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Kirmes, Kerwe, Kerb – oder: Was macht einen so richtig - Calwer

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Dr. Hartmut Rupp
Kirmes, Kerwe, Kerb – oder: Was macht einen so richtig fröhlich?
1. Wahrnehmen: Feste, die einfach dazugehören
Die einen sagen Kirmes, die anderen Kerwe, wieder andere Kerb. Jedes Mal geht es um das gleiche: Ein Volksfest mit Jahrmarkt, einem verkaufsoffenen Sonntag, mit Tanzveranstaltung und Festzelt, mit Fassanstich und
Feuerwerk, mit Schießstand, Autoscooter, Karussell, Geisterbahn, Zuckerwatte und Mohrenköpfen. »Jedes
Nest sein Fest«, so kann man hören; denn kein Ort und keine Stadt will auf das fröhliche Treiben verzichten.
Im Gegenteil: An vielen Orten geht es immer rasanter, höher, moderner und raffinierter zu. Die Feste gehören
einfach dazu und wer etwas von seinem Dorf und seiner Stadt hält, ist dabei. Ganze Familien machen sich da
auf den Weg und die Großeltern und Anverwandten geben gerne das »Kerwegeld«. Gaststätten, Schausteller
und Konfektionsgeschäfte freuen sich, denn das Geld sitzt locker.
Kirmes in Hamm © Foto: Dirk Vorderstraße (www.wikimedia.org)
© Calwer Verlag Stuttgar t 2014 – www.calwer.com
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Dr. Hartmut Rupp
Kirmes, Kerwe, Kerb – oder: Was macht einen so richtig fröhlich?
Alljährlich werden hierzulande 14.000 Volksfeste gefeiert, 180 Millionen Menschen nehmen daran teil (man
geht ja auch in die Nachbarstadt) und 4 Milliarden Euro werden umgesetzt. Für manche hat die große Freude
auch üble Nachspiele: Die Zecherei führt öfter zu einem Brummschädel. Doch was soll’s. Auch im nächsten
Jahr wird an einem Wochenende von Freitag bis Montag gefeiert, getanzt und gezecht. Das Leben braucht
eben solche Höhepunkte, auf die man sich freut und an denen man auch schon einmal ausgelassen feiert und
das Leben so richtig genießt. Da fragt man nur, warum das Ganze Kirmes oder Kerwe heißt.
2. Erklären: Das Kirchweihfest
Kerwe und Kirmes sind schon seit dem 9. Jahrhundert bekannt. Die Worte deuten den Hintergrund an. Anlass
und Ausgangspunkt dieser Ortsfeste waren die Kirchweihe und die Kirchmesse, also der Gottesdienst, in dem
die Ortskirche geweiht und in Gebrauch genommen wurde. Für dieses besondere Ereignis wurde alljährlich
an dem Kirchweihtag oder an dem Tag des Namenpatrons ein Erinnerungsfest gefeiert, das jedes Mal auch
mit einem Kirchweihgottesdienst verbunden war.
Offenbar war eine solche Kirchenweihe und damit verbunden der Sachverhalt, dass seitdem in diesem
Ort und in dieser Kirche kontinuierlich Gottesdienst gefeiert wurde, ein Grund, sich zu freuen, ausgelassen zu
feiern und für eine gewisse Zeit das Leben ausgiebig zu genießen.
Von Anfang an war dieses Erinnerungsfest mit einem
großen Volksfest verbunden; zunächst mit selbstgemachten Spielen, wie das Wurstschnappen oder dem
Sackhüpfen, seit dem 19. Jahrhundert mit Karussell,
Schießstand und Schaukel.
Zunächst feierte man eine ganze Woche, später
beschränkte man das Fest auf ein verlängertes Wochenende. Da Kirchen öfter zerstört, abgebrannt und
deshalb wieder neu in den Dienst genommen werden
mussten, wählten einzelne Regionen einen allgemeinen
Kirchweihtag, meist am dritten Sonntag im Oktober.
Die Nähe zum Erntedankfest war günstig: Die Scheunen
und die Keller waren gefüllt. All das war eine gute Zeit,
um Dankbarkeit und Lebensfreude zum Ausdruck zu
bringen.
