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DIE PARTEI ENTSChEIDET, WAS KOMMUNISMUS IST.«

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CAMPUS
INTERVIEW MIT ROLF D. CREMER UND HORST LÖCHEL
© JAN STRADTMANN
»DIE PARTEI ENTSChEIDET,
WAS KOMMUNISMUS IST.«
12 MIN.
Rolf D. Cremer und horst
Löchel kritisieren das
negative China-Bild der
Deutschen, analysieren die
Ursachen und diskutieren
Möglichkeiten, es zu ändern.
Giftiges Milchpulver, unwirksame Potenzpillen, 2600 tote Minenarbeiter und Piloten, die nicht fliegen können: Das sind nur
vier Meldungen zu China, die in den vergangenen Wochen durch die deutschen
Medien liefen. Laut einer aktuellen Umfrage des German Marshall Fund glauben nur 18 Prozent der Bundesbürger,
dass Deutschland und China gemeinsame Werte haben. Kein anderes Land lehnt
China stärker ab. Warum?
Löchel: Solche Umfragen werden
durch Einzelereignisse beeinflusst, etwa
durch die Reaktion Chinas auf den Besuch
des Dalei Lama in Deutschland vor zwei
Jahren. Aus meiner Sicht suggerieren Teile
der deutschen Medien seit Längerem, die
Chinesen führten sich wie die Herren der
Welt auf – sie stellen diese Situation aber
meist sehr einseitig dar. So verfestigen sich
Vorurteile. Und so sehen wir in Deutschland vieles nicht, was sich in China verbessert hat. Etwa, dass das Land 2004 den
Schutz der Menschenrechte in die Verfassung aufgenommen oder kürzlich ein Gesetz zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen verabschiedet hat.
Cremer: Viel wissen die Deutschen
nicht über China – nur, dass es ein großes Land mit einer langen Geschichte und
großen Errungenschaften ist. Wenn solch
ein großes Land 30 Jahre unaufhaltsam
wächst, empfinden das hierzulande viele
als Bedrohung. Und dieses kollektive Unwohlsein entlädt sich dann an solchen Einzelereignissen. Allerdings: In China leben
1,35 Milliarden Menschen, in etwa so viele
wie in Afrika und Europa zusammen. Und
wenn man in Europa nach miserablen Arbeitsbedingungen sucht, wird man solche
Fälle ebenso finden wie obszönen Reichtum. Anekdoten und Einzelbeispiele schlagen nun mal jede Statistik und liefern kein
objektives Bild.
Aber ist es denn ein verzerrtes Bild von
China, wenn wir erfahren, dass der chinesische Dissident Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis nicht entgegennehmen darf,
weil er eingesperrt ist. Das ist kein Einzelbeispiel irgendwo auf dem Land, sondern
die offizielle Linie der politischen Führung.
Löchel: China auf den Fall Liu Xiaobo
zu reduzieren, ist in der Tat ein verzerrtes
Bild. Der Westen tut gut daran, sich an die
eigene Nase fassen.
Cremer: Ich möchte die Reaktion Chinas auf den Friedensnobelpreis für Liu
Xiaobo nicht verteidigen, aber das Land
braucht konstruktive Kritik, nicht Entscheidungen, die die Gräben vertiefen.
Pekings Vize-Außenministerin Fu Ying hat
sich kürzlich mit der ZEIT darüber gestritten, aus welcher Perspektive man China
gerade bei der Menschenrechtsfrage bewerten sollte. Von der heutigen Situation
in Europa aus oder verglichen mit den Anfängen, wo China herkommt. Welches ist
die richtige?
»ThE PARTY
DEFINES
WhAT
COMMUNISM
IS.«
Rolf D. Cremer and horst
Löchel criticise the negative
attitude of Germans towards
China, analyse the causes
and discuss how it might be
changed.
Toxic powdered milk, ineffectual male potency pills, 2,600 dead mine workers, pilots who can’t fly their planes. Those are
just four news from China reported in the
German media over the past few weeks.
A recent poll by the German Marshall
Fund suggests that only 18% of Germans
believe Germany and China have any values in common. No other country has a
more negative view of China. Why is that?
