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25JahreKinderrechte:Was B - Migros-Magazin

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MENSCHEN
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REPORTAGE
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NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
25 Jahre Kinderrechte: Was
Am 20. November werden die Kinderrechte 25 Jahre jung. In der Schweiz sind sie seit 1997
Wie sie im Alltag gelebt werden können, zeigt das Kinderbüro Basel: Dort reden Kinder mit.
Die Mädchen
der Projektgrup­
pe «Saubere
Stadt» erarbei­
ten mit Choreo­
grafin Regula
Wyser (rechts)
und Projektlei­
terin Cornelia
Herrmann ihr
zweites Stras­
sentheater. Die
Geschichte dazu
hat Zora (hinten
links) erfunden.
E
ine grosse Pfanne mit Penne an
«Geheimsauce» steht auf dem
Tisch, rundum sitzen sechs hellwache Mädchen. Sie alle gehören zur
Projektgruppe «Saubere Stadt» und
haben an diesem Freitagmittag im Kinderbüro Basel Wichtiges zu besprechen.
Unzählige Fragen schweben über der
kleinen Runde mit den dampfenden Tellern vor sich: Soll das Umwelt-Theater
in die zweite Runde gehen? Falls ja, wie?
Hat ihre erste Aufführung in diesem
Frühjahr auf den Strassen Basels tatsächlich etwas gebracht? «Man müsste
kontrollieren, ob die Stadtgärten sauberer geworden sind», schlägt die zehnjährige Ella vor. Für die gleichaltrige
Anna ist klar: «Doch, es hat genützt. Ich
sehe viel mehr Abfall in den Kübeln und
weniger auf der Strasse.» Jetzt meldet
sich Zehra (8): «Also meine Cousins
haben unser Theater gesehen und gar
nichts verstanden. Wir müssen diesmal
deutlicher sprechen.»
Mirjam Rotzler (36), Geschäftsführerin des Kinderbüros Basel, sitzt mit am
Tisch und hört zu. «Wir beeinflussen die
Kinder nicht, wir begleiten sie durch den
Prozess, arbeiten mit dem, was sie mitbringen, und übersetzen ihre Anliegen
für die Behörden.» Die Gruppe «Saubere Stadt» bringt eine Menge mit. Vorschlag um Vorschlag erfüllt den Raum,
die Stimmen werden lauter, die Augen
blitzen, bald sind nur noch Wortfetzen
auszumachen wie «Musik vorspielen»,
«eine richtige Bühne suchen», «eine
Abfall-Geschichte erzählen». Zeit für
Projektleiterin Cornelia Herrmann (49),
dem Gespräch eine Struktur zu geben:
«Nach dem Essen besprechen wir das
neue Theater. Es gibt aber ein Problem:
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 47, 17. NOVEMBER 2014
REPORTAGE | 13
Basel besser macht
verbindlich, doch bei der Umsetzung hapert es – noch immer werden Kinderrechte verletzt.
Davon profitieren auch Behörden und Verwaltung.
Eine Strasse zum
Spielen: In Basel
gestalten Kinder
ihren Spiel- und
Lebensraum mit –
das Kinderbüro unterstützt sie dabei.
«Unser erstes UmweltTheater hat ganz sicher
schon genützt. Ich sehe
jetzt weniger Abfall auf der
Strasse als vorher.»
Anna (10), Projektgruppe «Saubere
Stadt», Kinderbüro Basel
Wir haben noch nicht genug Geld dafür,
wir müssen erst sammeln.» Am Esstisch
kehrt Stille ein, dann sagt Zora (7) ernst:
«Ich könnte 100 Franken geben.»
Erweiterter Blickwinkel dank
Kindermitwirkung
Solche und andere Diskussionen und
Projekte finden im Kinderbüro Basel
schon seit 14 Jahren statt. Es ist das
einzige Kinderbüro in der Schweiz, das
keiner Verwaltung unterstellt ist. Finanziert wird der Betrieb mit fünf Mitarbeiterinnen durch die Christoph-
«Kinder sind ein
Teil dieser
Gesellschaft. Sie
sind persönlich
betroffen, wenn
ihr Schulhaus
umgebaut wird,
ein Spielplatz fehlt
oder der Schulweg
gefährlich ist. Wir
engagieren uns
dafür, dass ihre
Sicht einbezogen
und ihre Stimme
gehört wird.»
Mirjam Rotzler (36),
Geschäftsführerin
Kinderbüro Basel
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 |
Merian-Stiftung sowie die Honorare
für Schul-, Gemeinde- oder Vereinsprojekte. «Das gibt uns mehr Freiheit», sagt
Mirjam Rotzler.
Erst 1989 wurde aus dem Objekt
ein Kind mit eigenen Rechten
«Saubere Stadt» ist eines von vier Projekten, des Partizipationsforums «KinderMitWirkung», die aus den Ideen der
Kinder entstanden sind. Departementsvorsteher Christoph Eymann (63) persönlich hat im Februar die Vorschläge der
Mädchen und Buben entgegengenommen. Das Erziehungsdepartement Basel
Stadt ist Partner von «KinderMitWirkung». Er schätzt die Zusammenarbeit
mit dem Kinderbüro, das die «ungefilterten Wünsche der Kinder in die Politik
transportiert». Und den Blick der jungen
Baslerinnen und Basler auf ihre Stadt:
«Er ergänzt den Horizont von Behörden
und Verwaltung, das ist wertvoll. Denn
mit jedem Projekt erweitert sich der
Blickwinkel von uns Erwachsenen.»
Und mit jedem Projekt lernen Ella, Zora,
Anna und all die anderen Kinder ein
Stück Demokratie. Sie lernen, ihre Meinung zu bilden und zu äussern; lernen
zuzuhören und dass sie gehört werden.
Partizipation heisst der Fachbegriff dafür – ein Kinderrecht. In der UN-Konvention über die Rechte des Kindes gibt
es dafür einen Artikel: «Das Kind hat das
Recht, seine Meinung zu allen seine Person betreffenden Fragen oder Verfahren
zu äussern und gewiss zu sein, dass diese Meinung mitberücksichtigt wird.»
Erst seit diesem Übereinkommen vom
20. November 1989 werden Kinder als
Subjekte mit eigenen Rechten betrachtet, vorher galten sie als schutzbedürftige Objekte. Abgesehen von Somalia,
dem Südsudan und den USA haben alle
Länder die Konvention ratifiziert, die
Schweiz machte diesen Schritt erst im
Jahr 1997. Damit sind die Kinderrechte
verbindlich. In der Praxis klaffen Lücken.
So stellt das Netzwerk Kinderrechte
Schweiz mit seinen 43 Mitgliedorganisationen «eklatante Unterschiede bei
der Umsetzung der Kinderrechte» in
den Kantonen fest. Das habe zur Folge,
dass besonders verletzliche Kinder wie
unbegleitete Asylbewerber, Flüchtlinge
oder Sans-Papiers je nach Kanton unterschiedliche Rechte geniessen und die
Chancengleichheit unter Kindern in
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REPORTAGE
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«Z Basel a mym
Rhy, dört sölls
suber sy!»: Im
Frühling engagierten sich die Kinder
lautstark mit
ihrem Anti-MüllTheater.
«Die ‹Saubere Stadt› war meine Idee.
Am liebsten würde ich dazu noch eine
App entwickeln.»
Bild: Kinderbüro Basel
Ella (10), Projektgruppe
«Saubere Stadt», Kinderbüro Basel
«Ich habe die
Geschichte für
unser zweites
Umwelt-Theater
selber erfunden.
Mir gefällt es, dass
ich im Kinderbüro
mitmachen kann
und ich bin sicher,
dass es nützt.»
