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Da geht noch was! Auf der Suche nach Machern und Visionären.

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Abschlussvortrag auf der 40. Jahrestagung des Berufsverbandes Hauswirtschaft
17. April 2012 in Münster
Da geht noch was! Auf der Suche nach Machern und Visionären.
Wenn Sie hier aus der Gegend kommen, kennen Sie den Spruch vielleicht: Entweder es regnet,
es kräht der Hahn auf dem Mist oder es läuten die Glocken.
Gemeint ist mit dem es „Münster“, nicht nur die liebenswerteste Stadt, sondern auch eine der
nachgesagt wird, dass es überdurchschnittlich oft hier regnet (was nicht stimmt!). Geprägt durch
viel Landwirtschaft im Umfeld. Sowie die vielen Kirchen hier in der Stadt. Kaum sind Sie an der
der Vorderseite herein- und an der Rückseite herausgegangen, schon stehen Sie vor der nächsten.
Man kann also durchaus behaupten, diese Stadt sei recht katholisch geprägt. Klöster gibt es hier
in Hülle und Fülle und Ende der Siebziger Jahre hatte selbst meine Schule noch Lehrer, die nicht
nur selbst schon dort als Pennäler gesessen hatten und im Internat aufgewachsen waren. Nein,
diese Schule war vor allem dazu da, die Schüler anschließend direkt ins Klosterleben zu
überführen.
Zugegebenermaßen in der heutigen Zeit ein Auslaufmodell. Aber damals funktionierte es noch
hinreichend, so dass wir uns als Pennäler schon fragten, ob wir uns so was vorstellen könnten:
das mit dem Internat und dem anschließenden Klosterleben. So ganz freiwillig. Eindeutige
Antwort in unserer Klasse: NEIN.
Schon beim Blick aus dem Klassenzimmer auf das gegenüberliegende Gebäude (da war nämlich
noch das alte Internatsgebäude; mittlerweile zum Studentenwohnheim umgebaut) kam unsere
größte Befürchtung auf: wir hätten vielleicht unsere ganze Eigenständigkeit an der Klosterpforte
abgeben und uns unterordnen müssen. Es kam uns vor wie ein schlechtes Geschäft: Sicherheit
gegen Freiheit. Mit diesem pubertären Selbstbewusstsein meinten wir, die Welt schon verstanden
zu haben.
Nun kam aber doch irgendwann mal die Zeit, in der das Taschengeld der Eltern nicht mehr für
das Fortkommen im Leben ausreichte und wir ins Berufsleben auszogen.
Welch herbe Enttäuschung! Da war ja vieles wie im Kloster. Opferbereitschaft für Überstunden,
Einordnung was das Gehalt betrifft, Schweigeminuten wenn der Chef wider besseren Wissens
weiterhin altes Wissen predigt, ansonsten Arbeiten im festen Zeitrhythmus, für die Herren
Hemd und Krawattenzwang, die Damen in der Hauswirtschaft mit einem schlecht sitzenden und
aussehenden weißen Kasak. Die Regeln machte hier zwar nicht die Klosterobere, dafür aber der
Chef.
Und gleich bei meiner zweiten Arbeitstelle merkte ich wie meine Kreativität in Sekundenschnelle
in sich zusammensank wie ein gerade überbrodelnder Milchtopf, den man im letzten Moment
von der Herdplatte nimmt. Dafür hieß die Sicherheit hier festes Gehalt am Monatsende,
geregelter Jahresurlaub, Sozialversicherungspflicht.