Löchel: Poll results are influenced by
specific events – like China’s reaction to
the Dalai Lama’s visit to Germany two
years ago. As I see it, for some time now
various factions in the German media have
been suggesting that the Chinese behave
as if they were masters of the universe –
they portray the situation so one-sidedly
they simply reinforce existing prejudices.
This also means that people in Germany
are unaware of the many improvements
China has made. For example, in 2004
the country enshrined the protection of
human rights in the constitution; more recently they passed a law that aims to improve working conditions.
Cremer: There’s a lot Germans don’t
know about China – other than that it’s
a huge country boasting a long history
of significant achievements. Such a
CAMPUS_INSIGHT
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Fu Ying weist darauf hin, dass Europa in
Sachen Menschenrechte zu Zeiten der frühen Industrialisierung auch nicht weiter
gewesen sei als China heute. Ähnlich argumentiert China beim Umweltschutz. Ein
Vergleich, den man gelten lassen darf?
Löchel: Ich bin der Meinung, dass man
an China und Indien bei den CO2-Emissionen nicht denselben Maßstab anlegen
darf wie an uns. Schließlich haben Inder
und Chinesen einen viel niedrigeren Lebensstandard, die haben andere Sorgen,
als ihre Häuser nach ISO-Standard zu dämmen. Außerdem waren es die Industriestaaten, die in den vergangenen 150 Jahren die Welt verschmutzt haben. Wichtig
ist doch, dass China erkannt hat, dass es
umweltschonend produzieren muss. Doch
wir stellen dieselben Ansprüche an das
Land wie an uns – das hat auch zum Scheitern des Kopenhagener Klimagipfels im
vergangenen Jahr geführt.
Cremer: In Deutschland gründeten
sich die Grünen ja auch nicht direkt nach
dem Krieg, sondern erst 30 Jahre später. Ich kann mich noch gut erinnern, wie
mir mein Großvater auf Waldspaziergängen lang und breit erklärt hat, warum
60 CAMPUS_INSIGHT
large country’s rapid, inexorable growth
over the past 30 years is viewed by many
Germans as a threat. This collective unease tends to erupt in response to events
like those just mentioned. But China has
a population of 1.35 billion – about the
same size as Africa and Europe combined! And if you look for abysmal working conditions in Europe, you’ll certainly
find them, just as you’ll find examples of
obscene wealth. Anecdotes and isolated
examples beat statistics every time, but
never provide an objective picture.
VITA
Prof. Dr. Horst Löchel ist Direktor des German Centre of Banking and Finance an der China Europe International Business
School (CEIBS) in Shanghai, China. Das German Centre of
Banking and Finance wird unterstützt durch das Centrum für
Internationale Migration und Entwicklung (CIM), dem Personalvermittler der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.
Weiterhin ist Horst Löchel Professor für Volkswirtschaftslehre an der Frankfurt School of Finance & Management und
Chairman des Shanghai International Banking and Finance
Institute (SIBFI). Er lebt und arbeitet seit sieben Jahren in
China.
Prof. Dr. Horst Löchel is Director of the German Centre of
Banking and Finance at the China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai, China. The CIM (Centre for
international Migration and Development), the human resources provider for German development cooperation, supports the German Centre of Banking and Finance. Furthermore, Horst Löchel is Professor of Economics at the Frankfurt
School of Finance & Management and Chairman of the
Shanghai International Banking and Finance Institute (SIBFI).
He has been living and working in China for over seven years.
But are we getting a distorted picture of
China when we hear that Chinese dissident Liu Xiaobo isn’t allowed to accept
the Nobel Peace Prize because he’s in jail?
That’s not an isolated example from some
rural backwater: it’s the political leadership’s official line.
Löchel: Simply reducing China to the
case of Liu Xiaobo is definitely a distorted
picture. The West would do well to look
to its own affairs.
Cremer: I don’t wish to defend the way
China has reacted to Liu Xiaobo’s Nobel
Peace Prize award, but the country needs
constructive criticism rather than decisions
that emphasize differences.
Beijing’s Deputy Foreign Minister Fu Ying
recently argued with German newspaper "Die Zeit" over the perspective that
should be used to evaluate China, especially with respect to human rights.
Should we use Europe’s current situation
as a yardstick, or compare China’s position with historical precedents? What is
the right perspective?