Das Kirchweihfest wurde mit einer Fülle von Brauchtum versehen. Da wurde, ähnlich wie im Mai, ein geschmückter Baum von so genannten »Kerweborschde«
(Kerwebuben) aufgerichtet. Da wurde in Anspielung auf
die Kirchweihpredigt eine »Kirchweihredd« vorgetragen und am Ende die »Kerweschlumpel« (Strohpuppe
„Wurstschnappen“, Berlin, Neujahrsmarkt 1954
© Bundesarchiv, Bild 183-22978-004 / CC-BY-SA
in Frauenkleidern) verbrannt. Überliefert ist auch der
© Calwer Verlag Stuttgart 2014 – www.calwer.com
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Dr. Hartmut Rupp
Kirmes, Kerwe, Kerb – oder: Was macht einen so richtig fröhlich?
Brauch, aus einem »Strohmann« mit dem Namen »Zachäus« die Erlaubnis zum Feiern herauszupressen und
ihn dann als Gast einzuladen. Er saß während des Festes meist auf einem geschmückten Baum. Am Ende der
Kirmes oder der Kirchweih wurde der »Zachäus« unter großem Gejohle zum Sündenbock für alles Mögliche
gemacht und für all das verantwortlich gezeichnet, was bei dem Fest schief gelaufen ist. Zur Strafe musste
er schließlich die Todesstrafe durch Verbrennen, Ersäufen, Vierteilen oder Köpfen erleiden – allerdings mit
der Aussicht, im nächsten Jahr wieder aufzuerstehen. Hintergrund für diesen Brauch ist die Lesung von Lukas
19,1–10 (die Begegnung von Jesus mit dem kleinen Zachäus), die lange dem Kirchweihtag zugeordnet wurde.
Die Frage ist, ob hinter dem ausgelassenen Spaß auch großer Ernst steht: Suchen Menschen nicht immer
wieder nach Sündenböcken?
Friedrich Hebbel (1813–1863), Kirmes
Das Gedicht des norddeutschen Dichters gibt Einblick in die Feier der Kirmes in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es lässt aber zugleich entdecken, dass Lebensfreude und Lebenstrauer ganz nahe zusammenliegen.
Das ist ein Geigen und Flöten
Bis über das Dorf hinaus:
Sie feiern die Kirmes heute
Mit Tanz und Spiel und Schmaus.
Und dies gefällt mir eben,
Er fühlt die Ehre doch,
Und denkt er daran im Alter,
So steift sich sein Rücken noch.
Wenn ich ein Mädchen wäre,
So schaut’ ich die Burschen an,
Doch jetzt betracht’ ich die Mädchen,
Ein Mann sucht keinen Mann!
Im Alter, ach, im Alter
Ja, ja, wir werden alt!
Er, ich, du selbst, wir alle,
Wir werden alt und kalt!
Die Blonde hat mir gefallen,
Solang’ ich die Braune nicht sah,
Jetzt ist mir, als hätt’ ich gesündigt,
Ei, war sie denn schon da?
Die Kinder stecken des Abends
Zuweilen Papier in Brand
Und legen’s auf den Ofen
Und kauern sich um den Rand.
Es darf sie nur einer küssen,
Doch jeder tanzt mit ihr,
Und auch den plattsten Gesellen
Vergoldet ihr Auge mir.
Sie freun sich der hüpfenden Funken
Mit Grau und Schwarz vermischt,
Und wetten, wer von allen
Am letzten wohl verlischt.
Und schlägt sie’s erglühend nieder,
Weil sie des Sponsen sich schämt,
Erhebt er dafür das seine,
Man sieht, dass ihn’s nicht grämt.
Wir hüpfen, wie diese Funken,
Über der Erde Rund
Und leuchten vielleicht am hellsten
In dieser frohen Stund’.
© Calwer Verlag Stuttgart 2014 – www.calwer.com
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Dr. Hartmut Rupp
Kirmes, Kerwe, Kerb – oder: Was macht einen so richtig fröhlich?
Wer weiß, wer von uns allen
Zuletzt erlöschen mag?
Der weiß auch, wer am längsten
Erzählt von diesem Tag!