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Und ich muss mir eingestehen: das schlechte Geschäft, das hatte ich längst in Teilen vollzogen:
Unfreiheit gegen Sicherheit. Und das, wo doch mein Vater als Betroffener immer den Spruch
geprägt hatte: „ein Beamtenrock ist eng, aber warm.“ Tja, das war wohl die altertümliche
Formulierung des Deals. Ich fand den Spruch damals unerträglich. Heute im Übrigen angesichts
manch prekärer Arbeitsverhältnisse immer noch…
Die große Frage, die uns nach wie vor – auch nach diesen zwei Tagen - beschäftigt ist, welche
Mitarbeiter mit uns zusammen in Zukunft den Weg der Betreuung, Assistenz und Versorgung
von Menschen gehen wollen. Und die Betonung liegt hier auf WOLLEN. ……
Ich erinnere mich noch zu gut, wie vor einigen Jahren in der Presse angesichts des
Pflegenotstands und steigender Arbeitslosenzahlen überlegt wurde, Arbeitslose zu verpflichten,
alte Menschen betreuen zu müssen. Der Gedanke wurde auch wegen des tobenden Protestes
nicht zu Ende gedacht.
In der Bundesagentur für Arbeit (BA) scheint man schalldichte Fenster zu haben, wenn es um die
Vermittlung von Ausbildungsplätzen für Menschen mit Behinderung oder um Menschen mit
Benachteiligung geht, die zahlenmäßig in einem großen Ungleichgewicht gegenüber anderen
Branchen gerne in die Hauswirtschaft vermittelt werden.
Wie laufen hier die Zuweisungspraxis und die Begutachtung durch den Psychologischen
Fachdienst ab? Da sollten wir wohl öfter mal Mäuschen spielen und am Fenster nicht nur
zögerlich klopfen, sondern unsere Vuvuzelas mitbringen!
Mit welcher Motivation würden Sie denn antreten, wenn Ihnen morgen die BA sagen würde, dass
sie zwar respektiert, dass die Hauswirtschaft Ihre Leidenschaft sei. Dass sie Sie aber dafür für
gänzlich ungeeignet halten würden: Das hätte das Ergebnis des ausführlichen
Computerprogramms ergeben, durch den Sie sich einer Stunde durchgekämpft hatten. Sie wären
nun dafür vorgesehen, Schlachter zu werden. Schließlich seien solche Kenntnisse für die
persönliche Lebensführung und die Garantie auf Salamibrote in Zukunft immer hilfreich.
Soweit nur zum Thema in die Hauswirtschaft zu WOLLEN und nicht zu MÜSSEN.
Mich hat es irgendwie gefreut, dass mit einem Mal neulich die Nachricht eintraf, in Bayern gäbe
es eine neue Berufsbezeichnung für die HBL und für die schulische Ausbildung zur
Hauswirtschafterin. Ich weiß zwar immer noch nicht recht, wie ich dazu inhaltlich stehen soll,
aber das ist auch gar nicht so entscheidend. Sondern wichtig erscheint mir, dass sich die Branche
aufgefordert fühlt, ihren Standpunkt, ihr Selbstverständnis zu formulieren. Vielleicht müssen wir
uns sogar uns eingestehen, dass wir mit der alten Strategie, uns ins rechte Licht zu rücken, nicht
weiterkommen werden.
Manchmal habe ich nämlich den Eindruck, als ständen wir selbst pudelnass, mit hängenden
Schultern und mit triefenden Klamotten am Ufer eines Flusses und wollten denen von der
anderen Seite des Flusses zurufen:
„Seht mal, wie schön es ist bei uns. Seht ihr das Glitzern des Glücks in unseren Augen angesichts
unseres bescheidenen Zustandes? Wollt ihr nicht auch rüber schwimmen? Aber seid gewarnt
angesichts des eisigen und trüben Wassers. Die Belastung es hier hin zu schaffen, ist groß. Es
wird euch anschließend keiner danken! ... Hää, wie bitte? Ihr nehmt die blühende Apfelchaussee
in die andere Richtung? Selbst schuld, wenn ihr zu blöd zum Schwimmen seid und nicht zu uns
kommen wollt!.“
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Fühlen wir uns nicht auch gerne immer ein bisschen von den anderen missverstanden? Ich
behaupte, unser Bauch sagt uns schon länger, dass die Zeichen auf Veränderung stehen.