Cremer: Asking about “the right perspective” already indicates a measure
of intolerance, simply by implying that
there is a “right” perspective. While it’s
absolutely right that we should encourage China to embrace democracy and
human rights, I believe we’re actually
abusing these concepts – because we feel
threatened by China’s economic power,
whereas politically and socially we feel
superior. The fact is, we generally fail to
notice the progress China is making: the
number of death sentences has fallen, for
© JAN STRADTMANN
Cremer: In der Frage nach der richtigen
Perspektive steckt schon eine Prise Intoleranz, weil sie impliziert, dass es eine richtige gibt. Zwar mahnen wir Demokratie und
Menschenrechte völlig zurecht an, aber ich
glaube, dass wir diese Begriffe instrumentalisieren – und zwar deshalb, weil wir uns
von der Wirtschaftsmacht Chinas bedroht
fühlen und uns auf diesem Feld überlegen fühlen. Fakt ist doch, dass China Fortschritte macht, die wir nicht wahrnehmen:
So ist die Zahl der Todesstrafen gesunken,
weil in den vergangenen Jahren die Zahl
der Gerichte, die Todesstrafen aussprechen dürfen, drastisch reduziert wurde.
Zudem ist die Todesstrafe für Wirtschaftsverbrechen abgeschafft. Und neuerdings
muss ein Todesurteil von zwei Instanzen
bestätigt werden, wenn der Verurteilte Berufung einlegt. Es ist also keineswegs so,
dass man in China an jeder Ecke zum Tode
verurteilt werden kann und fünf Minuten
später mit einer Kugel im Nacken auf der
Straße liegt.
rauchende Schornsteine etwas Gutes sind
– für ihn bedeuteten sie das Wirtschaftswunder. Und wir müssen einfach anerkennen, dass die Chinesen heute viel weiter
sind als wir in den Jahren zwischen 1970
und 1980. Die haben verstanden, dass
sie jetzt nicht erst einmal 250 Jahre lang
die Umwelt verschmutzen können. Eine
grüne Agenda ist Teil ihres Entwicklungsprogramms und wird auch jetzt im neuen
Fünfjahresplan eine tragende Säule sein.
zur Werkbank der Welt zu werden, die
daraus resultierenden Exportüberschüsse
in Amerika anzulegen und jetzt, wo das
angesichts der US-Rekordverschuldung
zu riskant ist, China in eine innovative
Volkswirtschaft zu transformieren, das
kann doch nicht nur einer Art politischen
Versuchsanordnung entspringen?
Löchel: Das scheint mit nicht das richtige Wort zu sein; richtig ist aber, dass die
chinesische Führung ihren Beratern ver-
»Es gibt keinen Masterplan, allerdings
hat die Partei die Vision, die
Volksrepublik zu alter Stärke zurückzuführen.«
»There is no master plan, but the Party
does have a vision – of restoring
the country to its former strength.«
Chinas Boom scheint einem gigantischen
Masterplan zu folgen. Welchen Anteil
daran hat die Kommunistische Partei?
Cremer: Es gibt keinen Masterplan,
aber die Partei hat die Vision, das Land
zu alter Stärke zurückzuführen. Und wir
fragen uns, wie Chinas Entwicklung und
der Kommunismus zusammenpassen. Die
Antwort ist: Die Frage ist falsch. Neulich
hat ein hoher chinesischer Politiker auf die
Frage, was eigentlich Kommunismus sei,
geantwortet: „Wir sind die kommunistische Partei, wir entscheiden, was Kommunismus ist.“ Schon Deng Xiaoping wollte
China wieder zu alter Stärke zurückführen,
er dachte damals aber noch, dass es dafür
300 Jahre brauche. Gesetzgeberisch hat
seine Regierung diesen Prozess aber ebenso pragmatisch begleitet wie die heutige
unter Staatspräsident Hu Jintao und unter
Premier Wen Jiabao. Deng Xiaoping wusste, dass er nach der Kulturrevolution die
Kräfte des Landes freisetzen musste, um
eine Dynamik zu erzeugen. Diese Erkenntnis gilt bis heute und zeigt, dass es eben
keinen Masterplan braucht.
