte Schwachstellen und Mängel etab­
lierter Produkte können zwar die Suche nach Innovationen und Verbesserungen
in eine Erfolg versprechende Richtung lenken. Doch zugleich scheint dies zum
unmittelbaren, punktuellen Vergleich hinsichtlich einzelner, isolierter Aspekte
zu verleiten, so bei FCKW und Contergan in Hinsicht auf die akut toxischen Ei­
genschaften früherer Kühl- bzw. Schlafmittel. Begünstigt werden auf diese
Weise sowohl eine stark selektive und eingeschränkte Wahrnehmung des Fol­
genspektrums als auch kurzschlüssige und unhaltbare Sicherheitsversprechen. 48
Letztere scheinen nicht nur eine kognitive, sondern auch eine Art "psychologi­
sche" Barriere darzustellen, sich intensiver mit der Möglichkeit von neuartigen,
zusätzlichen Risiken der eigenen Entdeckung, des eigenen, "besseren" und
"sichereren" Produkts zu beschäftigen (vgl. dazu auch WBGU 1999: 301ff). Es
spricht allerdings einiges daflir, dass die dadurch bedingte Verengung der Fol­
48 In einem anderen Kontext gilt dies auch für ßSE, das hinsichtlich der Übertragbarkeit auf den
Menschen vorschnell und falschlich mit der Schafskrankheit Scrapie verglichen wurde.
Wehling
93
genwahrnehmung und der Suchheuristiken den Beteiligten zumindest prinzipiell
reflexiv zugänglich werden könnte.
Drittens wird deutlich, wie unterschiedlich sowohl die Bedingungen der (er­
folgreichen) Entdeckung von Nichtwissen als auch äie dabei vorrangig invol­
vierten Wissensformen sein können. Im FCKW-Fall ging die "Entdeckung"
mittels einer theoretischen Hypothese, die auf der Bündelung verschiedener dis­
ziplinärer Wissensbestände beruhte, der empirischen Bestätigung voraus. Diese
Bestätigung wiederum ist als "by-product of an experiment conducted for other
purposes" (EEA-Editorial Team 2001: 173) zu charakterisieren und wäre in ih­
rer Brisanz von der Wissenschaft beinahe "übersehen" worden (vgl. H.-J. Luh­
mann 2001: 196ff). In den Fällen von DES und Contergan waren es lokale
ärztliche Beobachtungen über mehr oder weniger auffällige Krankheitshäufun­
gen sowie epidemiologisches Wissen, die das Nichtwissen auflösten. Dies war
auch bei BSE der Fall, jedoch ist hier hinzuzufligen, dass es der "letzten" Bestä­
tigung eines ernsthaften Risikos flir Menschen durch eine auffallend hohe Zahl
von CJD-Erkrankungen junger Menschen in Großbritannien nicht mehr bedurft
hätte. Vorschnelle Verallgemeinerungen, die den "Entdeckungszusammenhang"
von Nichtwissen entweder auf empirische Beobachtungen oder auf neuartige
theoretische Hypothesen festlegen wollen, sind vor diesem Hintergrund nicht
gerechtfertigt. Als notwendig erscheint statt dessen eine theoriegeleitete, fall­
und kontextspezifisch reflektierte Folgenbeobachtung, deren Rahmenbedingun­
gen jeweils in einer transparenten und demokratisch legitimierten Weise zu
gestalten sind (vgl. EEA-Editorial Team 2001: l7lff sowie zum "Nachzulas­
sungs-Monitoring" in der Grünen Gentechnik: Sauter/Meyer 2000).
