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GISELA FREIMARK Frage: Was ist Zersetzung - Zersetzung.net

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GISELA FREIMARK
Frage: Was ist Zersetzung?
Gisela Freimark: Also inzwischen weiß ich, was Zersetzung ist. Damals wusste ich es nicht.
Zersetzung ist eine Methode gewesen, dass man jemand nicht inhaftieren wollte, sondern die
Persönlichkeit sollte durch verschiedene Dinge zerstört werden, sei es dass man versucht hat
über Rufmord, dass man überhaupt falsche Aussagen über die Person machte, dass man
versucht hat auch beruflich die entsprechende Person zu diskreditieren, auch Misserfolge
hervorzurufen im Beruf, dass man durch offene Brief oder Karten schmutzige Dinge
verbreitet hatte, dass man versucht hatte, über Telefonabhören die Person immer wieder zu
verunsichern, ohne dass sie merkt, warum.
Frage: Und der Grund dafür? Es gab ja einen politischen Hintergrund.
Gisela Freimark: Also der Staat, oder besonders nachher der Staatssicherheitsdienst, wollte
mit dieser Zersetzung, ja eigentlich die Person, die feindlich gesinnt war, in ihrem Sinne, dass
sie die zerstört. Die Methode war nicht erkennbar, die Methode nach außen, denn wenn man
jemanden inhaftiert, aus politischen Gründen, dann wäre das vielleicht an die Ö ffentlichkeit
gekommen, oder andere wären aufmerksam geworden. Aber durch die Zersetzung, da konnte
man ja nichts nachweisen, man hatte ja nichts in der Hand. Wenn jemand was Falsches
erzählt, sich dagegen äußern oder wenn man versucht hat, sich zu rechtfertigen, dann kam
man ja auch wieder in Schwierigkeiten. Also war das wirklich eine Methode, ja, ich find das
wirklich so hinterhältig, dass das schon schlimm ist wenn Menschen durch solche
Zersetzungsarbeit wirklich kaputt gemacht worden sind.
Frage: Wann haben Sie zum ersten Mal was davon erfahren?
Gisela Freimark: Also das Wort Zersetzung ist erst für uns erfahrbar geworden, als wir
Einblick hatten, in unsere Akten. Vorher, zu DDR-Zeiten, war es uns gefühlsmäßig nicht ganz
geheuer. Wer will da was? Steckt da wirklich die Stasi dahinter? Oder wenn wir bestimmte
Dinge erzählen wollten, anderen, merkten wir, eigentlich glauben die uns sowieso nicht. Man
konnte es irgendwie nicht fassen, zum Beispiel als die Mordankündigung auf unsere Kinder
kam. Ja, wie sollten wir beweisen, dass dahinter die Stasi steckte?
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Frage: In welcher Form wurde Ihnen das mitgeteilt, und wie haben Sie darauf reagiert?
Gisela Freimark: Das war, wenn ich mich recht erinnere, gegen Abend, ein Telefonanruf. Ich
ging ans Telefon, und da war ne Stimme, im Hintergrund hörte man noch andere Stimmen,
und die sagte: „In nächster Zeit werden eure beiden Mädchen nicht mehr leben, also passen
Sie auf.“ Wörtlich kann ich jetzt die Formulierung nicht mehr sagen, aber ich wollt halt
nachfragen: „Wer sind Sie überhaupt?“ Da hat er gesagt, oder die Stimme gesagt: „Na denken
Sie, ich sage, wer ich bin?“ Und legte auf.
Frage: Und wie sind Sie damit umgegangen?