Zora (7), Projektgruppe
«Saubere Stadt»,
Kinderbüro Basel
«Ich hoffe, dass
die Leute auf
unser neues
Umwelt-Theater
reagieren. Wir
brauchen mehr
Bäume und mehr
Velos als Autos,
damit Basel
wieder besser,
sauber und schön
wird.»
Cynthia (10), Projektgruppe
«Saubere Stadt»,
Kinderbüro Basel
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MIGROS-MAGAZIN | NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 |
Das nächste
Theater ist aufgegleist, nach der
engagierten
Diskussion bleibt
Zeit für eine kleine
Pause: Ella (links)
und Zora im
Kinderbüro Basel.
der Schweiz generell nicht gegeben
sei. Gefragt sei eine nationale Strategie:
einerseits für die Umsetzung, andererseits für die Bekanntmachung der
Kinderrechte.
Handlungsbedarf sieht auch Unicef
Schweiz: «Nach wie vor werden hierzulande Kinderrechte verletzt», sagt Fleur
Jaccard (40), Leiterin Public Affairs.
Zwar zeige sich zum Beispiel bei der
Partizipation eine Veränderung, aber
noch sei sie nicht in allen Bereichen zufriedenstellend umgesetzt. Gemäss der
druckfrischen Unicef-Studie «Von der
Stimme zur Wirkung», in Zusammenarbeit mit dem Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Zürich
erstellt, schätzen Kinder und Jugendliche ihre Möglichkeiten zur Partizipation
höher ein als noch vor zehn Jahren. Am
meisten Mitwirkung bietet die Familie
(2013: 88 Prozent, 2003: 50 Prozent), gefolgt von Schule (2013: 52 Prozent, 2003:
40 Prozent) und Gemeinde (2013: 18
Prozent, 2003: 7 Prozent). «In der Schule sehen die Kinder wenig Gestaltungsfreiraum, und auf Ebene der Gemeinde
fällt die Partizipation gering aus, vor
allem, wenn es um Bau und Planung von
Pausenplätzen oder um kinderfreundliches Wohnumfeld geht», so Jaccard.
Auch Kinder sind Experten –
sie liefern oft die Lösung
Mirjam Rotzler kennt die Vorbehalte:
«Manche Behörden befürchten, der
Prozess ziehe sich unnötig in die Länge,
wenn Kinder mitreden.» Doch das Gegenteil sei der Fall: «Wenn Kinder von
«Im Kinderbüro
kann ich mit
anderen Kindern
zusammen
Sachen für unsere
Stadt machen
und eigene Ideen
bringen, das finde
ich toll.»
Zehra (8), Projektgruppe
«Saubere Stadt»,
Kinderbüro Basel
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REPORTAGE
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Anfang an einbezogen werden, entfallen
nachher mühsame und kostspielige
Anpassungen.» Sie hat schon mehrmals
erlebt, dass der entscheidende Input für
eine Lösung von einem Kind kam. Wie
die Idee, dass jedes Schulkind einen Garderobenschrank erhält.
Auch Irène Inderbitzin (46),
Geschäftsführerin der Kinderanwaltschaft Schweiz, plädiert für die Partizipation, ob es nun um Pausenplätze oder
um Gerichtsverfahren gehe: «Nicht nur,
weil es im Gesetz steht. Sondern weil die
ganze Gesellschaft davon profitiert.»
Ein Umdenken sei nötig: «Ein Kind, das
etwas bewirken kann, fühlt sich gestärkt
statt ohnmächtig und kann mit schwierigen Situationen besser umgehen.» Die
kindgerechte Anhörung durch ausgebildete Richterinnen, Richter und Behördenmitglieder soll Standard in jedem
Verfahren, das sich auf ihr Leben auswirkt, werden und Fehlentscheide verringern. Bis zum Jahr 2020 will die Kinderanwaltschaft Schweiz ein kindgerechtes Rechtssystem realisiert haben.
So weit schauen die Mädchen im
Kinderbüro Basel nicht voraus. Soeben
haben sie zusammen mit Choreografin
und Tänzerin Regula Wyser (42) ihr
zweites Umwelt-Theater aufgegleist
und einstimmig verabschiedet – sie hoffen auf eine Umsetzung im Frühling. Am
«KinderMitWirkung»-Fest am 21. November werden sie mit den drei anderen
Projektgruppen und Christoph Eymann
Rückschau halten. Der Erziehungsdirektor hat seine Bilanz bereits gezogen:
«Basel ist kinderfreundlicher geworden.»
Text: Franziska Hidber
Bilder: Basile Bornand
www.kinderbuero-basel.ch
www.kindermitwirkung.ch
www.unicef.ch; www.kinderanwaltschaft.ch
www.netzwerk-kinderrechte.ch
www.kinderfreundlichegemeinde.ch
www.migrosmagazin.ch
LESEN SIE ONLINE
«Beim Theater
mache ich mit,
weil es mir sehr
viel Spass macht.
Und weil ich will,
dass die Stadt
sauberer wird.»
Liv (7), Projektgruppe
«Saubere Stadt»,
Kinderbüro Basel
Bis 2020 soll die Schweiz ein kindgerechtes
Rechtssystem haben, sagt Irène Inderbitzin
von Kinderanwaltschaft Schweiz.
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MIGROS-MAGAZIN | NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 |
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Diese Rechte haben Kinder
Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes wurde 1989 verabschiedet. Bis heute haben
alle Staaten sie unterzeichnet ausser Somalia, Südsudan und den USA.
4 Das Recht, sich zu
informieren, seine
Meinung zu äussern,
angehört zu werden
und sich mit andern
zu versammeln.
SONDERFALL SCHWEIZ
Ohrfeigen sind
nicht verboten
8 Das Recht auf eine
1 Das Recht auf
Gleichbehandlung und
Schutz vor
Diskriminierung,
unabhängig von Rasse,
Religion, Herkommen
und Geschlecht.
Familie, elterliche
Fürsorge und ein
sicheres Zuhause.
9 Das Recht auf eine
Privatsphäre und
Erziehung im Sinne der
Gleichberechtigung
und des Friedens.
2 Das Recht auf einen
Namen und eine
Staatszugehörigkeit.
5 Das Recht auf
Freizeit, Spiel und
Erholung.
Illustration: Daniel Stolle
6 Das Recht auf
Bildung und
Ausbildung.
7 Das Recht auf
3 Das Recht auf
Gesundheit.
besondere Fürsorge
und Förderung bei
einer Behinderung.
10 Das Recht auf Schutz
vor Gewalt und
Ausbeutung, besonders
bei Katastrophen, im
Krieg oder auf der Flucht.
«Es ist die Pflicht des Staates,
das Kind vor jeder Form von
Misshandlung durch seine
Eltern oder andere Betreuungspersonen zu schützen»: So
verlangt es Artikel 19 der UN-Kinderrechtskonvention, von der Schweiz
1997 ratifiziert. Dennoch sind hierzulande körperliche Züchtigungen
im Rahmen der Erziehung nicht ausdrücklich verboten. Daran wird sich
gemäss Catherine Moser (43) von
Kinderschutz Schweiz in naher Zukunft kaum etwas ändern: «In den
letzten Jahren wurde wiederholt
versucht, eine gesetzliche Grundlage für gewaltfreie Erziehung zu
schaffen – vergeblich. Laut Bundesrat erfüllen die bestehenden Gesetze die Forderungen der Kinderrechtskonvention.»
Die Gründe ortet sie im mangelnden politischen Willen, im
fehlenden Konsens und in der
gesellschaftlichen Haltung: «Die
Meinung, eine Ohrfeige habe noch
keinem geschadet, ist verbreitet;
und Erziehung wird weitgehend als
Sache der Eltern gesehen, in die sich
der Staat nicht einzumischen hat.»