Ich erinnere mich an einen Spruch, den Christine Klöber und ich beide unabhängig voneinander
in der Zugzeitschrift auf dem Weg zu einer der Sitzungen gelesen hatten: „Es gibt eine Lehre aus
dem Spiel von Ebbe und Flut: Alles ändert sich. Was bleibt, ist der Wechsel. „
Das trifft doch wohl auch auf die hauswirtschaftliche Branche zu: Die wichtige Aufgabe in einer
Gesellschaft, Menschen zu begleiten, wird bleiben. Und dass Menschen Menschen begleiten
sollten (und nicht Maschinen Menschen), das ist wohl auch unstrittig. Doch wie wir das tun und
mit welchen Menschen wir Menschen begleiten, ist ein ständiger Wandel. - Haben wir das
wirklich schon verinnerlicht und angenommen?
Und jetzt komme ich auch endlich wieder auf die Namensänderung aus Bayern, Thüringen und
Hamburg zurück. Da haben sich welche getraut, die heilige Kuh – hier das Wort Hauswirtschaft mal in Frage zu stellen. Na sowas! Und das im Alleingang!
Um Anstöße zu geben, muss man anstößig sein, heißt ein Zitat, das ich neulich fand. Plötzlich
kommt dann was in Bewegung, werden Begriffe,
Alleinstellungsmerkmale, alte Klamotten, aber auch neue Fummel aus dem Schrank geholt, um es
einmal bildlich darzustellen.
Bis eben noch saßen dieselben gelangweilt auf dem Sofa, bis jemand von ihnen plötzlich aufsteht
und verkündet, er zöge sich jetzt um und ginge auf ‚ne Party, weil er von der schlechten Laune
genug hätte.
Kaum hatte derjenige sich aus dem Raum entfernt, begann eine emotionale Diskussion um die
Frage, wieso er so ohne Vorankündigung seinem festen Freundeskreis den Rücken zukehre und
wie er sich jetzt wohl auf der Party in Szene setzen wolle, wo er doch selbst so ein Langeweiler
sei. Vielleicht bekäme er sogar ohne Einladung gar keinen Einlass und schon freute man sich ein
wenig, wenn in zwei Stunden derjenige reumütig zurückkehren würde. Bis ein anderer sich traute,
die Frage zu stellen, was eigentlich besser sei? Die Asche zu bewahren oder das Feuer?
Wie lange hängen wir an Altbewährten, wenngleich der Wind der Veränderung uns schon lange
um die Nase weht? Zeitgleich erleben wir, dass auf vielen Ebenen im Hintergrund, z.B. bei den
zuständigen Stellen oder in der Bundesarbeitsgemeinschaft der hauswirtschaftlichen Verbände
bereits an der Fragestellung gearbeitet wird, ob eine Anpassung oder gar Neuordnung für die
Ausbildung zur Hauswirtschafterin notwendig sei. Fehlt es der gelernten Fachkraft an Inhalten
für die Berufspraxis? Diskutiert werden zum Beispiel Betreuungs- und Serviceaspekte.
Und wo bleiben die Bewerber nach ihrer Ausbildung? Hier werden die Hoffnungen auf eine
Verbleibstudie von Absolventen gesetzt, die auf Ministeriumsebene schon seit einigen Jahren
eingefordert, aber immer noch nicht umgesetzt wurde. Finden die Absolventen tatsächlich eine
qualifizierte Stelle? Ich fände es spannend zu wissen.
Denn ich will Ihnen kurz eine wahre Geschichte erzählen, die erst ein paar Wochen her ist: Da ist
aus Brandenburg ein Azubi extra für ihre Ausbildung nach NRW gezogen, um in den Genuss
einer betrieblichen Ausbildung zu gelangen und voller Begeisterung für ihren Beruf in ihre
Heimatstadt mit tollen Prüfungsergebnissen zurückgekehrt.