Den Basiseffekt können Sie mit dem deutschen Wirtschaftswunder nach dem Krieg
vergleichen. Aber der Prozess, zunächst
VITA
Prof. Dr. Rolf D. Cremer ist Dean der China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai, einer der besten Business Schools Asiens. Er lehrt Volkswirtschaftslehre
und ist Honorarprofessor an der Frankfurt School und der
Nanchang university.
Prof. Dr. Rolf D. Cremer is Dean of the China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai, one of the
top business schools in Asia. He teaches economics and
holds honorary chairs at Frankfurt School and Nanchang
university.
instance, because over the past few years
there’s been a drastic cut in the number
of courts entitled to pass death sentences.
The death penalty for white-collar crime
has been abolished. And now death warrants must be confirmed by two judicial
authorities if defendants appeal against
their convictions. So it’s simply not true
that anybody in China can be sentenced
to death at any time, or that people are
found lying dead in the street with bullets
in their heads five minutes after they’ve
been convicted.
With respect to human rights, Deputy Foreign Minister Fu Ying points out that Europe was no more advanced in the early
stages of industrialisation than China is
today. China uses similar arguments with
regard to environmental protection. Is
that a valid comparison?
Löchel: I don’t believe it’s fair to apply
the same benchmark for CO2 emissions to
China or India as we apply to ourselves.
Let’s be clear: the standard of living in
India and China is much lower; people
have more pressing things to worry about
than insulating their houses to ISO standards. Besides, it’s the industrialised nations
which polluted the world over the past
150 years. The key point is that China has
realised the importance of environmentally sustainable manufacturing. Yet we
make the same demands on them as we
do on ourselves – that’s one of the reasons
the Copenhagen Climate Summit failed
last year.
Cremer: Remember, Germany’s Green
Party wasn’t founded immediately after
the War, but only 30 years later. I can still
remember walking in the forest with my
grandfather while he explained to me at
great length why smoking chimneys were
a good thing – for him, they symbolised
the economic miracle. We simply must acknowledge that the Chinese today are far
more advanced than we were between
1970 and 1980. They’ve understood that
they can’t just go ahead and pollute the
environment for the next 250 years. Their
development programme includes a Green
agenda, which will also be a mainstay of
the new Five-Year Plan.
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deutlich größeren Einfluss auf die Politik
als die Elite in Deutschland.«
»The influence of the intellectual elite
on policy-making is much greater in China
than in Germany.«
traut. Man muss sehen, dass groß angelegte Think Tanks für die Regierung arbeiten. Und fast alle Berater sind Chinesen,
die an angelsächsischen Top-Universitäten
und Business Schools studiert haben. Die
geistige Elite hat einen großen Einfluss auf
die Politik – einen größeren als in Deutschland meine ich, und das ist auch gut so.
Cremer: Um zu verstehen, wie die chinesische Führung agiert, muss man sich
anschauen, warum die verschiedenen chinesischen Herrscherdynastien in den vergangenen 2000 Jahren untergingen: Entweder wurden sie erobert – oder sie haben
es ihrem Volk nicht mehr recht machen
können. Heute hat China nicht nur eine
politische, sondern auch eine wirtschaftliche und eine künstlerische Elite. Alle drei
haben das gemeinsame Interesse, oben zu
bleiben – und so besteht zwischen ihnen
ein Konsens darüber, die Lebensverhältnisse der vielen Armen und Zurückgebliebenen nachhaltig zu verbessern.
62 CAMPUS_INSIGHT
China’s boom does seem to be following a
gigantic master plan. What part does the
Communist Party play in this?
Cremer: There is no master plan, but
the Party is pursuing a vision – of returning the country to its old strength. We ask
ourselves how China’s development can
be reconciled with Communism. The answer is: it’s the wrong question. Recently, a high-ranking Chinese politician was
asked what Communism actually is. He
replied: “We’re the Communist Party; we
decide what Communism is.” Deng Xiaoping also hoped to return China to its previous glory, but at the time still believed it
would take 250 or 300 years to achieve it.
Even so, in terms of legislative and regulatory developments, his government drove
the process forward just as pragmatically as the current government under President Hu Jintao and Premier Wen Jiabao.