Jetzt hockst du blind im Lehnstuhl,
Die Enkel um dich her,
Du sprichst von diesem Tage,
Sie glauben, von einer Mär’.
Du schönstes Kind, ich ahne,
Das wirst du selber sein,
Ich sehe dich, wie doppelt,
Maifrisch, und alt, wie Stein.
Du streichelst mit knöchernem Finger
Die Enkelin, die dir gleicht,
Du sagst: ich war dir ähnlich,
So jung, so schön, so leicht!
Jetzt drehst du dich im Reigen,
So reizend und geschwind,
Wie dort das Rosenblättchen
Im Sommerabendwind.
Sie aber kann’s nicht glauben,
Und das verdenk’ ich ihr nicht,
Sie müsste sich sagen: ich selber
Bekomm’ einst ein solches Gesicht!
Karussell in Paris ©Foto: Rudolf Klem
© Calwer Verlag Stuttgart 2014 – www.calwer.com
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Dr. Hartmut Rupp
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3. Deuten: Die Nähe Gottes ist ein Grund, sich zu freuen
Volksfest und die festliche Erinnerung an die Kirchweihe haben sich weitgehend voneinander gelöst. Nur der
Name und der eine oder andere Brauch machen auf diesen Zusammenhang aufmerksam. Dennoch stellt sich
auch für evangelische Christen die Frage, ob die schlichte Anwesenheit einer Kirche, damit verbunden die
Weihe des Kirchraumes und der kontinuierliche Gottesdienst ein Anlass zur Freude ist.
Ganz bestimmt war die Einweihung einer Kirche für die bauende Gemeinde ein Grund, ein großes Fest zu
feiern. Meist gab es große Schwierigkeiten zu überwinden und viel mehr Geld aufzubringen, als man zurückgelegt hatte. Eine Kirche zu bauen, war seit jeher ein aufreibendes und aufregendes Geschäft. Das erzählt die
Geschichte einer jeden Kirche.
Doch es lassen sich noch weitere, tiefer reichende Gründe entdecken. Nach dem Tempelweihgebet Salomos (1. Könige 8,22–53), das bei allen Kirchweihen gesprochen wird, sagt Gott diesem Haus zu »Da soll mein
Name sein« (1. Könige 8,29). Für diesen Ort verspricht er seine Gegenwart, hier will er auf das Gebet der
Menschen hören, da will er verletzte Seelen heilen. Verstärkt wird dies durch die Verbindung des Kirchengebäudes mit Offenbarung 21,2–4, in der ein Engel ruft: »Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und
er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.«
Kirchen sind mehr als Versammlungsstätten. Es sind heilige Räume, in denen Menschen die Nähe Gottes in
Gottesdienst und Gebet erfahren können. Hier können Menschen einen Vorgeschmack auf das Himmelreich
und gute Träume bekommen. Ja noch mehr. Da werden Menschen mit Gottes Geist erfüllt und mit Glaube,
Liebe und Hoffnung »begeistert«. Da werden sie selber zu einem »Tempel Gottes« (1. Korinther 3,16), von
dem heilende Kräfte ausgehen können. Sie werden zu einem Heiligtum. Deutlich macht dies ein Lied:
1. Tut mir auf die schöne Pforte,
Führt in Gottes Haus mich ein!
Ach, wie wird an diesem Orte
Meine Seele fröhlich sein!
Hier ist Gottes Angesicht,
Hier ist lauter Trost und Licht.
2. Herr, ich bin zu dir gekommen;
Komme du nun auch zu mir!
Wo du Wohnung hast genommen,
da ist lauter Himmel hier.
Zieh in meinem Herzen ein,
Lass es deinen Tempel sein!
(Benjamin Schmolck, EG 166)
Offenkundig war die Anwesenheit einer Kirche seit jeher ein Grund, sich zu freuen und ausgelassen zu feiern,
und für eine gewisse Zeit dem Himmelreich Raum zu geben. Das Kirchengebäude wies alle darauf hin, dass
Gott mitten dabei ist im Leben der Menschen, dass er mit ihnen geht, auf ihre Gebete hört und in Wort und
Sakrament nahe kommt und allen ein Leben im Himmelreich verspricht. Selbstverständlich sagt es auch, dass
das Leben weh tun kann. Das zeigen die Trauergottesdienste. Doch Kirchengebäude sagen zunächst und vor
allem, dass das Leben Vertrauen verdient und es gute Gründe gibt, gemeinsam das Leben zu feiern. Warum
sollte man sonst so ausgiebig feiern?