Damit bildet die Schweiz eine Ausnahme: Die meisten Länder Europas
haben das Züchtigungsverbot
gesetzlich verankert, in Schweden
geschah dies bereits 1979. Weltweit
kennen 37 Staaten ein solches
Gesetz, 46 weitere Länder wollen
nachziehen. «Die Erfahrungen
zeigen, dass ein grundsätzliches
Verbot viel bewirken kann», sagt
Catherine Moser. Aber: Ein Gesetz
allein reiche nicht. «Es braucht langjährige, staatliche Kampagnen und
begleitend dazu Angebote wie Elternbildungskurse und Beratungen,
damit Eltern in der Erziehung neue
Wege gehen können.»
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PORTRÄT
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Der Schatzsucher
Er fährt durchs Land, schaut sich schöne Orte an und wird dafür auch noch bezahlt:
Arnold Bucher ist Location Scout und sucht passende Drehorte für Spiel- oder Werbefilme.
Im Sommer war er für den neuen «Heidi»-Film im Engadin unterwegs.
A
rnold Bucher (42) steht vor der
alten Kirche und strahlt. Zwei
Tage ist er schon im Engadin unterwegs, um den passenden Innenraum
einer Kirche für die Dreharbeiten des
neuen «Heidi»-Films zu finden – und
da ist er nun. «Das passiert nur alle paar
Wochen mal», schwärmt Bucher. «Ich
komme um eine Wegbiegung, der Blick
tut sich auf, und ich sehe die perfekte
Location. So was löst geradezu euphorische Gefühle aus, einen richtigen Rush,
wie bei einem Schatzsucher, der endlich
seine Truhe mit Gold gefunden hat.»
Der Auftrag in diesem Fall war klar: Es
musste eine eher ältere, schlichte Kirche
sein. Und sie durfte nicht weiter weg als
30 Fahrminuten von Bergün GR sein.
«Darsteller und Crew sind in Bergün
einquartiert – und wenn der Fahrweg
zum Drehort länger als 30 Minuten
dauert, muss das als Arbeitszeit bezahlt
werden», erklärt Bucher. Sein Hauptproblem: Die meisten der besichtigten
Kirchen in und um Bergün wirken zu
modern. Vor allem ist das Holz der
Kirchenbänke fast überall zu hell. «Das
wirkt neu, selbst wenn es alt ist.»
Auch US-Regisseur David Fincher
war schon Kunde von Bucher
Im Vorfeld seiner zweitägigen Tour ins
Bündnerland hat er intensiv online
recherchiert. «Von fast allen Kirchen
findet man im Internet Bilder, sicher von
aussen, oft auch von innen.» So hat er
eine Liste von Kirchen erstellt, die er sich
anschauen will. «Aber vieles passiert
auch spontan unterwegs – es ist immer
etwas anderes, persönlich vor Ort zu
sein.» Das kleine Dorf Mon ob Tiefencastel stand auf der Liste, weil es gleich
über zwei Kirchen mit Potenzial verfügte – allerdings liegt es im Grenzbereich
des 30-Minuten-Radius, weshalb es
sich Bucher für die Schlussphase seines
Scoutings aufgespart hat.
Doch schon als er sich auf dem Feldweg der Kirche St. Cosmas und Damian
nähert, ist klar: Das könnte ein Treffer
sein. Die kleine Kirche mit dem grossen
Ein Treffer für den
neuen «Heidi»Film: der Innenraum der kleinen
Kirche St. Cosmas
und Damian in
Mon bei Tiefencastel GR.
Turm sieht richtig alt aus und steht
etwas abseits vom Dorf ganz für sich
allein. «Hoffentlich ist sie offen», sagt
er, stoppt seinen geländegängigen Ford
und greift sein wichtigstes Arbeitsinstrument: den Fotoapparat. Bucher
hat Glück, die alte Holztür ist unverschlossen und führt direkt in den kleinen
Andachtsraum: schlichte Wände aus
Stein mit christlichen Motiven, ein
kleiner Altar, ein Blumenstrauss. Vor
allem: keine Spur von Prunk wie in so
vielen anderen Gotteshäusern vorher.
«Ich schaue jetzt zwar noch zwei, drei
weitere Kirchen an, aber nun kann ich
mich entspannen», erklärt Bucher. «Ich
habe jetzt definitiv etwas, das ich Regisseur Alain Gsponer präsentieren kann.»
Doch selbst wenn der Location Scout
einen persönlichen Favoriten hat, zeigt
er seinem Auftraggeber immer eine breite Auswahl an Motiven. «Am Ende entscheidet der Regisseur, und es kommt
immer wieder vor, dass der sich für einen
Drehort entscheidet, der nicht meine
erste Wahl war.»
Deshalb ist es für Bucher auch so
wichtig, von Anfang an mit dem Regisseur sprechen zu können. Oft geht es
darum, kleine atmosphärische Präferenzen auszuloten. Bei richtig grossen,
internationalen Produktionen muss er
sich manchmal jedoch mit der zweiten
Garde aus dem Produktionsteam begnügen. Etwa als er für den US-Regisseur
David Fincher Locations in Zürich für
«The Girl with the Dragon Tattoo»
(2011) suchte. Dort erklärte ihm ein
Produktionsleiter, was gefragt sei.
Wie Regisseur Fincher selbst tickt,
erlebte Bucher erst, als jener mit einem
kleinen Team an einem Wochenende
anreiste. «Wir sind einen Tag durch Zürich gelaufen, und ich habe schnell gemerkt, was er mag und was nicht.» Die
Zusammenarbeit funktionierte gut, und
Bucher war während der eigentlichen
Dreharbeiten auch noch Location Manager in Zürich – musste also dafür sorgen, dass Drehbewilligungen vorlagen,
Drehorte abgesperrt wurden und alles
reibungslos funktionierte. «Er hat etwa
sieben Minuten Material in Zürich gedreht, das aber für den fertigen Film auf
drei Minuten gekürzt.»
Diese Art von Zusammenarbeit mit
grossen Namen ist das A und O in der
Branche. «Wenn man sich einen guten
Ruf bei wichtigen Leuten erarbeitet,
bekommt man auch immer wieder
weitere Aufträge für andere spannende
Projekte.» Bucher ist so gefragt, dass er
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MIGROS-MAGAZIN | NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 |
Arnold Bucher und
sein wichtigstes
Arbeitsinstrument:
der Fotoapparat.
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PORTRÄT
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PORTRÄT
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Film­Locations, die Arnold Bucher gefunden hat
mehr Anfragen erhält, als er annehmen
kann. «Je nachdem, was sonst noch
läuft, schaffe ich vielleicht 20 Aufträge
im Jahr – und ich wähle mir die aus, die
ich spannend finde.»
Daneben arbeitet er als Regieassistent, etwa für die Verfilmung des
Martin-Suter-Romans «Der Koch», der
aktuell im Kino läuft, und als Autor. Das
Drehbuch des Science-Fiction-Streifens «Cargo» (2009) stammt zum Beispiel aus seiner Feder. Seine Passion für
das Scouting hat er vor rund 15 Jahren als
Aufnahmeleiter entdeckt, wo er unter
anderem dafür zuständig war, die idealen Drehorte zu finden. In der Schweiz
gibt es nur eine Handvoll anderer Location Scouts, die auf ähnlichem Level
arbeiten wie Bucher. «Und wir kennen
uns alle gut.» Seinen Durchbruch hatte
er mit Michael Steiners «Mein Name ist
Eugen» (2005), seither kennt man ihn.
Die Krypta des
Basler Münsters
erwies sich in
«Mein Name ist
Eugen» (2005) als
perfektes Double
für das Historische
Museum Bern.
Janic Halioua als
Lausbub Wrigley.