Deng Xiaoping knew that after the Cultural Revolution, he would have to liberate
the country’s strengths in order to unleash
its vast dynamism. His insight is still valid
today, and shows that a detailed master
plan isn’t actually necessary.
The baseline effect is comparable to the
post-War German economic miracle. But
the process of first becoming the world’s
workshop, then investing the resulting export surpluses in the USA, and now – because the record US deficit has made that
too risky – transforming China into an innovative economy; surely that’s not just
the result of a series of political experiments?
Löchel: I don’t think I’d put it like that,
but it’s true that the Chinese leaders trust
their advisers. You have to remember that
the government employs well-endowed
think-tanks; the advisers are almost all Chinese citizens educated at top Anglo-Saxon universities and business schools. The
intellectual elite exerts considerable influence on policies – more influence than
they do in Germany, I think, and that’s a
good thing.
Cremer: To understand how the Chinese leadership operates, you’ve got to
look at the reasons for the demise of the
various Chinese Imperial dynasties over
the past 2000 years. Either they were
conquered, or the people became disillusioned with them. Today China doesn’t
just have a political elite, but also an
© JAN STRADTMANN
»Die geistige Elite Chinas hat einen
Die KP propagiert dafür den Begriff des
inklusiven Wachstums …
… den der mutmaßlich künftige Präsident Xi Jinping kürzlich mit „bescheidenem Wohlstand für alle“ übersetzt hat.
Dafür braucht es ein umweltverträgliches Wachstum, und China darf nicht länger nur die Werkbank des Westens sein.
Wenn sie das nicht hinbekommen, fliegt
ihnen der Laden um die Ohren. Und es
ist ja nicht so, dass uns in einem solchen
Fall der Laden nicht auch weltweit um die
Ohren flöge.
Stefan Halper hat in seinem Buch „Beijing
Consensus“ versucht nachzuweisen, dass
Chinas autoritäres Modell das 21. Jahrhundert beherrschen wird. China lasse
die Ausbreitung der westlichen Werte
schrumpfen.
Löchel: Ja und nein. Man muss ja nicht
alles mitmachen, was es im Westen gibt.
Der Osten hat auch einiges an Werten zu
bieten. Aber natürlich findet im Zuge der
Modernisierung Chinas eine gewisse Verwestlichung statt. Trotzdem müssen wir
uns daran gewöhnen, dass von China auch
universelle Werte für uns ausgehen.
Dennoch lässt Peking nichts unversucht,
für seinen autoritären Staatskapitalismus
zu werben. Gerade rohstoffreiche Länder
genzug fragen sie: „Was sind eure Prioritäten?“ Sie haben sogar den Griechen mehrere Häfen spendiert. China mischt sich
aber nicht in die internen Angelegenheiten eines Staates ein. Man kann natürlich
darüber diskutieren, ob das uns gefällt –
den Afrikanern jedenfalls gefällt das. Bestes Beispiel war die Flutkatastrophe kürzlich in Pakistan: Die Amerikaner haben ihr
großzügiges Hilfsangebot an Forderungen
im Kampf gegen die Taliban geknüpft. Die
Chinesen waren einfach da.
Man könnte das auch Scheckbuch-Kapitalismus nennen.
Löchel: Bitte. Mit diesem Vorwurf
musste sich schon Helmut Kohl bei der
deutschen Einheit auseinander setzen. Die
Frage ist, ob das chinesische Entwicklungsmodell für andere Länder geeignet ist – ich
glaube ja, vor allem für die aufstrebenden
Volkswirtschaften. China wird durch den
Lauf der Ereignisse bestärkt. Ich sage nur
Finanzkrise. Irgendeinen Grund für den Erfolg Chinas muss es geben.
Der SPIEGEL schrieb kürzlich: „Der deutsche Export hat sich auf Gedeih und Verderb China ausgeliefert, doch die Angst
wächst, dass sich die China-Connection
in ein paar Jahren als Pakt mit dem Teufel entpuppt.“
economic and an artistic elite. All three
of them share a common goal: to stay on
top. Which is why they’ve reached a consensus: to steadily improve the living conditions of the many impoverished and disadvantaged citizens.