Gisela Freimark: Zuerst ist mir durch den Kopf gegangen, war er in `ner Kneipe? War das ein
Betrunkener? Also, ich sah ja auch gar keinen Grund, warum eine solche Ankündigung jetzt
per Telefon kam,. Als ich mit meinem Mann darüber sprach und wir überlegt haben - und es
war schon die Zeit, wo wir oft gemerkt haben, dass die Stasi manchmal auch sichtbar uns
verunsichern wollte - ob das aus dieser Ecke kam. Dann haben wir das noch dem
Gemeindekirchenrat damals erzählt, und wir waren uns einig, ne Anzeige zu machen, gegen
Unbekannt. Und dann war das ja doch das Eigenartige, dass die Polizei kam und uns befragte
und dann eben diese Erlaubnis von uns haben wollte, dass sie das Telefon abhören, um den
Täter zu finden. Die taten natürlich freundlich und wollten auch bestimmte Dinge von
unserem Umfeld wissen, Freunde, Bekannte und wen wir vielleicht selbst vermuteten, der uns
so eine Mordankündigung per Telefon mitteilt. Und da wurden wir natürlich hellhörig. Und
mein Mann sagte gleich: „Wieso, Telefon hören Sie sowieso schon ab, und wir sagen auch
nichts über Freunde oder Bekannte, denn wir verdächtigen keinen.“
Frage: Haben Sie das als Grund gesehen, die Polizei zu Ihnen zu schicken und solche Fragen
zu stellen?
Gisela Freimark: Na wir waren zu der Zeit schon sehr hellhörig und aufmerksam und
vermuteten schon durch die Fragestellung der Polizei: „Ach, jetzt wollen sie noch n bisschen,
und dann noch offiziell, bestimmte Dinge von uns wissen, über unsere Personen und über
unsere Freunde.“
Frage: Und Sie sprachen vorhin auch von einer sichtbaren Verunsicherung, also gleichzeitig
wurde Ihnen visuell klar gemacht, dass Sie unter Beobachtung stehen. Können Sie das
beschreiben?
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Gisela Freimark: Zu bestimmten Anlässen war ganz sichtbar, immer irgendwelche Autos die
oft ein anderes Kennzeichen hatten und dann eben so offensichtlich, dass sie uns
beobachteten, aus diesem Auto. Und auch gleich in der Nähe von unserem Haus war ja eine
konspirative Wohnung, die war auch schon so auffällig, dass wir schon gemerkt haben, sie
wollen auch, dass wir merken, dass sie uns beobachten.
Frage: Das ist ja interessant, denn ansich war der Zweck einer konspirativen Wohnung i ja die
Geheimhaltung dieser Aktivitäten.
Gisela Freimark: Damals haben wir auch gedacht: Machen die das so plump, dass wir das
jetzt merken? Oder sind sie unaufmerksam? Also ich denke, das war beides, von ihnen
gewollt, im Nachhinein. um uns noch weiter zu verunsichern.
Die Zersetzung wollte ja eine ganz dolle Verunsicherung der Person.
Frage: Was haben Sie da gesehen?
Gisela Freimark: Gerade zu Festen, oder wenn wir Besuch aus dem Westen hatten, dass dann
ständig die Gardine sich bewegte. Wenn wir dann hin guckten, oder auffällig hinguckten,
wurde sofort die Gardine wieder zurückgezogen. Also das war schon so, dass man, und wir
wussten ja auch, dass da sonst nicht soviel Betrieb ist in dieser Pension, also so ein
Gästezimmer.
Frage: Das war, neben den Autos, das Sichtbare. Gab es noch andere sichtbare Merkmale?
Gisela Freimark: Ja wenn wir zum Beispiel bestimmte Dinge getan haben, zum Beispiel das
Pfingsttreffen in Potsdam, da sind wir hingefahren, um uns da unter zu mischen und auch
unsere Zeichen deutlich zu zeigen, und da war das sehr offensichtlich, dass nicht nur eine
Person oder zwei, sondern wirklich ein ganzer Schwarm uns auf Schritt und Tritt verfolgte.
Sogar bis dahin, dass die uns, als wir mit dem Auto nachher weiterfuhren, in FDJii-Kleidung
zunächst verfolgt haben mit, Autos, und wir haben dann noch einen Halt gemacht, und da
haben sie sich dann umgezogen, ihre FDJ-Kleidung gewechselt. Dann waren sie plötzlich
keine FDJler mehr und haben uns bis nach Neustadt verfolgt.