Generell muss man jedoch feststellen, dass die Frage nach dem Entde­
ckungszusammenhang von Nichtwissen in der risiko-, umwelt- und wissen­
schaftssoziologischen Diskussion, die nach wie vor stark auf den (vermeintlich)
einmaligen Vorgang der Folgenantizipation konzentriert ist, bisher unterbelich­
tet geblieben ist. Dies gilt in ähnlicher Weise auch flir die umwelt- und for­
schungspolitische Debatte. Häufig scheint noch immer eine vordergründig
pragmatische Haltung zu überwiegen, "that if there were harmful effects,
evidence would emerge of its own accord and in good time for corrective
action" (EEA-Editorial Team 2001: 172). Vor allem die Beispiele DES und
FCKW zeigen, wie trügerisch eine derartige Annahme sein kann. Daraus er­
wachsen wichtige konzeptionelle Konsequenzen für Modelle des Entscheidens
oder Lernens unter Nichtwissen. Denn selbst diese gehen häufig, wie etwa Col­
lingridges Konzept durch "Fakten" falsifizierbarer Entscheidungen (Col­
lingridge 1980) oder das Modell des "rekursiven Lernens" (Krohn 1997; Groß et
al. 2003), zumindest implizit davon aus, dass sich die zunächst unbekannten
Handlungsfolgen letztlich doch in einem noch vertretbaren und flir Korrekturen
94
Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?
Wehling
und Revisionen himeichenden Zeithorizont erkennen lassen (s. dazu Wehling
2003a: 131 ff.). Zwar mag für den von Groß et al. untersuchten Fall eines überdüngten Binnensees die Voraussetzung zutreffen, dass die "Auswirkungen eines
früheren Eingriffs auf die Systemdynamik" beobachtet und, sofern sie bestehenden kognitiven Erwartungen widersprechen, als "Überraschungen" registriert
werden können (Groß et al. 2003: 248). Unter diesen Bedingungen sind dann
"rekursive Lernprozesse" möglich, die auf der sukzessiven Ameicherung des
Wissens über das ZUvor unerkannte, aber nunmehr manifest werdende Nichtwissen basieren (vgl. ebd.: 252f.). Bei Umweltchemikalien wie FCKW, Arzneimitteln wie DES oder auch bei gentechnisch veränderten Organismen, die in einen
räumlich wie zeitlich letztlich nicht eingrenzbaren Wirkungshorizontjreigesetzt
werden, stellt sich dies jedoch wesentlich vielschichtiger dar: Zum einen kann
man allenfalls eingeschränkt wissen, wo und wann man die Folgen beobachten
kann, zum anderen bleibt unklar, was dabei als "Überraschung" gelten könnte,
da sich kaum derart weit gespannte und zugleich himeichend spezifizierte Erwartungshorizonte formieren lassen. 49 Zu rechnen ist unter diesen Umständen
mit einer möglicherweise sogar großen Zahl bisher gar nicht entdeckter
und/oder kausal nicht zugerechneter (Negativ-)Folgen wissenschaftlich-technischer Innovationen, sei es weil die räumlichen und zeitlichen Wirkungshorizonte extrem weit sind, sei es weil die Folgen entweder so selten und schwer
auffindbar oder umgekehrt so "normal" und unauffallig sind, dass sie bisher
keinerlei besondere wissenschaftliche oder öffentliche Aufmerksamkeit auf sich
gezogen haben. Diesen Bedingungen müssen kognitive, institutionelle und politische Strategien des Umgangs mit Nichtwissen gerecht werden.
6.