Text: Ralf Kaminski
Bilder: Arnold Bucher, Laurent de Senarclens
www.motivsucher.ch
Bilder: C-Films AG, Kontraproduktion AG, © 2011 Columbia Pictures Industries, Inc. and Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved
Seine Spezialität sind Orte auf
dem Land und in den Bergen
Bucher liebt es zu recherchieren und in
der Natur unterwegs zu sein. «Ich scoute zwar oft auch in Zürich, aber spezialisiert bin ich auf Locations in den Bergen
und auf dem Land.» Und bisher hat er
noch für jeden Film etwas Passendes gefunden, auch wenn es manchmal lange
dauert. «Fürs ‹Sennentuntschi› habe
ich zwei Jahre lang nach der perfekten
Alphütte gesucht, natürlich immer mit
Unterbrüchen.» Die Ironie der Geschichte: Am Ende drehten sie auf jener
Alp, die schon ganz zu Anfang im
Gespräch war – dort, wo schon Fredi M.
Murer für seinen Klassiker «Höhenfeuer» (1985) gefilmt hatte.
Besonders gerne nimmt Bucher internationale Aufträge an, was aber deutlich
seltener vorkommt als Jobs für Schweizer Produktionen. «Wenn ich darauf
fokussieren wollte, müsste ich nach Los
Angeles ziehen.» Er schliesst nicht aus,
dass er das irgendwann mal tut. Zurzeit
ist er aber ganz glücklich so, wie es ist.
Er lebt mit seiner Partnerin, einer Journalistin, und ihrem Hund in Otelfingen
ZH auf dem Land, wo er in Ruhe schreiben kann und sich bei der Gartenarbeit
entspannt.
Buchers Schatzsucher-Instinkt hat
ihn auch bei der kleinen Kirche in Mon
nicht getäuscht: Das «Heidi»-Filmteam
hat dort Ende August die geplanten
Szenen gedreht – zu sehen im Frühling
2016 in allen Schweizer Kinos.
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Die Alp spielt in
«Sennentuntschi»
(2010) eine zen­
trale Rolle. Nach
vielen Recherchen
drehte Regisseur
Michael Steiner am
Ende auf dem
Mettener Butzli im
Schächental UR.
Joel Basman als
Jungsenn Albert.
Etwa drei Minuten
von David Finchers
Thriller «The Girl
with the Dragon
Tattoo» (2011)
spielen in Zürich.
Rooney Mara als
Lisbeth Salander
auf dem Weg zu
Bankgeschäften.
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MIGROS-MAGAZIN | NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 |
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AUF EIN WORT
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FRAU DER WOCHE
Kometenforscherin
Füttern, aber
richtig: Wenn die
Böden gefroren
sind und viel
Schnee liegt,
gibts Körner für
den Kleiber.
SCHWEIZER VÖGEL IN GEFAHR?
«Vögel finden meist von
allein genügend Nahrung»
Die Zahl der Vögel hat auch in der Schweiz stark abgenommen. Trotzdem ist es nicht immer
hilfreich, sie im Winter zu füttern, sagt Michael Schaad von der Vogelwarte Sempach.
Michael Schaad, der Winter
kommt, wie geht es den
Vögeln der Schweiz in der
kalten Jahreszeit?
Jene, die bei uns im
Winter nicht genügend
Futter finden, sind be­
reits unterwegs in den
Süden. Die anderen sind
gut an das winterliche
Klima angepasst und
finden genügend Samen
und Beeren. Kritisch
wird es, wenn der Boden
gefroren ist und richtig
viel Schnee liegt.
Michael Schaad
(37) ist Biologe
bei der Schweizerischen Vogelwarte
in Sempach LU.
Bilder: iStockphoto, Keystone, www.sternschnuppe.ch
Das heisst, es wäre eigentlich nur dann
nötig, Vogelfutter in den Garten oder
auf die Terrasse zu hängen?
Richtig. Bei diesen Verhältnissen
kann die Fütterung mit Hanfsamen
und Sonnenblumenkernen eine
Überlebenshilfe sein. Vögel mit
feineren Schnäbeln mögen Hafer­
flocken und Rosinen.
Trotzdem füttern viele den ganzen
Winter hindur ch.
Viele Menschen haben gern Vögel
in ihrer Nähe. Auch zahlreiche
Ornithologen haben ihre ersten
Kindheitserfahrungen mit Vögeln
am Futterhaus gemacht. Wenn man
es richtig macht, schadet Füttern
auch dann nicht, wenn das Wetter
mild ist. Die Rote Liste
lässt sich mit Füttern
allerdings nicht verkür­
zen, denn ans Futterhaus
kommen beinahe aus­
schliesslich
häufige,
nicht gefährdete Arten.
Sicht müssen nun dringend andere
Massnahmen geprüft werden, wie
dieser Konflikt gelöst werden kann.
Viele füttern im Winter auch
Schwäne und Enten mit
Brot. Davor wird in letzter
Zeit jedoch vermehrt gewarnt. Weshalb?
Ja, auch bei uns sind die Bestände
vieler Arten stark zurückgegangen.
Besonders problematisch ist die
Lage in Landwirtschaftsgebieten.
Die Vögel finden dort zu wenige
Orte zum Brüten und auch zu wenig
Nahrung.
Gesundheitlich schadet
es ihnen wohl nicht, eine
Verfettung, von der
letzthin häufiger zu lesen
war, konnten wir bisher nicht
feststellen. Aber auch Wasservögel
finden ihre Nahrung von allein.
Plätze, an denen regelmässig und
viel gefüttert wird, locken natürlich
viele Vögel an, was an manchen
Orten zu Problemen geführt hat,
etwa wegen des Vogelkots. In
Luzern versucht man nun, die Leu­
te mit Warnschildern vom Füttern
abzuhalten.
In Nidwalden hat man sogar schon
Schwäne abgeschossen.
Der Kanton hat Vergrämungs­
abschüsse beschlossen, weil Land­
wirte konkrete Schäden beziffert
hatten. Das scheint jedoch nichts
genützt zu haben. Aus unserer
Eine britische Studie kam kürzlich zum
Schluss, dass die Zahl der Vögel in Europa in den letzten 30 Jahren dramatisch
abgenommen hat. Auch in der Schweiz?
Die Berner Physikerin und Kometen­
forscherin Kathrin Altwegg (62)
hat aufregende Tage hinter sich.
Eines ihrer Forschungsprojekte war
mit der Raumsonde Rosetta unter­
wegs, deren Minilabor Philae am
Mittwoch auf dem Kometen Tschuri
aufgesetzt hat. Ob er sich dort hal­
ten kann, ist noch offen, aber das in
Bern entwickelte Messgerät Rosina
hat bereits viele Daten geliefert.
Daraus lässt sich etwa schliessen,
dass der Kometenschweif nach
Ammoniak und faulen Eiern stinkt.
JUNGE DER WOCHE
Unihockeyspieler
Wie können wir Gegensteuer geben?
Indem wir unsere Gärten vogel­
freundlich gestalten und zum Bei­
spiel viele beerenreiche Dorn­
büsche pflanzen. In deren Schutz
können die Vögel Nester bauen und
haben erst noch Nahrung. Und als
Konsument sollte man darauf ach­
ten, IP­Suisse­Produkte zu kaufen,
damit unterstützt man Bauern, die
sich speziell für Vögel engagieren.
Wie wirkt sich der abnehmende Bestand
aus? Auf die Natur? Auf uns?
Vögel sind sehr beliebt, ihr Ver­
schwinden ist eine Einbusse an
Lebensqualität. Und weniger Vögel
sind ein Warnzeichen für den
schlechten Zustand der Umwelt.