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Ihr nächstes Ziel ist die Meisterausbildung. Die möchte sie – verständlicherweise – gerne sofort
berufsbegleitend beginnen. Denn Meisterkurse sind in den östlichen Bundesländern rar und
werden in ihrem Bundesland nur alle drei Jahre beginnend angeboten. Um mit dem Kurs
anfangen zu können, benötigt sie jedoch sofort einen Arbeitsplatz, denn nur dann hat sie zum
Kursende auch die erforderlichen Jahre Berufspraxis. Das Problem: sie findet keine Stelle.
Obwohl motiviert, gut ausgebildet, bereit zur Weiterbildung, hartnäckig im Bewerbungen
schreiben, usw.
Wenn nicht noch ein Wunder passiert – vielleicht aus diesem Plenum heraus – dann ist sie
mittlerweile bereit, in einem Reinigungsunternehmen als Raumpflegerin zu arbeiten. Ich dachte
nur: „Wie bitter ist das denn?“
In unserem Newsletter vergangene Woche hatten wir die Meldung über eine Konferenz der
Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften. Gemeinsamer Tenor: die Bedeutung der beruflichen
Aufstiegsfortbildung wird wachsen. Das muss ja wie Hohn in den Ohren der o.g. Person klingen.
Und darf ich Ihnen mal die Zahlen der eingetragenen Ausbildungsverhältnisse in Brandenburg
für das Jahr 2012 vorstellen: Null! Vor sechs Jahren waren es immerhin noch 186 Lehrstellen,
davon allerdings keine einzige betriebliche Ausbildungsstelle.
Wer versorgt Deutschland in Zukunft? Damit sind wir wieder bei unserem zentralen Thema der
Jahrestagung.
Und deshalb freue ich mich, wenn ein quertreibender, böiger Wind plötzlich in der Landschaft
erscheint und einen kleinen Frühjahrssturm verursacht. (ich meine das mit der Namensänderung
in Bayern.).
Es gibt noch Hoffnung. Dass wir uns alle auf den Weg machen und beginnen, die benötigten
Fachkräfte nicht nur auszubilden, zu umwerben, sondern sogar noch einzustellen. Ganz
egoistisch sollten wir es wenigstens für unseren eigenen Lebensabend tun, damit uns mal jemand
zur Seite steht. Wenigstens das könnte uns doch Antrieb sein….
Warum werben wir denn nicht wie die Systemgastronomen bei McDonalds: „Gibt es etwas
Schöneres, als ein Lächeln geschenkt zu bekommen? Ja, Geld damit zu verdienen. Wir suchen
deshalb engagierte Menschen, die ihre Freude am Umgang mit Menschen zu ihrem Beruf machen
möchten.“
Haben Sie solch eine Anzeige schon mal für eine Hauswirtschafterin oder für eine HBL gelesen?
Ich nicht. Da heißt es: „Für unsere Zweigstelle in der Abtei St. Gotthild suchen wir eine versierte
Hauswirtschaftskraft mit Großküchenkenntnissen.
o Vorausgesetzt wird die Zugehörigkeit zu einer christlichen Glaubensgemeinschaft.
o Zu Ihren Aufgaben gehören
Speiseplan
Einkauf
Zubereitung der Speisen im Team
Organisation und Planung der Arbeitsabläufe
Aha, das dachte ich mir fast schon. Irgendwie klingt das in jeder Anzeige gleich, oder? „Gucken
die voneinander ab?“, frage ich mich manchmal.
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Dabei hätte ich doch als Bewerber so gerne gewusst, wie es da im Unternehmen so aussieht,
welche Menschen mit mir arbeiten werden. Ich hätte Lust, Stallgeruch aufzunehmen. Ich möchte
wissen, ob die Leute da und die Atmosphäre irgendwie zu mir passen. Warum nicht mal ein YouTube-Video einstellen und zeigen, wo und mit wem man potenziell zusammenarbeiten würde.
Jeder 10.Klässler kann Ihnen heute einen Film aufnehmen, schneiden und ins Netz einstellen.