For which the Communist Party has coined
the term “inclusive growth”…
… which Xi Jinping, most likely the next
President, recently interpreted as “modest prosperity for all”. This aim can only be
achieved by environmentally sustainable
growth, which means China can’t simply
carry on as the workshop of the West. If
they don’t get this right, the whole thing is
liable to blow up in their faces. And if that
happens, it’s highly likely that it’ll blow up
in all our faces, worldwide!
In his book The Beijing Consensus, Stefan Halper from Cambridge University, has
tried to demonstrate that China’s authoritarian model will dominate the 21st century – that China will curb the propagation
of Western values.
Löchel: Yes and no. After all, you don’t
have to go along with everything the West
has to offer; the East isn’t exactly short of
values. But as China modernises itself, a
certain degree of Westernisation is bound
to take place. Nevertheless, we in the West
»Dass die Chinesen in Massen
unsere Autos kaufen, das sollte
uns doch eher glücklich machen.«
»The fact that the Chinese
are buying our cars
should make us rather happy!«
wie Venezuela, Brasilien oder der Sudan
flirten mit dem chinesischen Modell.
Cremer: Der Vorteil der Chinesen in
Südamerika und vor allem in Afrika ist
nicht, dass sie eine kommunistische Partei haben, sondern, dass sie keinen Forderungskatalog vor sich hertragen. Die kommen mit offenem Visier nach Afrika und
sagen: „Wir brauchen Rohstoffe.“ Im Ge-
Cremer: Die Vorurteile stecken doch
schon in der Formulierung: Wer war denn
vor 60 Jahren der Teufel auf der Welt? Wo
stünde Deutschland denn heute, wenn
sich die Amerikaner damals nicht auf einen
Pakt mit dem Teufel eingelassen hätten?
Wie abhängig
China?
ist
Deutschland
von
will have to get used to the idea that China
has universal values to teach us, too.
Even so, Beijing is leaving no stone unturned in promoting its authoritarian form of
state-sponsored capitalism. And it’s countries rich in natural resources, like Venezuela, Brazil and the Sudan, which are flirt
ing most ardently with the Chinese model.
CAMPUS_INSIGHT
63
»Die Chinesen bewundern
Deutschland wegen seiner
enormen Innovationskraft.«
»The Chinese admire
us because of our ability
to innovate.«
Die deutsche Industrie lebt es den Chinesen gerade vor: Wer dauerhaft eine Exportnation sein will, der muss ins obere
Preissegment und sich damit auch von der
Währungsfrage lösen.
Löchel: Die Chinesen bewundern uns
wegen unserer Innovationskraft, aber
auch, weil wir wie sie eine verspätete Nation sind. Und weil wir die Mark in den Euro
transformiert haben und damit zumindest
innerhalb Europas den Währungsdruck
auf einen Schlag losgeworden sind.
Wie lange wird China für die Transformation vom Billigheimer zum Innovationsführer brauchen?
Löchel: Das ist noch ein langer Weg,
wenn man sieht, wie sehr wir Deutschen
unser Exportwachstum dem breiten Mittelstand zu verdanken haben. Zwar hat
China gerade den schnellsten Computerrechner der Welt vorgestellt und im
Zug kann man jetzt mit 400 Sachen von
64 CAMPUS_INSIGHT
Cremer: The advantage the Chinese
have in South America, and especially in
Africa, is not that they have a Communist
Party, but that they’re not imposing a set
of a priori demands. They’re approaching
African countries in a spirit of openness,
telling them “we need raw materials” and
in return asking them “what are your priorities?” – they’ve even financed several ports in Greece. And yet China doesn’t
meddle in a country’s internal affairs. We
can argue about whether or not we like
this behaviour – it’s quite clear the Africans
like it! Best example: the recent flood disaster in Pakistan. The Americans coupled
their – very generous – offer of aid with
demands for support in the fight against
the Taliban. The Chinese were simply
there.
You could also describe it as “chequebook
capitalism”.
Löchel: Oh please. The former German
chancellor Helmut Kohl had to deal with
the same accusation during German reunification. The real question is whether the
Chinese development model is suitable for
other countries: I think it is, especially for
emerging national economies. And the
course of events tends to support the Chinese approach – let me just say the words
“financial crisis”. There must be good reasons for China’s success, after all!