Interview: Ralf Kaminski
Der herzkranke Cyrill Lützelschwab (12) aus Kaiseraugst AG ist
das 2000. Kind, dem die Stiftung
Kinderhilfe Sternschnuppe einen
Herzenswunsch erfüllt. Der begeis­
terte Unihockeyspieler durfte einen
Tag mit den Profis Nicolas Wolf und
Samuel Zimmermann vom mehr­
fachen Schweizer Meister Wiler­
Ersigen verbringen. Die Stiftung ist
seit 1993 aktiv. Bei der letztjährigen
Weihnachtsaktion des Migros­
Magazins zu ihren Gunsten kamen
38 350 Franken zusammen.
MENSCHEN
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PORTRÄT
Moderne Nomadin:
Mirjam Müller lebt
mit ihrem ganzen
Hab und Gut in
einem Kleinbus.
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NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 |
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PORTRÄT
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Weniger ist mehr
Sie leben bescheiden und verzichten bewusst auf Statussymbole.
Dafür haben sie mehr Zeit für Freunde und geniessen ihre Freiheit in vollen
Zügen: Das Migros-Magazin hat drei dieser Minimalisten besucht.
E
in Raum, ein Bett, ein Spültrog und
zwei Kochplatten. Das ist das
Zuhause von Mirjam Müller (35).
An den Wänden kleben Sprüche wie
«Ich versuche, ein Teil der Veränderung
zu sein, die ich in der Welt sehen möchte» oder «Die Freiheit, nicht MEHR
haben zu wollen». Mirjam Müller lebt
mit ihrem ganzen Hab und Gut auf sechs
Quadratmetern, in einem Bus – und das
nicht etwa aus finanzieller Not, sondern
aus freien Stücken.
Sie hat sich den Mercedes Sprinter
vor acht Jahren für 12 000 Franken gekauft und ihn für rund 2000 Franken
ausgebaut. «Meine Eltern hatten früher
auch einen Bus, in dem wir unsere Ferien
verbrachten. Darum träumte ich immer
davon, ein Haus auf Rädern zu haben»,
sagt die Sozialpädagogin. Der damit
verbundene Lebensstil habe ihr so gut
gefallen, dass sie seither – abgesehen
von einem kurzen Abstecher in eine WG,
die ihr jedoch viel zu luxuriös gewesen
sei – im Bus wohne.
Einen Standplatz zu finden, war für
Mirjam Müller noch nie ein Problem.
Mal darf sie ein paar Wochen im Winterquartier eines Kleinzirkus parkieren,
mal auf einem Bauernhof, mal bei Freunden, und manchmal sucht sie sich einfach ein schönes Plätzchen irgendwo
am Stadtrand oder im Grünen. Hat
sie keinen direkten Zugang zu sanitären
Anlagen, geht die passionierte Schwimmerin in der kühlen Jahreszeit ins
Hallenbad, im Sommer springt sie je-
«Freunde,
Freiheit,
Sinnhaftigkeit ‒
das macht
mich
glücklich.»
Mirjam Müller
weils in den nächsten See oder Fluss.
Und was die kleinen und vor allem die
grossen Geschäfte betrifft, sagt die
moderne Nomadin: «Ich habe inzwischen ein Auge dafür entwickelt, wo es
öffentliche WCs gibt.» Mirjam Müller
lebt von rund 15 000 Franken im Jahr.
Ihre grössten Budgetposten sind nicht
etwa Benzin und Reparaturen, sondern
Essen und Krankenkasse. Denn im Nahbereich benutzt sie ausschliesslich das
Velo, und geht am Bus etwas kaputt,
behebt sie den Schaden in der Regel
selbst oder mit Hilfe von Freunden.
Keine finanzielle Sicherheit,
aber sozial sehr gut vernetzt
Geld verdient Mirjam Müller mit Stellvertretungen im sozialpädagogischen
Bereich. Seit Jahren hat sie sich nicht
mehr beworben. Anfragen hat sie auch
so genug. Sie schätzt, dass sie übers Jahr
verteilt bloss 50 Tage einer bezahlten
Arbeit nachgeht. Langweilig wird ihr
trotzdem nie. Im Gegenteil: Manchmal
ist sie sogar richtig im Stress. Sie engagiert sich ehrenamtlich in zahlreichen
Organisationen, die sich für eine sozialere Welt beziehungsweise eine nachhaltigere Schweiz einsetzen – wie zum
Beispiel der Erklärung von Bern oder
Neustart Schweiz.
«Was macht mich wirklich glücklich?», habe sie sich irgendwann gefragt.
Die Antwort war: «Freunde, Freiheit
und Sinnhaftigkeit.» Darum sei es für
sie wichtiger, Zeit zu haben, um für
Freunde und Familie da zu sein und sich
zu engagieren, als im materiellen Konsum zu schwelgen. Obwohl sie nur ein
paar tausend Franken Erspartes hat,
kennt die Lebenskünstlerin keine
Existenzängste: «Ich habe zwar keine
finanzielle Sicherheit, dafür bin ich sozial sehr gut abgefedert.» Sie habe ein
super Netzwerk und schon für viele
kostenlos gearbeitet: «Im Notfall würde
ich immer irgendwo unterkommen.»
Auch Mira Gisler (34) hat sich für
einen alternativen Lebensstil entschieden, der sich eher am Menschen als am
Materiellen orientiert: Seit sie im Frühjahr von einer längeren Südostasienreise
zurückgekehrt ist, zieht sie mit einem
60-Liter-Rucksack in der Schweiz
umher. «Was ich in Asien entdecken
durfte, wollte ich irgendwie auch in
der Schweiz leben: Begegnungen mit
Mensch und Natur auf den Spuren von
Kultur, Handwerk und Tradition.» Es sei
schön, für Arbeit andere Wertträger als
Geld zu bekommen – grosse Dankbarkeit, viele offene Türen und eine enorme
Gastfreundschaft.
In den vergangenen Monaten verbrachte die selbständig erwerbende
Illustratorin und Stylistin immer wieder
mal eine Nacht bei Freunden auf dem
Sofa oder im Biwak im Wald. Längere
Aufenthalte ergaben sich am Thunersee,
wo sie ein Haus renovierte, und im Emmental, wo sie auf einem Bauernhof mit
anpackte. An beiden Orten arbeitete sie
gegen Kost und Logis, die laufenden
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 |
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PORTRÄT
| 29
Ewig Reisende: Seit ihrer Rückkehr
aus Asien jobbt und reist
Mira Gisler mit dem Rucksack
durch die Schweiz.
Ausgaben deckte sie mit Einnahmen von
gestalterischen Aufträgen aus dem
Verlagswesen und dem Verkauf ihrer
Illustrationen.
Die Wohnung ist untervermietet,
der Rucksack stets gepackt
Hat Mira Gisler einen bezahlten Job in
Zürich, schläft sie zuweilen auf einer
Matte in der Stube ihrer Zweizimmerwohnung, die sie seit einem Jahr untervermietet hat. Hier lagern auch die
meisten Dinge, die sie besitzt: «Von
meinen Möbeln und dem Geschirr, das
ich über Jahre gesammelt habe, kann ich
mich noch nicht trennen.» Irgendwo
und irgendwann werde es eine Möglichkeit geben, diese wieder zu verwenden.
Noch unklar ist, wo Mira Gisler den
Winter verbringt: «Ein Job in einer kleinen Berghütte wäre toll.» Falls sich
nichts ergibt, wird sie vorübergehend in
ihre Mietwohnung zurückkehren oder
sich ein kleines Zimmer suchen und als
Illustratorin und Stylistin arbeiten, um
sich auch wieder finanziell etwas Boden
zu schaffen. Auf jeden Fall sieht sie der
Zukunft positiv entgegen: «Ich kann
nicht von dieser Welt fallen.» Sie freue
sich, ihren Weg zu gestalten, und vertraue ins Leben.