95
zeigen aktuelle Problembereiche wie etwa der Umgang mit BSE, die Freisetzung transgener Pflanzen, die Anti-Aging-Medizin oder auch die massenhafte
Einführung von Mobiltelefonen, die sich angesichts weiterhin ungeklärter Nebeneffekte als ein gigantischer Großversuch mit ungewissem Ausgang charakterisieren lässt, dass institutionelle und soziale Lernprozesse bisher eher punktuell
geblieben sind. Zugleich verdeutlichen solche Beispiele, dass die Problematik
der unbekannten, unvorhergesehenen Folgen wissenschaftlich-technischer Innovationen in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen wird. Eine Schlussfolgerung
daraus muss es sein, den kogr.itiven und politisch-institutionellen Möglichkeiten
sowie den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Umgangs mit wissenschaftlichem Nichtwissen besondere Aufmerksamkeit zu widmen, sowohl im
Hinblick auf die "Frühwarnung" und Antizipation möglicher Wirkungen als
auch auf Monitoring und nachträgliche Folgenerkenntnis. In diesem Themenfeld
liegt zugleich eine ganze Reihe weiterführender Fragestellungen und Forschungsperspektiven einer Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens, von
denen ich einige im Folgenden exemplarisch aufgreifen und im Kontext einer
allmählich breiter einsetzenden Diskussion (vgl. z.B. WBGU 1999; EEA 2001;
Wynne/DresseI2001; H.-J. Luhmann 2001; Krohn 2003) konkretisieren möchte.
"At first sight, responding to ignorance may seem to ask the impossible.
How can strategies be devised to prevent outcomes, which, by definition, are not
known?" (EEA-Editorial Team 2001: 170). Erste Überlegungen vor allem zur
Problematik der Generierung, Diffusion und Nutzung von Wissen oder theoretischen Hypothesen über unbekannte Risiken hat der Wissenschaftliche Beirat
Globale Umweltveränderungen in seinem Jahresgutachten 1998 angestellt. Dabei wird zunächst unterschieden zwischen Fällen, in denen das Wissen über ein
Schadenspotential "an keiner Stelle in der Gesellschaft" vorhanden ist und Fällen, in denen das entsprechende Wissen auf "dezentraler Ebene" verfügbar ist
(WBGU 1999: 290).50 Grundsätzlich setzt der Beirat hinsichtlich beider
Problemstellungen primär auf Lösungen auf der dezentralen Ebene, d.h. vor
allem bei den wirtschaftlichen Akteuren, die wissenschaftlich-technische Innovationen hervorbringen. In Situationen gänzlich fehlenden Wissens (,,societal
ignorance") wird, neben der intensivierten staatlichen Forschungsfdrderung
(ebd.: 296ff.), vor allem das Haftungsrecht, orientiert an dem Prinzip der Gefahrdungshaftung, favorisiert. Von diesem Instrument gingen, so die Einschätzung des WBGU (ebd.: 293f.), die stärksten Ameize zur Produktion ökologischen Wissens auf dezentraler Ebene aus. 51 In Fällen, in denen Wissen auf de-
Kognitive und institutionelle Perspektiven des Umgangs mit
wissenschaftlichem Nichtwissen
Die rechtlich-institutionellen Rahmenbedingungen des Umgangs mit wahrscheinlichen Risiken wie mit unbekannten Gefahrdungen sind in vielen Bereichen, auch und gerade in Reaktion auf spektakuläre Fälle wie FCKW oder
Contergan, erheblich verbessert worden. An zahlreichen Beispielen ist ablesbar,
dass sowohl in der Wissenschaft als auch in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit die Sensibilität und Aufmerksamkeit für hypothetische, unvorhersehbare
Gefahrdungen deutlich gestiegen ist. Die "Vermeidung künftiger Ozonlöcher"
(WBGU 1999) wird vor diesem Hintergrund zu einem anerkannten Ziel von Risikopolitik und Technik- bzw. Wissenschaftsfolgenabschätzung. Andererseits
50 Vgl. auch die ähnlich angelegte Unterscheidung zwischen ,,societallgnorance" und "institutional ignorance" (EEA- Editorial Team 2001: 171).
51 Auf diese Weise sollen nicht zuletzt Versicherungsuntemehmen als wirtschaftliche Akteure mit
einem starken Eigeninteresse an der Früherkennung und Minimierung von Risiken ins Spiel ge-
49 Zu Recht heben Groß et al. (2003: 248) hervor, "dass ohne eine mehr oder weniger explizite Beschreibung eines Erwartungswertes keine Überraschung registriert werden kann".
l
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Seele and Geist
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