Not long ago, the SPIEGEL newspaper
wrote: “For better or for worse, German
exporters have delivered themselves up to
China, but there is a growing fear that in a
few years’ time, the China connection will
turn out to be a deal with the Devil.”
Cremer: The wording alone reveals the
prejudices: after all, who was the Devil
on Earth just 60 years ago? Where would
Germany be today if the Americans hadn’t
been prepared to “deal with the Devil”
back then?
Just how dependent is Germany on China?
Cremer: Of course we’re dependent,
and that could turn out to be dangerous,
but at the moment it’s true to say that during 2010, the German economy showed
a higher rate of growth – at 3.5% – than
any other country in Europe, primarily because the Chinese are buying our cars.
That should be making us happy!
German industry is currently setting an example for the Chinese: if you want to be
an exporting nation over the long term,
you have to move upmarket and break
away from currency issues.
© JAN STRADTMANN
Cremer: Natürlich sind wir abhängig,
und das kann auch gefährlich werden,
aber heute gilt: Mit 3,5 Prozent wuchs die
deutsche Wirtschaft 2010 stärker als jedes
andere Land in Europa – in erster Linie,
weil die Chinesen unsere Autos kaufen.
Das sollte uns doch eher glücklich machen.
Shanghai nach Hangzhou fahren. Aber
der chinesische Export hängt immer noch
zu 80 Prozent von den billigen Löhnen im
Land ab.
Cremer: Deshalb wäre ein Handelskrieg mit den Amerikanern und Europa
eines der zwei Hauptrisiken für die Fortsetzung des chinesischen Aufschwungs.
Wäre ein Handelskrieg für uns angesichts
der starken Exportabhängigkeit nicht
schmerzhafter?
Cremer: Deshalb wird es auch nicht soweit kommen. Das zweite und viel größere
Risiko für China ist denn auch, dass ihnen
der Erfolg zu Kopf steigt.
Gegen Größenwahn kann man nichts
machen.
Cremer: Nicht viel. Dazu fällt mir ein
Song von Leonard Cohen ein, in dem er
singt: „I am not the one who loves – It's
love that seizes me. When hatred with his
package comes, you forbid delivery.” Man
entscheidet sich nicht für Größenwahn. Er
packt einen.
Löchel: The Chinese admire us because
of our ability to innovate, but also because
– like them – as a nation we’re a latecomer. And because we transformed the
Deutschmark into the euro, ridding ourselves of currency pressures at a stroke –
within Europe, at least.
How long will China need to make the
transition from cheap supplier to leading
innovator?
Löchel: They’ve still got a long way to
go when you realise how much of Germany’s export growth is due to our welldeveloped Mittelstand. Yes, China’s just
built the world’s fastest computer; yes,
you can now travel by train from Shanghai to Hangzhou at 250 miles an hour. But
80% of Chinese exports still depend on
the country’s low-wage economy.
Cremer: That’s why a trade war with
the USA and Europe would be a major
threat to the ongoing growth of the Chinese economy.
ChINA CONFERENCE
China zu Gast in Frankfurt: Gemeinsam mit der CEIBS veranstaltete die Frankfurt School am 28. September 2010 die
erste China Finance Conference, zu der sie 200 Teilnehmer
begruessen konnte. Auf der Veranstaltung sprachen Chinesische und deutsche Redner aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Einen Konferenzrueckblick sowie Vorträge zum
Nachlesen finden Sie auf der Website
www.fs.de/chinaconf
China comes to Frankfurt: on September 28, 2010, CEIBS and
Frankfurt School jointly organised the first China Finance
Conference with presentations by political, business and scientific luminaries from China and Germany. The conference
was attended by 200 delegates. A conference review as well
as presentations are available on
www.fs.de/chinaconf
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In view of our strong export dependency, wouldn’t a trade war be more painful
for us?
Cremer: That’s why there won’t be
one. The second – and much more significant – risk for China is that success goes to
their heads.
There’s not much you can do about megalomania…
Cremer: Not much. That reminds me of
the song "You have loved enough" by Leonard Cohen. He sings “I am not the one
who loves – it’s love that seizes me.” You
don’t decide to become a megalomaniac –
MARCUS PFEIL
megalomania seizes you.
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