Also sie haben, wenn ich mich so zurückerinnere, sich uns zeigen wollen. Wenn wir nämlich
in Nebenstrassen in Potsdam gewesen sind, dann sind sie, ohne sich zu verstecken, im
Schwarm auch hinterher gegangen, wenn auch mit gewissem Abstand. Oder wir sind dann
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mal in die Straßenbahn gesprungen, da haben sie uns verpasst. Aber als wir ausgestiegen sind,
waren sie sofort mit dem Auto hinterher gekommen. Also da war auch ganz wichtig, dass sie
zeigen wollten: „Passt auf, wir bewachen jeden Schritt, den ihr hier macht.“
Frage: Neben diesem Sichtbaren gab es das Unsichtbare, das aus dem Geheimen kam, was
fällt Ihnen dazu ein?
Gisela Freimark: Eine Sache ist noch gewesen, dass mein Mann eine Postkarte, ich glaube
aus Ö sterreich, bekam, die wirklich sehr schmutzig, also jetzt nicht vom Aussehen sondern
vom Inhalt her war, wo mein Mann beschimpft wurde, und die war so geschrieben, dass jeder,
der die Karte in die Hand nahm, bis zum Postboten, sie auch lesen konnte. Damals haben wir
auch eine Anzeige gemacht, gegen Unbekannt. Das war auch eine Methode der Zersetzung,
mit schmutzigen Briefen und Schriften jemanden schlecht zu machen.
Frage: Was wollte man damit erreichen?
Gisela Freimark: Ich weiß jetzt nicht, wie sie den beeinflusst haben, aber dass man solche
Methoden angewandt hat, um zu erreichen: „Da könnte ja was dran sein.“ Ich glaube das war
im sexuellen Bereich, eine Unterstellung, damit einer erzählt: „Also da stand da sowas auf der
Karte,“ und denkt: „Naja, vielleicht is ja da was dran.“ Also Rufmord war an vielen Stellen
immer wieder auch an der Tagesordnung. Gott sei Dank hatten wir Menschen als Bekannte
oder Freunde, die uns dann sagten: „Hört mal zu, was sie da wieder erzählt haben,“ dem aber
nicht glaubten. Aber es wurden eben immer wieder Gerüchte verbreitet.
Frage: Also was Sie sagen, ist dass Sie auch Leute getroffen haben, die in Ihrem
Bekanntenkreis oder in der Gemeinde waren und sich fragten, ob das stimmte, oder nicht?
Gisela Freimark: Die am Rande der Gemeinde lebten, die fragten sich und glaubten diesen
Dingen bestimmt. Aber Gott sei Dank nicht alle, die mit uns zu tun hatten, und weil wir das
ja auch immer wieder öffentlich machten, waren die gegen solche Sachen gefeit. Und ich
glaube, das ist auch ein Punkt gewesen. Die Methode ist zwar sehr perfide gewesen, aber sie
hat nicht überall geklappt, jedenfalls nicht bei allen.
Frage: Sie haben also versucht, darüber zu sprechen und das öffentlich zu machen. Sicher
kamen dann aber auch von Menschen Zweifel?
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Gisela Freimark: Also da kamen vor allem Dingen nach der Wende immer wieder Menschen
zu uns, die gesagt haben: „Naja, also ganz sicher waren wir uns nicht, wenn bestimmte Dinge
gesagt wurden, ob es nicht doch stimmt.“
Also da merkten wir erst in Nachhinein, dass es natürlich auch manchmal auch auf
fruchtbaren Boden gefallen ist und Zweifel einfach da waren.
Frage: Welchen Effekt hatte die Zersetzung auf Ihr Leben, trotz Ihres Wissens und Ihrer
Standhaftigkeit?