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Dr. Hartmut Rupp
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Der tanzende Gaukler
Es war einmal ein Gaukler, der tanzend und springend von Ort zu Ort zog, bis er des unsteten Lebens müde
war. Da gab er alle seine Habe hin und trat in das Kloster zu Clairveaux ein. Aber weil er sein Leben bis dahin
mit Springen, Tanzen und Radschlagen zugebracht hatte, war ihm das Leben der Mönche fremd, und er wusste weder ein Gebet zu sprechen noch einen Psalter zu singen.
So ging er stumm umher, und wenn er sah, wie jedermann des Gebetes kundig schien, aus frommen Büchern las und mit im Chor die Messe sang, stand er beschämt dabei: Ach, er allein, er konnte nichts. »Was tu
ich hier?« sprach er zu sich, »ich weiß nicht zu beten und kann mein Wort nicht machen. Ich bin hier unnütz
und der Kutte nicht wert, in die man mich kleidete.«
In seinem Gram flüchtete er eines Tages, als die Glocke zum Chorgebet rief, in eine abgelegene Kapelle.
»Wenn ich schon nicht mitbeten kann im Konvent der Mönche«, sagte er vor sich hin, »so will ich doch tun,
was ich kann.« Rasch streifte er das Mönchsgewand ab und stand da in seinem bunten Röckchen, in dem er
als Gaukler umhergezogen war. Und während vom hohen Chor die Psalmgesänge herüberwehen, beginnt er
mit Leib und Seele zu tanzen, vor- und rückwärts, links herum und rechts herum. Mal geht er auf seinen Händen durch die Kapelle, mal überschlägt er sich in der Luft und springt die kühnsten Tänze, um Gott zu loben.
Wie lange auch das Chorgebet der Mönche dauert, er tanzt ununterbrochen, bis ihm der Atem verschlägt und
die Glieder ihren Dienst versagen.
Ein Mönch war ihm aber gefolgt und hatte durch ein Fenster seine Tanzsprünge mitangesehen und heimlich den Abt geholt. Am anderen Tag ließ dieser den Bruder zu sich rufen. Der Arme erschrak zutiefst und
glaubte, er solle des verpassten Gebetes wegen gestraft werden. Also fiel er vor dem Abt nieder und sprach:
»Ich weiß, Herr, dass hier meines Bleibens nicht ist. So will ich aus freien Stücken ausziehen und in Geduld die
Unrast der Straße wieder ertragen.« Doch der Abt neigte sich vor ihm, küsste ihn und bat ihn, für ihn und alle
Mönche bei Gott einzustehen: »In deinem Tanze hast du Gott mit Leib und Seele geehrt. Uns aber möge er
alle wohlfeilen Worte verzeihen, die über die Lippen kommen, ohne dass unser Herz sie sendet.«
Nach einer französischen Legende. Aus: Hubertus Halbfas, Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, © Patmos Verlag der
Schwabenverlag AG, Ostfildern, 18. Auflage 2011. www.verlagsgruppe-patmos.de.
4. Gestaltungsvorschläge
1. Erarbeite dir die Entstehungsgeschichte der Kirche vor Ort und erzähle sie anderen.
2. Lass ein Kirchengebäude sprechen, indem du folgende Sätze vervollständigst:
»Ich bin …«, »Ich erzähle euch von …«, »Ich bitte euch …«, »Ich verspreche euch …«.
3. Stelle Brauchtum zu Kirmes zusammen. Informationen findest du unter www.brauchtum.de oder
www.kirchenfest.de
4. Trage Informationen zur Geschichte und zum Brauchtum der heimischen Kirmes zusammen. Hier helfen
dir Ortschroniken und Lokalhistoriker. Du kannst aber auch einfach Ältere fragen. Wie war es früher?
5. Formuliere, was dich so richtig fröhlich macht.
© Calwer Verlag Stuttgart 2014 – www.calwer.com
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