Der Lebensstil von Mirjam Müller
und Mira Gisler entspricht dem
Zeitgeist: «The Age of Less» nennt
David Bosshart vom GottliebDuttweiler-Institut (GDI) den Trend
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PORTRÄT
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Digitaler
Minimalist: Dank
Smartphone
besitzt Ökonom
Alan Frei nur
noch 230 Dinge.
Bild: Philipp Rohner
MENSCHEN
in seinem gleichnamigen Buch. «Unsere
Beziehung zu Materiellem scheint sich
zu verändern – gerade die Generation
der 20- bis 40-Jährigen empfindet Besitz zunehmend als Ballast und weniger
als Statussymbol oder Glücksfaktor», so
der Trendforscher. Für Bosshart sind die
beiden Frauen typische «Happiness
Manager»: «Selbstbewusste, gut ausgebildete Menschen, die ihr Leben
ganzheitlich betrachten und Lohneinbussen zu Gunsten von Lebensqualität
in Kauf nehmen.»
Alan Frei (32) arbeitet viel, verdient
gut und hat trotzdem reduziert: Der
Ökonom und Leiter der Start-up-Plattform an der Universität Zürich besitzt
nach eigenen Angaben nur noch gut 230
Dinge. Er liess sich vor rund zwei Jahren
von verschiedenen Bloggern und Autoren aus dem angelsächsischen Raum
inspirieren, die von ihrem Leben in
selbstgewählter Einfachheit berichten.
Zuerst mussten Dinge über die Klinge
springen, die Alan Frei selten bis nie
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NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
benutzte. Ski etwa, oder Erinnerungsstücke. Das Ausmisten fühlte sich gut
an. In einer zweiten Phase nahm er die
Garderobe und den Haushalt in Angriff.
Heute besitzt Frei unter anderem noch
drei Paar Hosen und Wechselwäsche für
eine Woche sowie zwei Pfannen, zwei
Tassen, zwei Teller, das Besteck dazu
und zwei Tupperware-Behälter: «Ich
esse meistens allein, manchmal zu zweit.
Für die seltenen Gelegenheiten, bei
denen ich mehr Gäste empfange, extra
mehr Material zu horten, wäre unnötig.» Er sage seinen Freunden bei Einladungen jeweils einfach, sie sollen
anstelle einer Flasche Wein ihr eigenes
Geschirr mitbringen.
Ist das nicht etwas übertrieben?
«Wenn man mal damit beginnt, kann
Reduzieren süchtig machen», sagt Alan
Frei und lacht. Krank fühlt er sich dabei
nicht, im Gegenteil: «Ich kann viel besser fokussieren, mich auf das Wesentliche konzentrieren – auf Freunde, Familie und spannende Erlebnisse. Denn
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 |
Besitz macht das Leben unfrei, weil er
die Mobilität einschränkt und viel Zeit
benötigt», ist Frei überzeugt. Ein Auto
etwa müsse man waschen, warten – und
erst das ständige Parkplatzsuchen … Viel
lieber miete er ein Fahrzeug, wenn er
denn eines brauche. Wahlweise einen
Kleinbus, Kombi oder Sportwagen.
Wenn das Smartphone
das Leben vereinfacht
Ein Objekt, das Alan Frei jedoch niemals
hergeben würde, ist sein Smartphone.
Denn es ist der Schlüssel zu seiner redu­
zierten Welt, in der er trotzdem auf
nichts verzichten muss: CDs, DVDs,
Bücher. Er lagert sie nicht im Regal,
sondern in der Cloud, die er via Handy
abrufen kann. Immer öfter greift er auch
bloss auf Streamingdienste zurück. So
muss er die Daten nicht mal selbst be­
sitzen, sondern konsumiert sie einfach
über das Netz. Dank Internet hat er auch
stets einen direkten Zugang zu den Por­
talen verschiedener Mietdienstleister
wie Carsharing oder Mietplattformen
für Gebrauchsgegenstände.
Der Lebensstil von Alan Frei hat einen
Namen: digitaler Minimalismus. Frei
sieht sich selbst allerdings nicht als
Minimalisten, weil das zu sehr nach Ver­
zicht klinge. Er hält sich eher für einen
Menschen, der sein Leben vereinfachen
und Komplexität reduzieren will. Bisher
hat er noch keinen seiner weggegebenen
Gegenstände vermisst – ausser einem
Verlängerungskabel, das er braucht,
wenn der Akku leer ist und die Steckdose
weit weg.
Text: Andrea Freiermuth
Bilder: Vera Hartmann
www.migrosmagazin.ch
LESEN SIE ONLINE
Der neue Luxus
Besuchen Sie die Site von digitalen
Minimalisten und lesen Sie das Interview
mit GDI-Trendforscherin Martina Kühne.
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PORTRÄT
| 31
Was mein ist,
ist auch dein
Die Miet- und Vermietplattform Sharley ist seit elf
Monaten online. Inzwischen
hat das Portal 1400 registrierte Nutzer, die rund
1000 Alltagsgegenstände
anbieten. Die meisten davon
finden sich in Zürich.
www.sharely.ch
Die Fahrzeug-SharingPlattform Sharoo vereint
Fahrzeugbesitzer mit Menschen, die ein Fahrzeug mieten
möchten. Die angemeldeten
Fahrzeuge können via Smartphone «keyless» geöffnet
und abgeschlossen werden.
Inzwischen haben sich
rund 6500 Nutzer registriert.
www. sharoo.com
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MENSCHEN
32 |
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INTERVIEW
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NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 | MIGROS-MAGAZIN |
«Genuss und Ekstase
gehören zum Menschen»
Judith Mair raucht, trinkt und tut vieles, was «verboten» ist. Die Trendforscherin beobachtet
mit Sorge den heiligen Eifer, mit dem sich viele Menschen einer neuen Moral unterwerfen.
Judith Mair, sündigen Sie oft?
Im Sinne des aktuellen Zeitgeists, der alles als
Sünde versteht, das mit Ausschweifung,
Verschwendung und Unvernunft zu tun hat,
sündige ich tatsächlich häufig. Mir geht es nicht
primär darum, mich und mein Leben zu optimieren, ich weigere mich sogar bewusst, alles
der Vernunft unterzuordnen.
Indem Sie zum Beispiel was tun?
Ich gehe wohl oft zu spät ins Bett, mache zu
wenig Sport, esse zu viel Fleisch, trinke und
rauche zu viel ...
Fühlen Sie sich manchmal schlecht dabei?
Warum sollte ich? Was mir mehr Sorge macht,
ist die wachsende Tendenz zur moralischen
Bevormundung: kein Bier mehr in der U-Bahn,
Helmpflicht für Radfahrer, bitte nicht rauchen,
gesund essen, am besten vegan und ökologisch
sowieso. In Deutschland ist letzthin ein Kind
aus einem Kindergarten geflogen, weil seine
Eltern sich nicht an das obligatorische Zuckerverbot gehalten hatten.
Das sind doch alles Versuche, die Welt zu verbessern.
Natürlich teile ich die Meinung, dass der
Zustand der Welt im Allgemeinen bedenklich
ist. Auch finde ich die Vorstellung einer Welt
ohne Prostitution, Verkehrstote, Raucherbeine,
Alkoholiker, Tierversuche und Umweltsünder
durchaus reizvoll. Aber ich glaube halt nicht,
dass wir die Welt retten können, indem wir BioAvocados in Niedrigenergiehäusern essen, Prostitution kriminalisieren und unappetitliche
Fotos auf Zigarettenpackungen drucken.
Früher hat die Kirche Lust und Zügellosigkeit be­
kämpft ...
... und hat uns für braves Verhalten immerhin
ein ewiges Leben im Paradies versprochen.
Richtig. Und obwohl wir uns hier in Europa von Reli­
gion nicht mehr viel vorschreiben lassen, haben sich
klammheimlich lustfeindliche Normen breitgemacht,
die weitherum akzeptiert sind. Was ist passiert?