Und dann wäre es natürlich super, ich hätte noch ein Foto, Name und direkte Durchwahl von
meinem persönlichen Ansprechpartner im Betrieb. Und was muss ich eigentlich konkret in
meinem Job leisten? Ein beispielhafter Tagesablauf muss ja nicht erst bei der Einarbeitung aus
der Tasche gezogen werden, sondern könnte sich auf der Unternehmensseite wiederfinden.
Auch wenn es einige immer noch für unnötig halten, sich anders auf den Weg als bisher auf den
Weg nach Personal zu machen: ich glaube fest, es ist fahrlässig, die Bemühungen zu unterlassen.
Im vergangenen Jahr hörte ich im Rahmen des Deutschen Frauenrates in Berlin einem
interessanten Vortrag über Arbeitsmarktentwicklungen zu. Darin wurden einige gute Gründe und
Fakten genannt, kreativer als bisher um Arbeitskräfte im Unternehmen zu buhlen.
Fakt 1:
Das allseits bekannte Demographieproblem: zu wenig Heranwachsende werden in Zukunft die
hohe Zahl in den Ruhestand gehender Menschen nicht ersetzen können. Es wird also eine
Knappheit an Arbeitskräften geben.
Fakt 2: Es werden ca. 6 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Ein Teil davon soll kompensiert werden,
in dem bei den bestehenden Arbeitsverhältnissen weniger Menschen krank werden, sprich, dass
wir für gesündere Arbeitsplätze sorgen müssen.
Fakt 3:
Der Rest muss durch die zusätzliche Mobilisierung von Frauen, Älteren, Langzeitarbeitslosen und
Migranten kompensiert werden. Brachliegendes Potenzial,
auf das eine Dienstleistungsgesellschaft nur schwer verzichten können wird.
All diese Faktoren wurden unter dem Megatrend Arbeitskraftmangel beschrieben. Aber da gab es
noch einen weiteren Megatrend: den der Wissensgesellschaft.
Fakt 4:
Unternehmenserfolge hängen zukünftig mehr und mehr davon ab, ob es neue Ideen und
Visionen kreieren kann. Gerade jüngere Mitarbeiter reagieren allergisch auf hierarchische
Kommandostrukturen. Sie sind es gewohnt, Entscheidungen hinterfragen zu dürfen (nicht
umsonst haben Lehrer so einen schweren Stand vor der Klasse), das Internet haben sie quasi als
Geburtsrecht mitbekommen. Man kann sagen was man will: natürlich gibt es Internetjunkies, die
ihren Intellekt auf der Spielekonsole verballert haben.
Aber die vielen anderen haben dank dieses Kommunikationsweges schon früh gelernt, dass man
sich mit einer kreativen Idee ganz schnell Mitstreiter ins Boot holen und was bewegen kann.
Was ich sagen will, ist: geben wir den Mitarbeitern doch das Vertrauen, dass sie was auf dem
Kasten haben und mitdenken dürfen. Und damit meine ich nicht, ob sie Entscheidungsfreiheit
haben, den Putzlappen besser mit der linken oder rechten Hand zu bedienen.
Die Frage besteht auch an uns, ob wir es aushalten, jemanden neben uns groß werden zu lassen?
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Fakt 5:
Kreative Wertschöpfung erfordert bei unseren Mitarbeitern deshalb Selbstmanagement,
Motivation und Kommunikation. Die Aussage im damaligen Vortrag war, dass vor allem Frauen
und Ältere hierin ziemlich gut seien und gemischte Teams von Vorteil seien.
Fakt 6:
Rainer Thiehoff, promovierter Volkswirt, äußerte sich in einem Zeit-Artikel einmal so: Der
Macker hat ausgedient. Gemeint ist damit der männliche, karrierefixierte, konkurrenzorientierte
und ohne Rücksicht auf soziale Bindungen und die eigene Gesundheit arbeitende Angestellte.