Gisela Freimark: Wir hatten auch immer wieder Punkte, wo wir gesagt haben: „Was machen
wir eigentlich?“ Und Zweifel. Wenn nämlich so dieser Druck von außen kam, wo wir nicht
unbedingt ahnten, dass die Stasi dahinter steckte, weil ja auch innerhalb der Kollegen oft
genug Kritik kam oder Zweifel: „Na, müsst ihr das machen?“
Da ahnt man ja nicht, dass das auch gesteuert wurde, dass man ja wirklich beabsichtigte, auch
beruflich, meinen Mann aus dem Dienst zu bekommen, ihm irgendwas anzuhängen, dass er
seine Arbeit vielleicht nicht ordentlich macht. Da war dann so ein Punkt, ja, weil wir auch
ausgepowert waren, mein Mann einfach, und wir alle gesagt haben: „Es wäre gut, wenn du ein
Jahr aussetzt,“ aber nicht unbedingt, dass wir das mit dem Zersetzen in Verbindung gebracht
hätten. Sondern wir waren körperlich an den Punkt gekommen, oder mein Mann, wo er mal
kräftemäßig Pause machen wollte.
Frage: Heißt das, dass Ihnen auch von innerhalb der Kirche, von Kirchenoberen mitgeteilt
wurde, dass Sie sich vorsehen sollten, oder aufhören?
Gisela Freimark: Solche Mahnungen kamen öfter, gerade auch von den so genannten
Vorgesetzten vor Ort, also im Kirchenkreis. Im Nachhinein wissen wir natürlich auch, dass
die unter Druck gesetzt wurden: „Also nun, diszipliniert mal diesen Pfarrer Freimark. Der
benimmt sich ja unmöglich, und ihr müsstet ja nun die Möglichkeiten haben, ihn mal ein
bisschen zur Raison zu bringen.“ Also von der Seite kam immer wieder Druck, der kam auch
dann auf uns zurück, aber wir - an der Stelle denke ich, war mein Mann sehr standhaft, dass er
gesagt hat: „Also davon lass ich mich jetzt nicht einschüchtern.“ Das war unsere
Verantwortung.
Aber es war natürlich dann irgendwann kräftemäßig schwierig. Also irgendwo merkten wir,
das war ja dann 88, dass wir an so einem Punkt sind: „Wie lange sollen wir das durchhalten?“
Denn dienstlich haben wir die Arbeit weiter gemacht.
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Und was vielleicht auch noch ein Punkt war, dass man uns Seelsorgefälle, in
Anführungsstrichen sag ich jetzt mal, irgendwie an die Tür brachte. Also es klingelten dann
immer wieder unbekannte, uns unbekannte Menschen, die unsere Zeit in Anspruch nahmen,
weil sie Probleme hatten. Inzwischen wissen wir auch, dass das ganz gezielte Personen waren,
die nichts mit der Kirchengemeinde zu tun hatten. Die sollten uns einfach abhalten, unsere
Zeit in Anspruch nehmen, unsere Kräfte in Anspruch nehmen.
Frage: Haben Sie damals gemerkt, wie massiv alles auf Sie zukam, privat und aus der
Gemeinde?
Gisela Freimark: Also mit diesen so genannten Seelsorgefällen haben wir uns gewundert,
aber das Wundern haben wir, sage ich mal, nach hinten geschoben, weil wir gedacht haben:
„Na, so verdreht kann man ja eigentlich nicht denken.“ Also haben wir uns das selbst
verboten, so zu denken, dass da irgend jemand hinter steckt. Weil wir das damals nicht
glaubten. Jetzt bin ich also manchmal wirklich noch mehr erschrocken, wenn ich das lese,
dass tatsächlich solche Methoden angewandt wurden.
Frage: Was macht das mit dem eigenen Vertrauen der Umwelt, den Menschen gegenüber?
Gisela Freimark: Also wenn ich jetzt von mir rede, Gott sei Dank nichts, weil ich inzwischen
gelernt habe, manche Menschen einzuschätzen. Und deswegen bin ich nicht, da kann ich auch
wir sagen, sind wir nicht vorsichtiger mit unserer Meinung. Wir reden deswegen so, was wir
denken und verantworten können.