Wir haben es hier wohl mit der Schattenseite
der Aufklärung zu tun, die zu einer säkularisierten Askese und Selbstdisziplinierung geführt
hat. Verkürzt gesagt haben wir verinnerlicht,
dass der Zustand der Welt in direktem Zusammenhang mit dem Inhalt unserer Einkaufstasche steht. Wir haben, auch ganz ohne die
Kontrollinstanz Kirche, ein schlechtes Gewissen, wenn wir gewisse Normen nicht einhalten.
So wird es zu einer Art Ablasshandel, regelmässig im Bioladen einkaufen zu gehen – damit
befreien wir uns von unserer Schuld. Zum
Kirchenbild passt auch der Missionierungseifer
der heutigen Moralisten, die glauben, herausgefunden zu haben, wie das vorbildliche, moralisch unbedenkliche, risikoarme Leben auszusehen hat, und es am liebsten für alle verbindlich erklären würden. Räume und Möglichkeiten für Unvorhersehbares und Unkontrolliertes
beginnen zu schwinden.
|
MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 |
Eine Art säkularer heiliger Eifer also?
Sozusagen. Besonders bizarr wird es, wenn sich
dieser Eifer auf Teile der Welt richtet, die erst
jetzt ein bisschen Wohlstand geniessen dürfen.
In Deutschland haben wir auch mal ein Wirtschaftswunder erlebt wie China heute. Da kam
auch keiner und sagte: Ist ja schön, dass du dir
jetzt für deine Familie Fleisch und ein Auto leisten kannst, aber werde doch lieber Vegetarier
und fahr mit der Bahn, das ist besser für die
Umwelt. Letztlich ist das eine neue Form von
Imperialismus.
Warum haben sich diese Normen auch ohne formale
Kontrollinstanz so weit verbreitet?
Die Kontrolle hat sich zu uns verlagert, wir
haben die Disziplinierung verinnerlicht, die
einst die Kirche ausübte. Das neue Gebot lautet: Du bist selbst verantwortlich für dein
Leben, und du hast alle Möglichkeiten – wenn
du die nicht wahrnimmst, nicht an deiner Optimierung arbeitest, bist du selber schuld. Ein
sehr calvinistischer Ansatz. Und ein Scheitern
ist nicht leicht zu ertragen, denn man kann niemand anderem die Verantwortung aufbürden.
Wer früher nicht brav mitmachte, dem drohte die
Hölle. Was droht heute?
Die Ausgrenzung: Raucher müssen vor die Tür,
Dicke kriegen weniger gute Jobs als Schlanke.
Unsichere, ungesunde, unökologische, nicht
Werte-konforme Haltungen und Handlungen
werden abgewertet, verurteilt oder gar bestraft.
Individualismus und Freiheit waren mal erstrebenswert, heute gilt das nur noch beschränkt.
Die Verbrüderung von Grün und Schwarz zu
einem neokonservativen Wertebündnis, bei dem
Begriffe wie Heimat, Häusliches und Lokales
durchwegs positiv besetzt sind, ist mir ziemlich
unheimlich. Es gibt nicht wenige Alt-Linke, die
frustriert beobachten, wohin sich ihre einstigen
Ideale entwickelt haben. Schliesslich haben sie
für jene individuellen Freiheiten gekämpft, die
nun in Frage gestellt und abgeschafft werden.
Paradox ist ja auch, dass wir heute zwar sexuell fast
alles dürfen, unsere anderen Gelüste sollen wir aber
gefälligst unter Kontrolle halten. Gibt es da einen
Zusammenhang?
Diese sexuelle Freiheit gibt es zwar theoretisch,
aber gerade bei den Jungen findet man heute
«Es gibt eine Tendenz
zur moralischen
Bevormundung.»
wieder ein starkes Ideal von ewiger Zweisamkeit und Familie. Kinder haben gilt als cool. Wo
bleibt das ausschweifende Gelage? Die kurzweilige sexuelle Liaison? Vergessen wird, dass
Überschreitung, Entgrenzung und Ekstase zutiefst menschliche Sehnsüchte und Konstanten
sind. Wir sollten Kontrollverlust und Unvernunft kultivieren, statt sie ständig massiv
abzuwerten. Wer stattdessen lieber fünf
Sonntagnachmittage in Folge mit selbstoptimierten, leistungsbereiten, westeuropäischen
Mittelschichtspärchen bei selbstgebackenen
Dinkelkeksen und Fairtrade-Tee verbringen
will – auch gut!
|
INTERVIEW
| 33
Begründet wird die Forderung nach Askese in der
Regel mit Gesundheit – ist sie der neue Gott?
Ich fürchte, ja. Gerade bei jüngeren Leuten
beobachte ich eine fast schon manische
Beschäftigung mit Fitness und Essen. Aber was
ist das denn für ein Leben? Wollen wir alle 90
werden und dann noch möglichst lange scheintot herumvegetieren? Es kann doch nicht nur um
Lebensquantität gehen. Man muss doch diese
Zeit auch möglichst gut füllen, tatsächlich leben.
Woher kommt die Gesundheitsobsession?
Nicht zuletzt lassen sich damit ziemlich gut
Geschäfte machen – und zwar mit der persönlichen Gesundheit wie der des Planeten. Jeder
kann sich mit dem Kauf einer Energiesparlampe einbilden, zur Rettung der Welt beizutragen.
Öko und Bio sind ja längst nicht mehr politisch
zu verstehen, sondern als Lifestyle, in den man
sich einkaufen kann. Gratis dazu gibts das
Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.
Nun ist es gesünder und potenziell lebensverlängernd,
nicht zu rauchen und kulinarisch Mass zu halten. Sind
die Kritiker der Lustfeindlichkeit nur nicht diszipliniert
genug, um vernünftig zu sein?
Das hat damit nichts zu tun. Natürlich ist es
ungesund zu rauchen, es geht mir ja nicht darum, dafür zu werben. Aber an der Rauchverbotskultur manifestiert sich beispielhaft der
Wandel hin zu einer verstärkten Normierung
der Gesellschaft, in der schliesslich jeder Einzelne sich selbst kontrolliert und diszipliniert.
Das meiste ist aber noch immer freiwillig. Sorgen Sie
sich, dass mehr und mehr dieser Normen staatlich
verordnet werden könnten?
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MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 |
«Eine Gesellschaft, die sich darauf geeinigt hat, was gut und
richtig ist, und nicht mehr verhandelt, droht zu erstarren.»
Ein Stück weit schon. Aber ich glaube
auch, dass der Markt hier einen sehr
grossen Einfluss ausübt. Er schafft ja
einen Grossteil der Idealbilder, die heute
kursieren und denen viele freiwillig folgen. Der Staat hat dann leichtes Spiel,
diese Normen als staatliche Verbote
durchzusetzen. Es wird viel zu wenig
diskutiert, in welcher Gesellschaft wir
eigentlich leben wollen – und in welche
Richtung die gerade läuft, in der wir
leben.Wer traut sich denn schon,scheinbare Gewissheiten unseres Lebens mal
grundsätzlich in Frage zu stellen?
Schadet es einer Gesellschaft, wenn sie zu
asketisch und diszipliniert ist?
Sie verliert das Lustvolle und Genussvolle, das eigentlich Teil jeder Kultur ist.
Sie riskiert auch, an Kreativität zu verlieren, wenn es weniger Räume für
Unvorhergesehenes gibt, in denen sich
Neues entwickeln kann. Kultur braucht
ja auch Reibung und Widerspruch, um
sich zu entfalten. Eine Gesellschaft, die
sich darauf geeinigt hat, was gut und
richtig ist, und darüber nicht mehr
verhandelt, droht zu erstarren. Gut
möglich, dass andere Teile der Welt
längerfristig interessanter sind, dass die
aufregenden Neuerungen künftig eher
von dort kommen als aus unseren
Wohlstandsgesellschaften, in denen sich
fast alles primär um die eigene moralisch
aufgeladene Befindlichkeit und um die
Bewahrung des Bestehenden dreht– also
um etwas sehr Konservatives.