Werden wir es schaffen, den Bewerbermangel kompensieren zu können? Werden wir all das
schaffen, was wir hier in den letzten zwei Tagen ans Herz gelegt bekommen haben?
Sicher kennen Sie die Weisheit der Dakota-Indianer, die sagen: „Wenn du entdeckst, dass du ein
totes Pferd reitest, steig ab.“
Doch im Berufsleben versuchen wir oft eine Menge anderer Strategien, wie wir in dieser Situation
handeln.
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Wir besorgen eine stärkere Peitsche.
Wir wechseln die Reiter.
Wir sagen: „So haben wir das Pferd doch immer geritten.“
Wir gründen einen Arbeitskreis, um das Pferd zu analysieren.
Wir besuchen andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde reitet.
Wir erhöhen die Qualitätsstandards für den Beritt toter Pferde.
Wir bilden eine Tasc Force, um das tote Pferd wiederzubeleben.
Wir schieben eine Trainingseinheit ein, um besser reiten zu lernen.
Wir stellen Vergleich unterschiedlich toter Pferde an.
Wir ändern die Kriterien, die besagen, dass ein Pferd tot ist.
Wir kaufen Leute von außerhalb ein, um das tote Pferd zu reiten.
Wir schirren mehrere tote Pferde zusammen an, damit sie schneller werden.
Wir machen zusätzliche Mittel locker, um die Leistung des Pferdes zu erhöhen.
Wir machen eine Studie, um zu sehen, ob es billigere Berater gibt.
Wir kaufen etwas zu, das tote Pferde schneller laufen lässt.
Wir erklären, dass unser Pferd „besser, schneller und billiger“ tot sei.
Wir bilden einen Qualitätszirkel, um eine Verwendung für tote Pferde zu finden.
Wir richten eine unabhängige Kostestelle für tote Pferde ein.
Wer sagt denn, dass man tote Pferde nicht reiten kann?
Wir lassen das Pferd schnellstens zertifizieren.
Wir frieren das Pferd ein und warten auf eine neue Technik, die es uns ermöglicht, tote
Pferde zu reiten.
Wir bilden eine Gebetskreis, der unser Pferd gesund betet.
Wir stellen fest, dass die anderen auch tote Pferde reiten und erklären dies zum
Normalzustand. (denken Sie an die Stellenanzeigen…)
Wir ändern die Anforderung von „Reiten“ in „Bewegen“ und erteilen einen neuen
Entwicklungsauftrag.
Wir sourcen das Pferd aus.
Wetten, dass das Vieh nur simuliert?!
Wenn man das tote Pferd schon nicht reiten kann, dann kann es doch wenigstens eine
Kutsche ziehen!
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Okay, jetzt habe ich nach der ganzen anfänglichen Trübsal wenigstens ein kleines Lächeln auf
Ihre Lippen gezaubert. Und wenn ich ehrlich bin, dann möchte ich auch, dass das so bleibt!
Denn: Not macht erfinderisch! Und Hand aufs Herz: Improvisieren können Sie doch wirklich in
Ihrem Beruf, oder?
Deshalb haben wir uns ja auch hier in Münster zum Thema Personalmanagment und Employer
Branding zusammengefunden. Um gemeinsam nachzudenken, Ideen zu spinnen, Möglichkeiten
auszuloten oder zu verwerfen und mit ersten Handlungsideen im Koffer nach Hause zu fahren.
Wenn ich es mir so überlege, sind Sie schon der Wunschmitarbeiter der Zukunft: Der mit der
kreativen Wertschöpfung mit Selbstmanagement, Motivation und Kommunikation.
Um die Versorgung, Betreuung und Assistenz von Menschen zu sichern, werden wir bereitwillige
Menschen finden. Ob sie den klassischen Weg über hauswirtschaftliche Ausbildungsgänge
gemacht haben, bleibt abzuwarten.