Damals auch, auch in dem Wissen, dass vielleicht manch einer das weiter getragen hat, und
wenn wir so Vermutungen vom Gefühl her hatten, das aber nicht beweisen konnten, sind wir
mit bestimmten Dingen einfach vorsichtig gewesen, aber das hat jetzt nicht grundsätzlich an
meinem Vertrauen gekratzt.
Frage: Wie ist es Ihnen gegangen, als Sie herausgefunden haben, was das war?
Gisela Freimark: Vom Gefühl her war ich erstmal wütend, das so zu hören, dass ein Staat, der
für die Menschen da sein wollte, solche Methoden anwandte. Das hat mich schon wütend
gemacht.
Frage: Gab es freundliche Leute in der Gemeinde, die sich später als so etwas herausstellten?
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Gisela Freimark: Ich muss von mir sagen, dass ich mir wahrscheinlich so eine Methode
angeeignet habe, damit umzugehen, dass ich mir immer sage: „Das müssen die Menschen
verantworten, was sie da gemacht haben, und nicht ich.“ Damals hat es mich natürlich auch
geärgert, als die eine Person noch im Gottesdienst neben mir gesessen hat. Das hat mich
schon unruhig gemacht, aber zur eigenen Beruhigung hab ich mir dann gesagt: „Das ist nicht
meine Sache gewesen, sondern das ist die Sache der Person, und sie muss sich oder er muss
sich für das verantworten, was er da gemacht hat.“
Frage: Haben Sie irgendeine Idee, wie viel Prozent der Menschen in Ihrer Umgebung gegen
Sie gearbeitet haben?
Gisela Freimark: Also in Prozenten kann ich es nicht ausdrücken. Ich weiß bloß, dass es in
der näheren und der größeren Umgebung sehr, sehr viele Spitzel gegeben hat.
Frage: Fällt Ihnen noch ein Beispiel der Zersetzung ein, wie man versucht hat, Sie von Ihrer
Umwelt zu isolieren, oder familiär?
Gisela Freimark: Von der Umwelt war noch ein Punkt. Da sind wir uns jetzt auch sicher
durch die Akten, dass sie im Pfarrhaus gewesen sind, in Abwesenheit, und da ein Vorfall war,
den wir uns damals nicht erklären konnten, auch aus den Akten nicht so ganz hundertprozentig uns erklären können, denn die Amtszimmertür unten, die elektrische Anlage, also
teilweise elektrische Leitungen waren, plötzlich defekt, und auch der Elektriker hat nicht
rausgekriegt, warum die Leitungen nicht mehr gehen. Der musste dann da so eine
Ü berbrückung machen. Das war damals sehr verwunderlich, und wir konnten uns das
überhaupt nicht erklären, wie das funktionierte, dass zwischen dem Wegfahren und
Wiederkommen da plötzlich so ein Defekt ist, ohne dass eine Sicherung heraus gefallen war,
also technisch nicht zu erklären. Und jetzt wissen wir natürlich, dass sie drin waren, im Haus
und dass sie uns auch mit dieser Sache verunsichern wollten. So ein bisschen gespukt, und
wenn wir was erzählt hätten, hätte man uns vielleicht nicht geglaubt.
Frage: Heißt das, dass Sie als DDR Bürger sich nicht ganz sicher waren, ob die Stasi auch in
Abwesenheit in die eigenen Wohnungen ging?