Sehen Sie denn bei uns auch Anzeichen einer
Gegenbewegung?
Zumindest lässt sich deutlich erkennen,
wie die moralisch aufgeladenen Optimierungsgebote immer öfter auch auf
Unmut stossen. Ich bin ja nicht die Einzige, bei der Dinge wie der zunehmend
neurotisch erscheinende Umgang mit
Lebensmitteln, die Überprotektion von
Kindern oder die Beliebtheit von Vokabeln wie Quality-Time oder WorkLife-Balance verständnisloses Achselzucken hervorrufen.
Ab wann und wie wird ein gelegentlich beobachtetes Verhalten zum Trend?
Der Trend ist ein Versuch, sich an veränderte Gegebenheiten anzupassen. Am
interessantesten ist immer die Phase, in
der etwas auf dem Weg zum Trend ist.
Unterscheiden muss man ihn auch
von Moden – in Moden werden Trends
sichtbar. Zum Beispiel tragen heute
viele junge Männer wieder Bart. An
Moden wie dieser lässt sich viel ablesen,
nämlich der Trend zur Authentizität,
zum Ursprünglichen, zur Naturverbundenheit – all dies spielt natürlich auch
der neuen Moral in die Hände. Ein Trend
ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Er betrifft alle, und man muss sich
dazu irgendwie verhalten.
Können Sie als Trendforscherin neuen Trends
eher widerstehen als andere?
Ich glaube, das gilt für viele Trendforscher. Wir beschäftigen uns damit,
erkennen schon früher als andere, dass
da was kommt. Anfänglich, wenn sie
sich noch so langsam ihren Weg bahnen,
mag man viele dieser Trends ja auch: Der
erste Mann, der einem mit Bart entgegenkommt, ist natürlich hochinteressant. Wenn der Trend in den Mainstream
kippt, entsteht bei mir aber oft der erste
Überdruss und manchmal halt auch
Widerstand.
Interview: Ralf Kaminski
Bilder: Christian Schnur
www.migrosmagazin.ch
ONLINE ABSTIMMEN
Wie wichtig ist Ihnen Moral?
Wie stark leben Sie Ihre Überzeugungen im
Alltag: Die gängigsten Varianten im Überblick – nach welchem Modell leben Sie?
|
INTERVIEW
| 35
Trendforscherin und
Dozentin
Judith Mair (42) ist
Expertin für Populärkultur, Trendforscherin und Mitbegründerin der Agentur New
Potential in Berlin.
Sie unterrichtet mit
einem 15-ProzentPensum an der
Zürcher Hochschule
der Künste. Mair hat
mehrere Bücher
publiziert und lebt
mit ihrem Partner
und dem gemeinsamen Sohn in Berlin.
www.newpotential.de
Judith Mair und Bitten
Stetter: «Moral
Phobia. Ein Zeitgeist-Glossar von
Achtsamkeit bis
Zigarette.» Gudberg
Nerger Publishing,
November 2014
|
MENSCHEN
MIGROS-MAGAZIN | NR. 47, 17. NOVEMBER 2014 |
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KOLUMNE
| 37
DER HAUSMANN
Auf eigene Faust
Bänz Friedli
hatte einen
Sprachdisput.
Wir sind zum Znacht bei Freunden,
es gibt einen «Kindertisch» – wobei die
jungen Menschen, die dort, über ihre
Apps gebeugt, munter die neusten
Bilder austauschen und Vierer-Selfies
knipsen, keine wirklichen Kinder mehr
sind. Wir Älteren reden gerade über
Emmylou Harris, die Sängerin, die
einige von uns abgöttisch verehren.
(Okay, das «einige von uns» betrifft nur
die Männer. Hanspi und ich erwägen
gar – wenn auch mehr im Scherz, aber
man könnte sich ja mal was gönnen, zu
einem runden Geburtstag oder so –,
item, wir erwägen gerade, ob man zu
einem Konzert nach Washington D. C.
pilgern müsste, an dem die grosse
Emmylou Künstlerkollegen von Kris
Kristofferson bis Joan Baez um sich
schart.) Und es gibt wohl kein ausgesprochen «erwachseneres» Thema als
die Musik einer alternden Countrysängerin … Da meldet sich plötzlich der
Kindertisch: «Sagt mal …!»
«Sagt mal», fragt Anna Luna zu
uns hinüber, «was versteht ihr unter
‹wie die Faust aufs Auge›?» Der ganze
Kindertisch ist überzeugt: Das bedeutet
«passt perfekt». Die sechs Erwachsenen aber, zum Pech der Kinder von
der Theaterpädagogin bis zum Journalisten allesamt solche, die sich beruflich mit Sprache beschäftigen, befinden
einstimmig und niederschmetternd:
Die Redewendung «wie die Faust aufs
Auge» bedeutet «passt überhaupt
«Sie wollen die Welt neu
denken.»
nicht». Denn was hat die Faust auf
einem Auge zu suchen? Die Kinder lassen sich nicht kleinkriegen, fragen keck:
«Woher seid ihr euch so sicher?» Man
könnte es den Jungen bösartig auslegen,
à la: Da haben wir sie wieder, die verdorbene Jugend, allzeit bereit, dem Gegenüber die Faust ins Auge zu rammen!
Aber sie meinen es ja nicht so. Sie finden
allen Ernstes, die Faust habe in der
Augenhöhle ideal Platz, und legen zur
Demonstration alle vier sanft die eigene
Faust aufs Auge – passt!
Die Bedeutung habe geändert, ist
Anna Luna sich sicher, das sei jetzt eben
der Wandel der Zeit. «Aber was machst
du», entgegne ich, «wenn du in einem
Aufsatz dieses Sprachbild gebrauchst,
und dein Lehrer befindet, dass du es
falsch verwendest?» Sie gibt sich nicht
geschlagen: «Was macht euch denn so
sicher?» Ich japse noch: «Der Duden!
Der Duden macht mich sicher, da,
schau!», und habe schon mein Handy
im Anschlag, um es ihr schwarz auf
weiss, Buchstabe auf Touchscreen, vor
Augen zu führen. Aber sie folgt ihrer
eigenen Überzeugung: «Ihr Erwachsenen müsst lernen, dass manche Dinge
sich ändern.» Schon gut, denke ich, die
müssen aufbegehren, wo sie können.
Und irgendwie gefällt mir ihre Haltung
ja. Es ist gut, dass Jugendliche die Dinge
neu denken, die Welt neu sehen wollen,
dass sie sich nicht einfach sagen lassen:
So wirds gemacht, es wurde immer so
gemacht – und basta. Schliesslich ist
die Welt, die wir ihnen überlassen, nicht
die beste. Die Haltung «Was macht euch
Alten so sicher, dass ihr recht habt?»
ist demnach angebracht. Trotzdem bin
ich mir bei der Faust auf dem Auge
natürlich sicher: Da liegen die Jungen
falsch. Nur, um mir selber Recht zu
geben, google ich es vor dem Einschlafen noch rasch nach. Und da steht:
«[1] ganz und gar nicht zusammenpassen. [2] umgangssprachlich: wunderbar
zusammenpassen. Die ursprüngliche
Bedeutung [1] ‹nicht passen› wurde
häufig ironisch verwendet, woraus sich
die Bedeutung [2] ‹gut passen› entwickelt hat.» Und jetzt sehen wir Alten
– alt aus.
Bänz Friedli live: 17./18. 11. Zürich, Hechtplatz
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