Berufliche Biographien sind heute nicht mehr gradlinig. Mein Schwiegervater musste mit 14 nach
der Volksschule noch eine Entscheidung fürs Leben treffen. Und die bedeutete:
Versicherungskaufmann lernen und bleiben. Heute kommt mir vieles mehr wie ein
Orientierungsmarsch vor: wo bin ich angelangt, will ich noch weitergehen? Schau ich mich mal
genauer um und entscheide ich mich ganz anders?
Die Politik hat glücklicherweise auch erkannt, dass es nicht immer nur die formalen
Qualifikationen, die wir hier in Deutschland erlangt haben, mich zu einem wertvollen Mitarbeiter
machen. ECVET, aber auch der Europäische Qualifikationsrahmen soll dazu bald geeignet sein,
Kenntnisse und Fertigkeiten in Qualifikationsniveaus zu beschreiben und damit europaweit für
Arbeitgeber und –nehmer transparenter zu machen.
Unser Oppa Rüdiger fände den Orientierungsmarsch für sich selbst unvorstellbar: geradezu
wankelmütig und undankbar, diese Jugend von heute.
Wir beide haben schon so oft darüber diskutiert. Es sind eben zwei unterschiedliche Haltungen,
die ihren Respekt verdienen. Die eine Haltung mit unvorstellbarer Loyalität zu seinem
Arbeitgeber, auch wenn man sich irgendwann innerlich nicht mehr im Unternehmen
wiederfindet und die andere Haltung mit der festen Überzeugung, dass man nur dort gute
Leistungen erbringt, wofür Sinnhaftigkeit vorhanden ist und die Flamme lodert.
Wie sagte neulich Stephanie Gefeller, unsere Erfaleiterin aus Berlin beim Erfaseminar? „Du hast
jeden Tag die Chance, dich neu zu entscheiden.“
Deshalb fange ich damit schon mal an und entscheide, dass aus dem guten alten Regenschirm für
die Meimulatur (das ist Masematte und heißt Regen auf gut Deutsch) in Münster ab heute ein
Rettungsschirm wird. Jaaaa, dieses Wort ist uns Europäern nicht unbekannt.
Und deshalb dürfen wir ruhig mal bei unseren Kostenträgern zur erfolgreichen
Personalrekrutierung etwas mehr Begeisterungsfähigkeit und vor allem finanzielle Mittel
einfordern. Die handelsüblichen Summen können Sie der Tagesschau entnehmen…
Oder ich mache aus dem schnöden Regenschirm einen Fallschirm für die Mutigen, die sich auf
den Weg machen…
Allerdings muss ich dafür ein bisschen mein Aussehen verändern (vielleicht müssen wir das in
der hauswirtschaftlichen Dienstleistungsbranche auch…) ….
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Ach ja, und meine Haltung ändern, Fallschirmspringer haben ja die tolle Eigenschaft, dass sie
zwar fallen und mächtig Wind um die Nase haben, aber sie haben den Blick an den Horizont und
tun sich beim Landen nicht weh.
Da ich das mit der Haltung beim Fallschirmspringen hier jetzt nicht vormachen kann, muss ich
das anders demonstrieren: …. Können Sie es lesen?
„Glaubst du denn, ohne dich läuft noch was?!“
In diesem Sinne bedanke ich mich bei Ihnen für die wunderbaren ergiebigen zwei Tage und
hoffe, dass wir mit einem unbändigen Selbstbewusstsein für unseren Beruf, dem Blick für in die
Zukunft und dem Glauben an das erfolgreiche Landen wieder, diesen Ort verlassen werden. Ich
bin mir ganz sicher: Da geht noch was!
Herzliche Grüße an Sie und Ihre tollen Mitarbeiter vor Ort und bis zum nächsten Jahr in
Stuttgart-Hohenheim!
Ute Krützmann,
1. Vorsitzende Berufsverband Hauswirtschaft
Dipl. Oecotrophologin, Systemische Beraterin und Coach
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Seele and Geist
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