Gisela Freimark: Es war auch so ein Punkt. Wir wussten es nicht hundertprozentig, aber wir
konnten
uns
das
schon
zusammenreimen,
denn
nachher
war
auch
der
große
Vordertürschlüssel weg, der ein Unikat war. Wir mussten uns dann ein anderes Schloss
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besorgen, und dass die Dinge auch so eigenartig waren, dass es nur in Abwesenheit
irgendjemand gewesen sein konnte. Und durch die eine Spitzeldame, sage ich jetzt mal, die
war ja so massiv, und war so eigenartig, dass wir gedacht haben: „Na, die muss irgendwie an
den Schlüssel ran gekommen sein,“ und nicht dass die unbedingt selbst in unserer Wohnung
gewesen war, aber sie war ja offiziell nachher als IMB sogar bezeichnet, also inoffizielle
Mitarbeiterin mit Feindberührung. Das war also immer so ein bisschen Schwanken zwischen
dass wir gedacht haben: „Naja, wir haben vielleicht ein bisschen viel Krimis gesehen,“ oder
auch doch vom Gefühl her zu wissen: „Da muss was gewesen sein.“
Frage: Haben Sie damit gerechnet, dass man irgendwo vielleicht eine Abhöranlage eingebaut
hätte?
Gisela Freimark: Das haben wir mitgekriegt, also das Telefon auf alle Fälle. Ob sie uns noch
andere Wanzen eingebaut hatten, da wussten wir die Technik noch gar nicht, wie groß sie war,
oder wie klein sie war, das vermuteten wir. Aber das mit dem Telefon, das wussten wir, das
hat mein Mann einfach durch eigene Tricks rausgekriegt, dass sie uns abhören.
Frage: Wie geht man mit so etwas um?
Gisela Freimark: Also da wir das wussten, haben wir am Telefon bestimmte Dinge eben nicht
besprochen. Und unser Glaube hat uns an der Stelle immer wieder bestärkt, dass wir, auch
wenn wir abgehört werden, bestimmte Dinge weiter tun werden.
Frage: Wie hat es sich aus Ihrer Sicht angefühlt, als das System zu bröckeln begann?
Gisela Freimark: Also dass sich was ändern muss, haben wir schon lange gehofft und auch
versucht, uns ein bisschen daran zu beteiligen, dass sich etwas ändert, weil wir gesagt haben:
„So kann’s nicht weitergehen,“ und als die Wende oder als nachher das vereinte Deutschland
da war, das war natürlich eine große Erleichterung, aber auch gleichzeitig das Wissen, es geht
deswegen nicht gleich mit Hurra weiter, sondern es muss ja vieles erstmal beschaut und
beguckt werden, denn die Vergangenheit wird uns nicht so schnell loslassen. Und dass die
Zukunft im Westen rosig ist, das wussten wir auch zu DDR Zeiten schon, dass das nicht so ist.
Also waren die Gefühle natürlich, dass das alles unblutig abgegangen ist und auf so eine
wunderbare Weise. Das war natürlich eine freudige Sache, aber es blieb trotzdem immer dies
Wissen: „Es kann nicht so ganz einfach weiter gehen.“
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Frage: Hat die Zersetzung mit dem Fall der Mauer aufgehört?
Gisela Freimark: Uns war natürlich klar, wir blieben ja an dem gleichen Ort, wo Rufmord
und Schädigung passiert war, dass die Menschen noch da sind, die gleichen. Und die hatten
jetzt keinen politischen Grund, uns was anzuhängen, sondern es war ja eine andere Zeit
angebrochen, wenn man so will. Und da war eben doch klar, dass Menschen nicht von heute
auf morgen sagen können: „Jetzt sind die Freimarks gute Menschen,“ wenn sie vorher gesagt
haben: „Das sind böse Menschen“ - jetzt mal mit diesen einfachen Worten. Also mussten sie
auch für sich selbst Dinge finden, um sich zu rechtfertigen.
Und es war eben wirklich ein tragischer, sehr markanter Anlass damals, weil unser Sohn, als
er tödlich verunglückte, dass wir in diesem Moment der wirkliche schlimmen Trauer, einen
anonymen Brief kriegten, wirklich auch mit Beschimpfungen. Den kann man bloß im
Nachhinein auch nur da einordnen, dass man versuchte, ein so tragisches Unglück zu
benutzen, um uns vielleicht jetzt so den Rest zu geben.
Frage: Meinen Sie, dass die das aus privaten oder politischen Gründen weiter machten?
Gisela Freimark: Ich vermute, dass manche Menschen einfach auch das einfach so gewohnt
waren, diese Arbeit zu tun, andere Menschen zu zersetzen und sogar in dieser Trauerphase
keine Rücksicht genommen haben, uns jetzt mal in Ruhe zu lassen.
Frage: Wie hat sich das vor dem Mauerfall angefühlt, dass es mit diesem Staat doch
irgendwie zu Ende zu gehen schien?
Gisela Freimark: Dass es zu Ende geht mit diesem Staat, das ahnten wir, aber das war nicht
mit euphorischen Gefühlen verbunden. Wir wussten ja damals noch nicht, dass es so friedlich
über die Bühne geht, dann als da diese Meldung aus China kam, auf dem Platz des
Himmlischen Friedens, also da waren ja dann auch Sorgen und Ä n gste.
Da wurde ja ne große Demonstration niedergeknüppelt und Schüsse, es wurden ja Menschen
getötet und dass noch dann damals Egon Krenziii, der dann Honeckeriv abgelöst hatte, ja auch
noch ganz öffentlich sagte, mit solcher Lösung könnte er sich auch anfreunden - wie er es
wörtlich gesagt hat, weiß ich nicht mehr - aber wo wir alle entsetzt waren, wie man sowas
sagen kann. Und das war ja dann wirklich die große Sorge: „Geht man wirklich in der DDR
so weit, dass man solche Lösungen, in Anführungsstrichen, benutzt, um friedliche
Demonstranten zur Raison zu bringen?“ Also insofern war das sehr gemischt, und trotzdem
ließen wir uns ja davon nicht abbringen.
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Die Hoffnung war natürlich da, dass wir immer wieder gesagt haben, durch die
Friedensgebete: „Wir wollen das ohne Gewalt ändern.“ Aber die Staatsgewalt, das wussten
wir nicht, ob die Gewalt anwenden. Auf unserer Seite, oder die Menschen auf der Straße die
wollten es friedlich. Aber wie die Staatsgewalt reagiert, das wusste man nicht
hundertprozentig, damals.
Frage: Und dann war doch alles vorbei, die Mauer war weg, aber die Stasi arbeitete weiter.
Das wussten Sie ja auch.
Gisela Freimark: Mein Mann war in vielen Veranstaltungen beteiligt und auch am runden
Tischv in Kyritz. Wir waren dann bei der Auflösung der Stasi in Potsdam dabei. Das war
schon eigenartig, wenn man auch mit den Menschen in Berührung kam, also die, wenn ich
mich recht erinnere damals noch sehr, ich weiss gar nicht, wie man das beschrieben soll, die
eigentlich so taten: „Ja, wir haben ja eigentlich bloß unsere Arbeit gemacht.“ Die fühlten sich
noch nicht unbedingt in der Rolle, dass sie was getan haben, was eigentlich nicht
menschenwürdig war.
Frage: Als die Stasi aufgelöst war, hatten Sie das Gefühl, dass die weiter existiert, oder dass
die wirklich aufgelöst war?
Gisela Freimark: Also, das wäre zu naiv gewesen, das zu glauben, dass die sich aufgelöst
haben, auch wenn die Institution sich mehr oder weniger aufgelöst hat, aber die Menschen
haben sich ja nicht aufgelöst. Und die Strukturen, in denen die Menschen damals gelebt
haben, die da gearbeitet haben, ich glaube auch nicht, dass die die so schnell abgeschüttelt
haben. Aber das hat uns nicht beängstigt.
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i
http://www.conspiracydwellings.net/deutsch/index.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Deutsche_Jugend
iii
http://de.wikipedia.org/wiki/Egon_Krenz
iv
http://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Honecker
v
http://www.chronikderwende.de/lexikon/glossar/glossar_jsp/key=rt.html
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